Fernsehpranger & Cyberpunk

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. Januar

Da Aufmerksamkeit die Leitwährung des Medienzeitalters ist, ist Dieter Wedel im deutschen Fernsehfach ihr Krösus. Nur bewirkt der Reichtum an dieser Ressource nicht, dass sein nächster Mehrteiler alle Quotenrekorde bricht, sondern das Ende seiner beispiellosen Karriere. Der Regisseur, so viel lässt sich nach dem nächsten Schwung enthüllter Gewaltexzesse sagen, ist tot. Nicht physisch, aber als öffentliche Person. In diesem Pranger steckt zwar auch der Mangel, einer juristischen Verurteilung durch die soziale vorgegriffen zu haben; aber die Beweislast ist so erdrückend, dass beides gerecht erscheint.

Noch allerdings steht das wirklich große, das reinigende Gewitter aus: Die Enttarnung jener Omertà nämlich, die von Kollegen über Redakteure bis ins öffentlich-rechtliche System hinein alle zum Schweigen gebracht hat über etwas, das viele wussten, aber niemand aussprechen durfte. Konnte. Wollte? Dass dieser Sturm auf lange Sicht über Dieter Wedel allein tobt, ist da so wahrscheinlich wie ein Wechsel von Heidi Klum aus dem Metier zynischer Frauenverachtung zur Emma.

Weil vorher Horst Seehofer Frauenbeauftragter der Grünen würde, klopft die Zuchtmeisterin männlicher Frauenerniedrigungsphantasien in zwei Wochen den Wedels dieser Welt wieder entwürdigtes Frischfleisch mürbe. Die feministische Initiative Pink Stinks hat nun eine kluge wie nötige Kampagne gegen Germany‘s Next Topmodel gestartet. Ein Dutzend Schüler*innen zweier Hamburger Schulen machen per per Video deutlich, was Heidi Klum ist: Ursache und Wirkung, Täterin und Opfer von allem, was in unserer Gesellschaft falsch läuft im Umgang mit ihren Geschlechtsgenossinnen, die sie noch mehr zu verachten scheint als Ebbe auf dem Konto.

Von dem dürfte sich Netflix trotz konstant roter Zahlen bald verabschieden. Allein im Vorjahr legte der Streamingdienst um mehr als 25 Prozent auf weltweit 118 Millionen Abonnenten zu. Der gleichzeitige Umsatz von zwölf Milliarden Dollar deckt zwar längst noch nicht die entstandenen Kosten des hochverschuldeten Unternehmens. Da der Börsenwert dennoch grad die 100 Milliarden geknackt hat, also zehnmal mehr als ProSiebenSat1, sind die Zahlen wohl bald tiefschwarz. Und weil in diesem Jahr mehr ins Programm investiert werden soll als ARD und ZDF insgesamt zur Verfügung steht, dürfte das dem Angebot keinesfalls schaden.

Die Frischwoche

29. Januar – 4. Februar

In dieser Woche zum Beispiel startet dort am Donnerstag ganz großes Fernsehserienkino namens Damnation, wo sich ein falscher Pfarrer während der Großen Depression in eine Kleinstadtgemeine schmuggelt und für ungewohnten Optimismus sorgt. Tags drauf startet die Cyberpunk-Dystopie Altered Carbon aus einem sehr düsteren 24. Jahrhundert. Und auch sonst ist es das neue Fernsehen, das auch neue Maßstäbe setzt. Mit Ryan Murphys zweitem Streich zum Beispiel: Der Fortsetzung seiner Anthologyserie American Crime Story ab Montag auf allen Sky-Kanälen mit Édgar Ramírez, Ricky Martin und Penélope Cruz in der neunteiligen Aufarbeitung vom Mord an Gianni Versace.

Diesen Mix aus kriminalistischer Konvention und experimenteller Ästhetik schafft das Erste allerdings auch mal auf seinem Schnulzenplatz am Freitag: Als Die vermisste Frau engagiert Corinna Harfouch einen Auftragskiller, der sie selbst töten und mit der Lebensversicherung die Firma ihres Mannes retten soll. Der jedoch hat zuvor den gleichen Mörder beauftragt, seine todessehnsüchtige Gattin zu töten, was nicht nur dank Ulrich Matthes zur bizarren Sensation der Woche wird. Unterhaltsamer Irrsinn hat auch im weniger lustigen Film der Reihe Spuren des Bösen (Montag, 20.15 Uhr, ZDF) seinen Auftritt; diesmal in Gestalt von Tobias Moretti, der in Verdacht gerät, sein Kind ermordet zu haben.

Ebenfalls mysteriös sehenswert ist der neunteilige deutsch-belgische Psychothriller Tabula rasa um die Amnesie der dubiosen Mie (Veerle Baetens) ab Mittwoch (23.15 Uhr) auf ZDFneo. Dagegen zum Abgewöhnen: der nächste RTL-Versuch, den Dienstagabend mit deutscher Comedy zu füllen. Beck is back um einen Hausmann (Bert Tischendorf) mit vier Kindern (total aufgeweckt), den die Trennung seiner Frau wieder zum Anwalt macht, ist ab Dienstag um 21.15 Uhr so banal, dass das Dschungelcamp-Finale am Samstag fast außergewöhnlich wird. Bevor es zu den Wiederholungen der Woche kommt, noch ein paar Doku-Tipps: Arte setzt am Mittwoch seinen Holocaust-Schwerpunkt mit vier Sachfilmen von, mit, über, rund um Claude Lanzmann fort. Und zeitgleich zeigt 3sat zwei Reportagen aus Nordkorea, dem Absurdistan des Steinzeit-Stalinismus.

Aus einer Zeit, als dessen Gründer noch im Amt war (1952), stammt Sonntag (18.50 Uhr) an gleicher Stelle die Legende Zwölf Uhr mittags mit Gary Cooper beim Warten darauf, der größte Held des Genres zu werden. Der größte Held romantischer Komödien wurde Hugh Grant in Mike Newells Vier Hochzeiten und ein Todesfall (Donnerstag, 20.15 Uhr, Disney) aus einer Zeit (1993), als Romantic Comedys noch zu Dutzenden die Kinokasse füllten. Aus einer Zeit als der Tatort-Münster noch witzig war, stammt am selben Abend um 20.15 Uhr im WDR die Version Mörderspiele von 2005. Und aus einer Zeit, als die Coen-Brüder noch unbekannt waren (1990), stammt ihr Frühwerk Miller’s Crossing (Samstag, 22.40 Uhr, Servus) um einen Gangster zur Zeit der Prohibition.

