Ohlens Schlamm & Schalkos Egos

TV

Die Gebrauchtwoche

19. – 25. Juli

Huch – ein IT-Unternehmen stellt den Staaten der Welt, also ausdrücklich allen, geheimnisvolle Spy-Ware zur barrierefreien Komplettüberwachung von Smartphones zur Verfügung und einige dieser Staaten nun benutzen Pegasus, so heißt dieses demokratiefeindliche Premiumprodukt, das der israelische Hersteller mit dem sprechenden Namen NSO sogar ans antisemitische Saudi-Arabien verhökert, nicht wie vereinbart gegen vermeintlichen Terror, sondern auch Journalist*innen und politisch anders Unbotmäßige anderer Art?

Gibt’s ja gar nicht!

Vielleicht hat die RTL-Reporterin Susanne Ohlen also nur ein bisschen Schlamm der Flutkatastrophe im Gesicht verteilt, um sich zumindest analog unsichtbar für Despoten zu machen. Vielleicht hat Armin Laschet einen ähnlich ulkigen Vorgang beobachtet, als der CDU-Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras feixte, während Bundespräsident Steinmeier (dem bei gleicher Gelegenheit ähnliches passierte) den Todesopfern kondolierte. Und vielleicht haben zwei gut erkennbare Neonazis, die Philipp Amthor andernorts zum geselligen Fotoshooting baten, auch nur Spitzenwitze über die „Judenpresse“ oder so gemacht, über die sich Laschets kleiner Parteifreund so freut.

Sinn für verschrobenen Humor beweist derweil der frühere Kanzlersender auf seinem Rückweg Richtung ernstzunehmendes Vollprogramm mit etwas mehr als Heididei und Trash-TV. Wenn Sat1 fünf Tage nach Matthias Opdenhövels Reanimation von ran ins Fußballfernsehgeschehen übermorgen seine Sommerinterviews beginnt, bleibt neben der völkischen AfD nämlich auch die bürgerliche Linke ausgeschlossen. Rinks, Lechts – für Sat1 irgendwie alles die gleichen Extremisten.

Die Frischwoche

26. Juli – 1. August

Apropos extrem: Seit genau 25 Jahren auf einer Überdosis Testosteron in explodierenden Kisten auf brennendem Asphalt unterwegs ist Erdogan Atalay, Hauptdarsteller der vollfiktionalen Autobahnpolizei Cobra 11, die am Donnerstag in Staffel 26 geht. Allerdings mit mittlerweile zwei Kolleginnen und dank eines Kollegen im Rollstuhl auch sonst maximal divers. Das gilt auch für eine Fortsetzung der zeitversetzten Art. Zwei Jahrzehnte, nachdem die HBO-Serie In Treatment zu Ende ging, wird Gabriel Byrne ab morgen auf Sky von einer Frau ersetzt. Und nicht nur das.

Die neue Therapeutin – gespielt von Ubo Aduba (Orange is the New Black) – ist eine Schwarze, die vor allem intersektional diskriminierte Figuren therapiert. Das ist löblich, originell, zudem pandemiegerecht inszeniert, aber manchmal doch etwas bemüht divers. Damit hat David Schalkos neuer Streich Ich und die anderen auf gleichem Kanal hingegen weniger Probleme. Die Charaktere seiner sechsteiligen Groteske sind viel zu absurd (und weiß), um sich mit so viel Realität auseinanderzusetzen.

Zur Handlung: Der Werber Tristan (Tom Schilling) erwacht jeden Tag in einer Welt, die sich auf verschiedene Art vollständig um ihn dreht – alle wissen alles über ihn etwa oder vergöttern ihn hingebungsvoll. Und wie immer beim Wiener Regisseur ist auch dieser Murmeltier-Mindfuck zu irre, um wahr zu sein, aber grad deshalb so wahrhaftig. Ähnliches gilt für das fünffach oscarprämierte Gesellschaftsdrama Parasite aus Südkorea, dessen Free-TV-Premiere die ARD allerdings morgen erst um 23 Uhr zeigt.

