Dieter Stein: Junge Freiheit & Alte Rechte

Avantgarde klingt ein wenig anmaßend

Dieter Stein

In 36 Jahren hat Dieter Stein die Junge Freiheit von der handgehefteten Schülerzeitung zum neurechten Leitmedium gemacht. Ein Gespräch mit dem bayerischen Offizierssohn über ideologische Publizistik, Meinungsvielfalt im eigenen Haus, False Balance, sein Verhältnis zum russischen Angriffskrieg und warum die JF wirtschaftlich vergleichsweise erfolgreich ist.

 

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stein, Sie haben heute Morgen einen Volontär verabschiedet. Wohin gehen die nach einer Ausbildung bei der Jungen Freiheit denn gemeinhin so?

Dieter Stein: Also die meisten haben wir in der Regel als Redakteure übernehmen können. Einige gehen andere Wege, Henning Hoffgaard beispielsweise hat zwischenzeitlich für die AfD gearbeitet, ist jetzt aber gerade wieder zu uns zurückgekommen. Aber für Journalisten der JF ist unsere Medienlandschaft generell nicht so durchlässig wie etwa jene der taz, die man in nahezu jeder Redaktion wiederfindet.

In Gestalt von Robin Alexander sogar als stellvertretender Chefredakteur der konservativen Welt.

So ist es. Mir fällt dagegen keine große Zeitung ein, wo bislang ein Volontär von uns untergekommen wäre.

Liegt das an der Branche oder der Jungen Freiheit?

In erster Linie an der politischen Kultur und einer Branche mit Schlagseite. Als Journalist von links zu kommen, gilt als Selbstverständlichkeit, konservativ zu sein, löst Irritationen aus. Der Zeit-Kolumnist Harald Martenstein brachte es im JF-Interview gerade auf den Punkt, als er die zunehmende politische Monotonie in den Medien beklagte.

Gibt es aus Ihrer Sicht darin so etwas wie linke oder rechte Publizistik?

Es müsste selbstverständlich sein, dass nicht nur demokratisch linke, sondern demokratisch rechte Medien zu einem normalen Diskurs gehören. Der Begriff „rechts“ wird hierzulande anders als etwa in Frankreich von vorneherein fast ausschließlich abwertend verwendet, also problematisiert. Vielleicht bezeichne ich mich auch deshalb als konservativ, aber ja – natürlich gibt es verschiedene Zonen der Berichterstattung. Nur dass die linke da ein gewaltiges Übergewicht hat und das als normal angesehen wird.

Der Springerkonzern mit den Flaggschiffen Bild und Welt dürfte sich wie die FAZ nicht allzu weit links verorten…

Welt und FAZ unterliegen einem erheblichen politischen Anpassungskurs. Wenn man sich Umfragen unter Journalisten ansieht, sympathisieren drei Viertel mit Grünen, Linken, SPD und ganze zwölf Prozent mit Union oder FDP, von der AfD ganz zu schweigen. Bei Volontären der ARD sah das kürzlich noch einseitiger aus. Warum ist das so?

Was meinen Sie?

Das ist wie eine sich selbst bestätigende, selbst verstärkende Prophezeiung. Dieser Trend wird von den Verlagen und Redaktionsleitungen gefördert. Und weil diejenigen, die eher eine konservative Einstellung haben, wissen, dass sie angesichts der bereits bestehenden Kräfteverteilung in traditionellen Medien nicht weit kommen dürften und schon gar nicht mehr den Beruf des Journalisten ins Auge fassen. Noch mal Martenstein: „Je stärker diese Kohorte wird, desto weniger Lust haben alle, die anders ticken, Journalisten zu werden.“

Tendenziell linke Haltungen gelten im Vergleich zu tendenziell rechten halt als progressiver, zukunftsaffiner, moderner und damit auch jünger.

Das stimmt ja nicht. Wahlen zeigen sehr wohl, dass Jungwähler nicht nur links ticken. Bei der Bundestagswahl schnitt die FDP bei Erstwählern sogar am stärksten ab. FDP, Union und AfD erhielten knapp 40 Prozent. Das Spektrum reicht – abseits der extremen Ränder – von demokratisch links bis demokratisch rechts, das müsste sich im Idealfall auch publizistisch in annähernder Breite wiederfinden. Tut es aber nicht.

Nicht?

Schon Konrad Adenauer hatte daher versucht, mit dem ZDF ein konservatives Gegengewicht zur linkeren ARD zu schaffen. Mit Gerhard Löwenthal und seinem ZDF-Magazin bot es bis zu seiner Verabschiedung 1988 wenigstens ein explizit konservatives Politmagazin. Wobei es ohnehin nicht sein kann, dass öffentlich-rechtliche Sender Sprachrohre der einen oder der anderen großen Partei sind, anstatt politische Debatten pluralistisch abzubilden. Aus dieser Motivation heraus habe ich vor 35 Jahren ja auch die Junge Freiheit gegründet.

Aber bietet die nicht bewusst unausgewogenen Journalismus der liberal-konservativen Seite, um ein Gegengewicht zum – wie sie es nennen – linken Mainstream zu erzeugen?

Für eine kleines privates Medium ist das doch legitim! Insgesamt ist jedoch Ausgewogenheit der Medienlandschaft unser Ziel. Daran mitzuwirken, wird uns allerdings massiv erschwert. Fürs Interview auf Seite 3 zum Beispiel hätten wir gern ein breiteres Spektrum. Aber es ist gar nicht so einfach für uns, fundierte Gesprächspartner aller Seiten zu gewinnen.

Weil die einem Rechtfertigungsdruck unterliegen, in einer rechtskonservativen Zeitung zu erscheinen?

Weil Gesprächspartner damit rechnen müssen, massiv angegriffen zu werden. Wobei wir eine lange Liste Gesprächspartner außerhalb enger Meinungskorridore haben. Denken Sie an unsere Interviews mit Peter Glotz, SPD-Außenstaatssekretär Christoph Zöpel, Charlotte Knobloch, Margot Käßmann… Die Liste der Absagen ist nur ungleich länger. Es ist halt zweischneidig, mit uns zu reden. Als Dunja Hayali es mal exakt unter der Voraussetzung getan hat, Streit auch zuzulassen, statt abzuwürgen, schlug das entsprechend riesige Wellen, und zwar in beide Richtungen. Sie wurde vor allem aus der Medienbranche massiv attackiert. Wir suchen aber auch bewusst das Gespräch mit Vertretern der Öffentlich-Rechtlichen und hatten in Person des SWR-Intendanten Kai Gniffke vor einem Jahr einen Interview-Partner, mit dem es genau ums Thema Einseitigkeit insbesondere in Bezug auf die Einladungspraxis bei Talkshows ging. Solange ich diese Zeitung mache, geht es immer wieder um die Frage: wer wird von wem gehört, wer kommt öffentlich zu Wort und wer nicht.

Sie würden also ausgewogener berichten, wenn man Sie nur ließe?

Ja, sagen wir, wenn dies schlicht möglich wäre. Denn vereinfacht ausgedrückt ist es schwer, links mit rechts und umgekehrt ins Gespräch zu bringen. Und das gilt keineswegs nicht nur für uns als konservative Zeitung. Nehmen Sie zum Beispiel den Berliner Historiker Jörg Baberowski oder Bernd Lucke in Hamburg.

Deren Auftritte an Universitäten massiv gestört wurden.

Diese Spießrutenläufe der Cancel Culture haben natürlich Rückwirkungen auf Diskurse insgesamt. Wer ist noch bereit, einen Streit zu führen, bei dem man gesellschaftlich nur verlieren kann? Als Politiker, Publizist, Journalist sammelt kaum jemand Pluspunkte, rechts der Mitte in ein echtes Pro und Contra einzusteigen. Am Ende wird aus der Diskurs- eine Machtfrage.

Nochmals: kämen linksliberale Positionen etwa zu Migration, Gendern, Klimawandel in ihrem Blatt gleichberechtigt vor, wenn sie bereit wären, darin mit der rechtskonservativen zu diskutieren?

Selbstverständlich: Wir fragen auf breiter Front Interviews mit Andersdenkenden an. Um nur zwei Beispiele zu nennen, von Alice Schwarzer bis Kevin Kühnert – von letzterem erhielten wir eine regelrecht hasserfüllte Absage. Ich selbst habe wiederum 1993 einmal Johann Scheringer interviewt, damals Fraktionsvorsitzender der PDS im Schweriner Landtag. Doch dieses Interview hatte prompt einen Parteivorstandsbeschluss zur Folge, der JF künftig Interviews zu verweigern.

Sie bleiben erneut auf der Ebene Ihrer Gesprächspartner. Was ist mit der Berichterstattung generell – ist die zu allen Seiten hin offen?

Die JF versteht sich dezidiert als konservatives Meinungsmedium oder Tendenzblatt. Insofern wünschen wir uns dennoch, im Rahmen von Streitgesprächen oder Gastbeiträgen Dialoge anzustoßen, werden das komplette Meinungsspektrum aber nie gleichberechtigt abdecken. Wie erwähnt wollen wir schließlich eine Lücke füllen, die Tageszeitungen wie FAZ oder Welt und am Bildschirm teilweise auch das ZDF bis in die Achtzigerjahre noch abgedeckt haben.

Führt die Wochenzeitung für Debatte, wie sie im Untertitel heißt, die ihre dem Anspruch nach nur extern oder auch intern, also auf Redaktionsebene?

Was die Debatte im Blatt betrifft, sehe ich in der Tat noch Defizite und wünsche mir mehr, was wir aber nur beschränkt durchbrechen können. Denn alles, was potenzielle Gesprächspartner abschreckt, schreckt offenbar auch potenzielle Autoren ab.

Wie sieht es demnach mit der Meinungsvielfalt im eigenen Haus ab, die Sie an anderen Häusern ja so heftig kritisieren?

Bei uns wird in Redaktionssitzungen offen und kontrovers gestritten. Die Haltung zur Corona-Frage hat uns beispielsweise geteilt wie die Bevölkerung. Hier streiten wir wöchentlich um die Bewertung. Die Junge Freiheit hat auch Leser verloren, weil wir uns für manche zu kritisch, für andere aber auch vermeintlich zu unkritisch mit Querdenkern befasst haben. Wenn um Parteimitgliedschaften geht: Ich persönlich würde mir wünschen, dass Journalisten im Idealfall gar keiner Partei angehören.

Wie flexibel sind denn die Haltungsgrundsätze der Jungen Freiheit, kann sie sich dem Zeitgeist oder wissenschaftlichen Konsens auch dann anpassen, wenn er ihnen wie im Fall des zweifelsfrei belegten menschgemachten Klimawandels widerspricht?

Dass der von Menschen verursachte erhöhte CO2-Ausstoß Einfluss auf die Klimaerwärmung hat, bestreitet kein ernst zu nehmender Mensch. Umstritten ist jedoch der Anteil an der Erderwärmung und Bewertung der Folgen.

Das IPCC – also keine NGO, sondern die Gesamtheit aller seriösen Klimawissenschaftler weltweit – hat gerade genau das festgestellt und ein katastrophales Zukunftsszenario entworfen, wenn wir den Ausstoß nicht sofort radikal drosseln.

Der Weltklimarat ist keine unabhängige wissenschaftliche, sondern eine politische Institution. Wir bestreiten wie gesagt keineswegs, dass es Temperaturveränderungen gibt. Insofern ist es sinnvoll, den Verbrauch fossiler Brennstoffe zu bremsen. Aber ich finde es fragwürdig, dass nur die letzten 150 Jahre seit der Industrialisierung betrachtet werden, anstatt auch die Zeit davor in den Blick zu nehmen, wo sich das Klima ebenfalls verändert hatte. Wir kritisieren das Bild einer Apokalypse, die in der Klimadebatte mit beinahe religiösem Eifer an die Wand gemalt wird. Mehr Rationalität tut not.

Was ist eigentlich ausgerechnet an der Leugnung des menschengemachten Klimawandels, der Befürwortung der Atomkraft oder dem Kampf gegen Gleichberechtigung durch Sprach konservativ?

Der Begriff „Klimaleugnung“ ist ein Beispiel, wie das Stellen kritischer Fragen delegitimiert wird. Niemand, der bei Trost ist, bestreitet, dass es einen menschengemachten Anteil am Klimawandel gibt. Es geht vielmehr um die Dimension und die richtigen Antworten darauf. Darüber wird aber nicht ergebnisoffen diskutiert. Dazu gehört auch, über den Einsatz von Kernenergie nachzudenken, wenn wir in einem hochindustrialisierten Land auch künftig verlässliche Stromversorgung sichern und zugleich CO2 einsparen wollen. Tatsächlich sind Umweltschutz und Skepsis gegenüber der technischen Machbarkeit ein urkonservatives Motiv. Und beim Gender-Sprech geht es nicht um vernünftige Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

Sondern?

Sprachliches Aufoktroyieren einer Ideologie, nach der Geschlechter ein reines soziales Konstrukt sind, das aufzulösen sei. Was absurd ist. Aber nochmals zum IPCC: Es hat keine alleinige Hoheit über die Wahrheit, niemand hat das. Erinnern Sie sich an die Podiumsdiskussion zwischen Giovanni di Lorenzo, Jan Böhmermann und Markus Lanz zu der Frage, wen öffentlich-rechtliche Talkshows zum Thema Corona-Politik einladen sollten und wen nicht?

Da ging es um False Balance und ob randständige Lehrmeinungen durch Überrepräsentation nicht ins Zentrum der Debatte rücken.

Wer entscheidet eigentlich, ob eine Lehrmeinung randständig ist?

Die herrschende Meinung, wenn sie in so überwältigender Mehrheit ist wie hier.

Aber es kann doch nicht sein, dass anerkannte Forscher wie Alexander Kekulé oder Hendrik Streeck keine Talkshowgäste mehr sein dürfen, nur weil ihre Meinung von einer Mehrheitsmeinung abweicht!

Das sehen Medien wie Süddeutsche oder Zeit, denen Sie ebenfalls Einseitigkeit vorhalten, ebenso kritisch. Trotzdem führt die Dauerpräsenz der genannten Virologen doch dazu, dass ihre Außenseitermeinungen mehrheitsfähig wirken.

Kekulé und Streeck sind doch überhaupt nicht so präsent. Dauerpräsent sind Karl Lauterbach und Christian Drosten. Was wir erleben, ist doch eine Art betreuter Journalismus, der dem Publikum unliebsame oder strittige Positionen von vorneherein vorenthält. Deshalb appellieren wir an die Überzeugungskraft des besseren Arguments im öffentlichen Wettstreit.

Sie wirken an diesem Punkt extrem energisch. Warum eigentlich?

Vielleicht, weil ich diese Einseitigkeit schon in den 80er Jahren als konservativer Schüler im linken Freiburg am eigenen Leib erleben musste. Sicher versucht jeder, mit seiner Haltung Debatten zu dominieren, aber sie so vorzusortieren, dass Debatten von vornherein im Keim erstickt werden, halte ich für falsch.

Würden Sie ergebnisoffen mit Menschen diskutieren, die Putins Eroberungskrieg in der Ukraine befürworten?

Es dürfte momentan schwer sein, intelligente Menschen zu finden, die Putins Angriffskrieg rechtfertigen. Ich kenne keinen. Für JF-TV habe ich jedoch eine Gesprächsrunde moderiert mit dem intimen Russlandkenner und Putin-Biografen Thomas Fasbender, dem ehemaligen EU-Diplomaten Albrecht Rothacher und Politikwissenschaftler Martin Wagener von der Hochschule des Bundes, wo BND-Mitarbeiter ausgebildet werden. Hier wurden kontrovers die sicherheits- und geopolitischen Gründe diskutiert, die zu diesem Konflikt geführt haben.  

Konservative Medien wir Ihres haben rechtsnationale Autokraten wie Wladimir Putin, Viktor Orbán, Jarosław Kaczyński oder lange Zeit mindestens wohlwollend behandelt. Ändert dieser völkerrechtswidrige Angriff also etwas daran?