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Tocotronic, ********, Tiny Moving Parts

Tocotronic

Es gibt viele Fans von Tocotronic, die den Wechsel der Hamburger Schulschreihälse ins gedeckte Fach des Diskurspop nie verkraftet haben. Spätestens mit dem „Weißen Album“ von 2002 sind Dirk von Lowtzows Ich-Parolen ja einer Wir-Lyrik gewichen, die von introvertierter Klangkunst statt DIY-Geschrubbe begleitet wird. Doch der Stilwechsel war nicht nur radikal, sondern einflussreich, weshalb Tocotronic erneut die Meinungsführerschaft im Underground übernahmen. Um diese zwei Pole zu vereinen, hat der Kopf des zum Quartett gewachsenen Trios nun ein autobiografisches Album verfasst, das die Entwicklung der Band mit seiner eigenen in Deckung bringt.

Anfangs räudig wie die ersten vier Platten, arbeitet sich Die Unendlichkeit in die verstiegene Poesie von heute vor, bis der Sound wie die Fusion aus einst und jetzt, Bauch und Kopf klingt. Wenn 1993 zwischendurch die Ankunft des Freiburgers in Hamburg beschreibt und Unwiederbringlich ein Leben ohne Handy, wirkt der Rückblick dabei fast wehmütig. Mit Nostalgie hat das 12. Album dennoch nichts zu tun. Eher gleicht es einem Glossar der kreativen Potenziale im Spiegel einer Zeit, die aus Tocotronic den Bewegungsmelder deutscher Befindlichkeiten gemacht hat. Und die beste Popband im Land.

Tocotronic – Die Unendlichkeit (Masterworks)

********

Es gibt Bands, die wollen partout nicht zu googeln sein, weshalb sie sich verwechselbar Fotos oder Band oder anderswie nennen, damit die Suche erst 200.000 andere Treffer erbringt als den geplanten. Andere hingegen, die lettischen Metalheads Eximperituserqethhzebibšiptugakkathšulweliarzaxułum zum Beispiel oder ihre Kollegen Paracoccidioidomicosisproctitissarcomucosis aus Mexiko, sind schlicht zu kompliziert betitelt, um eine messbare Aussicht auf richtige Schreibweise zu haben. Und dann gibt es da noch ********, was gar keinen Google-Hit ergibt, aber auch ebenso wenig Sinn wie die angebliche Leerstellen-Übersetzung Underwhelmed. Incognito. Nicetie. Not Even Slightly Suggestive. Macht aber nix. Das Debütalbum des Glasgower Duos ist von so grandioser Unfassbarkeit, dass ein griffiger Name noch viel absurder gewesen wäre.

https://www.youtube.com/channel/UC9-VMgDa8T5SizJXE3pOn8Q

Bis zur Eruption des Raum-Zeit-Kontinuums kryptisch, hat die Künstlerin mit etwas namens Ω im Team, der oder die angeblich unter diversen Pseudonymen Dance Music veröffentlicht hat, ein Werk aufgenommen, das der Projektbezeichnung gemäß mit Musik nur halbwegs korrekt beschrieben wäre – und dennoch eines von herausragender Größe ist. Zwölf Stücke lang torpediert [The Drink] so inbrünstig sämtliche Soundstrukturen, dass es vor Funken nur so sprüht. Mal bloß dystopisches Grundrauschen wie das Titelstück gleich zu Beginn, mal schnodderiger Alternative-Pop wie das windschiefe Readymade, zwischendurch der pure Spaß an der heiteren Dekonstruktion wie die saxofonzersägte Dada-Lyrik von Kinderpunsch – dieses Album ist ein Wunderwerk des Nihilismus, von dem man kaum genug kriegen kann, bis die Besinnungslosigkeit eintritt. Und die kommt. Freut euch drauf!

******** – [The Drink] (Domino Records)

Tiny Moving Parts

Die Zeit, als sich der Punkrock vom ausgestellten Dilettantismus struppiger Fußgängerzonenrevolutionäre emanzipiert hat, sind noch älter als Johnny Rottens Versuch, die Sex Pistols zur Weltmarke zu machen. Schon bald nach dem kurzen Sommer der Dekonstruktion von Hippie und Glamour begannen die Enkel der Sex Pistols ihr Instrumentarium ja erstaunlich versiert zu beherrschen. Weil das Ganze dann meist weder politisch noch musikalisch mit Punkrock zu tun hat, aber dessen Geist zu atmen verspricht, schob man ihm halt ein Post voran, das Negation und Fortentwicklung zugleich symbolisiert. Ein doppelter Etikettenschwindel, ohne Frage – selbst wenn man Punk irgendwann durch Hardcore ersetzt hat und seinerseits mit Postpunk versehen hat. Wie schön dieses Blabla-Kombinations-Geschwurbel klingen kann, beweist allerdings eine unscheinbare, aber wirklich wunderbare Band aus Minnesota: Die Tiny Moving Parts.

Das Trio hat gerade sein viertes Album aufgenommen. Und Swell ist so ungefähr das Liebenswerteste, was im Genre der Tausend Namen an Filigranität und Spielfreude möglich ist, ohne die Wurzeln des wütenden Garagenrock zu vergessen. Gemeinsam mit seinen seinen Cousins Matthew und Billy Chevalier zaubert Sänger Dylan Mattheisen vielschichtige Klangbretter aus seiner Gitarre, dass es dem fast schon mythisch verkopften Math-Core nicht fern ist und doch irgendwie räudig bleibt. Sicher, man muss dieses Gute-Laune-Uptempiwechsel-Gewitter mit Geschrei statt Gesang schon mögen; aber auch für Außenstehende zeigt sich auf Swell, wie großartig es klingen kann, wenn man sich harte Gitarrenstile zu Bindestrichungetümen kombiniert!

Tiny Moving Parts – Swell (Big Scary Monster)


Talkjubel: Schöneberger & Meyer-Burckhardt

Easy, aber niveauvoll

Seit zehn Jahren moderiert Barbara Schöneberger mit Hubertus Meyer-Burckhardt (Foto: NDR) eine Institution: die NDR Talkshow. Zum Jubiläum sprachen die Münchner Glamour-Queen (43) mit eigener Zeitschrift und der 18 Jahre ältere TV-Produzent aus Kassel über wechselnde Gäste bei konstant guter Laune.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schöneberger, Herr Meyer-Burckhardt – was könnten Sie mit Dagobert Lindlau, Wolf Schneider und Hermann Schreiber gemeinsam haben?

Barbara Schöneberger: Dass alle drei lange bei der NDR Talkshow dabei waren. Aber die sind doch eher dein Alter, oder Hubertus?

Hubertus Meyer-Burckhardt: Barbara, bitte. Die sind alle viel älter. Aber tolle Journalisten. Meinten Sie das (lacht)?

Nein, zu dritt haben sie 1979 die Premiere der NDR Talkshow moderiert.

Schöneberger: Ah, gut zu wissen. Ich bin offenbar nicht so gut in der Sendungsgeschichte, aber man darf sich auch nicht zu sehr mit theoretischem Wissen belasten.

