Reichelts Reich & Deutschlands 89

Die Gebrauchtwoche

28. September – 4. Oktober

Eines muss man Mathias Döpfner lassen: Humor hat er ja, der mächtige Vorstandschef von Axel Springers merkwürdigem Erbe. Während sein Kettenhund Julian Reichelt journalistische Grundprinzipien wie gewohnt mit Sturmbannführerstiefeln tritt, um seine vulgärpopulistische Blut-und-Boden-Agenda von oben nach unten durchzusetzen, und Deutschlands Verschwörungsfront am Samstag gleich noch ein paar Brocken frisches Schlagzeilenfleisch (so leiden Kinder unter Corona-Maßnahmen) zuwarf, sagt sein Chef beim BDZV-Kongress ohne zu lachen, „wir Medien müssen Chronisten sein, Zeitzeugen der Realität, und nicht Missionare eines bestimmten Weltbildes“.

Klingt schizophren. Aber vielleicht dürfen wir das ja als Zusage verstehen, die Bild einzustampfen und ihre Karikaturen gewissenhafter Journalist*inn*en alle für fünf Jahre zum Kehrdienst nach Moria abzukommandieren, nachdem sie vorher eine Woche lang 24 Stunden täglich das eindrückliche Video vom abgebrannten Flüchtlingslager auf Lesbos gesehen haben, mit dem Joko & Klaas am Mittwoch ihre 15 Minuten Sendezeit von ProSieben gefüllt haben: „Wenn Journalisten von Aktivisten nicht mehr zu unterscheiden sind, dann können wir einpacken“, fügte Döpfner schließlich hinzu, „dann braucht es uns nicht mehr.“ Stimmt – die Bild braucht niemand.

Noch viel weniger braucht allerdings irgendwer mit Restbeständen von Moral, Prinzipien, Ethos Fox News, die das rechtspopulistische Murdoch-Imperium als Streamingdienst für 7 Euro im Monat nach Deutschland exportieren will, damit sich Trump– und Putin-Fans hierzulande nicht mehr nur in grisseligen Youtube-Videos über die Welt da draußen informieren. Eine Welt, die in 5000 Stunden Endlosschleife weniger Wahrhaftigkeit besitzt als Maria Schraders Serie Unorthodox in jeder Sekunde, für die sie völlig zu Recht den International Emmy erhalten hat.

Die Frischwoche

21. – 27. September

Aus Zeit- und Termingründen müssen die Fernsehtipps dieser Woche angesichts dieser inszenatorischen Gewalt ausnahmsweise mal tabellarisch erfolgen:

Montag, 20.15 Uhr, ZDF: Totgeschwiegen, Franziska Schlotterers Drama um einen S-Bahn-Mord und wie die Eltern der Täter ihn vertuschen

Montag, UniversalTV: Pearson, ein Spin-Off der Anwaltsserie Suits

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD: Das Leben ist kein Kindergarten, Großstadtfamiliengroteske von und mit Oliver Wnuk

Mittwoch, Arte, 20.15 Uhr: Gundermann mit Alexander Scheer als Liedermacher im Stasi-Griff

Freitag, Netflix: Rohwedder, vierteilige True-Crime-Doku über den RAF-Mord am Chef der Deutschen Bank

Freitag, Amazon: Deutschland 89, furioses Finale der großen Spionage-Trilogie vor und nach dem Fall der Mauer

Freitag, 20.15 Uhr, Arte: Kranke Gesellschaft, Urs Eggers Drama über DDR-Patienten, die für Devisen als Versuchskaninchen missbraucht wurden

Wiederholungen der Woche

Dienstag, 22.15 Uhr, Servus: Wie ein wilder Stier, Robert De Niros 2. Oscar-Streich als cholerischer Slumboxer

Mittwoch, 22.45 Uhr, BR: Der blinde Fleck, Daniel Harrichs Reproduktion des Oktoberfestattentats von 1980

Tatort (Dienstag, 22.15 Uhr, WDR): Das Mädchen auf der Treppe, einer der legendärsten Schimanskis (1982)


Yellow Days, Midlife, Whoiswelanski

Yellow Days

Wer Funk und Soul nicht auf den Straßen Detroits der Siebziger aufgesogen hat, steht rasch im Verdacht, beides nur auszuschlachten, weil Funk und Soul nun mal noch immer die Dance-Musik beeinflussen wie kaum ein zweites Genre. Für Zeitzeugenschaft ist George van den Broek allerdings viel zu jung und dann auch noch aus Manchester, nicht Michigan. Die nostalgischen Sounds des britischen Stimmwunders könnten also gut als kulturelle Aneignung durchgehen – klängen sie sie nicht so hinreißend nostalgisch wie zuletzt nur bei Anderson .Paak.

Mit einer ganzen Gang Kollaborateure von Kanye West über Raphael Saadiq oder Weldon Irvine bis Shirley Jones und Mac DeMarco schafft es sein neues Album so zu klingen, als bade er mit den Fun Lovin’ Criminals in Barry Whites Jacuzzi. Alles daran ist strikt gestrig, aber nie verstaubt. Porn-Pop mischt sich da ölig schön mit Future-Funk. Selbst dort, wo Yellow Days mit Bishop Nehru Crooner-HipHop macht, atmet A Day in a Yellow Beat eine Art Motown-Duft des Hybrid-Zeitalters. Das Album der Woche für Gestrige von Morgen.

Yellow Days – A Day in a Yellow Beat (Columbia)

Midlife

Nur eine Handvoll Jahre nach den Ursprüngen von Yellow Days, wurzeln auch Midlife im Blumenbeet musikalischer Zitierfreude längst vergangener, aber nie vergehender Zeiten. Als würde das australische Quartett seinen Sound wahllos aus einem schlecht sortierten Filmarchiv der Siebziger angeln, vermischt auch ihr zweites Album kosmisch flatternde Syntesizer mit krautigem Postrock, bis nichts mehr zusammenzupassen scheint. Konjunktiv. Im Indikativ ist Automatik die Quintessenz des strukturierten Found Footage zum Tanzen.

