Schwei(nstei)ger & Dilemmashows

Die Gebrauchtwoche

13. – 19 Januar

Nein, so politisch war Ich bin ein Star, holt mich hier raus wohl noch nie. Erst äußern sich Sonja Zietlow und Daniel Hartwich durchaus besonnen über die angrenzenden Buschbrände, dann rufen sie zu Spenden auf, übermitteln gar ein regierungsoffizielles Grußwort – und dann zieht mit Ex-Bundesverkehrsminister Krause auch noch der erste Politiker ins Dschungelcamp. Aber abgesehen davon, dass er auch gleich wieder auszieht? Alles wie gehabt, also nicht der Rede wert und gerade deshalb so viel gehaltvoller als ein Umweltsau-Video des WDR, das Intendant Tom Burow zum Bückling vor Rechtsradikalen bewegte.

Immerhin gab es dafür tüchtig was aus der Shitstormkanone. Weit geringer war da die Medienresonanz auf jenen Mann, der kurz zuvor in Südtirol sieben Menschen getötet hat. Kein Aufschrei kollektiver Empörung, gar ein ARD-Brennpunkt, nur routinierte Einordnung eines Terroranschlags, der nur nicht als solcher benannt wird, weil es im Gegensatz zu denen mit islamistischen oder rechtsradikalen Hintergrund Alltag ist, dass Besoffene mit ihrem Mordwerkzeug Sportwagen Leben auslöschen. Da hat die Bild zwar ein bisschen Betroffenheit geheuchelt, aber nicht das Fahrverhalten ihrer Stammkundschaft kritisiert.

Dafür kroch sie Donald Trump mit der Titelseite Kein Krieg! Danke Mr. President in den Hintern, was so fern aller Logik ist, dass Der Stürmer verglichen damit zur Qualitätszeitung wird. Die ARD hat derweil mit einer Enthüllungsstory im Dopingsumpf Gewichtheben ihre sportpolitische Kompetenz mit Folgen belegt, während Hank Azaria die Reißleine zog und den Simpsons-Inder Apu fortan nicht mehr als voll rassistischer Stereotype spricht. Noch was? Ach ja. Trotz 15 Nominierungen gewann Netflix nur den Golden Globe für Laura Dern als beste Nebendarstellerin in Noah Baumbachs Marriage Story. Und Til Schweiger hat ein Gefälligkeitsgut…, äh, Porträt von Bastian Schweinsteiger angekündigt, und falls es nicht Schwei(nstei)ger heißt, wäre vielleicht „Ich und Ich, einfach geil“ ein guter Titel.

Die Frischwoche

20. – 26. Januar

Ein, hüstel, nicht ganz sooo guter Untertitel ist Hautärztin aus Leidenschaft für die TLC-Serie Dr. Emma ab heute auf dem Turner-Kanal TLC, den sich wirklich nur deutsche Übersetzer ausdenken können. Richtig bescheuert ist auch der von Nicht dein Ernst!, womit Jürgen von der Lippe ab Sonntag den verwaisten WDR-Sendeplatz von Zimmer frei! beerbt. Warum Die Dilemma-Show Alltagsfallen beschreiben soll, die das lebende Hawaiihemd und seine Kollegin Sabine Heinrich ab Sonntag mit wechselnden Gästen – in Folge 1 von 6 Frank Plasberg zum Thema Partysünden – diskutiert, bleibt ein öffentlich-rechtliches Geheimnis.

Partysünden sind selbstredend auch ein wichtiger Faktor bei der 3. Staffel von Babylon Berlin ab Freitag bei Sky, die vermeintlich goldenen Zwanziger am Rande der braunen Katastrophe weiterspinnt. Bereits heute zeigt der Bezahlkanal Hugh Laurie in der absurd komischen HBO-Serie Avenue 5, wo Doctor House einen interplanetarischen Kreuzfahrtraumschiffskapitän spielt, der eigentlich als schicker Statist an Bord ist, plötzlich aber das Ruder übernehmen muss. Seit ein paar Tagen läuft auf Netflix bereits die Eigenproduktion Dracula der Macher von Sherlock, die Bram Stokers klassischen Vampirstoff zum Nervenzerfetzen radikalisieren.

Weil die menschliche Natur allerdings noch viel drastischer ist, als sie jeder Horrorproduzent ersinnen könnte, bereits uns Arte am Dienstag schon mal unsanft auf den 75. Jahrestag der Auschwitzbefreiung in acht Tagen vor. Das dokumentarische Drama 1944 stellt dabei die wahre Begebenheit zweier KZ-Gefangener nach, die den Alliierten nach ihrer Flucht erstmals hautnah von den Gräueln dort berichtet haben. Gefolgt wird es von einer Doku über die Medizinversuche in Auschwitz, aber auch einer über Die Kinder von Indersdorf, wo sich unter all den deutschen Mitläufern ein paar Mithelfer fanden. Nicht ganz leicht, besser: fast unmöglich davon auf unterhaltsame Wiederholungen der Woche überzuleiten, aber auch der Tatort-Tipp hat ja seine menschlichen Abgründe.