Demokratisch gewählte Politiker wie Orban und Kaczynski mit Putin in einen Topf zu werfen, ist daneben. Die Interessengegensätze zwischen Polen und Russland sind zudem größer kaum denkbar, und auch bei Ungarn sieht es wieder anders aus; das haben wir stets abgebildet. Von einer wohlwollenden Behandlung Putins kann also überhaupt keine Rede sein. Wir haben nüchtern die geopolitische Lage beobachtet, analysiert und wiederholt Sprachrohre der russischen Propaganda scharf angegriffen. Ich erinnere nur an die mehrteilige Reportage über den schillernden von linksaußen nach rechtsaußen gewanderten Publizisten Jürgen Elsässer.

Herausgeber des Magazins Compact.

Dessen Russland-Verbindungen wir schon nach der Okkupation der Krim unter die Lupe genommen haben – auch um dessen problematischen Einfluss auf den rechten Flügel der AfD aufzuzeigen. Ich nahm ihn damals in einem Kommentar als „umtriebigen Guru“ einer spinnerten moskauhörigen Verschwörungs-Szene aufs Korn. Dennoch bleibe ich dabei, Debatten nicht von vorneherein im Keim ersticken zu wollen.

Würden Sie dann zu einer geologischen Diskussion Flat Earther einladen, die die Erde für eine Scheibe halten, damit alle Positionen vertreten sind?

Nein.

In welchem Streit über Positionen, die denen der JF widersprechen, hat sie dem wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Konsens mal Tribut gezollt und nachgegeben?

Wir sind selbstverständlich von wissenschaftlichen Erkenntnissen getrieben. Aus meiner Sicht heißt konservativ ja gerade im Kern, Realitäten anzuerkennen.

Ein Beispiel: In den späten Neunzigern hat sich die Junge Freiheit vom extremen Rand der neuen Rechten und konservativen Revolution um Götz Kubitschek und Armin Mohler gelöst. Warum?

Bei verschiedenen Brüchen ging es auch um Politikfähigkeit und die Frage, wie und in welchem Umfang konservative Positionen in einem eher linksliberalen Meinungsumfeld tragfähig werden. Einige der Eierschalen sind generationenbedingt abgefallen. Sie dürfen nicht vergessen: Ich war noch Student, als die JF von monatlicher auf wöchentliche Erscheinung umgestellt hat, da sind wir mit einigen Fragen gedankenloser umgegangen.

Gedankenloser?

Oft zitiert wird unser Werbeslogan von 1992 „Jedes Abo eine konservative Revolution“, eine wenig reflektierte Provokation und Koketterie. Weil man an den Begriff nicht einfach unkritisch anschließen sollte, haben wir das später bewusst nicht wiederholt. Mit Götz Kubitschek habe ich mich auch überworfen, weil ich diese fortgesetzte unkritische Heldenverehrung der konservativen Revolution für grundfalsch halte. Genauso falsch ist es aber, alle Protagonisten dieser Strömung, von Ernst Jünger über Carl Schmitt bis zu Thomas Mann, pauschal als Wegbereiter des Nationalsozialismus abzufertigen. Wir versuchen kritisch in alle Richtungen zu sein. Deshalb war auch Armin Mohler 1994 untragbar, als er versuchte, radikalen Geschichtsrevisionismus ins Blatt zu lancieren.

Es ging damals also um die Frage, wie weit rechts die Zeitung stehen darf und soll?

Stark vereinfacht schon. Es gibt immer wieder die Gefahr, sich in ein politisches Ghetto zu manövrieren.

Hat sich die JF, um mit einem Slogan der AfD zu sprechen, vom gärigen Haufen früherer Tage befreit?

(überlegt lange)

Ist sie kompromissfähiger geworden, gesellschaftsfähiger?

Bei den Autoren haben wir uns stetig verbreitert, sicher sind wir auch älter geworden, erwachsener. Beim erwähnten Streit mit Kubitschek ging es auch darum, ob wir die NPD als politischen Gegner betrachten. Natürlich ist sie das. Eine Frage, die sich nach dem Aufkommen der AfD abermals stellte. Dutzende meiner Kommentare befassen sich damit, wie zu verhindern ist, dass die AfD im gesellschaftlichen Abseits landet.

Als Objekt, das von anderen dorthin gedrängt wird, oder als Subjekt, das diese Radikalisierung selbst vornimmt?

Am Ende ist jeder seines Glückes Schmied, aber die allgemeine gesellschaftliche Grundannahme besteht darin, eine Parteienergänzung von rechts – egal in welcher Form – überhaupt nicht zuzulassen. Dabei müsste eine konservativ-nationalliberale Partei, wie es sie auch in anderen europäischen Ländern gibt, das Normalste der Welt sein! Selbst das wird in den meisten deutschen Medien als unnormal dargestellt. Während der Euro-Krise 2013, das muss man einräumen, ist die AfD in der Wirtschaftspresse in den ersten Wochen tatsächlich wohlwollend hochgeschrieben worden, mehr als es ihrer anfänglichen Größe entsprochen hätte. Aber selbst da wurde bereits von allen Seiten permanent das „rechte Haar“ in der Suppe gesucht.

Das nennt man doch den journalistischen Auftrag.

Der ist auch legitim. Trotzdem zeigte sich im Bemühen, die AfD zügig regelrecht zu Kleinholz zu verarbeiten, eine Asymmetrie verglichen mit Parteien im restlichen Spektrum. Deshalb wurde der Fokus frühzeitig auf rechtsradikale Kapriolen gelegt.

Namentlich den Flügel.

Mit Björn Höcke als Chiffre. Trotzdem erfahren weder er noch gemäßigte AfD-Politiker mediale Fairness. Der Druck, den mittlerweile sogar konservative, CDU-nahe Professoren aushalten müssen, hat teils repressiven Charakter, während Sie als früheres RAF-Mitglied der Knaller auf jeder Journalistenparty in der Hauptstadt sind!

Hat das aktuelle Klima, in dem die AfD zur festen Größe praktisch aller deutschen Parlamente gewachsen ist, die Junge Freiheit quasi in deren Arme getrieben?

Nein, die Überzeugung, eine parteipolitische Ergänzung rechts der Union sei notwendig, stand von Anfang an bei uns im Mittelpunkt des Interesses. Nachdem ich 1984 die Junge Union verlassen hatte und 1985 über die Republikaner zur Absplitterung Freiheitliche Volkspartei gefunden habe, deren Jugendorgan die JF im ersten Jahr sein sollte, steckt die AfD quasi als Absplitterung der CDU schon in unserer politischen DNA. Ich bin seit 1987 zwar parteilos, aber die JF beobachtete stets rege Initiativen in dieser Richtung. Die Entwicklung vom Bund Freier Bürger über Schill-Partei bis zur AfD haben wir daher als einzige immer wohlwollend verfolgt.

Gibt es diesbezüglich eine Art rechtskonservatives Netzwerk, dass diese Entwicklungen publizistisch begleitet?

Netzwerk klingt so dramatisch überhöht. Politische Journalisten kennen sich und tauschen sich aus, mehr gibt es aus meiner Sicht nicht. Die konservative Zeitschrift Criticón war in den 80er Jahren ein wichtiger Kristallisationspunkt, der aber schon Anfang der 2000er Jahre untergegangen ist. Umso mehr war ihr Herausgeber Caspar von Schrenck-Notzing ein wichtiger Publizist, dessen Förderstiftung für konservative Bildung und Forschung ich als Stiftungsratsvorsitzender 2007 übernommen habe. Anders als beispielsweise das Deutschland-Magazin oder diverse Vertriebenenblätter war Criticón eben nicht von der CDU domestiziert, hat also keine Hofberichterstattung gemacht.

Ein Vorwurf, der Ihrer Zeitung jetzt gegenüber der AfD gemacht wird.

Was aber nicht stimmt. Unsere Aufgabe ist es auch dort, zu kritisieren, was schiefgeht. Und das tun wir regelmäßig.

Die Junge Freiheit steigert seit 20 Jahren kontinuierlich ihre Auflage auf mittlerweile mehr als 30.000. Ist sie wegen dieses Kurses zwischen moderater und radikaler Rechter aktuell so erfolgreich?

Ich sehe uns nicht in der Nähe eines radikal rechten Kurses. Und das Wachstumspotenzial ist auch keinesfalls ausgereizt. Wie bei allen anderen Medien liegt die Zukunft allerdings eher im digitalen Bereich, weshalb wir nach langer Programmierphase endlich seit einem Jahr eine Bezahlschranke haben. Zugleich ist unser Erfolg aber nicht exklusiv. Konservative Medien wie der Cicero, Achse des Guten oder Tichys Einblick haben sich stark entwickelt. Die Verbreiterung durch Konkurrenz als Gegenpol zu den dominierenden linken Medien finde ich sehr erfreulich.

Empfinden Sie sich dennoch als Avantgarde?

Die JF hat schon eine Vorreiterrolle übernommen.  Avantgarde klingt andererseits ein wenig anmaßend. Trotzdem freue ich mich, wenn wir als Vorbild für andere publizistische Projekte dienen – übrigens so, wie für mich die taz ein Vorbild war.

Ach…

Natürlich nicht inhaltlich, aber die Eigeninitiative dahinter war beispielhaft: Von der Basis gegründet, von den Lesern getragen, nicht von Großverlagen ausgebrütet, die Jahr für Jahr Dutzende konfektionierter Neugründungen auf den Markt werfen, ihr Personal hin und herschieben, Redaktionsgemeinschaften gründen und auflösen. Da hätte ich es übrigens schön gefunden, wenn zumindest Branchenmedien wie Ihres jenseits unserer politischen Haltung wenigstens unser Aufstiegsmodell einmal würdigen.

Seit wann ist die Junge Freiheit denn auch so profitabel?

Seit Ende der Nullerjahre. Das Geld für den Aufbau der JF als Wochenzeitung sammelten wir mithilfe einer Kommanditgesellschaft nach Beispiel der taz mit über 300 Gesellschaftern, die – breit gestreut – über drei Millionen Euro Haftungskapital beisteuern.

Wie ist es mit Crowdfunding?

Ende der Neunziger haben wir ein Kreis Freunde der JF gegründet, Leser regelmäßig persönlich angeschrieben. Inzwischen über 6000 aktive Förderer steckten in 25 Jahren so über zehn Millionen Euro in den Ausbau der JF. Es gab mal eine Phase, da betrug die Förderung fast ein Viertel unserer Gesamteinnahmen. Jetzt sind es noch etwa zehn Prozent, um unsere Art der Publizistik möglichst unabhängig zu finanzieren.

Wie sieht die Medienlandschaft, in der Sie Ihre Publizistik verorten, idealerweise aus?

So, dass sie die Bevölkerung weitgehend widerspiegelt und linke Haltungen nicht unverhältnismäßig stärker zum Ausdruck bringt als rechte. Wobei mir da eine Annäherung der Repräsentanz auch aus demokratietheoretischer Sicht schon reichen würde. Die öffentlich-rechtliche Unterrepräsentierung konservativer Haltungen empfinde ich da fast schon als kriminell.

Kriminell? Das klingt jetzt nach dem rechtsradikalen Begriff der Lügenpresse, den sie eigentlich meiden.

Dann ersetzen Sie ihn bitte durch hochproblematisch. Lügenpresse verwenden wir in der Tat alle nicht, aber dass der Begriff jetzt so Konjunktur hatte, hat eben auch mit der enormen Einseitigkeit der Berichterstattung in etablierten Medien zu tun. Selbst nach den Ereignissen von 2015, als viele Medien meinten, sie würden künftig ausgewogener über Flüchtlinge berichten, sind sie schnell wieder in kritiklose Muster zurückgefallen.

Aber wenn die Berichterstattung so wahnsinnig links ist, warum hatte Deutschland denn seit 1949 so selten linke Regierungen?

Wir haben bei der Bundestagswahl doch eine linke Regierungsmehrheit bekommen. Dennoch interessante Frage, die aber erst auf jene folgen kann, ob unionsgeführte Regierungen wirklich konservative oder grad in jüngerer Zeit nicht doch überwiegend faktisch sozialdemokratische Politik gemacht haben. Bis zum Aufkommen der AfD als Mitbewerber wurden konservative Strömungen und Positionen zuletzt in der Union systematisch zurückgedrängt. Dass es uns in einer solchen Atmosphäre, trotz teils terroristischer Angriffe wie beim Brandanschlag auf unsere Druckerei Mitte der Neunziger, trotz Anschlägen auch auf die Redaktion und mich selber schon so lange gibt, sehe ich da fast als ein Wunder.

Da Sie die JF bereits seit 35 Jahren betreiben. Schaffen Sie nochmals 35?

Bis ich 90 bin? Nein. Aber solange ich gesund bin, werde ich mich bei der Jungen Freiheit gewiss einbringen.

Könnten Sie denn loslassen?

Ich muss, denn viele konservative Blätter sind auch deshalb untergangen, weil ihre rechtzeitige Übergabe nicht funktioniert hat. Meine Aufgabe ist es, dies besser hinzukriegen.

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Kapitänsbinden & Styroporplatten

Die Gebrauchtwoche

TV

21. – 27. November

Schwer zu sagen, welche Symbolgeste der deutschen Nationalmannschaft gegen das terroristische Dreigestirn Katar, FIFA, Fußball-WM philosophisch tiefer ging: dank der Niederlage im Auftaktspiel vorsorglich das Achtelfinale zu boykottieren? Damit trotz fehlendem Public Viewing nicht mal mehr zehn Millionen Fernsehzuschauer*innen, wo zu erzielen, die ihre Freizeit stattdessen mit Demos gegen Homophobie und Arbeitsbedingungen (die MagentaTV übrigens noch egaler sind als Uli Hoeneß) vor Ort verbringen.

Oder bunte Kapitänsbinden durch schwarzweiße Handbewegungen zu ersetzten, die niemand versteht, aber für Aufmerksamkeit sorgen. Tatsache ist: weil sich die germanischen Einkommensmillionäre beim – nein, natürlich nicht Abspielen der Nationalhymne vor den Augen aller, sondern nebensächlichen Teamfoto danach die Hand vor den Mund gehalten haben und damit, tja – was noch mal genau symbolisiert: Zahnfäule Mundgeruch, Lippenherpes, sind Gleichberechtigung und Weltfrieden Wirklichkeit geworden, Korruption und Kapitalismus dagegen Geschichte. Danke DFB!

Dem Bild-TV demnächst nicht mehr in den gutgeölten Anus oder umgekehrt kriechen kann, weil es die Fernsehsparte des Springer-Blattes bald nicht mehr geben wird. Das deutsche Fox News für reaktionäre (Ge-)Wissensverweigerer baut dem Vernehmen nach bis zu 80 Stellen ab. Wenn diese Journalismus-Attrappe in absehbarer Zeit abgewickelt wird, bleibt der Menschheit künftig also ein Medium erspart, dessen Dummheit mit seiner Ignoranz aufsehenerregend um Deutungshoheit ringt.

Um die Deutungshoheit bei Disney ringen hingegen mal wieder Mittelmäßigkeit und Größenwahn. Nach nur drei Jahren Pause löst Bob Iger seinen Vornamensvetter und Vorgänger Chapek infolge verheerender Zahlen als CEO des globalen Entertainers ab und hat Weltmachtpläne im Gepäck: die Fusion mit Apple. Um Content und Technik zu vereinen, sagt Iger. Um Netflix und Prime zu vernichten, glaubt die Konkurrenz.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. November – 4. Dezember

Gut, bei letzterem könnte das sogar klappen – zumindest, sofern das Angebot so blutleer und dämlich gerät wie der deutsche Young-Adults-Achtteiler Love Addicts. Mit dem Tiefgang einer Styroporplatte will Amazon damit ab Mittwoch die Netflix-Serie Sex Education germanisieren, was so klischeetriefend (bl)öde ist, dass es nur Adoleszenzverweigerern gefällt, die Instagram-Reels für Kunst halten. Weil das der Aufmerksamkeitsspanne Zielgruppenzugehöriger entspricht, könnten die dreißigminütigen Clips jedoch sogar funktionieren.