In Vapour zum Beispiel treibt der Klang einer fiebrigen Querflöte Kevin McDowells Gesang über elegischen Blödsinn repitiver Zeilen wie Everybody wants and needs vor sich her, bevor Tomas Shanahan das analog housige Downstream im Anschluss mit funkigem Bass beträufelt, der hier wie dort im Captain-Future-Gedächtnis-Soundtrack durchs All zu hopsen beginnt. Automatisch ist hier gar nichts, es regiert organische Künstlichkeit, ein warm besseelter Space-Jazz der allerfeinsten Sorte, Liebe zum Chaos in kosmischem Ausmaß.

Midlife – Automatic (Heavenly Records)

Whoiswelanski

Und wo wir schon in der Kategorie Retro sind: wenn der Ekklektizismus unserer zitierfreudigen Tage das Wesen des Pop bestimmt, treibt ihn die oberbayerische Band mit dem halbenglischen Namen Whoiswelanski auf die Spitze. Ihr Debütalbum TALK spricht nämlich gar nicht, es sabbelt unablässig vor sich hin und sondert dabei Klang- und Wortzeugs ab, das aufs erste Hören unzusammenhängend wirkt, aufs dritte, vierte hingegen so schlüssig wie ein Nudelsalat mit allem drin, was die Küche grad noch so hergibt für die WG-Party.

Im Grunde pampig, schmeckt der ja auch dann am besten, wenn man sich gegen Mitternacht in Stimmung gesoffen hat. Die elf elektronischen Tracks, von denen fünf nach den Anfangsbuchstaben des Plattentitels, also im Grunde gar nicht benannt sind, klingen mit beliebiger Alltagsprosa unterlegt wie ein geselliger Rausch, von dem die beidenn Schulfreunde Josef Pötzinger und Tobias Weber vermutlich alle seit der 8. Klasse gemeinsam erlebt haben. Kein Werk für die Ewigkeit, aber eines, das den Moment mit wattiertem Gagapop feiert.

Whoiswelanski – TALK (Popup Records)


Sensationsgonnorhoe & Oktoberfeste

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. September

Es ist heutzutage gar nicht mehr so einfach, mit Populismus Quote zu machen, aber die Bild, genauer: deren leitender Sandkastenrabauke verwandelt den Bruch aller journalistischen, ethischen, humanistischen Regeln immer noch spielend in Auflage. Wobei nach dem jüngsten Tiefpunkt redaktioneller Menschenverachtung weiter offen bleibt, was schlimmer war: Die Tatsache, öffentlich aus dem Chatverlauf eines Elfjährigen zu zitieren, der den Kindermord von Solingen überlebt hatte? Julian Reichelts rückgratlose Erklärung, die Ermittlungsbehörden seien schuld an seiner Sensationsgonorrhoe? Oder vielleicht doch RTL?

Während es das Springer-Blatt beim Veröffentlichen des Chatverlaufs beließ, hat der Privatsender das Kind sogar vor seine Kameras gezerrt. Diese Informationsonanie ist von derart infamer Verantwortungslosigkeit, dass man sich fragen muss, wie Friede Springer in den Spiegel blicken kann. Andererseits befinden sich ihre Medien im Wettlauf um Aufmerksamkeit, den auch seriösere Konkurrenten nicht scheuen. Die ARD etwa hat beim halsbrecherischen Auftakt der Tour de France jeden der vielen Stürze dutzendfach in Zeitlupe gezeigt, was ihr Eurosport gleichtat, nachdem Novak Djokovic bei den US-Open eine Linienrichterin am Hals getroffen hatte.

Angesichts solcher Chronistenpflichtexzesse wirkt die Aufregung über Hengemah Yaghoobifarahs missratenen, aber haltungsstarken taz-Kommentar zur Polizei-Entsorgung umso politischer motiviert. Immerhin hat der Presserat nun entschieden, er sei von der Meinungsfreiheit gedeckt – was den lautesten der 382 Beschwerdeführer nicht davon abhielt, die Entscheidung als „unerträgliche Verharmlosung“ anzugreifen.

Wer wüsste schließlich besser als Horst Seehofer, dass noch kein Uniformierter der deutschen Geschichte je ein Unrecht begangen hat… Und damit zur schönsten Nachricht der Woche: nach 14 Jahren endet die Reality-Soap Keeping Up With The Kardashians, die den US-armenischen Clan zwar märchenhaft reich, das Medium dagegen bettelarm gemacht hat. 2006, nur zur Erinnerung, prägte das lineare Fernsehen die Sehgewohnheiten noch mit historischen Mehrteilern von der Luftbrücke bis zur Flucht.

Die Frischwoche

14. – 20. September

Ein, zwei TV-Revolutionen später werden sie von Streamingdiensten dominiert. Das Erste aber füllt sein Programm auch 2020 weiter mit History-Events wie Oktoberfest 1900. Ab Dienstag ersetzt es die Originalkirmes drei Abende lang durch klischeehafte Kulissenschieberei, als habe das Internet die Filmästhetik unberührt gelassen.

Dort aber entstehen Serien, die wirklich unterhaltsam, bedeutsam, manchmal gar beides in einem sind. Ab Donnerstag auf Netflix zum Beispiel Das letzte Wort mit Anke Engelke als tragikomische Trauerrednerin im Bestattungsinstitut von Thorsten Merten. Oder das siebenteilige HBO-Psychodrama The Third Day, eine Art Lost ohne Flugzeugabsturz mit Jude Law, ab Dienstag auf Sky. Zwischendurch zeigt TNT Ridley Scotts postapokalyptische SciFi-Dystopie Raised by Wolfs über die künftige Besiedlung eines Exoplaneten, während der Freitag wie üblich gleich reihenweise Neuerscheinungen sammelt.

