St. Joseph Kirche: St. Paulis polnische Enklave

JosephKirche-540x304Führe uns nicht in Versuchung!

Foto: CC BY-SA 3.0 Wikimedia Commons

Gut besucht an einem gottlosen Ort: Deutschlands wohl ungewöhnlichste Kirche liegt in der Großen Freiheit an der Reeperbahn, zwischen Schnapsleichen und Prostitution.

Von Jan Freitag

“Ach, sündig …!” Jacek Bystron lacht, als er aus seinem schlichten Büro zur Großen Freiheit blickt. “Bei uns”, sagt der Pfarrer im weichen Klang seiner Heimat, “ist Alkohol 150 Meter um Kirchen herum verboten. Aber wir sind nun mal nicht in Polen.” Hier, auf St. Pauli, wird dagegen bis vor das Kirchenportal gekotzt. Der Geistliche mit den Lausbubenaugen breitet seine Arme aus: “So ist das Leben!” Grelles Sonnenlicht taucht sein Gotteshaus in göttliche Farben. Bis aufs Vogelgezwitscher dringt kaum ein Laut durch die Mauern. Es herrscht himmlischer Frieden rings um St. Joseph. Sündig ist es hier nicht. Noch nicht

In wenigen Stunden nämlich werden Horden entfesselter Partygäste die Nacht davor zum Tage machen. Wie jedes Wochenende, Jahr für Jahr, ob schwül oder verschneit, so sicher wie das Amen in der Kirche, das hier in der St.-Josephs-Kirche anders klingt als in evangelischen Gemeinden. Leidenschaftlicher, ehrlicher, vor allem aber: vielstimmiger. St. Joseph ist ja nicht nur eine ungewöhnlich schöne Kirche an einem ungewöhnlichen Ort; der katholische Sakralbau ist das Herz der wohl gottesfürchtigsten Christen dieser säkularen Stadt. Jeden Sonntag trifft sich hier die polnische Exilgemeinde zur Heiligen Messe.

“Sünde!”, mit diesem religiösen Urteil ließ sich in 5.000 Jahren Religionsgeschichte praktisch alles ausmerzen: Freie Liebe und freier Wille, Unbotmäßigkeit, Eigenentfaltung, Entertainment. Heute jedoch gelten höchstens Steuerbetrüger noch als Sünder und Geschiedene werden CDU-Chef – da haben’s Katholiken schwer als letzte Hüter christlicher Moral. Gerade hier, unweit jener Straße, die bis heute als sündigste Meile der Welt gilt. Es ist halb acht in der Früh. Aus angrenzenden Clubs wummert unverdrossen der Bass durch die erlahmende Feierzone, als die ersten Gottesdienstgäste durchs Kirchenportal gehen. Demütig schlagen sie das Kreuz, während sich vorm Shooters schräg gegenüber zwei berauschte Kerle um eine blondierte Frau streiten. Es riecht nach Männerschweiß und Promille, schnapsdumpfer Gewalt. Gleich neben einem Flatrate-Bumms, der früher mal Starclub hieß und ziemlich berühmt war, liegt eine Lache Erbrochenes.

Die Gläubigen scheint das wenig zu kümmern. “Wir sind hier, weil wir Polen sehr religiös sind”, sagt Margarete Lindner-Zielinski in akzentfreiem Deutsch. Und als klänge das zu fromm in modernen Zeiten, fügt die Ärztin aus der City hinzu: “Aber es ist auch ein Stück Heimat.” Heimat. So lautet die Chiffre für alles, was 83.000 Hamburger polnischer Herkunft hier finden, falls sie einen der drei Sonntagsgottesdienste von St. Joseph besuchen. Für die junge Mutter also, deren Eltern nach der Einwanderung vor 25 Jahren sogleich zum polnischen Gottesdienst gingen in die Polnische Mission, die hier seit den Sechzigern sitzt. Oder für Krzysztof, den Industriemechaniker aus Sasel, der kettenrauchend erzählt, Polen sei immer mal wieder von der Landkarte verschwunden, “die Kirche war immer da”. Ein Paar verkauft allerlei nationalkatholische Literatur, von einem Poster gibt Johannes Paul II. “Vaterland, Gott und Ehre” als Lebensmaximen aus. Ein fliegender Händler handelt vom Krakauer Klatschblatt bis zur masurischen Fleischwurst mit allem, was den Landsleuten die Exklave versüßt.

Pfarrer Jacek Bystron kennt sie alle, seine bis zu 3.000 Gläubigen pro Sonntag. “Na ja, die meisten”, sagt er mit jener väterlichen Heiterkeit, die einem Glauben voll sittlicher Strenge und milder Vergebung so zu eigen ist. Entsprechend lang ist die Schlange am Beichtstuhl, als der Pfarrer im zweiten Gottesdienst zur Buße bittet. Länger ist da nur die Schlange vorm Abendmahl. 200 Menschen sind es am Sonntag morgen um halb zehn, jedes Alter, jede Schicht, mal sehr gläubig, mal eher gesellig. Es sind so viele, dass die Hauptmesse ins Freie übertragen wird, um all die Gläubigen zu erreichen, für die es innen nicht mal Stehplätze gibt. Die deutsche Pfarrei rechts der Kirche müsste vor Neid erblassen, sie hat kaum eine Handvoll schlohweißer Stammgäste. Trotzdem herrsche kein “Wettkampf der Nationen”, meint die Referentin der deutschen Gemeinde, “es geht um jeden einzelnen, der zu Jesus und zu uns kommt”. Warum auch immer

Doch bei aller Spiritualität gibt es in der polnischen Gemeinde reichlich Weltliches zu leisten. Pilgerfahrten und Kinderreisen, Kuchen nach der Messe, Konzerte am Altar und ganz sachlichen Beistand. Der Pfarrer übersetzt Neuankömmlingen Worte wie “Passangelegenheiten” und kümmert sich um Hilflose, Arbeitslose, Alkoholiker, “das Übliche eben”, St. Pauli eben. Ein Viertel voller Spaß und Probleme, Alltag und Ausnahmezustände. Ein armes reiches Quartier mit dem schönsten Sakralbau des Spätbarock weit und breit, im Krieg zerstört, innen gerade wieder kaputtsaniert, von außen aber weiter prächtig. Pfarrer Bystron lacht: “So, wie Polens Katholiken es lieben.” Und sei das Umfeld noch so sündig.

