U3000, The Mighty Stef, The Phantom Sound

cover-belogen-albumU3000

Zoon Politikon ist ein philosophischer Begriff fürs soziale Tier Mensch, übersetzbar mit Gemeinschaftswesen, dem das Kollektiv wichtiger ist als die individuellen Teile. Ein schöner Gedanke, aber irgendwie außer Mode in unserer hyperindividualisierten Zeit, der schon Hamburgs Diskursschule zu politisch ist und andernorts egoistische Angsthasen von AfD bis Pegida gebiert. Mit beidem will auch eine Band aus Hannover nichts zu tun haben, weshalb sich deren Mitglieder im Interview seltsam bereitwillig “Popper” nennen. Ein Begriff, der besonders optisch prima zu den vier hübschen Hipsterpunks passt, denen die Wahlheimat Berlin weiter das Stilbewusstsein schärft.

Dieser Hang zur Hülle ist auch musikalisch Programm. Ihr Debütalbum ist so vollgestopft mit glamourösem Mashup der digitalen Soundkultur, als wäre jeder der kompromisslos gut gelaunten Tracks ein Bekenntnis zum Hedonismus. Klingt für Feuilleton-Ansprüch grausam? Ist es auch! Aber eben auch einfach nur so herrlich verspielt und lustvoll redundant, dass schlichter Textmüll wie Mädchen, tanz mit mir nicht discosexistisch ist, sondern aus der Laune raus in den Sommer geträllert, also irgendwie, nun ja: nett. Manchmal ist es halt angenehm, wenn nicht dauernd politische Herdentiere durch die Boxen stromern, sondern – sagen wir: Primaten, die einfach mal den Tag genießen.

U3000 – Wir haben euch belogen (Freundehaus Recordings)

themightystefcoverThe Mighty Stef

Durchs neue Album von The Mighty Stef stromern hingegen keine Primaten, sondern Pferde. Viele Pferde. Ständig. Schon das wunderber depperte Cover von Year of the Horse zeigt ein Kunstexemplar in 3 D, dahinter hetzen zwei Vollblüter mit Jockeys über den Turf, die Titel lauten schon mal Horse Tranquilizers – es scheint, als verströmten die zwölf Stücke Westernaura. Doch von Country kann keine Rede sein. Die Dubliner klingen zehn Jahre nach ihrem Debüt, wie Editors und Libertines wohl gern noch klängen: pathetisch, nicht larmoyant, brennend statt ausgebrannt.

Das Quartett um Songwriter Stefan Murphy gewinnt dem Britrock abermals jene Kraft ab, die mit Pete Dohertys erstem Drogenentzug versiegte, berserkern aber nicht so wüst in die Harmonien, dass alle Eleganz verlorenginge. Gut, zuweilen verirrt sich das Album wie so oft im Genre zwischen Ohohoh-Chorälen und Liebesgefasel. Abseits solcher Standards jedoch wirkt das Ganze wie eine grandiose Clubnacht auf Absinth. Da jene Pferde, die sie gar nicht reiten, dabei ständig mit ihnen durchgehen, verordnen sie sich das Beruhigungsmittel übrigens selbst.

The Mighty Stef – Year of the Horse (Burning Sands Records)

thephantomsoundThe Phantom Sound

Wer von wem genau jetzt wie durch The Phantom Sound beruhigt werden muss, ist da schon ein bisschen schwerer einzuordnen. Musikalisch nahe am distinguierten New Wave der frühen Roxy Music, verpasst Marisa Schlussels Stimme diesem bemerkenswerten Debüt zuweilen Debbie Harrys leicht gelangweilten, hinreißend schnodderigen Grundton und wirkt dabei ebenso aufgekratzt wie tiefenentspannt. Ein unvergleichlicher Spagat, den vor und nach Blondie kaum eine Band zuwege gebracht hat.

Auch The Phantom Band nähern sich dem nur mit etwas Abstand an. Ihr digital aufgemöbelter Spätpunk klingt bei aller Lässigkeit allerdings oft so herrlich beschwingt und sachlich zugleich, wie es der Pop nur in seiner kreativen Ausdifferenzierungsphase zwischen Flower Power und Techno gelegentlich geschafft hat. Vornehmlich psychedelische, gern mal electroclashige Rock-‘n’-Roll-Riffs im Rücken, erzählt die Kalifornierin mit Wohnsitz London aus dem Hallraum des Studios so beiläufig von Beziehungsbelangen, dass man gar nicht recht merkt, wie einem vieles davon in die Glieder fährt. Also doch eher ein Upper als Downer.

The Phantom Sound – The Phantom Sound (Eigenlabel)

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Alexandra Neldel: Lächeln & Heiraten

rosaIst doch schön!

Sie ist halt so und kann nicht anders: In Einfach Rosa sucht die GZSZ-geschulte Wanderhure Alexandra Neldel (Foto: Iltze Kitshoff/ARD) mal wieder das kleine Glück für sich und andere. Dabei könnte sie mehr – das zeigt präzises Timing gepaart mit authentischer Ausstrahlung im Pilotfilm der ARD-Reihe (30. Oktober, 20.15 Uhr). Wenn die 39-jährige Berlinerin doch nur das Süßliche ließe. Nur: das will sie gar nicht.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Neldel, ich muss zu Beginn mal ein Lob loswerden.

Alexandra Neldel: Oh!