Netflix geht mit der Krankenhaushorrorserie Ratched und dem achtteiligen Spin-Off Jurassic World online. Parallel dazu zeigt (kauft nicht bei) Amazon Prime die heitere Binnensicht der Schauspielbranche Für Umme und begibt sich mit der Doku All In übers abstruse Wahlrecht der USA tief aufs öffentlich-rechtliche Gebiet informationeller Kompetenz, die das ZDF am Dienstag (20.15 Uhr) mit Der unterschätzte Präsident beweist, wenn Florian Huber und Carsten Oblaender Donald Trumps Präsidentschaft aus Sicht seiner Fans dokumentieren. Gut 24 Stunden, bevor Richard David Precht am Sonntag (23.45 Uhr) zum 50 Mal (diesmal mit Rezo) populärwissenschaftlich über tiefgründige Fragen (die Medien) philosophiert, macht ProSieben in Stefan Raabs Casting-Show Fame Maker auf sich aufmerksam, wo Luke Mockridge, Carolin Kebekus und Teddy Teclebrhan Showtalente ohne Ton erkennen.

Mehr Ton (und Niveau) sind die Wiederholungen der Woche: Von 1966 ist der Cocktailkleid-Klassiker Arabeske (Samstag, 23.30 Uhr, RBB) mit Gregory Peck und Sophia Loren. Erst acht wurde dagegen Rainer Kaufmanns verstörendes Männermachtpsychogramm Operation Zucker (Mittwoch, 2.10 Uhr, ARD). Ungefähr dazwischen liegt tags zuvor (23.45 Uhr, WDR) Der unsichtbare Gegner mit Horst Schimanski Anfang der Achtziger, gefolgt von Hansjörg Felmy in Der Feinkosthändler Ende der Siebziger.


Annie Taylor, All Them Witches, Tricky

Annie Taylor

Die Schweiz ist für so einiges bekannt, was seinen Ursprung fernab der Berge hat. Schokolade zum Beispiel, dessen Rohstoff eher selten auf Almwiesen wächst. Dazu Plebiszite altgriechischer und Finanzen amerikanischer Herkunft. Da sollte es also nicht überraschen, wenn das Land ohne Küsten kalifornischen Surf-Rock hervorbringt, der es auch ohne Copyright spielend mit dem Westküstenoriginal aufnehmen kann. Annie Taylor heißt die Züricher Band um Sängerin Gingi Jungi und nein, ihr Debütalbum klingt auch nicht innovativer als Schoki, Volksbefragung, Bankgeheimnis.

Dennoch hat Sweet Mortality einen Drive, der selbst im breitgetretenen Genre psychedelischer Krautpunk-Variationen selten ist. Mit fast schon funkigem Bass, treiben zwei hochverzerrte Gitarren ein Schlagzeug vor sich her oder umgekehrt, als hätten sich die Beach Boys mit Sleater Kinney und Warpaint am Strand verabredet, um die Trashmen aus dem Sand zu graben. Mal rotzig, mal tranig betet das Quartett mit One-Two-Three-Four-Akkorden die Sonne an, ohne sich im Tempo zu verlieren. Das ist nicht neu, es ist auch nicht perfekt. Aber gerade deshalb macht es ungeheuer Spaß.

Annie Taylor – Sweet Mortality (Taxi Gauche Records)

All Them Witches

Womit wir beim staubigen Pendant sandiger Musik wären: Stoner. Ob der Gitarrenbrei Spaß macht, kann man Hardcore-Fans beim effektreduzierten Headbangen durch die Wände ihrer Matten ja in der Regel nicht am Gesicht ablesen, aber der Mix aus sedierten Riffs und Vocals hinter meterdicken Walls of Sound ist schon auch für Außenstehende irgendwie ergreifend. Gerade, wenn sie von Virtuosen wie All Them Witches errichtet wird. Auch auf dem sechsten Album seit 2012 baut die Band aus Nashville ja Mauern ins Untergeschoss des Bewusstseins, ohne sich dahinter zu verschanzen.

Während sich Stücke wie Saturnine & Iron Jaw oder See You Next Fall anfangs wie ein Tinnitus durchs Gehirn sägen, nimmt Fast-Forward-Rock wie Enemy of my Enemy keine Umwege ins Großhirn, bevor es sich der Easy Listening Grunge Everest im Anschluss fast schon gemütlich macht. Zusammen schafft es Nothing as the Ideal acht Stücke lang, alle Zonen der Wahrnehmung mit verstörend düsteren Riffs zu durchforsten, bis daraus eines der vielleicht abwechslungsreichsten Alben dieses oft etwa monochromen Genres wird.

Alle Them Witches – Nothing as the Ideal (New West Records)

Hype der Woche

Tricky

Seltsamerweise ist man bei den Stichworten “monochrom” oder “Abwechsung”, “verstörend” und “düster” nicht allzu weit weg vom prominentesten Vertreter einer völlig anderen Stilrichtung, die dem Stoner dennoch irgendwie wesensverwandt ist, nur eben mit einer ganz anderen Dringlichkeit: Tricky. Seit mindestens 3000 Jahren schon macht der Brite aus Bristol eine Art TripHop, die das Gemüt durchkriecht wie flüssige Watte. Da ist es überaus bemerkenswert, dass sein neues, 13. Album Fall to Pieces (False Idols) mithilfe der Sängerin Marta Momente beschwinger Leichtigkeit ins getragene Breakbeatgerüst spinnt. Angeblich soll Adrian Nicholas Matthews Thaws bei der Produktion sogar erstmals in 51 Jahren gelacht haben. ist nur ein Gerücht und vermutlich Blödsinn. Aber seiner Platte hat es offenbar gut getan.


Gökdemir & Zimmermann: heute-up:date

Augenringe verraten so einiges

Im heute journal up:date stehen seit dieser Woche erstmals zwei Frauen allein im Nachrichtenrampenlicht des ZDF: Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir (Foto: ZDF/Witte/Weddig). Ein Gespräch mit den zwei Info-Profis über Gleichberechtigung, Bildsprache, Augenringe und Disziplin im Schichtbetrieb.

Von Jan Freitag

Frau Zimmermann, Frau Gökdemir, haben Sie je von Angelika Hinsch und Petra Welling gehört?

Hanna Zimmermann: Nein.

Nazan Gökdemir: Sollten wir?

So heißt die weibliche Doppelspitze im Stückgutverband Systemlogistik Paderborn. Was sagt es über die Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft aus, wenn selbst Männerdomänen mittlerweile von zwei Frauen geführt werden?

Zimmermann: Mir sagt es vor allem, dass es aber auch mal Zeit wird.

