Doku-Fiktionen & Wirecard-Story

Die Gebrauchtwoche

22. – 28. März

Was die Wahrheit ist, das gilt zurecht als schwer umstritten, was die Wirklichkeit ist, dagegen – trotz und grade wegen populistischer Quergedanken – weniger. Dachte man. Bis Anfang voriger Woche. Montag nämlich wurde publik, dass die preisgekrönte NDR-Dokumentation Lovemobil über die entwürdigende Sexarbeit am Rande niedersächsischer Städte zwar inhaltlich korrekt war, aber mit Schauspieler*innen besetzt. Ein Freier soll sogar zum Freundeskreis von Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss gehören. Nun ist der Ärger groß, die Grimme-Nominierung perdu und ein bisschen auch das Renommee faktenbasierter Unterhaltung.

Freuen wir uns also darüber, endlich mal offen über Realismus im Sachfernsehen zu reden. Der nämlich wird ja schon von der Themenauswahl beeinträchtigt. Auch Personal und Kameraführung, Drehbuch, Chronologie, gar Schnitt, Ton, Licht nehmen Einfluss aufs Tatsächliche. Die Wirklichkeit ist eben, was daraus gemacht wird. Normalerweise kann sie das ab. Es sei denn, die erwähnten Querdenker grätschen mal wieder von rechtsaußen rein.

Ein polnisches Gericht etwa hat das ZDF zu einer Entschuldigung für das Kriegsmelodram Unsere Mütter, unsere Väter verurteilt, da es Kriegsveteranen verunglimpfe. Das ist schon wegen der Kunstfreiheit staatspopulistischer Unsinn. In einem Land zumal, das Journalist*innen noch schlechter behandelt als Deutschland, wo voriges Jahr 69 Opfer meist rechter Angriffe gezählt wurden. Es verkennt aber auch, dass sich das ZDF eigentlich bei allen dafür entschuldigen müsste, die Deutschen in UMUV erneut fiktional von aller NS-Schuld reingewaschen zu haben.

Und damit zum Stühlerücken auf dem Boulevard populistischer Eitelkeiten. Dieter Bohlen meldet sich vorm DSDS-Finale krank und wird durch Thomas Gottschalk ersetzt. Nena outet sich als Verschwörungsfan und wird von Kathi Witt begleitet. Julian Reichelt darf weiter die Bild-Belegschaft tyrannisieren, kriegt jedoch Alexandra Würzbach zur Seite. Jan Hofer wechselt als Anchor zu RTL und Eva Herman, nein die bleibt Adolfs Eva Braun von heute.

Die Frischwoche

29. März – 4. April

Wie schön ist es da doch, sich mit gutem Entertainment vom Irrsinn abzulenken, und nein – damit ist nicht die RTL-Show I Can See Your Voice gemeint, in der ab Dienstag irgendwer irgendwas singt. Auch nicht die Kleider-Geschichten, mit denen Netflix Donnerstag die Kleiderordnung von Mary Condo nachspielt. Interessanter erscheint dagegen eine Echtzeitaufarbeitung unvollendeter Historie.

Noch bevor die Milliardenbetrüger Markus Braun und Jan Marsalek auch nur vor Gericht stehen, arbeitet TVNow Mittwoch die Wirecard-Story in einem Dokudrama von Raymond und Hannah Ley auf. Das fügt dem Kenntnisstand zwar 95 Minuten lang nichts Neues hinzu. Christoph Maria Herbst und Franz Hartwig aber leihen den Hauptschuldigen des größten Wirtschaftsskandals unserer wirtschaftsskandalträchtigen Tage allerdings sehr eindrückliche Gesichter.

Das gilt auch für die Free-TV-Premiere der Now-Serie Lambs of God, in der es drei spirituell wie räumlich entrückte Nonnen ab Mittwoch vier Folgen auf One mit der Zivilisation zu tun kriegen und dabei zeigen, wie drastisch sich der Glaube mitunter gegen die Gegenwart zur Wehr setzt. Realitätsgetreu lässt der BBC-Achtteiler The Serpent Freitag auf Netflix den Serienkiller Charles Sobhraj aus den Siebzigern auferstehen und parallel dazu die Bordellbesitzerin Madame Claude aus den Sechzigern.

Nachdem Sky bereits heute Tiger Woods ein Golf-Porträt widmet und dem berüchtigten Frauenarzt Dr. Quincy Fortier tags drauf bei die Missbrauchsdoku Baby God, freuen wir uns aufrichtig übers neue Format von Michael Herbig – obwohl er nur die Nebenrolle spielt. In Last One Laughing sieht Bully ab Donnerstag bei Amazon Humorprofis von Wigald Boning und Teddy Teclebrhan über Anke Engelke und Carolin Kebekus bis Torsten Sträter und Mirco Nontschew dabei zu, wie sie sich eingekerkert in eine Comedy-WG nicht gegenseitig zum Lachen bringen, was wirklich sehr komisch zu sein scheint.


Tune-Yards, Hearts Hearts, L’Impératrice

Tune-Yards

Ist es Funk? Ist es Jazz? Ist es Punk? Ist es Trash? Wenn bei neuer Musik alte Fragen wie diese im Kopf herumschwirren, hat die Band vermutlich einiges richtig gemacht. Wobei Band – sind die Tune-Yards überhaupt eine oder doch eher retrofuturistische Dekodierung des Kollektivgedankens? Sei’s drum – die kalifornische Klangverwirblerin Merrill Garbus hat seit der Gründung ihres Soloprojekts, Eigenschreibweise tUnE-yArDs, mit vielen Menschen musiziert, aktuell ist es der Percussionist Nate Brenner, und in jeder Kombination ist daraus ein Springbrunnen der Mehrdeutigkeit geworden.