In Einfach Rosa stimmt Ihr Timing, das Wechselspiel zwischen Gestik und Mimik, der Ausdruck, fast alles. Kann es sein, dass die ungelernte Filmhilfskraft Alexandra Neldel mittlerweile eine echte Schauspielerin ist?

Vielen Dank. Das lassen wir doch einfach mal so stehen. Danke für das tolle Gespräch, bis zum nächsten Mal (lacht laut). Nein im Ernst, vielleicht hat man mich hier einfach mal so machen lassen, dass es authentisch wirkt. Vielleicht liegt mir auch die Rolle besonders. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur besser geworden.

Sie sind also seit ihrer GZSZ-Zeit gereift.

Das hoffe ich doch!

Dann stellt sich die Frage, warum Ihre Filme nicht mit gereift sind?

Finden Sie? Ich nicht! Wenn man bedenkt, wo ich herkomme, aus der Daily Soap über Pro7-Filme und Verliebt in Berlin bis Wanderhure, Der Minister oder Unschuldig, eine echt anspruchsvolle Serie, sehr düster, für die das Fernsehen damals nur einfach noch nicht bereit war – ich hatte doch echt fast alles dabei.

Aber ist eine Hochzeitsplanerin da kein Rückfall in alte Romanzenrollenmuster einer Zeit, als gerade ein paar Wedding-Planer aus Hollywood kamen, Anfang der Nullerjahre?

Überhaupt nicht. Geheiratet wird immer. Und eine Frau, die den gleichen Typen gleich dreimal vorm Altar sitzen lässt und danach beim Arbeitsamt um einen Gründungszuschuss für eine Hochzeitsplanerin bittet – das ist doch kein gewöhnlicher Ansatz dieses Genres. Außerdem heißt sie nicht wegen der Farbe, wie sie heißt, sondern wegen Rosa Luxemburg.

Ah ja.

Das Dramatische wird mit jedem Fall ausgeprägter, glauben Sie’s mir.

Trotzdem – dachten Sie nicht, als das Drehbuch auf Ihrem Tisch lag, jetzt bieten die mir schon wieder so was Seifiges an, ich will keine Hochzeitsplanerin, ich will eine Totschlägerin?

Warum? Zum einen wurde ich ohne Drehbuch angefragt und fand die Idee sofort toll. Zum anderen hab ich noch massig Zeit, um auf Totschlägerinnen zu warten. Außerdem hab ich fürs ZDF gerade Das Mädchen aus dem Moor gedreht, auch so ein düsterer Krimi. Ich weiß ja, die Leute erwarten von einer seriösen Schauspielerin, dass sie ständig auf der Suche nach großem Anspruch ist. Aber ich habe weder mein Leben noch meine Karriere je so geplant, dass ich ständig Häkchen hinter irgendwas machen musste. Wenn ich auf etwas Bock habe, mach ich es, auch wenn andere etwas anderes von mir verlangen.

Was verlangen Sie denn selbst von sich?

Dass ich mich immer weiter entwickele.

Auch in Richtung harte Kante, weg vom dauernden Lächeln?

Nein, mein Lächeln gehört zu mir, so wie eine gewisse Leichtigkeit, die mir offenbar auch ein bisschen zu liegen scheint. Und wenn die Leute mich so sehen wollen, wie ich spiele – warum sollte ich dann auf Krampf dagegen angehen – damit ich’s allen Mal recht mache? Was hab ich von der megaharten Rolle in einem megakrassen Film, wenn meine Figur darin unglaubhaft wirkt? Ich möchte die Zuschauer gut unterhalten, aber mehr noch, dass sie mir meine Charaktere auch abnehmen.

Machen Sie sich damit nicht vom handelnden Subjekt zum Objekt fremder Ansprüche?

Um das zu beantworten, müsste ich erst mal genau wissen, was genau ich denn wirklich spielen wollen würde! Aber mit so viel Kalkül gehe ich da nicht ran. Wer weiß, was im Januar passiert…

Wurden Sie schon mal davon überrascht, wie viel man Ihnen zutraut, haben es aber dennoch abgelehnt, weil Sie sich darin nicht glaubhaft gefühlt hätten?

Warten Sie mal… Nee, in letzter Zeit nicht. Bei Unschuldig war ich überrascht, da durfte ich ja auch nicht lächeln. Dafür wollten es die Leute auch nicht sehen und ich dachte eine Zeitlang, das läge an mir.

Was die Leute offenbar unheimlich gern sehen, sind Menschen beim Heiraten in weiß. Sonst gäbe es das nicht so oft auf den Freitags- bis Sonntagssendeplätzen. Wie kommt das?

(lacht) Weil eine Hochzeit in Weiß am Ende für Romantik steht und ein Happyend symbolisiert. Ist doch schön!

Aber ist es auch realistisch oder nicht doch die schöne alte Märchenwelt des Schnulzenfernsehens?

Das hängt vom Einzelfall ab, aber bei uns wird gar nicht immer am Ende in Weiß geheiratet. Schon der zweite Film ist da komplizierter. Aber vielleicht macht ja gerade die Tatsache, dass nicht mehr so viel kirchlich geheiratet wird, dessen Reiz beim Publikum aus. Die tauchen in eine schöne Welt ein, die so nicht mehr besteht. Das ist doch legitim, so nach Feierabend.

Wenn Sie die Kontrolle über diesen Film gehabt hätten, sähe ihre Rolle darin so aus wie sie sich jetzt darstellt?

Rosa ist bindungsunfähig, hat ein schlecht laufendes Unternehmen, das ist so wenig happy, dass ich da voll hinter stehen kann.

