Mannes Tod & Dead Man Working

TVDie Gebrauchtwoche

31. Oktober – 6. November

Die Endlichkeit des linearen Fernsehens wurde uns diese Woche auf drei nur scheinbar verschiedenen Ebenen in Erinnerung gerufen: Erst kam raus, dass der amerikanische Telekom-Konzern AT&T plant, den Medien-Riesen Time Warner für den Gegenwert von 85,4 Milliarden Dollar in Aktien zu schlucken. Dann gab Manfred Krugs Familie bekannt, der vielleicht prägendste deutsche TV-Darsteller des ausgehenden Jahrhunderts sei am 21. Oktober mit 79 Jahren gestorben. Zwischendurch sorgte die Vorabmeldung für ein wenig Aufregung, Guido Cantz schminke sich für die anstehende Samstagsshow Verstehen Sie Spaß im Ersten zum Schwarzen um, was dann auch gesendet wurde.

Letzteres deutet darauf hin, wie stinkend die Lagerfeuer des sterbenden Leitmediums vor sich hin kokeln – steht das rassistische Prinzip des Blackfacings doch für jene Zeit vor fast 100 Jahren, als schwarze Schauspieler in den USA nicht öffentlich auftreten durfte und deshalb von Weißen in sogenannten Minstrel-Shows kopiert (und dabei lächerlich gemacht) wurden. Ersteres hingegen dürfte die Mobilmachung stationärer Fernsehinhalte wie vom Serienproduzenten HBO oder dem Nachrichtenkanal CNN nachhaltig vorantreiben. Und dass Manfred Krug nicht mehr lebt, deutet schmerzhaft darauf hin, wie rasant die Generation jener Entertainer, denen Entertainment mit Herz und Verstand mehr bedeutet hat als Selbstsucht und Quote, ausstirbt.

Übrig lassen sie einen Boulevard, der sich bis tief in seriöse Redaktionen von Spiegel und Stern am soziokulturellen Durchfall eines dreiachtelprominenten Gossippaars namens Pietro und Sarah Lombardi delektiert. Dessen Trennung hat zwar eigentlich die Relevanz einer Zellteilung im Abwassertümpel, wird aber seit Tagen so zur Breaking News aufgeblasen, dass Ingo Zamperonis erste von Zuschauern erwählte letzte Worte in den Tagesthemen fast schon wieder interessant wirken – selbst wenn sie (tihi) „Möge die Nacht mit uns sein“ lauten.

0-FrischwocheDie Frischwoche

7. – 13. November

Viel lustiger wird’s diese Woche im Ersten nicht. Was einerseits daran liegt, dass die ARD unter Humor noch immer Schmunzelkrimis wie Morden im Norden mit Ingo Naujoks und Sven Martinek versteht, der am Montag auf den Sendeplatz vom Großstadtrevier wechselt. Andererseits liegt es am Zielspurt der US-Wahl, die uns etwa beim morgigen Thementag auf Phoenix allenfalls mal das Lachen über diese Farce im Halse stecken lässt. Und dann gibt es ja wie stets im Herbst noch die Themenwoche. Ihr Titel Zukunft der Arbeit klingt sachlich, klingt sogar spannend, ist aber ein Missverständnis. Was die ARD bis Samstag auf allen Kanälen zeigt, ist nämlich vor allem die Arbeit der Gegenwart.

Immerhin zählt dazu ein unterhaltsamer Mittwochsfilm: Dead Man Working. Auch das Banker-Drama handelt zwar vom höchst aktuellen Alltag skrupelloser Renditemaximierung im Finanzsektor; doch Wolfram Koch spielt die Hauptfigur – einen Manager der sich scheinbar vom Burnout gestresst ausgerechnet nach einem erfolgreichen Deal seiner Bank, das Leben nimmt – mit so toller Ambivalenz, dass die Geschichte trotzdem in die Zukunft weist.

Das wiederum unterscheidet sie grundlegend vom zähen ZDF-Melodram Schweigeminute. Die Lehrer-Schüler-Love-Story mit Jonas Nay und Julia Koschitz spielt nach dem Roman von Siegfried Lenz in den Fünfzigern und gibt sich auch keinerlei Mühe, die piefige Atmosphäre jener Zeit aufzulockern. Fernsehen von gestern mit den Mitteln von gestern fürs Publikum von gestern. Herrje… Dabei kann man sogar diese Kombination einigermaßen ansehnlich gestalten wie im ARD-Film Tödliche Geheimnisse. Mit Katja Riemann als windige Unternehmerin, deren Machenschaften im TTIP-Dunstkreis von Nina Kunzendorf als Reporterin aufgedeckt werden, was Anke Engelke als korrupte Chefredakteurin verhindert, ist auch dies nicht grad die Neuerfindung des fiktionalen Rades, aber ziemlich versiert inszeniert.

Trotzdem kann das alte Fernsehen vom neuen selbst dann noch was lernen, wenn dies im Gestern kramt. Die neue Netflix-Serie The Crown zum Beispiel beschreibt ab Freitag den Aufstieg der jungen Prinzessin Elisabeth zur Königin von England und tut das auch dank Claire Foy in der Hauptrolle zehn Teile mit präziser Grandezza statt öffentlich-rechtlichem Schmalz. Und sobald ARD und ZDF was auf ihre Jugendplattform Funk delegieren, wirkt eine Low-Budget-Mysteryserie wie Wishlist um Wünsche, die sich nur zu äußerst ärgerlichen Bedingungen erfüllen, plötzlich irgendwie lässig. Was die Wiederholung der Woche zumindest bei der Premiere 1978 auch war: Ein Käfig voller Narren (Montag, 20.15 Uhr, Arte), dicht gefolgt vom schwarzweißen Tipp Mein Freund Harvey von 1950 mit James Stewart in seiner Glanzrolle als schrulliger Millionär Elwood P. Dowd, der mit seinem unsichtbaren Hasen alle Widrigkeiten des Lebens durchschreitet, ohne je die gute Laune zu verlieren.


The Pop Group, Leonard Cohen, Jamie Lidell

imagesThe Pop Group

Bandnamen, die allzu offensichtlich auf ein Genre hinweisen, enthalten mit großer Sicherheit das genaue Gegenteil. Darauf sind Außenstehende zuletzt reingefallen, als sie die britpoppig harmlosen Eagles of Death Metal wegen ihrer vermeintlich satanischen Inhalte zum islamistischen Terrorziel im Pariser Bataclan erklärten. The Pop Group dürfte in diesem Gedankenkonstrukt also überaus leicht und fluffig klingen. Dass davon nun wirklich keine Rede sein kann, belegt das englische Noise-Sextett seit fast 40 Jahren immer wieder aufs Neue. Schon als Punk noch nicht mal im Ansatz dead war, verpassten sie ihm mit industrieller Wucht ein erstes Post- davor. Auf ihrer sechsten Platte nun klingt The Pop Group noch irrer, noch wirrer, nicht aber verirrt oder -wirrt.

Ein wenig im Stile der ideologisch ähnlich weit link(sradikal)en Buzzcocks oder Atari Teenage Riot, dreht sie bloß die etablierte Zeichenwelt des Rock durch den Fleischwolf ignorierter Mainstreammechanismen und macht daraus dystopischen, aber kreativen Experimentaltrash mit Resten erkennbarer Stilfragmente. Da flirren dann schon mal klassische Gitarrenläufe unter funkige Beats, werden aber spätestens von Mark Stewarts proklamativen Lyrics wieder in den Keller bürgerlicher Erwartungshaltung gezogen. Das zweite Album nach einer epischen Pause, die punktypisch bereits 1980 begann und erst 1998 endete, ist sicher nichts für den lauschigen Sesselabend mit Wein. Für die permenante Selbstversicherung, dass Pop nicht für seicht und beliebig stehen muss, ist es ein Allheilmittel.