In Der Eskimo (Montag, 21.45 Uhr, HR) hatte es Joachim Król 2014 nämlich erstmals ohne Nina Kunzendorf noch schlimmer als sonst mit seinem Alkoholismus zu kämpfen. Im Anschluss läuft dann an gleicher Stelle Cotton Club, Francis Ford Coppolas Gangsterjazzrevue mit Richard Gere von 1984, als Kino noch wirklich groß war. So groß, wie sechs Jahre zuvor das fünffach oscarprämierte Scheidungsdrama Kramer gegen Kramer mit Meryl Streep und Dustin Hofman.


Holy Fuck, Kinderzimmer Productions, AJJ

Holy Fuck

Falls irgendwer meint, die Achtziger kämen zurück: Keine Chance! Zeitreisen hat Albert Einstein eine Strich durch den Flux Kompensator gemacht und überhaupt kommt nie irgendwas wieder, es wird nur mal mehr, mal weniger gut kopiert. High-Waist-Hosen zum Beispiel eher weniger, New Wave eher besser. Sofern er so interpretiert wird wie von der kanadischen Experimentalkrautband Holy Fuck. Seit 15 Jahren bereits reist ihr elegischer Keyboardrock durch die Epochen und landet nun mal wieder an der Grenze vom Postpunk zum Techno.

Mit analogem Bass und digitalen Drones zappelt Deleter, das fünfte Album seit 2004, hingebungsvoll in der Gegenwart nostalgischer Rückbesinnung herum und klingt dabei manchmal wie Depeche Mode auf Amphetamin – ein bisschen breiig und überdreht, aber hochkonzentriert und präzise. Repetitive Dada-Fetzen à la “I know, it’s not fortune / Come through,  Ooooooo” fläzen sich dabei im Sitzsack getragener Synths. Eine Ode an die Achtziger, gewiss. Aber kein Retrozeugs, sondern gelungene Wiederbelebung.

Holy Fuck – Deleter (Holy EF Music)

Kinderzimmer Productions

Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln politisch haltungsstarken, unbedingt spaßorientierten HipHops begibt, landet eher früher als später in Hamburg – bei Deluxe, Delay, Beginner, zuletzt sogar bei Deichkind, die dem Concious Rap lustige Drogen in die Großhirnrinde blasen. Sie alle aber sind undenkbar ohne das, was ihnen seit einem Vierteljahrundert von Ulm aus zugeflüstert wird. Damals machten Textor und Quasi Modo als Kinderzimmer Productions einen derart lebensklugen Sprechgesang salonfähig, dass er vom Aggro genervt 2007 die Segel streichen musste.

Zwölf Jahre später ist das Duo zurück – und zeigt uns mit irritierenden Beats über philosophischem Gaga, wie viel Leben im Deutschrap steckt. “Ich hab die Fakten gekaut / und die Wahrheit ausgespuckt / sie ist klein, hart und rund / wie ein Eishockeypuck” textet Textor auf Todesverachtung to Go und lässt dazu “alle toten Augen sind auf Solingen gerichtet / alle deine Freunde sind mit Folien beschichtet” folgen. Kann man sinnig finden oder nicht, bleibt aber mit das Beste, was hierzulande gesangsgesprochen Haltung zeigt.

Kinderzimmer Productions – Todesverachtung to Go (Grönland)

Hype der Woche

AJJ

Wenn man das australische Dadapopduo Flight of the Concords mit den psychotischen Alleinunterhalter Daniel Johnston – R.I.P. – ein eine Kiste packt und durch den Kakao von Jello Biafras Alternative Tentacles zieht – was kommt dabei ungefähr heraus? Genau: das sensationell durchgeknallte Folkpunkensemple AJJ aus Phoenix/Arizona, das man ohnehin nur mit einer gehörigen Portion Wahnsinn überlebt. Auch das siebte Album Good Luck Everybody (Specialist Subject Records) vom singenden Skateboarder Sean Bonnette ist voll von einer eleganten Sinnlosigkeit und überspannten Coolness – da möchte man glatt mit ihm in die Wüste zum Skifahren.


Birgit Schrowange: Extra & Abschied

Man lässt ständig irgendwas los

Als Moderatorin des RTL-Magazins Extra hat Birgit Schrowange (Bild: RTL) den Boulevard 1994 neu erfunden. 25 Jahre und 1500 Sendungen später hat sie den Staffelstab melodramatischer Anteilnahme nun an Nazan Eckes übergeben – auch, weil sie mit fast 62 kürzer treten will. Ein Gespräch über Privatsphäre, Dschungelcamp, Helmut Thoma und was aus all der Zeit haften geblieben ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Schrowange, herzlichen Glückwunsch!

Birgit Schrowange: Äh, wozu genau?

Sie heiraten bald Ihren Verlobten Frank Spothelfer.

Oh, danke schön.

Anders als viele Kollegen machen Sie Ihr Privatleben publik. Kommt diese Transparenz von Herzen oder ist sie eine Reminiszenz an Ihren Beruf als Boulevardmoderatorin?

Ach, ich bin doch schon seit 40 Jahren eine öffentliche Person und werde 30 davon gefragt, wann ich denn nun endlich mal heirate. Trotzdem hat die Offenheit natürlich Grenzen.