Der Text ist zuerst erschienen bei http://www.zeit.de/hamburg/stadtleben/2014-05/st-josephs-kirche-grosse-freiheit-pfarrer-bystron


Popfriday: Féloche, Kishi Bashi

Féloche

Manchmal pfeifen es die Vögel förmlich aus den Boxen, wenn da was Neues vom Himmel kommt, das die Musikwelt aus den luftigen Höhen des Einfallsreichtums ein bisschen durcheinander schüttelt. Beim Multinstrumentalisten Féloche zwitschern sie gleich ins erste Stück hinein und legen die Messlatte des Verspielten, Ironischen, Absurden damit bewusst niedrig. Féloche, ein Franzose mit spanischen Wurzeln und weltmusikalischem Ansatz, macht Musik aus gespitzten Lippen tief aus dem Magen heraus. Auch deshalb hat er sein zweites Album nach der Pfeifsprache auf La Gomera, der Heimat seines Großvaters benannt. Silbo ist ein einziges, irrisierendes Flöten und Tirilieren.

Umso schöner, dass gleich der zweite Track frankophonen Neo-Chanson mit ziemlich amerikansichem HipHop vermengt und anschließend auf bezaubernde Weise an seinen Landsmann Mathieu Chedid alias -M- erinnert, der die Verwirrung traditioneller Klänge mit den Mitteln des multikulturellen Mashups zum Credo erhoben hat. Besonders erstaunlich daran aber ist, dass all dies nie so klingt, als beute der charismatische Künstler dahinter das Prinzip Pop als Strukturprinzip nur aus, um möglichst viel hineinzupacken, das möglichst vielen gefallen könnte. Féloche unterschreitet die Grenze zum Massenkompatiblen so gekonnt, dass es selbst der Masse gefallen würde, wenn man es mal im Radio spielte.

Féloche – Silbo (Ya Basta)

Kishi Bashi

Bei Kaoru Ishibashi ist der Fall ein wenig anders, im Grunde sogar umgekehrt gelagert. Der Multinstrumentalist aus dem sommerlich heißen, winterlich frostigen Seattle überschreitet die Grenzen seiner symphonischen Elektronika zum Pop als Strukturprinzip so bewusst, so kalkuliert, dass die eklektischen Sounds dahinter weit profaner wirken als sie sind. Was nichts Negatives heißen muss. Denn unterm Pseudonym Kishi Bashi hat er nun sein zweites Album mit dem luziden Namen Lighght produziert, und es klingt so grandios überladen wie auf dem ersten vor zwei Jahren.

Gut, zuweilen erinnert das auch ein wenig daran, als würden die Oliver Onions mit den Scissor Sisters natürliche Drogen synthetisieren. Mit Geige und Synthies und einem betörend anschmiegsamen Gesang erwirkt der Amerikaner mit japanischen Wurzeln dabei einen Sound, dass man wie Kishi Bashi auf Einhörnern ins Lichicht seiner diffusen Klangwelten reiten und dort verstehen lernen, warum zu viel manchmal genau richtig ist. Für Freejazzer und andere Feingeister mag Lighght irgendwie bloß etwas elaborierteres Lady Gaga sein; für aufgeschlossenere Gemüter ist es ein grandioser Versuch, sich nicht allzu ernst zu nehmen und dabei irre Spaß zu haben.

Kishi Bashi – Lighght (Joyful Noise)


Ein Fall für: Wanja Mues & Antoine Monot Jr.

IMG_20140211_200812Das Portfolio diversifizieren!

Am Freitag läuft im ZDF der vorerst letzte Teil eines kleinen Experimentes: Das alte Schlachtross Ein Fall für zwei mit jungen Schauspielern neu zu starten. Das ist erstaunlich gut gelungen. Ein Gespräch mit den Hauptdarstellern über Ähnlichkeiten mit Matula, Männer auf dem Hausboot, betuliches Fernsehen und warum Masse manchmal doch besser als Klasse ist.

Interview: Jan Freitag

Wanja Mues, Antoine Monot, haben Sie sich für die Rolle im neuen Fall für zwei beworben oder sind Sie geworben worden?

Antoine Monot, Jr: Eine Produktion wirbt grundsätzlich um die Schauspieler, weshalb wir schon geworben wurden. Dennoch gab es natürlich ein Casting. Wobei ich als Nachfolger der klassischen Günther-Strack-Rolle ins Rennen ging.

Wanja Mues: Ernsthaft? Und ich dachte ich sei für die Günther Strack Rolle ins Rennen gegangen…muss ich mal kurz nachdenken. Du hast Recht, ich bekam im Urlaub in Italien den Anruf, ob ich es mir vorstellen könne, beim Fall für zwei als Detektiv einzusteigen.

Und – konnten Sie?

Mues  Sonst sässen wir ja jetzt nicht hier. Allerdings war mir wichtig, dass die Konstellation modernisiert, also verjüngt wird. Und ich durfte eine ganz neue Figur mitentwickeln, die mit dem bisherigen Detektiv Matula nichts mehr zu tun hat.

Gab es nie Berührungsängste mit der ältesten deutschen Krimiserie und deren Ruf, eher betuliches Fernsehen zu sein?

Monot: Nein, ich fand das von Beginn an geil. Schließlich bin ich vor meinem Umzug in die Schweiz mit ihr aufgewachsen und auch danach hat sie neben Der Fahnder einen wichtigen Teil meiner Kindheits- und Jugenderinnerung gebildet.

Mues: Ich hatte schon intensive Berührungen mit der Serie bei einem Gastauftritt. Außerdem war schnell klar, dass wir uns zwar vor dem Bestehenden verneigen werden, sonst aber etwas ganz Neues erschaffen würden.

Monot: Und viel mehr als die Konstellation Anwalt-Detektiv am gleichen Ort ist vom Alten auch nicht geblieben.

Mues: Genau. Schließlich sind wir zwei eigene Typen mit eigenen Namen und eigener Geschichte. Gut, der Name ist auch geblieben. Aber Coca Cola würde man ja auch nicht umbenennen, selbst wenn man ‘ne ganz neue Formel probieren würde. Die Hauptsache ist doch es schmeckt!

Dennoch lässt sich eine körperliche Nähe zu Ihren Vorgängern nicht leugnen.

Mues: Ernsthaft? Haben Sie Claus Theo Gärtner mal persönlich getroffen?

Monot: Ich wette, er meint Gärtner und Strack, als sie selber begonnen haben. Da gibt es schon Ähnlichkeiten!

Mues: Weil Gärtner damals einen halben Meter größer war als jetzt und Strack Vollbart und langes Haar hatte, meinst du?

Monot: (lacht) Nein, aber Alter und Typ sind schon vergleichbar, sei ehrlich!

Mues: Klar, war ja auch nur’n Scherz. Damals war der Anwalt das Gehirn und der Detektiv die Faust. Aber genau damit spielen wir, drehen das in unserer Version sogar öfter mal um, führen es gar ad absurdum.

Monot: Ein Neustart ohne Veränderungen ist keiner! Deshalb passen sich die Geschichten in Schnittfolge, Ästhetik, Dramaturgie auch aktuellen Erzählgewohnheiten an. Trotzdem bleibt „Ein Fall für zwei“ die letzte deutsche Ermittlungsserie ohne Polizisten; es gibt weder Verhöre, noch Verhaftungen.