The Pop Group – Honeymoon On Mars (Freaks R Us)

indexLeonard Cohen

Wer in unserem Kulturkreis ein solides Maß an Wohlstand erreicht hat, antwortet auf die Frage nach dem wichtigsten Besitztum verlässlich mit: Zeit. Das hat mit dem Trendbegriff Achtsamkeit zu tun, der das tägliche Tun in den Kontext größtmöglicher Sinnstiftung stellt. Andererseits herrscht so viel Überfluss, dass die Ressource der individuellen Daseinsspanne absolut zu Recht als schützenswert gilt. Dennoch neigen junge Menschen dazu, sie hektisch mit Inhalt zu füllen, während ältere zur Verschwendung neigen. Das erklärt, warum sich Leonard Cohen auf seiner neuen Platte noch mehr Zeit nimmt als auf den 13 Alben zuvor.

https://soundcloud.com/paulkalkbrenner/leonard-cohen-you-want-it-darker-paul-kalkbrenner-remix

Vom ersten bis zum neunten Lied verströmt sie – melodramatisch angedickt mit etwas Ghospel und Ethno – die unendliche Gelassenheit des 81-Jährigen, der dem Ende gewahr so in sich ruht, als hätte er noch ein, zwei Leben vor sich. Als Kontrastmittel empfiehlt sich da Paul Kalkbrenners Interpretation des Titelstücks, die Cohens brummelnden Erzählmodus elektronisch so aufmöbelt, dass beides voneinander lernt: Der Folk den Spaß, der House den Ernst. Doch keine Sorge: auch ohne digitales Anfetten bleibt Cohen ein unsterblicher Poet gediegener Ereignislosigkeit.

Leonard Cohen – You Want It Darker (Sony)

Hype der Woche

indexJamie Lidell

Das führt uns zum ewigen Nachwuchstalent Jamie Lidell. Der englische Grenzgänger des funkigen Pop versteht es zwar virtuos, LoFi dank guter Gastmusiker nach Bigband klingen zu lassen, die aufwändig kostümiert jede Terassenbühne bevölkert und ganze Konzertsäle beschallt. Dahinter jedoch wird es aber doch zu dünn für das, was Lidell anstrebt: die Neuerfindung der Disco mit nostalgischen Mitteln. Diesmal versucht er es es mit einem Soul, der auf dem sechsten Album futuristisch und zugleich traditionell klingen soll, also mit Building A Beginning (Jajulin Records) adäquat großkotzig betitelt ist. Diese Großkotzigkeit hat sich Lidell auch verdient; sie erfordert aber musikalische Unterfütterung, die er hier schlicht nicht leistet. Was als psychedelischer Soul angekündigt wird, ist am Ende bloß emotionales Gefasel über sein Familienleben. Routinierte Berechnung ist demnach weit deutlicher zu hören als wahre Seele. Macht aber nix – er ist ja noch, nee, mit Anfang 40 nicht mehr jung, aber ewig talentiert.


Franka Potente: Hollywood & Island-Krimis

interview-mit-franka-potente-100_v-standard644_f4249aIch will am Alltag teilnehmen

In der kleinen Schar international bekannter Schauspielerinnen aus Deutschland, ist Franka Potente die einzige mit Arbeit. Dennoch kehrt sie fast 20 Jahre seit ihrem Durchbruch mit Lola rennt immer mal wieder vom Wohnsitz L.A. zurück in die alte Heimat – von der sie diesmal allerdings gleich wieder abflog: Im Island-Krimi (Foto: Frank Lübke/Degeto) folgt sie ab heute Abend dem Drang der ARD, hiesige Ermittler als Kommissare in Urlaubsparadiese zu schicken. Ein Gespräch mit der 42-Jährigen aus Münster über Pragmatismus bei der Rollenwahl, die Synchronisation ihrer selbst und warum sie durchaus zum Tatort bereit wäre.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Potente, Sie haben seit 2007 nur selten in Deutschland gearbeitet. Das Pro7-Remake Die Brücke, später der Kriegsfilm Laconia, zuletzt 2001 Beate Uhse – hab ich was vergessen?

Franka Potente: So genau hab ich das nicht im Kopf, aber das dürfte hinkommen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie deutsche Produktionen aus?

Nach ganz pragmatischen. Wie Sie sicher wissen, hab ich in Amerika Familie. Und mit zwei kleinen Kindern muss man sich generell anders organisieren als ohne. Zumal ich überhaupt nicht gern über einen längeren Zeitraum ohne meinen Mann und unsere Töchter bin. Wenn etwas jenseits des Atlantiks stattfindet, muss mir also nicht nur das Drehbuch gefallen, sondern auch, wie es sich organisieren lässt. Als ich kürzlich eine britisch-amerikanische Serie mit Tom Hardy in England gedreht habe, gab es immer mal wieder ein, zwei Wochen frei, um zurück nach L.A. zu fliegen.

Und wie ließ sich der Dreh in Island organisieren?

Sehr gut, meine Familie war mit dort. Sonst hätte ich es über einen so langen Zeitraum von fast drei Monaten auch nicht gemacht.

Was hat Sie noch von der Reihe überzeugt?

Machbarkeit und Drehbuch, bessere Gründe gab es nicht.

Nicht vielleicht der Drehort?

Island ist natürlich ein extrem spannender. Aber der Drehort ist für mich selten entscheidend, weil man am Ende ja doch die ganze Zeit am Arbeiten ist und wenig vom Land mitkriegt. Das hole ich dann lieber privat auf Reisen nach. Trotzdem fand ich natürlich auch Solveig interessant, eine Figur, die etwas sehr Menschliches, Unperfektes, manchmal fast Tollpatschiges hat. Das unterscheidet sie von vielen Krimicharakteren.

Merkt man dem Drehbuch von Don Bohlinger an, dass es ein Amerikaner auf Englisch für den deutschen Markt geschrieben hat?

Womöglich. Was aber kein Problem ist, wie ich finde. Hermann Hesse hat Siddhartha ja auch geschrieben, ohne je in Indien gewesen zu sein.

Von Karl Mays Winnetou ganz zu schweigen…

Sehen Sie! Aber hier geht es ja sogar noch weiter: Am Set wurde dreisprachig gesprochen – Isländisch, Englisch und Deutsch. Das war manchmal schon chaotisch und führte dazu, dass nicht alles immer wie aus einem Guss wirkt. Vielleicht wäre es besser gewesen, alles in Bohlingers Original zu machen; in Übersetzungen geht ja immer ein bisschen verloren. Trotzdem hat es gut geklappt.

Wie ist es denn, sich hinterher selbst zu synchronisieren?

Ach, das hab ich schon so oft gemacht. Reine Routine. Zumal man auch bei deutschen Produktionen hinterher immer noch für die Sprachkorrektur ins Synchronstudio muss. Das gehört dazu. Trotzdem: Original ist Original. Deshalb synchronisiere ich nicht unbedingt gerne.

Sie haben jetzt zwei Island-Krimis abgedreht. Gibt es eine Option auf weitere Teile?

Keine offiziell formulierte. Die ARD schaut halt, wie es läuft, und wenn die Quote stimmt, wird bestimmt überlegt. Auch da stellt sich wieder die Frage, wie man so zusammenkommt, aber ich wäre grundsätzlich Fall bereit.

Wäre das dann nicht schon eine Vorstufe zur Tatort-Kommissarin?

Kann schon sein. Aber diese Regelmäßigkeit kann ich mir grad überhaupt nicht vorstellen. Mein Lebensmittelpunkt ist Amerika, und ich will am Alltag teilnehmen, also auf keinen Fall eine Mutter sein, die ihre Kinder zum Geburtstag nur anruft. Alles, was in Europa stattfindet, muss ich individuell entscheiden.

Steht da demnächst denn etwas an?

Im Moment ist noch nichts spruchreif, aber ich schreibe auch gerade ein Drehbuch, gemeinsam mit Family füllt mich das vollständig aus. Mehr Arbeit brauche ich zurzeit nicht.


Populisten-Pornos & Bayern-Benefiz

TVDie Gebrauchtwoche

17. – 23. Oktober

Wenn das lineare Fernsehen im Jahr fünf n.G(ottschalk). mal an einer achtstelligen Zuschauerzahl kratzt, wird in der Regel entweder Fußball gezeigt oder „Tatort“, aber nur selten etwas von soziokultureller Relevanz. Da sind fast sieben Millionen Menschen überaus bemerkenswert, die am Mittwoch das ARD-Drama Terror – Ihr Urteil um den fiktionalen, aber realitätsgetreuen Prozess gegen einen Bundeswehrpiloten gesehen, der ein entführtes Passagierflugzeug abgeschossen hat. Noch bemerkenswerter war aber eine andere Zahl: 86,9 Prozent. Die nämlich haben bei der Abstimmung übers variable Filmende für Freispruch statt schuldig gestimmt, also gegen das Grundgesetz, was zu heftiger Kritik der Art von „Populisten-Porno“ führte.

