Cale, de staat, TheAngelcy, Annenmaykantereit

TT16.1 CageJohn Cale

Man ist seit Bowies posthum dekodiertem Nekrolog Blackstar ja wachsamer, wenn Altstars ein Spätwerk machen. Schwingt da etwa ein todgeweihter Hauch von Abschied mit? Bei John Cales Album M:Fans lautet die Antwort spontan: Ja. Weil er nochmals fünf Jahre älter ist als der frisch verstorbene Bowie und sein Remake von Music For A New Society selbst vor einer schwarzen Wand verschwände, so seelenwund klingt der enthaltene Trübsinn. Da das Original allerdings schon 1982 im Weltschmerz des psychischen wie physischen Wracks jener Tage gebadet hat, lautet die Antwort am Ende der acht bearbeiten plus dreier unveröffentlichter Tracks aber doch eher: Jein.

http://www.vevo.com/watch/john-cale/Close-Watch-(Official-Video)/GBA321400124D

Etwa wenn Cale sein totenstilles Einsamkeitsepos If You Were Still Around so bombastisch digitalisiert, dass fast noch niedergeschlagener zum Suizid ermutigt als damals, zum Finale dasselbe Stück aber einer Frischzellenkur mit Wave-Injektion unterzieht. Schwer zu sagen also, ob M:Fans als Nachruf in eigener Sache dient; verstörender Artrock von melodramatischer Eleganz für erlesenere Geschmäcker ist es so oder so.

John Cale – M:Fans (Unday Records)

TT16.1 de staatDe Staat

Verstörenden Artrock ohne melodramatische Eleganz, aber mit einer Extraportion Pathos liefern Cales entfernt verwandte Erben in spe De Staat. Seit 2007 loten die fünf Holländer um den einschüchternd charismatischen Ex-Solisten Torre Florim die Grenzen von Avantgarde und Pop aus. Erst kürzlich bewies das vielleicht beste Video des Vorjahres namens Witch Doctor, mit welch imposanter Wucht Theatralik auf Präzision treffen kann, ohne dass die Überlast an Impulsen zum Selbstzweck gerät. Man wird süchtig nach dieser Visualisierung des Irrsinns, unentrinnbar.

Auf der fünften Platte O, schalten sie die Frequenz ihres militärisch anmutenden Stakkatos im Rammstein-Takt nun um ein paar Stechschritte zurück und werden wieder melodiöser, filigraner. Markenzeichen bleibt aber eine treibende Energie, die den kybernetischen Drums Marke Eigenbau, mehr aber noch Florims englisch proklamierendem Sprechgesang entspringt. Zu Arrangements, in denen sich hämmernde Vierviertel-Beats und vibrierende Varieté-Synths die Hand reichen, entsteht daraus ein Sound, der zuweilen irre klingt, aber unentrinnbar fesselnd. Genie und Wahnsinn als Staatssache.

De Staat – O (Sony)

gridTheAngelcy

Fern von allem, was ein Begriff wie Staat an Formalismen verkörpert, ist die israelische Folk-Formation TheAngelcy. Mit Gitarre, Kontrabass, Klarinette, Viola und gleich zwei Drummern im Duett übertritt sie spielend Grenzen, als sei die Weltgemeinschaft zumindest musikalisch doch bereits Realität. Dennoch steckt das Sextett aus dem kulturellen Schmelztiegel Tel Aviv im Korsett national gefärbter Klischees. Wie Brasilianern bekanntlich gern die Samba unterstellt wird und den Südstaaten der Blues, assoziiert man mit Israel ja intuitiv Klezmer.

Auf dem fabelhaften Debütalbum Exist Inside ist er allerdings eher Accessoire als Substanz, die sich eher aus Rotem Bar Ors androgynem Gesang im Stile Nina Simones speist, mehr aber noch der zeitgenössischen Renovierung traditioneller Klänge. Sozialkritisch betextet, spiegeln sie leichten Herzens den täglichen Spagat zwischen Furcht und Lebensfreude wieder. Das spricht besonders jungen Israelis aus dem Herzen, das Exist inside zum Vibrieren bringt. Tanz den Terror weg: Angesichts der globalen Großwetterlage ist das auch bei uns ein anschlussfähiges Gebräu.

TheAngelcy – Exist inside (Sony)

Hype der Woche

annenmayAnnenMayKantereit

Noch kein echtes Album im Laden, aber minutenschnell ausverkaufte Konzerte? Zur EP Wird schon irgendwie gehen der zuckersüßen Kölner Emofolkrockband AnnenMayKantereit könnte die Hysterie (nicht nur) unter Mädchen kaum größer sein. Ob es sich lohnt? Hier ist ein Vorgeschmack aufs Album im März, mit Reibeisenstimme, Kontrabass und einem Sound, der so gar nicht zum Kommerz passt, den solche Vorschusslorbeeren oft umweht.

Advertisements

Ulrich Meyer: 60 & kein bisschen leiser

MeyerImmer ein praktischer Ansatz

Ulrich Meyer (Foto@Sat1), war das nicht ein leicht geleckter Jüngling, der die Seriosität öffentlich-rechtlicher Nachrichten für private Zwecke verbog? Seit er 1995 vom Heißen RTL-Stuhl zum damals noch ambitionierten Kanzler-Sender Sat1 wechselte, ist der gescheiterte Medizinstudent aus Köln zwar nicht unbedingt anspruchsvoller geworden, aber älter. Viel älter. Zum 60. Geburtstag würdigt freitagsmedien den ergrauten Moderator 60 mit einem Gespräch zum 10. Geburtstag seiner Sendung Akte über Boulevard, Personalisierung, Neugierde und seine brachiale Vergangenheit.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Meyer, haben es politische Journalisten der Privatsender schwerer?

Ulrich Meyer: Natürlich. Es gibt offensichtlich den ehernen Grundansatz unter Kritikern, an dem, was wir so machen, aber auch kein gutes Haar zu lassen. Eine Wadenbeißerei, die sogar noch härter geworden ist.

In alle Richtungen?

Nein, andere werden da schonender behandelt. Wenn ich aus Akte-Stücken die Musik herausschneide und O-Töne von drei Bundestagsabgeordneten dazugebe, kannst du etliche unserer Beiträge bei Monitor laufen lassen.