Also auf digitaler Ebene ähnlich rätselhaft, aber messbar wie Mittelalterfiktionen der Sorte Die Wanderhure. Damit, einige Boomer erinnern sich, stürmte das Autorenduo Iny Klocke und Elmar Wolrath Anfang des Jahrtausends erst deutsche Bestsellerlisten, um von Sat1 in drei Schnulzen der dümmsten Art verwurstet zu werden. Heute widmet der BR den Eltern der Wanderhure ein Porträt, was vielleicht nicht anspruchsvoll, aber durchaus erhellend sein könnte.

Beides bietet das ARD-Biopic Alice ab Mittwoch in Reinkultur. Nina Gummich agiert als Feministin Schwarzer bis zur Emma-Gründung 1977 so glaubhaft, dass man diese Glanzzeit der Frauenbewegung tatsächlich ein bisschen besser versteht und zudem glänzend unterhalten wird. Letzteres wiederum gilt auch für die parallel startende Thrillerserie The Patient mit Steve Carell als Psychiater, der auf Disney+ einen Serienkiller betreut – damit aber auch die Web-Serie Frankenstream füttert, in der Arte ab Dienstag viermal 15 Minuten in seiner Mediathek erörtert, warum digitales Bingwatching die Welt vernichtet.

Apropos: weil Disney+ alles von George Lucas im Portfolio hat, setzt es dessen Fantasy-Klassiker Willow von 1988 zeitgleich als Sechsteiler fort. Ein Spin-Off aus Dan Browns Mystery-Kosmos zeigt RTL+ Donnerstag mit The Lost Symbol um den Illuminati-Spürhund Robert Langdon. Mit der Near-Future-Dystopie Hot Skull setzt Netflix tags drauf sein Angebot türkischer Formate fort. Währenddessen darf man gespannt sein, wie die Fortsetzung der Anti-Agenten Slow Horses gelingt und ob Franziska Hartmann in der ZDF-Reihe Was wir verbergen genauso brilliert wie zuletzt in Neuland.


Wetten, Musk… & Alice Kranitz

Die Gebrauchtwoche

TV

14. – 20. November

Die Woche, die war, war die Woche der Männer mit Missionen alter und neuer Art. Markus Lanz forderte die Klima-Aktivistin im Talk auf, artig und hoffnungsfroh gegen die Katastrophe anzukuscheln, anstatt sich irgendwo festzukleben. Frank Plasberg blieb letztmalig hart, aber (meistens) fair, brachte dem Ersten zum Abschied aber eine Erkältung mit. Donald Trump dagegen ist wieder da, zumindest bei Twitter, nachdem Elon Musk dort eine Umfrage zu dessen Rückkehr lanciert hatte, die überraschend – Vox Populi, Vox Dei – zu Gunsten des staatsterroristischen Berserkers (der allerdings vorerst gar nicht will) ausfiel.

Die Stimme des Volkes hat am Samstag auch ihrem König Tribut gezollt und Wetten, dass…? zehn Millionen Zuschauer*innen beschert. Wobei ZDF-Zombie Thomas Gottschalk mindestens ebenso viele Fremdschammomente fabrizierte, die Michelle Hunziker unermüdlich ausbügelte. Auf dem Weg zur Untoten befindet sich Katrin Vernau, die das Schlachtfeld ihrer Vorgängerin Patricia Schlesinger aufräumen, dafür 41 Millionen Euro einsparen muss, und wo sieht die RBB-Intendantin Sparpotenziale? Klar: Im Programm.

Also nicht ihrem Salär, auf das sie verzichten und sich doch ein Leben im Luxus leisten könnte. Letzteres gilt auch für Julian Reichelt, ein egopublizistischer Trumpist, dem der lausige Journalist Kurt Krömer im gleichnamigen Brachial-Talk mit Chez davon unerträgliche 30 Minuten Zeit gibt, sich unwidersprochen als Opfer zu stilisieren. „Sie benutzen Methoden, die Sie eigentlich abstoßend finden“, warf ihm der Gewalttäter Presse vor und schob die richtige Schlussfolgerung hinterher: „Das macht Sie und Ihre Methoden abstoßend.“

Und wenn an dieser Stelle von Untoten die Rede ist, darf der Untoteste nicht fehlen: Wladimir Putin. Sein Bombardement ukrainischer Städte hat deren Abwehrraketen auf polnisches Staatsgebiet fehlgeleitet und fast den NATO-Bündnisfall provoziert – was selbst gewissenlose Medien à la Bild angenehm abwartend begleitet haben. Sonst noch was? Gestern um fünf zum Beispiel? Ah ja: im Ersten lief Brisant, bei RTL Madagascar 3, auf Sat1 Harry Potter und irgendein Kanal zeigte vorm Traumschiff, wofür er einer kriminellen Organisation aberwitzige Millionenbeträge zahlt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

21. – 27. November

Die wichtigste Geldquelle dieser Bande korrupter Mafiosi ist mitverantwortlich dafür, dass ARD und ZDF oder RTL und Sat1, aber auch die Streamingdienste der vorweihnachtlichen Tage kaum Spektakuläres im Programm haben. Am unbeeindrucktesten zeigt sich da noch Apple TV+, wo Mittwoch die sündhaft teure Testosteron-Dusche Echo 3 mit Luke Evans ohne als Luke Evans mit erhöhtem Adrenalin-Ausstoß startet. Inhalt? Bämmm! Ansonsten: egal.

Disney+ schickt derweil die Anwaltsserie Reasonable Doubt mit – Achtung, schräg: unkonventioneller Anwältin gegen Bälle ins Rennen. Weil das zweiteilige Biopic Alice die großartige Nina Gummich als Deutschlands Top-Feministin (Schwarzer) bis zur Emma-Gründung 1977 porträtiert, läuft es parallel in der ARD-Mediathek außer Konkurrenz. Und auch die zweite Staffel von und mit Jan Georg Schütte als Paartherapeut Kranitz an gleicher Stelle, richtet sich zwei Tage später eher an Fußballkostverächter*innen.

Und sonst so? Am Freitag verarbeitet Peacocks A Friend of the Family auf Sky einen real existierenden Entführungsfall plus sexuellem Missbrauch der Siebzigerjahre in einer Miniserie. Tags zuvor startet bei Arte Mike Bartletts Dramedy-Sechsteiler Life um ein disruptives Mehrfamilienhaus in Manchester. Schon morgen skizziert der Kulturkanal in seiner Mediathek die vielleicht tödlichste Substanz der Zivilisationsgeschichte: Zucker.

Zum Wochenende dann überrascht RTL+ mit der sechsteiligen HipHop-Dokumentation The Future is Female über stressresiliente Rapperinnen im Männerzirkus. Und damit hier auch die Generation Z ein bisschen grundversorgt wird: Bei Youtube läuft gerade die 2. Staffel der Survival-Show 7 vs. Wild, wogegen das Dschungelcamp auf RTL eine etwas ungemütlichere Variante von Jochen Schweitzers Outdoor-Urlaub-Abzocken ist.


Instrument, Meskerem Mees, Warhaus

Instrument

In der Rubrik “Bands, die schwer zu googeln sind”, befinden sich von Messer über Dÿse bis KoЯn viele, unter denen eine digital besonders unauffindbar ist: Instrument. Selbst mit dem Zusatz “Band” landet man, klaro, bei Instrumenten aller Art. Erst wer den Mastermind Markus Schäfer dahinter hinzufügt, kriegt ein paar Treffer, die allesamt ein Genre enthalten, das fürs Münchner Trio förmlich erfunden wurde: Post-Rock. Weiter von elektrischer Gitarrenklassik entfernt könnte man kaum sein und gleichsam näher dran.

Englisch betextet, schreddert es seit dem selbstbetitelten Debütalbum von 2010 und mehr noch, dessen Nachfolger Olympus Mons vor zehn Jahren tradierte Harmonien mit tradierter Harmonie, legt elegische Flächen über Viervierteltakte und macht aus Rock Antirock, der so viel Jazz und Noise atmet, dass er auch auf der vierten Platte Sonic Cure ein bisschen so klingt, als würde Frank Zappa mit Messer, Dÿse und KoЯn Instrumente tauschen. Selten ist Abwegiges eingängiger, selten Postrock poppiger.

Instrument – Sonic Cure (The Instrument Village)

Meskerem Mees

Auch Meskerem Mees’ Name ist so sperrig wie ihre Musik. Und doch kann sich zwei Jahre nach ihrer Debütsingle Joe vermutlich kaum jemand, der/die Musik über massentaugliche Codes und Mechanismen hinaus definiert, dem Sound der Belgierin entziehen. Irgendwo zwischen Blue Gras und Trashpop, Cool Jazz und Neofolk. Kimya Dawson und  Billy Eilish wildert die POC mit der Westerngitarre im globalen Soundfundus und wird allerorten fündig.

Ihr Debütalbum Julius reiste damit erfolgreich über Jazz- und Popfestivals. Jetzt erscheint eine Art Nachfolger, der den Bestand erneuert und ein paar Neuigkeiten hinzufügt, aber vor allem dies zeigt: Meskerems herausragendes Gespür für die Leichtigkeit im Schwermut und umgekehrt, ein Talent zu konzentriertem Bedroompop im Central Park, bei dem man zugleich weg- und mitnicken möchte. Moldy Peaches der 2020er Jahre gewissermaßen, nicht weiter von Belang, ungemein dringlich.

Meskerem Mees – Caesar (My Way Records)

Warhaus

Direkt aus dem Bett scheint auch Meskerem Meeses Landsmann Maarten Devoldere ins Studio gewankt zu sein, als es dort das Album mit dem wunderbar lakonischen Titel Ha Ha Heartbreak für sein Sideprojekt aufgenommen hat. Seit langem schon pflegt er mit seiner Indierock-Band Balthazar ja den Spagat orchestralen Easy Listenings. Mit Warhaus allerdings beschreitet der dabei geradezu ekklektizistische Spierenzchen.

Sein – dank der flüsternden Stimme – ständig grundsedierter Garagenpop lässt sich von Ufer zu Ufer treiben, streift hier mal New Romantic der Achtziger (I Had To Be You), dort funkigen Neosoul der Neunziger (When I Am With You) und klingt dabei immer wie eine Art Laid Beck auf Sizilien, wo er Ha Ha Heartbreak angeblich in einer Hotelsuite ersonnen hat. Glauben wir’s ihm mal und erfreuen uns an einer Lässigkeit, für die man das urbane Gent vermutlich schon ein paar Tausend Kilometer hinter sich lassen sollte.

Warhaus – Ha Ha Heartbreak (PIAS)


Fernsehretrowelle: Wetten, dass…? & TV total

Als die Welt noch in Ordnung war

0thomas-gottschalk-wetten-dass-100~1280x720Die Retrowelle spült gerade Dutzende alter Fernsehsendungen wie TV total oder Die 100.000 Mark Show durchs Programm. Aber warum? Eine Spurensuche zur morgigen Winterausgabe von Gottschalks ewiger Wettshow (Foto: ZDF), die bald wieder öfter laufen könnte.

Von Jan Freitag

Die Deutschen sind keine Fans robuster Revolutionen – auch wenn sie mittlerweile Motoren, Make-up, Milchprodukte so nennen. Abgesehen von 1989 also lag Lenin richtig, wir würden vorm Gleissturm eine Bahnsteigkarte lösen. Wie suspekt uns der Wandel verglichen mit dem Status Quo ist, erklärt aber auch ein Blick ins Fernsehprogramm: Bei RTL richtet Barbara Salesch, auf Sat1 talkt Britt Hagedorn und ProSieben hat TV total reanimiert, derweil Kai Pflaume aka JBK durch Hans Rosenthals Dalli Dalli hüpft.

Wenn Thomas Gottschalk Samstag blond wie 1999 zu Wetten, dass…? lädt, könnte man das Krisenjahr 2022 also glatt mit dem sorglosen von damals verwechseln, als die Twin-Towers noch über New York thronten, Stefan Raabs über den Maschen-Draht-Zaun sang und unser Geld zehn Groschen hatte. Apropos: Ulla Kock am Brink ist ebenfalls zurück auf großer Fernsehbühne, wo sie seit September Die 100.000 Mark Show moderiert.

Fast 22 Jahre nach der Währungsreform ist das im Gegensatz zur Idee fast schon ein origineller Titel – der gut 15 Jahre nach einem Revival mit Euro im Gewinntopf und Bause am Mikro bei doppeltem Nostalgiefaktor belegt, wer den Gebrauchtwarenfundus am liebsten durchwühlt. RTL-Geschäftsführer Henning Tewes klingt da geradezu drollig, wenn er seinen Sender als „Innovationstreiber“ bezeichnet.

Denn während sein Sender von Ruck Zuck über 7 Tage, 7 Köpfe bis Der Preis ist heiß so viel Tiefkühlkost erwärmt, dass selbst die Rückkehr von Tutti Frutti oder Pronto Salvatore nicht ausgeschlossen scheint, finden kreative Überraschungen allenfalls beim digitalen RTL+ statt. „Je unsicherer die Zeiten, desto größer der Wunsch nach Vertrautem“, sagte Tewes zum Mediendienst DWDL, „da fragt das Publikum Zeitreisen zu geliebten und vertrauten Fernsehmomenten nach“.

Für einen Bilderstürmer, der das Metier mal angebotsorientiert durcheinanderwirbelte, ist das ein nachfrageorientiertes, also mutloses Konzept. Schließlich haben die Privatsender ihre öffentlich-rechtliche Konkurrenz mit Der heiße Stuhl (Revival 2016), Glücksrad (Revival 2016) und RTL Samstag Nacht (Revival 2022) einst vor sich hergetrieben. Und während deren Retrowelle aktuell beim Herzblatt endet, recyceln kommerzielle Kanäle bereits Formate der Nuller, wie ProSieben mit Wok-WM oder Turmspringen zeigt.

Die erneute Rückkehr von Wetten, dass…? taugt da weder als Ausnahmeregel noch Gegenbeweis, denn Europas erfolgreichste Fernsehshow war ja nie weg. Im Gegenteil. Gleich nach Markus Lanz unseligen Finale 2014 wurden alle Herdplatten der Gerüchteküche an- und nicht mehr abgedreht. Bevorzugter Nachfolgekoch im medialen Kaffeesatzlesezirkel: Thomas Gottschalk. Von keinem Hüter des Fernsehlagerfeuers versprechen sich die Leute mehr hedonistische Ablenkung.

Das klassenlose Überwältigungseinerlei vom „goldenen Bub“, wie ihn Martin Walser lobte, hilft sogar den Ermüdungsbruch aktueller Fernsehunterhaltung zu schienen. Ob Musik, Mode, Mobiliar oder Medien: dass die Achtziger ihr Comeback mittlerweile im Jahres- statt Dekaden-Rhythmus feiern, dass selbst die ästhetisch grässlichen Neunziger so satisfaktionsfähig sind wie im Rokoko Puderperücken, hat ja nicht nur mit Nostalgie, sondern Fantasielosigkeit zu tun.

Neue Showformate? Erfinden praktisch nur noch Joko & Klaas, erzielen damit gegen Netflix, Gaming, Mediatheken aber nur noch geringe Quoten. Von 14 Millionen, die Tommi 2021 an der Wettcouch versammelte, können selbst Tatorte da nur träumen. Und wenn sich 2022 Herbert Grönemeyer dazu setzt und Robbie Williams, wenn wie immer kurz Hollywood gastiert (John Malkovich) und etwas länger Babelsberg (Veronica Ferres), wenn Bagger was balancieren und Bully blödelt, dann ist alles ein bisschen wie damals, als die Welt zwar nicht in Ordnung war, aber ein bisschen so wirkte.

„Wetten, dass…?“, 19. November, 20.15 Uhr, ZDF


Wok-WM & Fußball-Folter

Die Gebrauchtwoche

TV

7. – 13. November

Es ist natürlich (und war auch nie) korrekt, dass Fernsehen früher besser war, aber schlechter, darauf kann man sich vielleicht einigen, war es ohne Bild-TV schon mal gar nicht. Gute zwei Jahre lang haben gewissen-, rückgrat- und kompetenzbefreite Journalismus-Attrappen dort auf kleiner Frequenzflamme großspurig Nachrichtenrundfunk simuliert; nun scheint es, als würde das rechtspopulistische Schmierentheater am mangelnden Erfolg verenden – ein Hoffnungssignal im Meer publizistischer Ignoranz.

