Fernsehkonsum & Grenzgebiete

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Januar

Was die einen womöglich als Beleg für lebensbereichernde Freizeitgestaltung betrachten, das halten andere womöglicher für den Untergang des TV-Abendlandes: Laut einer GfK-Studie sahen die Deutschen 2018 mit 217 Minuten pro Tag zwar nur vier weniger fern als im Rekordjahr zuvor; das liegt aber ausschließlich an denen über 50, die mittlerweile mehr als fünf Stunden pro Tag glotzen, während der Konsum in der Zielgruppe drunter radikal sank – bei den 14-  bis 29-Jährigen gar auf Spielfilmlänge.

Worauf sich altersübergreifend in der Vorwoche – Mediathekenzugriffe nicht eingerechnet – nochmals gut fünf Millionen Zuschauer einigen konnten, war einmal mehr das Dschungelcamp. Nach holprigem Start erzielt RTL kurz vorm Finale seiner Cash-Cow am kommenden Samstag also wieder Topquoten. Was vor allem daran liegt, dass die Teilzeitbewohner des australischen Kleintierrestaurants trotz Dauerbeobachtung durch Dutzende Kameras als vergleichsweise real gelten, unverstellt, ja wahrhaftig.

Alles Dinge, die man von der WDR-Reihe Menschen hautnah bei aller Kritik am seifigen Charakter irgendwie auch immer gedacht hatte. Nun aber wurde bekannt, dass eine Autorin mehrere Alltagsprotagonisten der Porträtreihe gecastet hat, was uns wieder und wieder und wieder zum Fall Claas Relotius mitsamt der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Fernsehformate bringt. Ohne die Aufrichtigkeit durchdachter Medien kriegen rechtsradikale Spinner wie die Identitären halt nur immer noch mehr Rückenwind, der sie erst kürzlich dazu animiert hat, von der taz über den Spiegel bis zur Tagesschau politisch missliebige Redaktionen zu attackieren.

Am Bildschirm heißt ein durchaus wirksames Gegenmittel gegen die geistig Armen, aber physisch Präsenten unverdrossen: Gutes, relevantes, breitenwirksames Angebot an alle. So, wie es das Grimme-Institut dieser Tage für den wichtigsten TV-Preis nominiert hat. Unter den 70 Kandidaten sind viermal RTL, fünfmal funk, meistens ARZDF und erstmalig – Achtung! – Youtube mit dem unermüdlichen LeFloid und der Talkshow Neuland. Gegen den Favoriten Bad Banks (ZDF) dürften Online-Serien wie Hackerville (TNT) oder Das Boot (Sky) zwar keine Chance haben. Aber Streamingdienste zählen längst automatisch zum Kreis der Preisanwärter.

Die Frischwoche

21. – 27. Januar

Deshalb beginnen wir die aktuellen Highlights auch einfach mal mit denen. Die Miniserie Valley oft the Boom etwa, in der Sky seit gestern Nacht die frühen Jahre des Silicon Valley nachstellt. Ab Mittwoch dann an gleicher Stelle die 2. Staffel der herausragenden Hotelzimmeranthologie Room 104, gefolgt von der 9. Staffel Pastewka ab Freitag auf Prime Video, wo die Titelfigur seine Freundin zurückerobern will und dabei ähnlich unterhaltsam wie bei Sat1 und hoffentlich weniger Schleichwerbung als in vorherigen Zyklus am eigenen Ego zerschellt. Parallel dazu zeigt Sky aber das absolute Zuckerl dieser Tage: Der Pass, eine Art deutsch-österreichische Die Brücke, bei der Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch als grundverschiedene Cops Ritualmorde im alpinen Grenzgebiet aufklären. Das ist vom Thema her zwar arg aufdringlich, ästhetisch und dramaturgisch aber vielfach herausragend.

Was man am Mittwoch weder von ARD noch ZDF sagen kann. Im Ersten inszeniert Tödliches Comeback die heillos unwahrscheinliche Konstellation eines Kleinganoven, dessen Sohn bei der Mordkommission anheuert, mit Paps einen Fall löst und trotz des großartigen Martin Brambach die Frage aufwirft, warum selbst Komödien in Deutschland ohne Polizei schwer denkbar sind. Im Zweiten ist die Vorabendserie Die Spezialisten weiter so flach, dass selbst die tolle Alina Levshin als soziopathische Forensikerin das tiefe Niveau nicht hebt.

Bleiben zwei öffentlich-rechtliche Dokus. Morgen um – danke, ZDF – Mitternacht erklären uns Dimitrij Kapitelmann und Ralf Dörwang in Meschugge oder was, warum hierzulande 100 Menschen pro Jahr zum Judentum konvertieren. Und Freitag (21.50 Uhr) zeigt Arte den überwältigenden Konzertfilm Rammstein: Paris, für den Jonas Akerlund einen Auftritt der Brachialrocker 2017 mit 30 Kameras eingefangen hat. An der Grenze zur Doku ist hingegen der Tatsachenspielfilm Nebel im August mit Sebastian Koch als empathischer Euthanasie-Arzt nach Robert Domes gleichnamigem Roman, für den das ZDF die zugkräftige Geisterstunde am Sonntag geräumt hat. Danke … ach, das hatten wir ja schon.

Zu den Wiederholungen der Woche: In schwarzweißer Erinnerung kann man Samstag (23.35 Uhr, MDR) in der Wallace-Verfilmung Das Rätsel der roten Orchidee von 1962 mit Christopher Lee als Polizist, Eddi Arent als Ulknudel und Klaus Kinski als Klaus Kinski schwelgen. Farbig zeigt Tele5 tags drauf (20.15 Uhr) Monty Pyhtons Das Leben des Brian (1979), gefolgt vom fünf Jahre älteren Ritter der Kokosnuss. Und der Tatort: Mann über Bord begleitet Kommissar Borowski heute (22 Uhr, RBB) ins Jahr 2006 zu einem Mord auf hoher See.

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De Staat, Frances Cone, Scarabæusdream

De Staat

Wer der alternativen Rockmusik jenseits tradierter Anti-Riffs und -Gesten noch wirklich Neues abgewinnen will, muss sich schon was einfallen lassen. De Staat haben sich dafür zweierlei erwählt: Einen aufgeweckt dystopischen Kunstpunk voller Sprachwitz, Spielfreude, Drones und Samples, gern visualisiert in Videos von ikonografischer Wucht. Mit Witch Doctor zum Beispiel hat die holländische Band um den charismatischen Sänger Torre Florim dabei fast, hüstel, Kultstatus erreicht. Und jetzt also KITTY KITTY.

Stilistisch angelehnt an Maximo Parks Meisterwerk Our Velocity zoomt die Kamera beim Opener ihres sechsten Albums Bubble Gum immer wieder auf das Quintett aus Nijmegen, das sich dabei permanent vervielfältigt. Dazu schleicht ein hypnotischer Bass unterm proklamatorischen Gesang über die Welt im Griff Donald Trumps hindurch, dass man sich in Film und Song verlieren kann. Wie in fast jedem der elf  variabel sägenden Stücke, die selbst für Autotune, R’n’B und Nu Metal nie zu monochrom sind. Ein irres, aber eingängiges Album.

