K.O.G., The Gotobeds, Denzel Curry

K.O.G. & The Zongo Brigade

Folklore ist auch nicht mehr, was sie mal war. Träumte man sich damit einst in eigene oder exotische, also heimische oder fremde Welten, dient sie im zitierfreudigen Turbopop oft nur als Stichwortgeber selbstfreferenzieller Vielschichtigkeit – ein Schicksal, das besonders afrikanischen Sounds zuteil wird, die als purer Ethnosound jenseits seiner Ursprünge schlichtweg nicht anschlussfähig sind. Vielleicht liegt es also, dass eurozentristisch geschulte Ohren erstmal mit K.O.G. fremdeln. Allerdings nur ganz kurz.

Hinterm Kürzel von “Kweku of Ghana” verbirgt sich nämlich der Sheffielder Klangvisionär Kweku Sackey, der mit dem jamaikanischen Rapper Franz Von und einer vielköpfigen Band namens Zongo Brigade ein amerikanisch inspiriertes Futurefunk-Fundament unter treibende Afro Fusion legt und die Basis auf dem Umweg des Überbaus gewissermaßen mit sich selbst versöhnt. Heillos aufgetakelt mit Bläsern, HipHop und Percussion in wild wechselnden On/Offbeat-Kreiseln, ist das Debütalbum Wahala Wahala ein tolles Feuerwerk des kosmopolitischen Durcheinanders und einfach grandios.

K.O.G. – Wahala Wahala (Pure Vida Sounds)

The Gotobeds

Ob es unter den Abermilliarden The-Bands der Musikhistorie eine gibt, deren Name fluffiger ist als The Gotobeds, bleibt Geschmackssache, aber was das Rootspunk-Quartett aus der verrosteten Stahlstadt Pittsburgh macht, ist nicht annähernd so schläfrig wie sein Label. Auch auf dem dritten Album Debt Begins at 30 klingt der Garagensound nach den Ursprüngen ihres Metiers im britischen Kohlegürtel, hat sich aber angemessen von dessen ungewaschener Dilettanz verabschiedet.

 

Das Besondere am Sound von Cary, TFP, Eli and Gavin ist allerdings weniger die Modernisierung eines nostalgischen Sounds, als vielmehr, dass weder das Gestern noch das Heute Deutungshoheit für sich beanstprucht. Während der Opener Calquer The Hound zum Beispiel nach einer misanthropischen Fusion aus Clash und Shellac klingt, scheppern die Gitarren auf Poor People Are Revolting fast noisig, ohne bloß Krach zu machen. Alles in allem ein unfassbar stimmiges Album einer Band, die sich keiner Zeit zuordnen lässt. Und will.

The Gotobeds – Debt Begins at 30 (Sub Pop)

Hype der Woche

Denzel Curry

Mit Anfang 20 ein aufstrebendes Genre geprägt zu haben, ist ja schon mal was. Diesem Genre dabei in drei Jahren vier Alben hinzuzufügen, ist sogar noch viel mehr. Ihm auch, nachdem es bis zum Rand der akustischen Folter ausgewalzt wurde, noch Impulsen zu geben – im Durchlauferhitzer Cloud Rap grenzt das an ein Wunder. Eines, das Denzel Curry auf Zuu (PH Recordings), dem neuen Longlplayer im Fachgebiet des sphärischen HipHop, spielend vollbringt. Wie so vieles aus der virilen Szene in Florida, verzichtet auch Curry zwar nicht auf ein, zwei “Niggers” pro Punchline, aber auf die nervigen Bass-Kanonaden des Trap und schafft in der Mitte dieser maßgeblichsten aller aktuellen Sprechgesänge ein vielschichtiges, meinungsstarkes, bedeutsames weil unberechenbares Album. Man lernt dabei viel übers Lebensgefühl randständiger Existenzen in den USA, kann sich aber auch gut die Birne wegkiffen und durch den Wald tanzen.


Netflix: How To Sell Drugs Online (Fast)

Böser Nettewicht

In der schwer unterhaltsamen Netflix-Serie How To Sell Drugs Online (Fast) wird ab Freitag ein deutscher Außenseiter aus Liebeskummer zum Drogendealer. Das ist mit großer Lässigkeit gespielt – und passt in eine Epoche voller Fernsehbösewichter, die im Grunde gar nicht so sind.

Von Jan Freitag

Das Bösewichte richtig böse aussehen, ach überhaupt richtig böse sind – diesen Fetisch einer gottlob längst vergangenen Fernsehästhetik hat uns spätestens der psychisch labile, physisch biedere Mafiaboss Toni Soprano ausgetrieben. Seither sprießen sympathische Gangster mit Familie und Durchschnittsjobs von Buchhändler bis Chemielehrer wie Pilze aus dem Streamingwald, der für Bösewichte klassischer Prägung längst keinen Nährwert mehr hat. Als Zuschauer ist man Freundliches vom Fiesen also durchaus gewohnt. Aber dieser böser Nettewicht auf Netflix, der ist schon noch mal was anderes.