Sind Sie eigentlich selber verheiratet?

Dazu werde ich Ihnen nichts sagen.

Es gibt von Ihnen ohnehin kaum Klatscherkenntnisse.

Und das wird auch nach unserem Gespräch so bleiben.

Na dann mal rein hypothetisch gefragt: Wenn Sie heiraten würden, wäre dann etwas Weißes dabei?

Ich glaube schon, aber es wäre bestimmt kein Sahnebaiser-Kleid, obwohl – man weiß nie, was kommt…


Arte-Doku: Rammstein in Amerika

061706-000-A_rammstein-amerika_02Rammie goes to Hollywood

Die herausragende Arte-Doku Rammstein in Amerika (Foto@Guido Karp/ZDF) zeigt den unwahrscheinlichen Siegeszug der erfolgreichsten deutschen Band auf dem schwierigsten Markt für ausländische Künstler und lässt dabei offen, wer da eigentlich wen genau benutzt.

Von Jan Freitag

Chad Smith zählt fraglos zu den Superstars im Milliardenbusiness Rock’n‘Roll. Als Schlagzeuger der rasend erfolgreichen Red Hot Chili Peppers dürfte ihn nach bald drei Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt also nichts mehr überraschen. Außer vielleicht: Till Lindemann. Den, erzählt dieser Chad Smith, habe er mal gefragt, was es mit all dem Feuer auf sich habe, und drei Antworten erhalten. Erstens, zitiert er den Rammstein-Sänger mit teutonischem Akzent, das des Geistes. Zweitens, sein Lächeln gerät fast spöttisch, das des Herzens. Und drittens, der abgebrühte Profi imitiert das Ganzkörperlachen des Pyromanen aus Ostdeutschland mit der Innbrunst eines bekennenden Fans, „einfach Feuer“. Einfach Feuer?

Am Sehnsuchtsort allen Entertainments, der die Hülle notorisch zum Wesenskern des Inhalts erhebt, ist Feuer nie bloß Feuer, sondern Teil einer Show, von deren Lichtstrahl auch das Sextett realsozialistisch sozialisierter Ex-Punks angesaugt wurde wie Jünger vom Demagogen. Hannes Rossachers Arte-Dokumentation Rammstein in Amerika skizziert daher nicht nur den Weg einer neudeutschen Band mit altdeutschem Gestus zu urdeutscher Sprache dorthin, wo fremde Bands mit fremdem Gestus zu fremder Sprache inakzeptabler sind als Klingonen auf der Enterprise. Rammstein in Amerika ist demnach die Muskelfleisch gewordene Synthese des Unvereinbaren, das zusammenwächst, weil es zusammengehört.

Kollege Smith weiß davon ein Lied zu singen. Iggy Pop übrigens auch, zudem Marilyn Manson, Steven Tyler, Gene Simmons, Moby, Slipknot und wie die erlesenen Platzhalter der Popkultur vor Rossachers Kamera so heißen. Zwischen kindlicher Verblüffung und adulter Hochachtung feiern sie 90 klingende Minuten lang ein Phänomen, das unerklärlich scheint und doch so naheliegend wie der Titel des Films.

Nach Amerika nämlich bricht er 1993 in grobkörnigen Archivbildern auf, als sechs befreite Zonenkinder ein Jahr vor Rammsteins Gründung zufällig zeitgleich die USA bereisen. Als Freiheitstest ins land of the free geplant, geriet der Besuch zur Pilgerfahrt ins Land der Ungläubigen, die bekehrt werden wollten, davon aber noch nichts wussten. In „Rammstein“, erklärt Iggy Pop euphorisch wie ein Junge beim Entdecken der Schokoladenschublade, stecke ja nicht nur das aggressive ram plus steinerner Härte, sondern eine US-Militärbasis, die 1988 in Flammen aufging. „Unser wunder Punkt“, meint der Berlin-Exilant aus Bowies Kreuzberger Tagen. Die Träger des Namens steckten genüsslich die Finger rein. Besser: die Lunte.

Kaum nämlich, dass ihre „Neue Deutsche Härte“ dem amerikanischen Nu Metal Mitter der Neunziger ein teutonisches „R“ über die Riffs gerollt hatte, eroberten die Mecklenburger ihren Bestimmungsort – nein, nicht grad im Sturm. Doch nach dem ersten Auftritt in New York vor 15 Gästen ging es schnell mit dem Auswärtserfolg. Gründe dafür entlockt Regisseur Rosslacher den weltweit erfolgreichsten Popstars aus Deutschland beim entspannten Plaudern auf schwarzen Sofas, wo die angegrauten Veteranen kaum zu sehen sind, so martialisch kleiden sie sich noch als sorgsame Familienväter.

Wobei es ja drei Gründe waren: Feuer (Kopf), Feuer (Herz), Feuer (Feuer). Gepaart mit dem wagnerianisch überfrachtetem Thrill von Sex, Gewalt und Nazikitsch war das Flammeninferno Rammstein besonders live „so extrem, so real“, dass ihr künftiger Agent schon früh gewusst haben will: „Amerika wird das fressen! Und wie. Streng chronologisch macht der Film deutlich, was diesen Appetit westlich des Atlantiks erzeugt, befriedigt und neu entfacht hat. Vom Soundtrack zu David Lynchs Lost Highway über den Kampf der Pyromanen mit örtlichen Brandschutzregeln und einem publikumswirksamen Prozess wegen pornografischer Showelemente bis hin zur US-Tour mit eingeborenen Genre-Göttern wie KoЯn ging es einzig bergauf – bis Rammstein nach 9/11 Zweifel am Land der Träume kamen, das sich nun fast so unfrei anfühlte wie das eigene hinterm Eisernen Vorhang, weshalb die Band ihre zweite Heimat wieder verließ. Für zehn Jahre.