Mues: Geschweige denn die Frage, was haben Sie gestern zwischen 20 und 22 Uhr gemacht.

Monot: Das eröffnet verglichen mit all den Kommissaren völlig andere Spielwiesen.

Mues: Auch im Privaten; unsere Figuren haben ja eine intensive Verbindung zueinander. Sie kennen sich schon aus der Kindheit, wurden auseinander gerissen und treffen sich in der ersten Folge nach 20 Jahren wieder. Die einzelnen Fälle werden also nach wie vor abgeschlossen, aber unser Verhältnis entwickelt sich von Folge zu Folge.

Monot: Und überbrückt auch die Kluft zwischen dem Anwalt im Frankfurter Büroturm und seinem robusten Detektiv von unten, indem sie gemeinsam aufs Hausboot ziehen. Das sorgt für soziale Dynamik.

Könnten Sie in so einer Konstellation leben: mit bestem Freund in alternativem Milieu?

Monot: Ich lebe privat in einer Wohngemeinschaft und mag diese Lebensform sehr. Sicherlich ungewöhnlich in meinem Alter, aber man darf und muss ja auch aus gängigen Lebensformen ausbrechen. In einem alternativen Milieu könnte ich mir das allerdings nicht mehr vorstellen. Mit 38 bin ich dann doch schon etwas zu alt dafür (lacht).

Mues: Mit Leo Oswald würde ich sofort zusammenziehen. Speziell auf diesem coolen Hausboot. Leos Millieu ist die Alternative zu „Langeweile“.

Erzählt diese spannende Wohnsituation auch was übers unbekannte, entwurzelte, orientierungslose Wesen Mann in der Multioptionsgesellschaft?

Monot: Ich finde schon. Die Nachbarin schaut mich nicht schief an, wenn ich in einer Wohngemeinschaft lebe. Den Metzger um die Ecke kenne ich nicht mehr persönlich und mein Lieblingscafe ist Starbucks und gibt es zuhauf in dieser Republik. Dieses Heile-Welt-Bild gibt in dieser Form überhaupt so nicht mehr. Also muss auch nicht mehr auf diese Art und Weise dagegen gehalten werden um zu zeigen dass jemand ausbricht. Zwei Männer die von Null anfangen müssen, der eine weil er aus dem Ausland zurückkommt und der andere, meine Figur, weil seine Ehe und Familie zerbricht. Mit Mitte Ende 30 von vorne beginnen. Das klingt in unsere Geschichte schon mit rein.

Mues: Die Figuren suchen ähnlich wie ihr Geschlecht einen Weg durch die moderne Gesellschaft und lösen sich somit ein Stück weit vom klassischen Krimigenre, von dem es ja weiß Gott genug gibt. Unsere Charaktere kriegen einfach viel Zeit zur Entfaltung.

Monot: Und das, obwohl wir weniger Drehtage haben als unsere Vorgänger.

Ihr Vorgänger Claus Theo Gärtner stand davon angeblich 3200, also neun Jahre seines Lebens als Matula vor der Kamera und hat in dieser Zeit sonst fast nichts gedreht. Haben Sie Angst vor dieser Festlegung?

Mues: Die Zeiten ändern sich. Früher blieb man eher an einer Rolle hängen, heute bringt RTL mit „Doctor’s Diary“ Diana Amft oder Florian David Fitz nach oben, aber sie reiten die Welle, statt darin unterzugehen. Solange man sich als Schauspieler breit aufstellt und variabel zeigt, sehe ich die Gefahr nicht.

Monot: Ob ich das hier jetzt 30 Jahre mache oder nicht, ist für mich ohnehin keine rein künstlerische, sondern auch wirtschaftliche Frage.

Das klingt pragmatisch.

Monot: Ich bin halt halber Schweizer, uns ist ein gewisser Pragmatismus sehr zu Eigen.

Wo findet der Schweizer Pragmatismus seine Grenze – beim Traumschiff-Steward?

Monot: Nicht grundsätzlich, denn als Schauspieler packe ich jede meiner Rollen mit der gleichen Leidenschaft an. Hätte ich statt Verpflichtungen Fernweh, würde ich liebend gern ein paar Jahre auf dem Traumschiff durch die Gegend schippern. Denn ich weiß: Wenn mir etwas nicht gut tut, beende ich es. Ich mache keine halben Sachen, auch privat. Außerdem habe ich mir über die Jahre einen positiven Egoismus antrainiert: Ich will, dass es mir gut geht.

Machen Sie deshalb Werbung für eine große Elektromarktkette?

Monot: Das ist ein großartiges Projekt. Ich habe die Möglichkeit eine ganz eigene Figur zu spielen, die von Stromberg Regisseur Arne Feldhusen in Szene gesetzt wird. Und das wird von so vielen Menschen gesehen, dass ich ununterbrochen darauf angesprochen werde. Was will ich mehr? Ein Projekt also nach dem sich jeder Schauspieler die Finger leckt. Dass das auch finanziell aufgehen muss versteht sich von selbst.

Mues: Also meine Auftragsbücher müssen nicht auf Teufel komm heraus voll sein.

Würden Sie denn Werbung machen?

Mues: Vorstellen kann ich mir das natürlich, wenn ich das Produkt gut finde. Aber ich versuche, mich rar zu machen und dennoch viele Felder zu bestellen. Monokultur ist für Schauspieler ebenso tödlich wie für Äcker. Ich habe allerlei seichte Sachen gemacht, Fürst und das Mädchen, auch mal einen Pilcher, aber weil ich das ausprobiert hatte, konnte ich danach andere Sachen ausprobieren: Krimis, Kino, auch internationales, dazu Theater, Lesungen, solche Sachen.

Monot: Das Portfolio diversifizieren.

Wobei das gerade bei Ihnen ja nicht dazu geführt hat, sonderlich viele Filme zu drehen.

Monot: Ich habe in über 60 Filmen mitgespielt. Dass ich bewusst selektiere, heißt aber nicht, irgendwas grundlegend auszuschließen. Nicht mal eine Daily Soap, weil ich höchsten Respekt vor der Arbeit in dem schnellen Format habe. Alles hängt von den Lebensumständen ab. Meine sind jetzt so wie sie sind.

Haben Sie je etwas nur wegen des Genres abgelehnt?

Monot: Nein, nicht aus Marketinggründen.

Mues: Ich schon, aber nicht wegen eines Genres an sich, sondern um mich darin nicht zu wiederholen. Herzschmerz zum Beispiel hat absolut seine Berechtigung; das Publikum liebt es so wie meine gesamte ältere Verwandtschaft, aber für mich ist es nun mal fürs Erste durch. Zumal ich heute viel stärker auswähle. Ich appelliere an alle Fernsehmacher, mehr Zeit und Geld in Qualität zu investieren. Mutiger zu sein. Arne Feldhusen und Bjarne Mädel haben total Recht, wenn sie kritisieren, ihr „Tatortreiniger“ sei eine Perle des Fernsehens, kriege dafür aber nicht den entsprechenden Respekt vom Sender.