Etliche heißt?

Nicht alle. Bei uns muss schließlich auch die Mischung der Themen stimmen. Wir haben bestimmte Notwendigkeiten, um den Zuschauern über die Werbung zu helfen. Aber wie manche Beiträge unterschätzt werden, ist bedauernswert.

Was sich die Privaten mit Sendungen wie Der Heiße Stuhl selbst eingebrockt haben.

Wenn wir uns etwas vorwerfen sollten, dann dass wir zu sehr auf die Abstraktionsfähigkeit unserer medialen Richter gesetzt haben. „Der Heiße Stuhl“ hat genauso sehr ernsthaft über Terroristen, Ladenschluss, Tierversuche, Schalck-Golodkowski debattiert. Immer mit viel Vorbereitungsarbeit, Kraft, Wahrhaftigkeit und Redlichkeit. Aber gut – alles, was ich heute erfahre, ist auch die Folge meiner TV-Frühzeit. Friedrich Nowotny hat mal zu mir gesagt: Junger Mann, Sie haben Talent, aber Sie haben es völlig falsch angefangen.

Sehen Sie das ähnlich?

Nee. Ich mag von meinem Berufsleben nicht denken, ab 1989 alles falsch gemacht zu haben. Ich bin damals auf ein Karussell gesprungen. Das war bunt, mit vielen Lichtern, drehte sich und verlieh das Gefühl: Hier hast du Spaß, hier kannst du jede Menge machen. Aber das Karussell dreht und dreht sich und bewegt sich dabei nicht von der Stelle. Die Frage lautet jetzt: Ist das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe, in seiner feuilletonistischen Wahrnehmung überwindbar? Der Zuschauer jedenfalls hat mir ein bestimmtes Label verliehen und sucht bei mir immer noch eine bestimmte Art der Performance. Die Grenze dessen, was ich mit dieser Einschätzung ergo Festlegung durch den Zuschauer machen kann, war die Ultimative Ostshow mit Axel Schulz. Komischer etwa kann ich nicht zu sein versuchen. Sonst wird die Marke verwässert. Und etwas Schlimmeres können Sie im Fernsehen nicht machen.

Worin unterscheiden sich öffentlich-rechtliche und private Magazine?

Nehmen Sie zwei beliebige Magazin-Beiträge, und ich brauch‘ fünf Sekunden, um zu erkennen, welcher öffentlich-rechtlich ist.

Woran?

Ganz einfach: Es ist keine Musik drauf. Optische und akustische Effekte, Musikuntermalung – sobald das fehlt, weiß ich, das ist öffentlich-rechtlich. Der Privat-TV-Zuschauer ist Reize gewohnt. Wenn Sie ihn über zwei Werbeinseln hieven wollen – das ist echt Arbeit. Gerade um die späte Uhrzeit. In der Akte müssen wir ihn sogar bisweilen über vier Blöcke leiten. Um die auszutarieren, muss ich gewaltig in den Orgelkasten greifen. Deshalb lassen wir nicht allein die feinen Zwischentöne auf den Zuschauer wirken wie etwa die Formulierungen von Firmenchefs oder Behördenleitern, sondern zeigen Auseinandersetzung: Den Kampf für unser Opfer, für unseren Protagonisten, den tragen die Akte-Reporter in der freien Wildbahn aus. Da braucht‘s schon Mannesmut vor Fürstenthronen. Die kesse Lippe, die andere Magazine nur in der Sprecherkabine riskieren lassen, ist für die Akte zu wenig.

Geht der Primat der Visualisierung nicht zulasten der Informationen?

Ich würde mich nie an ein Thema setzen, das mit unseren Mitteln nicht darstellbar ist. Schon bei der Themenauswahl lautet die Frage: Auf welche formalen Mittel, die ich habe und brauche, um dem Zuschauer letztlich Produktsicherheit zu garantieren, kann ich zurückgreifen? Insofern halte ich ihre Frage für theoretisch.

Dann stelle ich sie anders: Beraubt es den Zuschauer seiner Chance, Hintergründe zu erfassen, wenn Schnitte, Action, Musik im Vordergrund stehen?

Bleiben Sie nicht an den Hilfsmitteln der Attraktion hängen. Wir versuchen permanent, hinter verschlossene Türen zu blicken, um Ursache und Wirkung, Verantwortung, gerne Wahrheit herauszufinden. Der Zuschauer hat in Deutschland 30 Free-TV-Kanäle. Wenn ich da die journalistischen Leistungen betrachte, habe ich von platt bis exaltiert alles. Deswegen muss ich mir aus 83 Millionen Deutschen die drei Millionen Zuschauer heraussuchen, die unsere Art mögen. Und denen bereite ich wiederum ein Potpourri, das ihre Existenz wiederspiegelt. Wenn ein Zuschauer sagt, er möchte tiefer in die politische Welt blicken, muss er sich eine andere Sendung wählen.

Hat ihr Journalismus eine andere Neugierde als der öffentlich-rechtliche?

Eine stärker gepolte. Meine Neugierde rührt daher, was den Zuschauer interessiert. Es ist seine Welt, was können wir da rausholen? Das lässt mich vibrieren. Sie holen mich nie von der Theorie in die Praxis, immer umgekehrt: Was ist die Auswirkung von Politik, real auf einzelne Menschen. Wir fragen: Wenn Otto Schulze arbeitslos wird, was passiert mit ihm? Und wenn er dann bereit ist, seine Hosentaschen auszuleeren und von uns durchrechnen zu lassen, was er ab Januar für Leistungen bekommt, dann ist das unsere Geschichte. Immer ein praktischer, praktischer, praktischer Ansatz.

Und immer an die Leser denken…

Es ist ja die eigentliche Revolution des Privatfernsehens, dass wir Politik, öffentliches Geschehen, personalisiert haben. Das hat sich längst auf die Kollegen vom Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen – es gibt ja einen regen Austausch der Köpfe – übertragen. Der Personalisierung wird irgendwann ein Denkmal gesetzt. Auf einmal haben alle gemerkt: Es geht im Grunde nicht um Gesetze, um graue Theorie, sondern um Menschen. Die wissen oft nicht mehr ein noch aus, weil das, was über sie hereinbricht, so kompliziert wird, dass du drei Anwälte brauchst, um es zu klären.