Aber nicht nur dort kühlte der Draht zwischen Publikum und Band merklich ab. Noch immer eine Ikone artifiziellen Kommerzes, hatte das Feuilleton zwei Jahre zuvor erstmals mit der rechter Umtriebe nie unverdächtigen Band gefremdelt, als das Video zum Depeche-Mode-Cover Stripped Leni Riefenstahls Herrenmenschenbilder nutzte. Nach der dritten Platte Mutter schien sich auch ihr Sound abzunutzen, worunter auch die bandinterne Stimmung litt. Das Feuer brannte – zumal auf der Bühne – weiter, doch es wärmte weit weniger. Bis der explizite Porno zur Single Pussy 2009 den Erregungsregler auf Anschlag drehte und Rammstein ein Jahr drauf heim ins Reich des Pop zurückkehrten.

Der Gig im Madison Square Garden, nach 20 Minuten ausverkauft, bildet die dramatische Klammer von Rossachers Film, den Hollywood nicht besser scripten könnte: Aufstieg & Fall, Zweifel & Einsicht, Katharsis & Auferstehung von Helden, deren Heroismus brüchig ist wie im Serienfernsehen dieser Tage – so geht Musikdokumentation für Kinoansprüche. Trotz allen Erfolgs türmt der Regisseur seine Objekte ja nicht nur zu Denkmälern auf, er stutzt sie zwischendurch auf die Größe von Avataren der Aufmerksamkeitsindustrie. Sechs provokante Feuerteufel zum Amüsement einer sittenstrengen, dauererregten, konsumgeilen Gesellschaft. Wie Rammstein, meint Scott Ian von der Metal-Legende Anthrax und lächelt wie zu Beginn Chad Smith, stelle sich Amerika halt Deutschland vor: „Eine gut geölte Maschine.“ Gut, dass Hannes Rossacher offen lässt, wer sie führt.

Der Film ist noch bis Samstag in der Arte-Mediathek zu sehen


Schwarzwaldklinik & Plötzlich Krieg?

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

19. – 25. Oktober

So, der 21. Oktober ist vorüber, ohne dass in Hill Valley oder sonstwo ein De Lorean aus der vergangenen Zukunft mit Michael J. Fox gelandet wäre, wie es sein Sportwagen im Zeitreiseklassiker angezeigt hatte. Noch folgenloser ging tags drauf das zweite Jubiläum der Vorwoche an uns vorbei: Die Schwarzwaldklinik wurde 30, was nicht mal beim ZDF zu programmatischer Würdigung führte, obwohl der Sender damals kollektiv auf dem Grab gehaltvoller TV-Unterhaltung getanzt hatte, wenn die Einschaltquote mal wieder Rekordniveau erreichte.

Seit Wolfgang Rademanns keimfreier Halbgötterserie in 73 Teilen ist das Leitmedium ein anderes – banaler, seniler, völkischer, dümmer, der digitalen Konkurrenz schutzlos ausgeliefert, also nicht mehr zu retten. Das belegt wenig besser als der hektische Kampf gegen die dramaturgische Vormachtstellung importierter Produkte, denen hierzulande selten mehr als Krimikost oder Zeitgeschichte entgegengesetzt wird, gern beides in einem wie zuletzt Blochin, bald Deutschland 83 oder Mitte 2016 Tom Tykwers monumentale ARD-Serie um die Goldenen Zwanziger Jahre in Babylon Berlin.

Das angeblich ehrgeizigste Fernsehprojekt soll jedoch auf der Kippe stehen. Vordergründig, weil die immensen Kosten nicht abschließend gedeckt sind, was hintergründig aufs Dilemma hiesiger Fiktion insgesamt verweist: Wichtiger als gute Bücher für motivierte Darsteller sind Blut, Tränen, Kulisse und die Hauptstadt als Spielort. Während der andernorts auch mal Baltimore, Albuquerque oder New Jersey heißen darf, ist es hierzulande selbst bei ansehnlichen Formaten von KDD bis Weissensee zwingend Berlin. Könnte ja jemand denken, Deutschland bohre dünne Bretter…

0-FrischwocheDie Frischwoche

26. Oktober – 1. November

Dass eher Geschichten und Dialoge statt Gerechtigkeitsdenken und Schauwert für globalen Erfolg sorgen, ist halt noch immer nicht angekommen im Land des ängstlichen Fernsehens für besorgte Bürger, die der Historiker Norbert Frey in den Tagesthemen gerade erfrischend klug als „Bürger“ bezeichnet hat, die uns eher „Sorgen machen sollten“, doch das nur am Rande einer Rückschau, die den Irrsinn von Dresden und anderswo nicht einfach rechts liegen lassen kann.