Dies wiederum ist ein Urteil, das angesichts der Güte des Films nebst der angestoßenen Debatte eher aufs ZDF zuträfe. Dort wird gerade Teil 2 des ebenso seifigen wie revisionistischen Nachkriegsmelodrams Tannbach gedreht. Das pathetische Kommunistenbashing bei gleichzeitiger Milde fürs Tätervolk ist so offen populistisch, dass ein anderes Stück starbesetztes Historytainment, dessen Fortsetzung bald in Arbeit geht, pädagogisch fast wertvoll erscheint, obwohl es von RTL ist. Besser: war. Deutschland 86 wird nach enttäuschenden 1,63 Millionen Zuschauern im Finale der 83er-Version von Amazon produziert.

Was ökonomisch klug ist, wirft allerdings ein schäbiges Bild aufs alte TV, das konkurrenzfähiges Programm zusehends an Streamingdienste delegiert. Dazu passt, dass Netflix seit voriger Woche seine erste rein deutsche Eigenproduktion namens Dark dreht. Die Story um vier Familien, deren Schicksal durch ein verschwundenes Kind verwoben wird, klingt zwar nach dem üblichen Serienquark, macht einen Satz von Shane Smith im Zeit-Interview aber umso bedrohlicher für die Platzhirsche. Innerhalb der nächsten zwölf Monate werde sein Guerilla-Magazin Vice einen „eigenen Fernsehsender in Deutschland haben“. Da kann sich das „junge Angebot von ARD und ZDF“ noch so funky „Content-Netzwerk“ nennen – wer unter 60 ist, ist öffentlich-rechtlich längst verloren.

0-FrischwocheDie Frischwoche

24. – 30. Oktober

Daran wird Franka Potente nichts ändern. Gut 20 Jahre nach ihrem Kinodebüt und drei weitere seit ihrem globalen Durchbruch mit Lola rennt, hielt es die ARD für cool, den westfälischen Weltstar im nächsten Urlaubskrimi am Donnerstag zu platzieren, der hiesige Schauspieler diesmal zu Isländern macht. Doch Der Tote im Westfjord ist zum Auftakt die gleiche Klischeedusche wie alles, was in Urbino und Venedig, Cornwall oder Schweden hochdeutsch spricht. Dramaturgisch, stilistisch, atmosphärisch unterschreitet das selbst Antikware wie Miss Marple so klar, dass jedes Wort zu Inhalt und Ausführung sinnlos wäre. Nur zwei Fragen: warum macht es bei Rückblenden auf die dunkle Vergangenheit der Hauptfigur immer kurz „wusch“? Und warum gibt sich der talentierte Felix Klare für diesen Bullshit hin?

Vielleicht könnte man ihn zur Beantwortung ja zu Oliver Polak schicken, dem Pro7 ab heute Abend fünf Montage um 23.15 Uhr eine typisch private Talkshow schenkt. In Applaus und Raus darf der Berliner Brachialcomedian seine Überraschungsgäste bei Nichtgefallen per Buzzer aus dem Studio werfen. Das droht so plump und berechenbar zu werden, dass man einen Grund mehr hat, im Ersten zu bleiben, wo Ingo Zamperoni heute einen der größten Irrtümer der Nachrichtengeschichte bereinigt: Die Tagesthemen erst von Thomas Roth moderieren zu lassen, statt das vakante Amt von Tom Buhrow vor drei Jahren gleich an den hinreißende nonchalanten Vollblutreporter mit italienischen Wurzeln zu geben.

Aber auch das war eben nur ein weiteres Aufbäumen jener Whiteheads, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen bis heute beherrschen. Formate wie die Doku-Reihe ab 18!, mit der 3sat ab heute Abend (22.30 Uhr) wieder das Leben potenzieller Stammzuschauer beleuchtet, sind und bleiben da nur angenehme Ausnahmen unter Ausschluss der Zielgruppe. Mit dem Löwenanteil der Gebührenmilliarden wird stattdessen weiter die alte Klientelpolitik betrieben. Etwa zum Wohle des FC Bayern München, dessen Konto am Mittwoch mit der sportlich irrelevanten Übertragung des Pokal-Heimspiels gegen Augsburg weiter gemästet wird, während interessantere Partien als Konserve laufen. Es ist ein echter Klassenkampf, den die ARD mit dieser Elitenpolitik von oben betreibt.

Vergleiche zum Spanischen Bürgerkrieg verbieten sich zwar dennoch, dienen hier aber als Hinweis auf Patrick Rotmanns spielfilmlange Doku am Dienstag (20.15 Uhr), mit der Arte Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden dieses ersten Gefechts gegen den europäischen Faschismus erzählt. Kurz danach dann, 1949, entstand die schwarzweiße Wiederholung der Woche (Mittwoch, 22.30 Uhr, Servus): Der dritte Mann mit Joseph Cotten auf der Suche nach Harry Lime im Wiener Untergrund, begleitet von Anton Karas‘ zeitloser Zither.

Schon in Farbe, aber wunderbar nostalgisch ist die Rückkehr des ersten Einsatzes von Manfred Krug als Tatort-Kommissar von 1984 (Freitag, 20.15 Uhr, One), damals noch ohne seinen Sangesbruder Brockmöller. Parallel dazu handelt der Dokumentartipp im WDR ebenfalls vom Verbrechen: Chicago am Rhein porträtiert das Köln der 60er bis 80er-Jahre, als die Stadt Deutschlands kriminelle Hochburg schlechthin war. Nicht schön, aber unterhaltsam.


BID-Reeperbahn+: Mülleimer & Vollpfosten

tussi2Bitte (k)ein BID

Für viele Stadtteilaktivisten sind Business Improvement Districts generell rote Tücher. Ganz besonders natürlich, wenn diese Art innerstädtischer Sonderwirtschaftszone für Anlieger mit Geschäftsinteresse im Mischviertel St. Pauli eröffnet wird. Eine Halbzeitbilanz des BID Reeperbahn+, 30 Monate nach Einrichtung in der gar nicht so heimlichen BID-Hauptstadt Hamburg.

Von Jan Freitag

Fünfzehn Mülleimer mit Pfandregal, rund 6.000 Euro pro Stück, erhöhtes Fassungsvermögen, digital vernetzt, weithin erkenn- und doch seltsam unsichtbar: Wer den Business Improvement District (BID) an der Reeperbahn an materiellen Maßstäben misst, muss zur Halbzeit des Projekts ein ernüchterndes Fazit ziehen. Sieht so eine verbesserte Geschäftssituation aus? Bislang erkannte man einen Hamburger BID an den auffällig gepflegten Bürgersteigen, den neuen Sitzbänken und Pflanzen, manchmal auch an vermehrt auftretendem Sicherheitspersonal. “Aus Besuchern sollen Kunden gemacht werden” hieß es 2014 im Plan für das BID Reeperbahn.

Augenfällig ist heute wenig von dem Projekt der deutschen BID-Hauptstadt Hamburg, zweieinhalb Jahre nach dem zugehörigen Senatsbeschluss. Dass Julia Staron dennoch neuen Wind im alten Rotlichtviertel spürt, dass sie vor Aufregung eine Kippe nach an der nächsten entzündet und vor Überschwang wild gestikuliert, kann also nicht an 15 Eimern in Pink liegen. “Es geht um mehr als Optik”, sagt die Quartiersmanagerin lachend.

Es geht ums Ganze.

Als Business Improvement Districts 1970 von Kanada aus um die Welt gingen, sollten sie verwahrloste Städte mit Leben füllen. Der erste in Deutschland entstand 2005 in Hamburg. Grundeigentümer und Unternehmer verständigen sich auf Maßnahmen, um ihre direkte Umgebung attraktiver zu gestalten – etwa durch neue Beleuchtung, Bürgersteige oder Grünflächen. Ihr Ziel: mehr Sicherheit, mehr Sauberkeit, mehr Gäste, mehr Geld. Die Initiative zu einem BID muss aus dem Stadtteil selbst kommen, auch die Finanzierung.

