Schweizers Werbung & Mythos Monaco

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juli

Selbstkritik ist oft schmerzhaft, noch öfter jedoch ist sie bitter nötig. Schließlich ist Selbstkritik die komplizierte Kunst, innerer Konflikte äußerlich auszutragen, was wir an dieser Stelle tun und Abbitte leisten für unsere Einschätzung zu The Masked Singer. Anders als vorab befürchtet, ist die neue Pro7-Show nämlich nicht (nur) eine Resterampe für gescheiterte Sendergewächse, sondern die kurzweiligste Erfrischung im Sommerloch. Weniger erfrischend sind dagegen andere Lückenfüller der Saison. Auf gleichem Kanal etwa: Jochen Schweizer.

Der selbstverliebte Eventunternehmer kriegt vom entertainmentverliebten Eventsender grad dienstags gute zwei Stunden Dauerreklame geschenkt und tarnt diese Schleichwerbung namens Der Traumjob als Suche nach einem Geschäftsführer für Schweizers Unternehmen. Die „Challenges“ der Kandidaten vom Kühe-Treiben in Kenia bis zum Bergwandcamping sind allerdings so ersichtlich sinnlos, dass die PR-Sause mangels Quote bereits eingedampft wurde. Immerhin. Denn diesen Mut würde man auch der ARD bei Frank Plasberg mal wünschen. Doch obwohl er in Hart, aber fair mal wieder kuschelweich zur anwesenden AfD war, stand das Erste felsenfest zum populistischsten seiner Hosts.

Diese Selbstkritiklosigkeit dürfte sich auch in der norddeutschen ARD-Provinz kaum ändern, wenn der altgediente NDR-Apparatschik Joachim Knuth nach zwei Dritteln seines Lebens beim Sender den Posten als Intendant antritt. Mit 60 Jahren dürfte er zudem vor allem die Generation Angela Merkels bedienen, die parallel zu Knuths Wahl gerade unfreiwillig ins Sommerloch gefallen ist. Das Zittern der Kanzlerin ließ den Boulevard so aufjaulen, dass andere Nachrichten der Medienbranche kaum Platz fanden: der frühe Tod von Lisa Martinek etwa und der späte von Artur Brauner, das Ende der MAD und des Höhenflugs von Netflix.

Die Frischwoche

22. – 28. Juli

Nachdem der Streamingdienst verkündet hatte, Zigaretten aus seinem Angebot zu verbannen, scheint nämlich auch das rasante Wachstum des Marktführers zu verrauchen. Erstmals ging die Zahl der Einnahmen in den USA zurück, was sich womöglich auch mit dem Verlust wichtiger Lizenzserien wie Friends erklären lässt, die trotz gefeierter Eigenproduktionen beharrlich mehr Zugriffe erzielen. Über deren Zahl schweigt sich Read Hastings zwar weiter beharrlich aus; doch wenn strunzblöde Mainstream-Müll Murder Mystery mit Jennifer Aniston und dem notorischen Adam Sandler dank seiner 31 Millionen Zugriffe vor Prestigeobjekten wie Stranger Things liegt, kann man die Verschwiegenheit ganz gut verstehen.

Zumal ein anspruchsvolles Zugpferd am Freitag definitiv in Rente geht: Dann startet die siebte und letzte Staffel von Orange is the new Black, während Jerry Seinfeld an gleicher Stelle bereits zum elften Mal mit anderen Comedians auf Kaffeefahrt geht. Derweil hat Netflix den ersten deutschen Spielfilm produziert: Kidnapping Stella mit Jella Haase als Entführungsopfer in Hochform. Beide. Für die Leinwand gemacht und heutiger Auftaktfilm des Kinosommers im Ersten ist Hugo Gélins Komödie Plötzlich Papa um 20.15 Uhr. Omar Sy, bekannt aus Ziemlich beste Freunde, spielt darin den Vater eines One-Night-Stand-Unfalls, was nur in der ersten Hälfte rührselig und danach sehr sachlich ist.

Ebenfalls aus Frankreich, ebenfalls lustig und dabei ebenfalls nicht platt ist tags drauf (22.45 Uhr, ARD) die Hochzeitskatastrophe Das Leben ist ein Fest, während das ZDF 2,5 Stunden zuvor mal wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht: Europas Hochadel huldigen, diesmal dem Mythos Monaco. Immerhin widmet sich das Zweite 2,5 Stunden später im 95-minütigen Porträt RBG über Ruth Bader Ginsberg, die in den Siebzigern als erste Frau am Obersten Gerichtshof nicht nur amerikanische Emanzipationsgeschichte geschrieben hat. Was wiederum zum Zweiteiler Lustvolle Befreiung passt, mit dem sich Arte um 20.15 Uhr der sexuellen Revolution nach 1945 widmet.

