Porträt: Hamburg im Abstiegsfieber

Kein HSV

Wenn der HSV absteigt, verliert die 1. Bundesliga ihr ältestes Mitglied und der Fußball einen verblassenden Mythos. Aber was verliert eigentlich die Stadt, in der Hamburgs größter, stolzester, selbstgerechtester Club spielt? Alles. Und nichts. Stimmungsbericht von einem seltsam teilnahmslosen Ort.

Von Jan Freitag

Fußballzitate sind oft von ergreifender Schlichtheit. Der Ball sei rund, heißt es, das Spiel dauert 90 Minuten, und die Wahrheit, sie liegt aufm Platz. Ein Bonmot des wichtigsten, aber profansten Teamsports überhaupt, besticht indes durch einen Tiefgang, der dessen Dialektik perfekt auf den Punkt bringt. Fußball, widerlegte Liverpools Trainerlegende Bill Shankly einst ein gängiges Vorurteil, sei gar keine Frage von Leben und Tod. Zitat „Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Es ist ein wirklich machtvoller Satz der Freizeithistorie, voller Selbstüberschätzung und Realitätssinn, befeuert von großer Hingabe, Gespür für Dramatik und einer gehörigem Portion Weitblick. Stammt er doch aus einer Epoche, da Fußball allen Ernstes Fußball war, kein Milliardengeschäft. Als es weder Trikotwerbung noch Ablöseirrsinn geschweige denn die Champions League gab. Als Fußball folglich die Seele betraf, nicht Wirtschaftsräume. Als es einzig ums Spiel ging. Womit wir beim HSV wären.

Denn ums Spiel geht es dem Hamburger Sport Verein schon lang nicht mehr. Beim Gründungsmitglied der Bundesliga dreht sich alles einzig und allein ums nackte Dasein. Seit zwei Jahrzehnten schlingert der selbsternannte Dino des deutschen Fußballs dem Aussterben entgegen und macht seinem Maskottchen damit alle Ehre, das in Erdmaßstäben gerechnet ebenfalls bald nach seinem Aufritt vom Planeten verschwand. In diesem Jahr nämlich scheint sich die Frage nach Leben oder Tod endgültig zu beantworten. Doch wer stirbt da eigentlich genau, wenn der HSV spielerische Bankrotterklärungen weiter an organisatorisches Chaos koppelt und absteigt – ein Club? Eine Erinnerung? Ganz Hamburg? Nun mal halblang!, müsste es da aus der Lausitz schallen. Dort nämlich verabschiedet sich der ostdeutsche Traditionsverein Energie Cottbus nach 17 Jahren Profifußball in die 3. Liga. Und das betrifft wirklich eine ganze Region, die außer Braunkohle, Braunkohleabraum und Braunkohlearbeitslosen vor allem eins zu bieten hatte, was noch für Gemeinsinn sorgte: Ihren SC mit dem kraftvollen Namen. Aber Hamburg? Hat doch auch sonst alles. Und nichts.

Denn so anachronistisch der Kampf Mann gegen Mann (und manchmal Frau gegen Frau) sein mag, so plebejisch es dabei zugeht und so unverständlich Außenstehenden das Alles-oder-nichts-Gehabe eingefleischter Fußballfans erscheint – Fußball ist auch in Hamburg weit mehr als ein simpler Sport. Und das hat Gründe, vermutlich Tausende. Ein paar davon sind neidgelb oder lokalpatriotischrot, andere druckerschwärzedunkel oder geldscheinbunt, nicht unerheblich viele braun-weiß und all die Farben zeigen, dass Fußball selbst in einer Stadt mit unermesslicher Beschäftigungsvielfalt mehr Leute verbindet als jeder Ehrenbürger, jedes Volksfest, jede Architektur. Da wäre zunächst ein Rivale, der seinen Vorsprung auf allen Ebenen schon im Namen trägt: Als Bundesland hängt Bayern den Stadtstaat bei praktisch allen Parametern von Bildung über Tourismus bis Wirtschaft, ja selbst Kultur zügig ab. Als Metropole reicht Hamburg München höchstens in punkto Selbstüberschätzung als vermeintlich schönster Ort im Kosmos das Wasser. Und addiert zu Bayern München hält der Supermeister jeden Fußballrekord von Belang – bis auf den einen der Ligazugehörigkeit. Noch. Andernfalls blieben Hamburg gerade mal die Beatles. Dazu ein Hafen, den der Klimawandel demnächst flutet. Und St. Pauli.

Nur: Ohne FC davor sieht der gemeine HSV-Fan dieses bewohne Quartier bestenfalls als szeneviertelgroße Kotztüte, die das schwarzweißblaue Partyvolk freitags sauber flutet und sonntags versifft zurücklässt. Mit FC davor jedoch empfindet es der sechsfache Meister auch nach 26 Jahren ohne echten Titel schon als Affront, mit dem Kiezclub nur die Stadtgrenze zu teilen; in Liga 2 aufeinanderzutreffen, grenzte da an Majestätsbeleidigung – was direkt zur nächsten Farbkombination führt. Denn der HSV ist ja nicht bloß ein Verein in Hamburg, er ist der Hamburger Verein schlechthin. Das Gros seiner Anhänger wohnt statistisch gesehen zwar im Umland; was die Anhängerschaft betrifft, ist St. Pauli Hamburgs Stadtclub. Trotzdem sieht sich der HSV seit jeher als Chefsache. Mit ihm fiebern Bürgermeister und Industrielle, Handelskammer und Sportredakteure, uns Uwe und wenn Heidi Kabel noch lebte, sie würde dem Verein wohl von Litfasssälen aus eine Handbreit Wasser unterm Kiel wünschen. Im investorenwildwuchernden Betonensemble zwischen Alster und Elbe, das städtebaulichen Esprit gern durch Bullaugenfenster ersetzt, bemüht man eben bei jeder Gelegenheit maritime Vergleiche. Voilà: Ginge die Hochseeyacht HSV im Seegefecht mit Provinznestern wie Braunschweig und Stuttgart unter, sänke das Flaggschiff einer Stadt, die bis heute in Nostalgie schwelgt.

