Respekt-Verbot & Trash-Gewächse

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Januar

Ein Land, das jeder Weltwirtschaftskrise mit Konjunkturrekorden trotzt und über den Videobeweis weit heftiger diskutiert als den Klimawandel, ist der perfekte Ort für Platzhalterdebatten. Nur so ist zu erklären, dass der Franken Bund allen Ernstes öffentlich beklagt, in der Historytainment-Reihe Tannbach sei trotz fränkischen Standorts Niederbayrisch gesprochen worden – als sei das Problem dieses pathetischen Machwerks der Dialekt, nicht der drastische Mangel an Qualität und Hingabe.

Umso neidvoller blickt man da auf andere Medienmärkte, die Wesentlicheres zu bereden haben. In England hat die Pekinger BBC-Korrespondentin Carrie Gracie nach 30 Jahren gekündigt, weil ihr Sender Männer für dieselbe Arbeit konstant besser bezahlt als Frauen. Respekt! Für Mrs. Gracie, nicht die BBC. Ein Respekt, den auch die unvergleichliche Oprah Winfrey für ihr Bekenntnis zum Feminismus in frauenfeindlicher Zeit bei den Golden Globes verdient, bei dessen TV-Sparte – natürlich – A Handmaid‘s Tale abgeräumt hat, in denen diese Zeit zur faschistoiden Dystopie verdichtet wird.

Für eine Medien-Plattform, die sie schon mal atmosphärisch vorbereitet, verbietet sich jede Form von Respekt zwar von selber. Aber dass die Breitbart News ihren zurückgekehrten Chefdemagogen Steve Bannon nach dessen Trump-Attacke gefeuert hat, ist doch mal ein klitzekleiner Anflug von Intelligenz im grassierenden Irrsinn des globalen Populismus. Noch was ohne Anspruch auf Respekt? Ach ja, der erste Netflix-Film Bright des politischer Unzurechnungsfähigkeit eher unverdächtigen Will Smith ist von so einschüchternder Dummheit, dass der Streamingdienst jetzt die Fortsetzung verkündet hat. Fiktional ist schließlich nichts erfolgreicher als das völlige Fehlen von Niveau.

Die Frischwoche

22. – 28. Januar

Womit wir wie jedes Jahr um diese Zeit im Dschungelcamp landen, das die einen für den weltgrößten Fernsehmüll halten, die anderen für ein privates Refugium unterschwelliger Sinnversorgung. Die Gästeliste der neuen Staffel könnte das Pendel wieder ein Stück Richtung Müllhalde ausschlagen lassen. Ins RTL-Lager ziehen Freitag um 21.15 Uhr: Tina York, Ansgar Brinkmann, Giuliana Farfalla, David Friedrich, Jenny Frankhauser, Matthias Mangiapane, Tatjana Gsell, Daniele Negroni, Natascha Ochsenknecht, Sandra Steffl, Sydney Youngblood, Kattia Vides, also Trash-TV-Gewächse, Verwandte von Trash-TV-Gewächsen und der Trash-TV-übliche Ex-Fußballer, dem wir jetzt mal keine Geldprobleme unterstellen.

Um Unterstellungen geht es im weitesten Sinne Dienstag auch beim Arte-Abend zum Thema Donald Trump. Wurde der US-Präsident von Russland ins Amt gebracht, ist er geisteskrank, sind seine Wähler nur homophobe Waffennarren? Das versuchen gleich drei Dokus ab 2015 Uhr zu klären. Klärung politischer Verhältnisse war vor 50 Jahren auch die Aufgabe von Kontraste. Zum Geburtstag blickt der RBB Donnerstag um 23.45 Uhr zurück auf das einstige Ost-West-Magazin der ARD. Aus einer Zeit, als die Mauer noch stand, scheint auch ein Vierteiler im Ersten zu sein: Gestüt Hochstetten. Vier Samstage lang haben die österreichischen Pferdezüchter Zeit, sich von oberflächlichen Familiensagas der Achtziger abzusetzen, was bei diesem Thema schwer fallen dürfte.