In Hamburg müssen letzlich zwei Drittel der angrenzenden Grundstückseigentümer einem BID zustimmen, damit das zuständige Bezirksamt es offziell einrichtet – und alle von ihnen, egal ob dafür oder dagegen, zu einer Beteiligung verpflichtet. Mehr als 20 BIDs gibt es in Hamburg, 40 Millionen Euro sind bereits in die Gebiete geflossen. Ein umstrittenes Verfahren. Doch nicht nur bei einigen Unternehmern stoßen die BIDs auf Kritik. Stadtteilaktivisten klagen, dass sie öffentlichen Raum privatisieren. Das machte es zu einem großen Wagnis, 2013 ausgerechnet den Spielbudenplatz im hoch-politisierten St. Pauli zu einem solchen Gebiet zu erklären, mitten hinein in die links-alternative Szene. Dorthin, wo 2013 gegen den Abriss der Esso-Hochhäuser protestiert wurde.

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Wie also kommt es zur guten Stimmung von Sharon? Was sieht sie, was andere nicht sehen? In Bergedorf, am Neuen Wall oder am Steindamm gehe es um mehr Politessen und Pflanzkübel, erklärt die Quartiersmanagerin. In ihrem Distrikt, zwischen Partypöbel und Bewohnern, Eventkultur und Alltag dagegen um atmosphärische Maßnahmen, um etwas also, was nicht sofort sichtbar sei. “Wir sind die Ausnahme”, sagt Starons Auftraggeber Andreas Pfadt beim Gespräch im St. Pauli Museum, während die Davidstraße darunter vier Tage vor dem Wochenende seelenruhig den Nachbarn gehört.

Fast zwei Millionen Euro investiert der “treuhänderische Träger öffentlicher Belange auf privatrechtlicher Vertragsbasis” auf fünf Jahre verteilt in die “Aufwertung des weltweit bekannten Vergnügungsstandortes Sankt Pauli”, wie die BID-Seite verkündet. Da sie sich der Brisanz solcher Vokabeln bewusst sind, bevorzugen die zwei Quartiersmanager ebenso wie ihr Geldgeber Pfadt allerdings: Beseitigung von Missständen. Das testosterongetränkte Gebräu aus Verkioskung, Prügelorgien und Müllexzess flutet den Lebensraum Kiez ja nicht nur beim Schlagermove, sondern 100 Tage im Jahr. Und wenn man hört, wie Pfadt “Ballermannisierung” eher ausspuckt als -spricht, hochglanzpolierte City-Distrikte laut kritisiert und den Bezirksamtschef da an seiner Seite wähnt, wirkt der Stadtplaner spürbar angewidert vom Vergnügungsviertel.

Seit die Bandenkriege Mitte der Achtziger darin abgeflaut sind, gebe es zwar auch positive Entwicklungen. Die aber würden von Bierbikes und Junggesellinnenabschieden überlagert. “Und wir wollen nachhaltigen Tourismus, der nicht nur Vollpfosten anzieht.” Ein Gutteil der Mittel fließt daher in deren Aufklärung: Für soziokulturellen Konsens abseits von Hüttengaudi und physischer Konfliktlösung, gegen Rassismus und Sexismus als gesellschaftliche Norm. Für eine Corporate Identity von außen und innen, gegen Respektlosigkeiten wie Wildpinkeln, das ein millionenfach geklicktes Video dokumentiert.

Dagegen gibt es Willkommenstüten mit Regeln, Runde Tische mit offenen Ohren, einen Sampler mit Covern eines Reeperbahn-Klassikers, also nur Gutes zu berichten. Sagen Staron und Pfadt. Sagen Polizei und Stadt. Sagen Betriebe und Besitzer. Nur: Was sagen eigentlich die Gegner? “BID sind und bleiben das Letzte”, meint mit Christoph Schäfer ein BID-Gegner der ersten Stunde. Sicherheit, Sauberkeit, Gäste, Geld: für Aktivisten wie ihn dient der neoliberale Vierklang exakt jener Standortpolitik, die in Menschen bloß Kunden sieht. Gruppen von S.O.S. St. Pauli bis PlanBude straften den Reeperbahn-Distrikt daher früh mit Verachtung. Doch mittlerweile herrscht mit dem monetarisierten Arm der Marke Hamburg Burgfrieden. “Weil es nötige Dinge anpackt”, die (Stichwort Gewalt, Kioske, Pinkeln) “endlich mal Qualität ins Konzept bringen”.

Im Grabenkrieg Stadtentwicklung klingen Christoph Schäfers Worte verblüffend konziliant. Dass Julia Staron ihre Sache vor der eigenen Tür relativ gut macht, belegt nicht zuletzt, wie viele ZEIT-ONLINE-Anfragen an Initiativen, die sonst keine Chance zur Kritik auslassen, unbeantwortet bleiben. Und Kritik gibt es weiterhin genug: Am PR-Begriff, am BID-Ursprung in der renditeseligen IG St. Pauli, am Aufwertungswahn, am Marktwertdenken, das alles verdichtet auf einem Streifen längs der Reeperbahn, dem Spielbudenplatz.

Auch zehn Jahre nachdem eine Anliegergemeinschaft um Corny Littmann diese Brache veredelt hat, leide das Umfeld unter dem Foodtruckpark mit mobiler Bühne. Der Nachtmarkt, so Schäfer, sei bei Anwohnern zwar akzeptiert; häufiges Absperren bei Dauerbeschallung aber sorge für eine schleichende Privatisierung des öffentlichen Raums, die dem BID Reeperbahn aber sonst kaum noch vorgeworfen wird. Auch das Quartiersmanagement sieht zwischen Davidwache und Tanzenden Türmen noch Verbesserungsbedarf; doch Privatisierung, meint Andreas Pfadt, “ist Mumpitz”. Und Klischees bekämpfe man nicht durch andere. Etwa jenes, St. Pauli sei arm, aber sexy, durch dieses, dass Entertainment stets billig und blöd sei.

Da die Gastronomen ihren Monatsumsatz vorwiegend samstags erzielen, gebe es zwar einen Hang zum Mainstream. “Umso mehr müssen wir das Wochenende durch Kreativität im Alltag entlasten”. Statt ökonomischem Laissez-Faire, wie es die Politik mag, und exekutivem Druck, den Wirte fordern, setzt der nebenamtliche Mediator dafür auf Moderation und Einigkeit. Das könnte dann auch Grundeigentümerproteste wie am Niendorfer Tibarg gegen dass Preis-Leistungs-Verhältnis eines BID verhindern, Proteste, die am Steindamm schon vor dem BID-Start drohen. Falls es mal geändert wird, so Pfadt, müsse daher “mehr Legislative ins entsprechende Gesetz”.

Die Interessenvertretung aller also. Nicht nur der von Sicherheit, Sauberkeit, Gästen und Geld. Erzielt im Kollektiv der Unternehmer vor Ort. Denn Bürgerbeteiligung, erklärt die Historikerin mit eigenem Kiez-Club, “heißt ja oft, einige Bürger machen alles, alle anderen nix”. Dem sollte auch in Starons Heimatquartier ein “Gesetz zur Stärkung der Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentren” entgegenwirken. Es verpflichtet Unternehmer jeder Geschäftsverbesserungszone über Teamwork und Beiträge zum Handeln.

Der Text inklusive Kommentaren steht auch auf ZEIT-Online


Douglas Dare, Kaiser Chiefs, Ultimate Painting

indexDouglas Dare

Die Frage, ob es irgendwie homosexuell konotierte Musik gibt, ob ein Sound also schon deshalb queer klingen kann, weil er von queeren Künstlern verabreicht wird, bietet reichlich Stoff für die volle Breitseite ideologischer Kämpfe auf einem zutiefst privaten Schlachtfeld: Der Liebe. Dennoch bleibt natürlich besonders im Pop die Frage erlaubt, was ihn zu dem macht, wie er sich äußert. Der von Douglas Dare zum Beispiel sprühte ja schon auf seinem gefeierten Debütalbum Whelm vor süffigem Pathos, dass wild spekuliert wurde, woher der junge Singer/Songwriter diese Melodramatik bezieht. Während der Produktion des Nachfolgers nun hat er sich offiziell geoutet, und es fällt selbst aufgeklärten Gemütern schwer, sich ein kurzes Aha zu verkneifen.