Meyer-Burckhardt: Sonst agiert man unfrei. Dagobert Lindlau sagte mal über Talkshows, die Deutschen säßen dabei immer schön aufm Sofa und fragten sich, ob der Moderator dies und das dürfe. Man sollte in unserer Position also wissen, welche Instanz das Publikum ist.

Spüren Sie auch diesen inneren Zensor im Nacken?

Schöneberger: Nein. Aber es gibt beim NDR sogar eine personifizierte Standardfamilie, die wir uns stets vor Augen halten sollen, um zu wissen, wie die Menschen, für die wir das Ganze ja machen, so leben und wohnen und sind. Das ist sehr lehrreich, um nicht am Zuschauer vorbei zu talken und sich nicht zu wiederholen.

Meyer-Burckhardt: Wobei man sich bewusst sein muss, genauso wenig eine neue Talkshow zu machen wie einen neuen Krimi. Es geht nicht darum, wie sehr wir uns unterscheiden, sondern wodurch. Und da bekennen wir uns zur zweiten Silbe des Wortes Talkshow – was uns so manch verdrießlichen Kommentar des Feuilletons einbringt. Wir wollen Leute erreichen, die sich am Freitagabend vom Alltag entpflichtet fühlen, um easy, aber niveauvoll ins Wochenende zu starten. Dafür nehmen wir die Gäste ernst, aber uns nicht zu wichtig.

Schöneberger: Und das unterscheidet uns womöglich von den drei Herren der ersten Stunde. Das war aber auch zu einer Zeit, als die Leute solche Instanzen nicht nur akzeptiert, sondern förmlich gefordert haben. Auch deshalb sind wir eher unterhaltsame als moralische Instanzen. Zumal früher Konflikte förmlich geschürt wurden, es ging immer auch um Konfrontation.

Meyer-Burckhardt: Entsprechend wurden die Gäste geladen. Man könnte über Barbara sagen, sie sei die beste, schönste Entertainerin in der Tradition von Kulenkampff, Gottschalk, Harald Schmidt, so wie ich als Produzent mit die meisten Fernsehpreise gewonnen habe, aber darum geht’s nicht; die Zeit des Personenkults hat mit dem Fernsehen selbst an Relevanz verloren.

Schöneberger: Wir sind schlicht Gastgeber eines Begleitmediums, die sich nette Menschen einladen wie zuhause, nur dass es dort mehr zu essen gäbe.

Ist „nett“ nicht die hübsche Schwester von „scheiße“?

Schöneberger: Also für uns heißt nett, den Menschen, die was zu erzählen haben, eine Atmosphäre zu bieten, die sie zum sprechen bringt. Das ist bei Kamera-Laien besonders wichtig. Aber auch, wenn Til Schweiger auf Promo-Tour für irgendwas tagsüber auf drei Fernsehsofas saß, müssen wir es ihm am Abend gemütlich machen. Wenn ich mir privat Leute einlade, suche ich die auch nicht nach Streitpotenzial aus. Dafür bin ich viel zu harmoniebedürftig.

Auch der Begriff ist tendenziell negativ behaftet.

Schöneberger: Für mich nicht. Harmoniebedürftigkeit erweitert die gute Zeit in meinem Leben – ob beruflich oder privat. Ich mag es, wenn sich alle um mich herum wohlfühlen, das ist meine Natur.

Meyer-Burckhardt: Was unsere Sendung betrifft, bin ich da ganz deiner Meinung. Wir laufen nicht wie Anne Will am Sonntagabend, wo sich die Leute argumentativ aufrüsten für den Kampf der kommenden Woche. Als Unterhaltungsmedium darf man uns lieben oder hassen. Überschätzen sollte man es nicht.

Schöneberger: Dennoch verliert diese Talkshow nie vollständig an Aktualität. Es gibt wirklich viele Formate im Fernsehen, bei denen sich mir der Sinn nicht erschließt; den Geschichten interessanter Leute zuzuhören, davon kann ich nie genug kriegen.

Meyer-Burckhardt: Geschichten, ob fiktional oder real, sind eben der Wesenskern des Fernsehens. In einer Zeit, wo der Umgangston nicht nur an den Brennpunkten wieder rauer wird, ist es doch ein gutes Zeichen, wenn sich verschiedene Typen, Temperamente, Haltungen hier hinsetzen und angenehm miteinander umgehen. Das hat schon fast eine politische Dimension.

Ist die Zielsetzung oder Nebeneffekt?

Schöneberger: Beides. Schon um abwechslungsreich zu sein, sind wir auf der Suche nach Heterogenität. Meine eigene politische Haltung ist mir dabei gar nicht so wichtig.

Meyer-Burckhardt: Doris Dörrie sagte kürzlich zu mir, neue Filmhochschüler schaffe sie erstmal raus aus ihren Milieus. Bildungsbürger ins Hofbräuhaus! Das wollen wir auch, und manchmal spürt man dann fast den Musenkuss auf einer einzelnen Sendung.

Gibt es da ein prägendes Beispiel?

Schöneberger: Immer, wenn aus acht Individualisten wie von Geisterhand eine Gruppe wird, die sich füreinander interessieren, engagieren, die sich für den Abend verantwortlich fühlen.

Meyer-Burckhardt: Nehmen Sie Diane Keaton bei der Goldenen Kamera. Ein Weltstar, der sich mit dieser deutschen Veranstaltung so identifiziert hat, dass alle Einheimischen bei ihrer Danksagen total alt aussehen. Deshalb ist es für jede Sendung hilfreich, wenn ein romanisch-katholisches Temperament dabei ist.

Schöneberger: Rolando Villazón!

Meyer-Burckhardt: Oder Uli Wickert, der seinen eigenen Käse mitbringt. Fantastisch!

Schöneberger: Essen und Trinken hilft sowieso immer.

Haben Sie in zehn Jahren Shows erlebt, bei denen wirklich alles gepasst hat?

Schöneberger: Unsere letzte hab ich stimmungsmäßig gut in Erinnerung. Von Schicksal über Humor und Drama bis hin zur Musik war alles dabei. Auch, weil sich Katrin Sass total quergestellt hat, dabei aber superlustig war. Es braucht Charaktere.

Meyer-Burckhardt: Schließlich schieben wir Individuen zusammen, die sich oftmals erst vor Ort kennenlernen. Das hat im Norden anders als etwa im Rheinland keine allzu große Tradition. Dieser Zusammenkunft haftet oft etwas Oberflächliches an, aber ich selber habe genau so ganz herrliche Abende verbracht.

Gehen Sie beide nach zehn gemeinsamen Talkshow-Jahren nach der Sendung auseinander und treffen sich zwei Wochen zur nächsten wieder?