Aus jener Zeit stammen auch einige der Fernsehlagerfeuer, an die der WDR in seinem Rückblick „60 Jahre Show“ am Montag, 22.10 Uhr) erinnert. Und auch die Terrororganisation Spectre, mit der es Daniel Craig im neuesten Bond (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF) zu tun kriegt, gibt es im 007-Kosmos schon ewig.  Das gilt nach den Maßstäben eines beschleunigten Mediums auch für die drei Jubilare der Woche: Freitag serviert Vox zum 3000. Mal „Das perfekte Dinner“, drei Stunden später feiern Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt zehn Jahre Moderation der NDR Talk Show. Von gestern ist auch der ARD-Mittwochsfilm Teufelsmoor. Denn die Mystik am Mystery-Thriller um eine Frau auf der Suche nach den Geistern ihrer Kindheit ist so staubig plump, dass der entscheidende Punkt ins Hintertreffen gerät: Er ist von Frauen (Corinna Vogelsang, Brigitte Maria Bertele), mit Frauen (Silke Bodenbender, Bibiana Beglau), aber nicht für Frauen.

Das erinnert an die empfehlenswerteste Wiederholung der Woche am gleichen Abend: Margarethe von Trottas gefeiertes Porträt Rosa Luxemburg mit Barbara Sukowa als Klassenkämpferin (23 Uhr, RBB), das ihr 1986 den Deutschen Filmpreis einbrachte – einen von nur fünf für Regisseurinnen seit 1951. Von Männern mit Männern, aber auch für Frauen war 2009 die Hooligan-Romanze 66/67 (Montag, 0.25 Uhr, ZDF) um eine Gruppe Hardcore-Fußballfans (u.a. Fabian Hinrichs), die trotz schwer verdaulicher Gewaltszenen als Sympathieträger taugen. Noch schnell zwei US-Filme zum Wiederentdecken: Sophia Coppolas Regiedebüt The Virgin Suicides (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) von 1999 mit der damals unbekannten Kirsten Dunst als einer von vier Töchtern erzreligiöser Eltern. Und sieben Jahre älter ist Clint Eastwoods unvergleichliches Antikriegsdrama Letters From Iwo Jima (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Aus dem gleichen Jahr stammt der Tatort-Tipp Aus der Traum (Montag, 22.15 Uhr, RBB), in dem Maximilian Brückner Max Palu im Saarland ersetzt hat.

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Heide Keller: Abschied vom Traumschiff

Es heißt ja nicht Realitätsschiff!

Seit ihre Beatrice Das Traumschiff 1981 bei seiner Jungfernfahrt betreten hat, ist Heide Keller (Foto: obs/ZDF/Dirk Bartling) das dienstbarste Lachen in Fernsehland. Nach 37 ihrer 76 Jahre auf wechselnden  ZDF-Kreuzern ist die Chefhostess nun von Bord gegangen. Ein recht ruppiges Gespräch mit der streitbaren Rheinländerin über Massenware, Ozeanwohnblocks, Starpassagiere und die Hoffnung auf altersgerechte Rollen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Keller, auf ihrer letzten Fahrt mit dem Traumschiff sagt Beatrice zu Käpt‘n Victor, der Job habe ihr nur Freude gebracht, deshalb wolle sie aufhören, bevor er zur Belastung wird. Spricht da Heide Keller auch ein bisschen selbst durch ihre größte Rolle?

Heide Keller: Genau das ist auch meine Meinung, deshalb sagen wir es beide zugleich.

Können Sie sich Das Traumschiff ohne Beatrice überhaupt vorstellen?

Das kann ich. Nach 37 Jahren Arbeit an dieser Reihe blicke ich ja auf eine sehr glückliche, erfüllte Zeit zurück. Aber man muss auch wissen, wann etwas vorbei sein sollte. Ich kenne den Plan des ZDF, dieses Vorzeigeprodukt noch möglichst lange weiter zu drehen, und wünsche ihm auch ohne mich allzeit gute Fahrt und immer ‘ne Handbreit Wasser unterm Kiel.