Auf dem 5. Album sketchy etwa klettert ihr kehliger Gesang durch einen Hindernisparcours fiepsener, sägender, treibender, bremsender, lauter, leiser Soundfragmente, die sie in einen Kessel Buntes geworfen zu haben scheint und dann bei hoher Körpertemperatur durchgekocht, bis daraus pro Track zehngängige Menüs auf ein und demselben Teller wurden. Am prägnantesten bleibt darin dann eine Art autonom-feministischer Mojotechno, der sich permanent selbst karikiert. Noch prägnanter jedoch ist, wie wenig man sich beim Hören davon lösen kann.

Tune-Yards – sketchy (4AD)

Hearts Hearts

Falls es noch irgendwelche Zweifel an der Variabilität österreichischer Boybands gab: hier werden sie zerstreut – bei den Hearts Hearts. Nicht die neueste Band jenseits der Alpen, auch nicht die originellste, im Gegenteil, da sind Bilderbuch oder Voodoo Jürgens Lichtjahre weiter. Dafür haben die vier Freunde um den Sänger mit Namen Österle etwas, das selbst im vielschichtigen Wien ein echtes USP ist: sie machen zwar unspektakuläre, aber zum Niederknien schöne Popmusik.

Ein bisschen klingt das dann auch auf dem neuen, erst dritten Album Love Club Members in zehn Jahren wie Whitney im Duett mit Moldy Peaches. Verschroben schon, klar. Und Texte wie “All what I really want – so crazy / Had been a pile of junk / All what I really want- so crazy – uhuhuh / All what I really haunt – oh daily”, werden auch nicht sinniger, wenn man darin nach Metaebenen sucht. Aber dieser reduzierte Synthieteppich mit Pianotupfen und Gesang ohne Spirenzchen – a geh, der macht einfach niveauvoll Spaß.

Hearts Hearts – Love Club Members (Parramatta)

L’Impératrice

French House, das mag eine Fehlinterpretation sein, aber sie klingt irgendwie nett: French House war schon immer leicht japanophil. Dieses selbstironisch verspielte, ulkig audiophile, skurrilitätsbereite, aber dabei elegante Gefrickel auf Geräten ostasiatischer Herkunft (Yamaha!) – darin fand der Pop elektronische Vervollkommnung, die bei aller West-Prägung nach Tokio klang. Und dann stieg 2018 das französische Sextett L’Impératrice aus einer explodierenden Supernova und machte daraus das funkensprühendste Easy-Listening-Album seit Pizzicato Fives Happy End of the World Ende der 90er.

Drei Jahre nach ihrem Debüt nun folgt mit Tako Tsubo der – sogar japanisch betitelte – Nachfolger. In Schriftzeichen 蛸壺, auf Französisch piège à poulpe, was auf Deutsch ungefähr Tintenfischfang heißen könnte. Und so hören sich die 13 Stücke denn auch an: geigengezuckerte Tiefseetauchgänge. Orgeltropfen wie Ohrenkerzen, soundgewordene Strandparty am Stil, digitaler Soul zum Verlieben in jeder einzelnen Zeile, Note, Welle. Kopfsprung hinein und vergessen ist der fehlende Festivalsommer.

L’Impératrice- Tako Tsubo (microqlima)


8 Zeugen: Erinnerung & Lügen

8ZWorte statt Taten

In der sehenswerten TVNow-Serie 8 Zeugen sucht Alexandra Maria Lara als polizeiliche Gedächtnisforscherin in den Erinnerungen von Beobachtern einer Kindesentführung nach Spuren. Selten zuvor war Krimi konzentrierter auf Sprache und trotzdem aufregend. Was nicht nur, aber auch an grandiosen Darsteller*inn*en liegt.

Von Jan Freitag

Das Gedächtnis ist ein selektiver, unzuverlässiger, trügerischer Ort. „Erinnern“, wusste schon Günter Grass, „heißt auswählen“. Jasmin Braun geht noch einen Schritt weiter. „Jede Erinnerung ist falsch“, sagt die Gedächtnisforscherin zu Beginn der TVNow-Serie 8 Zeugen und erklärt: „Wir erleben etwas, und Sekunden danach beginnt es sich zu verändern.“ Wer seiner Festplatte im Kopf trauen will oder derjenigen anderer, sollte deshalb so wenig Einfluss wie möglich darauf nehmen. Gerade, wenn es um Leben und Tod geht.

Eben noch hat sie als Sachverständige vor Gericht die Befragungstechnik mehrerer Polizisten kritisiert, da trifft Dr. Braun (Alexandra Maria Lara) einige davon dort, wo drei Stunden zuvor die Tochter des Innensenators entführt wurde. Es herrscht also gegenseitige Skepsis im Berliner Naturkundemuseum: Hier der zupackende Einsatzleiter Dietz (Ralph Herforth) und seine Ermittler, da die tastende Psychologin Braun (Alexandra Maria Lara) und ihr Wissen, alle gemeinsam entzweit im Kampf gegen die Uhr.

Während die Polizei ihre Augenzeugen schnell auf den Pfad verdrängter Tathergänge schicken will, möchte die Wissenschaftlerin, „kein Teil des Gedächtnisprozesses werden, deshalb arbeite ich mit Transkripten, nicht mit Menschen.“ Anderseits sei es nicht ihre Art, Hilfsbedürftigen die Hand auszuschlagen. „So funktioniere ich nicht.“ Deshalb vergisst die Expertin das akademische Prinzip methodischer Distanz und fühlt den Anwesenden der Kindesentführung Folge für Folge auf den Zahn ihrer Erinnerungen.

Vom kolumbianischen Kindermädchen oder der profilneurotischen Studentin über den vorbestraften Wachmann und die Exfreundin des Tatverdächtigen bis hin zu dessen Vermieterin oder Jasmin Brauns früherem Professor versucht die fachlich geschulte Vernehmungslaiin also die komplizierte Balance zwischen Distanz und Nähe, Beobachtung und Intervention zu wahren. Es geht daher nicht um Täter und Opfer, es geht auch nicht um Action oder Blaulicht. In achtmal 20 Minuten geht es dieser Anthologie-Serie fast ausschließlich um Worte.