Wo der hinführen kann, zeigen auch diese Woche nicht nur frische Bilder hartrechter Montagsmärsche besorgniserregender Bürger oder offene Gewalt gegen Volksverräter jeder Art, sondern eine ARD-Doku zum Wochenauftakt: Um 23.45 Uhr stellt Felix Moeller Nazifilme aus dem Giftschrank vor, die der Öffentlichkeit bis heute vorenthalten werden – was sie weit interessanter für Pegida-Fans macht als kommentierte Ausgaben, die das Klima entgiften könnten. Wie leicht es kippt, will Dienstag und Mittwoch um 21.45 Uhr das  Social-Factual-Experiment Plötzlich Krieg? ergründen. Unter zwei Gruppen verschiedener Menschen sät ZDFneo solange Zwietracht, bis es knallt, und zeigt damit, wie zersetzend ungefilterte Propaganda wirkt.

Bei so viel rauer Wirklichkeit ist es erleichternd, mal kurz ins Wolkenkuckucksheim harmloser Unterhaltung abzutauchen. Eigentlich böte sich da mittlerweile der Freitagabend im Ersten an, wo zwar seit einiger Zeit gelegentlich ein zuvor undenkbarer  Realitätssinn Platz findet, der aber immer mal wieder zurückfällt ins Schnulzenschema der Neubauer-Ära. Etwa mit der süßlichen Alexandra Neldel, die in Alles Rosa allen Ernstes eine liebeskranke Wedding-Planerin spielt und im lachhaft sülzigen Pilotfilm der geplanten Reihe gleich mal alles einreißt, was sie sich mühsam an Renommee aufgebaut hat.

Das ist von so präkambrischer Schleimigkeit, dass es eigentlich ins Bahnhofskino gehört. Zur Erinnerung an die sterbenden „BaLis“ voll Monster, Mumien, Mutationen zeigt Arte Samstag (22 Uhr) Oliver Schwehms hinreißende Hommage Cinema Perverso, die mehr ist als ein Kuriositätenkabinett des Trash. Vor ihrem Niedergang im Zuge von VHS & RTL wäre melancholischer Werwolf-Horror wie When Animals Dream aus Dänemark vermutlich dort gelaufen, statt an einem Montag um 23.15 Uhr im NDR. Und auch die farbige Wiederholung der Woche war 1976 ein Kandidat fürs Bahnhofslichtspielhaus: Scorceses Taxi Driver (heute, 20.15 Uhr, Arte), mit dem jungen Robert De Niro und der jüngeren Jodie Foster im New Yorker Rotlichtsumpf. Der schwarzweiße Tipp begibt sich ins Winnipeg von 1933, wobei The Saddest Music in the World (Dienstag, 20.15 Uhr, ZDFkultur) die fiebrige Suche nach dem traurigsten Lied der Erde 2003 in Szene gesetzt hat. Aktueller ist da die Doku der Woche, diesmal ein Samstagabend auf 3sat, der bis morgens früh Stücke der Wiener Staatsoper zeig, darunter Schwanensee und Werther. Warum nicht mal bisschen Hochkultur…


Club-Mausoleum: Posemuckel (1980-92)

Kleinkleckersdorfdisco

Cocktails kippen, Italo-Pop hören, Frauen anbaggern: Das Club-Mausoleum holt diesmal das Posemuckel aus der Gruft, ein Kneipenkonglomerat nahe der Alster, das in den Achtzigern erstaunlich viele Hamburger nicht gekannt haben wollen, obwohl es immer brechend voll war.

Von Jan Freitag

Die Achtziger, ein diffuses Jahrzehnt. Viel ambivalenter jedenfalls, als es das 36. Revival seit 1990 gemeinhin suggeriert. Die Achtziger, das war ja eine Ära der aseptisch distanzierten Wave-Disco ebenso wie des septisch biederen Emailleschilderwald-Ambientes. Neonlichtdurchzuckte Einzeltanzfabriken koexistierten vergleichsweise harmonisch neben heillos überfrachteten Schankstuben in Gelsenkirchener Barock. Es gab die ersten Technokeller, die letzten Rockschuppen, die lässigen Discos am Übergang. Es gab Läden für Goths oder Popper, Hippies und Punker, Soul-Kids oder Rocker. Und es gab das Posemuckel.

Falls es das wirklich gab.

Mit dem Posemuckel verhielt es sich nämlich wie mit dem westfälischen Festland-Atlantis Bielefeld: Über die Existenz des Kneipendorfes am Binnenalsterfleet konnte letztlich nur gemutmaßt werden. Kaum jemand wollte schließlich je dort gewesen sein. Im Posemuckel waren allenfalls Freunde von Freunden entfernter Bekannter, die dann auch noch schamlos leugneten, je dort gewesen zu sein. Was den Zweifel daran nährte, dass sich unter Hamburgs teuerster Konsumzone etwas anderes als gut gefüllte Warenlager umliegender Edelboutiquen befänden, die ab 1980 wie Schulterpolster aus den Einkaufspassagen jener Jahre wuchsen. Posemuckel, das war zur These menschenleerer Innenstädte nach Einbruch der Dunkelheit die Antithese eines vitalen Nachtlebens, deren Synthese ausgerechnet nach einem polnischen Dorf benannt wurde, das hierzulande rasch zum Synonym für Pampa wie Kleinkleckersdorf oder JottWeDe geriet: Podmokle Małe, zu deutsch: Klein Posemuckel.

Doch um jedweder Verschwörungstheorie das Brackwasser abzugraben: So wie es das 458-Seelen-Nest nahe der alten DDR-Grenze gibt, gab es auch den hanseatischen Kneipenkomplex in Rathausnähe. Mehr noch: es war gigantisch, weiträumig, verwinkelt wie das Tunnelsystem der Vietkong, fast ebenso dunkel, nur weitaus bevölkerter. Die unterirdische Gaststättenlandschaft nämlich, deren Vorkommen so gern dementiert wurde, war besonders am Wochenende derart brechend voll, dass die Menschentraube davor selbst im Winter, der seinen Namen damals noch wirklich verdient hatte, bis weit über die angrenzende Bleichenbrücke hing.