Welche zum Beispiel?

Meinen Sohn, den ich seit jeher aus der Öffentlichkeit heraushalte. Darüber bin ich auch sehr froh. Obwohl, mittlerweile ist er ein so kluger, schöner Mann – da würde ich ihn schon gern mal mit auf den roten Teppich nehmen. Für mich gehört er halt dazu. Doch weder ich noch mein Freund würden so weitgehen wie Boris Becker und ein Kamerateam zum Traualtar lassen.

Ins Dschungelcamp würden Sie also nicht gehen?

Für kein Geld der Welt! Ich hab mich trotz einiger Angebote ja auch nicht für den „Playboy“ ausgezogen.

Verlangt der Markt, also das Publikum, von Moderatoren, die ihrerseits in die Privatsphäre anderer vordringen, dennoch größere Bereitschaft, mehr von sich selber preiszugeben als sagen wir: Nachrichtensprecher?

Absolut. Deshalb kann jemand, die wie ich im Boulevard tätig ist, schwerer völlig zu machen. Und weil ich nie etwas zu verbergen hatte, hab ich auch gar kein Problem damit, mich an seine Spielregeln zu halten. Aber wenn Paparazzi meinem Sohn aufgelauert haben, musste ich trotzdem die eine oder andere Zeitschrift verklagen.

Haben Magazine wie Extra, das den Boulevard vor 25 Jahren hierzulande mitgeprägt hat, aus Ihrer Sicht die Grenzen der Privatheit Prominenter verschoben?

Nein, denn Prominente machen wir fast gar nicht, Sie verwechseln uns da mit einem People-Magazin wie Exklusiv!. Frauke Ludowig würde uns was husten, wenn wir in ihrem Revier wildern. Haben sie „Extra“ überhaupt schon mal gesehen?

Klar! Und da gibt es unter anderem Aufarbeitungen eigener Sendungen wie Dschungelcamp oder DSDS, in denen Prominenz eine wichtige Rolle spielt.

DSDS kommt fast nie bei uns vor und über die Prominenz der Dschungel-Kandidaten könnte man jetzt streiten. Wenn wir über so etwas berichten, dann als Cross-Promotion vorangehender Sendungen, in denen es äußerst selten mal um Prominente geht. Wir machen eher Schicksalsgeschichten ganz normaler Leute wie die aus einem Kinderhospiz in Olpe, wo ich gleich hinfahre, und geben Themen eine Öffentlichkeit, über die sonst wenig berichtet wird.

Bezeichnen Sie sich demnach als Journalistin, womöglich gar Reporterin, oder doch als Moderatorin?

Also ich bin gern unterwegs, gehe auf Menschen zu und brenne für emotionale Geschichten. Gleichzeitig drehe ich selten selber welche. Deshalb kann man mich als Moderatorin mit journalistischen Aufgaben bezeichnen.

Sie machen den Beruf seit 1981 und sind die meisten Zeit davon auf dem Boulevard tätig. Wie hat sich die Branche, wie hat sich Ihr aktuelles Genre in dieser Zeit verändert?

Sehr, sowohl technisch als auch inhaltlich! Als ichanfing, gab es ja noch TV-Ansagerinnen wie mich. Und das war im Wesentlichen auch die Hauptaufgabe von Frauen in dieser reinen Männerwelt. Ich kann mich deshalb noch gut an den Aufschrei erinnern, als Barbara Dickmann 1979 die Tagesthemen moderiert hatte. Da sind wir heute zum Glück ein Stück weitergekommen. Auch RTL, das allerdings schon früh auf Frauen gesetzt hat, etwa mit Ulrike von der Groeben als Sportmoderatorin.

Sie sind dort in einer Zeit hingewechselt, als RTL Marktführer war und vom legendären Helmut Thoma geleitet wurde…

Aber schon längst nicht mehr das Schmuddelimage der Anfangszeit hatte. Dafür gab es viel mehr Geld und Quoten. Heute sind die Mittel knapper, der Markt ist zersplitterter, die jungen Leute gucken kaum noch lineares Fernsehen, mit Netflix und Amazon gibt es neue Konkurrenten – man kann die damalige Zeit mit heute überhaupt nicht mehr vergleichen.

Hat die frühere Marktmacht von RTL für Sie als Moderatorin mit sich gebracht, mehr wagen zu können, sich nicht ständig in Formatgrenzen zu bewegen?

Ja, wir konnten uns früher mehr trauen und auch mehr investieren. Ich erinnere mich an den Fall eines amerikanischen Serienmörders, der in den USA zum Tode verurteilt war. Da bin ich mit Frank Hoffmann, meinem damaligen Redaktionsleiter…

… und bis Anfang des Jahres Geschäftsführer.

… hingefahren und mit einer monothematischen Sendung zurückgekommen. Einfach los, vor Ort schauen, was daraus wird, und gegebenenfalls alles in die Tonne kloppen – das wäre heutzutage unmöglich.

Auch wegen der gesunkenen Aufmerksamkeitsspanne des Publikums?