Stammt diese Fürsorge aus dem verhinderten Humanmediziner Meyer?

Sensibel gefragt, herzlichen Dank. Kann sogar sein. Ich wurde im Volontariat so gepolt. Ein Ausbilder sagte: Wenn du auf eine Pressekonferenz gehst, nimmst du nicht mal einen Kaffee an. Das würde man heute von keinem Volontär mehr verlangen, aber es steckt tief in mir drin: Wir nehmen nichts, dann haben wir die Freiheit, alles zu schreiben. Ich bin auf Neugier gepolt, ich will verstehen und möchte, dass die Leute das auch tun. Denn das größte Problem unserer Gesellschaft ist der knowledge gap – die einen werden immer schlauer, die anderen wissen gar nicht mehr, wo sie stehen geblieben sind.

Was im Vergleich zu den USA noch ganz gut aussieht.

Was aber zu wenig ist. Wir leben in einer Informationsgesellschaft; im Prinzip ist jede Information zu jeder Zeit fast überall verfügbar. Und doch gibt es reichlich Menschen, die sagen: Ich weiß nicht, nie gehört.

Weil es zu viele Informationen gibt.

Ergo musst du sortieren. Für Journalisten gibt’s eine Menge zu tun.

Sie tun das bei Akte mit einer Themenauswahl wie dieser: Ich-AG, Blick hinter eine sat1-Gewinnshow, also Eigenwerbung, Sexsüchtig Frauen im Internet, Brennpunkt Neukölln – ist das Bild oder Stern?

Das Label, das Sie uns aufkleben, steht Ihnen frei. Wir wollen die Leute dazu bringen, uns zu gucken. Sie sollen sagen: Das bringt mich weiter, ich kapiere was, ich hab ein Schaufenster in die Welt. Und schalte nächste Woche wieder ein.

Sie bezeichnen sich als neugierig bis zur Peinlichkeit. Wo beginnt die?

Peinlichkeit ist schwer zu definieren. Das ist so ein Backfisch-Ausdruck. Mädchen von 13 Jahren ist alles peinlich, aber als Journalist darf ich die Kategorie für mich nicht in Anspruch nehmen. Hinter jeder Ecke wartet das große Abenteuer, sagte Kisch. Jede Frage muss stellbar sein. Mir persönlich ist einiges peinlich. Das liegt an meiner konservativen Erziehung. Ich bin aber berührt davon, was Menschen machen und will mehr herausfinden. Schließlich gibt’s drei Grundbedingungen in meinem Beruf: Neugierde, Querdenken und wenn einer Nein sagt, dreimal nachfragen.

Und viermal ist peinlich?

Irgendwann muss auch mal gut sein, sonst kommt man sich ja blöd vor.

Treibt Sie ihre Neugierde noch woanders hin – zu ARD oder ZDF?

Ich bin eine treue Seele. Aber ich habe mich für den Beruf des selbständigen TV-Produzenten entschieden. Und der kann überall aufspielen – sogar unerkannt.


Beate Zschäpe: Wirklichkeit & Reduktion

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Rolle Beate Zschäpe (Lisa Wagner)

Kammerspiel im Konvoi

Der fabelhafte ZDF-Film Letzte Ausfahrt Gera – Acht Stunden mit Beate Zschäpe (Foto: Kartelmeyer/ZDF) kommt einem umfassenden ARD-Dreiteiler zum NSU-Terror zuvor und zeigt (noch eine Woche in der Mediathek) eindrücklich: In der Reduktion liegt oft viel mehr Kraft als in angestrengter Unterhaltsamkeit.

Von Jan Freitag

Die Realität ist bisweilen ganz schön wankelmütig. Kaum hat man sich daran gewöhnt, wirft die Zukunft sie übern Haufen. Was gestern richtig war, wird oft heute schon wieder zum Irrtum, der morgen abermals wahr werden könnte, wer weiß. Ein echtes Windei, diese Wirklichkeit. Das denken sich wohl auch die Verantwortlichen eines Films, der in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist: inhaltlich, zeitlich, namentlich vor allem. Als das ZDF sein Dokudrama Das Schweigen der Beate Zschäpe vorstellte, begann ja die Angeklagte des NSU-Prozesses nämlich grad unverhofft (wenn auch schriftlich) zu reden. Ein neuer Titel musste her, beredtes Ende inklusive. Es ist ein Kreuz, mit der Realität.

Besonders, wenn man sie so nutzt wie Raymond Ley. Der Regisseur dreht mit Vorliebe Hybride, die dann oft zum Besten der manipulationsanfälligen Grauzone zwischen Fiktion und Sachfilm zählen. Das Zugunglück in Eschede, Eichmanns Ende, zuletzt die letzten Tage von Anne Frank – wann immer er sich spielerisch Zeitgeschichte nähert, wird sie unterhaltsam erlebbar. Nun gelingt ihm ein ähnliches Kunststück, das die Handlung im aktualisierten Titel trägt: Letze Ausfahrt Gera. Acht Stunden mit Beate Zschäpe, leicht sperrig, aber journalistisch präzise.

Leys Drehbuch, geschrieben wie so oft gemeinsam mit seiner Frau Hannah, basiert vorwiegend auf einer realen Dienstfahrt. Als Beate Zschäpe ein paar Monate nach Prozessbeginn ihre kranke Oma in Thüringen besuchen durfte, setzte ihr das BKA nämlich zwei Verhörprofis ins Auto. Auf Hin- und Rückfahrt sollten sie dem verstockten Untersuchungshäftling zweimal vier Stunden lang Informationen übers Leben vor der Festnahme entlocken. Eine Terrorverdächtige, zwei Polizisten, zwölf Seiten Gedächtnisprotokoll, dessen Ergebnisse vor Gericht unverwertbar sind – klingt nicht unbedingt nach prickelndem Hauptabendentertainment. Dass es die Zuschauer trotzdem bis zum Schluss fesseln dürfte, hat drei Gründe: Raymund Ley, Lisa Wagner, Joachim Król.