Schöneberger: Wir sind keine engen Freunde, aber obwohl wir uns zwischen den Shows eher selten sehen, sind wir uns schon sehr nah. Vorige Woche zum Beispiel hast du mir eine liebe SMS geschrieben.

Meyer-Burckhardt: Und du hast sofort zurückgeschrieben! Wir sind aber auch nur die Spitze vom Eisberg der Harmonie, denn die Redaktion ist sich so nah, die hätte vor 30 Jahren eine Kommune eröffnet. Wir sind da Teil einer Familie.

Neigen Sie beide dazu, bei Familienfesten das Gespräch zu moderieren?

Meyer-Burckhardt: Moderieren nicht, aber weil man es als Produzent gewohnt ist, alle Abteilungen miteinander zusammenzuführen, bin ich zumindest immer am reden. Aber gut – falls man keine Freude an der deutschen Sprache hat, sollte man vielleicht einen anderen Beruf ergreifen…

Schöneberger: Ich bin mir viel zu sehr meiner selbst bewusst, um auch privat zu moderieren, achte aber bei mir und anderen darauf, dass der Redeanteil ungefähr gleich ist. Schon weil ich mich fürs Gelingen eines Abends stets mitverantwortlich fühle. Ich neige zur Gestaltung, aber solche Gäste sind mir selbst auch die liebsten.

Meyer-Burckhardt: Du bist halt von deinem immensen Erfolg völlig unbeeindruckt geblieben, liebe Barbara, das schätze ich sehr. Und das bleibt auch so.

Treffen wir uns in 15 Jahren wieder zur Silbernen Hochzeit der NDR-Talkshow?

Schöneberger: Ja!

Meyer-Burckhardt: Mit Ende 70? Ich weiß nicht…

Schöneberger: Komm, dann hak ich dich eben unter.


Autorenausschluss & Fake-Pfarrer

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Januar

Fernsehpreise sind Geschmackssache. Aber dass die Autorin vom herausragenden Zweiteiler Brüder, der im Gegensatz zum Dilemma deutscher Fiktion durchs Drehbuch glänzt, nicht zum Deutschen Fernsehpreis eingeladen wurde, weil die Zahl der Sitzplätze – leider, leider – begrenzt sei, ist an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten. Auch wenn die Organisatoren Ende der Woche zurückgerudert haben und auch die Schreiber reinlassen, wollen wir an dieser Stelle auflisten, wer abseits von Regie, Redakteur, Stars und Produktion für Brüder verantwortlich war: Buch Kristin Derfler, Kamera Roland Stuprich, Ton Peter Tielker, Licht Christoph Pusch, Szenenbild Tim Pannen, Schnitt Marc Hofmeister und vier Dutzend Ungenannte, die allesamt absolut unerlässlich sind fürs Gelingen eines Films.

Absolut unerlässlich für den Bereich Information – nein, das war N24 nie und wird es schon deshalb auch in Zukunft nicht sein, weil die Springer AG ihre nachrichtliche Tochter am Donnerstag in Welt umbenannt hat. Ob Donald Trump dem Kranvergleichskanal unter diesem Titel demnächst mal die Ehre aller seriösen Medien erweist und einen der zehn Fake News Awards verleiht, die gerade an CNN, ABC, NYT gegangen sind, dürfte dadurch kaum gewachsen sein.

Wen es womöglich träfe, wenn man ihn unter seinem wilden Rauschebart noch erkennen könnte, wäre David Letterman. Nach langer Pause ist der Late-Nite-Gott auf den Bildschirm zurückgekehrt, und ganz ehrlich: My Next Guest Needs No Introduction ist nicht so großartig, weil dieser Gast ohne Vorstellungsbedarf Barack Obama heißt, sondern weil Letterman einfach der nonchalanteste Narzisst auf diesem Planeten ist. Und damit perfekt geeignet für die Vielfalt von Netflix, wo zugleich die fabelhafte Coming-of-Age-Serie The End of the F***ing World um zwei unfassbar bemerkenswerte Teenager seinen Anfang nahm, die auch was für Erwachsene ist.

Wie viele unabhängig vom Alter in den ersten paar Tagen eingeschaltet haben, bleibt dank unveröffentlichter Zugriffsdaten unbekannt. Für klassische Sender ein völlig unvorstellbarer Zustand. Bis zur vorigen Woche. Da nämlich fiel hierzulande wegen technischer Probleme die Quotenmessung aus – weshalb manch ein Redakteur auf Entzug seiner liebsten Droge vermutlich dem Wahnsinn nahe war. Besonders bei einem Sender wie RTL, dem die Quote nicht das Ego, sondern auch den Kontostand streichelt.

Die Frischwoche

22. – 28. Januar

Dort startet morgen um 20.15 Uhr der nächste Versuch, irgendwie ulkig die Massen zu erreichen. Quantitativ könnte Sankt Maik das schaffen. Qualitativ hingegen ist der Zehnteiler um den titelgebenden Gauner, der als Pfarrer verkleidet in einem sonderbar leichtgläubigen Dorf Unterschlupf findet, nur Durchschnitt. Und das trotz des Hauptdarstellers Daniel Donskoy, der echt frischen Wind ins Regelprogramm bläst. Ganz im Gegensatz zur US-Serie Gone, die 24 Stunden später abermals fiktional suggeriert, dass beim FBI nur Models und Kriminelle arbeiten. Da lobt man sich doch den skurrilen Realismus eines Josef Hader parallel im Ersten. Mit der famosen Brigitte Hobmeier macht er Die Notlüge um ein Ehepaar, das seine Trennung verschweigt, zu einer kurzweiligen Ausnahme im Komödienallerlei.

Dafür sorgte Bastian Pastewka sieben Staffeln lang unter eigenem Namen, bevor Sat1 die Lust am allerbesten verlor, was humoristisch in Deutschland drin ist. Freitag nun wandert die Serie zu Amazon und siehe da: sie ist noch besser geworden als zuvor! Bierernst kehrt Sharon Stone zurück. In der HBO-Serie Mosaic wird sie 25 Jahre nach Basic Instinct ab heute auf Sky zwar früh ermordet, geistert bei der Tätersuche aber weiter sehr ansehnlich durch eine Künstlerkolonie in den Rocky Mountains.

Was gibt’s noch? Dokumentarisches! Passend zur Debatte um die Verurteilung des greisen SS-Schergen Oskar Gröning zeigt die ARD heute (22.45 Uhr) Hitlers letzte Mordgehilfen, was zwar löblich ist, aber die Frage aufwirft, ob es nicht auch ein paar deutsche Nazis gab, die ihrem Führer beim Morden geholfen haben. Über einige der Opfer berichtet Arte am Dienstag zum Auftakt der Gedenkwoche an die Auschwitz-Befreiung am Dienstag ab 20.15 Uhr. Vor allem das Porträt Vier Schwestern ist da ungeheuer eindrücklich. Das gilt auch für eine Natur-Doku an gleicher Stelle (Montag, 20.15 Uhr): Magie der Moore, ein wunderbarer Langfilm über die Schönheit einer aussterbenden Landschaftsformation. Eher durch harten Realismus besticht da die NDR-Reportage Hudekamp (Dienstag, 0.00 Uhr), in der die Parallelgesellschaft im Plattenbau eines Lübecker Problemviertels skizziert wird.