Moritz Zimmermann heißt die Hauptfigur einer deutschen Serie mit dem englischen Titel How To Sell Drugs Online (Fast), und wer ihm im realen Rinteln am Rande Niedersachsens begegnen würde, ginge vermutlich achtlos vorbei. Gespielt vom neun Jahre älteren, angemessen picklig dekorierten, aber nicht überschminkten Maximilian Mundt (26), ist dieser Teenager ein spätpubertierender Nerd der Generation Z wie er bei im Wikipedia-Eintrage steht: kontaktgestört, schüchtern, unzugänglich, stillos. Ein echter Prototyp seiner sozialen Randlage. Mit einem Unterschied: Er verkauft Drogen. Und zwar im ganz großen Stil. Wenngleich nicht ganz freiwillig.

Wie einst Walther White wird der Schüler von äußeren Umständen in die Kriminalität getrieben. Weil seine Freundin Lisa nach ihrem Auslandsaufenthalt mit dem Kleindealer Daniel anbändelt, versucht er den Nebenbuhler erwerbsmäßig auszutrocknen und kauft das gesamte Ecstasy des Weserberglands auf. Klar, dass der Plan krachend scheitert. Anstatt diesem Kampfsportler auf Lisas Willkommensparty den Rang abzulaufen, kriegt er vom sportlich schönen „Dan“ aufs Maul, weil er das Geld ihres gemeinsamen Gamer-Startups veruntreut hat, auch noch Ärger mit seinem körperbehinderten Kumpel Lenny. Und dann kommt ihm auch noch der bewaffnete Drogenhändler ins Haus.

Schon nach anderthalb von sechs halbstündigen Folgen liegt das ohnehin ernüchternde Leben des Außenseiters also heillos in Scherben. Die Lösung: Ein digitaler Rauschgift-Shop im Darknet. Klingt irre, wird irre, ist irre, vor allem aber irre unterhaltsam. Wie in Coming-of-Age-Serien mit krimineller Backstory – etwa The End ofthe F***cking World an gleicher Stelle – üblich, eskaliert die Komödie schließlich rasch Richtung Gangstergroteske im Kreisverkehr unerwarteter Wendungen. Und nebenbei lehrt sie uns noch einiges über Heranwachsende, deren Rationalität unterm Dauerbeschuss maximaler Onlinekommunikation bei minimaler Impulskontrolle steht.

Genau hier allerdings hätte man den Autoren ein wenig mehr dramaturgische Sorgfalt gewünscht. Warum der innerlich wie äußerlich verwahrloste Moritz überhaupt mit dem innerlich wie äußerlich bezaubernden Influencer Lisa zusammenwar, bleibt ebenso rätselhaft wie der Anachronismus, dass die jungen Digital Natives hier alle noch über Facebook kommunizieren. Dafür sind sie allesamt gestylt wie frisch aus Kreuzberg geschlüpft, wohnen aber entweder in Gelsenkirchener Barock oder Rem-Koolhaas-Villen.

Doch davon abgesehen sorgt Regisseur Lars Montag in den ersten drei Episoden, mehr aber noch Arne Feldhusen in den letzten drei dafür, dass dem stilistischen Durcheinander nie der Schwung ausgeht. Sie können sich ja auch leichten Herzens auf die Darsteller verlassen – besonders wie Maximilian Mundt als überforderter Antiheld der mit stammelndem Trotz im anschwellenden Chaos die Würde zu wahren versucht. Auch Anna Lena Klenke und Damian Hardung machen ihre Parts als Serienbeautys gut. Wie Ulrike Folkerts zwanghaft lachend die Egoshooter-Höhle ihres gehbehinderten Sohns Lenny (Danilo Kamperidis) mit Raumspray lüftet, ist zudem herrlich lakonisch – und aus erwachsener Sicht gehaltvoller als Chatverläufe, Schnittgewitter, Videoclips, die unablässig den Screen zu splitten. Aber so sind halt die neuen Sehgewohnheiten einer Generation, die erkennbare Bösewichter kaum noch kennt. Der nette Dealer Moritz ist einer von ihnen. Und das sehr unterhaltsam.


Rezos Zerstörung & Drogen im Netz

Die Gebrauchtwoche

20. – 26. Mai

Nun hat ist es also aus und doch noch am Anfang: Nach 73 Folgen in 8 Staffeln sind die letzten Kriege gefochten, die letzten Ränke geschmiedet, die letzten Feinde besiegt, die letzten Freunde verraten, doch nach dem Game of Thrones ging das Spiel des Publikums ja erst los. Uninspiriert, langweilig, banal, einfallslos, schlicht scheiße lautet die Kritik an einem eigentlich sehr kreativen, weil bedächtigen Ende. Das liegt allerdings weniger am Inhalt als an Verlustängsten; schließlich hat die erfolgreichste TV-Serie aller Zeiten ihre Fans neun Jahre lang von Zuschauern zu Angehörigen einer Großfamilie gemacht, in der jeder Stimmrecht beansprucht.