Fürs Videoportal eines strukturell oberflächlichen Privatsenders wie RTL ist das vielleicht ein wenig inhaltlicher als üblich. Beraten und inspiriert von der rechtspsychologischen Bestsellerautorin Julia Shaw bietet Showrunner Jörg Lühdorff folglich ebenso komplexes wie fesselndes Entertainment für Herz, Hirn und Magen. Vergleichbar dem gefeierten Netflix-Experiment Criminal, das Ende 2019 Verhörspezialisten aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Spanien im selben Verhörraum auf Mörderjagd schickte, brilliert auch dieses Krimikammerspiel schließlich durch extreme Fokussierung auf verborgene Details, statt blutiger Spuren.

Getragen wird die bildgewaltige Zuspitzung aufs scheinbar Belanglose durchs kollegiale Duell von Alexandra Maria Lara und Ralph Herforth. Während der deutsch-rumänische Weltstar seine Psychologin zwischen fachlicher Kompetenz und fragiler Persönlichkeit zerreibt, lässt der westfälische Abo-Gangster seine Figur vor lauter Testosteron zwar förmlich dampfen; zugleich stellt Kommissar Dietz Misogynie und Mackertum so strikt in den Dienst der Falllösung, als hätte Herforth fünf Jahre in Mordkommissionen hospitiert.

Und so bleibt bei aller Konzentration aufs Wesentliche – nämlich das Mädchen zu finden – noch genug Raum für Nebenschauplätze: den unverwüstlichen Corpsgeist uniformierter Institutionen zum Beispiel. Clan-Kriminalität und wie viel sie mit Rassismus zu tun hat. Die zunehmende Bildungsverachtung einkommensschwächerer Schichten, gepaart mit wachsendem Standesdünkel einkommensstärkerer. Dazu das offene Geheimnis, Reden, Hören, Kommunikation seien noch immer die besten Problemlösungskonzepte. Und manchmal auch noch sensationell unterhaltsam.


Reichelts Kultur & Laras Zeugen

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. März

Also echt mal: „Auf Basis von Gerüchten Vorverurteilungen vorzunehmen“, wie ein Sprecher der Menschenrechts-NGO Bild die völlig haltlosen Vorwürfe gegen den Friedensnobelpreisträger Julian Reichelt kommentierte, „ist in unserer Unternehmenskultur undenkbar“. Amen. Jetzt könnte man natürlich denken, die Satire-Abteilung der ARD hätte sich in die PR-Abteilung von Europas weltgrößtem Boulevardblatt geschlichen. Aber letztere meint so was exakt so ernst wie es erstere ernst meint, wenn sie Dieter Nuhr Woche für Woche ein prominentes Portal seiner misogynen Weltsicht bietet.

Donnerstag hat er es nämlich wieder und wieder und wieder getan: Das Gendern zu bashen und dabei Fakten durch AfD-Argumente zu ersetzen. Armer, weißer, physisch junggebliebener, geistig greisenhafter Mann: wie schlaff müssen deine Testikel im Feinripp hängen, dass er immer und immer und immer wieder nach unten tritt, weil er sich nach oben zu treten ja schon lange nicht mehr traut und Konzepte wie Identitätspolitik halt einfach nicht versteht, sondern würde er ja versuchen, wenigstens ab und zu mal zu differenzieren.

Dass Dieter Nuhr vornehmlich von jenen noch Gelächter erntet, die auf der Kasseler Querdenken-Demo Samstag Journalist*innen attackiert haben, nimmt er da vermutlich längst schon nicht mehr nur in Kauf. Es zählt zu seinem Wirkprinzip. Darin ähnelt der Comedian Hendrik Streeck, der ähnlich viele Fahnen in den Wind der Querdenker hängt wie dessen komödiantischer Fürsprecher. Woraus sich Mittwoch übrigens ein ulkiger Disput mit Jan Böhmermann ergeben hat, dem ausgerechnet der Verschwörungsvirologe einseitige Polemik vorwarf.

Witzig. Lachhaft ist dagegen langsam nur noch der Dauerhinweis aller, wirklich aller Sportreporter (deren Gendersternchen mangels Reporterinnen überflüssig sind), wie öde es ohne Publikum im Stadion sei – schon, weil es so blöde ist, dass diese Stadien voller Sportprofis sind, die behaupten, keine Privilegien zu genießen.

Die Frischwoche

22. – 28. März

Donnerstag zum Beispiel hat der Fußball erneut keines, wenn er seine dauergetesteten Millionäre massenhaft zu Länderspielen durch ganz Europa schickt und damit jedes epidemiologische Konzept mit Füßen tritt. Ob RTL das am beim Spiel der Deutschen gegen Island erwähnen wird? Wohl kaum – Geschäftspartner kritisiert man nicht im Privatfernsehen. Schließlich herrscht nicht nur, aber besonders dort das Prinzip maximaler Affirmation im Umgang mit Verwertungsketten.

Wenn Disney+ tags zuvor 1. Geburtstag feiert, kann man dieses Prinzip bestens begutachten. Dort wird alles, wirklich alles aus dem Milliardenkonzern wiedergekäut. Freitag zum Beispiel die Mighty Ducks. Anfang der Neunziger machte Emilio Estevez als Coach eines Eishockeyteams voller Nerds und Looser drei Kinofilme lang Kasse. Jetzt kehrt er mit exakt demselben Prinzip als Serie auf den Bildschirm zurück. Es lebe das Fließband, an dem auch die – zugegeben divers männliche – Superheldenserie The Falcon and the Winter Soldier entstanden ist.