Gökdemir: Und entsprechend Zeit, so etwas nicht mehr ständig thematisieren zu müssen.

Sie klingen jetzt beide so kurzangebunden, als wäre Ihnen die Vorreiterinnenrolle irgendwie unangenehm. Dient die Tatsache, dass es nach der taz und der freundin nun auch beim heute-journal up:date eine weibliche Doppelspitze gibt, nicht unweigerlich dem Kampf um Gleichberechtigung in den Medien und damit der Gesellschaft?

Gökdemir: Der Kampf für mehr Gleichberechtigung sollte stets geschlechterunabhängig sein.

Zimmermann: Dass Frauen Führungspositionen übernehmen oder auch mal zwei Frauen eine Nachrichtensendung moderieren, sollte ja eigentlich nichts Besonderes sein.

Gökdemir: Zwei Moderatorinnen und eine mit Migrationshintergrund. Ich ahne, dass Sie mich gleich auch noch auf meine türkische Herkunft ansprechen.

Sie kommen mir da in der Tat zuvor.

Gökdemir: Grundsätzlich will ich im Zusammenhang mit meiner Arbeit vor allem als Journalistin wahrgenommen werden. Ich bin Frau, Gastarbeiterkind und noch so vieles mehr, und ich habe eine gewisse Sensibilität für gesellschaftliche Themen und Probleme. Wenn ich anderen Mut machen kann – umso besser. Aber in einer Nachrichtensendung spielt meine Herkunft keine Rolle.

Worum genau geht es darin denn?

Zimmermann: Der Name der Sendung trifft es gut. Wir liefern zur späten Stunde ein Update, also den neusten Stand der wichtigsten Nachrichten des Tages. Wenn nach dem „heute journal“ noch etwas passiert, dann berichten wird natürlich darüber. Und das geschieht öfter als man denkt. Beispielsweise, wenn ein EU-Gipfel wieder bis in die Nacht hinein dauert oder bei Nachrichten aus den USA wegen der Zeitverschiebung.

Gökdemir: Wir wollen zu später Stunde die wichtigsten Nachrichten des Tages zusammenfassen: verständlich, gut verdaulich und auch packend. So wie das heute-journal das Flaggschiff der Primetime ist, sollte das up:date das Flaggschiff der Late-Night sein.

Also keine Vertiefung, sondern Fortsetzung?

Gökdemir: Die Herausforderung ist definitiv, das heute-journal um weitere Perspektiven, O-Töne, Informationen zu bereichern. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir denselben Aufmacher haben, ist groß. Aber unter aktualisierten Gesichtspunkten.

Zimmermann: Wir werden Themen auch vertiefen, durch erklärende Grafiken und Videos, zum Teil auch mit einem etwas anderen Schwerpunkt als am Abend.

Bei Ihrer Referenzgröße, der abgesetzten Nachrichtensendung heute+, hatte man angesichts der modernen Bild- und Tonsprache gelegentlich das Gefühl, hier wird Fernsehen für jene gemacht, die gar nicht mehr fernsehen.

Zimmermann: Dazu muss man wissen, dass sich einiges, was früher auf diesem späten, etwas experimentelleren Sendeplatz gelaufen und gut angekommen ist, später auch in anderen Sendungen des ZDF-Programms gefunden hat.

Gökdemir: Andererseits machen wir auch mit moderner Bildsprache und passender Tonalität Programm für alle Altersgruppen. Wer kurz vor Mitternacht noch wach ist und sich informieren will, schaltet uns ein. Aber sowohl Hanna, die ja schon heute+ gemacht hatte, also auch ich als Moderatorin des Arte Journal, haben unsere eigene, subjektive und manchmal augenzwinkernde Ansprache.

Wie konsumieren Sie selber denn Informationen?

Zimmermann: Ich konsumiere Nachrichten auf unterschiedlichsten Wegen. Das Fernsehen gehört natürlich dazu, wobei ich Sendungen nicht nur zu einer bestimmten Uhrzeit im linearen Programm sehe, sondern oft auch zeitversetzt in der Mediathek, zum Beispiel auf meinem Smartphone. Außerdem höre ich gern Radio, lese Onlinemedien und nutze auch Twitter als Informationsquelle.

Gökdemir: Bei mir wird auch alles von Online über Radio und Zeitungen konsumiert. Und zwar nicht, weil ich es muss, sondern weil ich es will.

Und beruflich kommen Sie mit der Nachtschicht klar?

Gökdemir: Da müssen Sie mich in zwei Monaten noch mal fragen. Augenringe verraten so einiges…

Zimmermann: Ich kenne das ja schon. Es hilft auf jeden Fall, wenn man wie ich eher nicht der frühe Vogel ist, sondern die Nachteule.  So oder so ist aber auch etwas Disziplin gefragt. Nach der Sendung sollte man nicht mehr zu lange wach bleiben, damit man genug Schlaf bekommt.

Gökdemir: Also ich komme lieber spät von der Arbeit nach Hause, als dass ich früh zur Arbeit muss.


Experte Drosten & Mensch Beckenbauer

Die Gebrauchtwoche

31. Juli – 6. August

Haider hieß mal Wix, Attila heißt jetzt Hitler und der Kommentar nun Meinung. Zumindest in den Tagesthemen, wo die persönliche Sicht der Redakteure künftig stärker als solche gekennzeichnet wird. Beispielsweise über Deutschlands derzeit gernegrößten Verschwörungsmystiker Hildmann, den das Satire-Portal Postillon als heimlichen Kumpel von Angela Merkel dargestellt, also mit seiner eigenen Lügen-Keule geschlagen hat. Eine Waffe übrigens, die Facebook und Twitter teilweise entschärft haben, als sie das News-Portal Peacedata – mutmaßlich befüllt von Trollen russischer Herkunft – sperrten.

Dass der legendäre NDR-Podcast von Deutschlands derzeit ungernegrößtem Corona-Fachmann Christian Drosten – unterstützt von der ausgewiesenen Fachfrau Sandra Ciesek – parallel dazu aus dem selbstverordneten Medienexil zurückgekehrt ist, wird da zur Nebenpointe dieser elendig ernsten Pandemie und somit drittlustigsten nach der Ankündigung von Netflix, die palastflüchtigen Ex-Royals Meghan & Harry zu Protagonist*inn*en mehrerer Streamingformate bislang noch offenen Inhalts zu machen. Die allerlustigste lieferte dagegen mal wieder ein anderer.