Denn Aforger, ein Wortspiel des englischen Wortes für Fälscher (a forger) spielt in jeder Hinsicht mit Klischees von dem, was man als moderner Geist ja besser nicht queere Musik nennt. Inhaltlich ist sie hyperemotional, oft fast theatralisch, textlich verarbeitet sie das falsche Leben im Falschen des Londoners, das nun ein richtiges wurde, aber dadurch nicht unbedingt leichter. Am Ende ist es aber völlig egal, mit wem sich Douglas Dare paart und mit wem nicht – die Platte ist von so hinreißender Tragik, gepaart mit seinem Gespür für den passenden Piano-Einsatz ohne schwülstig zu wirken, dass man einmal mehr sagen darf: Scheißegal, ob er schwul klingt, solange er gut klingt. Und das tut er.

Douglas Dare – Aforger (Erased Tapes)

indexKaiser Chiefs

Bei den Kaiser Chiefs ist man sich da manchmal nicht ganz so sicher, ob sie so gut sind wie sie klingen, und das hat nun wirklich mal überhaupt nichts mit irgendeiner Art von Orientierung wohin auch immer zu tun. Mit ihren ersten zwei, wahre Fans würden sagen: vier bis sechs Platten in zehn Jahren hat das Quintett aus Leeds seinen anfang oft wüsten, aber stets eleganten Garagensound zu einem Clubrock von erhabener Größe geformt. Dank Ricky Wilsons glamourösem Charisma klang selbst der üppigste Choral irgendwie nach britischem Understatement, also feiner als Boygroups, die sich derselben Tricks bedienen. Das ist auch auf Stay Together gar nicht so anders.

Trotzdem nimmt es auf dem siebten Studioalbum doch ein bisschen Überhand mit der digitalen Aufblähung des analogen Grundgerüstes. Viele der elf Tracks nehmen sich in ihrer orchestralen Leichtigkeit ernster als nötig. Die große Discopose wirkt aufgesetzt, wenn das an sich gelungene Good Clean Fun durch karibisch stilisierten Off-Beat angedickt wird. Und wenn How Do You Do It To Me im Anschluss ein wenig in den Achtzigern badet, hätten ihm etwas weniger Tears for Fears gewiss gut getan. Es steckt stets eine Spur zu viel von allem im gewohnt versierten Songwriting. Das macht Stay Together nicht zu einer schlechten Platte. Es macht die anderen im Vergleich nur besser. Eigentlich alle sechs.

Kaiser Chiefs – Stay Together (Long Branch Records)

ultimate-painting-duskUltimate Painting

Nein, früher war nicht alles besser – nicht die Manieren, nicht das Wetter, nicht der Respekt vor irgendwem. Im Gegenteil. Es wurde mehr gehasst, geschwiegen, geprügelt, gesoffen und so geraucht, dass sich der Dunst verbleiten Benzins, ungefilterter Schlote und offener Kohleöfen zum toxischen Nebel verdichtete. Nur eins war früher wirklich besser: die Musik. Und um das anschwellende Gebrüll der Generation Techno gleich mal auszubremsen: Damals wie jetzt kam gewiss viel Müll aus den Boxen. Nur ist er nun dank kinderleichter Herstellung in der Überzahl, millionenfach. Da wirkt es angenehm ausgleichend, wenn der Sound von früher in die Gegenwart transponiert wird, ohne ihn aus der Grube zu zerren oder schlimmer noch – zu kopieren.

Ultimate Painting betreiben daher keine Leichenfledderei, wenn sie den Beat der Sixties wiederbeleben. Das Duo aus London unterzieht die Vergangenheit mit der Kraft eigensinniger Stimmen eher einer Modernisierung, die alt und neu auf wunderbare Weise versöhnt. Dank windschiefer Alternativeriffs zur psychedelischen Orgel kreieren Jack Cooper und James Hoare auf ihrem dritten Album ein durchweg intensives, gelegentlich fast fiebriges Konzentrat sanierter Nostalgie, das sich weder anbiedert noch distanziert.

Ultimate Painting – Dusk (Trouble In Mind Records)


Baggerschaufelsex & Bundeswehrterror

TVDie Gebrauchtwoche

10. – 16. Oktober

Fast psychotischer Verfolgungswahn ist ebenso wie krankhafte Selbstsucht ein schweres Leiden, das dringend ärztliche Behandlung erfordert. Kompliziert wird es allerdings, wenn beides in ein und derselben Person durchbricht. Recep Tayyip Erdoğan ist so gesehen unheilbar hinfällig, weshalb es nicht sonderlich überrascht, dass der türkische Präsident gegen die Entscheidung der Mainzer Staatsanwaltschaft, ihre Ermittlungen zu Jan Böhmermanns so genanntem Schmähgedicht einzustellen, über seinen Anwalt Beschwerde eingelegt hat. Erdoğan kann halt nicht anders, er ist eben ernsthaft seelensiech. Deshalb ist es im Grunde als therapeutische Maßnahme zu werten, dass der Delinquent (Böhmermann) bei seiner anschließenden Sendung gleich mehrfach betonte, keinerlei staatsfeindliche Poesie mehr zu verbreiten und das Thema überhaupt, tihi, zu verschmähen.

Was aber auch daran lag, dass sein Neo Magazin Royal am Donnerstag anders hieß, nämlich Wetten, dass…?. Und das war definitiv nicht als Schmähung gemeint, sondern glaubhaft ernst. Starwetten wie ein Bauarbeiter, der es seiner Frau per Baggerschaufel besorgen wollte, oder Saalwetten auf der Suche nach fünf saarländischen Ehen, die nicht unter Geschwistern geschlossen wurden, waren natürlich ulkig gemeint; doch der Moderator gab sich mit Gästen von Ulrich Wickert über Eva Padberg bis DJ Bobo tatsächlich Mühe, einigermaßen seriös zu wirken. Und überzog gar ganz gottaschalkig so sehr, dass die Show diesen Donnerstag fortgesetzt wird.

Das ist bei aller melodramatischen Nostalgie, mit der uns die einmalige Rückkehr des allerletzten Fernsehlagerfeuers sachte wärmt, allerdings mitnichten die bedeutsamste Sendung der anstehenden Woche. Eine davon haben Burkhart Hirsch und Gerhart Baum, zwei FDP-Veteranen aus einer Zeit, als ihre Partei unter „Freiheit“ noch mehr verstand als die zur Renditemaximierung, gerade in einem FAZ-Interview mit ihrer Kritik geadelt, es gehe darin allen Ernstes zu real zu für eine Fiktion.

Touché.

0-FrischwocheDie Frischwoche

17. – 23. Oktober

Oder doch knapp daneben?

Nach Ferdinand von Schirchs erfolgreichem Theaterstück Terror, stellt die ARD heute Abend nicht nur einen Strafprozess von geradezu gespenstischer Wahrhaftigkeit nach; sie lässt den Ausgang, wie der Untertitel Ihr Urteil belegt, auch noch vom Publikum wählen. Ob nämlich ein Bundeswehrpilot (Florian David Fitz) des Mordes an 164 Passagieren einer entführten Linienmaschine schuldig ist, mit deren Abschuss er vermeiden wollte, dass sie in die vollbesetzte Allianz-Arena von München gelenkt werden könnte. Sein Anwalt (Lars Eidinger) fordert Freispruch, die Staatsanwältin (Martina Gedeck) lebenslänglich, dazwischen moderiert Burghart Klaußner die Verhandlung als Richter so virtuos, dass man meinen könnte, in einem echten Gerichtssaal zu sitzen.