Ach, die Hanse… Sie war es, die Hamburg Reichtum und Stolz gegeben hat, was bis heute auch auf dessen Vorzeigeverein abstrahlt. Es war Kaufmannsspieltrieb, der ihn anno 1887 aus zwei Leichtathletikvereinen gebar. Es war Kaufmannsverstand, der ihn 1983 kurz an Europas Spitze hievte. Es sind Kaufmannsmillionen, die ihm nun aus der Portokasse eines öligen Logistikmilliardärs notdürftig über Wasser halten. Wenn die versiegen (und falls nicht, doch nur wieder in fremde Mittelklassestars statt struktureller Umkehr flössen), droht der Stadt mit dem Abstieg auch ökonomischer Schaden. Schließlich ist Fußball auch für Pfeffersäcke zunächst mal: Business. 116 Millionen Euro hat der HSV in der vorigen Saison umgesetzt. Ein Schuldenstand in vergleichbarer Höhe bringt Zinsen ein. Als Arbeitgeber, Steuerzahler, Verbraucher und Merchandiser trägt der e.V. geltwert zur Wirtschaftskraft seines Standorts bei, als PR- und Spaßfaktor auch immateriell. Selbst die schlingernde Tagespresse der einstigen Medienhauptstadt wird weiter an Auflage verlieren, wenn als Gegner Heidenheim statt Bayern droht.

Ein Abstieg wäre daher auch in den Kassen spürbar. Bei Mike Ahlert etwa, dessen Lokal Picknick am Stadion an Spieltagen „nur halb so viele Gäste“ besuchen würden, wie er der Bild auf der Suche nach „Folgen des Abstiegs“ entlockt. Das klingt nun eher sachlich als ergriffen und zeigt gut die Stimmung am Ort des Untergangs. Die nämlich liegt angesichts eines Kurses, der seit dem DFB-Pokal 1987 mit Unterbrechungen abwärts führt, irgendwo zwischen Teilnahmslosigkeit, Zynismus und offenem Hass. Selbst Dauerkartenbesitzer, so scheint es, machen sich eher über gestanzte Durchhalteparolen ständig wechselnder Trainer lustig, als eine Atmosphäre unbedingten Miteinanders herbeizufiebern. Das sichtbarste Zeichen der Empathie waren noch Plakate zur Rückrunde, die irgendwas mit „Gras fressen“ insinuierten und doch bloß großformatiges Papier waren. Selbst der Bürgermeister rang sich in der örtlichen Morgenpost bloß ein schales „Die Situation beim HSV treibt mich um“ ab. Da ist kein Feuer im Support – nicht auf der Straße, nicht auf den Rängen. Und falls doch, brennt es irgendwie durch: Wer die wutverzerrten Gesichter mitgereister Fans nach der Niederlage in Augsburg vom vorigen Sonntag erlebt hat, wünscht ihnen einen Crashkurs in Sachen Spielermotivation bei den Anhängern des benachbarten FC St. Pauli. Dort weiß man scheinbar besser, dass sich wahre Zuneigung erst im Schlechten zeigt. Dort wehten auch nach der allerletzten Aufstiegschance per 0:3 gegen einen Dorfclub namens Aalen Beifall statt att Pfiffe durchs Stadion. Dort ist Empathie eine Frage des „Wir-“ nicht des „Wert-Gefühls“. Im Sozialismus, verglich der Grasnabenphilosoph Shankly sein Bild vom Fußball mal mit Politik, „arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns.“ Aber Hamburg ist ja bekanntlich ziemlich kapitalistisch.

Der Artikel ist gestern leicht gekürzt in der Berliner tageszeitung erschienen

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Nacktflirten & Fulton-Smith

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21. – 27. April

Die vergangene Fernsehwoche bot reichlich Gesprächsstoff zum Thema Sichtbarkeit. Keine allzu exklusive Nachricht in einem visuellen Medium, sicher. Und doch ist es bemerkenswert, wovon ARD und RTL mehr als üblich zeigen. Auf der gewachsenen LED-Wand im Nacken der „Tagesschau“-Sprecher etwa kann eine Osterglocke schon mal größer sein als die ganze Judith Rakers davor. Die private Konkurrenz dagegen kündigt an, das hüllenlose Tropenflirtformat „Adam sucht Eva“ von ihrer holländischen Schwester RTL 5 zu übernehmen. Wobei „sensibel mit Nacktheit“ umgegangen werde, wie der in Sachen Sensibilität führende Sender versprach. Was die Frage aufwirft, warum beim Grabe Beate Uhses er das dann sendet?

Ähnliches hatte dieser Blog jedoch auch im Fall von „Sing my Song“ geunkt – und leistet nun Abbitte: Das „Tauschkonzert“ bekannter Popstars, die gegenseitig ihr Liedgut covern, zeugt bei aller Überinszenierung von einer Liebe zur Musik, die im Fernsehen so selten geworden ist wie Heiligsprechungen. Um dem abzuhelfen, hat das ZDF gestern stundenlang von den zweier Expäpste berichtet. Und dennoch: religiöse Erbauung und leidenschaftlicher Sound bleiben aussterbende Arten im Erregungsfunk der Generation mediales Multitasking.

Da passt es ins Bild, dass ein Anachronismus grad an seine Grenzen kommt: Erstmals seit der Nullnummer verliert das bäuerlich-biedere Blut-und-Boden-Blatt „LandLust“ an Auflage. Das ist zwar auch der steigenden Zahl an Trittbrettfahrern à la „LandIdee“ geschuldet, die zugleich ihren Absatz steigern konnten. Aber immerhin – Teile der Kundschaft scheint aufzugehen, dass ihnen da Monat für Monat die identische Gemüsesuppe aufgekocht wird – was ähnlich stupide ist, als würde der „Tatort“ Woche für Woche vom SFR produziert.

Der vom Ostermontag war gewohnt betulich, erntete dafür mäßige Quoten, lässt somit aber auch Raum für Randbetrachtungen des Formats. Dass ChrisTine Urspruch, der Alberich aus Prof. Boernes Totenkeller, gerade zur Hauptfigur einer ZDF-Serie namens – bruha – „Dr. Klein“ avanciert. Dass ein Münchner Tatort-Kollege ihren schwulen Chefarzt spielt. Und dass eben jener Miroslav Nemec am Hauptarbeitsplatz endlich die ersehnte Assistentin kriegt.

TV-neuDie Frischwoche

28. – 4. Mai

Sie heißt Lisa Wagner, brilliert parallel als „Kommissarin Heller“ im Zweiten und steht dem vereinsamten Odd-Couple Batic/Leitmeyer diesen Sonntag als Analytikerin bei. Schon das ist eine Sensation – aber keine halb so große wie das, was zwei Tage zuvor auf Arte passiert: Francis Fulton-Smith alias Dr. Kleist alias Prof. Kernig in einer anspruchsvollen Rolle. Mit angefutterten 20 Kilo extra verkörpert der schlichteste aller Schnulzenstars im wahrsten Sinne des Wortes Franz-Josef Strauß, und er tut das so vorzüglich, dass Roland Suso Richters Dokudrama „Die Spiegel-Affäre“ insgesamt sehenswert wird.