Das ist eine Kritik, die Sie, Herr Monot, sogar als Gewerkschafter vertreten.

Monot: Im Vorstand vom Bundesverband der Film- und Fernsehschauspieler, genau. Aber was die Arbeitsbedingungen betrifft, müssen wir mit unseren Arbeitgebern, also Produzenten in einen Dialog treten, statt übereinander zu reden. Und das tun wir. Wir haben soeben den ersten Schauspieltarifvertrag abgeschlossen. Ein Meilenstein in der bundesdeutschen Geschichte für uns Schauspieler.

Mues: Trotzdem muss man auch öffentlich ansprechen, dass die aktuellen Bedingungen viele Beteiligte komplett ausbrennen. Grundsätzlich ziehen die Produktionen und wir am gleichen Strang, aber dass die wenigsten Schauspieler auf die tarifvertraglich vorgeschriebenen Drehtage kommen, um Arbeitslosengeld zu kriegen, ist und bleibt unerträglich.

Zählen Sie selbst zum ausgebrannten Prekariat oder zu den Privilegierten?

Monot: Ich kann mir zum Glück seit vielen Jahren leisten, was ich mir leisten möchte. Wenn das anders wäre, würde ich grundsätzlich in meinem Leben etwas ändern.

Mues: Das versuchst du ja schon durch deine Verbandsarbeit. Denn dass wir beide von unserer Arbeit Familien ernähren können, ist nicht nur Privileg, sondern auch Verpflichtung denjenigen gegenüber, die nebenbei noch kellnern müssen. Denn das kann in unserem Job selbst den Erfolgreichen passieren.

Schafft so eine Serie da ein Gefühl von Sicherheit, etwas Regelmäßiges in der Hinterhand zu haben, wenn mal aktuelle Angebote ausbleiben?

Monot: Weil wir sozialversicherungspflichtig gesehen Arbeitnehmer sind, organisatorisch allerdings Unternehmer mit Smartphone als Büro, freue mich über jede Serie, die mich langfristig absichert.

Mues: Ich würde es anders ausdrücken: Eine Serie schafft finanziell die Absicherung, um für wenig Geld Theater zu spielen, Low-Budget-Filme zu drehen, Hörbücher aufzunehmen und Zeit mit der Familie zu verbringen.

Monot: Mein Wunsch war es, vor rund drei Jahren, in einer Serie mit zu spielen. Und als ich diesen Wunsch formuliert hatte, kamen auch die ersten Angebote, mit dieser als Krönung.

Mues: Serienkönig zu sein birgt allerdings eine doppelte Gefahr: Funktioniert die Serie, trauen einem das Publikum und die Film- und Fernsehmacher mit wachsender Dauer zusehends weniger andere Sachen zu. Funktioniert sie nicht, Bist Du als Hauptdarsteller mit schuld.

Monot: Und du hast ja schon genug Serien gedreht, um zu wissen, wovon du sprichst.

Mues: Weshalb Du auch am Set mehr auf mich hören solltest, so von Serienhase zu Filmstarlet. Serien sind wie Langstreckenlauf: Man darf sich nicht gleich auf den ersten Kilometern verausgaben. Wichtig ist, ein hohes Durchschnittstempo zu halten mit genug Restenergie für die Möglichkeit zu Zwischensprints. Und als Hauptdarsteller sind wir zusätzlich fürs Gesamtgefüge zuständig, zum Beispiel dafür, das Team und die Episodendarsteller mit bei der Stange zu halten. Und Antoine und ich sorgen Tag für Tag für gute Stimmung.

Monot: Für mich ist diese hier die erste Serie, und ich habe gemerkt, wie sehr mir das Familiäre einer kontinuierlichen Zusammenarbeit gefehlt hat.

Sie arbeiten aber ja ohnehin schon länger mehr hinter den Kulissen als mittendrin. Würden Sie sich bereits als Filmfunktionär bezeichnen?

Monot: Nein. Ich lebe und liebe meinen Beruf und kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen. Mit viel Leidenschaft.

Immerhin haben Sie auch noch das Zürich Film Festival gegründet.

Monot: Da bin ich in der Tat etwas zerrissen. Aber neben meinem lang gehegten Wunsch, als Unternehmer tätig zu sein, konnte ich von der Schauspielerei nie lassen. Das Festival verbindet da beides ebenso wie meine Produktionsfirma Zuckerfilm. Dennoch fokussiere ich mich seit zwei Jahren wieder stärker aufs Spielen und ordne dem alles unter.

Wo sind Sie nach mehr als der Hälfte Ihres Lebens südlich der Alpen mehr zuhause?

Monot: Ich habe gemerkt, dass ich ein Kind Süddeutschlands bin. Mir gefällt das hier gut und die Mentalität kommt meiner sehr Nahe. Aber es kann mich jederzeit auch nach New York verschlagen. Ich fühle mich hier wohl. Bleibe aber offen für alles.

Und wo drehen Sie häufiger?

Monot: Ich würde wahnsinnig gern mehr in der Schweiz drehen, tue es aber doch hauptsächlich in Deutschland. Auf der Berlinale war ich allerdings grad mit dem Schweizer Film Der Kreis vertreten. Und Ein Fall für zwei ist ja eine Koproduktion beider Länder.

Und auch für Sie trotz aller Serien eine neue Erfahrung oder?

Mues: Absolut. An vorderster Front habe ich noch nie ermittelt. Das macht Riesenspaß.

Monot: Mir auch, irrsinnig großen. Und mit so einer Serie hast du die Möglichkeit, Zuschauerzahlen zu erreichen, die bei all meinen Kinofilmen völlig ausgeschlossen waren.

Dafür war mit Absolute Giganten der beste Hamburg-Film der Neunziger dabei.

Mues: Den ich als Hamburger natürlich liebe, aber Antoine hat Recht: inklusive Fernsehwiederholungen haben den vermutlich weniger Menschen gesehen als jede Folge Fall für zwei.

Monot: Schließlich mache ich diesen Beruf auch, um wahrgenommen zu werden.

Aber ist es nicht ungleich befriedigender, das mit einem Nischenprodukt zu erreichen?

Mues: Sicher. Ich gehe mit dem gleichen Herzblut an jede Rolle heran. Da will man natürlich auch dass das dann jemand sieht. Trotzdem muss man vorsichtig sein, dass man nicht zu viel will und dabei über das Ziel hinausschiesst. Ein Beispiel: Wir wollen natürlich auch aus Ein Fall für zwei das Beste rausholen und orientieren uns an den besten Serien, die zur Zeit auf dem Markt sind. Wir wissen aber auch, dass wir beim ZDF sind, nicht bei HBO. Deshalb müssen wir bei allem Anspruch auch vermeiden, mit experimentellen Umsturzgedanken zwei, drei Millionen Zuschauer zu verlieren. Das ist ein ständiger Hochseilakt.