Dort läuft Mittwoch auch die Fortsetzung von Sven Regeners Herr-Lehmann-Reihe ohne Herr Lehmann, aber mit Charly Hübner als Herr Lehmanns Freund Karl Schmidt, der in Magical Mystery zum Brüllen komisch das Zeitalter des Techno einläutet. Nicht so komisch ist hingegen bis heute der deutsche Umgang mit Sinti und Roma, dem das ZDF Sonntag um 23.45 Uhr eine viel zu kurze Doku widmet, die inhaltlich zum als Populismus verbrämten Rechtsextremismus passt, dem das Zweite am Donnerstag drei Dokus widmet: Störfall AfD und Die innere Unsicherheit ab 20.15 Uhr auf Info plus Sachsen zwischen Mauerfall und Rechtspopulismus (21 Uhr) im Hauptprogramm.

Die Wiederholungen der Woche: Danny Boyles Freiluftkammerspiel 127 Hours, in denen ein Bergsteiger 2010 nach wahrer Begebenheit eingeklemmt ums Überleben kämpfte (Dienstag, 20.15 Uhr, Tele5). Immer wieder sehenswert: Fritz Langs schwarzweißes Meisterwerk M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Freitag, 0.35 Uhr, BR) von 1931. Und um 22 Uhr wiederholt die ARD einen der besten Tatorte (Weil sie böse sind) mit einem der besten Duos (Sawatzki/Schüttauf) gegen den vielleicht besten Matthias Schweighöfer (als mörderischer Millionärssohn) ever.


Die Kerzen: True Love & Politik

Im Grunde Instrumentalisten

Die Kerzen aus Ludwigslust gelten gerade als Band der Stunde – auch, weil die vier Freunde mit den verschrobenen Kunstnamen anders als ihre Bundeslandsleute aus Mecklenburg-Vorpommern von Feine Sahne Fischfilet bis Jennifer Rostock nicht hyperpolitisch sind, sondern im Gegenteil federleicht wie eine digitale Bandmischung aus Achtzigern und Übermorgen, Dream Pop und Cloud Rap. Ein Interview zum Debütalbum True Love (staatsakt) mit Sänger Die Katze und Musiker Super Luci.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Eigentlich möchte man Mecklenburg-Vorpommern nicht immer seine auf Nazis reduzieren, aber bislang sind bekanntere Band von dort wie Feine Sahne Fischfilet, Waving The Guns, Jennifer Rostock oder Marteria allesamt extrem politisch. Warum seid ihr nicht nur un-, sondern geradezu apolitisch?

Super Luci: Für mich ist das eine Grundeinstellung, privat zwar politisch, also kein sexistisches oder rassistisches Arschloch zu sein, musikalisch aber nicht.

Die Katze: Wir sind zwar absolut keine unpolitischen Menschen. Aber so gut ich es finde, wie Feine Sahne sich dieser wichtigen Sache annimmt, würde sie in unserer Musik bloß konstruiert wirken. Zu Punkrock könnte ich vielleicht auch nicht so gut von der großen Liebe reden oder?

Andererseits erreicht man mit Punkrock ohnehin immer nur ähnlich tickende Personen, während man mit eurer Art DreamPop auch solchen was unterjubeln kann, die anders denken.

Die Katze: Das mag sein, aber als wir angefangen haben, erste Songs und Texte zu schreiben, war überhaupt nicht absehbar, damit überhaupt irgendwen zu erreichen, den das interessieren könnte. Deswegen war unser Veränderungsgedanke gering. Aber sollten wir irgendwann mal an dem Punkt angelangt sein, mit unserer Meinung den Unterschied zu machen, kann man darüber ja nochmal neu nachdenken.

Super Luci: Das ist allerdings unabhängig von unserer Musik. Man kann ja auch fragen, warum Rezo seine CDU-Kritik als Musiker nicht in einen Song, sondern dieses Video verarbeitet hat. Als Person des öffentlichen Lebens, muss man seine Haltung nicht zwingend in der eigenen Kunst verarbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten sich mitzuteilen. Popkulturell betrachtet finde ich das ziemlich spannend.

Gibt es dennoch Meta-Ebenen auf eurer Platte, die ich womöglich nur nicht entdeckt habe?

Super Luci: Kann schon sein, dass die Tiefen unseres Unterbewusstseins da welche hinterlassen haben. Aber wenn du sie findest, sag uns gern Bescheid.

Ist es also im Gegenteil ein Statement, einfach mal unpolitisch zu bleiben – auch, um den Leuten da draußen zu beweisen, in Mecklenburg-Vorpommern gibt’s auch was anderes als Nazis?