Wer könnte denn Ihren Part übernehmen?

Erster Vorwurf, Herr Freitag. Ich bin streng, das weiß ich, aber das sollte man wissen. Als neues Mitglied der Stammbesatzung kommt Barbara Wussow hinzu, eine sehr gute und erfahrene Schauspielerin.

Aber ja nicht als Chefstewardess – darauf zielte die Frage ab.

Nein, als Direktorin des Hotels an Bord. Beatrice, also die Chefstewardess, bleibt unbesetzt. An ihrer Stelle wurde ein kleiner Sockel mit Trikot hingestellt. Verstehen Sie was ich meine?

Vermutlich nicht, dass nun ein kleiner Sockel mit ihrer Uniform im Gang steht?

Natürlich nicht, das war ein Witz. Ich habe eben Humor und bin berühmt für meine Pointen. Der einzige, der diese hier verstanden hat, war bislang Herr Kerner. Man muss schon richtig hinhören. Frau Keller ist alt und streng.

War Barbara Wussow denn schon als Passagier an Bord?

Einmal, ja. Ich weiß aber nicht mehr wann und in welcher Folge.

Wissen Sie noch, wer Ihr allererster Gesprächspartner in der allerersten Folge war?

Der erste Satz, der jemals fürs Traumschiff gesprochen wurde, war meiner, morgens um acht auf Barbados zu Maria Sebaldt: Wo wollte ihr Mann denn hin? Aber wir haben ja nicht chronologisch gedreht, von daher könnte ich im Film zunächst mit jemand anderem geredet haben.

Walter Richter, damals zugleich der erste Tatort-Kommissar Trimmel.

Und bei uns der Gewinner eines Fernsehquiz.

Ein Mann aus der Unterschicht, der sich im Urlaubsdomizil der Oberschicht spürbar unwohl fühlt. Das ist heutzutage kaum mehr vorstellbar oder?

In der Tat. Diesen Glamour gibt es nicht mehr. Leider. Durch die vielen Ozeanwohnblocks ist die Kreuzfahrt als Ereignis fast ausgestorben. Ich weiß gar nicht, was es mit einer Schiffsreise zu tun haben soll, im Hochhaus um die Welt zu schippern. Deshalb freut es mich auch, dass das ZDF für die Produktion ein echtes Schiff mit richtigem Bug finden konnte. Es heißt ja Traumschiff, nicht Traumklotz.

Sie trauern der Exklusivität des Kreuzfahrens nach?

Ich versuche grundsätzlich, möglichst wenigen Dingen nachzutrauern. Alles hat seine Zeit. Unsere war diesbezüglich sehr besonders; und es gibt ja noch ein paar Schiffe unserer Art.

Andere Passagiere der ersten Stunde trugen Namen wie Josef Meinrad, Bruni Löbel, Günter Lamprecht, Ursula Monn, Manfred Krug, Wolfgang Kieling, Monika Peitsch, Ivan Desny – alles seinerzeit Superstars mit Bühnenerfahrung. Warum fahren von denen heute so wenige mit?

Weil es die gar nicht mehr gibt. Jeder, der mal in einer Soap drei Sätze gesagt hat, bezeichnet sich selbst als Star. Und dass die wenigen, die diesen Titel wirklich verdienen, nicht mitmachen, liegt vermutlich daran, dass der Markt mit Massenware, vor allem Krimis, überschwemmt wird. Da fehlt vielen schlicht die Zeit. Außerdem werden Schauspieler längst wie Wegwerfware behandelt. Wenn einmal die Quote nicht stimmt, wird das Format eingestellt.

Haben Sie sich je so behandelt gefühlt?

Nie. Ich hatte das Glück, dass zwischen mir und der Fernsehwelt, in der die Entscheidungen getroffen werden, immer ein Mensch dazwischen war, der alles von uns Schauspielern ferngehalten hat.