Vermutlich. Man hat sich aber auch damals ein Stück weit den Zuschauern angepasst und am Quotenverlauf beobachtet, welche Beiträge gut liefen, welche weniger. Wie hat Dr. Thoma so schön gesagt: Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch.

Was für ein Chef war Helmut Thoma verglichen etwa mit Anke Schäferkordt?

Ach Gott, darüber möchte ich ausgerechnet jetzt, wo ich bei RTL aufhöre, nicht mehr reden.

Wissen Sie eigentlich, wie viele Ausgaben von Extra Sie moderiert haben?

Fast 1500, meine ich.

Gibt es da Sendungen, Momente, auch Begegnungen, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Viele sogar. Einer war, als ich Natascha Kampusch nach ihrer Befreiung exklusiv interviewt habe. Spannend war es auch, als wir Monica Lewinsky in New York besucht haben. Am Ende hängen gute Geschichten aber nie an großen Namen. Erst Montag hatte ich eine junge Frau im Studio, die ihren schwerkranken Vater pflegt, seit sie acht Jahre alt ist. Acht! Und das ist kein Einzelschicksal in Deutschland. Das war ebenso eindrücklich wie Besuche im Drogenmilieu oder bei Flüchtlingen. So was berührt einen emotional schon sehr.

Wird man da mit den Jahren nicht abgebrühter?

Ich kann einiges ab, aber besonders, wenn Kinder beteiligt sind, fasst es einen immer noch an. Andererseits war Extra schon immer eine bunte Wundertüte, in der es neben Schicksalsgeschichten auch mal leicht und lustig zugehen kann. Diese Mischung war mir stets wichtig.

Warum machen Sie dann gerade jetzt damit Schluss?

Weil mir eine innere Stimme seit drei Jahren schon flüstert, dass ich den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nicht verpassen solle – und mit dem 25. Geburtstag ist der für mich erreicht. Nach 40 Jahren im Beruf, möchte ich ein bisschen kürzer treten, mehr Zeit für mich haben, andere Sachen machen. Mein Ziel war es immer, dass man mich nicht aus dem Studio raustragen muss. Ich werde nächstes Jahr 62, da ist es ein großartiger Moment, zu sagen: danke RTL! Ich hatte eine großartige Zeit, aber jetzt ist es Zeit zu gehen.

Können Sie generell gut loslassen?

Ja, schließlich lässt man ständig irgendetwas los. Man lässt los von der Kindheit, man lässt los von der Jugend, man lässt los von den Eltern, man lässt los von den Kindern, man lässt los von der Schönheit. Wer das nicht akzeptieren kann, verkrampft am Leben.


Uwe Kockisch: Comm. Brunetti & Stasi-Kupfer

Die Ruhe selbst

Seit mehr als 20 Jahren zählt Uwe Kockisch bereits zum Kernbestand des Fernsehpersonals – trotz und wegen seiner Rolle als Commissario Brunetti (Bild: Nicolas Maack/Degeto) nach den Krimiromanen von Donna Leon, die Weihnachten mit der 26. Folge im Ersten zu Ende ging. Ein Abgesang.

Von Jan Freitag

Uwe bleibt ganz ruhig, obwohl: das tut er ja selbst dann, wenn es spürbar in ihm brodelt. Vor ihm im Wasser treibt die Leiche eines Bekannten, mit dem er eben noch angeregt übers Böse der Welt diskutiert hatte. Uwe mochte diesen Imker, auch wenn er das nicht so richtig zeigen konnte – schon weil eigentlich keine seiner Filmrollen Gefühle so richtig zeigen darf. Diese Gefühlsunterdrückung ist geradezu ihr Markenzeichen, sie macht ihn ja gewissermaßen zur Marke, diesen Uwe, der große Grübler des deutschen Fernsehens.

Doch jetzt hat es sich ausgegrübelt.

Denn mit einer Fahrt Richtung Horizont hat Uwe, Nachname Kockisch, jenes Gewässer, in dem die Leiche des geselligen Imkers, Vorname Davide, vor sich hin dümpelt, endgültig verlassen. Es ist die Lagune von Venedig, ein bezaubernd schönes Biotop – wäre da nicht der Mensch an sich. Ein zerstörerisches, abgründiges, zutiefst selbstsüchtiges Wesen, mit dem es Uwe Kockisch seit Oktober 2003 als Commissario Brunetti in aller brodelnden Ruhe zu tun bekam. Nach der 22. von insgesamt 26 Folgen „Donna Leon“ endet also eine ARD-Reihe, in der er einst den atmosphärisch ähnlich introvertierten Joachim Król als Hauptdarsteller mit neuem Gesicht zur alten Figur beerbt hatte.

Nicht, dass es dem Krimi an Publikumsresonanz mangeln würde; die Einschaltquoten waren bis zuletzt wie an fast jedem Donnerstagabend im Ersten hervorragend. Die vorletzte Episode im April etwa haben annähernd sechs Millionen Zuschauer gesehen, und hätte RLT parallel dazu nicht ein zugkräftiges Fußballspiel übertragen – es wären gewiss noch deutlich mehr gewesen. Umso interessanter müsste es sein, Uwe Kockischs Abschiedsmotive von ihm persönlich zu erfahren. Weil er das vereinbarte Interview jedoch unmittelbar vorm Termin – womöglich aus Angst vor kritischen Fragen – ohne Erklärung abgesagt hat, kann man darüber nur spekulieren. Der wichtigste Grund bedarf allerdings keiner Zeugenaussage: Commissario Brunetti ist auserzählt. Seit langem schon.