Und ich weiß, wovon ich rede, auch ich stand einmal darin und begehrte Einlass in Hamburgs meistgehasster, meistgeliebter Partylocation eines Jahrzehnts, das zusehends unangenehm wurde: selbstgefällig, schlageresk, überfönt, die Rick-Astley-Achtziger halt. Doch wie jeder Bundfaltenhosenträger wurde auch ich irgendwann, es muss etwa 1987 gewesen sein, vom Lord Voldemort der erwachenden Eventkultur angesaugt wie durch blutige Kriegsbilder oder fiese Autounfälle. Einmal mit eigenen Augen sehen, was alle Welt so hassliebt. Gut, detailliertere Erinnerungen hat mein halbwissenschaftlicher Eigenversuch nicht ins Langzeitgedächtnis kodiert. Aber ein bisschen ist dennoch hängengeblieben.

Die Unübersichtlichkeit vor allem, das unfassliche Durcheinander, ein Chaos aus 13 vorwiegend bürgerlichen Bierschenken mit Discocharakter, verteilt aufs tiefgaragengroße Untergeschoss vom „Kaufmannshaus“ genannten Altbau drüber, den zahllose Säulen auf Abstand hielten, um die sich Unmengen eher stinknormaler Leute scharten, als sei oben gerade jener 3. Weltkrieg ausgebrochen, der den bierseligen Hedonismus des anwesenden Mainstreams im Zeitalter der Ostermärsche und Hausbesetzungen noch zu rechtfertigen hatte. Deren Stammpersonal war hier allerdings so rar wie Stil und Geschmack.

Innenarchitektonisch gestaltete sich das Posemuckel rings um den zentralen Bierbrunnen ja irgendwo zwischen Hafen-Pinte, Pupasch und Peepshow. Musikalisch wurde es mit den zeitgenössischen Mittelschichtscheußlichkeiten von Italo-Disco über Chart-Sülze bis Schweine-Rock und den wiedererblühenden Schlager beschallt, zu denen auf mehreren Dancefloors weniger getanzt als bemüht rhythmisch gedrängelt, besser: gebaggert wurde. Denn unterm Einfluss des Hitti Hitti genannten Longdrinks unbekannter Zusammensetzung (Jägermeister war wohl drin) galt das Posemuckel eingangs der Technoepoche als analoger Aufreißschuppen schlechthin, der nicht nur über eine eigene Währung namens Posemuckel-Taler verfügte, sondern über Straßennamen, Regierungsmitglieder, eine Zeitung. So weit der vernebelte Volksglaube.

Die Realität entzauberte ihn jedoch an einem einzigen Samstagabend als das, was seien Ruf bis zur kollektiven Verleugnung seiner bloßen Existenz ruiniert hatte: Ins Posemuckel ging, wer fürs Madhouse zu gesittet daherkam, fürs Trinity zu schnauzbärtig, fürs Mojo zu banal, fürs Top Ten zu alt, fürs Café Keese zu jung und für die frische Konkurrenz von Tempelhof bis Subito zu konservativ. In den Ecken fern des zentralen Ballermann-Pultes spielten die DJs zwischen den notorischen Mikro-Texten zwar schon mal Soul, als er noch nicht ausnahmslos auf Vinylsingles ohne Coverbedruck verabreicht wurde, doch das waren elaborierte Ausnahmen vom Abschleppservice Posemuckel, der die Partystadt um nicht mehr als einen fahlen Mythos bereicherte, die Innenstadt sei auch nach Ladenschluss noch lebenswert.

Das ist sie nicht, sie ist täglich ab zehn Uhr abends zum Sterben verurteilt, wie nicht nur die architektonisch verunstaltete Bleichenbrücke belegt, wo die Stadt vor 35 Jahren begann, echtes Leben durch überdachte Passagen zu ersetzen. Mit einem tageslichtlosen Omakneipen-Konglomerat als Feigenblatt vermeintlicher Vitalität. Falls es denn existierte.

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Barotti, Jean-Michel Jarre, St. Germain

200014Barotti

Barotti, lehrt uns das allwissende Online-Lexikon Wikipedia, war mal ein Gewichtsmaß für Nelken auf den Molukken. Als Künstlername ist diese Adaption daher ziemlich, nun ja, speziell; das Gewürz ist ja irgendwie noch abseitiger als jene indonesische Inselgruppe, wo man es in Barotti wiegt. Da könnte man natürlich viel mutmaßen, warum sich ein Berliner Elektrofrickler namens Marco ebenfalls Barotti nennt, aber der heißt einfach so, stammt also vermutlich von Italienern ab, was allerdings ziemlich egal ist – aus dem unendlichen Studioarchipel der Hauptstadt steigt sein Debütalbum auf wie ein vulkanisches Eiland aus dem Meer: langsam, heiß, zischend und überhaupt nicht mediterran. So in etwa fühlt sich Rising an, wenn es entspannt den Boxen entschwingt.