De Staat – Bubble Gum (Caroline)

Frances Cone

Das neue Video von Frances Cone Arizona dagegen sticht mit wenig hervor, das sich nicht durchs Genre des Duos aus Nashville/Tennessee erklären ließe: gleißend trüber, leicht zerkratzter Indie-Pop, visuell in Zeitlupenbildern von Hedonisten mit Haltung vermittelt, die sich zwischen Lagerfeuer und Landstraße zwar mit der der hinreißenden Natur des amerikanischen Bible Belt, nicht aber dem reaktionären Konservatismus darin gemein machen. Obwohl – so funktioniert Neo Folk ja fast immer…

Und doch ist das Duo der gelernten Pianistin Christina Cone, die mit ihrem Bassisten und Freund Andrew Doherty eine Gemeinschaft fürs Leben bildet, weit mehr als der alternative Mainstream des zugkräftigen Metiers. Manchmal leicht schwulstig, meist angenehm rau erzählt die Tochter einer Opernsängerin wenige Millimeter unterm Rand nostalgischer Verklärung vom Gestern im Heute und erzielt damit eine Wirkung, die nicht ohne Grund millionenfach gestreamt wird, ohne Starrummel zu erzeugen. Die Nische für die Masse.

Frances Cone – Late Riser (Living Daylight Records)

Scarabæusdream

Dass Rockbands im Schnitt drei bis fünf Mitglieder und mindestens ein Saiteninstrument haben, hat die Digitalisierung des Pop zwar hinlänglich widerlegt. Trotzdem bleibt es bemerkenswert, wenn Rockbands ohne größere Unterstützung elektronischer Hilfsmittel auf Bass und Gitarre verzichten. Falls das allerdings doch gelingt und dann auch noch so grandios klingt wie Scarabæusdream, ist es kein Wunder, dass dieser ungemein gelungene Versuch der Reduktion mit größtmöglicher Opulenz aus dem Wunderpopland Österreich kommt, wo die Kulturszene seit langem schon auf engstem Raum ein Mehrfaches der Kreativität ihres nördlichen Nachbarlandes generiert.

 

Mit nichts als Schlagzeug und Piano erzeugen Hannes Moser und Bernd Supper eine Wall of Sound, als habe ein ganzkörpertätowiertes Symphonieorchester in Johannes Caps Studio gesessen, um sein drittes Album aufzunehmen. Zwischen Mathrock und Kammermusik, Postpunk und Neoklassik füllen allerdings nur zwei hagere Virtuosen den Raum mit einem Klangkonvolut, das dem Publikum alles, echt alles abverlangt. Aber es es lohnt sich! Suppers Stimme wechselt zwar bis an die Schmerzgrenze von Screamcore über Countertenor zum Hairmetal und zurück; doch jedes der zehn Stücke lotet die Bandbreite des Noise-Spektrums so ergreifend aus, dass man von Ideenreichtum und Leidenschaft schlicht mitgerissen wird. Hypnosemusik.

Scarabæusdream – crescendo (Noise Appeal Records)


Isabell Sonnenfeld: Google & Gefahr im Netz

Quasi Hilfe zur Selbsthilfe

Nachdem sie mit 26 Jahren Twitter in Deutschland aufgebaut hat, wechselte Isabell Sonnenfeld 2015 zu Google und verantwortet dort mit Anfang 30 das News Lab, eine Art Schnittstelle zwischen Internet und Journalisten für eine – so sieht es zumindest ihr weltumspannender, mächtiger, hoch umstrittener Arbeitgeber – bessere Berichterstattung im digitalen Zeitalter. Ein Gespräch über Medien im Zeitalter von Populisten und Fake News, Herausforderungen statt Bedrohungen und wie man so jung schon so viel bewegen kann.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Sonnenfeld, ist Google ein Medium im Sinne eines Zwischenhändlers oder Lieferanten von Information und Wissen?

Isabelle Sonnenfeld: ​ Google ist ein Technologie-Unternehmen, das mit der Suchmaschine eine Plattform aufgebaut hat, um Informationen besser im Netz zu finden. Wir geben tagtäglich milliardenfach Antworten auf Fragen unserer Nutzerinnen und Nutzer, leiten aber auch Verlagsinhalte weiter – beispielsweise auf der Suche nach politischen News.

Aber greift die ​Google News Initiative​ mit dem von Ihnen geleiteten ​News Lab nicht aktiv in den Informationsbildungsprozess ein und wird so vom Vermittler zum Produzenten?

Nein, wir greifen inhaltlich nicht ein. Ich würde hier eher von “ermöglichen” sprechen. Die Google News Initiative will Journalistinnen und Journalisten die Möglichkeit geben, Technologien bei ihrer Arbeit zu nutzen. Dazu gehören Recherche und Storytelling, aber auch Erlös-Chancen. Es geht, abgesehen von einem Know-How zu nötigen Tools, vor allem um das Training. In den ersten drei Jahren der Initiative haben wir mehr als 50.000 Journalistinnen und Journalisten darin geschult, mit den passenden Werkzeugen richtig umzugehen, damit die Medienbranche optimal für das digitale Zeitalter gerüstet ist.

Das klingt jetzt durch und durch altruistisch. Welche Intention steht aus Sicht des Konzerns hinter solchen Projekten?

Es geht darum, Partner zu sein, aber auch Verantwortung wahrzunehmen. Google pflegt seit mehr als 15 Jahren den intensiven Austausch mit Verlagen und Medienunternehmen in der ganzen Welt und die Forderung, diesen Austausch zu institutionalisieren, kam von Seiten der Verlage. Deshalb haben wir in Europa die ​Digital News Initiative​, kurz DNI, mit dem ​News Lab ​ als Trainingseinheit für Redaktionen und redaktionelle Innovation aufgebaut und für drei Jahre mit 150 Millionen Euro ausgestattet. Im März dieses Jahres haben wir die DNI als globale Google News Initiative erweitert. Als eine der größten teamübergreifenden Google-Projekte, bei dem auch Strategie- oder Produkt-Units und Web-Anwendungen wie YouTube zusammenkommen, hat es sich zu einem Meilenstein entwickelt.

Auf welchen Feldern konkret?

Eine Rückmeldung, die wir immer wieder von Verlagen erhalten, bezieht sich auf die Ladegeschwindigkeit der Verlagswebseiten. Online-Leser springen von diesen Seiten ab, wenn der Ladevorgang eines Artikels zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Wir beobachten, dass 53 Prozent aller Nutzer das Laden einer mobilen Webseite abbrechen, wenn dies länger als drei Sekunden dauert. Um dieses Problem gemeinsam zu lösen, haben wir das Open-Source-Projekt ​Accelerated Mobile Pages (AMP) entwickelt. Wenn wir das Internet so beschleunigen, dass Inhalte schneller konsumiert werden können, verbessern wir auch den Journalismus insgesamt. Anfang diesen Jahres haben wir Google Subscribe auf den Markt gebracht um Verlagen weitere Erlösquellen zu ermöglichen.