Ein anderes Format klingt dagegen eher nach Manufaktur Im starbesetzten Sixties-Melodram Godfather of Harlem lässt Disney zeitgleich das New York der Ära Malcolm X auferstehen (wobei das keine Eigenproduktion, sondern ein ABC-Ankauf ist). Extra für Amazon produziert wurden hingegen zwei parallel startende Prime-Serien: das Superheldenkinder-Animé Invincible. Und La Templanza. So heißt ein spanisches Weingut der 1860er Jahre, von dem aus zwei unterschiedliche Dynastien zehn Folgen lang auf Liebes-, Geschäfts- und Intrigenpfade gehen. Trotz allem Pathos sehr ansehnlich.

Das gilt auch für 8 Zeugen mit Alexandra Maria Lara als Erinnerungsexpertin, die in jeder Folge der TVNow-Serie einen davon durchleuchtet, um ein verschwundenes Kind zu finden. Noch zwei Arte-Formate zum Schluss: Der deutsch-französische Sechsteiler Frieden skizziert ab Donnerstag (21.10 Uhr) drei junge Menschen in der Nachkriegszeit. Und Samstag (22 Uhr) widmet der Kulturkanal dem Psychologen Oliver Sacks ein virtuoses Interviewporträt.


Maria Schicker: Ku’damm & Kostüme

Klischees geben uns Leitplanken

Mit Filmreihen wie Ku’damm ist das Historytainment ab Sonntag im ZDF mal wieder ganz in seinem Element. Verantwortlich für die Kostüme ist auch 1963 die mehrfach preisgekrönte Maria Schicker. Ein Gespräch mit der renommierten Kostümbildnerin über Authentizität und Sehgewohnheiten, High-Heels und Hosenträger, das Unterbewusstsein der Zuschauer und was die Figuren wohl in Ku’damm 71 tragen.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schicker, wie kostümiert man eine Figur der 60er Jahre 2021 zeitgemäß?

Maria Schicker: Mit historischem Kostüm lasse ich glaubwürdig und authentisch Charaktere entstehen, dafür muss ich sowohl die heutigen Sehgewohnheiten als auch die Erwartungen des Publikums berücksichtigen, ohne den Look der Zeit in Frage zu stellen. So entstehen Kleiderschränke mit Geschichten und Geheimnissen für jeden Charakter.

Und was bedeutet das für die Ku’damm-Reihe?

Ein realistisches Bild zu erschaffen, das Charaktere erkennbar werden lässt. In den 50er und 60er Jahren hatten die Menschen andere Physiognomien und weniger Sport getrieben. Sie waren meist kleiner und die Ernährungsgewohnheiten andere. Während Männer oft fülliger waren und Hosenträger trugen, galt bei den Damen die schlanke Taille mit zeitgemäßen Accessoires als Idealbild. Diese Figur ändert sich 1963 in gradere und kürzere Linien.

Das deutsche Historytainment neigt dabei zur Überinszenierung. Müssen Sie mit Produzenten und Sendern darum kämpfen, dass die Form nicht ihre Funktion frisst?

Ich möchte kommunizieren, nicht kämpfen. Manchmal gelingt mir das. Es ist ein Trugschluss zu denken, wer sich morgens allein anzieht, kann Geschichten über Kostüme erzählen. Das ist meine Aufgabe als Kostümbildnerin. Im Historischem habe ich freiere Hand, meine Designangebote werden leichter akzeptiert. Die Kommunikation der Gewerke – Regie, Schauspieler, Kamera, Redaktion – macht das Ergebnis reicher, darf aber die Story nicht verwässern.

Wer ist dann dafür verantwortlich, dass Frauen in Film und Fernsehen anders als in der Realität fast immer High-Heels tragen – Männer, die es sich so wünschen?

Vielleicht weil es ein schlankes Bein macht und die Frau gerader steht? Da muss ich passen… Aber seit Lola rennt… habe ich eigentlich das Gefühl, dass alle permanent Turnschuhe tragen. Ich würde mir sogar wünschen, dass wir Frauen etwas differenzierter bei der Schuhwahl sind und nicht nur bereit zum Rennen.

Aber auch bei Ku’damm 63 sind doch besonders die Frauen extrem aufgebrezelt, obwohl Fotos und Filme jener Zeit meistens gewöhnlich gekleidete Menschen mit praktischer Kleidung statt Pelz und Pumps zeigen.

Als Leiterin einer Tanzschule und Gewinnerin vieler Preise im Standarttanz, ist Frau Schölack nun mal auf Äußerlichkeiten bedacht, so wurden auch ihre Töchter erzogen. Die gesellschaftliche Schicht der Tanzschule spielt also eine enorme Rolle. In Ku’damm 63 haben sich die Charaktere der Frauen trotzdem verändert. Monika hat endlich ihre Familie mit Kind, Eva orientiert sich als Galeristin an künstlerischen Persönlichkeiten der Berliner Avantgarde, Helga erlebt Trennung und Liebe mit großer Macht.

Kostüme orientieren sich also mehr am Drehbuch als am Zeitrahmen?

Der Autor lässt eine Story entstehen, ich versuche als Kostümbildnerin und Malerin daraus Bilder in Farbe, Form und Bewegung zu kreieren. Der Zeitrahmen mit seinen gesellschaftlichen Normen ist bei Ku’damm ein wichtiges Stilelement. Zeitrahmen und Drehbuch sind dabei gleichwertig. Wobei das Unterbewusstsein der Zuschauer umso unzuverlässiger arbeitet, je weiter der Zeitpunkt des Gezeigten von ihnen weg ist.

Ist es demnach leichter, historische Erzählungen zu kostümieren, weil die Erwartungen weniger konkret sind?