Vorher kann man sich daher noch gut die dritte Staffel der ewig heiteren Netflix-Serie Hot To Sell Drugs Online (Fast) ansehen. Nachher dann bei Bedarf ein bisschen Olympia im ZDF. Oder ab Freitag die Überraschung der Woche. In Watch the Sound begibt sich Superduperüberproduzent Mark Ronson sechs Teile lang bei Apple+ auf die Spur des Pop. Dafür trifft der Superproduzent ab Freitag Stars von Paul McCartney über Dave Grohl bis Charli XCX und schafft es tatsächlich, ein paar Geheimnisse zeitgenössischer Musik zu enträtseln, bevor Böhmi tags drauf bei Neo weiter bruzzelt.


Gesinnungstests & Dissidenten

TV

Die Gebrauchtwoche

28. Juni – 4. Juli

Hipphipphurra – es ist ein Junge! Ein weißer zudem, klar. Und mit genau 50 an Jahren reich genug, um alt genannt zu werden. In der Wahl Norbert Himmlers zum neuen ZDF-Intendanten zeigt das hiesige Patriarchat seine Stressresilienz nochmals in voller Stärke und nein, das hat zunächst wenig mit der Befähigung eines weißen, mittelalten Mannes zu tun, der dem Sender aus seiner Heimatstadt Mainz bereits als studentische Hilfskraft tätig ist. Himmler ist nach Lage der Dinge ein exzellenter Fernsehmacher.

Gemeinsam mit seinem Vorgänger (und Ziehvater) Thomas Bellut, hat er das Zweite zur Plattform diversifizierter Sehgewohnheiten gemacht, auf der Jan Böhmermann locker neben Katie Fjorde (be)steht und das Traumschiff neben dem Browser Ballett. Trotzdem hinterlässt die Wahl vom Freitag einen schalen Beigeschmack. Denn nicht nur, dass der sechste Intendant seit 1962 abermals männlich ist; seine Konkurrentin Tina Hassel zog sich nach drohendem Patt vor der dritten Wahlrunde auch noch freiwillig zurück – ein Move, den Alpharüden wie Himmler noch nicht mal theoretisch im psychosozialen Handlungsrepertoire haben.

Nochmals: Himmler ist eine gute, zielführende, eine konkurrenzfähige Wahl. Peinlich ist es dennoch, dass sein Haussender in 61 Jahren keine, nicht eine einzige Frau vom eigenen Hof gefunden hat, um ihn zu leiten. Dass Tina Hassel 2022 Chefredakteur Peter Frey ablösen dürfte, ist da zunächst nur ein schwacher Trost. Und damit zurück zum Fußball. Denn auch da ist es – Hipphipphurra – ein Junge, der die Geschicke des Kontinents leitet, weshalb die EM-Stadien der Viertel- und Halbfinals am Bildschirm so voll sind, dass die Delta-Variante hüpft vor Freude.

Für Regenbögen allerdings brauchen wir da schon Sonnenscheinregen. UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hat VW verboten, Bandenwerbung in die Farben der LGBTQ-Bewegung zu tauchen. Andernfalls könnte das Čeferins totalitäre Geldgeber von Orbán bis Putin verstören – und soweit sollten Respekt-Kampagnen nun wirklich nicht gehen… Auf seinem Rechtskurs Richtung NPD noch weiter geht derweil Hans-Georg Maaßen, der in einem Interview mit dem dubiosen Regionalsender TV Berlin Gesinnungsprüfungen für Tagesschau-Sprecher*innen forderte.

Die Frischwoche

5. – 11. Juli

Von Charaktertests für Soldaten hat man aus Maaßens Mund hingegen noch nichts gehört. Das Thema der gleichnamigen ARD-Dokumentation dürfte den Landser-Fan jedoch aus seinem geistigen Führerbunker vor den Fernseher treiben – um ihn gleich wieder abzuschalten. Denn Christian von Brockhausens Porträt dreier Rekruten auf dem Weg nach Afghanistan ist keine Heldenerzählung, wie Maaßen sie mag, sondern einfühlsam-kritisches Sachfilmfernsehen der Extraklasse.

Das gilt mit Abstrichen auch für die Sky-Doku The Dissident, in der Regisseur Bryan Fogel (Ikarus) den Auftragsmord am saudischen Journalisten Jamal Kashoggi vor drei Jahren rekonstruiert. Alles ein bisschen zu laut, alles ein bisschen zu melodramatisch, alles aber auch sehr erhellend. In entfernterer Vergangenheit, die unverändert gegenwärtig ist, gräbt dagegen Samuel L. Jackson. Selbst Nachfahre afrikanischer Sklaven, begibt sich der Schauspieler ab morgen auf History Play (Apple+/Amazon), sechs Teile lang auf die Spur von zwölf Millionen Menschen, die in 300 Jahren Enslaved wurden.