Monot: Und ehrlich: Ein großes oder kleines Budget merkt man in den Drehpausen am Büffet und an der Professionalität beim Arbeiten; den Erfolg eines Filmes, seine Zuschauerzahlen spüre ich erst, wenn die Kamera lange aus ist. Wenn es „Und bitte!“ heißt, spielt Geld kurz mal keine Rolle.

Mues: Ich spüre den Unterschied eher an der Motivation der Beteiligten. Ein Nischenprodukt sorgt meistens für große Aufbruchstimmung. Die merkt man den Ergebnissen dann oft auch an.

Monot: Die sich zudem immer wieder vergleichen lassen müssen. Unser Beruf hat anders als so manch anderer ein Gedächtnis in Form des Archivs, aus dem einzelne Filme immer wieder abrufbar und bewertbar sind.

Mues: Das ist eine echte Bürde, zwingt dich aber auch dazu, Entscheidungen zu fällen, hinter denen du möglichst hundertprozentig stehst. Auch bei denen darfst du scheitern, aber bitte mit der gleichen Kraft, mit der du den Erfolg suchst. Keine halben Sachen, das sieht man nämlich sofort.

Monot: Wenn gegen die Wand fahren, dann bitte Vollgas und nicht so labberig mit Tempo 30. Immer alles geben. Das versuchen wir auch beim Fall für zwei.

Wie würden Sie es finden, wenn Claus Theo Gärtner, was er nicht ausgeschlossen hat, wieder dorthin zurückkehrt?

Mues: Wir wollen sogar, dass er kommt, ganz egal, in welcher Rolle

Monot: Herrlich!

Mues: Und Günther Strack am besten gleich mit.

Monot: Leider nur posthum.


Sherlock: Was deutsches TV nie könnte

Genie im Wahnsinn

Den guten alten Sherlock Holmes zum TV-Stoff zu machen, ist wenig einfallsreich. Dass die britische Serie dennoch ungebrochen brillant ist, hat auch in den drei neuen Fällen von Sherlock strukturelle Gründe.

Von Jan Freitag

Erotik kennt keine festen Regeln. Körperliche Reize können genauso antörnen wie Sinn für Humor, Makel genau wie Makellosigkeit, riesige Muskelberge exakt wie gewaltige Intelligenz. Bei Irene Adler ist es zweifellos letzteres. Vom Mund eines Freundes auf die neue Zahnbürste zu schließen, von der Hose eines Gastes auf die Zahl seiner Hunde am Arbeitsplatz, von einem epischen Zeichencode in Sekunden auf Typ, Startzeit und Zielort einer Passagiermaschine nach Baltimore, von praktisch nichts also auf fast alles – all dies erregt sie so heftig, dass es eine besonders bekannte Intelligenzbestie an ihrer Iris ablesen kann: Sherlock Holmes, der Welt brillantester Detektiv. „Intelligenz ist sexy“, sagt also die rätselhaft schöne Irene zu Beginn der 2. Staffel von Sherlock zur schön rätselhaften Titelfigur, als er mal wieder ein schier unlösbares Rätsel löst. Und weil beide (beinahe) gleich brillant sind, fordert sie ihn in einem Ränkespiel rund um den Buckingham Palace zum Duell zweier genialer Hirne. Ein Skandal in Belgravia heißt die vierte, wie immer verwirrende und doch stets fesselnde TV-Adaption von Arthur Conan Doyles Romanen. Ab morgen Abend (natürlich erst wenn Eckart vonzu Hirschhausens Stromlinienquiz die Anspruchslosen eingeschläfert hat) laufen im Ersten die lang ersehnten Teile 7 bis 9 und auch sie sind nicht nur gewohnt großartige Transfers des berühmten Privatermittlers aus dem analogen 19. ins digitale 21. Jahrhundert; vor allem sind sie ungemein britisch. Verantwortet von der BBC nämlich. Völlig folgerichtig also das Beste, was auf dem Bildschirm schlechthin denkbar ist. Folgerichtig?

Folgerichtig! Denn wenn das angloamerikanische Fernsehen fiktionale Stoffe in Serie exportiert, sind das – ob witzig, actiongeladen, gesellschaftlich relevant oder kriminologisch – meist Waren von hoher Güte. Wie Sherlock eben. Und so dürften die Elogen auch im zweiten Happen der sechs Folgen schwelgerisch ausfallen. Schon bei der ersten Hälfte reichten die Kritiken vor Jahresfrist von der „Ultima Ratio des Krimis“ (FAZ) zum „erzählerischen Sog“ (Spiegel), von „meisterhaft“ (Welt) bis „wunderbar“ (Süddeutsche). Doch erst die Relativierung des letzten Lobs setzt den Sog englischsprachiger Primetime-Reihen exakt ins Verhältnis: Wie „luzide“ diese hier sei, schrieb die SZ weiter, werde im Umfeld öffentlich-rechtlicher Wiederholungen deutlich. Denn während Sherlock als 2.0-Version alter Geschichten ständig Sehgewohnheiten bricht, steckt unser eigenes Fernsehen in der konventionellen Endlosschleife. So sehr sich ernst gemeinte Filme aus deutschen Landen international sehen lassen können, so stark fällt das Niveau schließlich im Seriellen ab. Das hat Gründe, die kaum etwas besser verdeutlicht als „Sherlock“. Wie so oft in importierten Formaten, seien sie nun aus Hollywood, England oder Skandinavien, gilt der Effekt als Hilfsmittel der Handlung, nicht als Hauptdarsteller. Es gibt bei Sherlock alles Mögliche, was überdreht, affektiert, exzentrisch und laut ist: von schrillen Tapeten über wilde Kamerazooms bis hin zu Zappelschnitten und Psychopathen; doch all die Absurditäten werden als Teil der Normalität gezeigt. Absurd wirkt darin nur die Norm, die das nicht akzeptiert.