So wie Sie die Lage schildern…

Wenn Sie intelligent wären, würden Sie mich jetzt fragen, welcher Mensch das war?

Ach, die Antwort von eben klang, als hätte es an ihrer Seite generell stets Menschen gegeben, die sich um Sie persönlich bemüht hätten, nicht ein bestimmter.

Natürlich war es ein bestimmter. Und zwar Wolfgang Rademann.

Der dem deutschen Fernsehen auch die Schwarzwaldklinik geschenkt hat.

Genau der. Rademann war derjenige, der immer dafür gesorgt hat, dass all der Mist hinter den Kulissen nie bis zu uns Darstellern vorgedrungen ist.

Künstlerisch hat ihm das Feuilleton vorgeworfen, das Publikum mit leichter Kost zu unterfordern.

Das lag aber nicht an Wolfgang Rademann, sondern einem Großteil sogenannter Journalisten, die es nicht mitkriegen, wenn etwas lustig ist. Weil lustig als Gegenteil von gut gilt. Als Dieter Hallervorden mit Honig im Kopf Preis um Preis gewonnen hat, war das Erstaunen daher groß. Komik hat was mit Können zu tun; das können viele Journalisten, aber auch Schauspieler nicht beurteilen. Als sei Unterhaltung minderwertig… Kein geringerer als Berthold Brecht hat doch mal gesagt: Theater ist in erster Linie Unterhaltung. Das war meine Antwort.

Wobei die Kritik weniger dem Humor galt als der Ausblendung aller Probleme, die sich nicht bis zum Käpt’ns-Dinner lösen lassen.

Ach wissen Sie, es gibt doch auch Märchen. Deshalb heißt die Serie ja auch nicht Realitätsschiff oder Problemschiff oder Konfliktschiff, sondern Traumschiff. Wir erzählen Träume. Wer das nicht versteht, soll abschalten und weiter Krimis gucken.

Als Harald Schmidt von Journalisten ohne Ahnung gefragt wurde, warum er sich das Traumschiff antue, sagte er sinngemäß, weil er sonst nirgends beim Arbeiten Urlaub machen könne und umgekehrt.

Gute Antwort.

Wohin verreist man, wenn man wie Sie schon jeden Hafen der Welt angelaufen hat?

Dorthin, wo ich gerne bin. Wie jedermann. Im Sommer nach Italien oder Frankreich oder an die Nordsee. Lange Flüge mache ich nicht mehr.

Haben Sie je privat eine Kreuzfahrt unternommen?

Habe ich auch mal.

Gerät man als Chefstewardess mit jahrzehntelanger Berufserfahrung da nicht in so eine Art Arbeitsmodus und betrachtet das Schiff durch die Augen der Kamera?

Nein, wenn ich privat bin, bin ich privat. Auf Reisen bin ich doch keine Kritikerin.

Beenden Sie nach ihrem Abschied vom Traumschiff eigentlich auch ihre Schauspielkarriere insgesamt?

Den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun. Ich beende eine wunderbare Phase meines Lebens, das damit hoffentlich noch lange nicht zu Ende ist. Meine Hoffnung ist eine Rolle, in der ich endlich mal so alt sein darf, wie ich bin.

Dafür alles Gute, Frau Keller.

Danke. Und verzeihen Sie meine Ungeduld.


Freitagsmedien-Serie: 75 Jahre TV-Musik

Generation Youtube: die Zukunft

Als MTV ab 1997 auf Deutsch zu sehen war, schien das Fernsehen auf dem Weg zur Disco mit Bildschirm. Dabei stand es schon beim deutschen Neustart vor 65 Jahren im Zeichen der Musik und sollte fortan nie mehr ganz aufhören zu singen, swingen, rocken, jingeln. Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme des TV-Sounds im Laufe der ersten sechs Jahrzehnte, als die Bilder nicht nur zuhause laufen, sondern musizieren lernten. Heute: die Zukunft.