Unabhängig davon also, für welches der zwei vorgefertigten Finalversionen die Zuschauer abstimmen und wie im Anschluss bei Frank Plasberg darüber diskutiert wird, ist dieses hochspannende Justizdrama schon jetzt die Sensation des laufenden TV-Jahres. Befindet sich dabei allerdings im Wettstreit mit dem Dokumentarfilm Inside Nordkorea, in dem das Erste am Mittwoch um 22.45 Uhr ebenfalls zeigt, dass es zwar selten leicht unterhalten, aber perfekt informieren kann. Vitalij Manskij begleitet darin über zwölf Monate die achtjährige Sin Mi durch einen Alltag, den das Regime so offenkundig inszeniert, dass man vorm Bildschirm verrückt zu werden droht vor so viel menschenverachtender Selbstverblendung.

Auf staatlicher Ebene gleichen die Steinzeitstalinisten da dem Architekten Hans, der im vielfach prämierten ARD-Mittwochsfilm Hirngespinster seine Schizophrenie so lange leugnet, bis seine Familie (genial verkörpert von Jonas Nay und Stephanie Japp) daran zu zerbrechen droht. Ein anderer Psychopath hat dann in der Nacht auf Donnerstag um 2.55 Uhr seinen Auftritt. Dann tritt Donald Trump live im ZDF zum letzten Duell gegen Hillary Clinton an und könnte den Medien aller Farbschattierungen damit wieder viel Futter für ein paar Tage Schlagzeilen geben.

Da freut man sich doch gleich doppelt über die hedonistische Tiefenentspannung, in die uns der BR am Samstag versetzt. Bis spät in die Nacht werden dort Filme und Serien von Helmut Dietl wiederholt, an den zwischendurch (22.20 Uhr) im fabelhaften Porträt „Schwermut und Leichtigkeit“ gedacht wird. Es gibt also mal wieder Schtonk! (20.15 Uhr) zu sehen, je eine Folge von Monaco Franze (23.05 Uhr), Kir Royal (23.50 Uhr) und Der ganz normale Wahnsinn (1.40 Uhr) sowie den Start der legendären Münchner Geschichten (0.50 Uhr) von 1974. Womit wir schnurstracks bei den Wiederholungen der Woche, wozu die geniale Folksänger-Fiktion Inside Llewyn David ausdrücklich nicht zählt, obwohl die Ausstrahlung am Dienstag nach Mitternacht im ZDF nicht darauf hinweist, dass es sich hier um die Erstausstrahlung eines Films der Coen-Brüder handelt.

Schon vielfach gezeigt, doch immer wieder besonders: Schwarzweißfilme von Julien Duvivier, dessen Arte-Retrospektive heute mit den Klassikern Zünftige Bande von 1935 und dem vier Jahre jüngeren Lebensabend über ein Kloster für gealterte Schauspieler endet. In Farbe widmen wir uns diese Woche mal dem, nein – nicht gediegenen, sondern ironiefrei trashigen Trash. Heute im MDR Roy Black als Kinderarzt Dr. Fröhlich von 1971 und aus demselben Jahr (Donnerstag, 23.35 Uhr, Arte) die Horrorgroteske In den Krallen des Hexenjägers. Was gruseliger ist, ist Ansichtssache. Das betrifft auch den Dokutipp Hauptsache Progressive (Freitag, 21.45 Uhr, Arte) über jene Zeit vor 50 Jahren, als der Rock sinfonisch wurde.


Newmoon/WayneGraham/DBrown/Keshavera

tt16-newmoonNewmoon

Melodramatik ist ein durchtriebener Begleiter innerer Aufgewühltheit. Als hochgepitchte Emotionalität verabreicht, kann sie selbst den schwersten Liebeskummer und so manches Filmende erträglich machen, in Gestalt pathetischer Gefühlsduselei hingegen alles auch nur noch viel, viel schlimmer. Man ist also gerade im hochsensiblen Fach melodramatischer Rockmusik gut beraten, es nicht zu übertreiben mit Emotionalität und Pathos. Davon können Stile von Shoegaze über Ethereal und Psychedelic bis Dream Pop ein paar flächig wimmernde Riffs singen – heikle Klangwelten, die auch das Debütalbum der belgischen Band mit dem himmelschreiend melodramatischen Namen Newmoom prägen.

Kein Wunder, dass es kaum weniger melodramatisch, aber stichhaltig Space heißt. Denn das ausgesprochen analoge Quintett um den wächsern klingenden Sänger Bert Cannaerts schreddert seine drei Gitarren so herzzerreißend durch acht breit orchestrierte Tracks, als gälte es, Millionen seifige Happyends in dramatischen Wendungen aufzulösen. Wenn der Frontmann aus Antwerpen dazu erklärt, er wolle, “dass sich die Menschen in Space verlieren und zugleich finden”, wird deutlich, dass Melodramatik ein Motor erfolgreicher Sinnsuche sein kann, solange sie sich jeder Form von Pathos enthält. Im eigenen Weltall gelingt das Newmoon ganz gut.

Newmoon – Space (Pias)

tt16-wayneWayne Graham

Von Melodramatik, Pathos und sonstwie überdramatisierten Gefühlsausbrüchen sind zwei völlig andere Newcomer ohne Moon im Namen weiter entfernt, als ein Planet vom übernächsten. Unterm Bandnamen Wayne Graham haben Hayden und Kenny Miles daheim in den USA zwar bereits drei vollumfängliche Alben veröffentlicht, obwohl sie mit 21 und 26 Jahren fast noch im Schulbandalter sind. Erst das vierte namens Mexico jedoch erscheint offiziell auch in Europa und zeigt, was selbst aus den finstersten Tiefen des amerikanischen Bibelgürtels so alles zu uns kommen kann: Ein Country-Sound zum Beispiel, der klassisch und zugleich progressiv klingt, in jedem Fall aber betörend schön.

Atmosphärisch irgendwo zwischen Eels und Ween, Wilco und Cake, zelebrieren die beiden Brüder aus der zusehends verarmten Kohlegrube Kentucky nämlich den ganzen Formenreichtum ihres Genres, sofern es sich konsequent im Hier und Jetzt verortet, ohne die eigene Historie zu verleugnen: Herrlich verschrobene Harmonien, wunderbar schnodderige Poesie, alles auf eine Art nostalgisch, dass man geneigt ist, früher doch nicht alles schlechter zu finden und heute nicht alles besser. Benannt nach ihren eigenen Großvätern, füllen die beiden blutjungen Veteranen ihr Metier mit einem Leben, das darin selten geworden ist.

Wayne Graham – Mexico (K&F Records)

tt16-dannyDanny Brown

Was wohl geschehen wäre, wenn die seligen Beasty Boys noch beisammen sein dürften? Was Busta Rhymes wohl zuwege brächte, ginge ihm das Gras aus? Was renditefixierter HipHop wirklich mal verdient hätte wie die Cheeleaderqueen ein Bad im versifften Schulteich? Die Antwort lautet dreifach: Danny Brown. Der Rap-Berserker aus dem Industriedesaster Detroit ist die brachiale Antithese zu allem, was sein Metier oft unerträglich macht: Kommerz, Stromlinie, Bling Bling, Big Tits, Bigger Cars, all das selbstverliebte Ghettoflüchtlingsgehabe mit Studiolyrik, die allenfalls noch im Hochglanzvideo vorgibt, von draußen zu kommen.

Auch das vierte Album seit 2010 straft alles, was Hip-Hop oberflächlich macht, mit der Verachtung eines Mittdreißigers, der für Gefallsucht gleichermaßen zu alt und zu jung ist, der die Intelligenz besitzt, kindliche Radikalität erwachsen klingen zu lassen, und die Jugend, dabei nicht manieristisch zu wirken. Beim experimentellen Label Warp kann er da noch radikaler sein, noch wilder sampeln, noch schriller rappen, noch aufdringlicher Nigger durchdeklinieren, noch mehr Grenzen sprengen. Dabei nach Kellerloch und Glitzerdisco zu klingen, ist das Alleinstellungsmerkmal von Danny Brown.

Danny Brown – Atrocity Exhibition (Warp Records)

tt16-keshavKeshavara

Wenn die Welt mal wieder im lautstark blubbernden Morast aus Realitätsverleugnung, Wahrheitsverachtung und Gewaltverherrlichung abzusaufen droht, hilft es sehr, sie als Totalität zu begreifen: ein symphonisch kompaktes System, organisch verbunden wie das Meer. Keshav Purushotham hat das begriffen. Mit all der Weisheit einer musikalischen Lebensreise zu den Wurzeln seines Vaters, dem indischen Jazz-Trommler Ramesh Shotham, packt der Künstler aus Köln die Komplexität der Welt in ein Unterseeboot, taucht damit tief in den Ozean, lässt den global inspirierten Sound wie durch Wasser aufwärts dringen und schafft es damit spielerisch, die neue Härte dort oben ein wenig aufzuweichen.