Dass wir in Klischees denken, wird so negativ konnotiert. Dabei geben sie uns wichtige Leitplanken, um Menschen zu verstehen. Die Grenzen sind klarer. So habe ich größere Freiheiten, sozial, gesellschaftlich oder bei Events zu kostümieren. Bei einer modernen Geschichte treffe ich Regisseure oder Schauspieler gern im privaten Umfeld. Ich sehe dann, wie sie sich kleiden und einrichten, das hilft mir enorm, ihren Stil, ihre Art zu verstehen.

Sind denn wenigstens historische Männerfiguren schon deshalb einfacher einzukleiden, weil sie im Zweifel Hemd und Anzug tragen?

Auch das hatte mehr noch als heute mit der Schicht zu tun. Die Details sind wichtig. Hat der Herr Geld für Accessoires? Und dann welche: Hut, Einstecktuch passend zur Krawatte, Manschettenknöpfe, Uhr mit Kette, Hosenträger, Sockenhalter, Gürtel? Die Liste kann lang sein.

Länger jedenfalls als bei Handwerkern.

Deren Uhr ist vielleicht ein Erbstück des Vaters, die Socken sind handgestrickt, er hat zwei Krawatten zum Sonntagsanzug und einen Sommermantel plus Winterjoppe. Heute dagegen legen selbst einkommensschwächere Schichten Wert auf Individualität, während erfolgreiche Geschäftsmänner Anzüge und Hemden einer Farbfamilie im Schrank haben. Es wird nicht unbedingt einfacher.

Ist für Sie jeder Film ein Kostümfilm?

Das Wort erinnert an Musikfilme der 50er Jahre, hat also einen komischen Nachgeschmack. Kostümbild ist eine eigenständige Profession, aber ich will ja keine Kostüme machen.

Sondern?

Charaktere einkleiden.

Sie bezeichnen sich aber schon als Kostümbildnerin?

Absolut, aber Kostümieren klingt nach Verkleiden, nach Fasching.

Wissen Sie, wie viele Filme Sie sei 1979 eingekleidet haben?

Viele, wissen Sie es?

Ich habe 72 gezählt. Ist Ihnen einer davon aus beruflicher Sicht besonders wichtig?

Genaugenommen sind es zwei, interessanterweise beides wahre Geschichten. Zum einen „Das Geheimnis des Totenwaldes“.

Die Rekonstruktion eines realen Mordfalls der Achtziger vom Frühjahr.

Nachdem ich die Hinterbliebenen kennengelernt hatte, wollte ich das Kostüm noch zurückhaltender nachempfinden, um die Ernsthaftigkeit dahinter zum Ausdruck zu bringen. Zum anderen Die Mühlviertler Hasenjagd, eine KZ-Ausbruchsgeschichte in Mauthausen. Ich war tief bewegt vom Mut der Bauern und den Erzählungen der Alten. Solche Arbeiten erzeugen eine eigene Form von Verantwortungsgefühl; da versuche ich noch mehr in die Leben der Protagonisten zu spüren, um deren Situation zu verstehen.

Hemmt diese Verantwortung gegenüber realen Figuren oder sorgt sie womöglich gar für Entfaltungsmöglichkeiten, weil man tiefer in die Psyche der Beteiligten eindringt?

Unbedingt Letzteres. Ich nehme mir noch mehr Zeit, alles Bedeutsame akribisch herauszuarbeiten. Einfühlungsvermögen, Respekt und Diskretion sind das Wichtigste.

Bei Formaten wie Ku’damm kommt dann aber noch die Beschaffung vergriffener Kleidung hinzu. Wie viel davon wird heutzutage noch eigens angefertigt?

Nach der Recherche beginnt sofort das Sourcing: wo finde ich was, in diesem Fall von Kopf bis Fuß für Damen und Herren. Danach leihe ich dann vieles in Kostümhäusern, ungefähr ein Viertel wird extra angefertigt, unter anderem für Kinder und Stuntszenen. Außerdem hat Berlin wunderbare Vintage -Stores, da lasse ich mich gern inspirieren und finde das eine oder andere schöne Teil, auch alte Stoffe, Knöpfe und Accessoires.

Hat sich das Budget dafür in den vergangenen Jahren verändert?

Das variiert nach Größe des Films und ist Verhandlungssache. Ku’damm hat in drei Teilen fast 1500 Kostümwechsel von der Unterhose bis zum Hut, da wäge ich ab, wie wichtig der perfekte Look in welcher Einstellung ist.

Anders gefragt: Wäre Ku’damm 63 vor 20 Jahren entstanden – hätten Sie mehr Geld zur Verfügung gehabt?

Vielleicht, aber Leihkostüme haben sich im Preis kaum verändert, und das ist der größte Teil des Budgets.

Wie ziehen Sie Eva, Monika, Helga samt Mutter und Männern bei Ku’damm 71 an?

Sie glauben also, dass die Reihe weitergeht? Nun, 56 war alles aus Tüll und Baumwolle. 59 gab es enge Hosen und Röcke, die Mode konsolidierte sich. 63 ist gerader, klare Farben, kürzere Röcke. Für die Jüngeren dürfte es 71 wilder, bunter, psychedelischer werden, aber die älteren, konservativeren Jahrgänge bleiben sicher ihrem Stil treu. Eine schöne Herausforderung.

Auf die Sie sich offenbar freuen.

Ja, ich lass mich gern überraschen.


Reichelts Penis & Lukes Bäume

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. März

Huch, Julian Reichelt, als Bild-Boss qua Amtsdefinition ein misogyner Macho aus dem Mesozoikum männlicher Selbstherrlichkeit – ausgerechnet der soll gegen den weiblichen Teil seiner Redaktion Machtmissbrauch und Mobbing bis hin zur sexuellen Nötigung praktizieren, wie der Spiegel über interne Ermittlungen berichtet, die Jan Böhmermann Freitag zuvor bereits angedeutet hatte? Verrückte Idee! Gilt doch allein schon Reichelt quellendes Brusthaar als Beleg seines feministischen Geschlechterdenkens. Vermutlich haben die ungefickten Bild-Bitches an der Kaffeemaschine also einfach mal wieder zu heiße Klamotten angehabt – was soll ein echter Kerl wie dieser denn dann bitte anderes machen als zuzugreifen?