Der Filmemacher montiert das heimliche Verhör im Hochsicherheitskonvoi mit Rückblenden, Archivmaterial, Zeugenaussagen und Prozesssequenzen zu einem furiosen Kammerspiel, das die Psyche der Protagonisten mit meist simplen Mitteln offenlegt. Dafür sorgt schon Lisa Wagner, deren Hauptfigur gespenstisch glaubhaft zwischen kalkulierter Arroganz und emotionaler Durchlässigkeit agiert, wofür sie oft nur ein Zucken im Tränensack benötigt. Was wiederum Joachim Król als schnauzbärtig behäbiger Bulle provoziert, der wie das Original anderen Namens falsche Fraternisierung perfekt mit westfälischer Bodenhaftung kombiniert und sein Gegenüber so ein ums andere Mal aus der Reserve lockt.

Ihr Zusammenspiel wirkt dabei, als verlören sich die Darsteller vollends in den Rollen. Als sei Wagner wirklich diese Zschäpe, deren Fassade mit jeder Gesprächssimulation stärker reißt, ohne einzustürzen. Als sei Król tatsächlich dieses unscheinbar effiziente BKA-Fossil, das auch „Conférencier aufm Rheindampfer“ sein könnte, wie es die Gerichtsreporterin vom Spiegel im Dokuteil ehrfürchtig ausdrückt. „Ham’se die Haare anders?“, fragt er einmal freundlich. „Ich werd‘ nur von der Chefin geschnitten“, entgegnet Zschäpe fühlbar stolz. Viel mehr bedarf es kaum, um einerseits die zweckgebundene Intimität zweier Antipoden in Worte zu fassen und anderseits Psychogramme von großer Aussagekraft zu erstellen. Ereignisrückblenden und Gerichtssequenzen, etwas nachgestellter Nazi-Thrill mit Runen-Tattoo und echte Hinterbliebeneninterviews ergänzen die Wucht solcher Dialoge da eher dramaturgisch, als Kern der Handlung zu sein. Den nämlich bilden überwiegend Worte statt Bilder.

Kommunikation unter kommunikationsfeindlichen Bedingungen ist demnach vermutlich auch der große Unterschied zum anstehenden Konkurrenzprodukt. Ab März befriedigt der ARD-Dreiteiler Terror in Deutschland den wachsenden Bedarf nach Zeitgeschichte in Echtzeit, wie es unlängst auch zwei Filme zur Haft von Uli Hoeneß taten, die noch vor seiner Entlassung liefen. Mit Anna Maria Mühe als Beate Zschäpe beschränkt sich das Erste dabei weniger auf einen Ausschnitt, sondern erzählt die ganze Story umfassend aus Opfer-, Täter-, Polizeiperspektive. Dem Publikumsinteresse nach lückenloser Aufklärung mit dramaturgisch aufwändigen Mitteln könnte das angesichts der kaum zweieinhalb Millionen Zuschauer, die sich gestern um 20.15 Uhr zur ARD verirrten, zwar um einiges näher kommen. Intensiver, näher, glaubhafter als das Kammerspiel im Konvoi kann es – auch wenn es die taz in ihrem anstrengenden Bedürfnis, jede Art von bürgerlicher Kommentierung rechten Terrors zu kritisieren, anders sieht – kaum werden.


Elfenbeintürme & Sirtaki-Klischees

0-GebrauchtwocheDie Gebrauchtwoche

18. – 24. Januar

Und wieder gibt‘s eine Zielgruppe mehr, die das Publikum in senderbedarfsgerechte Portionen häckselt. Nach 0-3 (Teletubbies), 14-29 (Pro7) 14-49 (RTL), 29-59 (ZDFneo) und 66-199 (ZDF), plant die indische Mediengruppe Zee Entertainment einen Kanal für Frauen von 19 bis 59, der 24 Stunden am Tag Bollywood-Filme zeigt. Natürlich nur „die besten“. Wobei sich angesichts des Niveaus vermeintlich guter Operetten vom Subkontinent weniger fragt, wie dann denn bitte schlechtere klingen, als vielmehr, was als nächstes rund um die Uhr läuft.

Helene Fischers Ganztageskanal HFK24 war zwar nur ein Hoax. Im Regelprogramm laufen aber tatsächlich bereits 24 Stunden Snooker (Eurosport), Hitler (ZDFinfo), Heimatliebe (alle Dritten), Testosteron (DMAX), Östrogen (Sixx) oder Menopause (Sat1Gold). Fehlen eigentlich nur noch 24 Stunden Dschungelcamp, die den Zuschauerschnitt von RTL vermutlich auf acht Millionen verdreifachen würde. Und natürlich: 24 Stunden Politik, von dem die Kanäle mit dem irritierenden „n“ im Namen allerdings so weit entfernt sind wie die ARD vom Informationsskandal, den Programmchef Volker Herres auch auf der großen Angebotspräsentation in Hamburg gerade wieder herbei deliriert hat.

Gut, an Wahlabenden gewährt sein Sender der Politik – unterbrochen von der Lindenstraße, versteht sich – immerhin mal mehr als eine Spielfilmlänge Zeit. Im März hingegen könnte es bereits nach der ersten Hochrechnung in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mit dem Tatort weitergehen, wenn der SWR die AfD auf Drängen der dortigen Regierungschefs wirklich von der Elefantenrunde ausschließt. Das allerdings wäre nicht nur ein Bruch lieb gewonnener TV-Routinen, sondern das Armutszeugnis verzagter Debattenkultur schlechthin. Und damit ein wenig an vordemokratische Zeiten erinnern, als das Establishment seine politischen Gegner ebenfalls lieber ausgesperrt als empfangen hat.

Das 19. Jahrhundert war aber ohnehin die Ära der verschlossenen Türen. In den Elfenbeintürmen der Eliten blieb das Elend davor unsichtbar, was sich bis tief hinein in unserer aufgeklärte Gegenwart fortsetzte: am Bildschirm, wo Historiendramen die Armut lange am liebsten irgendwie putzig und rein illustriert hat.