Seither geistern Petitionen für a) ein Staffel-Remake oder b) die Fortsetzung durchs Netz. Angesichts der glaubhaften Feststellung von HBO, GoTxit meens GoTxit, wäre es allerdings wahrscheinlicher, dass die ARD bei der Übertragung eines Pokalendspiels der Bayern gegen Dosenbrause Leipzig a) auch nur ein Wort über die sportverachtende Wettbewerbsverzerrung beider Finalisten verliert oder b) Fifa-Besitzer Infantino in der Pause zu Korruption und Diktatorenkuscheln befragt. Ähnlich undenkbar: dass Heinz-Christian Strache sein Ibiza-Video a) wiederholen oder b) weiterspinnen darf.

Dafür könnte man dann a) Shahak Shapira oder b) Philipp Amthor einsetzen, der aber zuvor noch einen Beef mit a) seiner juvenilen Greisenhaftigkeit oder b) dem Youtuber Rezo ausfechten muss, dessen fast acht Millionen Mal geklickter Film Die Zerstörung der CDU ein journalistisch teils unausgewogenes, aber sehr kraftvolles Bekenntnis der jungen Objekte bürgerlichen Regierungshandelns zur politischen Partizipation ist, das – bei aller Kritik am renitenten Mitglied einer unionsfremden Alterskohorte – nun mal vollumfänglich der Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit nach Artikel 5 des Grundgesetzes unterliegt.

Die Frischwoche

27. Mai – 2. Juni

Pünktlich zum 70. Verfassungsgeburtstag startet übrigens der wunderbare Indie-Entertainer Micky Beisenherz unterm Namen des unabänderlichen Grundrechts eine Comedy-Show, in der genau diese Art konservativer Ignoranz durch den Kakao gezogen wird. Schade, dass Artikel 5 ab Donnerstag vorerst zehnmal auf Magenta TV, nicht öffentlich-rechtlich zu sehen ist. Dort läuft dafür heute bisschen spät, aber immerhin im Ersten (23.30 Uhr) die sehenswerte Doku Der Schwulen-Paragraf, mit dem die Bundesrepublik nationalsozialistisches Unrecht bis tief in die Gegenwart fortgesetzt hatte.

Das passt gut zum musikalischen Themenabend, an dem 3sat am Mittwoch ab 20.15 Uhr das Rechtsrockland von Neonazi-Band bis Blut-und-Boden-Barde erkundet und im Anschluss das thüringische Themar besucht, wo sie sich die singenden Demokratiefeinde Jahr für Jahr versammeln. Gewissermaßen zurück zur Quelle geht tags zuvor Arte, wenn es erst die Menschenversuche der Nazi-Wissenschaft unters Mikroskop nimmt und im Anschluss den Nazi-Jäger Fritz Bauer porträtiert.

Eher links der Rechten, letztlich aber jenseits parteipolitischer Grenzen stößt Jessy Wellmers Reportage- und Talkformat Sportschau-Thema ab Samstag um 18.25 Uhr in die Bundesligapause und erkundet dort investigativ die Abseiten des Leistungssports. Fiktional, aber nicht unrealistisch spielt der spanisch-deutsche Achtteiler La Zona ab Samstag, 22.15 Uhr, auf Neo durch, wie es drei Jahre nach einem Atomunfall im unbewohnbaren Nordspanien zugeht. Darüber hinaus aber laufen die Serien der Woche online. Auf Netflix zum Beispiel startet Freitag der Vierteiler When They See Us, in dem fünf Farbige 1989 nach einer wahren Begebenheit fälschlich für eine Vergewaltigung im Central Park verurteilt werden.

Parallel dazu beginnt dort die Eigenproduktion How to Sell Drugs (Fast), in der ein deutscher Provinz-Nerd aus Liebeskummer mit seinem körperbehinderten Kumpel Drogen im Darknet verkauft. Das ist volle acht Teile lang angenehm aberwitzig, ohne völlig durchzudrehen. Letzteres mag ja für alles Mögliche gelten, aber sicher nicht für Good Omens. Mit Stars wie Michael Sheen oder Jon Hamm als Engel und Dämonen, die nach einem Roman von Terry Pratchett mit viel groteskem Humor versuchen, den jüngsten Tag einzuläuten – wofür die Videoabteilung des diabolischen Einzelhandels- und Umweltzerstörer Amazon sicher nicht der unpassendste Sender ist.

So wie RTL ein adäquater Kanal fürs Remake von Ben Hur am Donnerstag um 20.15 Uhr ist, das mehr Musik und Effekte, dafür weniger Pathos und Moral als 1959 hat. Damals spielte Charlton Heston den jüdischen Revoluzzer, neun Jahre später war er die Titelfigur der farbigen Wiederholungen der Woche am selben Tag (23 Uhr, Kabel1), als der spätere Waffennarr Planet der Affen zur Filmlegende machte, also elf Jahre nach dem Westernklassiker Zähl bis drei und bete mit John Ford als Farmer im Clinch mit Banditen (Montag, 20.15 Uhr, Arte). Den Tatort-Klassiker gibt’s 90 Minuten später beim HR: Schichtwechsel um einen Mord im Kieler Werftenmilieu, 2004 noch mit Borowskis wunderbarer Kollegin Frieda Jung.