Umso ritterlicher, dass er sich selbst beurlaubt und den Verleumdern Klagen angedroht hat. Und huch, das englische Königshaus, begründet auf Ausbeutung und Rassismus, soll Vorbehalte gegen Prinz Harrys schlammblütige Frau Meghan hegen? Gibt’s ja gar nicht! Was es nach Oprah Winfreys Interview mit den abtrünnigen Royals gab, waren 30 Prozent Marktanteil für RTL, die Aussicht auf noch zwei Staffeln The Crown und ein Tsunami, der selbst den Brachial-Talker Pierce Morgan mitgerissen hat, nachdem er in seiner ITV-Show Good Morning Britain wie üblich Partei für die reaktionäre Rechte, also Queen und Sun ergriffen hat.

Wobei man Flutwellen auch surfen kann. Der Abgang von Morgan, moralisch verhornt im braunsten Abraum der Yellow Press, wird als bewusster Eklat angesehen, um ein englisches Fox News zu besetzen. Sollte es demnächst ein deutsches geben, stünde der gefeuerte Sky-Reporter Jörg Dahlmann bereit, den nach allerlei Männerwitzen über Spielerfrauen nun ein Sushi-Vergleich zum Verhängnis wurde. Während ihm der deutsch alternative Windfähnchen-Wissenschaftler Hendrik Streeck dank eines RTL-Podcasts mit Chemie-Nobelpreisträgerin Katja Burgard nicht folgen kann, stünde Anna Schneider von der neurechten NZZ als Berlin-Korrespondentin bereit, nachdem sie sich gestern im Presseclub als Fan frauenfreier Volksvertretungen gezeigt hatte. Und Dieter Bohlen wäre seit seinem Abschied von DSDS als Juror eines möglichen Fox-Castings frei.

Die Frischwoche

15. – 21. März

Dessen künftiger Ex-Sender wagt sich heute auf sozialfaktisches Terrain, wenn Henning Baum dort um 20.15 Uhr Hinter den Kulissen der Polizei Reporter spielt. Ulkige, aber irgendwie auch naheliegende Idee des Rot- und Blaulichtkanals. Die Konkurrenz von Sat1 simuliert parallel mit LUKE! Die Umwelt und ich Nachhaltigkeit, die aber spätestens im Reklameblock als Opportunismus entlarvt werden dürfte, wenn für SUVs und anderen Scheißegalkonsum geworben wird.

Auch damit ist also erklärbar, dass Sat1 von Vox auf Platz 5 der Quotenliste verdrängt wurde. Dort läuft schließlich ab Mittwoch die fabelhaft morbide Now-Serie Unter Freunden stirbt man nicht als Free-TV-Premiere. Online startet dagegen heute die fiktionale Istanbul-Studie Paper Lives auf Netflix und setzt damit die Reihe hervorragender Serien aus der Türkei fort. Nicht ganz so hervorragend, immerhin jedoch optisch furios ist die achtteilige Tarantino-Hommage Sky Rojo ab Freitag an gleicher Stelle über drei spanische Edel-Huren auf der blutigen Flucht vor ihrem Zuhälter.

Gleicher Kanal, gleiche Zeit, gewöhnliches Thema: die 1. Staffel der amerikanischen Nanny-Comedy Country Comfort, tags drauf gefolgt von der 2. Staffel Ausgebremst mit Maria Furtwängler als entnervt lustige Fahrschullehrerin bei TNT. Morgen schon beginnt bei Joyn+ die Bostoner Familien-Sitcom The McCarthys. Und dann wären wir auch schon bei Runde drei der Ku’damm-Reihe im ZDF – diesmal im Jahr 1963. Wie immer opulent kostümiert, wie immer ein bisschen frauenbewegt, wie immer arg oberflächenverliebt.


Baby Boys, Schorl3, Gossenboss mit Zett

Baby Boys

Augenzwinkern zählt nicht unbedingt zu den ersten Eigenschaften männlicher Musiker – schon gar nicht, ohne dabei kindisch, ironisch, gar zynisch werden. Die Baby Boys aus Minneapolis sind letzteres gar nicht, ersteres ein bisschen, nur mittleres könnte auf das Trio zutreffen, das nach ein paar Einzeltracks nun ihr erstes Album veröffentlicht. Was Caleb Hinz, Jake Luppen und Nathan Stocker darauf anstellen, ist schwer zu beschreiben, aber genau das dürfte den Wesenskern von Threesome bereits ganz gut eingrenzen.

Mit minimalistischen Cloud-Recordings, digitalen Echtinstrument-Samples, karibischem LoFi-Punk und Gesang am Rande vom Boygroup-Hype der Neunziger, frickeln sich die drei – so sagt man das heute immer, sobald jemand mehr als Gitarre kann: Multiinstrumentalisten einen Dadapop zurecht, der nach Beach Boys auf Designerdrogen klingt, also die falmboyante Schönheit des wohlsortierten Chaos feiert wie zuletzt The Scientists. Das Augenzwinkern ist also doch eher Augenflackern, aber ein wirlich tolles.

Baby Boys – Threesome (Transgressive)

Schorl3

Der Versuch, Bilderbuch gut zu kopieren, ist schon deshalb bislang flächendeckend gescheitert, weil es schon schwer wäre, Bilderbuch schlecht zu kopieren. Deshalb feiern wir an dieser Stelle den gelungenen Versuch der Hamburger Futurefunkformation Schorl3, Bilderbuch weder gut noch schlecht, sondern so funky MDMA-beseelt zu kopieren, als würden die Vorbilder aus Wien auf dem verranzten Studiosofa anerkennend kopfnicken und insgeheim ein paar der Ideen der drei Pseudonym-Künstler LMO, Hans1 und Hans2 notieren.