Die einen – wie der rechtspopulistische Medienkriegskorvettenkapitän Claus Strunz – versinken womöglich im Grab der Bedeutungslosigkeit. Die anderen – wie Stefan Raabs unverwüstliche Wok-WM – werden wie dieses Wochenende mit Topquoten bei ProSieben exhumiert. Und Wetten, dass…? – dessen Ende schon immer irgendwie vorläufig erschien – dürfte laut Flurfunk des ZDF bald dauerhaft, also mehr als einmal jährlich aus den Ruinen von Markus Lanz auferstehen. All das aber steht tief im Schatten Untoter wie der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft.

Denn die definiert ab Sonntag vier Wochen lang nicht nur den Alltag aller Fans weltweit, sondern das Freizeitangebot ihrer Herren Länder. Während Dokumentationen übers verbrecherische Feudalsystem der FIFA – etwa Jochen Breyers folgenschwere ZDF-Analyse Geheimsache Katar oder Daniel Gordons unfassbar gut recherchierte Netflix-Serie Fifa Uncovered über die Geschichte einer mafiösen Organisation und ihrer Paten von João Havelange über Sepp Blatter bis Gianni Infantino kaum wahrnehmbar bleiben, wird sich um 17 Uhr MEZ ein Vielfaches ihrer Abrufzahlen weltweit vor den Flatscreens versammeln.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

14. – 20. November

Dann startet das Eröffnungsspiel der gastgebenden Diktatur gegen Ecuador, und so lautstark Zuschauboykotte jeder Art verkündet werden, so sicher werden sie vielerorts Lippenbekenntnisse bleiben. Die Einschaltquote von Thomas Hitzlpergers bemerkenswerter Binnensicht Katar – warum nur? kriegt heute im Ersten zwar die beste Anstoßzeit; ihr Publikum dürfte aber nur einen Bruchteil durchschnittlicher WM-Spiele zählen. Von Wetten, dass…? am Abend zuvor mal ganz zu schweigen.

Als Teil des crossmedialen ARD-Thementags zählt übrigens auch der nächste Streich von Olli Dittrich, der zur zuschauerfreundlichen Sendezeit um 23.20 Uhr in die Rolle von Infantinos Friseur tritt und als Leo Marchetti und die FIFA Milliarden wieder mal realistischer als die Wirklichkeit sein dürfte. Darüber hinaus ist es den Plattformen und Portalen zu verdanken, dass die Fernsehangebote sich in Konkurrenz zum übermächtigen Fußball nicht in B-Movies und Altware erschöpfen.

Parallel zum ARD-Schwerpunkt etwa stellt das ZDF heute Orkun Erteners Dramaserie Neuland in die Mediathek. Unter der Regie von Jens Wischnewski geht es sechs Teile um unterschiedliche Frauen einer seltsam urbanen Kleinstadt und wie das Verschwinden einer zweifachen Mutter Narben, Brüche, Disruptionen ihrer nachbarschaftlichen Scheinidylle entlarvt. Auch seine Freundschaftskomödie Der Spalter mit Axel Stein als ebenjener stellt das Zweite am Mittwoch vorerst ins Netz.

Dorthin, wo Netflix zuhause ist und drei Tage vorm WM-Start die teuerste Fiktion aus deutscher Herstellung startet. 1899 handelt von einem Dampfer voll Auswanderer, das im Serientiteljahr auf dem Weg nach New York Höhe Bermudadreieck ein vermisstes Schwesterschiff trifft, was Mensch und Maschinen durch Zeit und Raum schleudert. In bewährter Dark-Manier haben Jantje Friese und Baran bo Odar damit Mystery kreiert, in der absolut alles zu jeder Zeit bedeutungsschwanger ist.

Für Außenstehende durchs dauerdräuende Stochern im Nebel selbstreferenzieller Gruseleffekte vorwiegend nervig, dürfte der Achtteiler für Genrefans das Nonplusultra sein – so wie die vorweihnachtliche Saison-Eröffnung Santa Clause Mittwoch auf Disney+ Feststimmungsanfällige glücklich machen dürfte und die deutsch-österreichische Prime-Schnulze Sachertorte zwei Tage drauf alle Pilcher-Süchtigen. Na ja, ist doch schön, wenn für jeden Geschmack was dabei ist – findet übrigens auch die neue, 17. Folge von Och, eine noch – der Fernsehpodcast.


Business Insider Kayhan Özgenc & Jakob Wais

Business Insider

Die hat noch immer nicht begriffen…

Der Fall von RBB-Intendantin Patricia Schlesinger hat den Business Insider in Deutschland bekannt gemacht. Chefredakteur Kayhan Özgenc und Jakob Wais (Foto: Hannes Wiedemann), Vorsitzender von Chefredaktion und Geschäftsführung, sprechen im exklusiven journalist-Interview über ihre intensiven Recherchen, die Kampagnenfähigkeit von Springer und die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Özgenc, Herr Wais – haben Sie das Interview mit Patricia Schlesinger in der aktuellen Zeit gelesen?

Kayhan Özgenc: Klar, sogar in der Print-Ausgabe! Einerseits, um sie als besondere Erinnerung beiseitezulegen. Andererseits entfalten besonders die Bilder von Patricia Schlesinger auf Papier noch mal eine ganz andere Wirkung.

Jakob Wais: Ich habe es komplett digital gelesen.

Özgenc: (lacht) Jakob ist halt doch noch mal eine andere Generation als ich, der liest fast gar nichts Gedrucktes mehr.

Wais: Zumindest keine klassischen Medien. Ein Digital-Abo, das ich mir persönlich leiste, ist eines der Financial Times, deren App einfach hervorragend abgebildet ist. Was ich aber noch viel auf richtigem Papier lese, sind Bücher. Auf die kann ich mich auf dem Kindle einfach weniger einlassen als gedruckt. Aber das Zeit-Interview habe ich online gelesen.

Und was war Ihr Eindruck von den Antworten der früheren RBB-Chefin, deren fristlose Entlassung mit Ihrer Berichterstattung seinen Anfang nahm?

Özgenc: Bemerkenswert. Insbesondere der Satz, wenn sie jetzt auf der Straße erkannt werde, würden die meisten zu ihr sagen: halt durch! Auch wenn das im Einzelfall vorkommen mag, passt diese Einschätzung perfekt zum Krisenmanagement von RBB und Patricia Schlesinger.

Wais: Als er das gelesen hat, meinte Kayhan sofort zu mir, die hat wirklich noch immer nicht begriffen, worum es bei der Sache wirklich geht.

Nämlich?

Özgenc: Patricia Schlesinger scheint noch immer der Meinung zu sein, irgendwelche Gegner im eigenen Haus hätten Interna verfälscht nach außen getragen, worüber sie dann gestürzt sei. Diese Mitarbeiter seien also schuld an ihrem Aus. Es mangelt ihr offenbar bis heute an Verständnis, Selbstkritik, Demut – von Reue gar nicht zu sprechen – darüber, dass sie womöglich übers Maß ihrer Privilegien hinausgeschossen ist. Und das, während kaum jemand im Sender sagt, wie schade es sei, dass Patricia Schlesinger ehen musste. Diese Stimmung überhaupt nicht wahrzunehmen, ist besonders für eine Journalistin, die ja davon lebt, Stimmungen zu erspüren, schon überraschend.

Wais: Wobei man ihr vielleicht zugutehalten muss, dass sie dieses Interview im Verlauf eines schwebenden Verfahrens gegeben hat und man deshalb auch nicht zu viel Offenheit erwarten darf.

Von Schuldeingeständnissen ganz zu schweigen.

Wais: Trotzdem befremdet mich, wie sie Dinge, die ihr vorgeworfen werden, mit ihrer inhaltlichen Arbeit vermischt. Es geht in der RBB-Affäre ja gar nicht so sehr um justiziable Verfehlungen, sondern das Versagen derCorporate Governance. So wie ich das Interview verstehe, hat sie weiterhin nicht begriffen, dass beides verheerend ist. Ob ihre Verfehlungen absichtlich erfolgt sind oder weil sie die Materie inhaltlich nicht durchdringen konnte, ist dabei fast zweitrangig.

Ihr illegitimes Verhalten ist bedeutender als ihr illegales?

Özgenc: Zumindest in der Wirkung über den RBB hinaus. Denn je tiefer die Recherchen aller Medien gegangen sind, desto stärker kam die Machtfülle der Führungsgremien ohne entsprechende Kontrollmechanismen zum Vorschein. Und das, obwohl die Möglichkeiten dafür nirgendwo in der Medienbranche so groß sind wie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. All diese Rundfunk- und Verwaltungsräte haben Verlage wie Axel Springer in der Regel ja gar nicht. Trotzdem hatte die Kontrolle gegenüber der Machtfülle anscheinend keine Chance. Mittlerweile ist bei der ARD von Fürstentümern die Rede.

Wais: Oder gar Monarchie.

Özgenc: Und in solchen Strukturen zeigt sich häufig, wie die Leute darin ihre Bodenhaftung verlieren. Ein gutes Beispiel dafür ist der frühere VW-Chef Herbert Diess, der mit hehren Zielen angetreten ist und dann als Nr. 1 von Europas größtem Autobauer irgendwann dem Helmut-Kohl-Syndrom erlag, also beratungsresistent wurde.

Geschieht das bei entsprechender Machtfülle automatisch oder ist es auch eine Mentalitätsfrage?

Özgenc: Es ist jedenfalls eine Mentalitätsfrage, auch an der Spitze Ratgeber an sich heranzulassen, statt nur noch Jasager. Und bei Patricia Schlesinger überrascht mich die Instinktlosigkeit schon deshalb, weil sie als Journalistin offenbar sehr guten Instinkt für Geschichten und Formate hatte. Ich kenne sie zwar nicht persönlich, aber ganz oben muss ihr der irgendwie abhandengekommen sein.

Das klingt so, als hätten Sie Patricia Schlesinger bis zu den Hinweisen vom RBB über Unregelmäßigkeiten überhaupt nicht auf dem Schirm gehabt.

Wais: Ja. Wobei am Anfang der Geschichte noch ein dubioser Vorgang an der Messe Berlin stand, dem unser Reporter Jan Wehmeyer – der den Großteil unserer Recherchen geleistet hat – daraufhin nachgegangen ist. Im Gespräch waren wir uns da noch unsicher, ob das Thema für den Business Insider nicht zu lokal sei. Aber als er herausgefunden hat, dass der RBB da womöglich mit drinhängt, wurde es auch überregional interessant. Richtig groß ist sie, neben den starken investigativen Recherchen, auch durchs Krisenmanagement von Patricia Schlesinger und des gesamten RBB geworden.

Özgenc: Die hatten die Geschichte völlig falsch eingeschätzt.

Wais: Ganz sicher jedenfalls haben sie sie am Anfang nicht ernst genug genommen und danach sofort versucht, das Ganze medienrechtlich anzugehen.

Özgenc: So gesehen war es ein Glücksfund mit gravierenden Folgen für uns und den Sender. Die Messe-Gesellschaft war bei einer internen Überprüfung, die etwas völlig anderes zum Gegenstand hatte, auf den Beratervertrag mit Gerhard Spörl über insgesamt rund 140.000 Euro für Media Coaching und irgendein Buchprojekt gestoßen. Als rauskam, dass ihm Wolf-Dieter Wolf – zugleich Messe-Aufsichtsratschef und Mitglied im RBB-Verwaltungsrat – diesen Vertrag zugeschanzt haben könnte, zeigte sich plötzlich das magische Dreieck mit Spörls Frau Schlesinger. Und von dort aus wurde der Weg von Wolfs Immobilienbranche zum geplanten digitalen Medienhaus des RBB immer kürzer.

Hätte es ein Mea Culpa seitens von Schlesinger und den RBB-Gremien unterhalb des überregionalen Radars belassen?

Wais: Nein, denn die Vorgänge beim RBB sind schon deshalb eine bundesweite Geschichte, weil Patricia Schlesinger damals ARD-Vorsitzende war.

Özgenc: Und dazu unter vielen eher unscheinbaren Intendanten eine bekannte Persönlichkeit, wenn nicht gar das Gesicht der ARD.

Wais: Das hat am Ende geholfen, die Geschichte so groß zu fahren, dass uns der RBB wie erwähnt schon früh presserechtliche Schritte angedroht hatte. Die sind mit einiger Verzögerung auch erfolgt, aber wir konnten die Aufforderungen zur Unterlassung in allen Punkten zurückweisen. Die Stärke unserer Recherchen war für alle Kolleginnen und Kollegen also auch dahingehend wichtig, dass sie ohne Angst vor Konsequenzen weiter recherchieren konnten.

Özgenc: Wobei unter all den Fehlern des RBB der größte vielleicht darin bestand, dass Patricia Schlesinger ihr eigenes Haus gegen sich aufgebracht hat. Uns wurde die Aufzeichnung einer Belegschaftsversammlung von Anfang Juli zugespielt, auf der sie einerseits alle Vorwürfe als haltlose Mutmaßungen abtat, wogegen man mit aller Macht vorgehen würde. Danach aber ließ sie Nachfragen ihrer Mitarbeiter zum eigenen Verhalten unter Verweis auf presserechtlichen Fragen unbeantwortet.

Wais: Der Unmut, der daraufhin unter den Teilnehmenden aufkam, war förmlich greifbar.

Özgenc: Eine Redakteurin fragte etwa, ob es nicht vielleicht instinktlos sei, sich während weitreichender Sparmaßnahmen das eigene Gehalt zu erhöhen. In der Sitzung hat Patricia Schlesinger dann ihre eigenen Leute beschimpft und das Leaken solcher Informationen – ausgerechnet an Axel-Springer-Medien – als Akt der Illoyalität bezeichnet. Das war schon krass und hat uns und anderen Medien den Nährboden für weitere Berichterstattung bereitet.

Wurde der dadurch noch fruchtbarer, weil Schlesingers Drohung juristischer Schritte gegen Sie und andere sozusagen Zurückbeißreflexe hervorgerufen hat?

Özgenc: Im Sinne von „jetzt erst recht“? Ja! (lacht)

Wais: It’s a sport! Wir begegnen uns auf einem Spielfeld mit festem Regelwerk, aber als junges wachsendes Unternehmen müssen wir dort natürlich umso besser vorbereitet sein. Besonders bei kritischen Recherchen sehen wir uns schließlich oft frühzeitig mit einer schlagkräftigen Armada gut ausgebildeter Medienrechtlerinnen und -rechtlern konfrontiert, die beim Gefühl, angegriffen zu werden, zurückschlagen – und zwar ganz gezielt mit dem Versuch, kritische Berichterstattung im Keim zu ersticken.

Wobei auch Axel Springers Rechtsabteilung da gut besetzt und schlagfertig ist.

Wais: Da sind wir als Teil dieses Verlages in der Tat privilegierter als kleinere Medien, die da oft auf sich allein gestellt sind. Trotzdem ist es auch für uns eine ernstzunehmende Botschaft, wenn eine Funkanstalt wie der RBB einen so renommierten Anwalt auf uns ansetzt.Das heißt aber nicht, dass wir unsere Recherchen einschränken.

Özgenc: Im Gegenteil. Die Inhalte unserer Recherche waren so stark, dass wir nichts größer machen mussten als es ohnehin war und ist. Schon so hatte niemand hier im Haus diese Dynamik der Geschichte erwartet – das ging ja bis hin zur Vorladung in den Landtag, auf der sie nicht erschienen ist, aber hinterher dem Tagesspiegel ein Interview gibt. Am Anfang der Affäre stand die Frage im Raum: wer ist glaubwürdiger – Business Insider oder Patricia Schlesinger? Die wurde schnell zu unseren Gunsten beantwortet.

Wais: Umso wichtiger war es, unsere Berichterstattung nicht durch Nachlässigkeiten angreifbar zu machen. Deshalb haben wir nur noch präziser, noch akribischer, noch intensiver recherchiert.