Das muss erwähnt werden, weil sie ihre historische Vorlage fahrlässig auf FJS Alphatierkampf gegen seinen Kriegskameraden Rudolf Augstein (toll dargestellt von Sebastian Rudolph) reduziert. Doch so funktioniert nun mal das Unterhaltungsfernsehen zur Primetime. Da wird der Wirklichkeit regelmäßig fiktionale Grandezza verpasst, um das Pilcher-Publikum nicht zu vergraulen. Nach dem Prinzip funktioniert in gewisser Weise auch das heutige Biopic „Eine Dunkle Begierde“ (ZDF, 23.10 Uhr), in dem der furiose Michael Fassbender den Nervenarzt C.G. Jung auf sehr freie Art interpretiert. Mehr aber noch geschieht dies kurz zuvor in einem ZDF-Historiendrama, wo „Das Attentat – Sarajevo 1914“ fantasievoll vermenschelt wird. Auf anderem Weg arbeitet sich dagegen Arte am 1. Weltkrieg ab und nimmt „14 Tagebücher“ beteiligter Personen zur Basis eines Achtteilers, der ab morgen drei Dienstage bedrückend realistisch zeigt, was der Irrsinn vor 100 Jahren mit den Menschen gemacht hat.

Um den anschließenden Oberirrsinn und was davon bis heute fortwirkt, darum kümmert sich im Anschluss an gleicher Stelle Mo Asumang. Eine dunkelhäutige Reporterin – was nur von Belang ist, da sie sich in „Die Arier“ einer bizarren Gruppe nähert, die gern mal Herrenmensch spielt. Das ist oft gespenstisch, aber versprochen: Die Stumpfheit konfrontierter Rassisten garantiert neben mancher Erkenntnis auch heitere Momente. Was diese Dokumentation grundlegend von einer Krimireihe unterscheidet, die ab Samstag explizit lustig gemeint sein soll. „Friesland“ ist so flache Komödienschonkost, dass offen bleibt, warum sich Florian Lukas als Kommissar, der bei Blut – Achtung: Scherz! – stets umkippt, dafür hergibt.

Dann doch lieber Henning Baum in der 5. Staffel „Der letzte Bulle“ ab heute auf Sat1. Oder gar das RTL-Ranking „Die 25“, diesen Mittwoch „originellsten Leidenschaften“, was an Witzlosigkeit nur dadurch unterboten wird, dass die ARD das Konzept allen Ernstes kopiert. Und die Peinlichkeit wird nicht geringer, wenn sie Donnerstag vor der Tagesschau „Die zehn legendärsten Gesten aus Politik, Pop und Sport“ sucht. Gestohlen ist gestohlen. Wie John Grishams „Die Firma“, aus dessen Filmadaption RTL Nitro ab Freitag eine schnarchige Serie bastelt.

Bleibt noch die Frage, ob DSDS seinen Minusrekord von unter drei Millionen Zuschauer beim Finale am Samstag unterbietet. Und der „Tipp der Woche“. Filmisch: „Schelf“ (Mittwoch, Arte), eine Art Mysterythriller nach Juli Zeh, in der sich Mark Waschke als Physiker in seinen Parallelwelten verheddert. Seriell: „Diese Drombuschs“ (montags, 20.14 Uhr, HR), ein Stück Fernsehgeschichte der Achtziger.


WM-Reihe: Marc Bogmans Minitrikots

nederland2002Der Minimalist

Eigentlich wollte Marc Bogman normale Fußballtrikots sammeln. Weil das allerdings auf Dauer zu teuer war, wechselte der Holländer auf Miniaturausgaben. Mittlerweile hat er von den winzigen Kombinationen ein paar Tausend Stück. Und es werden fast täglich mehr…

Auch diese Wochenendreportage ist Teil des freitagsmedien-Gewinnspiels. Als Preis gibt es wie immer WM-Sammelalben von Panini samt 12 Päckchen Sticker. Die Frage steht unterm Text, der dafür genau gelesen werden sollte.

Von Jan Freitag

Als Fußballfan mit Niveau rümpft man immer die Nase, wenn sie vor einem halten: Autos, vornehmlich saubere Mittelklassewagen aus Rüsselsheim, mit kleinen Trikotsets an der Heckscheibe, direkt unterm Zusatzbremslicht. Dazu noch ein Steuern-runter-macht-Deutschland-munter-Sticker am Kofferraum und zwei Samtkissen auf der Ablage – fertig ist die Spießerkarre. Nein, solche Fanartikel kaufen sich nur Sitzplatzdauerkartenabonnenten vom Land über 50, denken Sprechchorerprobte Anhänger da gern.

Vielleicht ist an dem Vorurteil was dran, vielleicht wird der Trashfaktor auch nur unterschätzt, vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Denn der größte Miniaturtrikotfan des Universums hat kein Schrumpfjersey seines Lieblingsvereins Feyenoord Rotterdam über der Rückbank hängen. Dafür aber über 50 Stück im Wohnzimmer – umrahmt von rund 500 Exemplaren anderer Clubs. Ganz zu schweigen von all denen in Kisten, Kartons, Schubladen. Marc Bogman aus dem niederländischen ’s-Hertogenbosch hat mit locker 2500 „Football Miniatures“ von allen Kontinenten die weltweit wohl größte Sammlung. Ein paar Tausend Hemdchen samt Höschen – genauer ist die Anzahl nicht zu taxieren. Schließlich kauft Marc Bogman bei nahezu jeder Gelegenheit. „Ich investiere rund 500 Euro im Jahr“, beziffert der 51-Jährige seine Leidenschaft. Bei einem durchschnittlichen Neukaufpreis von zehn Euro ein ungebremster Wachstumsprozess.

Dabei sollte alles ursprünglich noch viel größer werden – wörtlich genommen. „Ich wolle eigentlich normale Replika-Trikots sammeln“, erinnert sich der eingefleischte Fußballfan, im Alltag Bibliothekar eines Sportverbands, an das Jahr 1995. „Die sind aber so teuer, da bin ich zu Minis gewechselt.“ Eine Milchmädchenrechnung, heißt es in solchen Fällen wohl. Denn mittlerweile hat seine Sammlung einen geschätzten Wert von weit über 15.000 Euro. Das teuerste Exponat – eine Rotterdam-Variante von 1984 – kostet allein 75 Euro. „Ein Geschenk“, meint Marc Bogman fröhlich und macht gleich darauf seinem Ärger Luft. Da es weder internationale Online-Tauschbörsen noch eine organisierte Szene gibt, schreibt er Jahr für Jahr direkt an Vereine in ganz Europa und bittet um Ergänzung seines Bestandes. Mit vorhersagbaren Ergebnissen: „Es ist eine Schande, dass fast kein Club reagiert“, ärgert er sich vor allem über die Arroganz europäischer Topclubs. Klingt ziemlich vertraut nach Alltag.