Vergleicht man das mit deutschen Produktionen, schrumpft selbst Herausragendes zur bloßen Effekthascherei. In den Achtzigern etwa mag Kir Royal die Welt der Schönen und Reichen so sehenswert seziert haben, wie zuletzt „Im Angesicht des Verbrechens“ die Russenmafia – beide Höhepunkte hiesigen Serienfernsehens erreichen in keiner Sendesekunde die tiefgründigen Charakterzeichnungen von Sopranos oder Breaking Bad. Deutsches Fernsehen mag gesellschaftliche Mittellagen gründlich skizzieren wie Diese Drombuschs oder zeitgeschichtlich unterhalten (Weißensee) – es mangelt dabei stets an der Vielschichtigkeit menschlicher Eigenarten. Ein Regisseur wie Dominik Graf überträgt den Blick des Alltags verstörend zwar genau ins Leitmedium – wenn er Osteuropa in Berlin porträtiert, macht keine Figur darin die geringste Entwicklung durch. Der grandiose Benedict Cumberbatch dagegen – der es dank Sherlock innerhalb kürzester Zeit vom gechätzten Bühnenvirtuosen zum gefeierten Weltstar brachte – darf als selbstgerecht snobistischer Holmes unablässig überraschende Facetten offenbaren. Seine Arroganz wird plötzlich von Schwäche gebrochen, sein Verstand durch Irrtümer, die Gefühlskälte durch Hitzewallungen und alles zusammen gibt irgendwann ein geschlossenes Bild ab. Und dass man ihm mit Martin Freeman einen früheren Hobbit als Dr. Watson zur Seite stellt – in hiesigen Serien undenkbar. So wie ein Hauptdarsteller, dessen Erotik einzig aus Intelligenz erwächst, nicht aus der wohlgeformten Nase. In einer deutschen Serie wären Irene Adler und ihr Jäger Holmes bloß Freaks. In Sherlock zeigen sie uns, wie wahnsinnig die Welt um sie herum ist. Dafür sind neun Folgen längst noch nicht genug.


Innovation & Strukturen

Werbung, RFT Color 20, FernseherDie Gebrauchtwoche

19. – 25. Mai

Fernsehen, das war mal eine betuliche Angelegenheit. Es gab drei Programme mit täglichem Sendeschluss, also insgesamt recht wenig zu sehen, aber immerhin Menschen wie Irene Koss oder Dénes Törzs, die das wenige ansagten, weshalb man sie Ansager nannte. Erst in den 90ern, als sie vor allem Privatsendern die Werbezeit stahlen, wurden sie abgeschafft. Schade eigentlich. Dachte sich auch Tele5 und holt die Ansager zurück auf den Bildschirm, der ja jetzt hochauflösend flach ist. So weisen Leopold Hornung und Daniela Fuß künftig auf Filme wie Sharknado 2 hin, wo ein Tornado menschenfressende Haie nach L.A. spült.

Spannender als der „ganz neue Style“, den Ansager 2014 angeblich haben, wäre somit die Frage, wie sie Donnerstag das Quizduell im Ersten angesagt hätten, nachdem zwar die Interaktivität, nicht aber die Quote funktioniert hat. Mit 900.000 Zuschauern, davon nur jeder sechste unter 50, hatte die – laut Pilawa, der ARD und dem UN-Sicherheitsrat – „Revolution“ weniger als ein Fünfzehntel des DFB-Pokalfinales am Samstag zuvor. Ist aber auch ein fieser Vergleich. Fairer wäre der zur Wahlarena zwischen Martin Schulz und Jean-Claude Juncker an gleicher Stelle, die zwar ein paar mehr hatte als Pilawas Ratespiel, aber nicht mal die Hälfte der Nonnenölung Um Himmels Willen zuvor. Kicken und Klöster ziehen halt blendend. Casting dagegen nicht mehr so dolle – sogar beim Plastikkanal Pro7, wo das Wettsingen Keep Your Light Shining voll abschmierte. Die moderierende Barbiepuppe Annica Hansen war offenbar selbst Intensivnutzern zu dämlich.

Dass derlei Phrasenmiezen überhaupt einen Platz im Fernsehen haben, liegt auch an Männern wie Andreas Bartl. Als Pro7-Programmchef hat er jahrelang Künstlichkeit als Kunstform verkauft; nun wechselt er zur Konkurrenz. Und die Sprache, in der sein neuer Arbeitgeber das verkündet hat, war wie immer von Heuchelei in Worthülsen wie „neue Herausforderung“ oder „große Vorfreude“ geprägt. Wenn der Kirmesverkäufer Bartl nach zwei Jahren Selbstständigkeit also betont, wie dufte es sei, „diesen immer wieder innovativen und gut positionierten TV-Sender zu führen“ wäre das schon bei Pro7 eine lächerliche Selbstentlarvung. Aber mal ernsthaft – bei RTL2, wo der leicht seifige Medienunternehmer künftig die Geschäfte führt?

TV-neuDie Frischwoche

26. Mai – 1. Juni

An einem Montag wie diesem zum Beispiel laufen nach der Dokusoap Frauentausch um neun gleich neun Dokusoaps am Stück, bis um 20 Uhr die Karikatur einer Nachrichtensendung gen Mitternacht vier weitere Dokusoaps einleitet, von der keine einzige mit der Realität auch nur das geringste zu tun hat, aber permanent so tut, als ob. Echt innovativ, Herr Bartl! Verglichen damit gerät der Mumpitz des Muttersenders mit der überdrehten Rückschau I like the 90’s am Donnertag oder dem Finale von Let’s Dance tags drauf ja fast unterhaltsam.

Natürlich längst nicht so sehr wie Die Anstalt im, die morgen Abend beim ZDF in die Sommerpause geht. Oder der unvergleichliche Hinnerk Schönemann als Privatdetektiv Finn Zehender, der es heute im neuen ZDF-Nordseekrimi Aschberg wieder mit Provinzmorden, mehr aber noch mit einem grandiosen Drehbuch zu tun kriegt. Da paaren sich anarchischer Witz mit einer spannenden Geschichte in einer Weise, die sich Fernsehen auf dem Sendeplatz nur selten traut. Dort regiert eher historisches Entertainment der Art von Clara Immerwahr am Mittwoch im Ersten. Dabei ist es fraglos solide inszeniert, wie Katharina Schüttler als brillante Chemikerin daran zerbricht, dass sie ihr herrischer Gatte Otto Hahn nicht nur zur Hausfrau degradiert, sondern dem Giftgaseinsatz im 1. Weltkrieg den Weg bereitet. Doch dramaturgisch bleibt es eben typisch Biopic mit etwas viel Pathos und etwas wenig Wagemut.

Den kann man dagegen zwei gelungenen Dokus (ohne Seife dran) attestieren: Die Vatikanverschwörung, die heute um 22.45 Uhr im ZDF den Machenschaften einer Sekte namens Katholische Kirche auf den Grund geht, der nach geltendem Recht ein Verfahren als kriminelle Vereinigung drohen müsste. Und Mittwoch, zur besten Sendezeit auf dem ZDF-Ableger -Kultur: Punk im Dschungel über die schwäbische Band Cluster Bomb Unit, der auf ihrer Tour durch Indonesien Erstaunliches widerfährt, was auch als Wiederholung außergewöhnlich. Eher sehr gewöhnlich ist das, was Himmelfahrt passiert. Da sondern die Sender ihre üblichen Blockbuster und Quizshows ab, nur eben ganztägig. Aus dem Rahmen fällt dabei allenfalls die Fortsetzung der britischen Reihe Sherlock, wo Benedict Cumberbatch als modernisierter Detektiv endlich von den Toten aufersteht.