Klingt immer noch selbstloser als von einem profitorientieren Konzern erwartet…

Das Geschäftsmodell dahinter ist simpel: Wir sind nur dann erfolgreich, wenn auch unsere Partner, in diesem Fall die Verlage, erfolgreich sind. Die Google-Suche basiert darauf, dass die gefundenen Inhalte dem qualitativen Anspruch der Anfrage entsprechen. Medienmarken erfolgreicher zu machen, ist auch für uns wirtschaftlich von Nutzen. Dabei dürfen wir aber nie vergessen, dass seriöser Journalismus – gerade in Zeiten des Populismus – eine der wichtigsten Säulen lebendiger Demokratie ist.

Sind das die „wichtigsten Herausforderungen“, bei denen sie Journalisten laut Selbstbeschreibung Ihres News Labs unterstützen wollen?

Auch. Denn für die freie Meinungsbildung ist der freie Zugang zu einer ausgewogenen Informationsbandbreite unerlässlich. Wenn wir die Verlage hochwertiger Medien darin fördern, zahlt sich das auch für uns aus. Mit der Weiterentwicklung entsprechender Tools und Instrumente fördern wir nicht nur die ausgewogene Berichterstattung, sondern auch unsere Erwerbsmöglichkeiten.

Google liefert aber nur die technische, nicht die inhaltliche Basis?

Richtig. Wir schulen Journalistinnen und Journalisten in den Trainings nicht inhaltlich, sondern erklären Ihnen, wie sie unsere Angebote langfristig nutzen können – über bekannte Tools wie Google Trends und ​User-generated Content ​ auf YouTube bis hin zu Google Earth. Es mir persönlich ein großes Anliegen, dass sie sich intensiv mit den erwähnten neuen Herausforderungen auseinander setzen. Ich bekomme viel Feedback von Daten-Journalisten, die den Online-Dienst ​Google Trends nutzen und uns Hinweise darauf geben, wie man bestimmte Features zum beiderseitigen Nutzen verbessert. Die GNI sieht sich ganz klar in der Vermittlerrolle.

Wenn wir als Journalisten Probleme bei oder Fragen zur Arbeit mit Ihren Werkzeugen haben, können wir uns also jederzeit kostenlos an Google wenden?

Ja. Wir erhalten zum Beispiel viele Anfragen aus Redaktionen, die wissen möchten, wie sie Informationen oder Videos mithilfe von Google Earth verifizieren können.

Haben Sie das Labor nach drei Jahren schon mal evaluiert?

Nicht im Sinne eines Zwischenfazits. Es gibt drei Dinge, die für mich von Relevanz sind: Zum einen haben wir den Austausch zwischen Verlagen und uns verstärkt. Zum anderen haben wir die Herausforderungen der Verlage und Redaktionen herausgearbeitet und Möglichkeiten, wie wir sie gemeinsam angehen können. Und zuletzt haben wir es geschafft, mit den Partnern der Medienbranche Innovation im Journalismus auf technologischer Ebene definieren zu können. Neben dem News Lab hat der Innovationsfonds vom April 2015 dazu geführt, dass in den Redaktionen über neue Technologien nachgedacht wird. Von dort wird mir berichtet, dass allein die Bewerbung für den DNI Fonds oder auch unsere Trainings eine Initialzündung für die spätere Entwicklung von journalistischen Formaten oder Produkten ist.

Quasi als Hilfe zur Selbsthilfe?

Wenn Sie so wollen, etwa um zu unterschiedlichen Themen journalistische Prototypen zu entwickeln, die sich mit Audio, Video oder Podcasts befassen, aber auch Virtual Reality und Data Journalism. Es geht vor allem um das Experimentieren.

Auffällig ist aber ja, dass Google diesbezüglich vor allem auf den Märkten aktiv ist, wo die Pressefreiheit zwar unter Druck gerät, aber noch nicht bestandsgefährdet ist.

Die Google News Initiative ist mit den drei Bereichen “Produkt”, “Partnerschaften” und “Programme” global angelegt.

Das News Lab ist also auch in einem Land wie China anwendbar?

Die ​Google News Initiative ​ ist zunächst ein globales Anliegen und arbeitet in den wenigsten Ländern allein, sondern mit Partnern vor Ort – zum Beispiel mit ​Code for Africa​, die Trainings oder Hackathons organisieren. Das ist allerdings erst der Startpunkt eines wirklich globalen Ansatzes und für alle Mitwirkenden einerseits ein moralischer, andererseits ein wirtschaftlicher Faktor.

Wie groß ist denn dieser wirtschaftliche Faktor?

Über die Google-Suche und Google News kommen Millionen von Leser auf die Webseiten der Verlage. Wir leiten monatlich über zehn Milliarden Klicks kostenlos zu den Verlagswebseiten weiter. Außerdem vermarkten wir Werbung auf diesen Webseiten. Rund zehn Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr an unsere Publishing-Partner ausgespielt. Die Google News Initiative wurde mit 300 Millionen Dollar über dreieinhalb Jahre aufgesetzt. DNI, im April 2015 gestartet und als Grundlage für die jetzige GNI, war mit 150 Millionen Dollar aufgesetzt worden.

Wird sich durch die Änderung des EU-Leistungsschutzrechts da etwas für Google News ändern?

Wie Richard Gingras dem Guardian erklärt hat, gibt es mehrere Varianten des Europäischen Leistungsschutzrechts, die diskutiert werden. Es ist zu früh, um zu spekulieren, welche Auswirkungen die finale Direktive auf unsere Produkte hat. Wir begrüßen die Möglichkeit, mit politischen Entscheidern und der Medienbranche an einer Lösung zu arbeiten, die für den Journalismus und die Verlage gewinnbringend ist.

Also wird der Fonds neu aufgelegt?

Die sechste und letzte Bewerbungsrunde lief bis Anfang Dezember. Seither evaluieren wir den DNI-Fonds. Und noch ist der aktuelle nicht geleert worden. Bislang hat er mehr als 115 Millionen Euro für 559 Projekte im Bereich des digitalen Journalismus in 30 europäischen Ländern zur Verfügung gestellt.

Und welche Länder sind das?

Die üblichen, in denen sich die Verlagsbranche schon frühzeitig mit technologischer Innovation auseinandergesetzt hat, z.B. in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Es wurden aber auch Projekte aus Ländern gefördert, von denen man es weniger erwartet hätte, wie Dänemark, Polen und Ungarn.

Geht die Initiative allein von Ihnen, also dem Anbieter, oder den Verlagen also Nutzern aus?

Das ist immer wechselseitig. Die Verlage haben großes Interesse, auch im freien Raum Projekte zu entwickeln, für die die Routine des Produktionsalltags weder Zeit noch Ressourcen zulässt.

Aber Google spricht die Medien nicht von sich aus an und weist sie daraufhin, welche Defizite oder Verbesserungsmöglichkeiten deren Online-Auftritt noch haben?

Sicherlich diskutieren wir im engen Austausch Verbesserungsmöglichkeiten. Der DNI Fonds ist ein offener Call to Action, sich mit innovativen Ideen zu bewerben. Und auch bei unseren News Lab Trainings können wir Tipps geben, wie sich journalistische Werkzeuge einsetzen lassen können. Wir geben keine inhaltlichen Ratschläge, gelegentlich helfen wir aber dabei, den Fokus neu zu justieren. Die Ideen zu den verschiedenen Projekten kommen aus den Redaktionen.