Vor den Wiederholungen der Woche raten wir noch flugs vom RTL-Eventquatsch Big Bounce am Freitag um 20.15 Uhr ab, bei dem Menschen, Achtung: Trampolin springen. Hui. Dann doch lieber zwei Stunden danach bei der Senderschwester RTL2 Sin City gucken, die irrwitzige Comic-Adaption mit Bruce Willis als Cop in einer Film-Noir-Dystopie von 2006. In einer erst kürzlich vergangenen Gegenwart spielt Hans Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei (Samstag, 21.40 Uhr, One) mit den 2004 blutjungen Julia Jentsch und Daniel Brühl als antikapitalistische Revoluzzer in der Klemme. Der Tatort-Tipp kommt mal wieder aus Hessen und läuft Mittwoch um 21 Uhr auch in dessen Rundfunk: Unter uns von 2007 mit dem unvergleichlichen Team Sänger/Dellwo.


Bernd Begemann, Charles Howl, Shopping

Bernd Begemann

Die Ankunft ist im zeitgenössichen Pop kein Begriff von allzu großer Zugkraft. Anzukommen heißt schließlich, nicht weiterzuwollen, also stillzustehen. Und das ist besonders dem zappeligen Genre nicht sonderlich zu eigen. Wenn Bernd Begemann tut, was er schon immer getan hat, allerdings in einem Umfeld, das ihm gleichsam fremd und vertraut ist, wird es Zeit für eine Ausnahme. Der extrovertiere Conférencier, vor gut 30 Jahren mitverantwortlich für die Öffnung der Hamburger Schule, hat den Glamour des stukkierten Konzertsaals schon immer in die schmutzigen Clubs der Hansestadt getragen. Jetzt wechselt er quasi zurück. Und es ist hinreißend.

Gemeinsam mit dem Pianisten Kai Dorenkamp, der als Keyboarder von Bernd Begemanns Band Die Befreiung ein ähnliches Borderline-Leben wie sein Sänger führt, interpretiert die unvergleichlichste Rampensau des Orchesterpop zwölf seiner Stücke klassisch und macht daraus eine Art Kammermusik für die ganze große Bühne. Das ist zum Niederknien unterhaltsam, funkensprügend virtuos und dabei eins vor allem nie: ironisch. Dazu nämlich gehört die Fallhöhe, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Das tut Bernd Begemann nicht. Er ist halt einfach der, hüstel, Größte.

Bernd Begemann & Kai Dorenkamp – Die Stadt & das Mädchen (popup-records)

Charles Howl

Wenn es etwas gibt, was eigensinnige von stromlinienförmiger Musik unterscheidet, dann ist es die bedingungslose Bereitschaft, Hörgewohnheiten zu unterluaufen. Besser noch: zu torpedieren, ohne sie zu zerstören. Die Anwendung breitflächiger Mollsequenzen im Jammerton zum Beispiel sorgt seit jeher dafür, das Psychosound jeder Art von Rock bis Pop stets in der Nische feststeckt. Dort, wo es zwar wenig lukrativ ist, aber freundlich, warm und sehr gesellig. Es ist ein angenehm unmoderner Ort, an dem auch James Howl zu finden sind, freiwillig und äußerst beschwingt.

Zum zweiten Mal gießen die vier jungen Londoner ihren verschrobenen Sound in ein Album von betörendem Wohlklang, der gerade deshalb so beruhigend wirkt, weil er bei aller Harmonie oft krumm und schief daherkommt. Das zweite Stück The Dinner Party zum Beispiel scheint eben das zu sein: Ein gediegenes Beisammensein verschiedenartigster Elemente, die allerdings scheinbar wahllos an denselben Ort gespült versuchen und dort versuchen, irgendwie miteinander klar zu kommen. Ihr Geheimnis: Neugier. Gepaart mit etwas weniger Lärm als beim Debüt vor drei Jahren, dafür mehr Eleganz, mehr Dissonanz, mehr Schönheit der Verwilderung. Fabelhaft!

Charles Howl – My Idol Family (Oh Many Records)

Shopping

Die Achtziger werden wohl niemals alt. Wer sie noch selbst bei Bewusstsein erlebt hat und nun entsprechende Motto-Partys besucht oder einfach nur irgendwo irgendwas von damals auflegt, wundert sich immer wieder, wie inbrünstig selbst die Generation Y das Musikjahrzehnt der Generation Golf feiert. So gesehen müsste das Londoner Trio Shopping eigentlich Teil eines kräftigen Nostalgie-Hypes sein – so, wie ihr Sound den von einst bei den Hörnern packt und durchs Studio treibt. Das – aus wirtschaftlicher Sicht – Problem: die Band orientiert sich nicht am New Wave der mittleren, also populären Achtziger, sondern an dem der Grenze zum assimilierten Punk der späten Siebziger. Das – aus künstlerischer Sicht – Tolle daran: Shopping sind nicht nostalgisch, sondern Shopping.

Denn vom aseptischen Furor her, diesem zappelig kühlen Picking im elektronisch unterfütterten Bassauftrieb, mag Shoppings Post Punk vielfach an Joy Division erinnern an Bauhaus, Talking Heads, ein bisschen Anne Clark. Mehr aber noch klingt das neue, dritte Album The Official Body, als habe man The XX auf Endorphin gesetzt und ein paar Stufen hochgepitcht. Dafür sind besonders die virilen Drums von Andrew Milk verantwortlich, die er rasant, aber hochpräzise unter den nöligen Gesang von Rachel Aggs und ihrer pointierten Gitarre legt. Die Achtziger sind tot. Es leben die Achtziger! Auch wenn es die Siebziger sind und ein wenig die Zehner.

Shopping – The Official Body (FatCat)

 


Georg Stefan Troller: Interviews & Altersmilde

Nicht schlecht, Alter

Halstuch, Jackett, Ideale, Anekdoten: Eine Begegnung mit dem großen Fernsehreporter und Menschheitsreisenden Georg Stefan Troller (Foto: Christian O. Bruch) ist kein simples Interview einer Ikone des gehobenen Fernsehfeuilletons von 86 Jahren; sie gleicht einer Ausfahrt ins goldene Zeitalter des Journalismus, als das Interesse noch größer war als die Quotengier – und das Selbstbewusstsein offenbar auch.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Troller, wenn man Sie über die Jahrzehnte mehr als 1500 Interviews geführt hat – verliert das einzelne dann in der Masse an Bedeutung?