Zu den Toten, also vom Bildschirm Verschwundenen, gesellen sich am Freitag dagegen (vorläufig) die zwei Neuen vom Fall für zwei, der sich allerdings als fortsetzungsfähig erwiesen hat. Ob es für 30 Jahre wie beim Vorgänger Matula reicht, sei mal dahingestellt; für die Lebensdauer eines Tatort-Ermittlers könnte es aber reichen. Apropos: Der macht Sonntag für ein Fußballländerspiel Pause, womit abermals die Verlogenheit belegt wäre, mit der das Erste jede Art Innovation zu erträglicher Sendezeit unterm Verweis auf verlässliche Programmstrukturen abbügelt. Wenigstens ist auf den Tipp der Woche Verlass: Akira Kurosawas King Lear auf Japanisch Ran von 1985, Mittwoch auf Servus, leider erst nach Mitternacht.


Edathy, Marius, KiK & die Moral

Das kollektive Spaltungsirresein

Sebastian Edathy und andere vermeintliche Skandale zeigen nicht den Verfall unserer Gesellschaft – sondern die Scheinheiligkeit derer, die sich erregen, ihren moralischen Wahn.

Von Jan Freitag

Was Sebastian Edathy, Katja Riemann und die Giraffe Marius verbindet? Oberflächlich haben der Politiker, die Schauspielerin und das Zootier wenig miteinander zu tun. Wer jedoch in den Maschinenraum der Aufmerksamkeitsökonomie hinabsteigt, findet etwas, das die drei Medienwesen durchaus eint: eine gewisse Schizophrenie.

Ob auf dem Finanzamt oder dem Maidan-Platz in Kiew, in Klums Magersuchtzucht oder der Tagesschau, bei Knut und Wulff, im Internet oder im Straßenverkehr: Überall manifestiert sich das Missverhältnis zwischen dem, was die Masse als Skandal empfindet, und dem, was wirklich skandalös ist. Sebastian Edathys Pädophilie wird für andere erst dann zum Problem, wenn er sie auch auslebt. Das Amtsgericht Hannover jedoch ließ sein Haus bereits durchsuchen, obwohl der Vorsitzende vom NSU-Untersuchungsausschuss nur im Besitz legaler Nacktbilder war, wogegen der Beschuldigte nun vorm Bundesverfassungsgericht klagt. Dem Boulevard aber reichte der Anfangsverdacht aus, um ihn aufs mediale Schafott zu führen. Dort darf er Gnade nur noch erbetteln und hat sein Recht auf weitere Bezüge ebenso verwirkt wie das auf Unschuldsvermutung – als sei er längst schwerster Verbrechen überführt. Da hält die Wirklichkeit mit dem Wahn schlicht nicht Schritt.

Bei Katja Riemann ist es umgekehrt: Als sie Ende März als Fahnderin gegen Steuerbetrüger ermittelte, bebildert der ARD-Film ein Delikt, das dem Gemeinwesen ganz enorm schadet, wie jede Polizeistatistik belegt, zwischen all den Triebtätern in der Krimiflut aber kaum Platz hat in der Primetime. So wenig wie Marius im Kopenhagener Zoo. Aus Zuchtgründen verfütterte der die gesunde Giraffe an Löwen. Ein Tier frisst ein anderes, eigentlich ein natürlicher Vorgang. Trotzdem zog er einen globalen Proteststurm nach sich.

Drei Namen, drei News, die den Realitätsverlust der Mehrheitsgesellschaft gut skizzieren. Denn so pervers Edathys Neigung aus deren Sicht ist: Solang sie nie zu strafbaren Handlungen führt, ist Pädophilie wie jede sexuelle Phantasie Privatsache. So asozial Wirtschaftskriminalität dagegen sein mag, so konkret und fatal ihre Folgen: Fiktional geht ihr Unterhaltungswert verglichen mit plakativer Gewalt gegen null. Und so sehr verfütterte Giraffen verstören: Jedes Putensteak auf dem Teller übertrifft die angeprangerte Tierquälerei um ein Vielfaches.

Welche Dinge für Hysterie sorgen und welche nur Ignoranz hervorrufen, was erregt und was gleichgültig ist – es sagt wenig über die Sache, aber viel übers Gemüt. Das kollektive “Spaltungsirresein”, wie Schizophrenie wörtlich heißt, entspringt hier nämlich nicht im Gehirn, sondern im Gewissen.

So wird etwas klarer, warum wir Missbrauch als Todsünde geißeln und dabei Kleider von kik bis Nike tragen, die Gleichaltrige in den Folterkellern der Globalisierung nähen. Fürs elende Zoodasein eines Eisbären kämpfen und den Lebensraum von Knuts Artgenossen mit Billigfleisch aus dem Tier-KZ vernichten. Die Energiewende wollen, bloß keine Stromtrasse vor der Tür. Über verödete Innenstädte mosern, aber im Einkaufszentrum auf der Grünen Wiese shoppen. Prominente Steuerkriminelle anprangern, unsere Nachtlektüre jedoch als Fachliteratur absetzen. Den windigen Ex-Bundespräsidenten zur Hölle wünschen, aber dem windigeren Ex-Bayernpräsidenten die Champions League.

Die Mechanismen dieser Doppelmoral reichen vom kurzsichtigen not in my backyard über simple Betriebsblindheit bis hin zum verblendeten Furor gegen alles Normabweichende und haben aus Sicht des Sexualtherapeuten Christoph Ahlers “psychohygienische” Gründe: “Wir bestärken uns in unseren weißen Pelzen, wenn wir eine Minderheit der schwarzen Schafe ausmachen, stigmatisieren und exekutieren.”

Gesehen wird nur die (vermeintliche) Schuld der anderen, nicht die eigene Verantwortung. Und zwar auch für das, was heutzutage unseren Umgang mit Kindern so prägt: den Mangel am Objekt unserer Fürsorge. Denn bei einer Geburtenrate von 1,36 pro Frau wird Nachwuchs zusehends zur Seltenheit. Neben oft übertriebener elterlicher Zuneigung wird ihm daher die der Gesamtgesellschaft zuteil, eine Art kollektiver Sorge aller für alles Heranwachsende. Auf deren Schutz können sich in einer Gesellschaft ohne Kinder somit alle einigen. “Mag auch niemand mehr wissen was Wahrheit, was Lüge ist”, schrieb der BHG-Vorsitzende Thomas Fischer dazu in der ZEIT, so eint uns doch die “unschuldige Liebe zu den sexuell ausgebeuteten Kindern”.

Dass unser Lebensstil dem Planeten (unschuldig geliebte Kinder inklusive!) weit mehr schadet als jeder Päderast, ist so manchem Wutbürger nicht bewusst, wahrscheinlicher aber egal. Das prägt mit dem Urteilsvermögen auch seinen Informationsbedarf, der sich am Betroffenheitspotenzial bemisst. Ein fatales Zugunglück in Afrika taugt da zur Spitzenmeldung, weil es spektakulär ist. Die Armutsopfer ringsum, deren Zahl ja weit höher liegt, interessieren aber kaum.