Auch sein letzter Fall treibt daher wie die Leiche des Bienenzüchters (Hermann Beyer) in einer kruden Story voll gestanzter Charaktere, die in der Regel keine dramaturgische, sondern allenfalls Platzhalter-Funktion haben. Nur leidlich von einem Burnout genesen, soll der ausgebrannte Ermittler eigentlich auf der Laguneninsel Sant’Erasmo regenerieren, wird durch den gewaltsamen Tod des biografisch verbundenen Imkers, der bereits Brunettis Vater kannte, jedoch zur Arbeit genötigt. Im Fall eines vermeintlichen Umweltskandals ringen sodann brutale Wasserschutzpolizisten (Anton Spieker) und dubiose Umweltanwälte (Suzanne von Borsody), aasige Unternehmer (Roman Knižka) oder bullige Bauern (Paul Faßnacht) um eine Art Klischeehoheit, in der sich jeder Gemütszustand zu 100 Prozent im Gesichtsausdruck spiegelt und auch sonst alles den Regeln leichtverständlicher Fiktion folgt.

Gut, dass alles nicht allzu schlüssig, aber immerhin ein bisschen anders als insinuiert, also einigermaßen überraschend endet, ist in allen 23 Leon-Verfilmungen unter Rothemunds Regie Teil des Spanungsprinzips. Aber um Logik geht es bei Krimireihen wie dieser ohnehin nur am Rande. Dazwischen geht es ums Geschäft. Und das hat kaum jemand so geprägt wie Uwe Kockisch alias Guido Brunetti. Erst seit seinem Dienstantritt ergießt sich ja ein nie versiegender Strom hiesiger Darsteller auf den Bildschirm, die im Ausland Einheimische jeder Herkunft spielen und dabei wie Deutsche klingen oder noch absurder: Österreicher. Der erste Epigone war 2006 an gleicher Stelle Henry Hübchens Triester Commissario Laurenti, bevor ihm Der Kommissar und das Meer Walter Sittler ein Jahr drauf fürs ZDF aufs schwedische Gotland folgte.

Was alle drei eint, ist dabei ein angenehm reserviertes, vielfach arg melodramatisches, aber vergleichsweise authentisches Spiel vorm Poster-Ambiente aufgeräumter Drehorte, die dem Publikum gleich zweierlei boten: Reisetipps ohne Reue plus Identifikation mittels Sprache. Während sich die Kulissen oft auf Sehenswürdigkeiten reduziert, reden alle Schauspieler darin schließlich stets geschliffen Hochdeutsch oder werden entsprechend (mies) synchronisiert. Spätestens, als Francis Fulton-Smith – natürlich unter Sigi Rothemund Regie – erst den Pariser Kommissar LaBréa und danach dessen Athener Kollegen Richter zur Abziehfolie nationaler Klischees machte, klang das dann nur noch lächerlich. Erfolgreich war es trotzdem.

Wenn Deutsche nun von Tel Aviv bis Lissabon, von Barcelona bis Island unter Deutschen auf Deutsch ermitteln, entsteht daraus fast zwangsläufig artifizielles Erklärbärfernsehen für Begriffsstutzige, bei dem sich jeder Protagonist ungefragt mit Wohnort, Name, Beruf vorstellt und fies aus der Wäsche guckt, falls er was auf dem Kerbholz hat. Warum sich der achtbare Uwe Kockisch das die vergangenen 16 von mittlerweile fast 70 Jahren angetan hat, hätte man ihn da wie gesagt gern selbst gefragt. Aber wer ihm letztmals dabei zusieht, kann sich im Meer der Ödnis wenigstens  am Zufluss seiner Ruhe erfreuen.

Es ist ein gleichermaßen trauriges und kämpferisches Spiel, mit dem er einst sogar den Stasi-General Kupfer in Weissensee zum Sympathieträger machte. Dank dieser Hybris zählte der gescheiterte Republikflüchtling schon im Osten zu den Großen seiner Branche und schaffte auch den Übergang ins gesamtdeutsche Fernsehen. Schön, dass er dort nun wieder mehr Zeit für bessere Rollen hat.


Silbereisen: Schlagershow & Lächelfassade

In Florians Spaßhölle

Wenn Florian Silbereisen wie jedes Jahr um diese Zeit zu den Schlager-Champions im Ersten lädt, macht die Wahrhaftigkeit kurz Pause, aber genau damit Millionen von Menschen bis zur Verzückung glücklich. Ein Ortsbesuch unter Klatschpappen, Schnulzenstars und Mienenspielen im ausverkauften Berliner Velodrom.