Aber gibt es gerade aus kritischen Redaktionen nicht den Vorwurf des informationellen Greenwashings, also dass sich die Datenkrake Google, der gerade mal wieder vorgeworfen wird, sich der chinesischen Zensur zu unterwerfen, ein soziales Gewissen erkauft?

 

Wir arbeiten seit 15 Jahren intensiv mit der Medien- und Verlagsbranche zusammen. Diese Zusammenarbeit wurde durch die GNI nur institutionalisiert – und hat übrigens auch unsere eigene Arbeit nachhaltig verändert. Ohne die Initiative hätten wir ein Open-Source-Projekt wie AMP womöglich niemals in Kooperation mit den Verlagen realisieren können.

Die Antwort lautet also: Nein, kein Info-Greenwashing?

Bei einem Technologiekonzern der Größe von Google steht dieser Vorwurf immer im Raum, keine Frage. Umso mehr glaube ich, dass man ihm nur durch offenen Austausch aller Beteiligten eines qualitativ hochwertigen Journalismus konstruktiv begegnen kann. Allerdings immer als Partner, nicht als Content-Lieferant.

Aber wenn man sich ​YouTube Premium ​ oder ​YouTube Originals ​ ansieht, wo längst eigener Inhalt online geht – konkurriert Google da nicht auch inhaltlich mit Video-on-Demand-Portalen, Streamingdiensten, gar Fernsehsendern?

Nein, denn das beschränkt sich lediglich auf Entertainment – besonders, was YouTube Premium betrifft. Dass wir zum Beispiel eigene Nachrichten produzieren, halte ich für ausgeschlossen.

Es gibt da nicht mal Gedankenspiele?

Nein, derzeit nicht.

Besteht die Aufgabe der ​Google News Initiative ​ inklusive Ihres ​News Lab ​ trotzdem auch darin, das Renommee des Unternehmens zu verbessern?

Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. ​Zu erklären, was wir tun und wollen, ist Teil unserer Verantwortung – ob nun in der Zusammenarbeit mit Medien, Bildungseinrichtungen, anderen Unternehmen oder Nutzern. Um transparent zu zeigen, was im News Lab geschieht, suche ich deshalb den direkten, gerne auch kritischen Austausch. Voriges Wochenende war ich beim „Vocer Innovation Day“ von VOCER und ​Der ​ ​Spiegel ​ in Hamburg, wo genau solche Fragen erörtert werden. Dort Gesicht zu zeigen, beugt Sorgen besser vor als alle Verlautbarungen.

War das Bedürfnis, für Transparenz in der Medienbranche zu sorgen, mit ein Grund, warum Sie vor drei Jahren von Twitter zu Google gewechselt sind?

Die viereinhalb Jahre bei Twitter waren großartig – allein weil es so herausfordernd war, das Geschäft in Deutschland als damals erste Mitarbeiterin bei Null mit aufzubauen. Genau darin liegt auch mein Talent. Und als dann die Idee im Raum stand, das ​News Lab ​ im deutschsprachigen Raum zu entwickeln, empfand ich das als spannende Herausforderung.

Sie sind eine Herausforderungsnomadin?

Ich finde Herausforderungen spannend und wachse gerne an und mit ihnen. Aber eine Nomadin bin ich nicht.

Ziehen Sie dennoch nach dieser hier weiter zur nächsten?

Nein, nein! Ich bin mit meiner Rolle gerade sehr glücklich, suche aber im Kosmos des News Lab ständig neue Herausforderungen.

Als Sie die Herausforderung bei Twitter gesucht haben, waren Sie erst 26 und als ​Head of News, Governance & Politics für Medien und Politik verantwortlich. Woher rührt ihr frühes Interesse an harten Fakten?

Ich habe Europapolitik studiert und wollte eigentlich nach Brüssel. Von dem war ich schließlich aber doch nicht so fasziniert, wie zunächst gedacht. Deshalb habe ich im Masterstudium Politikmanagement mit Fokus auf das Zusammenspiel von Technologie, Politik und Medien studiert. Meine Abschlussarbeit habe ich über Twitter geschrieben, wofür ich unter anderem mehrere Tausend Tweets analysiert habe. Darüber hinaus bin ich von Kindesbeinen an News-Junkie.

Wie kam es dazu?

Schon meine Eltern hatten immer ​Zeit​Spiegel und den ​Bonner General-Anzeiger​ zuhause. Durch die Beschäftigung mit Twitter, habe ich mich dann mit dem Prozess der digitalen Transformation des Journalismus und dessen Geschwindigkeit auseinandergesetzt. Die technischen Möglichkeiten, Informationen zu produzieren und verbreiten, haben mich da besonders interessiert. Diese Interessen werden erst bei Twitter, dann im News Lab perfekt gebündelt. Ich hatte anfangs zwar keine Ahnung, ob ich das kann, bin aber einfach mal los gerannt.

Und haben beim Laufen festgestellt, welche Relevanz digitale Medien und soziale Netzwerke für politische Diskurse kriegen oder war Ihnen das beim Start schon bewusst?

Dadurch, dass ich mir beim Kanzler-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier ein relativ kleines Spektrum der Twitter-Konversation angeschaut hatte und wie normale User in die Kommunikation der Journalisten und Politiker eingebunden waren – zunächst nämlich fast gar nicht –, war es hierzulande im Gegensatz zu den USA nur zu ahnen. Aber es war ungemein spannend zu beobachten, wie die neuen Kanäle den Journalismus beschleunigt, aber auch niedrigschwelliger gemacht haben. Plötzlich konnte jeder von jedem Ort berichten.

Niedrigschwellig klingt, wenn es um die Verfügbarkeit von Infos und Wissen geht, positiv. Negativer ist, wie sehr seriöse News im Meer unseriöser, oft falscher untergehen.

Das stimmt.

Haben Sie das damals schon kommen sehen?

Anfangs nicht, dafür war die Nutzergruppe in Deutschland zu klein.

Und jetzt?

Hat diese Entwicklung natürlich auch negative Aspekte. Die Verbreitung von Fake News und die Schwierigkeit, sie von richtigen zu unterscheiden – das hat uns im News Lab gerade im Zusammenhang mit Wahlen stark beschäftigt. Wie man damit umgeht, ist allerdings nicht nur technologisch eine Herausforderung. Das betrifft die Branche generell und beschleunigt sich weiter. Das Ausmaß der Manipulation im Netz ist allerdings erst ein paar Jahre so richtig spürbar. Wie sehr der Missbrauch gerade wächst, war damals noch nicht abzusehen.

Sehen Sie, was die Informations- und Debattenkultur betrifft, da optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft?

Ich sehe die Größe der Herausforderungen. Umso wichtiger ist, dass Technologie- und Medienunternehmen mit NGOs und Experten zusammenarbeiten. Deshalb arbeiten wir im News Lab seit langem mit der internationalen Fact-Checking-Organisation ​First Draft ​ zusammen. Mit dem Fact-Check-Tag können Redaktionen ihre Artikel für die Google-Suche und Google News als zuverlässig kennzeichnen. User erkennen verifizierte Nachrichten dank des Tags sofort. Bei der Bundestagswahl haben wir mit dem Investigativ-Recherchebüro Correctiv zusammengearbeitet. Unsere Unterstützung bestand im technischen Versand eines täglichen Newsletters an deutsche Journalistinnen und Journalisten zum Thema Desinformation.