“Wir sind uns bewusst, dass der tausendfache Hungertod jeden Tag in der Welt weit schlimmer ist als die Frage der doppelten Staatsbürgerschaft”, erklärt Tagesschau-Chef Kai Gniffke diese Unwucht der Relevanz. Doch das sei eben der “Zwiespalt, mit dem jeder Nachrichtenjournalist lebt”. Eine seriöse Form des Spaltungsirreseins, die seine Sprecher beharrlich vermelden lässt, unter den Toten seien “auch Frauen und Kinder”. Schwäche hat es uns nun mal angetan – ob altersbedingte oder geschlechtsspezifische.

Kurzum: Unsere Gesellschaft hat kein Missbrauchs-, geschweige denn ein Kriminalitäts-, sondern ein Scheinheiligkeitsproblem. Mit Bild als Zentralorgan, dass sich dort kratzt, wo es einen “inquisitorischen Mob” juckt, den Peter Sloterdijk “Echokammer für Hysterien und Vorwürfe” nennt. Um mit Schopenhauer zu sprechen: “Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwerer.” Das belegt eine Telekom-Personalleiterin mit dem munteren Namen Morgan-Schönwetter. In der Süddeutschen Zeitung erklärt die Mutter stolz zur Renaissance des Feierabends: “Der Nachmittag zwischen 16 und 20 Uhr ist bei mir mailfreie Zone.” Toll, wie sich Führungskräfte vom Erreichbarkeitszwang befreien. Und irgendwann klappt das sicher auch bei ihrer Assistentin, die den Schriftverkehr der Chefin “bis zum Feierabend im Blick” behält.

Der Artikel ist diese Woche unter http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-05/skandale-moral-scheinheiligkeit-gesellschaft erschienen


Alternativerockfriday: Cheap Girls, Brody Dalle

Cheap Girls

“Ehrlich” ist im Rock ein absolutes Todschlagargument. Als ehrlich gelten seit jeher Lederjackenträger wie Maffay, Bluesrockpotentaten wie Westernhagen und natürlich das endlose Billion-Dollar-PR-Projekt Rolling Stones. Ehrlich heißt irgendwie durchhaltefähig, meint aber am Ende doch nur banal, weil trotz Rebellenattitüde massentauglich. Da ist es also an der Zeit, der Ehrlichkeit im Rock mal wieder eine Band zuführen, bei der das Attritbut nicht schal klingt und verlogen. Zum Beispiel den Cheap Girls. Die Ehrlichkeit des amerikanischen Alternative-Trios ums Brüderpaar Ben und Ian Graham wirkt in seiner strikten Fokussierung auf 1-2-3-4-Rock’n’Roll nämlich so bodenständig geradeaus, dass man fast Sehnsucht nach jener Zeit kriegt, als Alternative noch nicht Grunge sein musste und Independent einfach so vor sich hinrocken durfte, ohne irgendwelchen Vorsilben Genüge zu leisten.

Dafür muss Ian Graham gar nicht besonders gut singen können und der Gitarrist Adam Aymor nicht ständig auf die Suche nach skurrilen Tempiwechseln gehen. Dafür darf das neue Album Famous Graves in genügsameren Momenten klingen wie die Lemonheads und in den aufregenderen wie Buffalo Tom. Dafür darf die offenbar bewusst imperfekte Band aus dem mittwestlichen Michigan sogar manchmal etwas langweilen – die vierte Platte in sieben Jahren (in denen es noch nicht mal zu einem Wikipedia-Eintrag gereicht hat) bleibt in den meisten Momenten wunderbar erdiger Westcoast-Rock mit diesem Aufbruchsgestus der späte Achtziger, übertragen auf die multioptionalen Zehner des neuen Jahrtausends. Erdig, nicht ehrlich.

Cheap Girls – Famous Graves (Xtra Mile Recordings)

Brody Dalle

Punk ist sicher der am häufigsten falsch verwendete Begriff im zeitgenössischen Popdiskurs. Ähnlich wie das Wort “Revolution” muss er von dilettantisch über renitent, laut oder ungepflegt bis hin zu irgendwie links für alles herhalten, was sich dem aktuellen Mainstream musikalisch widersetzt. Da reichen manchmal schon zerrissene Hosen, brachiale Riffs oder schiefe Töne, um dem “Rock” ein “Punk” voranzustellen. Brody Dalle ist demnach in etwa so punkig wie ein Sex-Pistols-T-Shirt – da kann die australische Sängerin auf ihrem Solo-Debüt noch so beherzt neben die korrekten Gitarrenbünde greifen. Aber so läuft es nun mal im Business: Sobald eine Musikerin das adrette Mädchengehabe überwindet und es klanglich, sprachlich, visuell tüchtig krachen lässt, wird ihr selbst vom eigenen Label schnell mal ein Stempel des Aufsässigen aufgedrückt. So wie einst Gwen Stefani – noch so eine wasserstoffblonde Schönheit des Rock, die sich mit Tanktop, Skateboard-Attitüde und Moshpit-Ska fürs Millionengeschäft des R’n’B fithüpfte. Nur: Stefanis alte neue Kapelle No Doubt war nach einer kurzen Aufwärmphase im Underground bloß noch ein Sprungbrett für die Anschlusskarriere ihrer schicken Rampenfrau; bei Dalle dagegen verhält es sich etwas anders.

Kaum 16, stand die heutige Mittdreißigerin bereits vor Stars wie den Beastie Boys auf den ganz großen Bühnen, heiratete den echten Punkrocker Tim Armstrong von Rancid, gründete von The Distillers bis Spinnerette eine Band nach der anderen, stylte sich im Verlauf aber nicht peu à peu zur plastisch aufgeplusterten Sexbombe auf, sondern machte einfach weiter mit dem, was sie viel besser kann als für Hochglanzcover zu posieren: Beschleunigten Psychobeat zwischen altem New Wave und neuem Grunge. Mit viel Tempo, etwas Wut, aber auch mal hübschen Bläsersamples und viel Gefühl fürs Melodramatische. Ihr Album Diploid Love füllt eine Lücke, die sich zwischen den Werken zweier anderer Künstlerinnen ganz ähnlicher Gestalt aufgetan hat: Debbie Harry und Courtney Love. Den rebellischen Glamour von Blondie mischt Dalle dabei mit der schillernden Aufsässigkeit von Hole und macht daraus ein ungemein spannendes Stück Gegenwartsgrunge.

Brody Dalle – Diploid Love (Carolina International); mehr text’n’sound’n’kommentare auf  http://blog.zeit.de/tontraeger/2014/04/30/brody-dalle-diploid-love_17997#more-17997