0-FrischwocheDie Frischwoche

25. – 31. Januar

Zum Glück kehrt da mittlerweile etwas mehr Realitätssinn an die Drehorte ein. Es staubt und fault und stirbt also auch in Die Pfeiler der Macht kräftig, wenn der ZDF-Zweiteiler 1866 auf Londons Straßen beginnt. Fern vom lausigen Alltag der Massen erschießt sich kurz darauf der bankrotte Unternehmer Toby Pilaster und reißt damit seinen reichen Sohn samt der bettelarmen Maisie ins Unglück, das sich allerdings nach zwei Teilen zum Guten wendet. Es ist das gewohnte Märchen vom Aschenputtel auf dem Weg zum Prinzen, wenngleich ein anderes als üblich. Opulent ausgestattet und solide gespielt, rechtfertigt Christian Schwochows Kostümfest am Montag und Mittwoch also durchaus Fernsehgebühren, die da in großem Umfang verbraten wurden. Oder um es mit Netflix-Chef Reed Hastings im SZ-Interview auszudrücken: „Wir kämpfen um die Freizeit der Nutzer und müssen nur so viel gewinnen, dass die Leute kein Problem damit haben, pro Monat zehn Euro für unser Angebot auszugeben.“

Die 17,50 Euro fürs öffentlich-rechtliche Angebot sind da auch am Dienstag gut angelegt: 8 Stunden mit Beate Zschäpe, ein ZDF-Dokudrama, das sich auf jene Autofahrt zur kranken Oma fokussiert, bei der die Hauptangeklagte im NSU-Prozess von einem BKA-Spezialisten verhört wurde. Dank Lisa Wagner und Joachim Król kommt dabei ein grandioses Kammerspiel heraus, so spannend wie lehrreich. Gut angelegt ist das Geld auch für den Arte-Abend zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung am Mittwoch, unter anderem mit einer Doku über jene Firma, deren Krematorien einst im Vernichtungslager brannten. Dagegen ist der Athen-Krimi mit Francis-Hawkeye Fulton-Smith als ermittelndes Sirtaki-Klischee (Donnerstag, ARD) Null Cent wert, aber gewiss ein Quotenbringer. Wie das Dschungelcamp-Finale zwei Tage später, womit dann aber auch mal gut ist.

Aber nicht mit den Wiederholungen der Woche. Da wäre am Montag um 22 Uhr im NDR die farbige des zweiten und besten Tatort-Einsatzes von Jörg Hartmann als Dortmunder Borderline-Kommissar Faber. Da wäre das farbige Defa-Melodram Ehe im Schatten (Montag, 20.15 Uhr, MDR) von 1947 über das kurze Leben des Schauspielers Joachim Gottschalk, der sich 1933 von seiner jüdischen Frau trennen sollte. Und da wäre die frische 3sat-Doku Cannabis – Medizin oder Droge am Donnerstag um 20.15 Uhr, die sich dem ideologisch aufgeheizten Thema sehr variabel nähert.


Club-Mausoleum: Front (1983 – 1997)

Front der Erleuchtung

Ein Beispiel dafür liefert momentan Star Wars, wo alles Klare irgendwann mal im Trüben fischt und umgekehrt. Wo der vermeintlich wesensfiese Darth Vader seinem vermeintlich herzensguten Feind Luke Skywalker im dritten (später sechsten) Teil der Saga glaubhaft macht, sein Vater zu sein, also gleichfalls auf der hellen Machtseite gestanden zu haben. Da kann es doch kein Zufall sein, dass parallel zum Kinostart der Weltraumsaga vor fast 40 Jahren im Herzen Hamburgs ein Club eröffnet hat, dessen Historie erstaunlich taghell war, bevor die dunkle Seite der Nacht Besitz von ihm ergriff.

Das Front.

Wer einmal drin war, in Deutschlands erster echter House-Disco (das behaupten zumindest Eingeweihte), ja selbst wer nur aus sicherer Entfernung davon gehört hat, dürfte bis heute überrascht sein, was sich bis zum Jahr 1983 im Klinkerbau zwischen Horner Kreisel und Elbbrücken befunden hat: Danny’s Pan, ein wandergitarrenseliger Folkloreschuppen, Wohnzimmer altruistischer Chansonniers von Reinhard Mey bis Hannes Wader, die dem Hedonismus der Nachnutzer wohl ein paar Protestsongs entgegengeklampft hätten, wäre es je zur Begegnung gekommen.

Als Danny’s Pan schloss, verwehte am verkehrsumtosten Heidenkampsweg umgehend alles Analoge und Liedhafte und wurde zu Bass, Beat und Stroboskop. Das Technozeitalter nahm Fahrt auf. Während sich die Generation Bundfaltenhose gerade entspannt beim Milchkaffee von Friedensbewegung und Punk erholte, suppte ein bislang unerhörtes Sounds takkato nach Hamburg. Es bestand aus Rhythmen, die nicht mehr nach-, sondern in-, neben-, über-, und durcheinander spielten, artifiziell und treibend. Nichts für Harmonieästheten, aber umso mehr für Feierwütige.

Im DJ-Kabuff des Front legte ein gewisser Klaus Stockhausen Vinyl aus den Industrieruinen Chicagos auf, das den Laden in kürzester Zeit zur suburban legend machte. Es zog neben späteren Clubgiganten wie Boris Dlugosch verschiedene Gästeschichten ins Neonrampenlicht, die bis dato oft unter sich waren: Fans synthetischer Drogen, repetitiver Musik und gleichgeschlechtlicher Liebe, gern alles zusammen. An drei von fünf Öffnungstagen war das Front mehr oder weniger frauenfrei. Doch auch an den anderen Tagen tanzten nie weniger als ein Drittel der Männer paarweise eng umschlungen mit nackten Oberkörpern, die bereits zu einer Zeit vielfach gepierct waren, als Tattoos noch nach Knast und Viermastern rochen.

Als heteronormaler Gymnasiast aus Hamburg-Eppendorf fiel es mir Ende der achtziger Jahre, als die Tonlage dank Acid-House nochmals dumpfer wurde, gar nicht so leicht, dem Ruf des Abseitigen zu folgen. Für manche Männer in Phasen der Persönlichkeitssuche sind Schwule vornehmlich verwirrend. Und dann die Anreise: Fern der Epizentren gewöhnlicher Tanzkultur brauchte es mit dem Fahrrad halbe Ewigkeiten für die kurze Realitätsflucht, von Bus und Bahn ganz zu schweigen, die seinerzeit noch ausgerechnet dann den Verkehr einstellten, wenn es gerade lustig wurde.