Sie sprechen konsequent von „Herausforderungen“, nicht „Bedrohungen“ – ist das eine Mentalitätsfrage oder gute PR?

Während man auf Bedrohungen eher reagiert, kann man bei Herausforderungen agieren. Ich benutze das Wort, weil es aus meiner Sicht etwas Aktives hat und den Raum öffnet, statt ihn zu schließen. Das liegt mir mehr.

Wie ist es um Ihren Ehrgeiz bestellt, damit im Unternehmen aufzusteigen?

(lacht) Ich finde mein Arbeitsumfeld gerade sehr spannend, aber frau möchte doch immer über sich hinauswachsen bzw. sich weiterentwickeln, oder? Nach acht Monaten Elternzeit habe ich, bildlich gesprochen, erstmal ein Stück weißes Papier genommen und überlegt, welche Themen und Möglichkeiten sich für News Lab in Zukunft ergeben können. Die erste Woche habe ich deshalb damit verbracht, mich mit Kolleg*innen und meinen Verlags-Partnern zu treffen. Mit einer neuen Perspektive in die Rolle zurückzukommen, hilft auch, kreativer zu sein.

Möchten Sie denn grundsätzlich eher an der Basis bleiben, also im Arbeitsprozess, oder den doch eher von der Spitze weg dirigieren?

Mir gefällt beides. Ich bin gut darin, Neues aufzubauen, aber auch strategisch Dinge weiterzuentwickeln. Ich würde den Job nicht mit soviel Leidenschaft machen, hätte ich nicht den Ehrgeiz, weiter aufzusteigen.

Womöglich auch aus weiblicher Sicht, um den Frauenanteil im Führungspersonal, das besonders in der Tech-Branche extrem männlich ist, zu erhöhen

Ich würde es mal als positiven Beitrag betrachten, unseren Anteil zu erhöhen. Weil zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung sowohl in meiner Branche als auch in Medien, Politik und Wirtschaft allgemein weibliche Vorbilder fehlen, ist mir das wichtig. Ich habe vor drei Jahren abseits von Google und Twitter ein Projekt namens „Role Models“ gegründet, das in einem wöchentlichen Podcast und monatlicher Eventreihe weibliche Vorbilder in Spitzenpositionen jeder Art sichtbar macht. Wir hatten in diesem Zusammenhang kürzlich die Justizministerin Katarina Barley auf der Bühne. Sowas inspiriert auch mich selbst ungemein und ich versuche, es auch im Unternehmen voranzutreiben. Aber es ist noch ein langer Weg…


Unsichtbare Kanthölzer & True Detectives

Die Gebrauchtwoche

7. – 13. Januar

Wer aufmerksam Medien hört, schaut, liest, lerntgerade einiges über die Welt da draußen – Begriffe ebenso wie ihre Anwendungsmöglichkeiten. Dass die illegale Verbreitung digitaler Daten zum Beispiel Doxing heißt, dank dessen sich der Grünen-Chef Robert Habeck wortreich von Twitter und Facebook verabschiedet hat, was er drolligerweise über Facebook und Twitter verbreitet. Oder dass Abend für Abend ARD-Brennpunkte aus dem Schneechaos der Alpen kein Widerspruch sein müssen. Und nicht zuletzt, dass Kanthölzer auf glaubhaften Videos zuweilen unsichtbar sind, sofern linke Gewalttäter damit rechte Politiker verprügeln.

Außerdem lernen wir, dass Blattgold nur ein paar Euro pro Bogen kostet, weshalb der Fußballkrösus Franck Ribery für sein Monatsgehalt locker eine Million Stück rohen Fleischesdamit verzieren könnte oder wahlweise ein paar Tausend tranchierte „Pseudo-Journalisten“, denen der Bayern-Profi nach seinem Protzskandal im Wüstensand vorwarf, „immer wieder für meine Handlungen kritisiert“ zu werden. Frechheit aber auch! Fast so eine dreiste wie jene, sich als Claas Relotius auszugeben und deutschen Medienanstalten falsche Interviews mit dem Totengräber der publizistischen Glaubwürdigkeit anzubieten.

Da spricht es dann übrigens unbedingt für die Redaktionen von NDR bis Radioeins, dass sie dem Fake-Betrüger mit falschem Mail-Account nicht auf den Leim gegangen sind – so verlockend der Scoop nach dem Scoop auch gewesen wäre.Umso mehr stellt sich die Frage: Wann wird der Fall bloß endlich verfilmt – wahlweise sachlich mit Heino Ferch als Juan Moreno oder satirisch mit Francis Fulton Smith als Spiegel-Hochhaus am Hamburger Hafen? Das Treatment könnte Harald Schmidt liefern, dessen Medien-Schwank Labaule und Erben gerade donnerstags im SWR läuft und zeigt, dass gute Ideen nicht automatisch gutes Fernsehen hervorbringen.

Dass andererseits selbst abgeschmackte Ideen ausgewiesener Schnulzensender durchaus unterhaltsam geraten können, beweist seit vorigem Montag die Sat1-Serie Der Bulle und das Biest, wo ein arschcooler Cop (Jens Atzorn) mit knuddeligem Hund (Bullmastiff Rocky) auf Kommissar Rex‘ Spuren ermittelt und das erstaunlicherweise garnicht mal peinlich. Aber für Peinlichkeiten ist dieser Tage ja auch das Dschungelcamp zuständig, dem am Freitag bemerkenswerte sechs von zwölf Insassen aus dem eigenen Saft gescheiterter Casting-Karrieren zugeflossen sind – zynisch ergänzt um die vollumfänglich ruinierte Pornodarstellerin Sibylle Rauch, einen Ex-Schlagerbarden namens Orloff und Alfs Synchronstimme mit Mensch.

Die Frischwoche

14. – 20. Januar

Die 17-tägige Fleischbeschau gescheiterter oder noch scheiternder Existenzen dürfte trotzdem auch in 13. Staffel unterhaltsam werden. Im dritten Anlauf gilt das ab heute auf Sky mit einem Vielfachen an Niveau und Stil ebenfalls für die HBO-Serie True Detective. Nach einem Zwischentief der zweiten Staffel kehrt Showrunner Nic Pizzolatto in die Südstaaten zurück. Und obwohl es Oscar-Preisträger Mahershala Ali und sein Action-Kollege Stephen Dorff dabei als erstaunlich ununterschiedliche Cops mit einem dieser heillos überdrehten Ritualmorde zu tun kriegen, ist die Täterjagd im wütenden Mob der Trump-Wählerschaft von unvergleichlicher Intensität.

Ein Attribut, das hierzulande meist nur dann erlaubt ist, wenn sich das Fernsehen wie so oft dem größten aller denkbaren Verbrechen widmet. Der ARD-Mittwochsfilm reist daher mal wieder zurück in die letzten Kriegstage und begleitet unterm denkbar dusseligen Titel Die Unsichtbaren – Wir wollen leben vier untergetauchte Juden (u.a. Alice Dwyer, Ruby O. Fee) beim Versuch, den Nazi-Terror zu im Berliner Untergrund zu überstehen. Wem das ein paar Spuren zu wahrhaftig ist, kann sich ja mit der Scheinwirklichkeit der Scripted Reality auf Vox sedieren, wo 6 Mütter ab Montag zum dritten Mal simuliert, es gehe um echte Sorgen (Kinder!) echter Menschen (Promis!).