Özgenc: Zumal der RBB in der Frühphase sogar noch versucht hat, zu tricksen. Als Jan Wehmeyer zum Beispiel bei der Cateringfirma angerufen hat, die diese teuren Abendessen bei Patricia Schlesinger zuhause ausrichten durfte, hieß es plötzlich, er habe sich als RBB-Mitarbeiter ausgegeben. Völliger Quatsch, den wir im Dienst der Transparenz auch in unserer Berichterstattung erwähnt haben – schon, um die Karten in der Hand zu behalten, falls das Thema später noch mal aufkommt.

Wais: Man muss da auch berücksichtigen, wo wir herkommen. Noch vor drei Monaten waren wir deutlich unbekannter. Während ein etabliertes Magazin wie der Spiegel niemandem mehr seine journalistische Kompetenz beweisen muss, stehen wir da noch stark unter Beobachtung. Deshalb war eine Erzählung wie mit der Catering-Firma für uns viel gefährlicher als sie für ein arriviertes Medium gewesen wäre.

Auch, weil der Begriff „Business“ im Titel hierzulande links und rechts der FDP gelegentlich Abwehrimpulse auslöst?

Wais: Vielleicht auch das. Da durch die Folgen der Enthüllungen a) die Relevanz, b) die Verlässlichkeit und c) die Wirkmacht des Business Insider gewissermaßen verbrieft worden sind, dürfte das allerdings abnehmen und die Investition in den Aufbau einer investigativen Redaktion vor zwei Jahren nachträglich mehr als rechtfertigen.

Mit schönem Gruß an Patricia Schlesinger. So viel Werbung wie von ihr hätten Sie sich gar nicht leisten können…

Özgenc: Eine solche Werbe-Kampagne wäre wirklich unbezahlbar gewesen (lacht).

Den Aufwand einer zeitaufwändigen, personalintensiven Verdachtsberichterstattung lässt sich Ihr Verlag dafür umso mehr kosten…

Özgenc: Ja. Stück für Stück für Stück ging es vom Beratervertrag der Messe Berlin über die Sache mit dem digitalen RBB-Medienhaus zu den Tricksereien der Abendessen bei Schlesingers. Und irgendwann kulminierte alles im mondscheinblauen A8 für 145.000 Euro inklusive eines Leasingvertrags, über den inklusive merkwürdiger Rabatte Stillschweigen vereinbart wurde. Interessanterweise sind weder er noch explodierende Kosten eines Medienhauses, das eigentlich niemand braucht, zum Inbegriff der Affäre geworden, sondern die legendären Massagesitze im Audi.

Wann haben Sie Patricia Schlesinger mit all den Rechercheergebnissen konfrontiert?

Özgenç: Gleich am Anfang und bei jeder weiteren Recherche aufs Neue. Wir hatten ja nicht alles auf einmal und uns dann einen Drehplan überlegt. Wir haben immer weiter recherchiert, nach und nach berichtet und entsprechend auch nach und nach konfrontiert.

Und wie hat Sie darauf unmittelbar reagiert?

Wais: Die Pressestelle hat uns stets Antworten auf unsere Fragen geschickt, die wir dann in die Texte eingearbeitet haben. Direkten Kontakt hatten wir zu ihr nie.

Entwickelt man angesichts der Möglichkeit, eine so einflussreiche Person des öffentlichen Lebens zu Fall zu bringen, eigentlich so was wie Jagdfieber bei der Recherche?

Wais: Nein.

Hand aufs Herz?

Wais: Ganz ehrlich. Wenn Sie „Jagdfieber“ durch „journalistische Leidenschaft“ ersetzen und „zu Fall bringen“ durch den Drang, eine Geschichte so groß und wahr wie möglich erzählen zu wollen, lautet die Antwort ja. Dagegen hätte Jagdfieber Einfluss auf unsere Wirkung bei denen, die uns lesen. Die wollen bei aller gebotenen Härte in der Sache Fairness im Umgang mit den Berichtsobjekten.

Özgenc: Trotzdem gab es im Gegenwind von Patricia Schlesinger ehrlich gesagt schon auch ein Gefühl von „jetzt erst recht“ – etwa, als sie uns namentlich in der angesprochenen Belegschaftssitzung attackiert hat.

Wais: Aber auch dann darf man Maß und Mitte nie aus dem Blick verlieren.

Özgenc: Wozu das führt, hat man doch spätestens bei der Jagd auf den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulf gespürt. Deshalb haben wir nicht nur versucht, auf jede Art von Polemik zu verzichten, sondern uns auch Kommentare und Meinungsbeiträge verboten – etwa zur Abschaffung der ARD, die viele im Anschluss an die Affäre gefordert haben.

Aber genau an dem Punkt stand doch die Frage nach Ihrer Unbefangenheit im Raum.

Wais: Warum?

Weil Sie als Teil der Axel Springer SE einem Verlag angehören, der sich seit Jahrzehnten in unmissverständlicher Frontstellung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bis hin zur Forderung befindet, ihn abzuschaffen.

Özgenc: Eine Abschaffung stand nie zur Debatte.

Die Bild jedenfalls stellt die Beitragsfinanzierung andauernd infrage und spricht konsequent von Zwangsgebühren.

Özgenc: Sollte es eine Frontstellung von welcher Seite auch immer geben, dann gilt sie nicht für uns. Dafür kenne ich viel zu viele richtig gute Journalistinnen und Journalisten bei ARD und ZDF. Wir hatten sogar schon Recherche-Kooperationen mit Frontal 21. Diese Frontstellung klingt für mich nach Vorgestern.

Wais: Was ich auch bei Axel Springer eher wahrnehme als Frontstellungen, ist der große, aufrichtige Wunsch eines besser gemanagten öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Im Sinne von Staatsvertrag und good governance müssen wir alle unablässig beobachten, ob dieses System seine Gebührengelder im Dienste der Zahlenden einsetzt. Wenn ich dann sehe, dass RBB-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter für fairere Bezahlung auf die Straße gehen, während die Geschäftsleitung sich Boni gewährt und ihre Büros luxusrenovieren lässt, kann und soll man das thematisieren – aber immer mit Fakten und Belegen.

Özgenc: Zumal Kampagnen-Vorwürfe nahezu ausnahmslos von der RBB-Spitze um Patricia Schlesinger kamen. Sie können sich kaum vorstellen, wie viele Dankesschreiben wir hingegen mittlerweile von Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gekriegt haben, die zum Ausdruck bringen: endlich kommt das alles mal raus. Die Frontstellung geht abgesehen von Einzelmeinungen also von keiner Seite aus.

Der Vorwurf gezielter Kampagnen ging allerdings gar nicht gegen den Business Insider im Besonderen, sondern Axel Springer im Allgemeinen…

Özgenc: Aber auch da muss man der vorherrschenden Meinung entgegentreten, Axel-Springer-Angestellte würden morgens vor Dienstantritt erst mal zur Geschäftsführung gehen und ihre Tagesbefehle abholen, gegen wen heute angeschrieben wird. Ich bin seit 2011 – erst bei Bild am Sonntag, jetzt beim Business Insider – im Verlag, und es gab nicht eine einzige Situation, in der die Verlegerin, der Vorstand oder jemand von der Bild versucht hätte, uns Vorgaben zu machen, irgendwen zu torpedieren oder auch zu verschonen.

Wais: Ich finde sogar, dass wir ein gutes Beispiel dafür sind, wie sich auch Axel Springer um starken, unabhängigen Journalismus bemüht. Dass so viel in uns und unser investigatives Team investiert wurde, ist gerade in unserer ökonomisch hochkomplexen Zeit da doch ein wichtiges Signal an die Branche, ihr Publikum, das ganze Land.

Özgenc: Deshalb ist die RBB-Geschichte für uns auch ein Fall von Missstand wie jeder andere in größeren Unternehmen. Allerdings mit einer Ausnahme: Hier geht es ums Geld der Gebührenzahler.

Berichten Sie dennoch mit ähnlicher Intensität übers privatwirtschaftliche eigene große Unternehmen? Vom Machtmissbrauch eines Julian Reichelt über Mathias Döpfners Trump-Elogen und DDR-Vergleiche bis hin zur aktuellen Anklage in den USA oder mehr Presseratsrügen als alle Konkurrenten zusammen, gibt es ja auch hier im Springer-Hochhaus viel aufzudecken.

Wais: Die einzige Einschränkung besteht darin, dass wir bei Berichten über einzelne Firmen oder Branchen kenntlich und womöglich Interessenskonflikte somit transparent machen, wenn Axel Springer daran beteiligt ist. Wir berichten, worüber wir wollen.

Özgenc: Wobei die genannten Fälle, vor allem der um Julian Reichelt, für ein Wirtschaftsmagazin wie unseres thematisch einfach nicht so vordringlich sind wie innerhalb der Medienblase. Die Verdachtsberichterstattung können andere machen.

Andererseits ist die Axel Springer SE mit gut 16.000 Angestellten und mehr als drei Milliarden Euro Umsatz ein deutsches Top-Unternehmen, bei dem alles aus der Medienblase Einfluss aufs Ergebnis hat und damit auch für Sie berichtenswert sein müsste.

Özgenc: Die Geschichten über Springer überlassen wir in der Regel anderen. Da gibt es ja auch genügend Medien, die über unseren Konzern berichten.

Die RBB-Recherche hat nicht nur dem Business Insider Clicks und Ansehen gebracht, sondern auch Ihnen, den Chefredakteuren. Schweben Sie seither bisschen durch Berlin oder wie hält man die Bodenhaftung?

Özgenc: Also ich laufe noch, statt zu schweben (lacht). Aber wir freuen uns schon sehr über die Wertschätzung. Wenn ich eine Geschichte mache, möchte ich zunächst, dass sie gelesen und wahrgenommen wird, im besseren Fall zu einer Debatte führt und im besten zu Veränderungen; das ist der Kern unserer Arbeit, die ja nicht nur ein Job ist, sondern verfassungsrechtliche Bedeutung als vierte Gewalt hat, die den Mächtigen auf die Finger schaut und gegebenenfalls haut. Aber dass das hier in so optimaler Weise gelungen ist, macht einen schon auch stolz. Wir hatten schon vorher etliche Scoops.

Zum Beispiel?

Özgenc: Exklusive Storys in der Corona-Berichterstattung oder zur Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, Enthüllungen zum schillernden Finanzjongleur Lars Windhorst. Aber die ARD-Affäre ist sicher unsere Brand-Story.

Macht die den Business Insider auch wirtschaftlich erfolgreicher?

Wais: Als ich vor dreieinhalb Jahren hierherkam, war die Marke weitgehend unbekannt, und dort wo sie bekannt war, war sie es noch nicht so sehr für journalistische Relevanz. Das haben wir durch Investments in starke Journalistinnen und Journalisten Schritt für Schritt verändert. Da war die Affäre Schlesinger nur ein weiterer. Was sie aber konkret verändert, ist die Wahrnehmung unserer publizistischen Wirkmacht. Vorher hätte es Zweifel gegeben, ob eine eher kleine Redaktion das Zeug dazu hat, eine ARD-Vorsitzende zu stürzen. Dass die Antwort nun ja lautet, hat nicht nur Einfluss darauf, wer uns liest, sondern wer mit uns spricht.

Özgenc: Oder wie wir rezipiert werden. Früher mussten wir unsere Geschichten den Agenturen schicken, um verbreitet zu werden. Heute reicht es, wenn ich sie twittere.

Wais: Und die Wirkung auf Entscheidungsträger, was wir zu beeinflussen in der Lage sind, kann man glaube ich gar nicht überschätzen.

Özgenc: Jakob hat Jan Wehmeyer, Lars Petersen und mich 2020 von Bild am Sonntag hergeholt, wo wir bereits investigativ gearbeitet hatten. Das war hier anfangs gar nicht so einfach; viele wussten nicht mal, dass es uns nicht gedruckt gibt. Denn eins ist klar: Print wirkt! Das merkt man ja schon am tollen Zeit-Layout zur Schlesinger-Sache. Aber mit dieser Recherche haben wir bewiesen: Online wirkt auch!

Und nochmals: wirkt sich das positiv aufs Geschäft vom Business Insider aus?

Wais: Wir werden, soweit man das absehen kann, Ende dieses Jahres profitabel sein.

Auch das dank Patricia Schlesinger?

Wais: Zunächst mal, weil wir Anfang 2020 extrem viel in den Aufbau unseres investigativen Teams gesteckt haben. Daraus resultierten diverse Scoops und jetzt die Schlesinger-Recherche mit der Folge, dass die direkten Zugriffe auf unsere Website gestiegen sind. Wir sehen auch, dass die Geschichte immer dort, wo sie hinter der Bezahlschranke steht, Abos verkauft. Genau an dem Punkt ist es aber wichtig zu verstehen, dass Investigation und Exklusivität strenggenommen nur Features des Produktes sind, nicht das Produkt an sich.

Das Sahnehäubchen vom täglichen Brot gewöhnlicher Wirtschaftsberichterstattung?

Wais: Wobei das tägliche Brot in dem Fall auch in der Herausbildung einer journalistischen Marke besteht, die jungen Menschen hilft, gut informierte Entscheidungen zu treffen, also ihr Leben erfolgreicher zu meistern. Deshalb haben wir uns hinter der Bezahlschranke frühzeitig mit Personal Finance, also Geldanlage und Karriereplanung beschäftigt. Das ist ein Mehrwert, für den die Menschen kontinuierlich bezahlen. Aber natürlich bedingt beides einander und ergänzt sich für uns gewinnbringend.

Wie lange hat es eigentlich von der Information über Unstimmigkeiten bei der Messe Berlin bis zur ersten Veröffentlichung bei Ihnen gedauert?

Özgenc: Nicht lange. Den ersten Artikel gab es am 23. Juni, also ein paar Tage nur, nachdem wir Wind von der Sache mit Gerhard Spörl gekriegt haben. Dieses Tempo ist ja das Tolle am Business Insider – obwohl Sorgfalt natürlich vor Geschwindigkeit geht.

Wobei die New York Times dem Business Insider in den USA das Gegenteil vorgeworfen hat, nämlich Veröffentlichungsgeschwindigkeit vor Sorgfaltspflicht zu setzen…

Özgenç: Das kann ich nicht beurteilen. Für uns galt während der gesamten Recherche, dass Jan, Jakob und ich in Abstimmung mit den Verlagsjuristen zwar schnell damit rauswollen. Weil wir eben nicht das Sturmgeschütz der Demokratie sind wie der Spiegel, war jedoch klar: wir dürfen uns absolut keine Fehler erlauben! Aber wir alle machen das Geschäft ja auch nicht erst seit gestern.

Und zum Geschäft gehört eine Aufmerksamkeit durch Zugriffszahlen, die sich zum Clickbaiting auswachsen kann?

Wais: Ich halte Debatten ums Clickbaiting digitaler Medien für ein Missverständnis. Zeitungen und Magazine, die vor 70 Jahren über Schlagzeilen oder Titelbilder Exemplare verkaufen wollten, haben letztlich nichts anderes gemacht als Clickbaiting, nur eben analog. Schädlich, wenn nicht gar unlauter, wird dieser Versuch erst, wenn sein Inhalt die Zeile nicht trägt. Unsere Aufgabe besteht damals wie heute entsprechend darin, starke Inhalte zu produzieren, die starke Zeilen rechtfertigen. Wobei gerade wir als junges Medium drauf angewiesen sind, dass die Nutzer nach der Lektüre denken, sie war ihre Lebenszeit wirklich wert.

Özgenc: Die größte Gefahr neuer Medien wie unserem ist Produktenttäuschung. Business Insider kam in der Tat vom Image scharfer Zeilen ohne entsprechend Inhaltsrelevanz. Damit kann man kurzfristig erfolgreich sein, aber nicht nachhaltig. Deshalb war unser Ziel, ein Produkt, das betriebswirtschaftlich okay, aber journalistisch unbedeutend war, profitabel und relevant zu machen. Das gelingt uns gerade ganz gut – und wenn schon nicht mit dem RBB als Feature, dann eben demnächst mit dem NDR oder ganz ohne Fernsehen, mit VW, wer weiß. Gute Geschichten werden uns sicherlich nicht ausgehen.