Von Jan Freitag

Das Land des Lächelns – samstagabends im Ersten liegt es öfter mal fernab von Japan. Genauer: im Berliner Velodrom, wenn sich darin wie jedes Jahr Anfang Januar die Schlagerelite trifft. Hier lächeln alle, hier herrscht der Frohsinn, hier ist auch dessen König zuhause: Florian Silbereisen. Umso erstaunlicher ist es da, wenn er mal nicht lächelt. Dann nämlich, wenn ein Dutzend Kameras an Drähten, Kränen, Männerhänden kurz nicht auf ihn samt seiner Bombenlaune gerichtet ist, sondern auf einen seiner vielen Schlager-Champions.

So heißt das denkbargrößte Defilee der richtig leichten Muse im öffentlich-rechtlichen Programm. Und mittendrin wie so oft Florian Silbereisen, Deutschlands Unterhaltungswerktätiger schlechthin – auch wenn die meiste Arbeit hier, im Plattenbauosten der Hauptstadt, seit
Tagen andere machen. Hunderte von Technikern und Ausstattern, Showgestaltern und Security-Schränken, Klatschpappenverteilern und natürlich die Planeten des blonden Zentralgestirns der Volksschlagerbranche von A wie Andrea Berg bis Z wie Ben Zucker.

Während der Flori knappe drei Stunden vorm Großen Fest der Besten kurz mal mit bierernstem Blick sein minutenschnell ausverkauftes TV-Reich inspiziert, spucken blickdicht verblendete Luxuslimousinen den Hofadel des LED-Königs in die Tiefgarage vom Velodrom. Matthias Reim kommt mit Sohn, DJ Ötzi mit Kippe, Stefan Mross mit Braut, Andrea Bocelli mit Hund, Lucas Cordalis mit Katze(nberger) und absolut alle mit der Fähigkeit, auf dem Roten Teppich ein Betonlächeln unters Makeup zu tackern, das im perlweiß im Blitzlichtgewitter von drei Dutzend professionellen und der doppelten Anzahl Hobby-Fotografen strahlt.

So geht das Prozedere Benz für Benz von einer Jagdfanfare eines Spielmannszugsangekündigt fast in Traumschiffepisodenlänge weiter. Auf Howard Carpendale folgt Kerstin Ott  folgt Thomas Anders folgt Mary Roos folgt Roland Kaiser folgt Marianne Rosenberg folgt Semino Rossi alles, was Schlagerrang und Namen hat in eine Monsterhalle, die derweil vom versierten Warmupper Kevin vorgeheizt wird. Dabei braucht die Mehrzahl der 9533 zahlenden Besucher spätestens nach der zweiten Maß Berliner Kindl für 11 Euro vielleicht nüchterne Fahrer nach dem Abpfiff, aber kaum Motivation zum Abdrehen. Die Stimmung ist schon lange vorm Anpfiff so siedend, dass es den Flori kaum noch gebraucht hätte zum Anheizen. Aber dann kommt er doch und brüllt euphorisch „Wie geil ist das denn?!“ ins Meer ulkiger Hüte und leuchtender Brillen auf Menschen wirklich aller Alters- und immerhin einigen der sozialen Schichten mit erstaunlicher Tätowierungsdichte.

Wann die Partymeute zu klatschen habe („sobald ich raufkomme“) und wann besser nicht („wenn ich runtergehe“), gibt er ihnen noch bis zum kollektiven Countdown mit auf den Weg – dann herrscht plötzlich: Stille.  Volle fünf Minuten, am Ende der „Tagesschau“ vermutlich gerade vom Bericht über die australische Buschbrandhitze bis zum Winterfrühling  swetter daheim. Temperaturmäßig dazwischen explodiert dann physisch wie emotional endlich ein gewaltiges Feuerwerk, als Silbereisen zur Schlagersause brüllt und dabei ohne jeden Zweifel in seinem Element ist.

Er wird sich fortan volle 200 Minuten auch ohne Teleprompter kaum verhaspeln und dennoch nichts von Bedeutung sagen. Er wird die Stimmung der Zuschauer ringsum der kruzifixförmigen Bühne spüren wie ein Seismograph und bis hoch in die rappelvollen Oberränge Frohsinn verbreiten. Er wird Mailfragen der Fans verlesen und über jede Antwort lachen. Kurzum: Er wird die perfekte Illusion einer impulsiven Veranstaltung liefern, an der viele Hundert Handlanger so eingehend gefeilt haben, bis vom kleinsten Licht bis Ross Anthonys Tränen nach dessen Ode an den verstorbenen Vater nichts dem Zufall überlassen wird.

Als das Publikum an der richtigen Stelle von Giovanni Zarellas Version des Mitgröl-Songs Wahnsinn kollektiv den Refrain nachsingt, erfahren die Fernsehzuschauer also nicht, dass die in der Halle den Einsatz zuvor sorgsam geübt hatten. Und als Florian Silbereisen Andreas Gabaliers Bruder fragt, ob er den Berlinern in aller Schnelle das Jodeln beibringen könne, hat Kevin natürlich auch das eingeübt, aber hey: wenn Roland Kaiser von einer leibhaftigen Band begleitet schmachtet, er wolle „mit offenem Herzen der Wahrheit ins Auge sehen“, geht es hier um alles, aber sie gewiss nicht. Es geht um Gemeinschaft in Luftschlössern, die Stefan Mross bald mit seiner zukünftigen Frau bewohnt, der er bei Silbereisens Adventsfest der 100.000 Lichter bestimmt völlig unvorbereitet einen Heiratsantrag gemacht hat.