Ich war also eher selten im ehemaligen Lederwarenkontor, obwohl dort ungewöhnlich aufgeschlossene Türsteher mehr nach Auslastung im Innern als Reifegrad im Gesicht selektierten. Ein Dutzend Mal vielleicht fuhr ich nach Hammerbrook, allerdings nie freitags, als die homosexuelle Libertinage unter Fernsehern mit schwulen Pornos leicht in offene Promiskuität ausufern konnte. Jeder einzelne Besuch war für heranwachsende Kleinbürger wie mich, bei aller Distanz zur Kernzielgruppe, heilsam, ja erleuchtend.

Nirgends sonst ging es so ausgelassen, exzessiv und fröhlich zu. Stress schien die Ausnahme, Polizeipräsenz die Regel, ebenso wie exquisite Musik und punktgenaues Licht. Im unverputzten Fabrikambiente herrschte kein Chichi, aber viel Geschmack: graue Wände, wuchtige Boxen und schöne Menschen, auch weiblichen Geschlechts. Man flirtete sie allerdings besser nur perfekt vorbereitet an, da sie alle irrsinnig cool waren.

Sie wurden jedoch weniger mit den Jahren: die ausgelassenen, exzessiven, stressresistenten, angrabenswürdigen Leute. Aids, Drogen und Reeperbahn-Revival nahmen dem Front bald viel seines Zaubers. Als es 1997 dichtmachte, war die Avantgarde bereits Mainstream und der Technotross Richtung Kiez weitergezogen. Willi Prange und Phillip Clarde, die Gründer und Betreiber des Front, sind dem Vernehmen nach längst gestorben. Heute befindet sich unter dem Pflaster des wichtigsten Verkehrsknotenpunkts im Südosten der Stadt ein Club namens Shake. Er vermag nur wenige in eine Gegend zu ziehen, die schon vor 30 Jahren mausetot war, aber an einer Stelle noch zuckte.

Mehr Bilder, Text und Kommentare auf ZEIT-Online


Alligatoah: Klamauk & HipHop

Alligatoah_Credit_Bastian_Harting-5Einladung zum Tiefgang

Lukas Strobl (Foto: Bastian Harting) war kaum dem Teenageralter entwachsen als er sich unterm Projektnamen Alligatoah auf den Olymp deutschsprachigen Raps schwang. Sein aberwitziger Mix aus gansteraffinem HipPop und theatralischem Maximalmashup zu durchgedrehten Bühnenshows erobern seither das Netz ebenso wie die ganz großen Hallen. Sein drittes Album Triebwerke katapultierte er vor drei Jahren gar an die Spitze der Verkaufscharts. Jetzt kletterte der Nachfolger Musik ist keine Lösung immerhin sofort auf Platz 3. Ein Gespräch mit dem 26-jährigen Wahlberliner von der Nordseeküste über die Grenzen zum Klamauk, Do-It-Myself-Sound und wie er Rammstein-Sänger Till Lindemann Respekt zollt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Lukas, ist das neue Album und deine Musik im Allgemeinen eigentlich ernst gemeint oder doch durchweg geballte Ironie?

Lukas Strobel aka Alligatoah: Als Stilmittel findet Ironie bei mir zwar Verwendung; da ich das Ganze jedoch aus einem schauspielerischen Blickwinkel betrachte und in meinen Songs nicht aus mir selbst rede, sondern einem lyrischen Ich, das mit mir als Privatperson wenig zu tun hat, nutze ich damit die Möglichkeit, mich in extreme Figuren mit extremen Ansichten hineinzuversetzen. Das reicht vom Terroristen über Umweltverschmutzer bis hin zu furchtbaren Rassisten und ist zugleich ernst und satirisch.

Aber drückst du dich durch diese Art Verkleidung nicht ein wenig davor, selbst Position zu beziehen und delegierst die Meinungsbildung zu dem, was du tust, an andere?

Ich sträube mich jedenfalls nicht dagegen, wenn man mir vorhält, offene Meinungsäußerung zu vermeiden oder abstrahieren. Was allerdings auch damit zu tun hat, wie viele Musiker ihre Ansichten ungefragt im Publikum verbreiten, so wie ja auch die sozialen Netzwerke individuelle Ansichten zu allem und jedem heraus posaunen. So sehr ich die Möglichkeit schätze, das zu dürfen, wollte ich da einfach nicht mitmachen und betrachte mich gewissermaßen wie ein Darsteller selbst von außen.

Funktioniert der theatralische Ansatz dieser Persönlichkeitsspaltung auch ohne dazugehörige Bühnenshow oder ist das nicht ein zutiefst visueller Ansatz, der sich auf Platte womöglich nur unzureichend vermitteln lässt?

Da bin ich mir sehr sicher. Als ich angefangen habe, gab es nur Texte und Lieder ohne Bühnenshows. Meine Kunst besteht seit 2006, als ich mit dem Projekt Alligatoah begonnen habe, also darin, trotzdem klarzumachen, dass durch mich keine realen, sondern Kunstfiguren sprechen. Seither hat sich meine Zuhörerschaft dran gewöhnt und weiß den satirischen Anteil gut einzuschätzen.

Ein Lied wie Denk an die Kinder deuten sie demnach nicht als Klamauk, sondern erkennen darin irgendeine Form sozialer Kritik?

Ich denke schon. Mit Kindern werden praktisch alle gesellschaftlichen Debatten emotionalisiert. Das liegt dem Lied schon zugrunde, schließt aber überhaupt nicht aus, dass ich gern mit ganz simplen Unterhaltungsmechanismen arbeite. Das darf dann gern mal gänzlich ironiefreier Klamauk sein. Jeder ist eingeladen, bei mir Tiefgang zu entdecken oder nicht.

Lässt sich Musik ist keine Lösung somit als Statement hören und sehen, dass man dieser durchgeknallten Zeit nur mit größtmöglichem Aberwitz begegnen kann?