Georg Stefan Troller: Nein, nicht eins. Man kann sich das heute vermutlich kaum noch vorstellen, aber damals, in den Sechziger-, Siebzigerjahren, konnte ich mir meine Gesprächspartner ausschließlich nach meinem Interesse aussuchen, ob sie mir etwas zu geben hatten oder nicht. Aber auch, ob ich ihnen etwas zu geben hatte. Die Auswahl war zutiefst persönlich geprägt.

Die Redaktion hat Ihnen nicht reingeredet?

Nie.

Auch nicht, um ein Mindestmaß an Tagesaktualität einzufordern?

Nein. Und die hat mich auch selten interessiert.

Weil Sie dafür zu feuilletonistisch sind?

Wahrscheinlich. Es ging mir stets um die Person und ihre Geschichte.

Welche davon ist Ihnen aus den Gesprächen der berühmten Personenbeschreibung im ZDF oder dem Pariser Journal beim WDR besonders in Erinnerung geblieben?

Diese Frage erwarte ich jedes Mal mit Schrecken. Die Liste aller Gesprächspartner liegt da drüben [zeigt zum Schreibtisch]. Jeder darauf war für einen Moment mein Freund, Schicksalsgenosse, manchmal auch Beichtkind oder -vater. Davon jetzt einen herauszupicken, würde jedem anderen Unrecht tun. Für mich hat auch Popularität nie eine Rolle gespielt.

Für die Verantwortlichen des Senders vermutlich schon…

Gewiss. Und natürlich waren grad beim Pariser Journal auch Prominente gefragt. Mich haben Bergbauer oder Häftlinge stets genauso interessiert wie Stars. Oft sogar mehr, weil denen die Eitelkeit abging. Ihr Anteil wurde daher mit den Jahren größer und größer.

Weil das Quotenrennen damals noch nicht eröffnet war?

Na ja, wir hatten mit dem Pariser Journal schon mal 50 Prozent – allerdings gab es damals auch zunächst einen, dann zwei Sender (lacht). Davon konnte in 22 Jahren Personenbeschreibung keine Rede mehr sein, weshalb das Format mit der Zeit in den späteren Abend verschoben wurde. Es galt ja auch zusehends als elitär. War mir alles ebenso wurscht wie die Quoten. Der Sender war nur mein Werkzeug; ich wollte mit denjenigen drehen, die mir nahe gingen.

Was auch daran zu spüren war, dass sich Ihr Gegenüber oft buchstäblich bis zu völligen Entblößung geöffnet hat. Ist pures Interesse dafür ausreichend?

Sie sind doch selbst in diesem Beruf und wissen: Nur was man hineingibt, kriegt man am Ende auch heraus. Je man von sich selbst preisgibt, desto mehr erhält man zurück. Bleibt es bei Routinefragen erntet man auch nicht mehr als Routineantworten.

Haben Sie ein Gegenbeispiel?

Ich habe Anfang der Sechziger Sommerset Maugham auf seinem Schloss besucht und wusste nicht, was ich den großen Schriftsteller fragen sollte. Die Redaktion riet mir, welche Küche er als Brite in Frankreich vorziehe oder was seine Lieblingsfarbe sei. Als ich ihm in seiner Laube traf, fast so alt wie ich jetzt, aber von einer Frischzellenkur verjüngt, las er mir in perfektem Deutsch aus einem Büchlein Goethe vor: Alles geben die Götter, die Unendlichen, ihren Lieblingen. Ganz. Alle Freuden, die Unendlichen, alle Schmerzen, die Unendlichen. Ganz. Da fragte ich, ob er ein solcher Liebling sei? Und er sagte: ja, aber der Schmerz hätte die Freuden stets überwogen. Worauf er mir auf meine Verwunderung hin vom Stottern erzählte, das ihm die Jugend zerstört hat. Auf die Art kam ein sehr inniges Gespräch zustande. Nur vom Essen haben wir kaum geredet. Interviews sind überaus impulsiv.

Aber offenbar auch Glückssache…

Unbedingt. Ans Glück muss man allerdings glauben, dann kann es kommen, glaubt man nicht dran, bleibt es fern. Das ist in der Politik kaum anders als im Leben.

Ist dieser Glauben in die Richtigkeit und Relevanz Ihres Tuns Ihr Erfolgsgeheimnis?

Womöglich. Es geht um Anvertrauen, Preisgeben, um Offenbaren. Wahrer Austausch findet nur statt, wenn man sich die Sorgen und Belange anderer wirklich zueigen macht. Natürlich gibt es Menschen, die grundsätzlich verschlossen sind; aber im Großen und Ganzen ist es die Verantwortung des Fragestellers, Türen zu öffnen. Antworten sind in der Regel ja nur Reaktionen, die Initiative haben wir als Filmemacher oder Journalisten. Reines Interesse ist dafür nicht gut genug. Es ist Empathie, dank der jemand Dinge offenbart, die er nicht preisgeben will. Im Verlauf eines guten Interviews vergisst der Interviewte, dass es eines ist. Im Verlauf eines sehr guten, vergisst es auch der Interviewer.

Damit macht man sich dann allerdings gemein mit seinem Gegenüber.

Ja.

Gerät man dabei nicht in Gefahr, die nötige journalistische Distanz zu verlieren?

Und dann?

Folgt womöglich Kontrollverlust zulasten des Erkenntnisgewinns.

Ich suche im Gespräch immer auch ein wenig Seelenfreundschaft, um die Menschen wirklich zu verstehen. Aber glauben Sie mir – der lauernde Blick des Journalisten blieb mir stets erhalten. Hingebung und Professionalität kann durchaus gleichzeitig im Kopf stattfinden. Wichtig ist dabei, keinem von beidem die Hoheit übers andere zu überlassen. Ich hatte stets einen Katalog an Fragen vor mir liegen, manchmal an die 100. Interviews müssen zwar improvisiert klingen, dürfen es aber nie sein. Dennoch gibt das Gespräch die Richtung vor, nicht der Block auf dem Schoß.

Haben Sie sich Ihre eigenen Formate eigentlich selber angeschaut?

Einige, schon weil ich sie in Seminaren gebraucht habe, die ich gehalten habe. Und nicht selten sagte ich mir selbst: Nicht schlecht, Alter.

Aber sagten Sie nicht manchmal auch, Oh Gott, Alter, wo sind all die Fragen geblieben, die ich eigentlich stellen wollte?

Auch das kam vor. Aber meist habe ich dann doch die Fragen von Bedeutung gestellt, selbst wenn sie nicht auf dem Zettel standen. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Mehrzahl meiner Interviews Teil einer Dokumentation war, also eines Bildes. Und in dieser Komposition spielt das Wort eine weit geringere Rolle als Fähigkeit des gesamten Teams, Protagonisten dazu zu bringen, sich der Kamera zu stellen. Das Interview brauchte daher weniger Vorbereitung als die Person ins rechte Licht zu rücken, ohne sie zu mit der Situation zu überfordern.