Einzig kleinere Vereine – für die der kostenlose Beitrag samt Porto oft mehr ist als ein Griff in die Portokasse – freuen sich über die Anfragen und antworten zahlreich. So haben ihm unterklassige Vereine mehrerer Länder überraschend häufig mit Sachspenden unterstützt. In seiner Sammlung fehlen Championsleaguefinalisten ebenso wenig wie ein deutscher Oberligist namens VfB Pössneck, Club Ravinala vom Inselstaat Madagaskar, Al Ahli Saudi aus ölhaltigeren Regionen oder Süd Afrikas Nationaldress.
Das Standbein seiner Kollektion aber wird von Gleichgesinnten geschient. Großartig, schwärmt Marc Bogman, „wöchentlich bekomme ich Briefe von Fans, die helfen möchten und Minis verschicken.“ Ein deutscher Hersteller tütet ihm zudem viele Neuerscheinungen ein, der Rest stammt von Fanshops, ebay und anderen Sammlern, die auf Marc Bogmans Homepage doppelte Trikots begutachten können. Und Menschen wie Bogman gibt es scheinbar in der ganzen Welt. Erst kürzlich hat er im Internet mit einem japanischen Jäger erfolgreich getauscht. Jetzt hat das Kleine Rote von den Urawa Reds selbstredend einen Ehrenplatz – nach so einer Reise!
Überhaupt die Exoten. In seinem Repertoire ist Luxemburg besser vertreten als Portugal, Uruguay zahlreicher als Spanien und einzig das fußballverrückte Australien hängt wohl auf absehbare Zeit nicht in Trikotform über seiner Couchgruppe.

Auf zehn bis zwölf schätzt Marc Bogman die Zahl „seriöser Sammler“ wie ihn selbst. Und der Rest? Kleinkollektionen, Gelegenheitskäufer, Archivare einzelner Clubs. Die meisten, meint Bogman leicht naserümpfend, haben nur ihren Lieblingsverein im Angebot. Das kann man vom Champion nicht behaupten. Sicher – Feyonoord steht ganz oben auf seiner akribisch geführten Kartei. Vor wenigen Stunden erst, berichtet Marc Bogman stolz, habe er ein Heim- und ein Auswärtshemd jenes Vereins erstanden, deren Spiele er bereits als Vierjähriger verfolgte. Doch mit mehr als 1200 Clubs und Nationalteams, mal abgesehen von Fantasietrikots im Stile von Che Guevara und WM-Merchandising, lässt seine Sammlung kaum Präferenzen erkennen. An Marc Bogmans Wohnzimmerwand – und damit auf die alphabetisch sortierte und reich bebilderte Homepage gelangt alles, was der Markt so hergibt; Hauptsache, es passt rein theoretisch einem Chihuahua und hat (außer in Mexico, wo es scheinbar nur Oberteile gibt) Hemd plus Hose.

Ob ihm denn noch ein bestimmtes „Mini-Kit mit Saugnapf“ (so der deutsche Fachtitel) fehlt? Da kriegt Marc Bogman glänzende Augen: Logisch! Und nicht nur eines. Alte Raritäten von Feyonoord, dazu River Plate und Boca Juniors aus dem Land der Gauchos, säumige Topteams wie Valencia, La Corunha oder Porto und regionale Sahnestückchen wie Wacker Burghausen, Jahn Regensburg, LR Ahlen – all dies sehnt er herbei.
Er kennt sie alle, er hat klare Vorstellungen, er liebt Trikots in Schwarz, er lobt das Design von FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf und er ist begehrt – eine Amsterdamer Sportkneipe hat mal 3000 Euro für alle geboten. Er sieht irgendwie ein bisschen so aus wie ein etwas verschrobener Sammler, mit seinem unscheinbaren Äußeren und der großen Brille. Er ist aber einfach nur ein Fan, der „irgendwas mit Fußball sammeln wollte“. Vielleicht auch, um für seine rund 1000 Scheiben starke Plattensammlung der 80er einen textilen Gegenpol zu schaffen. Dass zu seinen Leidenschaften auch Groundhopping zählt, ist da kaum noch einer Erwähnung wert. Hunderte Fotos aus 25 Ländern sind auf seiner Homepage verewigt, darunter Hong Kong und Melbourne. Ein Spießer ist Marc Bogman nicht, ein Fußballverrückter allemal.

Gewinnfrage: Aus welchem Jahr stammt Marc Bogmans teuerstes Minitrikot? Antwort an janfreitag@gmx.net


Popfriday: Todd Terje, Fuck Art, Let’s Dance!

Todd Terje

Samuel Beckett lag schon richtig mit seiner Selbsteinschätzung, die mehr noch eine Fremdeinschätzung war. “Wir alle werden verrückt geboren”, schrieb der Schriftsteller vor vielen, vielen Jahren in Warten auf Godot. Manche indes, fügte er hinzu und meinte das sicher nicht despektierlich, “die bleiben es”. Todd Terje zum Beispiel. Ein Name wie ein kanadischer Holzfällerhund, ein Musiker wie ein Berserker mit Zartgefühl, ein Debütalbum, heißkalt wie ein himmlisches Fegefeuer. Beckett hat fraglos den norwegischen Alleinunterhalter vorweggenommen, als er die Randgruppe derer beschrieb, die sich den Aberwitz kindlicher Leidenschaft erhalten haben. Terje, der nicht Todd, aber mit Nachnamen Olsen heißt, knallt dem Pop unterm wunderbar proklamatorischen Titel It’s Album Time ein Erstlingswerk vor den Latz wie eine Schale zuckersüßen Babybreis. Dafür ein Genre zu benennen ist nahezu unmöglich; irgendwas mit Elektro, Trash und Swing dürfte es wohl sein, was der geniale Bigbandbartechnopianist da zwölf Stücke lang aus dem Nichts zaubert.

Aber um Begriffe, Genres, Zuweisungen geht es ja auch gar nicht auf diesem Urknall zeitgenössischer Tanzmusik ohne R-’n’-B-Geseife. Es geht um eine Genese, die Genese des Aberwitzes aus dem Füllhorn des Pop. Es geht um ein Album, dass seinem Nest entschlüpft wie ein Vogel dem Ei und sodann in die Höhe steigt wie Phoenix und … pardon – zu dick aufgetragen? Zu viel Pathos? Zu metaphorisch? Dann bitte einfach mal reinhören und versuchen, dabei entspannt auf dem Sitz bleiben. Viel Erfolg! Denn nach einem housigen Intro mit dem Plattentitel als gehauchte Verheißung baut Todd Terje sein Debüt auf wie eine Sandburg am Strand, die sich mit jeder Zinne ein bisschen mehr an ihrer selbst berauscht und wächst und wächst und wächst. Leisure Suit Preben etwa klingt zu Beginn noch entfernt nach einem leicht überschminkten Cover der Titelmelodien von Timm Thaler bis Captain Future, denen im anschließenden Preben Goes To Acapulco eine Prise Daft Punk und Skrillex beigemischt wird. Doch spätestens mit dem heillos überdrehten Svensk Sås nimmt das Album namens Album dann so tollkühn Fahrt auf, dass handelsüblicher Trashpop zur harmlosen Verschrobenheit verdampft.