Zeilen wie “Mein Baby möchte Skifahren / doch ich kann nicht liefern / sie möchte nur mit mir chillen / wenn ich was zum Ziehen hab” aus der Retrodrogenhymne Zu arm etwa. Oder die Achtzigersaxofon-Peitschen der nostalgischen Wave-Fanfare Pia einen Track zuvor. Diese Perlen neonostalgischer Elektropopmusik machen Sprudelpop zwar nicht zwingend innovativ, gar außergewöhnlich, aber so was von erfrischend, dass man gerne mit den drei Kopisten im selben Goldfischglas schwimmen möchte.

Schorl3 – Sprudelpop (Schorl3)

Gossenboss

Zu Gossenboss hält man dagegen besser etwas Sicherheitsabstand – zumindest, wenn man den Sprechsänger aus Dresden als das bezeichnet, was er ja nun schon doch irgendwie ist, aber partout nicht sein will. “Mir ist egal ob HipHop-Journalisten mich überhaupt kennen”, meint er auf seiner neuen Platte No Future, “doch ich ruf die Bullen, wenn du mich noch mal Zeckenrapper nennst”. Okay, machen wir nicht. Schon weil er was völlig anderes ist als der Zeckenrapper Disarstar, dessen Deutscher Oktober ebenfalls heute erscheint.

Anders als der Straßenköter aus Hamburg klingt Gossenboss mit Zett schließlich nicht mal annähernd nach Gangsta. Stimmlich sind seine Wurzeln technoider, alternativer, independenter, verschwitzter, linker, autonomer und zum Glück sehr viel androgyner – dank Contributions von Freunden wie Milli Dance, Danger Dan oder Lulu & die Einhornfarm aber auch rockiger, fröhlicher, frischer, irgendwie optimistischer, bisschen wie Frittenbude auf Kraftklub. Schöne Zukunft mit No Future.

Gossenboss – No Future (100 Prozent O.K.)


Durchstechereien & Frauentage

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. März

Durchstechereien, das ist ja auch wieder so ein Begriff, der schmieriger klingt, wenn ihn Nazis verwenden. Als Durchstecherei hat es deren parlamentarischer Sturmbannführerarm Timo Chrupalla bezeichnet, dass Verfassungsschützer die Einstufung seiner NS…, Pardon: AfD als rechtsextremen Verdachtsfall kolportierte, was das Kölner Amtsgericht (zu Recht) verboten hat. Wobei – sind Durchstechereien offener Tatsachen überhaupt Durchstechereien?

Als Interpretationshilfe stechen wir an dieser Stelle ein paar Dinge durch, die ähnlich außer Frage stehen wie Demokratie- und Menschenverachtung der AfD: Thomas Bellut bewirbt sich 2022 nicht um eine dritte Amtszeit als ZDF-Intendant. Schon zur nächsten Bundesliga-Saison tauscht die Sportschau den Streber Matthias Opdenhövel durch die strebsame Esther Sedlaczek aus. Und Disney verkauft seine 50-prozentigen SuperRTL-Anteil ans deutsche Mutterhaus.

Eines, das Ende August leerausgeht, wenn die Grimme-Preise vergeben werden. ProSieben geht dafür mit drei Nominierungen in Marl an den Start, die 42 der ARD überstrahlen ohnehin wieder selbst 15 Stück von ZDF, 3sat und Arte, wohingegen es Digitalformate insgesamt nur auf Dutzend Preisanwärter bringt – je vier von funk und Netflix plus zwei für Joyn. Das dürfen in Zukunft durchaus ein paar mehr werden. Ein paar weniger als erwartet haben Streamingdienste vorigen Montag in einer Video-Schalte aus L.A. und N.Y. gewonnen, als die Hollywood Foreign Press Association ihre Golden Globes vergeben hat.

Während die Berlinale auf gezoomter Sparflamme lief, war es wie immer: alte weiße Männer nominieren Durchschnitt wie die Netflix-Serie Emily in Paris, verschleudern Preise an The Crown, vergessen Preiswerteres wie Mank, und aus deutscher Sicht bedauerlich: auch Helena Zengel Auftritt in News of the World. Ein Mädchen, das sich in maximal misogyner Cowboy-Zeit von Männern aber mal gar nichts sagen lässt – das wäre ein moderneres Emanzipationssignal gewesen als pinke Pralinen und Blumensträuße, die Konsumkonzerne zum heutigen Weltfrauentag als Mitgift bewerben.

Die Frischwoche

8. – 14. März

Die Filmreihe Von Frauen über Frauen mit der Doku Lift Like a Girl über ägyptische Gewichtheberinnen zum Auftakt, wirkt da heute nur so lange progressiver, bis man(n) die Sendezeit sieht: 0.20 Uhr. Vier Stunden früher sendet das ZDF ein gutgespieltes, aber klischeehaftes Drama namens Plötzlich so still, in dem Friederike Becht den Tod ihres Babys durch den Diebstahl eines anderen kompensiert. Was verzweifelte Mütter aus bürgerlicher Sicht halt so machen…

Aber gut, immerhin sind Frauen hier keine Sextoys harter Kerle wie parallel bei Kabel 1 (Transformers) und RTLzwei (Love Island) oder bessere Hausmädchen wie bei WDR (Land und lecker), BR (Landfrauenküche) und SWR (Lecker aufs Land). Streamingdienste sind da – ungewollt oder nicht – schon ein paar Schritte weiter. In der Starzplay-Serie The Attaché zum Beispiel spielt eine Diplomatin aus Frankreich ab Sonntag die Hauptrolle, der ein Musiker aus Israel am Tag der Anschläge vom November 2015 nach Paris folgt, um ein herausragend inszeniertes Beziehungsdrama im Schatten des Terrors aufzuführen.