Das „nur“ würde ich durch „auch“ ersetzen, weil niemand zu einer bestimmten Sicht meiner Musik gezwungen ist. Aber sie lädt in der Tat dazu ein, diese durchgeknallte Zeit humorvoll ernst zu nehmen; um Fanatiker zu entlarven, kann man sie demnach durch Überspitzung verständlicher oder noch absurder machen.

Im Sinne von Garfield: Wenn du deine Gegner nicht besiegen kannst, verwirr sie!

Oh, dass das von Garfield ist, wusste ich gar nicht. Das merke ich mir, passt ganz gut zu dem, was ich mache.

Wenn man dem, was du machst, ein Etikett verpassen möchte, welches würdest du empfehlen?

Ach, manchmal jongliere ich mit ein paar Begriffen, um die Kategorisierung zu erleichtern, verwerfe sie aber schnell wieder, weil ich mit jedem neuen Lied versuche, die frisch geschlossene Schublade von gestern wieder aufzubrechen. Ich bezeichne meinen gesprochen rhythmischen Singsang wechselnder Figuren manchmal als Schauspiel-Rap.

Musikalisch begleitet von Maximal-Mash-up. Bist du Kollagen-Künstler?

Ja, durchaus. Auch als Übersteigerung dessen, wie viele Künstler Vorhandenes dahingehend wiederkäuen, dass ein Sechzigerjahre-Rockremix dann eben durchgängig nach Sechzigerjahre-Rock zu klingen hat. Ich hingegen suche mir zur Sechzigerjahre-Gitarre lieber ein Dreißigerjahre-Jazzschlagzeug und Nullerjahre-HipHop. Darin steckt die Suche nach etwas Neuem, das heutzutage praktisch nur noch durch neue Kombination des Alten erreichbar ist.

Und wenn du dann in Denk an die Kinder eine Strophe von Grönemeyer sampelst – ist das eine Respektsbekundung oder despektierliches Verhackstücken?

Weder noch, allein weil es kein Sample ist, sondern eine Stimmimitation – schon aus rechtlichen Gründen. Ich versuche mich gern mal an dieser Art Parodie, früher eher bei Rappern, jetzt auch bei anderen. Das hängt auch damit zusammen, wen ich überhaupt nachmachen kann. Darunter sind welche, von denen ich kaum was weiß, aber auch solche, die ich ungemein schätze, Till Lindemann zum Beispiel

Rammstein, interessant.

Oder Helge Schneider. Denen zolle ich damit schon Respekt.

Die zugehörigen Videos sind ebenso von und mit dir wie Musik und Texte.

Gut, ich arbeite natürlich nicht allein, aber konzipiere sie schon selber.

Diese Arbeitsweise, alle Fäden in der Hand zu haben, könnte man Do It Myself nennen. Weil du dich von Abhängigkeiten befreien willst oder weil du das alles einfach am besten kannst?

Ich wette, dass viele das meiste, was ich tue, sogar besser können. Ich bin ja zum Beispiel alles andere als ein perfekter Gitarrist. So normal, wie maximale Arbeitsteilung im Pop generell ist, so normal ist es dennoch für mich, mich als Alligatoah selbstbestimmt auszudrücken. Das ist ein Gesamtkunstwerk von einem Künstler, der nun mal ich ist. Warum sollte ich etwas abgeben, was ich selber machen möchte.

Hast du je erwartet, damit mal große Hallen füllen und zwei Top-3-Alben nacheinander machen zu können oder war deine Perspektive mal eine solide Club-Karriere?

Zu Beginn hab nicht mal im Traum an so ein großes Publikum gedacht, zumal ich gar nicht auf Bühnen wollte, sondern die Anonymität des Internets genießen. Dennoch braucht man als Künstler Publikum und wenn es wächst, wird es schnell zum Bedürfnis. Aber so sehr es mich beeindruckt, welche Ausmaße es mittlerweile angenommen hat, wäre ich keinesfalls traurig, wenn die Aufmerksamkeit wieder abnähme. Ich würde dann noch immer das Gleiche machen, nur vor weniger Leuten.

Von Geld sagt man, es mache nicht satt, sondern hungrig. Ist das mit Aufmerksamkeit und Fans nicht ähnlich?

Dafür geht es mir zu sehr um die Sache. Trotzdem ist es toll, wenn viele sehen wollen, was ich mache. Das empfinde ich als großes Kompliment. Aber wenn es mir um Quantität ginge, würde ich was anderes machen als Alligatoah – seichter, verständlicher. Ich bleibe bei meinen Grundsätzen.

Der Text ist vorab beim MusikBlog erschienen.


Maja Maranow (1961 – 2016): Leben & Filmtod

MaranowIch habe Angst vorm Verfall

Vergangene Woche ist die Schauspielerin Maja Maranow (Foto: Katja Knoke/ZDF) mit nur 54 Jahren gestorben. Freitagsmedien dokumentieren daher ein Gespräch von 2008, das sich – ausgerechnet – mit einem Film zum Thema Sterbehilfe befasst. Im ZDF-Drama Zeit zum Leben spielte das langjährige Ensemblemitglied von Dieter Wedels opulenten Gesellschaftsmehrteilern damals die Tochter lebensmüder Eltern. Ein Interview als Nachruf.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Maranow, haben Sie ein positives Verhältnis zum Tod?

Maja Maranow: Früher, so mit Mitte Zwanzig habe ich mal versucht, mich mit ihm anzufreunden. Jeder kennt ja dieses Gefühl von Einsamkeit, wenn man um vier Uhr nachts glockenwach ist und spürt: du bist endlich. Als ich da Bilder vor mir sah, durch meine hinterlassene Wohnung würden trauernde Menschen gehen und Dinge von mir zusammentragen, hatte ich ein Bedürfnis, Ordnung im Haus zu schaffen, falls der Fall eintritt. Deshalb habe ich auch vor zwei Jahren mein Testament gemacht, um es den Hinterbliebenen leichter zu machen. Schließlich kann es einen früher erwischen als man glaubt. Denn was bleibt am Ende vom Leben: Ein paar Kisten, ein paar Klamotten, ein paar Bücher, ein paar Unterlagen und Bilder.

War dieses Nachsinnen bei Ihnen damals die Folge eines Trauerfalls?