Und jetzt? Stehen die zwei Turteltauben beim Flori auf der Bühne und versichern sich geigenumflort ihrer ewigen Liebe – wobei dem Moderator nur darum die Mimik gefriert, weil sich die Kameras dem Sturm zweier Windmaschinen im Kleid von Stefans Zukünftiger widmen. Klingt zynisch? Ist es auch! Aber eben auch Showbiz at it’s best, bei dem sich der gravitätische Roland Kaiser freiwillig aus dem Rampenlicht schubsen lässt, weil die Pyrotechniker darin halt den nächsten Kracher vorbereiten. Eine gutgeölte Spaßmaschine, in der zwar jeder Text auf riesigem Laufband mitläuft, aber niemand hinsieht, weil vom Teeny bis zum Greis eh alle alles auswendig können. Alles.

Am Ende gipfelt die Glückseligkeit im Medley von Andrea Berg, das ein blasser Mittelstufenschüler am Bühnenrand mitsingt als sei es globaler Pop – dann stürmen all die Besten nochmals das gigantische Bühnenkreuz unterm gigantischeren Hallendach und es ist wieder vorbei. Spots aus, Licht an. Auch Floris Lachen stirbt in Echtzeit, als sei nichts gewesen. Bis Mitte März zumindest, wenn er – wie sein melodramatisches Tremolo locker fünfmal verkündet hatte – erneut die ARD-Bühne stürmt und lacht und scherzt und fragt und kumpelt und singt und mit alldem nur aufhört, falls niemand hinsieht. So ist das Spiel. Im Berliner Velodrom, Samstagabend, ARD-Primetime, spielt es jeder gerne mit.


Aiming for Enrike, The Chap, Mint Mind

The Chap

Warum ein Krümel, wenn man das ganze Brot haben kann, warum ein Keks, wenn man die ganze Konditorei haben kann, warum ein Äffchen, wenn man den ganzen Zoo haben kann, und warum ein Plattenregal, wenn man The Chap haben kann. Wer es in den letzten 20 Jahren nicht bemerkt hat, weil das englische Quintett mittlerweile acht Platten lang unterm Radar allgemeiner Aufmerksamkeit feinen Radau macht: The Chap ist gar keine Band, sondern Dutzende davon. Und jede geiler als die andere.

Da wäre in Bring Your Dolphin, Opener der neuen Platte Digital Technology, ein irisierender Minimal Wave. Da wäre kurz darauf der zauberhafte Noisepop Pea Shore, gefolgt vom experimentellen Inditronic I Am The Emotion, bevor I Recommend You Do The Same in dronigen Psychobeat abdriftet, den das schrille Merch in die Abgründe des Digital Hardcore überführt, wo der Ethno-Alternative Toothless Fuckface den Weg zurück ins Licht weist. Was für ein tolles Krümeläffchenplattenregal.

The Chap – Digital Technology (staatsakt)

Aiming For Enrike

Da ist es nur schwer zu glauben, dass es sogar noch vogelwilder geht. Aber es geht. Etwa beim digitalanalogen Dadapop-Ensemble Aiming For Enrike. Im Kern erinnert das Quartett aus Norwegen zwar ein wenig an das Berlin-Londoner Pendent The Chap, nur dass die Tracks allesamt so wirken, als wären es im Studio ungefähr doppelt so viele gewesen, die man – um kein Doppelalbum machen zu müssen – einfach übereinander gestapelt und leicht hochgepitcht hat.

Was insofern erstaunlich ist, als der Vorgänger von Music For Working Out angeblich noch chaotischer war. Einerseits. Andererseits ist der hochenergetische Elektromathrock strukturiert genug für kontrollierte Bewegungsabläufe im Club und erinnert dabei an den französischen Gitarrenfreak Matthieu “M” Chedid. Auch das geordnete Durcheinander der technonostalgischen Keyboardkanonaden von Erlend Mokkelbost und Simen Følstad Nilsen, denen die Drums von Tobias Ørnes Andersen gehörig Feuer unterm Hintern machen, ist vielleicht wirr, aber nie verwirrend. Ein fabelhaftes Album zum Durchdrehen.

Aiming For Enrike – Music For Working Out (Pekula Records)

Mint Mind

Dagegen wirken Mint Mind fast schon geerdet – was einiges heißen will. Auch das Nebenprojekt des rührigen Tocotronic-Gitarristen Rick McPhail ist ja weiter von gewöhnlich entfernt als Helene Fischer von kreativ. Dennoch wirkt der oberflächlich konfuse Psychorock auch auf dem zweiten Album seiner Drittband untergründig vielfach sorgsam ausgefeilt. Tief in der Geschichte des DIY-Garagensounds zwischen Seattle und New York verwurzelt, gibt es von Thoughtsicles demnach satt aufs Trommelfell.