Wo Sie gerade den NDR erwähnen: Business Insider berichtet auch über den Rücktritt von Funkhaus-Chefin Sabine Rossbach, der womöglich nur die Zwischenetappe weiterer Skandale um Vetternwirtschaft ist, an erster Stelle. Hat sich Ihre Medienexpertise bereits zum echten Fachgebiet ausgewachsen?

Özgenc: Nein, doch obwohl der RBB langsam abgearbeitet ist und vermutlich in Gerichtsverfahren mündet, von denen ich jetzt keine schweren Strafen erwarte, ist ja noch gehörige Temperatur in dem Thema. Der NDR hat Patricia Schlesingers Geschäftsleitung erst vor vier Wochen großspurig das Vertrauen entzogen, woraufhin die Intendantin des Bayerischen Rundfunks den gefährlichen Satz gesagt, was beim RBB passiere, sei singulär.

Im Indikativ.

Özgenc: Mit Ausrufezeichen. Deshalb wollten wir der Sache doch noch mal nachgehen, und interessanterweise gab es vom RBB, der ja wie alle Funkhäuser allein personell schon eng mit anderen Funkhäusern verbunden ist, den Hinweis, im NDR-Landeshaus Schleswig-Holstein gäbe es Fälle von politischer Einflussnahme – aus meiner Sicht viel verheerender als die Vorwürfe der Vetternwirtschaft.

Zu dumm, dass die Leute da draußen Massagesessel irgendwie interessanter finden…

Özgenc: (lacht) Als wir an einen ausführlichen Untersuchungsbericht über die Situation in Kiel gelangten, der vom Klima der Angst oder politischem Filter sprach, wurde es plötzlich auch beim NDR ein Riesending, das rüber nach Hamburg schwappte. Worauf ich da hinauswill: Wer wie wir erstmal in einer Pole Position ist, kriegt plötzlich viel mehr Informationen, und das hat nur bedingt mit Fachgebiet zu tun, sondern mit Vertrauen. Wobei die Dynamik nochmals größer ist als bei Schlesinger. Von der ersten Info bis Rossbachs Rücktritt hat es nicht mal zehn Tage gedauert. Aber wissen Sie, was ich mich frage?

Na?

Özgenc: Viele beim NDR wissen das offenbar seit Jahren. Warum bedarf es hier eines Berliner Online-Mediums wie dem Business Insider, um es ans Licht zu bringen?

Weil gewachsene Hierarchien beharrlich sind und Netzwerke Abhängigkeiten mit sich bringen?

Özgenc: Ganz genau.

Glauben Sie, dass Ihre Recherchen den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zum Guten verändern, also Reformen antreiben, oder im Gegenteil, seine Selbstzerstörung vorantreiben?

Wais: Darüber entscheidet der öffentlich-rechtliche Rundfunk am Ende selber, aber ich hätte wirklich die Hoffnung, dass es zum Umdenken in der Führung führt und die Vorwürfe wirklich ernst und zum Anlass nimmt, sämtliche Strukturen zu überprüfen und modernisieren.

Özgenc: Das ist ein Kampf zweier Systeme innerhalb der ARD. Gerade die Jüngeren fordern Veränderung, die Sachverwalter weniger. Wer sich da am Ende durchsetzt, ob die Kontrollgremien ihrem Namen irgendwann mal wirklich gerecht werden und wirkliche Transparenz entsteht, ist superspannend. Oder was mit diesen völlig überdimensionierten Pensionen geschieht, die zweitrangingen Führungskräften fünfstellige Altersansprüche garantieren. Monatlich! Alles Gelder, die nicht ins Programm fließen. Völlig durchgeknallt…

Wais: Und das, wo wir ausgerechnet von jüngeren Kolleginnen und Kollegen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oft hören, wie hart sie um bessere Bezahlung kämpfen und darunter leiden, dass es die nicht gibt.

Özgenc: Das ist eine Sauerei.

Wais: Die mich auch deshalb so irritiert, weil wir als privatwirtschaftliches Unternehmen sehr wohl dazu in der Lage sind, angemessene Gehälter und Honorare zu zahlen. Denn es ist ungemein wichtig, dass Journalismus jungen Menschen auch finanziell eine gute Zukunft ermöglicht. Wenn das nicht passiert, gehen Menschen, die wir dringend brauchen, in andere Branchen. Da ist es schlichtweg nicht hinnehmbar, dass ausgerechnet der beitragsfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk dazu in meiner Wahrnehmung nicht bereit ist.

Aber ungeachtet aller Pensionen und Luxusrenovierungen ist dafür doch ein Sparkurs mitverantwortlich, den gerade ein paar Blätter aus Ihrem Verlag gern noch radikalisieren würden…

Wais: Jedes Jahr fließen mehr als acht Milliarden Euro an Gebührengeldern in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das ist richtig viel Geld. Der RBB-Skandal hat eindrucksvoll gezeigt, dass beträchtliche Summe eben nicht ins Programm gehen. Natürlich wird deshalb jetzt vieles kritisiert. Ich würde mir wünschen, dass sich die ARD dieser Kritik wirklich stellt, anstatt von einem Einzelfall RBB zu sprechen.

Özgenc: Ich habe mich kürzlich mit einer Dokumentarfilmerin unterhalten, die öffentlich-rechtlich im Grunde unterm Mindestlohn arbeitet – sofern sie überhaupt Budgets kriegt. Das ist gerade angesichts der Gagen großer Stars und Gehälter der Führungsetagen schlicht nicht vermittelbar.

Hatten Sie seit dem 23. Juni eigentlich verstärkt Bewerbungen von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des RBB?

Wais: Nee.

Özgenc: Aber vom NDR (lacht).


Übersee-Clubs & Mystery-Seelen

Die Gebrauchtwoche

TV

31. Oktober – 6. November

Na, da hat der hessische Verfassungsschutz ja mal richtig Tempo aufgenommen. Nur ein paar Tage, nachdem Jan Böhmermanns ZDF Magazin Royal den NSU-Untersuchungsbericht zum Totalversagen aka Täterschutzprogramm des hessischen Inlandsgeheimdienstes veröffentlicht hatte, gingen die Hüter des Grundgesetztes gegen unbekannt vor. Ohne Hitlergrüße und Migrantenmorde kann der deutsche Staat ganz schön aktiv werden.

Und na, da hat ja auch Tom Buhrow ja mal gehörig Fahrt aufgenommen. In den letzten gut zwei Jahren seiner Amtszeit ruft der WDR-Intendant zu nicht weniger als einer Revolution auf, will Runde Tische einberufen, Mediatheken bündeln, Gesellschaftsverträge auflegen und womöglich – da blieb er bei seiner Rede vorm Hamburger Übersee-Club vage – die öffentlich-rechtlichen Sender zusammenlegen. Abgesehen vom anwesenden Messingknopf-Publikum, gab es da nur aus vorhersehbarer Richtung Applaus: Christian Lindner.

„Herr Buhrow spricht das bisher Unsagbare und Undenkbare aus“ frohlockte ein FDP-Chef, der fürs Ende des gebührenfinanzierten Rundfunks sicher leichten Herzens das Tempolimit in Spielstraßen aufheben würde. Womit wir bei einer artverwandten Debatte wären, die gerade durch Echoräume analoger und digitaler Medien rauscht: Weil Rettungskräfte auf dem Weg zu einer Unfallstelle im Berliner Stau steckten, wirft die Klimawandelbeschleunigungskoalition von AfD bis CSU Klima-Aktivst:innen quasi vor, das Unfallopfer getötet zu haben.

Nach der Logik wären auch Hersteller des Sekundenklebers (vermutlich bio) schuldig, mit dem sich das demonstrierende Gesocks (vermutlich pädophile Kommunisten) gewissenloser Eltern (vermutlich nicht-arisch) auf den (vermutlich von Gastarbeitern gelegten) Asphalt befestigt haben. Aber bei der Kriminalisierung zivilen Ungehorsams geht es ja nicht um Logik, sondern Politik, so wie Elon Musks Entlassungsorgie nicht Twitter sanieren soll, sondern zum schutzlosen Schlachtfeld seiner rechtspopulistischen Freunde.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

7. – 13. November

In dieser Medienlandschaft sind selbst Zeiten wie jene nicht mehr ausgeschlossen, mit denen sich die Filmemacherin Sharon Ryba-Kahn befasst. Ihre ZDF-Doku Displaced – verschoben, verdrängt, vertrieben blickt heute um 0.05 Uhr autobiografisch auf ihre jüdischen Vorfahren und was Nachfahren wie sie bis heute stigmatisiert. Um eine Unterform dieser Ausgrenzung könnte es ab Freitag auch in der ARD-Mediathek gehen.

Wenn die deutsch-algerische Titelfigur Lamia allerdings sieben Teile lang ihren Platz in der Mehrheitsgesellschaft sucht, erzählt Süheyla Schwenk nach Büchern von Sarah Kilter – Inshallah! – keinen inter-, sondern innerkulturellen Culture-Clash. So unverkrampft wurde migrantisch geprägter Alltag selten fiktional erzählt. Die Überraschung der Woche heißt aber dennoch Souls. Anfangs scheint die Mystery-Serie zwar nur ein billiger Abklatsch von Dark zu sein.

Nach drei der acht Teile jedoch löst sich Alex Eslams dickflüssige Zeitschleifenbrühe zu einer originellen Suppe auf, die zwar weiterhin stark überwürzt wurde, aber ein paar neue Geschmacksnoten von Originalität bis Esprit enthält. Beide Zutaten finden sich – obwohl die Gerichte nun zum fünften Mal aufgewärmt werden – auch in der 5. Staffel von Handmaid’s Tale (Donnerstag, Magenta) und The Crown (Mittwoch, Netflix) oder der 2. von Christian Ulmens Supermarkt-Mockumentary Die Discounter, ab Freitag bei Prime Video.

Abgesehen vom nächsten ZDF-Detective Grace, die ab Sonntag mit – so heißt es im Genre – unkonventionellen Methoden ermittelt, ist der Rest eher Sachfernsehen. Das Bürgerparlament zum Beispiel, in dem Ingo Zamperoni dienstags um 22 Uhr im NDR ganz normale Menschen zur Townhall-Debatte bittet. Auftaktthema: Verzicht? Nicht mit mir! Mittwoch darf sich schöne David bei Disney+ in der Reality-Soap S.O.S. Beckham als Wohltäter inszenieren. Parallel blickt Fifa Uncovered (Netflix) auf die organisierte Kriminalität, während Katrin Bauerfeinds Show Tore, Tränen Tiki Taka ab Donnerstag bei Sky die heiteren Fußballseiten zeigt.


Lemke/Sundermeyer: RBB & Skandale

Es brauchte eine Umverteilung

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Eva-Maria Lemke ist Moderatorin der wichtigsten RBB-Sendung Abendschau, Olaf Sundermeyer Investigativjournalist im selben Haus. Im Doppelinterview (Foto: Hannes Wiedemann), vorab erschienen beim Medienmagazin journalist, kritisieren sie die Senderführung hart und fordern echte Reformen: “Hier im Haus sollten viele Führungspositionen hinterfragt werden.”

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Lemke, Herr Sundermeyer – wann waren Sie das erste Mal im 13. Stock des RBB, eine Etage tiefer als hier unter der Dachterrasse des RBB in Charlottenburg?

Olaf Sundermeyer: Noch nie. Bis heute nicht.

Eva-Maria Lemke: Ich war einmal im 13. Stock, da ging es um eine große Sendung und ich wurde zur Vorbesprechung dorthin eingeladen.

Und – überwältigt gewesen vom Pomp der Führungsetage?

Lemke: Nein, ich hatte es überhaupt nicht als besonders luxuriös, geschweige denn märchenhaft prunkvoll wahrgenommen. Damals war Patricia Schlesinger allerdings auch noch keine ARD-Vorsitzende, die sich selbst bewässernde Wandbegrünung kam erst später, aber den berühmten Holzfußboden und eine maßangefertigte Teeküche, die wir uns bei Kontraste später mal genauer angeschaut haben gab es bereits.

Waren Sie, als die sündhaft teure Neugestaltung publik geworden ist, überrascht davon?

Lemke: Schon, aber ehrlich gesagt eher von dem Umstand, dass ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen, das System dahinter viel zu lange nicht hinterfragt haben. Dass ich mir nie die Frage gestellt habe, ob all diese Umbauarbeiten sein müssen, dass ich täglich an diesem Wagen vorbeigegangen bin, ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken. Das empfinde ich mittlerweile auch persönlich als unangenehm. 

Ältere im Haus, schreiben Sie in einem Zeit-Beitrag, Herr Sundermeyer, hätten sich sogar an die DDR-Bonzensiedlung Wandlitz erinnert gefühlt, andere sprachen von Fürstentum, gar Monarchie. Bedarf es so starker Begriffe, um die Auswüchse des Machtmissbrauchs zu verdeutlichen?

Sundermeyer: Ich finde im Gegenteil, dass sie von der Tatsache ablenken, wie groß das grundsätzliche Hierarchie-Problem beim RBB und in der gesamten ARD ist, weit über die Personalie Schlesinger hinaus. Hier im Haus sollten viele Führungsposition hinterfragt werden, auch die Aufsichtsgremien, die das in der Vergangenheit offensichtlich versäumt haben…

Lemke: Da ist Patricia Schlesinger nur der sichtbarste Fall.

Sundermeyer: Sie ist ja nur sichtbarstes Symptom einer strukturellen Krise, mit der wir nun im RBB umgehen. Dabei liegt das Problem weder in den Redaktionen noch bei deren Reportern und den technischen Kollegen von Bild und Ton. Wir alle arbeiten täglich für das Programm. Die Krise aber steckt in den Hierarchien darüber, bei dem teuren Wasserkopf, der sich verselbständigt hat.

Lemke: Wobei man jetzt auch nicht sagen kann, dass Patricia Schlesinger hier nur mit majestätischer Grandezza durch die Flure gelaufen ist.

Sundermeyer: Fand ich schon.

Lemke: Echt? Interessant! Ich habe sie vor allem als superverbindlich wahrgenommen und wurde immer, wenn ich ihr im Fahrstuhl begegnet bin, freundlich gegrüßt und nach meinem Befinden befragt. Von den Kolleginnen der Maske – wo ja alle buchstäblich ihr wahres Gesicht zeigen – wollte sie angeblich immer wissen, wie es denn laufe und ob es Veränderungswünsche gäbe. Nur: Irgendwann fiel auf: Wenn mal jemand was geäußert hat, hat sich trotzdem nichts geändert. Die Frage danach war ihr wohl wichtiger als die Antwort.

Sundermeyer: Und das ist ja entscheidend. Ich habe im RBB eine Diskrepanz zwischen plakativem Anspruch und Wirklichkeit erlebt. Unsere Unternehmensleitsätze – Verantwortung im Handeln, Transparenz, flache Hierarchien, all sowas – hingen ja sogar auf Plakaten in den Fluren, sind nun aber komischerweise verschwunden. Und eine aktuelle Umfrage der Interessenvertretungen des RBB, an der insgesamt 923 Kollegen teilgenommen haben, zeichnet ein genau gegensätzliches Bild: Demnach gibt es hier einen Veränderungsbedarf – ich zitiere – nach „flacheren Hierarchien, weniger Führungskräften, mehr Geld für das Programm, mehr Transparenz und einer gerechten Arbeitsteilung“.

Und das ist eine Systemfrage, keine Mentalitätsfrage?

Sundermeyer: In erster Linie ist es die Frage eines Systems, das idealerweise so ausgestaltet sein sollte, dass es all die menschlichen Abgründe ausgleichen kann.

Lemke: Und die einzelnen Teile konnten ihre menschlichen Abgründe auch deshalb zu lange frei entfalten, weil kritische Nachfragen etwa zur Chefetage im 13. Stock richtiggehend abgebügelt wurden. Unter Kollegen kursiert die Anekdote, dass Schlesinger darauf erwidert haben soll: „Da draußen können sie ihre kritischen Fragen stellen!“ Drinnen galt das als Nestbeschmutzung. Für Freiberufler bedeutet das auch, dass es schnell existenziell werden kann, wenn sie einer Führung gegenüber forsch werden, die sie handstreichartig entlassen kann.