Ja, ein Selbstmord. Und da stellt man sich die Frage, wie verzweifelt jemand sein muss, um freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Aber die Beschäftigung damit ist sehr befreiend.

Weil der Umgang mit dem Tod hierzulande zu verkrampft ist?

Ich glaube schon. Auch Krankheit und Alter sind nach wie vor nicht recht salonfähig. In Brasilien war ich mal in einem knallbunten Sarggeschäft. Bei uns wäre es eher trist, aber da war alles hellblau und rosa und glänzend und diese schrillen Särge standen auch noch einladend aufgeklappt an der Wand. Das hat da einen ähnlichen Stellenwert wie Hochzeit und Geburt.

Dazu gehört aber auch ein gewisser Jenseitsglauben.

Schon, aber ich weiß auch nicht, was das Sterben ohne dieses Denken bei uns so schlimm macht – die Ungewissheit oder die Gewissheit, es kommt nichts mehr? Ich beneide ja Leute, die sagen, danach ist Schluss, das Leben ist alles, danach folgt ein traumloser Schlaf. Ich habe mal eine Dokumentation gesehen, wo zwei Frauen in einem Hospiz interviewt wurden. Eine war tiefreligiös und war völlig gelassen, weil sie wusste: ich gehe zum Herrn in den Himmel. Die andere, die Zweiflerin, war von Ängsten gebeutelt. Da dachte ich: Ich wär gerne gläubig.

Rührt unser Umgang mit Sterbehilfe – abgesehen vom historischen Ballast der Euthanasie – auch von einer atheistischen Überbewertung des Lebens her?

Absolut. Und deshalb schiebt man den Tod insgesamt beiseite. Dabei finde ich es zum Beispiel sehr tröstlich, zuhause aufgebahrt zu werden. Pathologie wird bei uns durch Kühlfächer symbolisiert. Bei meiner Großmutter hatte ich eine offene Sargbegleitung und werde nie die Überwindung vergessen, die Leiche zu berühren, als erwarte ich plötzlich eine Wiederbelebung aus dem Horrorfilm.

Würde eine Debatte über humanes Sterben unseren Umgang damit verändern?

Natürlich, zumal ja niemand ernstlich einem Professor Hackethal vorwerfen wird, er verfolge nationalsozialistische Ziele. Aber ich finde diese Diskussion trotzdem ungeheuer schwierig, wie schwierig, war mir vor dem Film gar nicht bewusst, weil ich sie bis dahin kaum geführt hatte. Es gibt einfach mehr Haltungen als Optionen, um Missbrauch zu vermeiden, und so viele Argumente dagegen, die ich absolut verstehen kann. Die Aufkündigung der Solidarität mit Kranken, Schwachen, Leidenden. Dass sich Patienten vor die Wahl gestellt unter Druck gesetzt fühlen, die Gesellschaft oder ihre Familie zu entlasten. Darf man schwerstbehinderte Neugeborene oder Demenzkranke töten?

Unsere Gesellschaft krankt auch daran, nicht mit Nutzlosigkeit umgehen zu können.

Wir frönen dem Jugendwahn, das Alter ist unproduktiv, all so was. Früher hätten wir der Natur häufiger ihren Lauf gelassen, als sie medizinisch zu beeinflussen, was jetzt auf allen Ebenen passiert. Früher gab es aber auch intakte Familienverbände, in denen alle Generationen für einander gesorgt haben.

Sind Sie eher für eine Liberalisierung oder für Restriktionen?

Wichtig finde ich den Ausbau von Palliativmedizin, denn einem Mensch, der solche Schmerzen hat, dass er kaum noch atmen kann zu sagen, er solle am Leben bleiben, brächte ich nicht übers Herz. Aber ich möchte mir nicht anmaßen, die Grenzfälle zu beurteilen.

Ihr Film zeigt beide Fälle: den Mann, der mit einer fatalen Krebsdiagnose klaren Verstandes beschließt, sterben zu wollen. Die Frau, die „nur“ ein Bein verliert.

Und dann erfährt man sogar von einer falschen Diagnose. Depressive Menschen sollten jedenfalls keine Sterbehilfe erhalten. Aber dein Leben zu beenden mit einem Menschen, den man liebt, kann eine große Verlockung sein und hat etwas sehr Romantisches.

Wie würden Sie reagieren, wenn sich Ihre Eltern so entscheiden würden.

Da kann man nur spekulieren. Hängt davon ab, wie man mit den Eltern darüber reden kann. Wenn man spürt, dass die Entscheidung gefallen ist, muss es den Hinterbleibenden darum gehen, es den Sterbewilligen so leicht wie möglich zu machen.

Ist Zeit zu leben ein Sterbehilfefilm oder nutzt er das Thema nur als Vehikel für ein Familiendrama?

Sterbehilfe ist darin nur ein Anstoß, sich mit dem Thema zu befassen. Mehr nicht. Aber er gibt den Zuschauern die Möglichkeit, ein paar lose Enden zusammenzufügen und macht neugierig. Hauptsache, es lässt sie nicht gleichgültig. Was ich an dem Film mag, ist aber eher, dass er damit so unsentimental umgeht. Mir reicht das aus. Die Umsetzung ist ja nicht populistisch, schon weil keine Stellung bezogen wird. Wer das Thema ethisch hinterfragen will, sollte eine Dokumentation drehen.

Käme es für Sie infrage, so einem Sterbehilfeverein beizutreten?

An gesunden Tagen, in meinem Alter? Nein. Aber je mehr man sich damit befasst, mit dem Altern… Im Moment ist mir die Vorstellung einfach zu gruselig. Auch die, dass Menschen über alles Kontrolle haben wollen, Medizin, Technik, Leben, jetzt auch noch das Sterben. Kontrollverlust ist unserer Gesellschaft offenbar der größte Graus.

Haben Sie Angst vor dem Altern?

Tja, die Zeit rast. Plötzlich trifft man beim Drehen einen Kollegen, der vor ein paar Jahren deinen kleinen Sohn gespielt hat. Da merkt man es und das fühlt sich nicht immer gut an. Und in gewisser Weise habe auch ich Angst vor Verfall. Und vor der Nutzlosigkeit.