In seinem Morning Briefing klagte ausgerechnet Gabor Steingart, bei ihrer Berichterstattung über die Querdenker-Demo mit Reichstags-Brise hätten viele Kolleg*inn*en „Neugier durch Haltung“ ersetzt. Wer sich „im geistigen Ideenraum eines Journalisten“ befinde, sägt der selbstkritikunfähigste Salonpopulist im Berliner Politikbetrieb fröhlich weiter am Ast des eigenen Elfenbeinturms, „darf mit öffentlicher Belobigung rechnen“. Wer sich dagegen außerhalb dieser „Kathedrale aufhält, dem versucht man mit den Methoden des Exorzismus beizukommen“. Na Amen.

Na toll: Die New York Times schafft nach 81 Jahren ihr Fernsehprogramm im Feuilleton ab und holt somit auf dem aussterbenden Medium Papier eine Schaufel mehr aus dem Grab des aussterbenden Mediums Fernsehen. Auch wenn es zuweilen noch mal Überlebenswillen zeigt, indem es sich auf seine Stärken besinnt. Zu denen nämlich zählt unmissverständlich die seriöse Sachinformation.

Die Frischwoche

7.  13. August

Und weil sie dank als eine der Gewinnerinnen aus der Pandemie hervorgehen dürfte, werden die Tagesthemen heute um fünf und freitags weitere zehn Minuten verlängert, während das heute-journal um Mitternacht ein up:date mit dem Moderationsdoppel Hanna Zimmermann und Nazan Gökdemir erhält. Ob das BR-Porträt Der Ball war mein Freund zwei Stunden zuvor den 75. von Mensch Beckenbauer (Dienstag, 20.15 Uhr) ZDF ohne Thomas Schadts kaiserliche Arschkriecherei vor fünf Jahren feiert, bleibt abzuwarten.

Aber als Kontrast werfen wir einen Blick auf Sat1, das sich mal als ernstzunehmende Konkurrenz öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkompetenz begriff, jetzt aber nur noch gequirlten Promi-Mist wie Festspiele der Reality-Stars (Freitag) anrührt, den Prodigal Son, eine Art Serien-Spin-Off vom Schweigen der Lämmer, tags zuvor auch nicht aufzuwerten vermag. Dieser bemitleidenswerte Qualitätsabfall ist umso bedauerlicher, als das frühere Beiboot dem Mutterschiff mit Joko & Klaas gegen ProSieben ab Dienstag mal wieder qualitativ den Rang abläuft.

Und das Konkurrenz-Entertainment? Die ARD zeigt morgen (22.50 Uhr) das queere Gangster-Spin-Off Bonnie & Bonnie, Starzplay lässt Donnerstag das feministische Plattenladen-Spin-Off High Fidelity folgen, Neo zeigt ab Mittwoch (23.15 Uhr) die deutsch-belgische Dramaserie Missing Lisa, in der acht Folgen lang mal wieder ein verschwundenes Mädchen gesucht wird. Die Wiederholungen der Woche sind dagegen naturgemäß aufgegossen. Etwa zeitgleich auf ServusTV Hotel New Hampshire nach John Irving von 1984 mit Jody Foster und Rob Lowe oder zwei Stunden zuvor Pretty Woman auf Vox, auch schon wieder 30 Jahre alt. Und damit immerhin neun Jahre jünger als der erste von 20 Schimanski-Tatorten, die der WDR dienstags um 22.15 Uhr – morgen der Fall Grenzgänger von 1981 – wiederholt.


Steffen Hallaschka: stern TV & RTL-Formate

Mein Unterhaltungsspielbein

Vor 30 Jahren schrieb Günther Jauch mit stern TV Fernsehgeschichte – bis ihn Steffen Hallaschka 2011 ersetzte. Ein Gespräch mit dem Nachfolger (Foto: RTL) über die großen kleineren Fußstapfen des legendären Vorgängers, Einzelschicksale in Zeiten der Dauerkrise und warum er nie zum heute journal wollte.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hallaschka, erinnern Sie sich noch an die Nachrichtenlage im Frühjahr 2011, als Sie zu stern TV gegangen sind?

Steffen Hallaschka: Dunkel, das waren ja wirklich ganz andere Zeiten als heute.

Der Arabische Frühling war angebrochen, die AfD noch undenkbar, statt Trump saß Obama im Weißen Haus und Thomas Gottschalk auf der Wettcouch.

Dass eine Partei wie die AfD den gesellschaftlichen Diskurs bald darauf Millimeter um Milli-meter verrückt, war damals in der Tat undenkbar. Umso nostalgischer blicke auch ich auf die Zeit zuvor.

Auch als Journalist, für den die Gegenwart gefährlicher, aber auch interessanter ist?

Vor zehn Jahren war es fraglos ein gemütlicheres, freieres Arbeiten in einem Medium, das viel größere Deutungshoheit und Relevanz besaß als heute. Spätestens 2015 hat die Flüchtlingsthematik unseren Beruf aber bei aller Dramatik auch interessanter gemacht.

Wie hat stern TV seinerzeit auf die Ruhe reagiert, wie reagiert es jetzt auf den Sturm?

Für mich persönlich ging es zunächst darum, als Neuer meine Rolle zu finden. Und da stellte sich gleich die Herausforderung, soziale Medien zu integrieren. Beim Fernsehschlachtschiff stern TV herrschte 2011 noch das Denken, lineares Fernsehen first. Da mussten wir es gemeinsam sowohl inhaltlich als auch optisch digitalisieren. Aber ob Sturm oder Ruhe: es war immer wichtig, Geschichten von Menschen zu erzählen, die beide Wetterlagen erleben.

Aber Sturm ist schon spannender?

Mag sein. Aber wenn Sozialministerin von der Leyen bei uns live im Studio mit Hartz-IV-Empfängern sprach, hatte das eine ganz andere Dringlichkeit als die Expertenrunden der Talkshows. Unser Erfolgsgeheimnis war immer, die Lebensrealität der Menschen abzubilden.