Das unbetitelte Solodebüt des verträumten Weltenwanderers, der die Kanten der Realität schon mit seiner früheren Band Timid Tiger in synthetisch zarten Schmelz getaucht hat, ist ein Popalbum wie es einst Laid Back gelungen wäre und später vielleicht dem norwegischen DJ Todd Terje: bis zum Muskelschwund tiefenentspannt, aber gerade in dieser ungeheuren Lässigkeit auch energiegeladen genug, um auf dem blubbernden Morast zu treiben, statt darin unterzugehen. Luftmatratzenmusik der gediegeneren Art.

Keshavara – Keshavara (Papercup Records)

Zwei der Reviews sind vorab auf ZEIT-Online erschienen

Florian David Fitz: Doctor’s Diary & Terror

terrorLeicht ist doch nicht kacke!

Als schauspielerisch talentierter Frauentyp beschreitet Florian David Fitz er den Boulevard so selbstverständlich wie die Berliner Schule. Seit seiner Tourette-Komödie Vincent will Meer spielt er dabei nicht nur Hauptrollen, sondern setzt als Regisseur gern eigene Bücher um. Im ARD-Film Terror – Ihr Urteil (17. Oktober, 20.15 Uhr; Foto: Julia Terjung/Degeto) glänzt der 41-Jährige nun als Kampfpilot, der eine entführte Passagiermaschine vom Himmel schießt, um Schlimmeres zu verhindern. Das Besondere: übers Urteil des Gerichtsdramas entscheidet am Ende das Publikum. Ein Gespräch über Kontrollsucht und Kontrollverlust, leichte Kost und zu wenig Demut.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Florian David Fitz, sind Sie eigentlich ein Kontrollfreak?

Florian David Fitz: So als Beschreibung einer Persönlichkeitsstruktur? Finde ich den Begriff zu, zu…

Hart?

Zu sehr auf eine Eigenschaft zuspitzend und damit ziemlich langweilig. So gesehen bin ich natürlich keiner.

Halten Sie milder ausgedrückt, gern alle Fäden in der Hand?

Das zu glauben, halte ich für illusorisch. Aber soweit ich Einfluss aufs Schicksal habe, versuche ich ihn wahrzunehmen, aber genauso, eine gewisse Eleganz darin zu entwickeln, zu scheitern und die Dinge zu nehmen, wie sie kommen. Warum fragen Sie?

Weil Sie in Ihrem Beruf als Schauspieler begonnen, dann Regie und Drehbuch geschrieben und später sogar selbst produziert haben.

(Lacht laut) Ich kann’s halt am Besten… Nein, nein – ich bin nicht zur Regie gekommen, weil ich es unbedingt wollte, sondern weil sie mir angetragen wurde. Anderseits wusste ich schon vorher, dass es mich interessiert und irgendwann auf dem Plan steht. Alle Fäden in der Hand zu halten, erspart einem da manch kreativen Disput mit anderen. Aber ich kann auch sehr gut unter der Führung anderer arbeiten.

Wie in Terror.

Absolut. Zumal das Drehbuch fast wortgenau der Theaterstück-Vorlage Ferdinand von Schirachs folgt. Dennoch hatte ich auch hier als Schauspieler ständig Fragen und die auch geäußert. Aber der Text mit dieser brisanten Thematik zieht einen so in den Bann, dass sie in den Hintergrund gerückt sind.

Kann man sich als Darsteller angesichts der ethischen Zwickmühle, ein vollbesetztes Passagierflugzeug abzuschießen oder in ein ebenfalls vollbesetztes Stadion fliegen zu lassen, beim Spielen überhaupt freimachen von jeder eigenen Bewertung?

Nein. Meine Aufgabe dient zunächst zwar einzig und allein der Figur und ihrer Geschichte. Aber ich hatte hier ja eine sehr klare Position, die ich auch nachvollzogen habe.

Hat sich das Militärische Ihrer Rolle, der durchgedrückte Rücken, die zackige Sprache, das Verbindliche in jeder Geste dabei quasi von allein ergeben?

Seltsamerweise ja.

Ham’se etwa jedient?

Nee, ich bin mangelhaftes Material, ich wurde ausgemustert. Aber es ist wirklich eigenartig, was eine Uniform macht, welchen Einfluss sie nimmt. Man sagt ja: Kleider machen Leute. Hinzu kommt dieser Gerichtssaal, den sie detailgetreu nachgebaut haben. Und die Anklage, die gegen einen ins Feld geführt wird. Da legt man sich nicht mal eben entspannt in den Sessel. Da nimmt man automatisch Haltung an.

Um die Rückgewinnung der Kontrolle in einer Situation größtmöglichen Kontrollverlusts zu verteidigen.

Ganz genau. Das Verfassungsgericht hat ja zum vorliegenden Fall eines präventiven Angriffs auf ein ziviles Flugzeug, das als terroristische Waffe benutzt wird, klar geurteilt, nicht alles kontrollieren zu dürfen. Diese Ungerechtigkeit, zur Rettung Tausender von Menschen nicht handeln zu dürfen, müssen wir laut Verfassung aushalten.

Neigen Sie in Konfliktsituationen da eher zur Neutralität oder zur Selbstermächtigung?

Da muss ich jetzt gehörig aufpassen. Ich versuche stets, handlungsfähig zu bleiben, obwohl diese Fähigkeit in der Komplexität des täglichen Lebens sehr limitiert ist. Zugleich aber, versuche ich, mich in dem zu üben, wofür es früher dieses schöne Wort Demut gab: Dinge zu nehmen, wie sie sind, die eigene Moral nicht ständig zur Grundlage allgemeiner Handlungen zu machen. Dieses uramerikanische you-can-be-whatever-you-want führt doch letztlich zum kollektiven Burnout. Ständig das Beste zu wollen, laugt unglaublich aus. Mein Streben ist es da, zwischen dem Besten und dem Möglichen eine elegante Balance zu finden.

Haben Sie aus moralischer Überzeugung heraus nach Abwägung aller Fürs und Widers schon mal richtig großen Bockmist verzapft?

Gut gemeint als Gegenteil von gut gemacht? Klar! Wann genau, müsste ich jetzt länger überlegen, aber ich erinnere mich an eine Schulaufgabe, als es darum ging, dass frisch geschlüpfte Schildkröten von Möwen gefressen werden, wie es die Natur schon seit jeher macht, weshalb sich zunächst immer ein paar dieser Babys opfern, damit die danach sicher ins Wasser kommen. Der Mensch aber leidet mit den Tierchen und rettet die Vorhut, weshalb alle anderen loslaufen und gefressen werden. Ich wär glaube ich einer, der das auch macht. Moralisch, aber falsch. Und genau darum geht es Ferdinand von Schirach in seinem Stück – den kurzen Horizont der Moral. Damit ringe ich ständig.

Was macht dieses sperrige Thema unterhaltsam genug für die Primetime?

Wenn man Unterhaltsamkeit darüber definiert, wie die Menschen ins Gespräch, sogar offenen Streit geraten, muss „Terror– Ihr Urteil“ äußerst unterhaltsam sein. Egal, wem ich von dem Thema erzähle – jeder hat sofort eine Meinung, eine Position, wird beim Film aber die Erfahrung machen, dass sie immer wieder kippt. Wenn das kein Entertainment ist…

Als jemand, der ständig zwischen Berliner Schule und kommerzieller Komödie pendelt – welche Stellung nimmt dieser Film dann in ihrem wachsenden Repertoire ein?

Ich will doch als Schauspieler und Mensch lebendig bleiben, also alle Seiten des Daseins verkörpern. Da hab ich die Erfahrung gemacht, dass man Zuschauer mit Sachen, die eher heiter erzählt sind, besser erreicht. So gesehen bin ich froh über meine Bandbreite.