Skinny Pelembe, J-E-T-S, Rammstein

Skinny Pelembe

Es gibt, wenn man es mal aufs Wesentliche reduziert, zwei Ansätze des musikalischen Zugangs: Läuft irgendwie von alleine rein oder benötigt ein wenig Eigenleistung. Zwischen diesen zwei Polen spielt sich von Volksschlager bis Grindcoremetal im Grunde alles ab. Da ist es umso verblüffender, wenn Künstler wie Skinny Pelembe auftauchen, der seinen multipolaren Pop aus Tausend Quellen in ein Meer der Vielfalt fließen lässt, das wahlweise eiskalt oder brühwarm ist, wenn man seinen großen Zeh kurz hineinsteckt, nach dem ersten Schock aber angenehm wie ein isländischer Hotpot im Schneegestöber wirkt.

Insofern ist der Titel seines neuen Albums Dreaming Is Dead Now mindestens missverständlich. Sobald man dem Johannesburger Klangforscher nämlich in seine variantenreiche Welt analoger und digitaler Soundkonstruktionen folgt, begibt man sich in eine Traumwelt, in der es manchmal schrill und kantig, manchmal watteweich, aber fast immer irgendwie einladend zugeht. Mit Ethnoelectronica wäre dieses Konglomerat globaler Einflüsse demnach zu kurz umschrieben. Skinny Pelembe macht Musik fürs Gemüt in seiner unermesslichen Komplexität. Nur einschlafen kann man in diesem Traumland nicht. Dafür ist es dann doch zu aufgekratzt.

Skinny Pelembe – Dreaming Is Dead Now (Brownswood Recordings)

J-E-T-S

Wie aufgekratzt das Debütalbum einer bemerkenswerten Kollaboration der Generation Electrofunk ist, erschließt sich hingegen erst, wenn man ein paar echt softe Tracks von Zoospa durchdrungen hat. Gebastelt von Jimmy Edgar und Machinedrum, die sich auf den Vorzeigelabels Warp oder Ninja Tune zu Vorreitern der experimentellen Tanzmusik gemacht haben, schleicht sich die Platte mit ein paar angenehm verzerrten, am Ende aber doch ganz schön geschmeidigen R’n’ B-Avancen ins Gemüt des Mainstreams – bevor die zwei Briten mithilfe exzellenter Gastmusiker irgendwann doch tief in den Werkzeugkasten digitaler Verwirrungstaktik greifen.

 

Unterm Projektnamen J-E-T-S, je nach Bedarf mit Punkten, Strichen oder puristisch geschrieben, franst Zoospa zur Mitte hin in stark divergierenden HipHop aus, der dank Mykki Blanco in Play extrem trippig klingt, dank Tkay Maidza in Real Truth irgendwie roboterhaft und dank der Begabung, im Absurden nach Sinn zu suchen oder umgekehrt in Stücken von Hyper Hibernate über Q Natural bis Water and Stone ohne Feature-Stars wie ihr eigenes Samplingprogramm, das Harmonien mit großer Spaß am Zerstören erst dekonstruiert, dann neu konstruiert und damit Clubmusik der allerbesten Sorte schafft.

JETS – Zoospa (Innovtive Leisure)

Hype der Woche

Rammstein

Davon ist ein präkambrisches Erdbeben, das sich von Deutschland aus über den ganzen Globus verbreitet und vermutlich selbst auf den Osterinseln am gegenüberliegenden Ende noch für Eruptionen sorgt, natürlich weit entfernt: Rammstein haben nach zehn Jahren ihr siebtes Album (Vertigo) gemacht, und weil es die Band einerseits mit neuer Wucht in die Gegenwart katapultiert, andererseits aber aufs brachiale Grundgerüst der ersten zwei Platten zurückführt, heißt es schlicht wie das Sextett in unverbrüchlicher Originalbesetzung. Abgesehen vom gewohnt provokanten Ankocher der vorab lancierten Single Deutschland mit etwas KZ-Ästhetik im Macho-Gehabe klingt Rammstein also elf Stücke lang wieder wie Rammstein, als der Mob des Mainstreams nicht nach mehr Popmechanik verlangte. Radio zum Beispiel ist ursprünglicher Marsch-Rock, den Flakes Kammerflimmern zerstäubt. Ausländer geht mit Engelszungen um was ganz anderes und auch wieder nicht. Tattoo pudert der eigenen Klientel ähnlich derbe den Hintern. Und zwischendurch geht es in Sex um klaustrophobische S/M-Fantasien, die niemand so kehlig serviert wie Til Lindemann. Ein Fazit? Kein Fazit! Rammstein ist wieder Rammstein bleibt weiter Rammstein nervt uns mit Rammstein, ernährt uns mit Rammstein. Auf ewig.