Allerdings ist die vermeintliche Lebensrealität am Einzelfall mit dem Risiko verbunden, sich für den Knalleffekt stets die krassesten Einzelfälle rauszupicken.

Einspruch Euer Ehren. Das klingt in dieser akademischen Formulierung schlüssig, dürfte aber der Einzelfallprüfung nicht standhalten. Wir suchen für gesellschaftlich relevante Themen immer Menschen, die sie individuell zum Ausdruck bringen. Als Erdogan Journalisten verhaften ließ, haben wir genau verfolgt, inwieweit sein Arm da bis Deutschland greift und davon aufs Thema Migration geschlossen.

Sie waren also nie auf der Jagd nach Skandalen, wie stern TV vorgehalten wird?

Uns ging und geht es nie um Skandale, also Effekte, sondern Inhalt. Wenn Themen von Massentierhaltung über Werkverträge bis Mindestlohn als skandalös wahrgenommen werden, liegt das nicht an uns, sondern den Themen. Aber gut, mit solchen Klischees hat ein RTL-Formate schnell mal zu tun.

Hat sich die Sendung verändert, seit Ihres nicht mehr in Drittsendelizenz, sondern von RTL produziert wird?

Könnte man meinen. Aber so wenig, wie uns der Sender 28 Jahren in die Sendung geredet hatte, so wenig geschieht es seit 2018. Wir konnten und können das machen, was die Redaktion für richtig hält. Sie genießt sei 1990 größte journalistische Freiheit.

Auch zehn Jahre, nachdem Sie die Moderation von Günther Jauch übernommen haben, wird das Magazin immer noch mit ihm assoziiert. Spüren Sie seine Fußstapfen noch?

Weil Günther Jauch für eine Ära steht, in der Unterhaltung und Information neu definiert wurden, bleiben die zu Recht spürbar. Aber da meine Schuhe zwei Nummern größer sind, konnte ich mir – ohne überheblich klingen zu wollen – auch in seinen Fußstapfen meinen Platz in der Sendung suchen.

Mussten Sie sich dennoch von seinem Erbe emanzipieren?

Nicht aktiv. Es ging eher um den Langmut, Günther Jauch von selber aus den Köpfen der Zuschauer verschwinden zu lassen. In den ersten sechs Monaten musste die Rotznase vom Dritten Programm zwar eher Abhandlungen lesen, warum sie keine Krawatte trug, als dass man sich inhaltlich mit mir auseinandergesetzt hätte; aber das ist okay. Fernsehzuschauer sind Gewohnheitstiere. Ich bin ja selbst einer.

Gibt es zehn Jahre danach mittlerweile Ermüdungs-, gar Abnutzungserscheinungen?

Nee, das Tolle an der Sendung ist ja, dass sie sich immer wieder neu erfindet, deshalb wird es nie langweilig. Ich habe also noch immer große Lust auf die Sendung. Wer mich vor 2010 gefragt hatte, was ich gern moderieren würde, dem habe ich schließlich „stern TV“ geantwortet.

Jetzt kokettieren Sie…

Nein, das war neben der NDR Talkshow mein Traum. Während ich die jedoch vertretungsweise moderieren durfte, dachte ich, bei stern TV bleibt es einer, weil Jauch das noch 120 Jahre selber macht.

Was hätten Sie geantwortet, wenn Tagesthemen oder heute journal gefragt hätten?

Weil ich mein journalistisches Zuhause im Infotainment sehe, hätte ich zumindest lange überlegen müssen. Ich war nie Nachrichtenredakteur, kein Auslandskorrespondent, hab noch nicht mal eigenverantwortlich Filmbeiträge realisiert. Mir war stets die Verbindung von Unterhaltung und Journalismus wichtig.

Wobei Claus Kleber zusehends zum Entertainer wird und die „Tagesthemen“ nun verlängert werden, um näher am Menschen zu sein, wie es heißt.

Trotzdem bleiben die Unterschiede auch dann groß, wenn die Presenter dort nun Unterkörper haben. Ich schiele ehrlich nicht auf eine öffentlich-rechtliche Nachrichtenkarriere.

Gibt es mit kurz vor 50 trotzdem noch Ziele?

Infotainment ist sicher weiterhin mein Standbein, aber ich würde gerne häufiger mein Unterhaltungsspielbein trainieren. Anfang des Jahres habe ich zwei Live-Shows mit Sasha und Tim Mälzer moderiert, was mir einen Riesenspaß gemacht hat. Auch ein intelligentes Quiz könnte ich mir gut vorstellen.


Gewaltfragen & Ballermannboote

Die Gebrauchtwoche

24. – 30. August

Gewalt, das begriff der norwegische Sozialwissenschaftler Johan Galtung schon vor Jahrzehnten, herrscht nicht nur, wenn Kugeln oder Fäuste fliegen, sie kann als „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“, also strukturell anstatt physisch verletze. Dem Bedürfnis nach Gesundheit und Überleben zum Beispiel, nach Wohlstand und Wahrheit, von Demokratie ganz zu schweigen.

Wenn diverse Medien vor, während, nach der Querdenken-Demo berichtet haben, die 38.000 – pardon, 38 Millionen Teilnehmenden seien am Samstag friedlich durch Berlin marschiert, zeugt das demnach von einer Ignoranz im Umgang mit den Fakten eines Menschenauflaufs, dessen kollektive Weigerung zu Abstand und Maske plus angedeutetem Reichstagssturm gewaltsam Gesundheit, Überleben, Wohlstand, Wahrheit attackiert haben.

Dafür muss man noch nicht mal nur Faktenfinder zurate ziehen, die saftige Lügen der Lügenpresse-Krakeeler offenbaren. Eindrucksvoll ist auch, wie massiv eine Bild-Reporterin von Querdenkern bedrängt wurde. Das Schwesterblad BamS jedoch hielt der Angriff auf Person und Pressefreiheit nicht davon ab, die Gewaltfrage flugs nach links zu rücken und auf der ganzen Titelseite vom vermeintlichen (und unvollendeten) RAF-Anschlag auf den Schweine-Blockwart Clemens Tönnies zu faseln. Für die Corona-Demo blieb da leider nur ein Hinweis am Rand übrig.