Wie brasilianischer Samba auf 45rpm gesteigert, hetzt der Entertainer durch diesen Reigen der Klangfülle und behält das gefühlte Tempo auch die nächsten Lieder bei. Das klingt dann mal nach restauriertem Achtziger-Jahre-Bombast, mal nach beschleunigtem Sixtiesbeat, unterbrochen nur durch ein abstruses Robert-Palmer-Cover featuring Bryan Ferry. Schon das wirkt überwiegend wie ein Satz Glückspillen in Soundform – und da sind wir noch nicht mal bei Alfonso Muskedunder gelandet, dem Schlüsseltrack, der den Eindruck erweckt, hier würden sechs, sieben Scheiben zeitgleich abgespielt. Aber Chaos? Mitnichten! Um nochmals Weltliteratur zu zitieren: “Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode”, sagt ein gewisser Polonius bei Shakespeare über eine Titelfigur, die dem Wahnsinn ja nun wirklich besondere Seiten abtrotzt. Ganz genau wie Todd Hamlet Terje Olsen.

Todd Terje – It’s Album Time (Olsen Records); Text’n’Pics’n’Kommentare unter http://www.zeit.de

Fuck Art, Let’s Dance!

Wer je in Stellingen war, entwickelt zu diesem Hamburger Stadtteil ein ganz spezielles Assoziationsgebilde. Es hat meist mit Dosenbier, Beton und Abstiegsangst zu tun, während Kreativität, Esprit, gar Glamour diesem Quartier mit Autobahnkreuz in etwa so fremd sind wie Todd Terje die Traurigkeit. Das sollte wissen, wer sich mit einer Band befasst, deren Bezeichnung auf eine etwas schillerndere Herkunft verweist als Stellingen: Fuck Art, Let’s Dance!. Wobei nicht nur der Name des Indiepopquartetts grandios ist, sondern mehr noch ihr Sound.

Das Debütalbum Atlas nämlich modernisiert den Wave der frühen Achtziger nämlich so versiert, so erfrischend und gut, dass der Bandname nicht bloß Worthülse, sondern Zustandsbeschreibung ist. Nach gemächlichem, fast melodramatischem Start zu leicht radebrechen englischen Texten über Liebe, Jungsein, solchen Sachen, nimmt die Platte spätestens ab Fake Love wirklich Fahrt auf und verliert sie bis zum zm 12. Stück auch nicht mehr wirklich. Sicher, Atlas ist im Kern Musik für Nostalgiker. Aber welche mit Energie und Anspruch, nicht dieser traurigen Realitätsverweigerung von Ü-40-Partys. Fuck Art, Let’s Dance! zelebriert die Gegenwart bloß mit den Mitteln von gestern.

Fuck Art, Let’s Dance! – Atlas (Audiolith)


Dieter Meier: Yellow & Solo

MeierAlles aus dem Chaos

Wie er so mit dem berühmten Halstuch unterm Jackett vor einem sitzt, das eisgraue Haar zurückgegelt, könnte man in Ehrfurcht erstarren: Dieter Meier ist nach Hamburg gekommen und hat sein erstes Solo-Album dabei. Es heißt „Out of Chaos“ und wurde überwiegend auf der argentinischen Farm des Yello-Sängers von fast 70 Jahren erdacht. Im Interview erzählt vom Dilettantismus dahinter, was es mit dem Weltall zu tun hat und warum der Echo fürs Lebenswerk eigentlich seinem musikalischen Partner Boris Blank gebührt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Meier…

Dieter Meier: Dieter.

Dein erstes echtes Soloalbum heißt Out of Chaos. Aus welchem Chaos heraus ist es entstanden?

Aus einem pulsierenden. Chaos ist die Mother of Invention. Aus ihm entsteht einfach alles, gibt sich eine Form und löst sie irgendwann wieder auf. Ein gutes Beispiel ist das Weltall. An seinem Anfang explodierte eine Ballung von Energie, bis daraus in Millionen von Jahren Strukturen entstanden sind und nach weiteren Milliarden auch unsere Erde. Doch auch wenn sich das Ganze mit immer höherer Geschwindigkeit ausbreitet, wird es sich wieder zu einer schieren Masse zusammenziehen, die dann aufs Neue explodiert. Dieser Vorgang vollzieht sich in jedem Prozess echter Kreation.

Also auch in der Musik?

Genau. Es sei denn, man macht Schlager, richtet sich also nach Kriterien der Verwertbarkeit aus. Das folgt dann eher einem Opportunitätsprinzip. Wahre Kreativität dagegen folgt dem Prinzip, das Ungeformte zu formen und wieder zu überwinden, damit man nicht als Epigone seiner Selbst dauernd auf alten Pfaden herumtritt. Ich jedenfalls blicke nie zurück.

Auch nicht aufs eigene Werk?

Ich habe mir kaum ein fertiges Yello-Album angehört und schaue mir auch keine eigenen Filme oder Ausstellungskataloge an, weil all dies Fußspuren von gestern sind. Mir ging es nämlich nie um finale Produkte, sondern den Ausdruck meines Ganges durch die paar Zehntausend Tage Leben auf diesem Planeten. Manche Fußspuren verschwinden gleich wieder, manche bleiben länger, das ist alles nicht so wahnsinnig wichtig. Für mich sind die Produkte Ausdruck seinerzeitigen Befindlichkeiten, nicht eines erstrebenswerten Werkes.

Hat Out of Chaos trotzdem etwas mit dem bisherigen Schaffen von Dieter Meier zu tun?

Insofern, als ich mit derselben Stimme arbeite. Aber eben auf völlig andere Weise. Bei Yello bin ich zudem bloß Darsteller verschiedener Charaktere, deren Klangkörper durch die Arbeit von Boris Blank schon zu 80 Prozent bestehen. Sie funktionieren wie Soundtracks nicht existierender Filme, die in mir Emotionen, Situationen auslösen. In den Szenen erfinde ich dann quasi Figuren, die ich als Schauspieler mit meiner Persönlichkeit fülle, wie ja auch jeder Geiger seinen eigenen Zugang zur Violinsonate von Beethoven findet. Aber es bleibt eine Zuarbeit. Bei Out of Chaos ist mein Zugang daher ein völlig anderer; da sitze ich irgendwo in der argentinischen Provinz.