 

 


Ibiza-Video & Miracle Workers

Die Gebrauchtwoche

13. – 19. Mai

Der jüngste Skandal um FPÖ-Vizekanzler Strache, der sich im längst berühmten Ibiza-Video vor versteckter Kamera von einer falschen Oligarchin bestechen ließ – was Jan Böhmermann Wochen zuvor angedeutet hatte, von der Presse aber bis kurz vor der Europawahl geheim gehalten wurde – zeigt erneut wie schwierig es ist, sich im Schützengraben journalistischer Grundprinzipien trittsicher zwischen Überparteilichkeit und Haltung, Pluralismus und Moral, Information und Selektion zu bewegen. Wenn gewissenhafte Reporter über jedes rechtsradikale Stöckchen springen oder im gegenteiligen Fall, die Meinungsfreiheit unterdrücken, wird schließlich gern von allen Seiten auf sie draufgehauen.

Der Bayerische Rundfunk hatte sich diesbezüglich ebenso wie der aus Hessen, Berlin-Brandenburg und Hamburg dafür entschieden, das Empörungsspiel der NPD nicht mitzuspielen und die Ausstrahlung ihrer rassistischen Europawahl-Spots zu  verweigern. Ethisch nachvollziehbar, presserechtlich weniger – so urteilte jetzt das Bayerische Verwaltungsgericht und verdonnerte die Verweigerer dazu, Wahlreklame der verfassungsfeindlichen, doch politisch irrelevanten Partei auszustrahlen. Denn darin wird zwar so über mordende Flüchtlinge gelogen, dass sich die EU-Parlamentsbalken biegen; da im Wahlkampf jedoch Waffengleichheit unterschiedlich einflussreicher Parteien zu herrschen habe, muss ein Fernsehsender und sein Publikum eben selbst Überspitzung am Rande der Volksverhetzung aushalten.

Zumindest, wenn sie nicht gar so drastisch wird wie jener bluttriefende NPD-Clip, den das ZDF nicht senden will und muss. Bei so viel braunem Kalkül, sehnt man sich manchmal fast in die Zeiten rosaroter Selbstberuhigungen zurück, als eine Doris Day mit ihrem unzeitgemäß berufstätigen, emotional indes oft reaktionärem Gefühlsbiedermeier zwei Jahrzehnte Kinokomödie geprägt hat. Dass sie nun im Alter von 97 Jahren gestorben ist, zeigt uns in Dutzenden von Wiederholungen ihrer Klassiker, wie gemütlich Weggucken gelegentlich sein kann. Wie unterhaltsam. Und wie verlogen.

Die Frischwoche

20. – 26. Mai

Während das ZDF nächsten Sonntag in Erinnerung an Days technikolorbuntes Lebenswerk den 150. Pilcher-Film zeigt, empfehlen wir daher explizit zwei 3sat-Dokus, die am Mittwoch eindringlich vorm drohenden Rechtsruck Europas warnen: um 20.15 Uhr Lost in Brexit, gefolgt von Wut auf Brüssel, was Arte tags zuvor zur besten Sendezeit mit Wahlkampf der Wutbürger und anschließend Hinter den Kulissen des Brexit eingeleitet haben wird.

Weil aber selbst in politisch deprimierender Zeit nicht alles bloß nüchtern und sachlich sein sollte, gibt es auch leichte Kost jenseits der Küsten von Cornwall zu sehen. Die neue Netflix-Serie What/if mit der abgetauchten Renée Zellweger in einer Art Unmoralisches Angebot revisited zählt ab Freitag zwar ebenso wenig dazu wie ein achtteiliges Remake von Jean-Jacques Annauds legendärer Romanverfilmung Der Name der Rose parallel auf Sky, die wirklich niemand braucht. Wirklich wunderbar sind aber Steve Buscimi und Daniel Radcliffe als Gott und Engel einer hinreißenden TNT-Serie namens Miracle Workers, die den Himmel als lausig geführtes Mittelstandsunternehmen mit etwas zu viel Einfluss karikiert. Oder auch die Neuauflage der Antikriegsgroteske Catch 22 als Sechsteiler von und mit George Clooney auf Starzplay.

Immerhin akzeptabel ist die ZDF-Komödie Hüftkreisen mit Nancy am Donnerstag (20.15 Uhr) um einen Mann in der Midlife Crisis, was zwar abermals aufwirft, warum Journalisten in der Fernsehfiktion stets entweder skrupellose Aasgeier oder desperate Wracks sind, aber die Fallstricke männlichen Alters sehr unterhaltsam verhandelt. In seiner popkulturellen Scheindramatik leicht wie ein Sommerhit ist die Arte-Doku From Fame to Shame (Freitag, 21.45 Uhr) über den Täuschungsskandal der deutschen Pseudostars Milli Vanilli. Eher gehaltvoll ist dagegen Grenzland vom neuen Stern am Regiehimmel Marvin Kren (4 Blocks). Mit seiner eigenen Mutter Brigitte als österreichische Ermittlerin verarbeitet er darin ebenso virtuos wie kreativ einen Mordfall im Dunstkreis der Flüchtlingsdebatte 2015.