Wobei die Menschen in Ihrer großen Zeit noch weit weniger kameraerfahren waren als heute, wo alles von allen praktisch permanent festgehalten wird.

Meine Tochter arbeitet in Paris bei einer Talkshow. Was die Menschen heutzutage freiwillig und unbezahlt von sich preisgeben, ja mehr noch, wie sich mit sich und ihrer Meinung protzen – das war zu meiner Zeit undenkbar. Während damals die Tradition des Schweigens herrschte, in der mal alles mühsam aus den Leuten heraus kitzeln musste, bildet sich gerade die neue Tradition des Herauslassens um jeden Preis.

Welche Tradition bevorzugen Sie?

Verschweigen ist mir lieber! Wenn deine Arbeit Menschenkenntnis und Fragetechnik erfordert, kann man doch stolzer darauf sein, als wenn alles von alleine kommt. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass es auch heutzutage immer noch genug Regionen, Länder, ganze Kontinente gibt, in denen man noch so bohren musste wie zu meiner Zeit.

Sie würden daher in die Ferne schweifen, wären Sie weiterhin aktiv?

Ach, vermutlich würde ich auch hier noch genug Leute finden, die mich interessieren, und mit viel Mühe und Not das aus ihnen herauszuholen versuchen, was sie zu geben haben.

Wir leben nicht nur in Zeiten dauernder Selbstentblößung, sondern einer erwachenden Radikalität, wie sie eigentlich längst überwunden zu sein schien. Erfordert es mehr oder weniger journalistische Nüchternheit im Umgang mit den Extremen?

Darauf hätte ich wirklich gern eine Antwort, aber vielleicht mache ich den Beruf dafür schon zu lange nicht mehr. Wenn man allerdings betrachtet, wie viel Emotionalität mittlerweile die Debatten bestimmt, wird das, was an meiner Arbeit vor 50 Jahren noch als außergewöhnlich galt, zusehends gewöhnlich (lacht).

Macht Ihnen das – zumal als Holocaust-Überlebender mit jüdischen Wurzeln – Angst?

Die politische Entwicklung, meinen Sie? Als die extreme Rechte vor einem halben Jahr in Frankreich bei 40 Prozent lag und die neuen Patrioten auch in der Türkei, Ungarn, den USA zu Mehrheiten kamen, schienen mir die Dreißigerjahre für einen Moment lang sehr nah. Seit Macron gegen Le Pen gewonnen hat, überwiegt aber die Hoffnung auf einen neuen deutsch-französischen Frühling, auf Europa.

Ist das ein Pfeifen im Walde oder echte Überzeugung?

Weder noch, schon weil ich von gar nichts ganz überzeugt bin. Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Warum die patriotische Rechte auf einmal so groß wird, hat mich gestern auch Markus Lanz in seiner Talkshow gefragt. Aus meiner Sicht hat das mit dem Verblassen der Religionen zu tun und der Bindungskraft des Glaubens. Der Mensch lebt aber vom Glauben, er sucht danach, findet aber derzeit keine Kraft wie einst die Religion und sitzt dann Ersatzreligionen auf wie dem, der Brexit würde Großbritannien wieder groß machen oder Trump die USA. Das ist zwar alles grotesk, aber Träume dieser Art waren schon immer vorhanden. Nur wenn sie wie derzeit das Denken überlagern, wird wieder alles möglich, was wir längst überwunden geglaubt haben.

An welche Träume glauben Sie?

Als Journalist ist man ja doch von Berufs wegen Skeptiker, was eher zum Zynismus führt als zur Träumerei. Gleichwohl glaube ich, dass alles auf dieser Welt einen Sinn hat, der von einer höheren Kraft verliehen wird. Für diese Energie mag es etwas geben, das man Gott oder sonstwie nennen kann. Aber in welche Richtung sie fließt, dafür sind wir schon selbst verantwortlich, durch Trial and Error.

Und permanenten Dialog, nehme ich an.

Absolut, sofern die Meinungen nicht nur um sich selbst kreisen wie gestern oft bei Markus Lanz. Das müssen wir uns auch als Journalisten stets vor Augen halten.

Die Skepsis gilt also auch Ihnen selbst?

Natürlich. Gestern hat mich eine Dame der Bild am Sonntag interviewt? Wer stand vor 50 Jahren vorm Springer-Haus und brüllte „Springer enteignen“? Wer wollte seine Goldene Kamera zurückgeben?

Sie, nehme ich an. Ist das Altersmilde?

Auch. Im Alter akzeptiert man ja Dinge, die während der Jugend unerträglich sind. Aber Aussöhnung mit dem eigenen Leben bedingt auch Aussöhnung mit der Umwelt. Man lernt sich halt besser zu akzeptieren, im Guten wie im Bösen. Andererseits: Während ich mir nicht mehr wie als junger Mann dauernd den Vorwurf mache, falsch zu leben, mache ich ihn der Welt im Ganzen nach wie vor. Ich rege mich noch immer auf über die Blödheit der Welt, und das werde ich umso weniger akzeptieren wie sie gerade wieder ein bisschen blöder wird.

Juckt es Sie da manchmal in den Fingern, dieser bewegten Zeit auch journalistisch nochmals den Stempel aufzudrücken?

Nein, denn in meinem Alter liefe das darauf hinaus, dass man Briefe an den Herausgeber schreibt, die nie erscheinen. Hab ich zum Glück nur zwei, dreimal gemacht.

Hört man überhaupt je auf, Journalist zu sein, nur weil man damit sein Geld nicht mehr verdient?

Ich nenne mich ja eher Filmemacher, aber auch das bleibt stets lebendig. Der Redebedarf endet nie. Als ich kürzlich las, dass sich eine Gruppe israelischer Ärzte in den Gazastreifen geschlichen hat, um dort Palästinenser zu behandeln, wollte ich instinktiv sofort dorthin. Aber ich kann nicht mehr solange stehen, geschweige denn gehen. Außerdem bin ich viel zu ungeduldig, um das dauernde Warten dieses Berufes zu ertragen. Aber junge Kollegen sind vermutlich noch ungeduldiger und die Teams, die ich mir herangezogen habe und sie mich, gibt es auch nicht mehr. Die Zeit ist vorbei.

Ist Ihr Buch Ein Traum von Paris so gesehen ein journalistisches Vermächtnis?

Ach wissen Sie, ich schreibe seit zehn Jahren mein letztes Buch und dachte immer, das würde es sein. Dann aber hat meine Tochter in der Wohnung meiner geschiedenen Frau Fotos gefunden, die ich in den Sechzigerjahren an meinem Wohnort Paris gemacht habe. Das habe ich dann mit einer Sammlung alter Texte von mir verbunden [Holt ein Exemplar aus seiner Aktentasche und streichelt es liebevoll]. Vielleicht werde ich 100 und es kommt noch was, aber für den Moment, ja, ist das mein journalistisches Vermächtnis.