Auf deiner eigenen Rinderfarm.

Sehr einsam. Und dann klimpere ich wochenlang auf einer alten Gaucho-Gitarre herum, ohne Verantwortung für Harmonien, nicht determiniert durch Kompositionsideen oder Inhalte. All meine Akkorde, Melodien, Wörter in nicht existierenden Sprachen sind aus diesem Chaos, dem Nichts entstanden, und vieles davon fiel mir zu wie Sternschnuppen, die mir kleine Fäden zur Hand geben, aus dem ein Gewebe entstehen kann. Als Gitarrist bin ich nämlich ein absoluter Dilettant, aber dieser winzige Urknall dehnt sich wie das Weltall zu einem Inhaltsgebilde aus, auf dem man aufbauen kann. Ich vergleiche das mit Rhizomen.

Pilzgeflechten?

Genauer: ihrem Wurzelwerk im Waldboden. Als Produkt meiner Genetik, Erfahrungen, der Persönlichkeit wächst alles, was ich tue, nur soweit es das Umfeld zulässt – Temperatur, Niederschlag, Nachbarpflanzen. Diese Haltung drückt sich darin aus, dass ich auf gar nichts, was ich je gemacht habe, auch nur die geringste Form von Stolz entwickelt habe. Meine Werke entstehen nicht auf einem erkämpften Leidensweg des Künstlers; sie sind mir passiert.

Vor allem dank Boris Blank oder?

Ja. Was er geformt hat, wirkt auf mich wie ein Gemälde, das ich betrachte. Jetzt dagegen agiere ich nicht als Schauspieler, sondern seit vielen Jahren erstmals wieder als Dieter Meier, der unter dieser Identität vor die Menschen tritt.

Aber schafft sie nicht letztlich eine ähnliche Form des Elektropop?

Anders als bei Yello finde ich solche Kategorien hier unerheblich. Ich habe den wunderbaren Produzenten Nackt, Ben Lauber und T.Raumschmiere meine Songs gegeben, um sie ihnen völlig zu überlassen. So haben Sie ohne störende Einflüsse von außen ihre eigene Klangwelt darin gefunden. Ich gebe zu, sie war mir anfangs durchaus fremd. Aber genau das habe ich daran bald geliebt: dass ich meine eigenen Lieder nochmals neu entdecken konnte.

Du sagst bewusst Lieder. Ist das die grundlegendere Unterscheidung zu Yello, wo ja vieles eher Fläche als Struktur war?

In der Tat. Diese Stücke stehen in der Tradition des Liedes in seiner ursprünglichsten Form. Es gibt Refrains, Reime, Fixpunkte, die umtanzt, umspielt werden, um immer wieder darauf zurückzukommen.

Die Frage nach dem Pop zielte auch darauf, dass der bekanntlich einem strikten Eklektizismus folgt, sich also aus dem Bestehenden nur neu konstruiert. Oder gibt es etwas wirklich Neues an dieser Musik?

Die Platte ist ja nicht wie ein Meteorit vom Himmel gefallen, sondern steht in der Tradition klassischer Liederschreiber von Schubert über Mahler bis Hugo Wolf. Aber wo gibt es denn überhaupt etwas Neues? So wie Philosophie stets ein Kommentar auf bestehendes Denken ist oder Malerei auf existierende Bilder, bedient sich auch mein Sound aus einer Schale voller Einflüsse. Interessant ist aber, wie sich die synthetischen Klänge mit der Wärme akustischer Experimente verbindet. Das finde ich trotz der langen Zeit im Geschäft zumindest originell.

Denkt man nach mehr als 40 Jahren in der Musikbranche kurz vorm 70. Geburtstag manchmal daran, dass so eine Platte eine Art finales Werk sein könnte?

Das weiß man nie so ganz, aber jemals keine Musik zu machen, ist nicht meine Absicht. Ich bin ein Transitmensch, immer unterwegs, und egal wo ich hinkomme – es stehen Instrumente bereit. Meine Tage nähern sich vor lauter Leere zwar bisweilen dem Nichts, aber sobald ich irgendwo eine Gitarre sehe, klimpere ich darauf herum. Nur die Verwertbarkeit ist mir halt völlig unwichtig. Mir ging es ja lange Zeit nicht mal um Wiederholbarkeit.

Inwiefern?

Als ich 1972, so mit 27 Jahren, meine letzte professionelle Partie Poker gespielt habe, wollten mich die Spielgötter mit dickem Gewinn in der Sucht halten. Doch ich habe wiederstanden und mir vom Geld eine tolle Akustikgitarre gekauft, fünf Saiten abgenommen und über Jahre nichts anderes getan, als die verbliebene Seite wie in der indischen Musik, wo sich alles um einen Grundton dreht, einzeln anzuschlagen und dazu undefinierbaren Gesang von mir zu geben. Das hat ein begabter Musiker von Faust gehört…

Der Krautrockband aus Hamburg?

Genau. Der nahm gerade in Norddeutschland eine Platte auf und bat mich, einen Song beizutragen. Als ich den im Studio vorspielte, bat mich der Techniker, ihn zu wiederholen. Dummerweise hatte ich noch nie etwas zweimal gespielt, weshalb ich dann wie ein Zen-Meister der Kalligrafie den Pinsel in den Topf tunkte und dechiffrierbare Schriftzeichen mit rein emotionalen Bildern oszillieren und lesbar werden ließ. Das war der Sündenfall meiner Musik, etwas Wiederholbares herstellen zu müssen. Erst ein paar Jahre nach diesem Schock bin ich mit Punk-Orchestern auf die Bühne gegangen, aber selbst dort habe ich jede Form, die ich mir im Übungsraum angeeignet hatte, sofort wieder verlassen, schlicht weil ich sie vergessen habe.

Ist das der Rote Faden durch deine Karriere – die Suche nach der Form außerhalb tradierter Strukturen?

Jedenfalls will ich mit ihr nie etwas Bestimmtes erreichen. Dass folgt meiner dilettantischen Natur und befreit mich von der Falle, im Akademischen hängen zu bleiben. Andererseits ist jeder Mensch einzigartig und erzeugt auf der Suche nach dem inneren Kind automatisch eine gewissen Originalität.

Diese Suche ist gerade erst mit dem Echo fürs Lebenswerk von Yello ausgezeichnet worden. Fühlt man sich da eher geehrt oder doch vor allem alt?

Durchaus geehrt. Die Ehre kommt aber vor allem Boris Blank zu, der im Grunde den Techno erfunden hat. Weil er kein Instrument beherrschte, aber Musik machen wollte, hat er – lange bevor es digitales Sampling gab – alle erdenklichen Geräusche auf Tonband aufgenommen und daraus Tape-Loops gemacht. Der Echo war als für den Klanggestalter Blank, nicht für den Sänger Meier. Vielleicht haben meine zugehörigen Videos zum Gesamtbild beigetragen, aber der Preis gebührt ihm. Weil wir aber beide weiterhin extrem pulsieren, um im Bild von vorhin zu bleiben, hat der Echo weder für ihn noch für mich irgendeine Nostalgie.