Die Wiederholungen der Woche stammen ebenfalls aus einer Zeit globaler Zerrüttung, versuchten ihr allerdings mit politikfernem Entertainment zu entkommen. In Theo gegen den Rest der Welt zum Beispiel brillierte Marius Müller-Westernhagen 1980 als Antiheld eines herrlich nostalgischen Roadmovies (Donnerstag, 22.25 Uhr, 3sat), das erstaunlicherweise nur fünf Jahre älter ist als Doris Dörries Männer 24 Stunden zuvor an gleicher Stelle. Und weil es keinen Alt-Tatort von Belang gibt, empfehlen wir 48 Stunden danach dort Schimanski alias George in der Räuberpistole Die Katze (1987). Und damit das gesamte Recycling dieser Woche auf 3sat läuft, wird hier mal zu Ernst Lubitschs schwarzweißer Ménage à Trois Rosita von 1923 geraten.


Axel Stein: Pudelmütze & Rainman

Ich habe noch viel auf der Agenda

Nach seinem Durchbruch mit Hausmeister Krause, drohte Axel Stein die ewige Pudelmütze mit Babyspeck. 20 Jahre später und 45 Kilo leichter überzeugt er in Filmen wie Die Goldfische oder Mein Freund das Ekel als seriöser Darsteller. Ein Gespräch über Kindheitsidole, Selbstbefreiung, Dürrephasen und warum er möchte, dass man sich an seinen Horrorfilm erinnert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stein, mit Hausmeister Krause hat Ihre Karriere 1999 eher ulkig begonnen und ging auch danach meist komödiantisch weiter. Wann haben Sie erstmals gemerkt, dass die Branche Ihnen auch ernstere, um nicht zu sagen: seriösere Rollen zutraut?

Axel Stein: Das war ein schleichender Prozess. Wer elf Jahre eine Sitcom mit Pudelmütze auf dem Kopf dreht, wird natürlich schon mal in Schubladen gesteckt. Aber ich habe auch zu Beginn meiner Karriere ganz andere Sachen gedreht, um die nur weniger Hype gemacht wurde.

Aber wenn man wahllos auf der Straße fragt, für welche Art Filme Axel Stein so steht, verweisen sicher 100 Prozent all jener, die Sie kennen, auf die Sachen mit dem Hype…

Mag sein. Aber auch, wenn die Branche das wohl differenzierter sieht, ist es absolut okay so. Ich liebe Komödien, weil ich es liebe, zu unterhalten. Der Großteil meiner Filme darf daher auch weiterhin lustig bleiben. Aber wenn man weiterhin in der Pudelmützenschublade steckt, obwohl die Bandbreite längst erweitert ist, wird halt deutlich, dass man‘s nie allen recht machen kann. Muss man ja auch nicht; ich habe mit dem, was ich tue, meine Mitte gefunden und lasse mich da von außen nicht beeinflussen.

Nein?

Nein.

Aber?

Es ist eben so, dass Komödien oft besonders erfolgreich sind, weil sich die Leute damit besser von der Realität ablenken als mit einem Drama. Das lässt sich gerade im Kino einfach schwerer vermarkten als was Lustiges.

Das heißt, Sie waren auch in Ihrer Pudelmützen-Phase stets mit ernsten Stoffen präsent, aber nur nicht so sichtbar damit?

Ja, natürlich. Auch wenn das erst mit zunehmenden Alter mehr wurde.

Mir persönlich ist der ernste Axel Stein als ernster Axel Stein erstmals bei Pastewka aufgefallen, als er das Gegenteil der ulkigen Titelfigur war.

Mit Christina do Rego, ich erinnere mich. Das ist auch schon 13 Jahre her und war seinerzeit genauso gewollt, um mich als Gegenteil meines eigenen Klischees zu zeigen. Hat gut funktioniert, finde ich.

So gut, dass Sie jetzt zwar immer noch Komödien spielen, aber mit komplizierterem Rollenprofil wie Ihr Autist „Rainman“ im Kinofilm Die Goldfische.

Genau, eine enorme Herausforderung – schon weil die Vorbereitung so umfangreich war. Wir haben uns monatelang mit Autismus in all seinen Ausprägungen beschäftigt, um uns über die Figur nie lustig zu machen und Betroffenen auf die Füße zu treten, sondern ernst zu nehmen. Das ist ein sehr schmaler Grat.

Bereiten Sie sich auf all Ihre Rollen so vor, um diesen Grat nicht zu verlassen?

Ich bereite mich in der Tat immer gut vor. Aber um den Rainman so hinzukriegen, wie ich mir das vorstelle, war schon noch etwas mehr als üblich vonnöten.

Ist diese Vorstellungskraft der wichtigste Maßstab Ihrer eigenen Qualitätsansprüche?