Von Jan Freitag

Wer heute Fernsehen sagt, meint damit gemeinhin alles Mögliche, Musik hingegen eher seltener. Nicht, dass sie darin gänzlich fehlt. Besonders die Privatsender verstehen schließlich unter Soundtrack – ob importiert oder eigenproduziert – derart lückenlose Dauerbeschallung mit orchestral angefettetem Gefühlsquark, dass man sich in fast jedem Format ein wenig weniger Musik am Bildschirm wünscht. Beim Tauschkonzert indes ersetzt Vox seit 2014 ausnehmend erfolgreich die Kreation neuer Songs durch die Interpretation alter, während The Voice of Germany auf ProSieben zwar anspruchsvoller ist als die unverwüstliche Superstarsuche auf – ja, wo noch mal genau? Ein wirklich eigensinniges, selbstverantwortetes, handgemachtes Musikangebot allerdings, das sucht man zumindest an prominenter Stelle vergebens.

Als MTV mit dem Buggles-Clip Video Killed The Radiostar 1981 auf Sendung ging, wurde die Kunstform des Musikvideos für Jahrzehnte zur wirkmächtigsten visueller Medien, von denen es neben dem Kino anfangs eben nur eins gab: Das Fernsehen. Selbst im digitalen Zeitalter galt es als unerlässliche Plattform der Popindustrie, deren Geschäft untrennbar an visuelle Darreichungen gekoppelt ist. Vor zehn Jahren jedoch, das Internet wird wie zuvor Heimcomputer und Handy Standard, drehen die angehenden Kommunikationsdesigner Kathrin Wetzel und Christian Jegl den Titel des ersten MTV-Tracks in ihrer Abschlussarbeit über die „Zukunft des Musikvideos“ um und nennen sie „Future thrilled the Video Star“. Es ist ein Abgesang. Denn aus popkultureller Sicht, so scheint es nach dem Ende von MTV und Viva als Musiksender mit Musik, ist der ungekrönte König des Fernsehens mit Rhythmus tot.

Es lebe der König!

Der nämlich erobert sich bald ein neues Reich: Videoportale. Nachdem das New Yorker Dotcom-Unternehmen InterActiveCorp Ende 2004 die Plattform Vimeo online schickt, folgen fast im Monatstakt weitere. Doch einzeln mal mehr, mal weniger erfolgreich, schaffen internationale Anbieter wie Vevo oder Twitch selbst gemeinsam mit den deutschen MyVideo und Clipfish nur einen Bruchteil dessen, was der Marktführer bald vollbringt. Bringt es Youtube bereits ein Jahr nach seiner Gründung 2006 bei täglich 65.000 neugeladenen Videos auf rund 100.000 Millionen Clicks, so haben heute allein die 73 beliebtesten Filme jeweils mindestens eine Milliarde Zugriffe – und 90 Prozent davon sind Musikvideos.

Das Ende dieser Gattung wurde also nicht eingeläutet, sondern im Gegenteil: umgedreht. Dank Streamingdiensten und Smartphones, Spotify und iTunes fand Musik zu keiner anderen Zeit der Geschichte mehr Verbreitung. Selbst das vorwiegend rückgratlose Gedudel des Radios ist partout nicht totzukriegen. Nur ein Medium ist nahezu völlig auf der Strecke geblieben: Das Fernsehen. Es gibt zwar Ausnahmen. Der Landshuter Nischensender Deluxe Music zum Beispiel behauptet sich seit seiner zwischenzeitlichen Insolvenz vor fünf Jahren durchaus wahrnehmbar im Kabelnetz und zeigt dort rund um die Uhr sorgsam kuratierte Musikvideos aller Epochen.