Auch das ist manchmal ein wenig überdramatisiert, dank der Dreiteilung in Jacksons Familiengeschichte, einer parallelen Schatzsuche nach versunkenen Sklavenschiffen und der notwenigen Geschichtseinordnung aber äußerst gehaltvoll. Ob das auch fürs Klima Update gilt, mit dem RTL ab Donnerstag nach den Hauptnachrichten Umweltschutz simuliert, bleibt abzuwarten. Die Magenta-Serie Der Djatlow-Pass dagegen ist fiktional, befasst sich ab heute aber mit dem wahren Unglück von neun Wanderern, die vor 62 Jahren auf mysteriöse Art im Ural ums Leben gekommen sind.

Ausgedacht und doch auf drollige Art lebendig ist die Neo-Serie Deadlines, ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Vier Schulfreundinnen treffen sich Jahre nach der Trennung in Frankfurt und vergleichen ihre scheinbar verschiedenen Großstadt-Existenzen. Apropos Frauen im Rampenlicht: Am Samstag springt Sabine Heinrich aus der WDR-Nische ins ZDF-Rampenlicht und moderiert – zunächst um 19.25 Uhr, im Finale zur Primetime – die Lagerfeuershow Das große Deutschland-Quiz. Und der Vollständigkeit halber wollen wir nicht die 2. Staffel der Netflix-Serie Biohackers tags zuvor verschweigen.


Sonja Zietlow: Dschungelcamp & Hundeshow

Mein Hund fürs Leben

In Ferienclubs lernt man Selbstbewusstsein

Ein Vierteljahrhundert Privatfernsehen, davon mehr als die Hälfte im Dschungelcamp – die frühere Urlaubsanimateurin Sonja Zietlow (Foto: ZDF) ist nicht unbedingt prädestiniert fürs Nachmittagsprogramm des ZDF. Seit Sonntag allerdings moderiert die passionierte Tierschützerin dort die Nachmittagsshow Mein Hund fürs Leben – auch, um ihr Portfolio zu erweitern.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Zietlow, zurzeit wechseln gerade massenhaft Moderatoren und Moderatorinnen von der ARD zu den Privatsendern. Sie dagegen wechseln vom Privatsender zum ZDF. Warum?

Sonja Zietlow: Na ja, es ist nicht direkt ein richtiger Wechsel, sondern eher eine Erweiterung meines Portfolios. Ich moderiere eben gern Formate, die mir persönlich gefallen, zu denen ich passe, bei denen man mich sehen möchte. Und für eine Show wie diese hier, bin ich ja schon als Hunde-Fan qualifiziert.

Anders als viele ihrer Kollegen und Kolleginnen bei RTL oder auch Pro7 haben Sie allerdings keine öffentlich-rechtliche Ausbildung genossen, sondern kommen eher aus Ferienclubs und Flugzeugen. Was lernt man da fürs Fernsehleben?

In Ferienclubs lernt man das nötige Selbstbewusstsein, um souverän vor Publikum aufzutreten, also die professionelle Interaktion mit Kunden und Gästen. Bei der Fliegerei kommt vor allem die Mehrfachbelastung hinzu. Dieses Multitasking ist eine gute Fähigkeit – als Pilotin, wie auch als Moderatorin in einer Show oder Sendung. Dass man quasi zuhören kann, aber gleichzeitig genau weiß, wie es weiter geht. Von alledem kann ich so einiges bei Ein Hund fürs Leben gebrauchen – mal ganz abgesehen von meiner persönlichen Liebe zu Hunden.

Wie genau läuft die Show denn ab?

Es ist so eine Mischung aus Haustiervermittlung und Herzblatt mit Reportage-Elementen. Erst lernen wir die Menschen und Hunde kennen, dann beraten und entscheiden die Experten, also Tierpfleger vom Tierheim und ich, wer zueinander passen könnte. Und der spannendste Moment der Sendung ist dann, wenn Hund und Mensch sich das erste Mal sehen und aufeinandertreffen. Das kann durchausmal sehr emotional werden…

Und was genau ist über die Expertise hinaus Ihre Aufgabe dabei?

Ich begleite die potenziellen Adoptanten, nehme sie in Empfang, begrüße sie und stehe natürlich auch mal mit dem ein oder anderen Ratschlag zur Seite. Natürlich berate ich mich mit den Hundepflegern und führe durch die Sendung. Es geht uns vor allem um Tierliebe.