Dafür bekam der geistige Bild– und BamS-Buddy Björn Höcke am Dienstag Gelegenheit, seinen Future-Faschismus beim MDR in Watte zu packen. Eine Offenheit, die der Muttersender hoffentlich nicht meint, wenn er seine Tagesthemen ab morgen um fünf, freitags gar 15 Minuten verlängert. „Für einen intensiveren Blick auf die Regionen“, wie es ARD aktuell-Chef Helge Fuhst ausdrückt, „auf die Heimat unserer Zuschauer“.

Die Frischwoche

31. August – 6. September

Bleibt zu hoffen, dass sich sein ehrwürdiges Format damit nicht der weit weniger ehrwürdigen Konkurrenz von stern TV angleicht, die ab Mittwoch 30 Jahre lang Skandale menschelt oder Menschen skandalisiert. Am selben Tag springt das gebührenfinanzierte ZDF aufs Ballermann-Boot privater Rekordjagden und engagiert den Grüßaugust Elton für die „Quizshow“ Einfach super!, in der Kinder (Fee, Max, Lukas) mit Promis (Neureuther, Lombardi, Santos) irgendwas Egales inszenieren, damit aber mehr Zuschauer als jedes Nachrichtenmagazin erreichen.

Würde man das Publikum entsprechend konditionieren, könnte das auch für die Langzeitstudie des Fuldaer Hochhaus-Ghettos Aschenberg gelten, das ein ZDF-Team monatelang unter die Lupe nahm. Statt Primetime gibt es dafür ab Mittwoch allerdings nur die Mediathek, wo sie sich mit Streamingdiensten von weit größerer Zugkraft messen muss. Prime zum Beispiel zeigt ab heute die vierteilige Doku The Last Narc über einen Drogenboss der Achtziger, begleitet von All or Nothing, das parallel die Tottenham Hotspurts porträtiert.

Na, hoffentlich biedert sich die Fußball-Doku dem Club nicht so an wie Arte zugleich Toni Kroos. Gewiss aber dürfte sie würziger sein als MasterChef Celebrity, womit Sky die globale Kochshow montags auswalzt. Wobei Kochshow: eigentlich ist der Herdstreit eine Dauerwerbesendung für Produkte von Food-Magazin bis IT-Girl. Allerdings keine so plumpe wie Lego Masters, mit denen RTL seinen PR-Partner ab Freitag unverblümt in den Mittelpunkt stellt und damit neben dem (zusatzkostenpflichtigen) TV-Start des Kinofilms Mulan auf Disney+ VIP das PR-Programm der Woche bildet.

Ohne Kaufempfehlung ratsam ist hingegen die Fox-Serie Mrs. America, in der Cate Blanchett ab morgen auf Sky die leibhaftige Anti-Feministin Phyllis Schlafli zur Hauptfigur einer sensationellen Siebziger-Revue macht, bevor Netflix Mittwoch das erste deutsche SciFi-Drama Freaks mit Cornelia Gröschel als Superheldin wider Willen zeigt. Nicht neu, sondern eine Wiederholung der Woche ist dagegen Die Blechtrommel (Samstag, 23.45 Uhr, RBB) von 1979 in Volker Schlöndorffs Director’s Cut. Und in Schwarzweiß: Henri Verneuils Politdrama Der Präsident von 1961, heute um 22.10 Uhr auf Arte.


Sharik Khan & Viktor Marek, Pippa, Metallica

Khan & Marek

Mitte der Neunziger, Berlin hieß noch Bonn, durchwummerte ein Sound die Metropolen, der sich Oriental Dub nannte und es schaffte, exotisch zu klingen, ohne kolonialistisch zu sein. Zeitgenössischer Techno wurde darin so elegant mit dem Sound des Nahen und Fernen Ostens verwoben, dass die Hinterhof-Raves nur so schunkelten. Wenn man dem elektrophilen Grenzgänger Viktor Marek 25 Jahre später dabei zuhört, wie er die suprakulturelle Melange mit dem pakistanischen Sitar-Star Ashraf Sharif Khan verfeinert, wird diese Zeit wunderbar präsent.

Zehn Jahre lang hat der Hamburger Nischenkünstler und Mitbetreiber des Golden Pudel Club angeblich mit seinem Kollegen aus Lahore am Duo-Debüt Sufi Dub Brothers gearbeitet. Das Ergebnis ist eine Tanzmusik, der man die interkontinentale Brückenbildung zwar anhört. Die interkontinentale Soundsprache steht jedoch stets im Schatten einer Eigendynamik, die sich von jeder kulturellen Aneignung emanzipiert. Dass Khans pulsierende Sitar ein asiatisches Element ist, geht in den technoiden Vives von Marek so unter, als kämen beide ursprünglich von dort, wo sie vereinigt wurden. Einem kleinen Studio in Hamburg.

Ashraf Sharif Khan & Viktor Marek – Sufi Dub Brothers (Fun In The Church)

Pippa

Alles egal. Wer so etwas singt, könnte als prinzipienlose Nihilistin gelten. Und wenn ihr dann auch noch alles mit einer derart sedierten Stimme egal ist wie bei Pippa, verbirgt sich dahinter womöglich die Überzeugung der Generation Eurodance, im Grunde zählt nur der Moment und selbst das nur, wenn die Pillen wirken. Alles falsch! Denn die sehr junge, sehr hippe, sehr lässige Wienerin mag auf ihrer zweiten Platte zwar käsig nölen, “wer du bist, was du denkst, wo du stehst, das ist alles egal” – dahinter verbirgt sich ein musikalischer Geist von kolossaler Anteilnahme.

Auf Idiotenparadies versteckts sie die halt nur unterm musikalischen Mix des anything goes, in dem nicht nur das Vokabular scheinbar ziellos durchs Überall irrt. Mal mit radebrechenem Neunziger-HipHop versetzt, mal mit elektronischem Lala-Pop der Nuller, mal pianobetupft klassisch, mal zappelig technoid, pflegt Pippa zwar oberflächlich den Gestus der Prokrastination. In der Tiefe ihrer Kompositoinen aber glitzert purer Enthusiasmus – auch wenn er gelangweilt wirkt. “Läuft / ich pack mein Leben nicht / aber I love it / alles random hier”.