Zugleich jedoch hat das Zweite vor ziemlich genau zwölf Monaten seinen Spartenkanal ZDFkultur beerdigt, wo bis dato tatsächlich noch Live-Konzerte liefen und gelegentlich sogar journalistisch aufgearbeitete Betrachtungen des Sounds seiner Zeit. Dann aber wurde der Sender dem öffentlich-rechtliche Onlineprojekt funk geopfert und nun? Gibt es eigentlich nur noch den gelegentlichen Rock-Palast im Ersten, Opernklänge auf 3sat und das popkulturelle Arte-Magazin Tracks, wo regelmäßig Newcomer vorgestellt werden, aber eben auch allerlei unmelodische Lifestyle-Entwicklungen.

Immerhin überraschte Viva vor zwei Jahren mit seiner Nachricht aus der Versenkung, es würde auf Reality-Formate verzichten. Die Musiksendungen zum Ersatz gab es allerdings nur vier Stunden lang ab zwei Uhr nachts, unterbrochen von Erotikclips. Ansonsten heuchelt Oliver Geissens Ultimative Charts Show auf RTL weiter Interesse an Hits, während Thomas Gottschalk 40 Jahre nach Szene gelegentlich in der Rumpelkammer des Rock stöbert. Und seit ein paar Tagen ist MTV angeblich hwieder kostenlos im Kabelnetz verfügbar, was allerdings schon deshalb niemand so richtig bemerkt hat, weil darin allenfalls Werbejingles ertönen? Es ist überall Sound im Fernsehen, nur Musik – die gibt es dort fast nirgends mehr.


Männerallmacht & Tannbach-Warnung

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Januar

Jetzt also auch Deutschland, jetzt also auch das Fernsehen, jetzt also auch hier ein Name: Dieter Wedel. Dass die Unzahl missbrauchter Frauen im Kulturbetrieb bislang keinen der fraglos zahlreichen Grabscher, Vergewaltiger, Rangausnutzer konkret benennen konnte/wollte/durfte, grenzte ja fast schon an Strafvereitelung ohne Amt. Wenn mit dem wichtigsten TV-Regisseur des späten 20. Jahrhunderts nun aber endlich der erste mutmaßliche Sexualstraftäter am Pranger steht, bleibt aber dennoch ein anderes Opfer auf der Strecke: Die Unschuldsvermutung.

Mit ihr darf ein Filmfürst, der ganz offen – und unübersehbar mackerstolz – mit zwei Frauen zugleich liiert ist, seit der Enthüllungsgeschichte de facto nicht mehr rechnen, obwohl er die Vorwürfe betroffener Frauen energisch bestreitet. Dieses Dilemma wird sich – gerade im oberflächensüchtigen Showbiz – nie ganz auflösen. Denn wenn die einst sprachlosen Opfer männlicher Allmachtsphantasien bis zu deren gerichtsfester Verurteilung warten, könnte die #MeToo-Debatte hierzulande anders als in den USA ohne Namen versanden.

Das wäre in einer Zeit, die den – ebenso unüberhörbar mackerstolzen Pussy-Grabber – Donald J. Trump ins Weiße Haus gespült hat, eine Katastrophe. Die Abrechnung Fire and Fury des Enthüllungsjournalisten Michael Wolff, ab morgen ganz offiziell im Buchhandel, mag den Präsidenten währenddessen zwar als bildungsfernen Rotzlöffel im höchsten Amt der Welt brandmarken; dass er Frauen sehr selbstbewusst als willenlose Sexobjekte betrachtet, würde seinen Siegeszug wohl auch heute kaum stoppen. Im Gegenteil.

Das zeigt einmal mehr, wie nah wir der sexistisch-prüden Nachkriegszeit noch immer sind. Und womöglich erklärt es auch ein bisschen besser, warum sich das Publikum fiktional so unverdrossen nach dieser Epoche sehnt, in der das Machtgefälle zwischen Mann und Frau noch klar war wie die damals übliche Kloßbrühe überm Sonntagsbraten.