Es ist ein digitales Flächenarrangement von so großer Breite, Tiefe und Höhe, dass Barottis Hauptstadtnachbarin Peaches völlig zu recht urteilt: “This ist not Techno, this is an opera.” Gut, am Ende ist es allein schon deshalb beides, weil kaum ein Ton der neun Stücke abseits der samtenen Vocals analog erzeugt sein dürfte. Doch das reduziert Bombastische ist schon unverkennbar, wenn man sich von Never Talk Again in einem Bond-Streifen der Sechziger katapultieren lässt, während uns About To Change gleich darauf in den New Wave der Achtziger zieht. Rising ist eine technoide Rundreise an die verschiedenen Pulse der Zeit, deren Sound hier frei flottieren darf.

Barotti – Rising (Gomma)

jmjJean-Michel Jarre

Dennoch hat natürlich jede Musik – das gilt für Buddy Holly, Beethoven oder Bon Jovi im Besonderen ebenso wie für Beat, Wave, Punk ganz allgemein – doch irgendwie ihre Zeit. Vor 20 Jahren etwa glitzerte der gefällige Synthiepop von Air so belanglos schön, wie es nur die späten Neunziger ins wund geravete Partypublikum tröpfeln konnten. Kein Wunder, dass die zwei Franzosen nie an ihr Frühwerk anknüpfen konnten. Trotzdem versuchen sie es jetzt mit Electronica 1, das … Moment! Die Platte ist ja gar nicht von Air, sie ist von Jean Michel Jarre, der seine Zeit weitere zwei Jahrzehnte zuvor hatte, als ihm nicht weniger gelang, als den Pop vollsynthetisch zu revolutionieren.

Wie würdelos wirkt es da, wenn der Veteran mit 67 andere reproduziert, auch wenn er es Kollaboration nennt, für die er neben seinen jüngeren Landsleuten allerlei Künstler von Moby über Tangerine Dream bis Lang Lang gewonnen hat, die mit ihm zusammen angeblich Reminiszenzen an die Stile aller Beteiligten kompiliert haben. Und auch, wenn hartgesottene Fans hier bestens mit klassischem JMJ versorgt werden: Das Ergebnis klingt in den besseren Passagen wie Gebrauchtware mit etwas frischem Lack drüber, in den mieseren verklebt JMJ das zeitgemäße Pathos von Oxygène mit Kirmespop aus dem Hitbaukasten und macht damit nicht nur ein Stündchen unserer Lebenszeit zunichte, sondern auch ein Stück Erinnerung an alte Zeiten. Es waren nicht die schlechtesten. Bis jetzt.

Jean-Michel Jarre – Electronica 1 (Sony)

GermaincoverSt. Germain

Um wie viel respektabler kehrt da ein Landsmann nach 15 Jahren Studiopause zurück, dessen Künstlername zwischen Jarre und Air zur Chiffre dafür geriet, was als French House gefeiert wurde: St. Germain. Mit seiner kongenialen Bläsercombo im Rücken ist Ludovic Navarre ein Weltreisender des Electropop, der auf seinen Streifzügen gern achtlos am Wegesrand herumliegendes Zeugs aufliest und aktualisiert. Blues, Jazz, Chanson und nun also, auf dem vierten Album, die Rhythmen Afrikas. Das machen St. Germain zwar ebenso wenig als erste wie als beste, aber sie machen es mit einer tanzbaren Nonchalance, die vielen ethnografischen Jägern & Sammlern fehlt.

Ein Jahrzehnt hat der experimentierfreudige Kauz des Clubsounds in Ghana, Mali, Nigeria nach anschlussfähigem Material gesucht und ein elegant groovendes Afrobeatkompendium gefunden, das schon im zweiten Stück ziemlich gut klarmacht, wo es letztlich hinwill: Dank der kratzenden Stimme von Mahawa Doumbia mäandert Sittin‘ Here mit einer Lässigkeit den Äquator westwärts über die bruttigen Südstaaten ins abgewrackte Motown, dass kein wildes Getier mehr durch die gute alte Weltmusik stromert, sondern wunderbare Beats.

St Germain – St. Germain (Warner)

Zwei der drei Reviews sind vorab bei ZEIT-Online erschienen


Ina Weisse: Bettszenen & Bilderbuchbeziehung

marie-findet-den-verlorenen-ring-v-l-n-r-marie-und-ayla-100-_v-standard644_70205bDas Leben ist auf Sand gebaut

Mit ihrem eindringlichen Spiel hat sich Ina Weisse (Foto: WDR/Conny Klein) zu einer der großen Charakterdarstellerinnen des deutschen Films gemausert. Im ARD-Drama Ich will dich spielt die 47-Jährige heute Abend eine Architektin, die von der Liebe einer Freundin aus dem heterosexuellen Idyll ihrer Ehe mit zwei Kindern und Villa-Projekt gerissen wird. Ein Interview über die Macht des Begehrens, Küssen vor der Kamera, die Brüchigkeit stabiler Lebensverhältnisse und wie es ist, unterm eigenen Mann zu drehen.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Weisse, so leid es mir tut – das Thema ihres neuen Filmes ums lesbische Coming-Out einer glücklich verheirateten Frau macht ein paar Regenbogen-Fragen fast unumgänglich…

Ina Weisse: Aha….

Wie oft haben Sie in 20 Jahren vor der Kamera Männer geküsst?

Oft.

Und waren darunter auch richtig handfeste Bettszenen?

Natürlich. Aber eigentlich reichen Andeutungen aus, das ist viel interessanter. Man muss im Film nicht immer alles auserzählen. Obwohl es manchmal natürlich wichtig sein kann.