Wiegt ein Film mit realpolitischer Relevanz wie dieser dann schwerer als leichte Kost wie, sagen wir: Doctor’s Diary?

Leichte Kost? Leicht ist doch nicht gleich kacke, leicht ist immer schwer! Doctor’s Diary hat immerhin den Grimme Preis gewonnen! Ich versteh schon die Frage, versuche aber vor allem mit den eigenen Sachen ernste Dinge humorvoll zu vermitteln. Ob Tourette oder das Sterben – gute Komödien kommen nie ohne Tragödie aus. Ich juble den Leuten gern Trojanische Pferde unter, damit sie bei allem Spaß reicher rausgehen als sie reingegangen sind. Deshalb bedeutet mir Terror – Ihr Urteil auch nicht mehr, nur weil es sachlicher ist. Aber wenn beides zusammenkommt, na klar, dann freue ich mich. Kann es besser sein?

Beim nächsten Mal wieder als Autor, Regisseur, Schauspieler und Produzent in einem?

Weil mein nächstes Drehbuch noch knapp vor Seite 1 ist, sprechen wir uns da in zwei Jahren. Bis dahin hoffe ich aber schwer, auch unter anderen spielen zu können.


Funk: Altes ARZDF & Junges Angebot

download-2Funky Stunk-Funk

Seit gut einer Woche ist die öffentlich-rechtliche Netz-Alternative online und lässt sich ganz gut an. Damit beschleunigt Funk den Totentanz der Fernsehplatzhirsche, macht das aber ziemlich vielfältig.

Von Jan Freitag

„Funk“ ist ein doppeldeutiges Wort. Für angloamerikanisch, also popkulturell geschulte Ohren, reimt es sich auf „Punk“, klingt also unangepasst und verwegen. Für deutsche hingegen, also leitkulturell geprägte, reimt es sich auf „Stunk“, klingt also eher nach Volksempfänger und Verwaltung. Umso erstaunlicher ist, dass die Verantwortlichen „Funk“ beharrlich mit biederem Stunk-U aussprechen, seit ihr „Junges Angebot von ARD und ZDF“ für die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen vorige Woche in Berlin vorgestellt wurde.

Abgesehen von der Gebührenfinanzierung erinnert darin schließlich kaum was an den Röhrenfernseherfunk von früher. Nach jahrelangem Streit um Inhalt und Ziele, nach parteipolitischer Einflussnahme und innermedialer Selbstbehauptung, nach Staatsvertragskorrekturen und zugehöriger Ratifizierung wandert das ersehnte Publikum der Platzhirsche unter 30 endgültig dorthin ab, wo es sich ohnehin die meiste Zeit medial aufhält: Ins Netz. Hier herrschen bekanntlich eigene Sitten, eigene Gebräuche, eigene Regeln, fast Gesetze. Und www.funk.net will sie befolgen. Alle.

Zunächst mal 40 Formate hat das Team um den juvenilen Geschäftsführer Florian Hager für Menschen produziert, deren Aufmerksamkeitsspanne vier Minuten selten übersteigt. Das unerlässliche factual entertainment ist darunter und Fiktion in Reihe. Dazu ein bisschen Mystery, etwas Anime, viele Clipshows, noch mehr Comedy und überhaupt reichlich Content, wie „Inhalt“ unter den ersehnten digital natives heißt, der so oder so ähnlich längst im Parallelfernsehen von Facebook bis Netflix läuft.

Hager, der bereits bei Arte das digitale Angebot aufbaute, will dennoch kein „erweitertes Youtube mit Filmen in Dauerschleife sein“. Schon sein Personal jedoch zeigt, dass daran vor allem der Begriff „erweitert“ stört. Den gediegenen Irrsinn des Bohemien Browser Balletts etwa orchestriert mit Christian Brandes ein Internetgewächs, das unterm Pseudonym Schlecky Silberstein zu den Stars der Blogosphäre zählt. Wenn Moritz Neumeier wöchentlich Auf einen Kaffee bittet, um mit schnodderigem Küstenslang die Welt zu erklären, tut der 28-jährige Poetry-Slammer nichts anderes als zuvor, nur mit GEZ-Mitteln. Hinter der Gaming-Show 1080NerdScope steckt kein Geringerer als der Click-Milliardär LeFloid. Und Kathrin Frickes dadaistisch, aber versiert animierte SciFi-Parodie StarStarSpace hatte nach 24 Funk-Stunden auch deshalb stolze 110.000 Zugriffe, weil sie unterm Online-Namen Coldmirror schon länger zur Youtube-Elite zählt.

Dieses Abschöpfen binärer Ressourcen fürs analoge Parallelprogramm mag demnach berechenbar wirken; vor allem aber ist es vorwiegend originell. Böhmermann-Autor Florentin Will zum Beispiel kommentiert mit seiner Kollegin Katjana Gerz den Irrsinn der Arbeitssphäre in Gute Arbeit Originals lustiger als all die Witzfiguren auf RTL zusammen. Mit Nemi El-Hassan, Friedemann Karig und Ronja von Rönne betätigen sich Journalisten frischer Prägung als meinungsstarke Jäger & Sammler in den Abgründen unserer Gesellschaft, die sich dabei zum Auftakt rechten Rappern stellen, ohne mit dem Zeigefinger zu wedeln.

Gut, wenn Fynn Kliemann in seiner DIY-Sause Kliemanssland Trecker tunt und auch sonst Klimawandel mal Klimawandel sein lässt, erinnert das an die Testosteronduschen von DMAX. Fröhlich-debiler Blödsinn wie dieser steht allerdings im Schatten ehrgeiziger Formate wie Wishlist. Marc Schießers Mystery-Epos um eine geheimnisvolle App, die ab 28. Oktober mit fatalen Nebenwirkungen Wünsche erfüllt, vereint die Lockerheit neuer durchaus unterhaltsam mit der Professionalität alter Medien. Fragt sich nur, ob erstere den letzteren damit nicht endgültig das Grab schaufeln – zumal mit ZDFkultur der letzte Sender geopfert wurde, in dem das Fernsehen noch Musik abseits von Volksschlager und Klassik zeigte. Florian Hager mag noch so beteuern, statt „schneller Aufmerksamkeit nachhaltige Reichweite“ anzupeilen. Dass Coldmirrors Beitrag seit Donnerstag 216.000 Clicks erzielt hat, dürfte er jedenfalls zufriedener registrieren als die üblichen Topquoten für Tatort & Pilcher dazwischen. Doch mit jedem Zugriff werden die User nicht nur nachhaltig im Netz erreicht, sondern womöglich noch nachhaltiger vom linearen Fernsehen entwöhnt.

Online frisst offline? Hager glaubt nicht, „dass ein Medium das andere ablöst“. Weil die Generation Touchscreen fürs alte Sofagarnitur-TV ohnehin verloren sei, will er sie dennoch „mit anspruchsvollen öffentlich-rechtlichen Angeboten auf den Plattformen versorgen, auf denen sie sich aufhalten.“ Wenn Streamingdienste und Amazon demnächst die televisionäre Weltherrschaft übernehmen, könnte dieser hoffnungsfrohe Fatalismus als 45 Millionen Euro teure Dolchstoßlegende in die ARZDF-Annalen eingehen. Andererseits: ist es nicht eher logisch als hilflos, wenn der Nachwuchs in die virtuelle Wolke gelockt wird? Zu oft hat sich das öffentlich-rechtliche Konstrukt als reformresistent erwiesen, und wenn es doch mal jung sein wollte, endete vom piefigen Erfurter Tatort bis zum geriatrischen ZDFneo alles verlässlich im Desaster. Daran kann auch Jan Böhmermann nichts ändern, den die Jugend der Welt ohnehin eher online sieht.

So gesehen ist Funk exakt jenes Angebot, das die Platzhirsche verdienen. Wenn Pauline Bossdorf darin gesundes Essen kommentiert, Kostas Kind das Erwachsenwerden, Kristina Weitkamp alles rund um Sex oder Fabian Nolte den Rest, ist das trotzdem nicht viel mehr als ein um US-Serien wie Fargo und einen Second Screen zum Tatort erweitertes Youtube. Aber wenigstens eins, das von alten TV-Kennern kuratiert wird: alles andere als Punk, aber zuweilen ziemlich funky.