Weil ich es am Ende selber umsetzen muss, schon. Andererseits kommt es immer auf den Regisseur oder die Regisseurin an, wie viel Freiraum sie mir als Schauspieler gewähren. Bei Alireza Golofshan war er relativ groß; zumal viel von dem, was letztlich zu sehen ist, improvisiert war.

Das kommt dem Komödianten in Ihnen vermutlich besonders zupass; nichts ist unkomischer als abgelesene Witze!

Weil Improvisation weniger mit Humor als mit Timing zu tun hat, bin ich mir da gar nicht so sicher und halte mich auch generell gern ans Drehbuch, sofern das erforderlich ist. Unabhängig vom Genre kommt es darüber hinaus halt aufs Projekt an. Beim einen ist Improvisation verschwendete Zeit, beim anderen der Wesenskern. Die Kunst des Schauspielens besteht darin, zu wissen, wann was angebracht ist. Und manche Kollegen mögen Improvisation überhaupt nicht, andere blühen dabei förmlich auf.

Zum Beispiel?

Moritz Bleibtreu. Mit dem läuft so was super! Oder Dieter Hallervorden, eines meiner absoluten Kindheitsidole.

Neben dem Sie in der ZDF-Komödie Mein Freund, das Ekel allerdings mal wieder nur sich selbst als lustigen Sidekick spielen…

Was heißt nur? Ich spiele da mit einem der besten Schauspieler. Nach einem Buch, das ich sehr gut finde. Unter einem Regisseur, mit dem ich schon etliche Filme gedreht habe.

Wobei Dieter Hallervorden im hohen Alter eine ähnliche Entwicklung von der Ulknudel zum Charakterdarsteller gemacht hat und nun dafür kämpft, dass auch sein Frühwerk Anerkennung findet.

Zu Recht!

Stecken in Ihren Frühwerken bei tieferer Betrachtung auch anspruchsvollere Metaebenen oder waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung?

Größtenteils waren die einfach leichte, fröhliche Unterhaltung. Ob ich dafür im Alter größere Anerkennung suche, ist dann vermutlich eine Charakterfrage. Aber es wäre schon auch schön, wenn man sich dann zum Beispiel an mein Regiedebüt „Tape_13“ erinnert, einen Horrorfilm, den zwar nur wenige gesehen haben, dem aber die Ehre zuteil wurde, auf der Berlinale zu laufen. Ansonsten lernt man mit jedem Projekt dazu und erweitert den Horizont. Das ist ja das Schöne an diesem Beruf.

Welches Projekt könnte da denn noch fehlen?

Ach, so einige. Ich bin diesbezüglich noch ziemlich hungrig, wage mich grundsätzlich in jedes Casting und drehe deshalb ab nächster Woche in Madrid meinen ersten internationalen Kinofilm, so eine Art spanisches Ocean‘s Eleven, mit mir als deutschen Hacker.

Sie sprechen Spanisch?

Nee, wir drehen Englisch. Und auch das wird mit Sicherheit eine Erfahrung, aus der ich lange schöpfen kann. Schließich hab ich noch unheimlich viel auf der Agenda und neige dazu, mehrere Sachen gleichzeitig anzupacken.

Neigen Sie angesichts der unsicheren Lage als Schauspieler denn auch dazu, lieber mal ein Projekt mehr anzunehmen als nötig, um für Dürrephasen vorzusorgen?

Kommt drauf an. Wir alle haben schon Filme gemacht, die man im Rückblick betrachtet besser mal gelassen hätte. Das hat allerdings oft eher damit zu tun, als Schauspieler den Einfluss aufs Projekt mit der Vertragsunterschrift abzugeben. Man weiß zwar nie genau, was am Ende rauskommt, aber auch da bleibe ich gelassen.

Sie werden also nicht nervös, wenn mal ein halbes Jahr nichts zu tun ist?

Ja. Obwohl selbst dann nicht untätig herumsitzen und auf Anrufe warten würde. Im Zweifel würde ich mir selber etwas entwickeln. Zurzeit versuche wir grad eine Serie an den Mann zu bringen, über die ich allerdings noch nichts sagen darf. Mir wird gewiss nicht langweilig.


Feindbild ORF & Feindbild Europa

Die Gebrauchtwoche

6. – 12. Mai

Es ist ein besonders bizarrer Medienskandal einer an bizarren Medienskandalen überreichen Zeit. Während Jungsozialist Kevin Kühnert bis in dezidiert linke Medien hinein dafür gemobbt wird, jungsozialistische Forderungen zu stellen, macht der streitbare ORF-Moderator Armin Wolf in einer besonders bizarren Regierung eines an bizarren Regierungen überreichen Kontinents gerade nur seinen Job – und gerät dafür ins Visier seines Berichtsobjekts. Das kann passieren. Die öffentliche Kommunikation hat ihr (ungeschriebenes) Regelwerk schließlich auch in Österreich so der digitalen Realität angepasst, dass die lautesten Schreihälse jedes Argument niederbrüllen.