Das Interview ist vorab im MusikBlog erschienen: http://www.musikblog.com/2014/04/verwertbarkeit-ist-mir-voellig-unwichtig-dieter-meier-im-interview/


Porträt: Hoss, Eidinger, Waschke, Haberlandt

Vier gewinnen

Nina Hoss, Lars Edinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt gelten als beste Schauspieler Ihrer Generation. 14 Jahre nach ihrem gemeinsamen Abschluss zeigen sie heute (20.15 Uhr, Arte) im Drama Fenster zum Sommer, was Fernsehen kann, wenn es von der Leinwand kommt, aber nicht für den Bildschirm formatiert wurde.

Von Jan Freitag

Devid fehlt, aber eigentlich fehlt nur er. Nina, Lars, Mark und Fritzi – sie alle sind ja dabei, in diesem Drama namens Fenster zum Sommer. Und sie alle sind es in exakt jenen Rollen, die womöglich niemand besser beherrscht als dieses Quartett hiesiger Ausnahmeschauspieler: Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt. Vier Alleinstellungsmerkmale jedes Films geben also in einem einzigen: die irritierend schöne, aber seltsam spröde Enddreißigerin am Abgrund der Verzweiflung; ihren unscheinbaren, aber tiefenscharfen Freund zwischen Spießigkeit und Seitenscheitellässigkeit; seinen irritierend schönen, aber schwer durchschaubaren Nachfolger mit Hang zur Selbstüberschätzung; und die unscheinbare, aber bemerkenswerte Freundin aller ohne rechte Bindung zum Leben.

Es sind Paraderollen, die Regisseur Hendrik Handloegten seinen Hauptdarstellern auf den Leib geschrieben hat, Figuren in einer famosen Hybridproduktion – vorab gezeigt auf der Leinwand, gefertigt im Grunde für den Bildschirm. Sie handelt von Juliane (Hoss), die mit August (Waschke) einen traumhaften Sommer verbringt, bis sie im Winter zuvor an der Seite ihres Exfreunds Philipp (Eidinger) erwacht und bald ihre Freundin Emily (Haberlandt) trifft, die doch zwei Monate zuvor ums Leben kam. Daraus entwickelt sich ein fein orchestriertes, aber furioses Drama um jene Chancen, die ein Zurückdrehen der Zeit eröffnet – und verstreichen lässt. Es ist ein mystisches Melodram mit maximalem Realitätsanspruch, eine Perle deutschen Dialogkinos im Fernsehen. Kein Wunder, dass er ohne Devid stattfindet. Denn für den, Nachname Striesow, bliebe in Handloegtens Paraderollenmodell nur die Rolle des unscheinbaren, aber naiv überdrehten Kindskopfs mit Hang zur Hippeligkeit, der allerdings hier völlig fehl am Platze gewesen wäre. „Warum ist Devid nicht da?“, fragte Mark Waschke dennoch, als das Zeit-Magazin kürzlich die vier tragenden Säulen aus „Fenster zum Sommer“ interviewte und diese Frage war nur zu berechtigt. Devid Striesow, Nina Hoss, Lars Eidinger, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt sind schließlich nicht bloß Berufskollegen, es sind Absolventen desselben Jahrgangs an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch.

Im Jahr 1999 war das, nach zehn Semestern gemeinsamer Ausbildung, die – wie alle fünf minus Devid im Gespräch mit dem Wochenblatt pflichtschuldig bescheiden beteuerten – keinesfalls auf das hingedeutet hätten, was daraus geworden ist: der beste Jahrgang vielleicht, den hierzulande je eine solche Lehranstalt verlassen hat. Da summiert sich also Bemerkenswertes auf: Drei Dutzend der wichtigsten Branchenpreise im Land, für Inszenierungen, Filme und Fernsehstücke, die regelmäßig Feuilleton und Zuschauer, oft beides, zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Allein die Stuttgarterin Hoss wurde bereits 1995 von Bernd Eichinger – damals noch eher aus optischen Gründen – als Edelnutte der Neuverfilmung vom „Mädchen Rosemarie“ aus der ersten Klasse abberufen und sammelte fortan für Stücke wie Medea, Filme wie Yella oder Fernsehen wie Wolfsburg als distanziert angreifbare Provinzbeauty die höchsten Trophäen. Lars Eidinger, mit 37 der Jüngste im Quintett und Ensemblemitglied an der Schaubühne seiner Berliner Geburtsstadt, gilt als größtes Theatertalent seiner Generation, wurde 2009 jedoch im unfassbaren Kammerspiel Alle anderen neben der unfassbaren Birgit Minichmayr auch dem Kinopublikum als unfassbarer Gesprächsvirtuose bekannt.

Dazu Mark Waschke, Markenkern: Nebenbuhler. Mit 41 am ältesten kam der Wattenscheider über leicht peinliche Umwege à la Alarm für Cobra 11 als letzter von allen zu inhaltlichem Erfolg, seit seinem Thomas in Heinrich Breloers Die Buddenbrooks aber mit Nachdruck und der wohl deutschesten Attraktivität seiner Branche, die ihm Mitte März im Kriegsepos Unsere Mütter, unsere Väter gar einen SS-Schergen gestattet. Und Fritzi Haberlandt, noch so eine Berliner Bühnenberserkerin, Jahrgang 1975. Sie war schon Werthers Charlotte, war Wedekinds Lulu, war auch vor der Kamera oft die mal früh-, mal spätreife Jungerwachsene, was sie mit so kindlicher Inbrunst verkörpert, dass die beste Nachwuchsschauspielerin der Jahre 2000 bis 2001 wohl auch 2031 noch Teenager im Geiste darstellen darf.

Solch eine Riege in nur einem Film zu besetzen – da stellt sich nur die Frage, ob er am eigenen Anspruchsdenken scheitert oder dem der Öffentlichkeit. Umso erstaunlicher, wie souverän und dabei spielerisch „Fenster zum Sommer“ die Fallhöhe steht. Was vor allem daran liegt, dass Filmdialoge so brillanter Gegenwartsdarsteller gern improvisiert klingen, aber natürlich nie sind; dass sie stets die Balance halten zwischen Theatralik und Authentizität; dass sie buchstäblich spielen und dabei doch ernsthaft agieren. „Soll ich Ihnen mit dem Ding da helfen?“, sagt Waschke schüchtern, als August Juliane erstmals trifft. Ließe ein gewöhnlicher Film diese Traumfrau auf irgendwie betörende Weise antworten, sagt Hoss nur mädchenhaft „nö“ und lächelt zu Boden. Fernsehen kann so gut sein, wenn es vom Kino kommt. Mit solchen Texten. Von solchen Schauspielern.