Auch die eigene?

Absolut. Ich hatte bisher fünf Hunde. Momentan leben bei meinem Mann und mir noch zwei kleine. Mein erster eigener war Laska, eine Border Collie Dame. Durch meine Heirat kam ein Podenco-Mix-Rüde dazu, der aber leider schon verstorben ist. Dann habe ich die kleine Windspiel-Mix-Dame Lila adoptiert, die jetzt immer noch da ist und schon über 13 Jahre alt. Mein Mann hat sich dann noch in die Podenco-Portugues-Hündin Lotta verliebt, die leider vor anderthalb Jahren mit zehn, also viel zu früh von uns gegangen ist. Wir hatten also gleichzeitig vier Hunde. Nach Lottas Tod haben wir die kleine griechische Mix Hündin Manki adoptiert, die jetzt zwei Jahre und ein fröhlicher Wirbelwind ist.

Wenn es um Ihre Hunde geht, kommen Sie ja fast noch mehr ins Reden als bei „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Wie viel Schlagfertigkeit steckt eigentlich in solchen Moderationen und wie viel Drehbuch?

Also bei IBES würde ich sagen: 70 Prozent sind Skript und 30 Prozent frei. Die Moderationstexte werden von Jens Oliver Haas, Micky Beisenherz und Jörg Übber geschrieben, alles super Autoren. Aber ob der Rest wirklich Schlagfertigkeit bedeutet, bleibt dem Zuschauer überlassen.

Kann man die denn überhaupt lernen oder ist die angeboren?

Das weiß ich nicht. Aber bestimmt irgendwie. Keine Ahnung. Ich habe sie jedenfalls nicht bewusst gelernt, die ist einfach so gekommen, ganz von alleine (lacht).

Hätten Sie sich angesichts Ihrer messbaren Intelligenz eigentlich gewünscht, auch mal so richtig hartes Informationsfernsehen ohne Entertainment-Faktor zu machen?

Nein. Da ich nicht nur einen relativ hohen IQ habe, sondern auch ziemlich viel Mitgefühl und Schlagfertigkeit, finde ich die Unterhaltungsformate halt am reizvollsten; sonst ist man ja nur die Informationsüberbringerin, das liegt mir – bei allem Respekt dafür – nicht.

Wäre umgekehrt ein Intelligenzquotient von 135 im sachlicheren, tendenziell verkopften Fernsehen womöglich hinderlich?

Das könnte durchaus sein. Weil Intelligenz auch bedeutet, dass man sich oft noch etwas tiefgreifender mit Themen befassen möchte und gegebenenfalls nicht immer einer Meinung mit den Inhalten ist oder diese einfach mal anders betrachtet. Bei reiner Unterhaltung kann das problematisch werden.

Mit der haben Sie Ende der Neunziger in Formaten wie dem Daily-Talk Sonja Ihre Karriere begonnen und nie wieder ganz verlassen. Was bringen Sie aus dieser Zeit mit in die Gegenwart?

Ich würde mal sagen, Wettbewerbshärte und die Schlagfertigkeit, von der wir vorhin geredet haben. Man wusste nämlich nie, wie die Gäste tatsächlich reagieren. Seither kann mich, auch bei Live-Pannen, so schnell nichts aus der Ruhe bringen.

Und was lernt man am Nachmittag privater Kanäle fürs eigene Leben an sich?

Ich habe gelernt, dass es wahnsinnig viele unterschiedliche Menschen gibt. Die meisten hätte ich im normalen Leben niemals kennengelernt. Durch deren Sicht aufs Leben und die Art, mit Dingen des Alltags umzugehen, habe ich auch viel Toleranz gelernt.

Außerdem sind Sie angeblich auch noch exzellente Golferin…

Was heißt hier angeblich? (lacht). Naja – okay, ich war wohl eher eine exzellente Golferin; seit vier Jahren spiele ich nicht mehr aktiv. Aber eine Golfkarriere wäre mir nie in den Sinn gekommen. Außerdem habe ich mittlerweile auch Pferde, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen.

Wie viel Zeit bleibt denn da noch für weitere Staffeln IBES oder Mein Hund fürs Leben?

Oh, ganz viele hoffe ich. Denn beide Formate machen mir ziemlich viel Freude.