Pippa – Idiotenparadies (LasVegas Records)

Hype der Woche

Metallica

Wenn irgendwas im Pop hingegen nicht random ist, dann der Erfolg des Heavy Metal. Breiter Schritt, dickes Brett, orchestrales Pathos, heiliger Ernst – damit haben es auch Metallica zum Perpetuum Mobile ihrer Selbstreplikation gebracht. Seit gefühlt 500 Jahren macht die dänisch-amerikanische Zackengitarrenband, was sie mit mehr oder weniger langem Haar schon immer verlässlich auf Top-1-Kurs macht. Das dürfte also auch S&M2 (Blackened Recordings) widerfahren, mit dem James Hetfied und Lars Ulrich als Koproduzenten die Klassik-Version ihrer Hits mit dem 80-köpfigen San Francisco Symphony von 1999 fortsetzen. Dem Gesamtwerk fügen sie damit zwar nichts Neues hinzu, aber auch das knattert durchs Gehirn wie der zugehörige Konzertfilm von Regisseur Joe Hutching, der demnächst weltweit in 3.700 Kinos läuft. Für Fans unerlässlich, für alle andern, tja, irgendwie auch.


Racial Profiling & Save Me Too

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. August

Racial Profiling? Gibt’s nicht! Und Horst Seehofer weiß auch warum: Weil es verboten ist. Gegenteiliges zu behaupten wäre daher eine Verunglimpfung, schlimmer noch: Beleidigung, in jedem Fall aber Pauschalverurteilung der deutschen Polizei, die in 1000 Jahren bekanntlich noch nie gegen irgendein Gesetz verstoßen hat. Dass ein uniformierter Scharfschütze in einer Satire des funk-Moderators Aurel Mertz jemanden mit dunkler Haut nur deshalb erschießt, weil er sein Fahrrad aus Sicht zweier Kollegen womöglich nicht aufschließt, sondern -bricht, gilt in konservativen Machtzirkeln daher als ausgeschlossen.

Umso entrüsteter twitterte ein gewisser Sven Schulze, das Video, „finanziert mit Gebührengeldern von #ARD& #ZDF“, sei ein „Schlag ins Gesicht aller Polizisten“. Sachsen-Anhalts CDU-Generalsekretär kündigte an, sein Landesverband werde die anstehende Beitragserhöhung deshalb „verhindern“. Schwer zu sagen, ob Schulze und einige Unionsmitglieder, die ihm flugs zustimmten, bewusst war, dass dies einen Bruch des Rundfunkstaatsvertrags darstellt. Der nämlich verbietet, dass die Länder ihr Plazet an Senderinhalte koppeln. Tatsache ist allerdings, dass sein Tweet Brennstoff pressefreiheitsfeindlicher Tendenzen ist.

Zumal #ARD& und #ZDF auch nicht alles richtig gemacht haben, um ihnen den Sauerstoff zu entziehen. Zu Beginn der Corona-Pandemie etwa, das ergab eine Studie der Uni Passau, wurde die öffentliche-rechtliche Berichterstattung in fast 100 Sondersendungen so massiv auf Covid-19 zugespitzt, bis ein kollektiver „Tunnelblick“ aufs Infektionsgeschehen herrschte. Medial betrachtet hatte der anschließende Lockdown aber noch andere Auswirkungen, die sich gerade im Fernsehprogramm äußern – und damit ist gar nicht mal die aktuelle Maskendebatte gemeint, der RTL durch seine Weigerung, in der neuen Show I Can See Your Voice Abstandsregeln einzuhalten.

Die Frischwoche

24. – 30. August

Die Produktionsflaute vom ersten Halbjahr schlägt nämlich gerade so durch, dass die ARD im zweiten Halbjahr weder am feuilletonistisch wichtigen Film-Mittwoch noch am geriatrisch wichtigen Degeto-Freitag Erstausstrahlungen zeigt. Selbst Streamingdienste wirken ein wenig ausgedünnt, weshalb die Fortsetzung der fabelhaften Krimi-Serie Save Me mit Lennie James am Donnerstag auf Sky einer der wenigen Highlights dieser Woche ist.

Ein Grund mehr sich der Politik zu widmen: Rund sechs Wochen nach dem unsäglichen Interview des RBB mit dem AfD-Nazi Andreas Kalbitz, wagt sich der MDR am Dienstag an ein Interview mit dem AfD-Nazi Björn Höcke. Gut fünf Monate nach dem Ausbruch der Pandemie zum Beispiel arbeitet die ARD heute um 22.45 Uhr den Zug der Seuche um die Welt auf. Fünf Jahre nach Angela Merkels legendärem Satz Wir schaffen das, begibt sich Jochen Breyer am Mittwoch um 22.50 Uhr im Zweiten an den Puls Deutschlands.

Und 19 Jahre nach ihrem Debüt als Kommissarin Lucas, wird am Samstag sogar die dienstälteste ZDF-Polizistin Ulrike Kriener nicht nur ein bisschen feministisch, sondern zeigt mit einem Twist ins Tönnies-Thema Fremdarbeiterausbeutung präpandemischen Weitblick. Apropos TWIST: so heißt auch das neue Kulturmagazin, mit dem Arte ab Sonntag um 16.20 Uhr Kreative aus ganz Europa auf ihrem Weg durch die Krise begleitet. Und damit wären wir auch schon bei den Wiederholungen der Woche.

Diesmal das einflussreiche Meisterwerk Papillon (Freitag. 22.25 Uhr, 3sat) von 1973 mit Steve McQueen und Dustin Hofman als Häftlinge eines mörderischen Gefängnissystems. Und ausnahmsweise mal zwei Tatorte: morgen um 22.15 Uhr zeigt der WDR das Berliner Debüt von Dominic Raacke und Boris Aljinovic anno 2001, Freitag widerfährt Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär im Ersten das Gleiche mit ihrem Auftaktfall Willkommen in Köln von 1997.