Georg Stefan Troller – Ein Traum von Paris (Corso Verlag)

Respekt-Verbot & Trash-Gewächse

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Januar

Ein Land, das jeder Weltwirtschaftskrise mit Konjunkturrekorden trotzt und über den Videobeweis weit heftiger diskutiert als den Klimawandel, ist der perfekte Ort für Platzhalterdebatten. Nur so ist zu erklären, dass der Franken Bund allen Ernstes öffentlich beklagt, in der Historytainment-Reihe Tannbach sei trotz fränkischen Standorts Niederbayrisch gesprochen worden – als sei das Problem dieses pathetischen Machwerks der Dialekt, nicht der drastische Mangel an Qualität und Hingabe.

Umso neidvoller blickt man da auf andere Medienmärkte, die Wesentlicheres zu bereden haben. In England hat die Pekinger BBC-Korrespondentin Carrie Gracie nach 30 Jahren gekündigt, weil ihr Sender Männer für dieselbe Arbeit konstant besser bezahlt als Frauen. Respekt! Für Mrs. Gracie, nicht die BBC. Ein Respekt, den auch die unvergleichliche Oprah Winfrey für ihr Bekenntnis zum Feminismus in frauenfeindlicher Zeit bei den Golden Globes verdient, bei dessen TV-Sparte – natürlich – A Handmaid‘s Tale abgeräumt hat, in denen diese Zeit zur faschistoiden Dystopie verdichtet wird.

Für eine Medien-Plattform, die sie schon mal atmosphärisch vorbereitet, verbietet sich jede Form von Respekt zwar von selber. Aber dass die Breitbart News ihren zurückgekehrten Chefdemagogen Steve Bannon nach dessen Trump-Attacke gefeuert hat, ist doch mal ein klitzekleiner Anflug von Intelligenz im grassierenden Irrsinn des globalen Populismus. Noch was ohne Anspruch auf Respekt? Ach ja, der erste Netflix-Film Bright des politischer Unzurechnungsfähigkeit eher unverdächtigen Will Smith ist von so einschüchternder Dummheit, dass der Streamingdienst jetzt die Fortsetzung verkündet hat. Fiktional ist schließlich nichts erfolgreicher als das völlige Fehlen von Niveau.

Die Frischwoche

22. – 28. Januar

Womit wir wie jedes Jahr um diese Zeit im Dschungelcamp landen, das die einen für den weltgrößten Fernsehmüll halten, die anderen für ein privates Refugium unterschwelliger Sinnversorgung. Die Gästeliste der neuen Staffel könnte das Pendel wieder ein Stück Richtung Müllhalde ausschlagen lassen. Ins RTL-Lager ziehen Freitag um 21.15 Uhr: Tina York, Ansgar Brinkmann, Giuliana Farfalla, David Friedrich, Jenny Frankhauser, Matthias Mangiapane, Tatjana Gsell, Daniele Negroni, Natascha Ochsenknecht, Sandra Steffl, Sydney Youngblood, Kattia Vides, also Trash-TV-Gewächse, Verwandte von Trash-TV-Gewächsen und der Trash-TV-übliche Ex-Fußballer, dem wir jetzt mal keine Geldprobleme unterstellen.

Um Unterstellungen geht es im weitesten Sinne Dienstag auch beim Arte-Abend zum Thema Donald Trump. Wurde der US-Präsident von Russland ins Amt gebracht, ist er geisteskrank, sind seine Wähler nur homophobe Waffennarren? Das versuchen gleich drei Dokus ab 2015 Uhr zu klären. Klärung politischer Verhältnisse war vor 50 Jahren auch die Aufgabe von Kontraste. Zum Geburtstag blickt der RBB Donnerstag um 23.45 Uhr zurück auf das einstige Ost-West-Magazin der ARD. Aus einer Zeit, als die Mauer noch stand, scheint auch ein Vierteiler im Ersten zu sein: Gestüt Hochstetten. Vier Samstage lang haben die österreichischen Pferdezüchter Zeit, sich von oberflächlichen Familiensagas der Achtziger abzusetzen, was bei diesem Thema schwer fallen dürfte.

Aus jener Zeit stammen auch einige der Fernsehlagerfeuer, an die der WDR in seinem Rückblick „60 Jahre Show“ am Montag, 22.10 Uhr) erinnert. Und auch die Terrororganisation Spectre, mit der es Daniel Craig im neuesten Bond (Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF) zu tun kriegt, gibt es im 007-Kosmos schon ewig.  Das gilt nach den Maßstäben eines beschleunigten Mediums auch für die drei Jubilare der Woche: Freitag serviert Vox zum 3000. Mal „Das perfekte Dinner“, drei Stunden später feiern Barbara Schöneberger und Hubertus Meyer-Burckhardt zehn Jahre Moderation der NDR Talk Show. Von gestern ist auch der ARD-Mittwochsfilm Teufelsmoor. Denn die Mystik am Mystery-Thriller um eine Frau auf der Suche nach den Geistern ihrer Kindheit ist so staubig plump, dass der entscheidende Punkt ins Hintertreffen gerät: Er ist von Frauen (Corinna Vogelsang, Brigitte Maria Bertele), mit Frauen (Silke Bodenbender, Bibiana Beglau), aber nicht für Frauen.

Das erinnert an die empfehlenswerteste Wiederholung der Woche am gleichen Abend: Margarethe von Trottas gefeiertes Porträt Rosa Luxemburg mit Barbara Sukowa als Klassenkämpferin (23 Uhr, RBB), das ihr 1986 den Deutschen Filmpreis einbrachte – einen von nur fünf für Regisseurinnen seit 1951. Von Männern mit Männern, aber auch für Frauen war 2009 die Hooligan-Romanze 66/67 (Montag, 0.25 Uhr, ZDF) um eine Gruppe Hardcore-Fußballfans (u.a. Fabian Hinrichs), die trotz schwer verdaulicher Gewaltszenen als Sympathieträger taugen. Noch schnell zwei US-Filme zum Wiederentdecken: Sophia Coppolas Regiedebüt The Virgin Suicides (Dienstag, 22.05 Uhr, Servus) von 1999 mit der damals unbekannten Kirsten Dunst als einer von vier Töchtern erzreligiöser Eltern. Und sieben Jahre älter ist Clint Eastwoods unvergleichliches Antikriegsdrama Letters From Iwo Jima (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Aus dem gleichen Jahr stammt der Tatort-Tipp Aus der Traum (Montag, 22.15 Uhr, RBB), in dem Maximilian Brückner Max Palu im Saarland ersetzt hat.