So richtige Fake-Realität bietet allerdings erst der Freitagabend, wenn der junge Retortenclub Hoffenheim den tyrannischen Fußballreichsverweser Bayern zum Rückrundenauftakt der Bundesliga live im ZDF zu Gast hat und uns für 90 Minuten sportliche Chancengleichheit vorgaukelt. Betäubt von so viel Publikumsbetrug, kehren wir zurück in die Wahrhaftigkeit der Fiktion und empfehlen als erste Wiederholung der Woche die letzten zwei Teile der dramaturgisch mäßigen, soziokulturell weltbewegenden US-Serie Holocaust (Montag und Dienstag, jeweils 22.10 Uhr, WDR). Nach der Erstausstrahlung 1979 konnte das Tätervolk schließlich endgültig nicht mehr leugnen, von (fast) allem gewusst zu haben. Obwohl: noch immer zögen es viele vor, in einer Matrix zu leben, die Kabel 1 am selben Tag ab 20.15 Uhr wiederholt, statt der Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Das versucht 24 Stunden später dafür der BR, wenn es seinen Tatort: Totentanz wiederholt, bei dem Leitmayr/Batic 2002 im damals noch diffusen Umfeld der Partydrogen ermitteln.


Debatte: Klimawandel & Ökodiktatur

Mehr Kauze oder Klimakollaps!

Der Klimawandel ist keine Bedrohung, er ist längst Realität. Und was machen wir Verursacher? Einfach immer weiter wie bisher. Ein linksliberaler Appell zu mehr exekutiver Härte im Umgang mit unser aller Konsumverhalten, der nach seiner Erstveröffentlichung auf Zeit.de tausendfach meist hitzig diskutiert und geteilt wurde.

Von Jan Freitag

Wer im Sommer aus dem Fenster sah, spürte es: Die Klimakatastrophe kommt nicht, sie ist schon da. Und Schuld? Sind wir. Alle. Auch ich, soviel Ehrlichkeit muss sein. Würde das Gros der Menschheit meinen Lebensstil im Herzen einer deutschen Großstadt kopieren, die Erde hätte sich längst um weit mehr als zwei Grad erwärmt. Und das, obwohl ich vegetarischer Radfahrer mit Palmölphobie, Vintagehandy und biodynamischem Umweltschutztick bin, der mich lieber aus Pfützen als Einwegplastik trinken ließe. Meine Frau meint schon, ich werde kauzig. Mag sein. Aber Käuze wie ich müssen allein 6,3 Milliarden Dosen Red Bull kompensieren, deren Herstellung maßgeblich dafür mitverantwortlich ist, dass es zuletzt kaum Pfützen gab.

Trotzdem darf man mich gern als Kauz bezeichnen. Als was ich mich hingegen nicht mehr bezeichnen lasse: Missionarisch. Seit einem Kurztrip in den (Mitte der Neunziger noch masochistischen) Veganismus habe ich mir das Predigen nämlich abgewöhnt. Schlachtlaute im Grillimbiss schon ja damals destruktiv. Mein karnivorere Freund Christopher zum Beispiel hat auf Tierwohlmahnungen hin nur ein zweites Big Meal bei McDreck geordert. Weil Druck nur Gegendruck erzeugt, moralisiere ich daher kaum noch und falls doch, verständnisvoll. Vorleben statt verbieten, lautet die Devise. Und immer schön freundlich.

„Wenn alle wären wie du“, heuchle ich auf die vielen Selbstauskünfte von Karnivoren hin, sie äßen echt voll selten noch Fleisch, „hätte das Klima kein Problem“. Das ist zwar gelogen, aber ich kann dazu sehr glaubhaft lächeln. Doch jetzt ist Schluss mit der Demutsroutine, denn die Katastrophe beginnt ja bereits im Kleinen. Nehmen wir Bäckertüten. Wie viele davon benutzt werden, zählt nicht mal der Fachverband. Da sich die mobile Gesellschaft jeden Snack einzeln verpacken lässt, summieren sich einige Gramm aber auf enorme Tonnagen. Gleiches gilt für Kunststoff. Einzeln wiegt erdölbasiertes Gebinde wenig, pro Kopf werden es gut 25 Kilo – und da ist vom virulenten coffee to go noch gar nicht die Rede, dessen Becher bundesweit 320.000 Mal in den Müll wandert. Pro Stunde.

Wie ich bei all den globalen Problemen auf die lokalen komme? Ich hole mein Mittagessen an der Salatbar ums Eck in der Mehrwegschale. Plaste gespart, gar Bargeld – so mache ich das seit Jahren. Wortlos, versteht sich. Vorleben statt verbieten. Kürzlich aber hab ich den Besitzer gefragt, wer sein Grünzeug sonst eintuppert. Die Antwort, entgeisterter Blick inklusive: Keiner! Genauso lief es zuhause. Seit meinem Einzug 2005 kaufe ich die Brötchen beim Kiosk nebenan im Stoffbeutel, den ich zwar waschen, aber nie wechseln muss. Auch hier die Nachahmerfrage, auch hier das Antwortstaunen: Nullkommanull.

Ähnliches geschah am Bahnhof: Außer mir bringt niemand seinen Kaffeebecher mit, und wer es mal mit diesen fancy Reise-Cups versucht, wird enttäuscht. Passen nicht unter die Maschine, sagt der Barista, leider. Was ich sagen will: Zurückhaltung ist gescheitert und zwar so nachhaltig wie unser Konsum auch dann nicht wird, wenn vor Sylt längst Pelikane brüten. 1972, Willy war Kanzler, hat der Club of Rome Die Grenzen des Wachstums verkündet, also Verzicht gefordert. 2018, im heißesten Jahr der Neuzeit, werden weltweit eine Billion Plastiktüten verbraucht, die mitverantwortlich sind für den höchsten CO2-Ausstoß seit Messbeginn.

Ausgerechnet jetzt, da sich die Leugnung des Klimawandels auf ein versprengtes, aber lautes Häufchen Rechtsradikaler beschränkt, steigen die Emissionen auf ein Rekordhoch. Und was waren die Aufreger 2018? Flüchtlinge, Fußball, Sommerzeit – im Gegensatz zur Erderwärmung Aufgaben von aufreizender Lösbarkeit. Es ist eine Feuerzangenbowle in Endlosschleife: Während die Einschläge im Vernichtungskrieg des Konsumismus gegen den Planeten näher kommen, sediert sich dessen Bevölkerung mehrheitlich mit Eskapismus wie Diesel-Fahrverboten. Und da sollen wir Aufgeweckten zwar Vorbilder sein, aber die Klappe halten, wie Michael Allmaier rät?

Mit jeder Grenze gegen Amazon-Kunden, SUV-Fahrer oder Fast-Food-Junkies, meinte der ZEIT-Autor kürzlich in einer Breitseite gegen die „Gemeinschaft der anständigen, vernünftigen Menschen“, werde „die richtige Seite kleiner“. Stimmt. Nur: Mit jeder Grenze, die sie nicht zieht, wird auch die Zeit bis zur Sintflut kürzer. Erste Forscher datieren den Point of no Return, an dem sich die Erderwärmung selbst befeuert, aufs nächste Jahrzehnt. Was aber raten reflexive Gänsestopfleberfans wie Herr Allmaier Sparfüchsen wie mir? Heitere Gelassenheit.