Oben Denver-Clan, unten Lindenstraße lautet ein hausinterner Spruch vom Flurfunk…

Sundermeyer: Den ich sehr repräsentativ finde, und zwar nicht für einzelne Personen, sondern für komplette Ebenen.

Bräuchten die obersten demnach ein bisschen mehr Lindenstraße oder alle darunter ein bisschen mehr Denver-Clan, um dem RBB im Besonderen und die Öffentlich-Rechtlichen im Allgemeinen aus der Krise zu holen?

Sundermeyer: Beides, denn derzeit steht die Pyramide bei uns wie bei vielen anderen Anstalten auf dem Kopf, statt auf dem Sockel. Was fatal ist für alles, wofür die Leute ihre Rundfunkbeiträge zahlen: ein gehaltvolles Programm, das wir alle hier unten Tag für Tag erstellen. Während unsere Aufgaben also klar definiert und ausgeführt werden, weiß man das auf den Leitungsebenen nicht immer so genau. Ich wurde in den vergangenen Wochen häufiger gefragt, was eine Intendantin eigentlich genau macht.

Und?

Sundermeyer: Das kann ich bis heute nicht konkret beantworten. Wir haben hier Direktoren verschiedener Gewerke, die für ihre Teilbereiche Verantwortung tragen, für das Programm, die Verwaltung, den technischen Betrieb, die Rechtsabteilung. Warum wechseln die sich nicht als Intendanten in einem alternierenden System ab, anstatt mit Katrin Vernau eine Verwaltungsdirektorin des WDR zur Intendantin zu machen, die auch wieder 100.000 Euro mehr als der Brandenburger Ministerpräsident verdient. Warum?

Lemke: Das wüsste ich auch gern, erlebe aber, wie ausweichend es jene beantworten, die darüber entscheiden. So sei das halt festgeschrieben, heißt es. Genau diese Argumentation sorgt für Ratlosigkeit und Enttäuschung auf den Fluren eines Senders, dessen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit wenig Geld viel auf die Beine stellen. Wir haben zum Beispiel 14 Regionalkorrespondenten, die oft Gesichter der lokalen Expertise genannt werden. Aber nur die Hälfte dieser Stellen wird auch voll finanziert. Heißt: halbe Stellen. Oft wird die Büroarbeit im Auto erledigt. Im Licht dieser Sparflammen ist schlicht nicht vermittelbar, dass eine Person so viel Geld kriegt – für was auch immer.

Sundermeyer: Es braucht eine Umverteilung zugunsten derer, die das Programm gestalten. Und damit sind vor allem all jene hinter den Geschichten gemeint, die als freie Mitarbeiter teils jahrzehntelang den Staatsauftrag fürs Publikum erfüllen und dennoch oft keinen Bestandsschutz genießen, während die Liste der außertariflich Beschäftigten lang ist.

Außertariflich beschäftigt heißt?

Sundermeyer: Menschen, die -aus mir unverständlichen Gründen- außerhalb der RBB-Gehaltstabelle hoch bezahlt werden. Und das für Positionen, von denen ich mich in vielen Fällen frage, ob es die überhaupt braucht. Bei einigen davon lautet meine Antwort nein. Noch dazu bekommen diese Leute beim RBB fünfstellige Boni, die bislang geheim gehalten wurden.

Lemke: Oder hast du mal versucht, für eine Gesprächsrunde belegte Brötchen auf RBB-Kosten zu organisieren?

Sundermeyer: Horror.

Lemke: Der bürokratische Aufwand für die spätere Abrechnung steht in fast schon absurdem Missverhältnis zur Selbstbedienungsmentalität, die im Fall Schlesinger zutage getreten ist.

Sundermeyer: Und dann sehe ich eben Leute wie jene, von denen Eva gesprochen hatte. Reporter, die bei Wind und Wetter durch die Uckermark fahren, die Prignitz oder das Havelland, wo es aus Kostengründen nicht mal ein Landesstudio gibt. Das hat zur Folge, dass erhebliche Teile Brandenburgs inhaltlich unterrepräsentiert bleiben.

Oder durch noch schlechter bezahlte Freelancer abgedeckt werden?

Sundermeyer: Die aber erstmal dorthin kommen und dann , wie wir alle, auch noch multimedial berichten müssen, also online, linear, Radio. Selbst Berlin wird vor allem in den Innenstadtbezirken lückenlos abgebildet, während die Ränder ausgedünnt sind. In Spandau, das ungefähr so viele Einwohner wie Braunschweig hat, gibt es keinen Reporter, der zum Beispiel regelmäßig Bezirksversammlungen besucht. Von der neuen Intendantin erwarte ich, dass sie jeden Führungsposten mit den Bedürfnissen dort abgleicht, wo unser Programm unmittelbare Folgen hat: Im Regionalen.

Lemke: Auch, um dort alle Zielgruppen zu erreichen, also nicht nur die Älteren. Deshalb hat der Tagesspiegel allein drei Berlin-Podcasts, während wir mit Verweis auf die Kosten-Nutzen-Rechnung keinen einzigen haben. Als Rundfunkanstalt! Das ist einfach nicht mehr hinzunehmen.

Treten Sie, also die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, durch die Skandale der letzten Wochen jetzt selbstbewusster, forscher gegenüber der Führungsspitze auf, dies auch nicht mehr hinnehmen zu wollen?

Sundermeyer: Dafür ist der Abstand zwischen Maschinenraum und Kommandobrücke allein schon räumlich vielfach zu groß. Die meisten der außertariflich bezahlten Führungskräfte sind in der Krise abgetaucht, melden sich weder in den zahlreichen Betriebsversammlungen zu Wort noch öffentlich. Führung nehme ich nicht wahr. Dagegen bringen sich Personalrat, Freienvertretung in der Redaktionsausschuss wahrnehmbar ein und moderieren. Das Momentum des Wandels von unten wurde aber durch den raschen Wechsel ganz oben in der Intendanz schon wieder eingefroren.

Lemke: Hierarchen wie Jan Schulte-Kellinghaus lassen sich allerdings durchaus mal unten blicken und sind dabei durchaus selbstkritisch.

Sundermeyer: Aber im mittleren Management? Fehlanzeige! Das ist schon augenscheinlich und lässt den Reformwillen dort zumindest fraglich erscheinen.

Lemke: Wobei die Wut auf jene, die sich – ohne Namen zu nennen – mal blicken ließen oder auch nicht, schon manchmal sehr pauschal und heftig ist. Die müssen der Pandemie fast dankbar sein, dass solche Versammlungen heute vor allem digital stattfinden, sonst würden sie sich mittlerweile ganzen Stadthallen voll aufgebrachter Kollegen gegenübersehen. Wenngleich oft völlig zurecht. Denn besonders die alte Garde hängt teilweise an Formulierungen, die einfach nicht vermittelbar sind.

Meinen Sie das zeitweilige Beharren von Patricia Schlesinger, es handele sich um Rufmord, schlimmer noch: Verschwörungen?

Lemke: Genau. Da wurden handfeste Drohungen der Führungsspitze in Richtung angeblicher Maulwürfe ausgesprochen. Allein das Wort schon – das klingt ja nach feindlichem Agenten. Und diesen Geist lese ich auch aus Schlesingers Interview mit der Zeit noch immer raus. Dabei können wir alle im Haus jedem Whistleblower dankbar sein.

Sundermeyer: Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: die Personalie Schlesinger zeigt nur ein Symptom, mit ihr beschäftigt sich jetzt die Justiz …

Lemke: Und allenfalls noch die RBB-Compliance oder die mit der Prüfung der Vorwürfe beauftragte Kanzlei.

Sundermeyer: Wir dagegen machen weiter unsere Arbeit und stecken dabei am Anfang eines unvermeidbaren Reformprozesses beim RBB wie hoffentlich in allen Funkhäusern. Angefangen mit deren Großstadtfixierung, die nicht nur, aber besonders den RBB betrifft, der sich unter Schlesingers Führung massiv auf Berlin konzentrierte.

Lemke: Dabei leben zwei Drittel der Berliner Bevölkerung außerhalb des S-Bahn-Ringes.

Sundermeyer: So geht viel Verständnis für die Menschen in Brandenburg verloren – und das in einem Bundesland, wo die Demokratie seit Jahren massiv unter Druck ist – was Schlesinger allein schon durch ihr brüskierendes Nichterscheinen vorm Landtag befeuert hat. Die Wut auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist dadurch gewiss nicht kleiner geworden.

Spüren Sie diese Wut auch im eigenen Arbeitsalltag, werden also in Kollektivhaftung genommen?

Lemke: Ich persönlich nicht, bin als Abendschau-Moderatorin aber auch der nette Besuch zum Abendbrot und erlebe daher vor allem freundliche Gesichter.

Sundermeyer: Die Wut all derer, von denen sie ohnehin schon seit Jahren auf uns einprasselt, ist dagegen noch stärker geworden, seit deren These einer unzulässigen Verquickung von System, Hierarchie, Programm und Finanzen durch Patricia Schlesingers Gebaren neue Nahrung erhalten hat. Diese Verantwortung trägt sie ganz persönlich.

Lemke: Umso irritierender war, dass Jörg Wagner vom Medienmagazin zwar von Anbeginn der Skandale ab Ende Juni übers eigene Haus berichtet hat, andere Sendungen aber sehr spät eingestiegen sind. Viele Versuche, es publik zu machen, wurden mit dem Hinweis abgebügelt, es gäbe ja nun Compliance-Untersuchungen, keine Sorge.

Sundermeyer: Warten wir die doch mal in aller Ruhe ab, hieß es.

Lemke: Dass wir zu dem Zeitpunkt nicht hartnäckiger waren, müssen wir uns zum Vorwurf machen. Schlesingers Niederlegung des ARD-Vorsitzes hat zwar vieles geändert, allerdings wurde da auch deutlich, dass es keine Verteidigungslinie gab. Nicht eine der angedrohten Gegendarstellungen ist jemals rausgegangen. Wir hatten der Kritik nichts entgegenzusetzen. Als wir dann aber angefangen haben, Verwaltungsrat, Chefredakteur, Programmdirektor teils sogar richtig hart zu interviewen, gab es eher positives Feedback – auch wenn ich es oft als vergiftetes oder zumindest zweifelhaftes Lob wahrgenommen habe. Dass niemand von uns erwartet hatte, hart in der Sache zu sein – auch gegen uns selbst, war fast alarmierender als der Skandal selbst.

Wollten Sie die Situation durch Ihren Vergleich der hauseigenen Informationspolitik mit Nordkorea im Interview bei Tilo Jung da bewusst übersteigern?

Lemke: Vielleicht. Unsere Statements waren oft so schmal, dass es im Nachhinein Züge wie „Die Intendantin dementiert die Vorwürfe“ trug. Das wars. Wir alle brauchen unbedingt mehr Demut vor der Institution, in der und für die wir arbeiten. Jene die unsere Abschaffung am lautesten fordern sind ja genau die, die uns so unverzichtbar machen, als demokratische Daseinsvorsorge.

Sundermeyer: Dafür, dass die Leute unsere Bereitschaft zur Selbstreinigung sogar am Bildschirm verfolgen können, gibt es vielfach auch Zuspruch. Dennoch ist auch die Kritik der Wohlmeinenden am öffentlich-rechtlichen Rundfunk für mich spürbar größer geworden: Vor allem über die unvermittelbaren Wahnsinnsgehälter und Kosten, die neben dem Programm entstehen, für das die Menschen ihre Beiträge bezahlen. Die Diskussion darüber dürfte über unsere Daseinsberechtigung auf lange Sicht auch außerhalb des wutbürgerlichen AfD-Milieus weit in die gesellschaftliche Mitte hinein bestimmen.

Lemke: Vielleicht war die Wut im Haus da ganz hilfreich, dass wir so porös und emotional waren, weil wir viele Details dieser Skandale selbst erst aus der Zeitung zu erfahren. Nach Bild-Titeln über Luxus und Gier kannst du dich abends nicht vor die Kamera stellen, als wäre nichts gewesen.  Die Größenordnung hat viele aufrichtig überrascht.

Sundermeyer: Aber auch Bremsen gelöst. Am Montag, nachdem Frau Schlesinger den Rücktritt vom ARD-Vorsitz bekannt gegeben hat, war die Entscheidung gefallen, keine Maulwürfe oder Springer-Kampagnen mehr zu suchen, sondern dem Fall journalistisch zu begegnen. Schon deshalb bin ich Kollegen im Haus, die sich damit zuvor bereits befasst hatten, allen voran Jörg Wagner, bis heute dankbar für ihren Einsatz.      

Lemke: Wobei die Zuspitzung auf Patricia Schlesinger ebenso unglücklich ist wie die auf den RBB als öffentlich-rechtliches Problemkind. Solche Gremien gibt es in der Form ja nicht nur hier, sondern in jeder ARD-Anstalt, die nirgendwo ausschließlich von Fachleuten kontrolliert oder beaufsichtigt wird. Uns wurde bei den Recherchen erzählt: Oft werden sie mit Zahlenkolonnen zugeballert, die schlicht zu kompliziert und umfangreich sind, um sie zu verstehen. Es hieß dann: das hat schon alles seine Richtigkeit.

Kennen Sie die Mitglieder der einzelnen Aufsichtsräte eigentlich auch persönlich?

Lemke: Einige, nicht alle.

Sundermeyer: Wenn Sie politische Berichterstattung machen, kennen Sie zumindest einige der Parteifunktionäre aus Berlin oder Brandenburg. Aber die Kritik derer, die den RBB tatsächlich schon länger angemessen kritisch begleiten, findet man leider häufiger in der Bild-Zeitung wieder als in den eigenen Pressemitteilungen. Auch das gehört zur Demokratie, ändert aber nichts daran, dass viele Aufsichtsräte ihre Qualitätskontrolle schlicht nicht erfüllt haben.

Lemke: Diesen Vorwurf höre ich tatsächlich am häufigsten. Der RBB ist in vielerlei Hinsicht das Schlusslicht der ARD. Wie kann es etwa sein, dass jemand leistungsbezogene Boni oder Gehaltsanpassungen erhält, wenn unsere Quoten besonders am Vorabend und um 20.15 Uhr oft miserabel sind.

Wobei man mit Analogien zwischen Erfolg und Quote angesichts dessen, mit wie geringer Qualität man beides hierzulande erzielt, schon vorsichtig sein sollte…

Lemke: Das stimmt. Aber man hört selbst von denen, die sich mit Quoten gar nicht beschäftigen, wenn die sowieso so niedrig seien, könnten wir doch auch mehr Wagnisse eingehen und experimentelleres Programm anbieten.

Sundermeyer: Darüber hinaus ist die Quote aber einer der wenigen wirklich messbaren Parameter für Relevanz, die leistungsbezogene Vergütungen rechtfertigen könnten, auch Reichweiten im Hörfunk und Onlinezugriffe. Etwas anderes wären Film- oder Fernsehpreise, die allerdings auf der persönlichen Leistung einzelner beruhen und oftmals extern, also nur unterm Label von RBB, produziert werden.

Haben Sie ein Beispiel?

Sundermeyer: Cui Bono etwa, der großartige Podcast über Ken Jepsen. Käme so etwas aus dem eigenen Haus, dürften dafür gerne Boni gezahlt werden.

Sie selbst sprachen kürzlich von einem Essensgutschein über 100 Euro, der Ihnen für eine gelungenen ARD-Dokumentation verliehen wurde…

Sundermeyer: Mein einziger Bonus. Für sechs Wochen Recherche mit zwei Kollegen unter der Grasnarbe in einem nicht ungefährlichen Kontext, damals noch freiberuflich. So eine Gratifikation nimmt man zur Kenntnis, ärgert sich kurz, und arbeitet weiter. Wenn sich parallel dazu aber jene, die uns viel zu wenig Geld für viel zu wenig Drehtage zubilligen, selber riesige Boni gewähren, sorgt das für Unfrieden im Haus. Und den sehe ich überhaupt nicht überwunden.