Schweinepresse & Sandmangel

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

21.-27. April

Echte Scheußlichkeiten, also die richtig schmerzhaften Erfahrungen, muss man manchmal eine Weile sacken lassen, um darüber reden zu können. Dabei ist die Talkshow mit Günther Jauch bekanntlich häufiger mal eine Qual, die sprachlos macht. Doch was er gestern vor einer Woche abgeliefert hat, das musste erst mal eine Woche im Intellekt abhängen, bevor es zurück an die frische Luft konnte. Denn wie der plebejische Dampfplauderer das blutspermatränentriefende Gossenblatt Bild zum Quell journalistischer Moral erklärte, wie Springers aasigster Sportreporter Alfred Draxler ausgerechnet zum Medienmegthema Schumi unwidersprochen den Moralisten gegen den Rest der „Schweinpresse“ geben durfte, wie der, äh, Moderator das vollends boulevardbesetzte Sofa im Eigenlob baden ließ – all dies symbolisierte auf erbärmliche Weise, wie nah der öffentlich-rechtliche Rundfunk Jauchs Stammsender RTL längst kommt.

Und das ausgerechnet, wo dort tags drauf allen Ernstes ein ungewöhnlich wirkmächtiges Stück Sachfernsehen lief. Im Rahmen des geistig ansonsten äußerst schlichten Spätmagazins Extra nämlich lief dort eine Reportage über die Arbeitspraktiken bei Zalando, die dem Schuhversand einen beispiellosen Shitstorm bescherten (und RTL eine Klage der heimlich Gefilmten). Das ist insofern bemerkenswert, als RTL jede Form sozialen Gewissens ansonsten fern ist wie ein Pulitzerpreis. Den haben vorigen Dienstag übrigens der britische Guardian nebst Washington Post für ihre Berichte zum NSA-Skandal gekriegt, was sich die Bundesregierung bei ihrer Behandlung Edward Snowdens kurz mal vor Augen halten könnte.

Am gleichen Tag ging mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis übrigens die wichtigste Trophäe für deutsche Journalisten an den Autor Stephan Lamby für seine Reportagen wie die über den Kanzlersohn Walter Kohl. Und an die ARD-Reporterin Golineh Atai für ihre Berichte vom Kiewer Maidan, die sie selbst in der hitzigsten Straßenschlacht so sachkundig wie furchtlos waren (und es auch vom Riesenbildschirm im modernisierten Tagesschau-Studio für 24 Millionen Euro sein werden). Furcht ist ein gutes Stichwort, um nochmals auf Springer zu sprechen zu kommen. Dessen Vorstandsvorsitzender hat nämlich offen seine Furcht vor der Datenkrake Google geäußert, was im Grunde Mitgefühl für Mathias Döpfner hervorruft. Es wird dann aber doch Schadenfreude darüber, dass sich der Herr über jene Blätter, deren Wesen es ist, mit der Angst anderer Rendite zu erzielen, mal selbst in die Hosen macht.

Das dürfte ab 2015 dann auch den Anbietern herkömmlichen Fernsehens widerfahren, wenn der amerikanische Streaming-Dienst Netflix auch hierzulande online geht. Produziert er dann weiterhin Serien wie House of Cards, geht die digitale Wachablösung womöglich doch bald vonstatten.

TV-neuDie Frischwoche

14.-20. April

Bis dahin jedoch muss sich das Publikum mit festen Programmstrukturen abgeben. Bevor also das letzte Urbi et Orbi gesendet und der letzte Sandalenfilm versendet ist, werfen wir einen letzten Blick aufs Osterrestprogramm, das idealtypisch zeigt, wie deutsches Fernsehen zur Hauptsendzeit funktioniert. Im Ersten gibt’s nach der reanimierten Jugendkulturenkreuzfahrt Junges Deutschland (18.30 Uhr) nämlich Tatort, diesmal aus der Schweiz, im Zweiten Rosamunde Pilcher, diesmal mit Liebe, bei Sat1 was Romantisches, diesmal mit Schweighöfer, bei RTL was anderes mit Testosteron, diesmal Transporter. Dazu Tribute von Panem bei Pro7, Die Geissens auf RTL2, den Wagner-Clan (3sat) und der NDR holt Dalli Dalli aus der Grube. Im Grunde bringen zum Feiertagsausklang also alle das, wofür sie stehen.

Vox dagegen macht das mit Sing meinen Song erst morgen, wo von Sarah Connor über Andreas Gabalier bis zum unvermeidlichen Xavier Naidoo recht unterschiedliche Massenkünstler Lieder der jeweils anderen singen. Das dürfte eine werbewirksame Selbstbeweihräucherung der beteiligten PR-Produkte sein, was aber nicht weiter stört. Im Gegensatz zum ZDF, das seinen wichtigen Dokumentarfilmplatz zeitgleich für eine süffige Reportage übers holländische Königspaar Máxima und Willem-Alexander freiräumt, was mindestens ärgerlich ist. Das passt irgendwie gut zu Sendungen wie Herrliches Hessen derweil im HR und verdeutlicht den dokumentarischen Graben zu Sendern wie Arte. Der zeigt nämlich parallel eine Reportage namens „Die neue Umweltzeitbombe“ über illegalen Sandabbau. Darauf muss man erst mal kommen! Tags drauf schärft der Kulturkanal sein fiktionales Profil mit Hendrik Handloegtens Fenster zum Sommer, das die wohl beste Schauspielschulklasse der Gegenwart in einem Film vereint: Nina Hoss, Mark Waschke, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger.

Für Feinschmecker ist das umso wichtiger, da im Ersten dank der Champions League der Mittwochsfilm ausfällt. Ein klein wenig kompensiert die ARD das Donnerstag mit einen Pilotfilm, der die Chance auf Fortsetzung verdient hätte: Kommissar Dupin mit Pasquale Aleardi als Pariser Ermittler in der Bretagne – Kunst, Essen, Lässigkeit nach dem Bestseller von Jean-Luc Bannalec. Weniger leicht ist dagegen der sozialkritische Psychoschocker Eden Lake mit Michael Fassbender als Großstadtschnösel im Clinch mit der brutalen Kleinstadtjugend (ZDFneo, Freitag, 23.05 Uhr). Das ist trotz des harmloseren Titels sogar krasser als der Tipp der Woche am Mittwoch: Lady Frankenstein (22.45 Uhr, HR). Absurder Softpornohorrortrash, der aber bei adäquater Berauschung grandiosen Charme entfaltet.