Auch auf Joyn+ sind es Donnerstag jüngere Frauen, die große Jungs und Alphagreise vor sich hertreiben. Oberflächlich handelt Katakomben von illegalen Raves unter München, doch zwischen dem Eye Candy für Influencer, geht es sechs Teile lang um die wachsende Ungleichheit einer männlich gemachten Immobilienblase. So ähnlich funktioniert die norwegische HBO-Groteske Beforeigners. Wenn die Ahnen der Skandinavier (Sonntag, 23.35 Uhr, ARD) aus dem Meer auftauchen, wirkt das auf heitere Art fantastisch. Da die schwierige Integration der „Menschen mit temporalem Hintergrund“ aktuelle Rassismus-Diskurse aufgreift, sind sechs Folgen am Stück durchaus bedeutsam. Weder lustig noch wichtig, sondern konventionell, aber solide sind die Pembrokeshire Murders (Donnerstag, Magenta) und das achtteilige Beziehungsdrama Blinded (Dienstag, One). Und Mittwoch (20.15 Uhr), porträtiert ZDFinfo Das bizarre Leben des Software-Millionärs John McAfee, der mit mehreren Morden in Verbindung gebracht wird.

Außerdem sind die freitagsmedien wieder in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Jan Freitag bespricht mit Eric Leimann diesmal die neuesten Filme und Serien im Monat März:


Jens Spahn & Eddie Murphy

Die Gebrauchtwoche

22. – 18. Februar

Ach Facebook… Nicht nur, dass dich Alterskohorten jenseits der Generationen Y bis Z ungefähr so zeitgemäß finden wie ARD und ZDF; jetzt tust du auch noch alles dafür, die Generationen X bis W(eimar Republik) zu verprellen. Erst ein lächerlicher Kleinkrieg mit Australiens News-Anbietern, den der fürchterliche Medienmonopolist Rupert Murdoch (vorerst) gegen die furchtbare Datenkrake gewonnen hat. Dann sperrt Facebook inklusive Instagram auch noch einen Monitor-Beitrags über den Anschlag von Hanau, weil Georg Restle angeblich gegen Richtlinien verstößt.

Es bleibt also dabei: auch außerhalb teil- oder ganztotalitärer Regime von Polen über Russland bis China, stehen seriöse Medien unter feindlichem Beschuss. Nach einem Bericht des betroffenen Tagesspiegel lässt ja selbst Jens Spahn offenbar Journalist*innen von Bild oder Stern ausspähen, die über ein dubioses Tauschgeschäft recherchieren: 2017 habe der Gesundheitsminister eine Wohnung vom Pharma-Manager Markus Leyk Dieken gekauft, den er zwei Jahre später zum Geschäftsführer der Gematik GmbH machte, die wiederum kurz nach der staatlichen Übernahme von 50 Prozent der Anteile das Gesundheitswesen digitalisieren soll.

Der Kauf sei vor Spahns Amtsantritt erfolgt und damit Privatsache, wiegelt ein Sprecher ab. Na ja, so privat eben, wie momentan eine Virusinfektion ist. Mit der übrigens kam Anfang vorigen Jahres Mai Thi Nguen-Kim zu multimedialem Ruhm. Nun hat das ZDF die chemisch promovierte, überaus telegene und höchst vertrauenserweckende Wissenschaftsjournalistin für seine Fachsparte verpflichtet. Ein Engagement, das den Blick fraglos auf jüngere Zielgruppen wirft.

Die Frischwoche

1. – 7. März

Ab Freitag wärmt Disney+ das britische Klosterdrama Black Narcissus im Himalaya auf, mit dem Deborah Kerr 1947 zwei Oscars gewann. Ein antiquierter Stoff – auch, wenn ihn Showrunnerin Amanda Coe mit psychedelisch animierter Gothic-Aura und der großartigen Gemma Arterton als spirituell und heterosexuell schwankende Hochgebirgsnonne modernisiert. Richtig modern ist demgegenüber die feministische Highschool-Komödie Moxie um eine rebellische Schülerzeitung in den USA, ab Mittwoch auf Netflix. Und noch richtiger modern wirkt die Coming-of-Age-Serie We Are Who We Are ab Sonntag auf Starzplay.

Wohingegen das Porträt der retrofuturistischen Pop-Ikone Billie Eilish The World’s a Little Blurry in seiner empathischen Kinderzimmer-Melancholie fast schon wieder nostalgisch ist. Richtig nostalgisch gerät ein Sequel der gestrigen Art: Freitag setzt Amazon Prime allen Ernstes Der Prinz aus Zamunda von 1988 fort – ohne Regisseur John Landis, aber mit Eddie Murphy, also irgendwo zwischen aha und oje – dort also, wo sich für gewöhnlich Let’s Dance (Freitag, RTL) aufhält, dessen Spannbreite niemand besser ausdrücken könnte als die Mittänzer Jan Hofer und Micky Krause.

Bei so viel guter Laune empfehlen wir an dieser Stelle aber doch noch mal ein Stimmungsdämpfer. Heute erinnert die ARD (23.35 Uhr) an Fukushima und die Folgen vor zehn Jahren. Und weil selbst Katastrophen fiktional Spaß machen: die Netflix-Serie I Care A Lot nimmt Amerikas strikt ertragsorientierten Umgang mit Senioren so beißend auseinander, dass man bei aller guten Unterhaltung spätestens nach einer Folge beschließt, in den USA nur reich oder besser noch: gar nicht alt zu werden.

Außerdem sind die freitagsmedien seit kurzem in den Medien-Podcast Die Fernsehkritiker involviert. Einmal im Monat bespricht Jan Freitag darin mit Eric Leimann die neuesten Filme und Serien:

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