Die Frischwoche

8. – 14. Januar

Der nächste Beleg dieser seltsamen Hinwendung zur Ära des sozialen Biedermeier heißt Tannbach. Bräsig untertitelt wird dieses Schicksal eines Dorfes, durch das Anfang der Fünfziger plötzlich die deutsch-deutsche Grenze verlief, drei Jahre nach der 1. Staffel heute, morgen, Donnerstag zur Zeit des Mauerbaus fortgesetzt. Und wieder bündelt das ZDF alles, was öffentlich-rechtliches Historytainment so erfolgreich macht. Und so furchtbar.

Viele Stars, fettes Budget, tolle Kulissen nämlich plus klischeehafte Figurenzeichnung, dramaturgische Schlichtheit und saftiges Pathos. Deshalb beginnt diese Kolumne 2018 gleich mal mit einem ärztlichen Rat: Schaltet! Nicht! Ein! Nehmt den Öffentlich-Rechtlichen durch gezielte Quotensenkung die Rechtfertigung zum Verfassen solcher Schundromane am Bildschirm! Guckt lieber irgendwas! Wenn’s sein muss, die Privaten. Von denen verstärkt Pro7 heute den Kinotrend im Fernsehen, sich nichts Neues mehr auszudenken, sondern das Alte auszuschlachten wie einst Bisons in der Prärie: Um 20.45 Uhr erzählt Young Sheldon die Kindheit des größten Stars der Sitcom The Big Bang Theory, was zwar wohlfeil ist, aber erfolgsversprechend.

Ein Attribut, das der ARD-Mittwochsfilm selbst dann verdient, wenn er die sozialen Schieflagen unserer Gesellschaft skizziert. Das macht in dieser Woche auch Herrgott für Anfänger. Die Culture-Clash-Komödie um den unreligiösen Deutsch-Türken Musa (Deniz Cooper), der vor die Wahl gestellt wird, aus Liebe zum Islam oder fürs Geld zum Christentum zu konvertieren, gerät dabei allerdings nicht nur erfrischend heiter, sondern frei von jener Peinlichkeit, die das Genre ansonsten kennzeichnet.

Weniger leicht als realistisch schildert Didier Martinys französische Dokumentation Christen in der arabischen Welt am Dienstag um 20.15 Uhr auf Arte, wie kompliziert die Frage der richtigen Religion am falschen Ort sein kann. Ein Thema, aus dem Black Sabbatheinen Sound gemacht hat, der 1969 den Grundstein des Heavy Metal gelegt hat. Arte begleitet die popsatanistische Band am Freitag (21.45 Uhr) – zeitgleich zur Übertragung des Bundesligarückrundauftakts der Bayern in Leverkusen beim ZDF – auf ihrer letztjährigen Abschiedstour. Und weil es ansonsten zum Jahresbeginn nicht so viel anzukündigen gibt, geht es gleich mit den Wiederholungen der Woche weiter. In schwarzweiß: Leben im Schloss, ein französischer Film von 1966, in dem es um eine vergnügliche Vierecksbeziehung unter Feinden kurz vor der alliierten Landung in der Normandie geht.

In Farbe gibt es diesmal mehr zu empfehlen: Zunächst Sylvester Stallone als Rocky von 1976, Dienstag um 20.15 Uhr auf Nitro, tags drauf gefolgt vom 2. Teil. Alexander Paynes Weinkenner-Komödie Sideways zeigt dann morgen zur gleichen Zeit, dass es 2004 tatsächlich noch erfolgreiche Dialogfilme ohne Superhelden oder Automutanten gab, die nichts Bestehendes fortsetzen. Innovativ war fünf Jahre später auch Avatar (Donnerstag, 20.15 Uhr, Vox) – und zwar nicht nur, weil James Camerons Fantasysozialdrama den 3D-Boom ausgelöst hat. Der SciFi-Trash Flash Gordon (Freitag 0.00 Uhr, HR) war dagegen 1980 ebenso unvergleichlich bizarr wie heute. Wohingegen das hessische Tatort-Recycling Der Tag des Jägers von 2006 (Mittwoch, 21 Uhr, HR) eher das deutsche Spießbürgertum durchleuchtet hat, also auf ganz eigene Art absurd war.