Die Katze: Das wäre möglich, aber auch überinterpretiert. Wir machen uns einfach generell nicht dauernd Gedanken, so ist die Band ja überhaupt erst entstanden: als Spaßprojekt, das cheezy Popsongs machen möchte. Deshalb habe ich fast ein bisschen Angst davor, dass wir uns irgendwann genötigt sehen, uns zu positionieren.

Super Luci: Am Ende wollen wir einfach nur gut unterhalten, also so weiter machen, wie bisher.

Seid ihr damit eine Band, deren Texte eher Instrument als Ausdrucksmittel sind?

Super Luci: Im Grunde genommen sind wir Instrumentalisten, machen uns aber schon auch Gedanken um das, was Die Katze dann singt. Es macht allerdings mehr Spaß, einen Song zu arrangieren als zu betexten.

Die Katze: Als Musiker oder Musikerin ist man in erster Linie handwerklich orientiert, Texte schreiben bleibt da eher abstrakt. Als Hauptsänger ist mir der Gesang aber schon auch wichtig, gerade live. Deshalb sind die Texte auch nicht Random, sondern durchdacht. Aber auf einem sehr einfachen, gerade Weg, den wir alle auch im Entstehungsprozess gemeinsam gehen.

Hat es für ein Leben in der Provinz denn etwas Selbsttherapeutisches, wenn im Klappentext eurer Platte „Hits schreiben, statt Abfrusten“ steht?

Super Luci: Schon. Wir haben ja definitiv aus einer gewissen Langeweile heraus zur Musik gefunden.

Die Katze: In einer Kleinstadt Leute zu finden, mit denen man seine Ansichten und den Geschmack teilen kann, dieses seltene Glück verbindet ungemein. Wie viele Leute gibt es, die bei uns niemanden finden, der ihre Sprache spricht. Und ehrlich: was willst du denn sonst machen in Ludwigslust?

Super Luci: An Mopeds schrauben?

Die Katze: Freiwillige Feuerwehr!

Super Luci: Toll!

Wie lange kennt ihr euch schon?

Super Luki: Aus Schulzeiten, 7. Klasse, man läuft sich bei 11.000 Einwohnern aber auch so ständig über den Weg. Und Jelly Del Monaco habe ich beim FSJ kennengelernt.

Die Katze: Das hat auch eine gewisse Symbolik: Sie kommt aus Baden-Württemberg, wollte das so weit wie möglich hinter sich lassen und ist aus denselben Gründen, warum man Mecklenburg-Vorpommern verlässt, zu uns gekommen. Auch wenn Jelly da womöglich widersprechen würde.

Warum habt ihr euch eigentlich diese Kunstnamen gegeben?

Super Luci: Ach, am Anfang fanden wir das einfach nur lustig.

Die Katze: Mittlerweile geht es zwar auch darum, weitere Ebenen hinzuzufügen. Aber auch hier gilt: es hat nicht alles eine tiefere Bedeutung, was wir machen.

Super Luci: Künstlerische Zusammenhänge haben immer etwas Artifizielles, aber zu viel sollte man da nicht hineininterpretieren.

Wo liegen denn eure musikalischen Referenzgrößen – eher im Dream Pop der Achtziger oder beim Trash Pop von heute wie Bilderbuch.

Super Luci: Sowohl als auch. Als Teenager haben wir immer eher aktuellen Indierock gehört, aber die Art, wie wir das auf unsere Art umgestalten, kommt aus den Achtzigern – Prefab Sprout, Tears for Fears, aber in der Tat auch sowas wie Bilderbuch.

Die Katze: In unserem Sound und der Attitüde findet sich viel vom aktuellen Cloud Rap wieder, auch in der Herangehensweise.

Super Luci: Am Anfang sind unsere Songs in drei, vier Stunden fertiggeworden, weil jeder etwas in den Prozess eingeworfen hat, was dann sofort umgesetzt wurde. Das war zwar noch nicht wie bei den Jung Hurn, die sagen, jede Zeile, über die wir mehr als 15 Sekunden nachdenken, ist Schrott. Aber das intuitive Arbeiten liegt uns schon sehr und unterscheidet uns am Ende doch von den Eighties.

Geht diese Intuition so weit, dass sich euer Stil jederzeit radikal ändern könnte?

Die Katze: Durchaus, aber wir denken über die nächste Platte natürlich noch gar nicht nach. Aber ernsthaft: ich finde es auch voll okay, sich treu zu bleiben.

Super Luci: Außerdem kann man sich oft gar nicht aussuchen, wo es hingeht.

Das Interview ist vorab auf dem Musikblog erschienen