Bedenklich wird es allerdings, wenn dieses Berichtsobjekt die rechtsextreme FBÖ ist und vor laufender Kamera Journalisten bedroht, dafür aber vom vermeintlich bloß konservativen Koalitionspartner Sebastian Kurz nicht vom Hof gejagt wird. Wirklich absurd wird dieser Irrsinn jedoch, wenn ihn Armin Wolfs nicht immer diplomatische, aber ähnlich bissige Kollege Jan Böhmermann im ORF mit – zugegeben drastischem Vokabular – anprangert und dafür ausgerechnet vom regierungsamtlich attackierten Sender kritisiert wird. Der Lohn: Österreich rutscht im Ranking der Pressefreiheit ab und belegt, wie sehr sie selbst in Demokratien unterm Beschuss einer enthemmten Diskussionskultur steht.

Eine, an der selbstredend auch social networks schuld sind, jene Hasskatalysatoren, die sich nebenbei grad als Showmaster profilieren. Instragram zum Beispiel, sonst für bildreiche Belanglosigkeiten zuständig, hat mit The Story of Eva die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens im Nationalsozialismus fiktionalisiert und damit wohl mehr junge Menschen als jedes Bildungsprogramm erreicht. Auch Youtube erweitert derweil konsequent sein eigenproduziertes Programm. Und wenn die PR-Plattform Magenta TV mit der italienischen Coming-of-Age-Serie Meine geniale Freundin brilliert, wird deutlich, wie warm sich die Platzhirsche anziehen müssen.

Die Frischwoche

13. – 19. Mai

Sie tun dies immerhin auf einem Feld, das sonst niemand so nachhaltig beackert: seriöse Information. Wie alle öffentlich-rechtlichen Sender kümmert sich zum Beispiel das ZDF rührend um die Europawahl. Donnerstag überträgt es das #tvDuell der Spitzenkandidaten Timmermanns und Weber zur besten Sendezeit, gefolgt vom Schlagabtausch der Konkurrenz aus Grünen, AfD, Linke und FDP. Nachts zuvor um 0.45 Uhr stellt das Zweite dann die Frage Schafft Europa sich ab? und schreibt diese Bedrohung bereits am Dienstag um 20.15 Uhr jenen zu, die Laut, frech, national sind, also parallel dazu auf Arte die Demokratie unter Druck setzen mit ihrem Feindbild Brüssel, wie eine ARD-Doku heute zur Primetime entsprechend heißt.

All dies klingt zwar manchmal so alarmistisch, dass man sich zumindest ein paar Milligramm jener unbeirrbaren Europa-Euphorie wünscht, mit denen der ESC die kontinentale Glückseligkeit feiert. In den Halbfinals, Dienstag/Donnerstag ab 21 Uhr auf One, mehr aber noch beim Endspiel am Samstag live im Ersten, dient Europa aber dennoch wie gewohnt nur als Kulisse popkultureller Aufdringlichkeit. Wer in dieser kommerziellen Endlosschleife gefangen ist, wünscht sich bisweilen womöglich eine Zeitmaschine.

Die haben zwei afroamerikanische Nerds in der Netflix-Dramedy See You Yesterday erfunden, sie entkommen damit allerdings keinem Musikwettbewerb, sondern reisen ab Freitag unter Spike Lees Regie Richtung Vergangenheit, um die Welt zu retten. Wie knapp sie vor 33 Jahren zumindest teilweise vorm Kollaps stand, zeigt die HBO-Serie Chernobyl ab morgen auf Sky. Der halbfiktionale Fünfteiler zeichnet den SuperGAU vom April 1986 minutiös nach, stellt dabei aber nicht den Unfall selbst ins Zentrum, sondern das ignorante Versagen der sowjetischen Bürokratie – brillant verkörpert durch Stellan Skarsgård und Jarred Harris als Antipoden eines bizarren Kampfes gegen Verseuchung und Transparenz.

Mit so viel historischer Bedeutsamkeit können die zwei unterhaltsamsten Filme der Woche aus Deutschland natürlich nicht mithalten. Aber Michael Herbigs Bullyparade auf Sat1 und parallel dazu Joachim Król als eine Art Papa Alfred Tetzlaff ante Portas in der ZDF-Komödie Endlich Witwer sind im Kochtopf leichter Kost absolut vollwertig. Schwere Kost und dennoch unterhaltsam sind die Wiederholungen der Woche: Das legendäre DDR-Drama Jakob, der Lügner (Montag, 22.25 Uhr, 3sat) über einen Geschichtenerzähler, der sich und anderen Juden kurz vorm Einmarsch der Roten Armee 1944 in Polen Mut gemacht hat. Dafür gab es 30 Jahre später die einzige Oscar-Nominierung für eine DDR-Produktion. Lichtjahre von so was entfernt war im Anschluss Klaus Lemkes furioses Frühwerk Rocker, das der Kino-Anarchist 1972 mit echten Motorradhooligans gedreht hat. Jünger ist da der Tatort-Tipp Eine bessere Welt (Montag, 21.45 Uhr, HR) von 2011 mit Nina Kunzendorf und Joachim Król, die den formatüblichen Mord hier erst noch verhindern müssen.