Lemke: Zumal die Scham unter all den Außertariflichen gerade zu groß ist, um sich darüber öffentlich zu äußern. Kein Wunder: die bekamen ihre Zusatzvergütungen oftmals dafür, ganz normal ihre Aufgaben zu erledigen.

Ist ja auch besser, als Leute zu entlassen.

Lemke: Aber das geschah auch. Einer hat mal öffentlich gemacht, einen Bonus dafür gekriegt zu haben, dass er eine Sendung wie geplant absetzt. 70 Leute konnten danach nicht mehr so arbeiten wie zuvor und haben deutlich, deutlich weniger verdient. Für ihn gab es dafür einen fünfstelligen Betrag.

Sundermeyer: Und all diese Menschen sind sich dessen bewusst, machen trotzdem weiter ihre Arbeit und haben dabei keine Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht zu überwinden.

Lemke: Im Gegenteil, diese Operation am offenen Herzen im Zuge der Sparmaßnahmen sorgt überall für Unruhe. Wir haben zum Beispiel keinen Aufnahmeleiter mehr, der unter anderem dafür sorgt, dass alle ihre Aufgaben und die Sendeabläufe kennen und meine Studiogäste zur richtigen Zeit am richtigen Platz sind. So was kann man durchaus als Sendeteam organisieren; wir wissen ja, dass das Geld knapp ist. Aber es bleibt ein schales Gefühl, wenn sich diejenigen, die dir grad das Team verkleinert haben, parallel dazu gegenseitig Summen zuschanzen die viele als obszön empfinden. Das macht mich fassungslos.

Sundermeyer: Gespart wird halt dort, wo es einfach ist. Bei freien Mitarbeitern zum Beispiel, denen man viel leichter Honorare wegnehmen kann als Hierarchen der mittleren oder oberen Führungsebene den vertraglich fixierten Bonus. Das muss sich zwingend ändern.

Hat sich da schon was getan seit dem Führungswechsel an der Spitze?

Sundermeyer: Bislang nicht, nein. Obwohl Katrin Vernau die Überwindung der Entkopplung zwischen den unterschiedlichen Ebenen gleich nach Amtsantritt zu ihrer dringlichsten Aufgabe erklärt hat. Da bin ich mal gespannt auf künftige Umverteilungen. Dass ihr Arbeitsvertrag nur unwesentlich geringer dotiert wurde als der von Patricia Schlesinger, ist da kein allzu glaubhafter Start.

Lemke: Ein wenig müssen wir aber auch abwarten, was geschieht; das ist ja alles noch frisch. Aber viel Zeit zum Brüten hat Frau Vernau nicht, und einige von denen, die ein paar Gehaltsstufen tiefer vom System profitiert haben, sind ja noch da.

Der Business Insider spricht in dieser journalist-Ausgabe vom Kampf der ARD-Systeme: Besitzstandswahrer gegen Bilderstürmer, Status Quo gegen Veränderungswillen, alt gegen jung. Gibt es den hier?

Lemke: Nein, denn der Kampf spielt sich nicht auf der Alters-, sondern der Hierarchie-Ebene ab. Und auch da müssen wir ans System, nicht die Einzelfälle. Wenn dir jemand 40.000 Euro mögliche Gratifikationen in den Arbeitsvertrag schreibt – wer nimmt die nicht? Ich würde sie vermutlich auch nehmen und dann bestimmt nicht so wahnsinnig gerne darüber reden! Das ist rechtlich einwandfrei – aber anständig ist es dadurch noch lange nicht.

Sundermeyer: Dass sich diese Führungskräfte, von denen die wenigsten selbst Sendeminuten produzieren, oder nur einen Kommentar für das Onlineangebot verfassen, offenbar nicht selbst in Frage stellen, sorgt zu einem Autoritätsproblem gegenüber Leuten in der Produktion, denen ihrerseits die Mittel für ihre journalistische Arbeit gekürzt werden. Aber selbst durch den Austausch einzelner Personen an der Spitze würde sich am System dahinter wenig ändern.

Lemke: Und das wird es auch nicht, wenn man sich einige Stimmen in unseren Versammlungen oder Chatverläufen anhört, die fordern, mittlere Führungsebenen doch erstmal in Ruhe in zu lassen, damit nicht das ganze Haus einstürzt. Die Reformbereitschaft ist da offenbar endlich.

Sundermeyer: Und trifft durchaus auf Zustimmung tieferer Ebenen, die auch nicht daran interessiert sind, alles umzustürzen. Das empfinde ich allerdings als angenehm konstruktiv – sofern dabei am Ende mehr rumkommt als sich hinter der neu gewonnenen Glaubwürdigkeit des RRB durch die Aufklärungsarbeit der eigenen Berichterstattung zu verstecken.

Lemke: Es heißt dann immer, der kritische Journalismus im Haus funktioniert. Aber dass er in eigener Sache überhaupt nötig ist, kennzeichnet ja mehr dessen Funktionsversagen als unsere Leistung.

Gab es dieses Funktionsversagen eigentlich auch beim ZDF, von dem Sie 2018 zum RBB gekommen sind, Frau Lemke?

Lemke: Ich sag’s mal so: Diese Entkoppelung zwischen Kommandobrücke und Maschinenraum von der Olaf sprach, geschieht zwangsläufig immer dann, wenn oben zu viele stehen, die sich gegenseitig ihre Bedeutung zusichern. Während unten die Reihen immer dünner werden.

Sie, Herr Sundermeyer, haben seit 2004 zunächst als Freelancer, dann als Redakteur für den RBB gearbeitet. Ziehen die 2000 Festangestellten und 1500 Freiberuflichen des RBB im Kampf gegen dieses Funktionsversagen immer an einem Strang?

Sundermeyer: Leider nein, es ist schon eher ein Gegen- als ein Miteinander. Aber Freiberufler werden in nahezu jeder Branche schlechter behandelt als Festangestellte, das ist also auch RBB-immanent und findet entsprechen bei allen öffentlich-rechtlichen Sendern statt, für die ich bislang schon gearbeitet habe.

Lemke: Hinzu kommt, dass wir viele der Freien mit großem Aufwand ausbilden, um sie dann in prekäre Verhältnisse zu entlassen. Wer beim NDR, wo ich angefangen habe, 15 Jahre frei tätig war, musste – um keine einklagbaren Beschäftigungsverhältnisse zu erzeugen – danach zwei Jahre weg und durfte nicht mal für externe Produktionsfirmen Beiträge zuliefern. Ausgerechnet dann also, wenn viele längst eine Familie gegründet hatten, kam es zum Bruch. Bis heute kommt es nach genau dieser Zeitspanne zu Einschränkungen bei vielen Freien.

Welcher Art?

Lemke: Beispielsweise nur noch für Langformate tätig zu sein oder nicht mehr oberhalb einer sehr niedrigen Gehaltsgrenze zu verdienen. Das wird mittlerweile mit „programmlicher Abwechslung“ begründet. Dabei ist es irrsinnig, die erfahrensten gehen zu lassen, wenn man sie noch dazu teuer ausgebildet hat. Ich habe nur einmal erlebt, dass ein freier Kollege in den Ruhestand verabschiedet wurde. Noch wütender macht mich aber, dass Freie schlechter verdienen als Feste. Das ist schon deshalb widersinnig, weil die auch noch private Vorsorge betreiben müssen.

Sundermeyer: Das sorgt für ein ständiges Wettrennen, die Hürde von der Freiberuflichkeit in die Festanstellung, also von der Selbstausbeutung in die Vollversorgung, zu überspringen.

Lemke: Und wer diese Hürde nimmt, ist erstmal froh, im Trockenen zu sitzen.

Klingt nicht sonderlich solidarisch…

Sundermeyer: Im Gegenteil, es ist erinnert an ein Kastensystem, aus dem es oftmals kaum ein Entrinnen gibt, so sehr die Menschen darin auch strampeln und schuften.

Lemke: Und wer doch aufsteigt, wird so in die herrschenden Strukturen eingebunden, dass er oder sie selbst weisungsgebend wird und damit das System stützt. Aus Reportern werden beispielsweise Redakteure, also quasi als Belohnung für gute Arbeit draußen in den Innendienst versetzt und verlieren dadurch im schlimmsten Fall auch das Verständnis für die, die sich weiter von Auftrag zu Auftrag hangeln.

Sundermeyer: Systeme prägen eben Leute, nicht umgekehrt. Und der RBB ist eine Behörde, deren Logik sich nach innen richtet, auf die Vorgesetzten und die Verwaltungsebenen. Private Medien sind dagegen nutzerorientiert, sie richten sich mehr an ihren Lesern, Zuschauern, und Zuhörern aus.

Bei all den Baustellen, die Sie hier auflisten, klingt abgesehen vom konstruktiven Verhalten der Belegschaft und ein wenig Vorvertrauen für die neue Intendantin kaum Zuversicht…

Lemke: … Na ja, wir erwarten, dass Katrin Vernau etwas ändert, ob das auch gelingt, lässt sich nach drei Tagen im Amt noch nicht annähernd vorhersagen. Aber immerhin hat sie die 13. Etage…

Abreißen lassen?

Lemke: Nicht ganz (lacht). Geöffnet! Man mag das als Symbolpolitik sehen, aber sie nutzt das quadratmeterstarke Intendantinnenbüro jetzt für Besprechungen und zieht selbst in einen viel kleineren Raum.

Sundermeyer: Den Dienstwagen hat sie auch abgegeben.

Macht Ihnen das Hoffnung, RBB und ARD so reformieren zu können, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk womöglich sogar gestärkt aus dieser Krise hervorgeht?

Lemke: Ich bin jedenfalls froh, dass genug zutage getreten ist, um mittlerweile offen und ehrlicher miteinander umzugehen. Nur so kann die Zukunft rosiger werden. Aber zugleich fühlt es sich auch an wie Trauerarbeit im laufenden Betrieb. Ich bin da vorsichtig mit Prognosen.

Sundermeyer: Sie glauben gar nicht, wie viele Informationen mich auch aus anderen ARD-Anstalten über dortige Gepflogenheiten und Vorgänge erreichen – wobei sich viele gar nicht erst an interne, sondern gleich an externe Adressaten wenden. Von daher glaube ich, dass Redaktionen wie Business Insider oder Welt noch weitere Recherchen über den ÖRR veröffentlichen. Wenn sich die Verantwortlichen da nicht reformwillig zeigen, wird es schwierig. Stimmen wie die des Bundesfinanzministers, der eine Deckelung der Intendantengehälter fordert, müssen wir da ebenso ernst nehmen wie grundsätzliche Kritik an der Beitragsfinanzierung durch Landesregierungen wie der aus Sachsen-Anhalt.

Lemke: Tom Burow hat ja vorgeschlagen, die Compliance-Regeln der ARD zu vereinheitlichen. Superidee! Wir haben allerdings gar kein Problem mit den Regeln, sondern ihrer Kontrolle und Durchsetzung.

Sundermeyer: Aussitzen wird jedenfalls nicht funktionieren. Und ohne Druck von außen wird sich nicht viel ändern.

Lemke: Für den Anfang wichtig wäre es da, nicht mehr von Schlesinger-Affäre zu sprechen. Das ist sie schon längst nicht mehr, war es aber auch nie.


Trumps Gezwitscher & Davids Network

Die Gebrauchtwoche

TV

24. – 30. Oktober

So, nach Lage der Dinge gehört Twitter seit Freitag dem reichsten Mann des Universums und wird in Echtzeit zur Plattform für narzisstische Demokratieverächter wie Donald Trump, denen der narzisstische Demokratieverächter Elon Musk die Schranken zur Hölle öffnet. Noch ist @realdonaldtrump zwar gesperrt, aber der Account des Chief Twit dürfte bald die Öffnung ankündigen und als Beitrag zur Debattenkultur verkaufen. Einige Populist*innen hartrechts der Mitte durften ihre gesperrten Twitter-Konten jedenfalls schon wieder voll pesten.

Jan Böhmermanns investigatives ZDF Magazin Royal hat fast zeitgleich als geheim eingestufte Ermittlungsakten zum NSU-Prozess, die das hessische Innenministerium für mindestens 30 (anfangs gar 120) Jahre unter Verschluss halten wollte, abgetippt und unter bundesverfassungsschutzschutz veröffentlicht. Der Inhalt scheint zwar alles andere als aufregend zu sein; die Tatsache allein allerdings könnte für neue Diskussionen um Wohl und Wehe geleakter Geheimnisse sorgen, die zuletzt ja auch das öffentlich-rechtliche Selbstbedienungssystem ins Wanken gebracht haben.

Nachdem Sabine Rossbach von der Antikorruptionsbeauftragten ihres – äh – eigenen Hauses vom Vorwurf der Begünstigung freigesprochen wurde, darf sich die Landesfunkhausdirektorin des NDR Hamburg auf einen Ruhestand in Saus und Braus einstellen. Frisch publizierte Zahlen nämlich zeigen, mit welch grotesken Summen staatsvertraglich garantierte Fernsehanstalten ihr Spitzenpersonal selbst dann versorgen, falls sie nur einen Tag in leitender Position waren. Erschaffen wurde hierzu ein System namens Ruhegeld, das bis zur Rente läuft.

Für Susann Lange, Juristische Direktorin des neofeudalistischen RBB, wären da satte 195.000 Euro jährlich plus 8,3 Prozent „variabler Vergütung“ drin gewesen, und zwar ungeachtet ihrer Bezüge aus anderer Tätigkeit. So fürstlich haben übrigens sämtliche Funkhäuser bis auf den klitzekleinen SR ihre Führungskräfte versorgt – auch wenn riesengroße wie der SWR oder BR diese Praxis gerade auslaufen lassen. Es lebt sich gut, im Unruhestand gebührenfinanzierter Altenteile.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

31. Oktober – 6. November

Angesichts dieser Selbstbereicherungsnetzwerke könnte man glatt denken, Ze Network wäre bereits eine Echtzeitverfilmung des ARD-Skandals. In der Agententhriller-Persiflage bastelt sich RTL+ hingegen ab Dienstag ein postkaltes Kriegsgeflecht, in dem David Hasselhoff als David Hasselhoff landet, um mit Henry Hübchen als Henry Hübchen selbstironischen Radau zu machen. Das wäre sogar ganz drollig gewesen, hätte Christian Alvert – dessen Tatort-Attrappen dank Til Schweiger eher unfreiwillig komisch sind – seinen US-Star nicht synchronisiert.

Dass er Deutsch spricht, nimmt der Serie jeden, wirklich jeden Anflug von Esprit und lenkt alle Aufmerksamkeit dieser Woche auf andere Erstausstrahlungen. Helsinki-Syndrome zum Beispiel. Im finnischen Achtteiler nimmt Vikings-Star Peter Franzén eine Zeitungsredaktion als Geiseln, um die wahren Hintergründe der Finanzspekulationskrise vor 30 Jahren herauszufinden. Und das räumt nicht nur mit diversen Klischees übers polare Land auf, sondern ist ab Donnerstag bei Arte auf fesselnde Art tiefgründig.

Beides gilt mit ein paar Abstrichen für Musik und Effekthascherei auch für den Real-Crime-Dreiteiler Das Mädchen in der Kiste, womit Sky parallel dazu einen der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle nachzeichnet: die Entführung und Ermordung von Ursula Herrmann 1981. Der ARD-Mittwochsfilm Kalt lässt zuvor einen Kita-Ausflug virtuos eskalieren, während die großartige Friederike Becht am Samstag (ZDF-Mediathek) im #MeToo-Drama So laut du kannst brilliert und Jennifer Lawrence ab Freitag in Causeway bei Apple+ eine posttraumatische Belastungsstörung verarbeitet.

Interessant klingt auch der Ansatz von Starzplay/Lionsgate, das opulente Neunzigerjahre-Kostümfest Gefährliche Liebschaften ab Sonntag in Serienform zu gießen. Und eher chronistenpflichtig: zugleich startet die ARD-Themenwoche 2022, diesmal zum Thema WIR, also das pflegliche Miteinander in Zeiten des wütenden Gegeneinanders. Richtig los geht der Schwerpunkt aber erst am Montag drauf.