Dabei ist auch unser Fußabdruck desaströs. Mein Faible für Käse emittiert wie das für Schokolade oder O-Saft Schadstoffe fern des planetarisch Erträglichen, und vier Flüge pro Jahr heizen den Globus auch dann auf, wenn sie beruflich sind. Ich verhalte mich keineswegs so makellos, wie Fleischesser meinen, wenn sie Vegetariern zuraunen, für den Salat sei ja wohl auch, tihi, Gemüse gestorben. Lustig… Aber ernsthaft: weniger geht immer. Weil das Individuum dazu jedoch außerstande scheint, hilft nur Druck von oben. So schwer es mir als linksliberalem Freund der Eigenverantwortung fällt: Dem Totalverlust unseres Wohlstands nach dem Kollaps kann nur durch unverzügliche, rechtsverbindliche, fiskalisch flankierte Verbrauchssteuerung davor beginnen.

Von rechts schallt es jetzt laut Ökodiktatur! Aber der größte Widerspruch des Anthropozäns besteht nun mal darin, dass wir linksgrün versifften Bilderstürmer mit regierungsamtlicher Macht eine Schöpfung bewahren, die konservative Wachstumsfanatiker nicht selten im Namen Gottes vernichten. Denn was beschneidet wessen Freiheit mehr: ein Tempolimit die freie Fahrt freier Bürger oder deren freie Fahrt meine zum Überleben? Wäre die individuelle Entscheidung wirklich das Maß aller Dinge, wir könnten auch Feuerwaffen freigeben; kann ja jeder selbst entscheiden ob er…

Nein! Da der Klimawandel im Sorgen-Ranking nach Migration, Armut, Rente, Kriminalität, Wohnen nicht mal in den Top-10 ist, muss das dringlichste Problem unserer Zeit grad aus Sicht des Freiheitsgedankens exekutiv gelöst werden. Sofort! Andernfalls wird die Ökodiktatur infolge ständiger Naturkatastrophen, Missernten, Völkerwanderungen bald total. Ein paar Vorschläge im Licht der EU-Entscheidung, ab 2021 Wegwerfplastik zu verbieten: Förderung nachhaltiger Produktion bei steuerlicher Belastung von Flächen-, Ressourcen-, Energieverbrauch, alles gekoppelt an Einkünfte und Vermögen. Ahndung gravierender Umweltverschmutzung als Kapitalverbrechen. Verbot intensiver Landwirtschaft, schwer recyclebarer Verpackungen, von Kohleverstromung, Getränkedosen und (zunächst für Neuwagen) Verbrennungsmotoren bei massivem Ausbau von ÖPNV, Rad- und Mehrwegsystemen, Wind- und Solarstrom, falls nötig im nationalen Alleingang.

Und da der industrialisierte Mensch das größte Risiko ist, muss gar die Subventionierung des Kinderreichtums auf den Prüfstand, von der des Fliegens durch steuerfreies Kerosin ganz zu schweigen. Zwar zeigen etwa 50 Prozent weniger Plastiktüten in zwei Jahren, dass preisbedingte Freiwilligkeit ab und zu Folgen hat; weil sich die Zahl der Flüge seit 2000 verdoppelt, die der Pakete verfünffacht, die der Handys vervielfacht hat; weil wir einmal jährlich das Handy erneuern, dreimal in Urlaub fliegen, fünfzigmal Dinge ordern, siebzigmal Essen und mehrmals täglich Fleisch konsumieren; weil der Benzindurst wieder steigt und auch 198 Kunststoffbeutel pro Kopf das Meer vermüllen, stößt alle Autonomie aber mehr denn je an die Grenzen des Wachstums.

Ich erinnere mich noch gut, wie Opel mal mit Wonderful WorldAutos verkaufte. Jetzt bewirbt Mercedes seine SUV, für die der ADAC breitere Parklücken fordert, mit „Ausdruck innerer Stärke“. Leider begreifen zu wenige, dass die auch im Verzicht besteht – sonst hätte sich Deutschlands Stadtpanzerflotte nicht auf mittlerweile 22 Prozent verzehnfacht. Was da hilft? Die autofreie Stadt, darunter geht’s nicht! Ohne Druck fahren Umweltkiller weiter und weiter und weiter. Mit Vollgas in die Klimakatastrophe.


Ouzo Bazooka, Rhonda

Ouzo Bazooka

Die Siebziger sind die Achtziger sind die Neunziger sind die Nuller sind die Gegenwart ist Europa ist Asien ist Afrika ist Amerika ist die ganze Welt ist Licht ist Luft ist Sound ist ein einziges großes zeitlos wirrtes Durcheinander. Wer diese Küchenweisheit der Postpostpostmoderne nicht nur lesen, sondern auch hören will, derdie sollte es vielleicht mal mit Ouzo Bazooka versuchen. Ohne je dem Fetisch des digitalen Baukastenpop zu verfallen, macht die Band aus Israel seit fünf Jahren einen zutiefst analogen Baukastenpop, der danach gar nicht klingt und gerade deshalb so umfassend, vor allem aber: überwältigend ist.

Mit flatternder Orgel, psychoaktiver Gitarre und einem drollig blechernen Gesang zelebriert das dreiviertelmännliche Quartett um den Späthippie Uri Brauner Kinrot eine Nostalgie, die zwar oft altmodisch nach psychedelischen Krautrock klingt, aber die Grenze der selbstreferenziellen Kiffermucke dabei um Tausend Orte, Zeiten, Zustände erweitert. Auch ins vierte Album Transporter fließt daher Balkanfolklore ebenso ein wie Surfrock, Britpop, Oriental, Postpunk und vor allem eine gehörige Ladung Live-Energie, die all dies mit viel Tanzflächenschweiß schmiert. Enthemmend!

Ouzo Bazooka – Transporter (Stolen Body Records)

Rhonda

Auch ein bisschen psychedelisch, auch unverfroren nostalgisch, dabei jedoch weder grenz- noch genre- oder gar länderübergreifend klingt dagegen das dritte Album von Rhonda. Zur gleichen Zeit wie die seelenverwandten Ouzo Bazooka aus den Trümmern der lokal erfolgreichen Neo-Mods Trashmonkeys in Hamburg hervorgegangen, ist die norddeutsche Band auf den regional überaus angesagten Soul-Train gesprungen, fühlt sich dort seither ersichtlich wohl – und lässt ihr wachsendes Publikum mit großer Eleganz daran teilhaben.

Irgendwo zwischen Shirley-Bassey-Klassizismus und Amy-Winhouse-Adaption flaniert You Could Be Home Now über den Boulevard der Sixties und pickt dabei alles vom Asphalt auf, was für die Retro-Disco so taugt: basslastige Filmscores, gefällige Bläsersequenzen, verkopfte Jazz-Passagen und vor allem viel Gefühl für die zeitgenössische Mischung aus Ironie und reiner Lehre. Und dank der wuchtigen, aber nie aufdringlichen Stimme von Milo Milone kann man Rhonda zum Glück auch jenseits der vielen hanseatischen Soul-Clubs gut hören – und so ganz ohne politischen Input genießen. Auch mal schön.