In Ich will Dich scheint es wichtig gewesen zu sein…

Ja, schon. Hier musste man weiter gehen, physisch und psychisch. Die Liebesszenen haben wir am Ende noch mal nachgedreht, damit sie intensiver werden.  Wir mussten da erst mal rausfinden, wie weit man gehen kann. Und dann ist es eine Gradwanderung, dass es nicht pornographisch erscheint, sondern wirklich aus einer inneren Notwendigkeit heraus erzählt wird. Wir haben zusammen mit dem  Regisseur Rainer Kaufmann eine Art Choreografie entwickelt, die man beim Spielen im Hinterkopf hatte und dann auch wieder vergessen musste. Aber Liebesszenen sind natürlich immer heikel, nicht nur weil da fünf Leute mit einer Kamera um das Bett herumstehen und einen beobachten.

Heikel im Sinne einer besonders großen Hemmschwelle, die zu überwinden ist?

Ja. Die Überwindung der Scham ist manchmal schon schwierig. Letztlich ist es aber immer eine Frage der Konzentration auf die Figur.

Wächst diese Konzentrationsfähigkeit mit zunehmender Erfahrung?

Das würde ich so sagen.

Tritt irgendwann Gewöhnung ein?

Nein. Das wäre auch schade. Sonst ist ja keine Offenheit und Neugierde für anderes mehr da.

War diese Situation denn anders oder haben Sie zuvor schon mal im Film eine Frau geküsst?

Ich glaube nicht. Aber das weiß ich jetzt gar nicht genau.  Ehrlich gesagt, finde ich das jetzt auch nicht so ein großes Thema, wenn sich zwei Frauen küssen. Für mich geht es in dem Film weniger darum, dass sich eine Frau in eine andere Frau verliebt; es handelt sich nicht explizit um ein homosexuelles Thema.

Sondern?

Mich interessiert die Obsession. Das Psychogramm einer Leidenschaft. Ob Mann oder Frau ist erst einmal sekundär. Dass eine Person, die in einem festen Umfeld lebt, mit Ehe und Kindern und einem Beruf, die eigentlich ganz froh zu sein scheint, plötzlich einer anderen Person über den Weg läuft und ihr verfällt, alles über Bord wirft, gar nicht anders kann als dieser Leidenschaft nachzugehen, das finde ich interessant. Die Beschreibung, wie Marie es erst nicht wahrhaben will, dass sie sich verliebt hat, wie sie zögert, sich zurückzieht, dann wieder abwägt – dieses Hin und Her der Gefühle empfand ich als sehr nachvollziehbar.

Bezeichnet Rainer Kaufmann seinen Film deshalb als einen über die Macht des Begehrens?

Begehren trifft es viel besser als Liebe. Begehren ist hier wie eine Krankheit. Es kann jedem passieren.

Ihnen also auch?

Natürlich.

Ist Ihre Existenz schon mal so radikal auf die Probe gestellt worden, wie die Ihrer Filmfigur Marie?

Vielleicht. Und weil so ein Zustand im Grunde jeden treffen kann, ist es auch gut, dass die Geschichte nicht in einer kaputten, sondern in einer äußerlich intakten Beziehung spielt.

Selbst wenn sie im Falle von Marie eine Bilderbuchbeziehung zu sein scheint mit gutem Ehemann, wohlgeratenen Kindern, tollem Beruf und künftiger Traumvilla?

Alles kann Risse bekommen. Wobei das natürlich die Frage aufwirft, wie intakt die Beziehung wirklich ist. Das stellt sich erst am Ende raus. Nachdem der Film zu Ende ist.

In den vergangenen Jahren haben Sie häufiger unter der Regie Ihres Mannes Matti Geschonneck gearbeitet. Ist das ein anderes Arbeiten als mit Kollegen, die Ihnen weniger vertraut sind?

Ja, schon. Der Weg der Verständigung ist kürzer. Trotzdem sind wir bei der Arbeit nicht ein Paar, sondern Regisseur und Schauspielerin; wer nicht weiß, dass wir zusammen sind, würde es bei der Arbeit nicht vermuten. Ich könnte es mir anders auch nicht vorstellen.

Sie führen selbst seit einiger Zeit Regie und haben 2008 mit Der Architekt einen vielbeachteten Film gedreht. Hätten Sie dieses Drehbuch hier genauso umgesetzt, wie es nun zu sehen ist?

Jeder entwickelt seine eigene Bildsprache nach einer Vorlage. Bei jedem Regisseur sähe der Film anders aus. So, wie der Film jetzt da ist, finde ich ihn sehr schön.

Wenn Sie es doch kurz täten – hätten Sie es zum Beispiel auch im Milieu der kreativen Oberschicht angesiedelt?

Warum nicht?

Weil es etwas irritiert, dass Beziehungsgeschichten im deutschen Film meist von Reichen verkörpert werden und für die Unterschicht nur Sozialdramen um Gewalt und Armut übrigbleiben.

Grundsätzlich hätte dieser Stoff natürlich genauso gut in einem anderen Milieu funktioniert, er könnte überall stattfinden, zumindest da, wo die gesellschaftlichen Werte nicht vollkommen anders sind.

Hätten Sie sich unter eigener Regie denn auch dafür besetzt?

Nein. Beim Spielen denke ich in die Figur hinein. Und bei der Regiearbeit schaue ich mir das von außen an. Der ständige Wechsel von innen nach außen wäre ziemlich aufreibend.