Rhonda – You Could Be Home Now (popup records)


Christian Friedel: Babylon & Parfum

Meine Musik ist persönlicher

Der Schauspieler Christian Friedel (Foto: Jakub Bejnarowicz/ZDF) brilliert nicht nur mit seiner leicht gehetzten Intensität, er ist auch als Musiker recht erfolgreich. Zuletzt (und weiterhin in der ZDF-Mediathek) war er in der ersten großen Eigenproduktion von Neo als Hauptfigur der Roman-Adaption Parfum zu sehen. Ein Gespräch mit dem 39-jährigen Magdeburger über Spätstarter, verschrobene Figuren und wofür er sogar in die Muckibude ginge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Friedel, wenn Sie sich aussuchen dürften, worum es im Interview geht – wäre das die neue Platte ihrer Band Woods of Birnam oder der ZDF-Mehrteiler Parfum?

Christian Friedel: Oh, böse Frage… Weil es vom künstlerischen Ausdruck her etwas äußerst Persönliches ist, würde ich dem Album kurz Vorrang geben. Seine Serienfigur über so lange Zeit entwickeln zu dürfen, macht natürlich auch Parfum zum tollen Gesprächsthema. Aber das Album liegt mir zurzeit noch mehr am Herzen.

Weil Sie es als Kopf der Band selber verantworten?

Schon. Aber obwohl ich die Songs meist mit meinem Gitarristen schreibe, sehe ich uns unbedingt als Kollektiv; sonst hießen wir ja Christian Friedel & Band oder so. Dennoch kann ich beim Film mehr Entscheidungen abgeben. Die Figur und wie ich sie spiele, ist abhängig davon, wie der Autor sie ins Buch geschrieben und der Regisseur sie umgesetzt sehen möchte. Meine Musik ist definitiv persönlicher.

Was soweit geht, dass Sie vor fünf Jahren ihr Engagement am Dresdner Staatstheater zugunsten der Musik beendet haben?

Schon. Aber die Bühne hat auch meine Filmarbeit beeinträchtigt. So sehr ich das Theater liebe, konnte ich mich im starren Konstrukt fester Spielpläne nicht so vielfältig ausdrücken, wie ich es wollte. Trotzdem mache ich damit weiter, zuletzt auch als Regisseurin Göttingen.

Hätte ein zeit- und kostenaufwändiges Projekt wie sechs Stunden Parfum denn den Vorzug erhalten, wenn es mit Theater oder Musik kollidiert wäre?

Wenn mich ein Projekt wirklich packt, krieg ich‘s im Zweifel irgendwie hin, es mit anderen zu koordinieren. Als ich Das weiße Band gedreht habe, war mir klar, bis zur Vertragsauflösung am Theater darum zu kämpfen. Ich setze daher manchmal Prioritäten gegen oder für das eine oder andere. Meine Jungs in der Band wissen das; wir haben sogar beim Abschlussfest der Dreharbeiten zu Parfum gespielt.

Was hat die mehrmonatige Arbeit daran so spannend gemacht?

Die Charaktere, ihre Vergangenheiten und Geheimnisse. Man merkt, dass sie jemand ersonnen hat, der sich mit der menschlichen Psyche auskennt. Das geht weit über die übliche Frage des whodunnit hinaus. Auch wenn ich einzelne Szenen beim Lesen schwach fand, hat mich das Gesamte immer mehr hineingezogen. Und Philipp Kadelbach hat das so umgesetzt, dass dieser Sog am Bildschirm erhalten bleibt.

Wenn Sie sich den Charakter darin selbst hätten aussuchen dürfen – wäre die Wahl auf den verschrobenen Außenseiter Daniel Sluiter gefallen?

Absolut! Ich verwandle mich lieber in skurrile Figurenwie diese mit den falschen Zähnen. August Diehls Rolle des Parfümeurs fand ich auch spannend, aber die arme Seele mit dem versteckten, unfreiwilligen Humor liegt mir definitiv mehr.

Ist es also eine Typfrage, dass sie oft so verhuschte, leicht fiebrige Figuren wie Georg Elser spielen, oder bietet man Ihnen auch gar nichts anderes an?

Ich bin sehr froh über das breite Spektrum was man mir anbietet und bislang kein Schauspieler, den man sofort mit einer bestimmten Sorte Film oder Figur verbindet. Bei Babylon Berlin wurde ich gleich für zwei Rollen gecastet. Man wollte mich dabeihaben, war sich aber noch nicht sicher für welchen Part. Es wurde der Fotograf und so wie es jetzt mit ihm weitergeht, regt es meine Spiellust ungeheuer an.

Sie sind relativ spät zum Film gekommen sind.

Definitiv. Wenn Michael Haneke nicht mit Das weiße Band auf mich zugekommen wäre, würde ich hier vermutlich nicht sitzen– zumindest nicht mit einer Hauptrollen wie jetzt. Das ich die nun bekomme, macht mich sehr dankbar. Umso mehr hoffe ich, dass die Produzenten und Caster den Blick weiter in die Branche schweifen lassen. Da gibt es so viele unentdeckte Perlen, die wegen der deutschen Krankheit, oftmals dieselben Gesichter zu besetzen, im Verborgenen bleiben.

Ist es eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, relativ wenige Filme zu drehen oder hat es damit zu tun, dass Sie trotz allem noch immer zu diesen Perlen im Verborgenen zählen?

Vermutlich beides. Ich war von der Qualität des Weißen Bands so verwöhnt, dass es mir schwerfiel, neue Rollen zu finden. Zum Glück meinten einige Kollegen zu mir, das sei eine Ausnahme gewesen, daran solle ich nicht alles messen. Ich bin weit weg von einem Star.

Könnte die erste Serie Ihrer Karriere daran etwas ändern?

Theoretisch schon – zumal im Fernsehen, dem ich lang kritisch gegenüberstand. Dann aber kam mein erster Fernsehfilm zur Odenwaldschule…

Die Auserwählten.

Mit Uli Tukur, Julia Jentsch, spannend umgesetzt von Christoph Röhl. Meine Rolle darin war zwar unangenehm, schauspielerisch aber ungemein herausfordernd. Da dachte ich mir: wenn so was kommt, bin ich auch künftig nicht abgeneigt. Und dass dem neuen Sehverhalten jetzt auch in Deutschland Rechnung getragen wird und hochwertige Serien entstehen, betrachte ich als große Chance.

Ist Parfum da noch Ausnahme oder schon Regel?

Irgendwas dazwischen, der Stoff lässt sich über eine Staffel hinweg weiterdenken. Bad Banks zum Beispiel ist auch großartig! Dark hat einen Sog auf internationalem Niveau entwickelt und Babylon Berlin ist sowieso unvergleichlich gut, ein Geschenk dabei sein zu können. Es gibt sehr ambitionierte Autoren, Regisseure und Projekte, die einen Fokus verdienen. Alles, was wir brauchen, ist ein bisschen mehr Mut.

Darf es demnach bei Ihrer nächsten Serie ein Charakter mit mehr Sexappeal sein?

Natürlich. Einen verkopften Romeo mit unterschwelligem Humor, also dafür geh ich sogar in die Muckibude.