Geschreddert von McPhails halligen Alltagserzählungen aus dem Hallraum urbaner Disruptionen von zu viel Schnaps (Alcoholicity) bis zu wenig Verbindlichkeit (Love A Good Queue) und noch viel zu viel weniger politische Kultur (A Road Best Traveled), sägt sich das Tio aus Hamburg zurück in den Surfrock der Sixties und über den Punk der Siebziger zurück zur Gegenwart, wo das alles ungemein frisch, aber angemessen angepisst klingt.

Mint Mind – Thoughtsicles (Upper Rooms)


Uli Edel: Bahnhof Zoo & singende Metzger

Vom Writer’s zum Director’s Room

Filme wie Christiane F. oder Letzte Ausfahrt Brooklyn haben Uli Edel (Foto 3.v.l.: Zeitlinger/ARD) um die Welt gebracht. Für den ARD-Dreiteiler Der Club der singenden Metzger (zu sehen in der ARD-Mediathek) kehrt er zurück zu seinen badisch-amerikanischen Auswandererwurzeln. Ein Gespräch über alte und neue Heimaten, deutsche Wurst in L.A. und warum er unbedingt Serien machen will.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Edel, Der Club der singenden Metzger spielt in Ihrer Heimat vor rund 100 Jahren; ist das insofern auch ein autobiografischer Film?

Uli Edel: Autobiographisch ist das soziale Milieu, aus dem ich und die Hauptfigur kommen. Vor 30 Jahren bin ich wie er nach Amerika ausgewandert. Wir kommen tatsächlich beide aus dem Schwarzwald, er aus einer schwäbischen Region, ich aus dem südlich gelegenen Baden. Mit diesen Menschen bin ich aufgewachsen und sind mir daher sehr vertraut.

Haben Sie Vorfahren, die zur selben Zeit ausgewandert sind wie die Protagonisten Ihres Films?

Ja, sogar einige – nach Amerika, Kanada und noch in den 70er Jahre nach Australien. Persönliche Bezüge sind bei mir offenbar nicht selten.

Das war für Sie als Sohn einer Hoteliersfamilie ja schon beim Mehrteiler Adlon im ZDF vor 6 Jahren der Fall…

Genau. Meine Eltern hatten zwar kein Erste Klasse-Haus am Brandenburger Tor, sondern einen Landgasthof, der aber auch als Familienbetrieb geführt wurde, wie das Adlon.

Sorgen persönliche Bezüge bei Ihnen für größere Emotionalität als abstraktere Stoffe?

Hemingway hat einmal übers Schreiben gesagt, dass der Autor die Dinge, über die er schreibt, auf die eine oder andere Weise erlebt haben muss, um darüber wirklich berichten zu können. Ich wollte unseren geschichtlich belasteten Heimatbegriff wieder auf das zurückführen, was er mir ursprünglich bedeutete, nämlich mit einem bestimmten Ort und dessen Menschen emotional verbunden zu sein. In diesem Film wird etwas durch alte, deutsche Volkslieder vermittelt, mit denen sich die singenden Metzger ein Stück Heimat in die Fremde holen. Als ich die Lieder auswählte, ist mir erst klargeworden, wie zeitlos schön manche dieser Lieder sind.

Haben Sie in der Ferne auch von der Heimat gesungen, um an sie erinnert zu werden?

Ich glaube nicht.

Und deutsche Wurst gegessen?

In Hollywood gibt es tatsächlich sehr gute deutsche Metzger und ich weiß, wer von ihnen die beste Blut- und Leberwurst macht. Auch mein Kontakt zur Deutschland ist nie wirklich abgebrochen, weil ich viele amerikanische Produktionen in Europa gedreht habe und deshalb meiner Familie und alten Freunden nah war. Selbst dieser Film, der in Dakota spielt, wurde nicht dort, sondern in Kroatien gedreht. Aber seit den Dreharbeiten daran habe ich einen zweiten Wohnsitz in Berlin und bin überrascht, wie begeistert selbst meine amerikanische Frau von der Stadt ist.

Kann man den Club der singen Metzger angesichts des Themas Flucht vor materieller Not als Kommentar auf die Flüchtlingskrise lesen?

Soll man sogar. Bei mir ist es allerdings umgekehrt. Da sind Deutsche, die vor der Armut in ihrer Heimat fliehen und ihr Glück auf einem ihnen fremden Kontinent suchen. Die Autorin der Buchvorlage zum Film, Louise Erdrich, ist selbst Amerikanerin, genauer Lakota Indianerin mit deutschen Vorfahren. Sie beschreibt diese Menschen mit größtem Respekt und in all ihrer Würde, mit der sie sich in der Fremde zu behaupten versuchen.

Zollt die bisweilen blumige, gefühlige Art, wie Sie diesen Respekt bildsprachlich umsetzen, dabei auch ein bisschen dem Freitagssendeplatz im Ersten kurz nach Weihnachten Tribut?

Dass der Film kurz nach Weihnachten gezeigt werden soll, wurde von der ARD erst festgelegt, nachdem er längst abgedreht war und ihnen vorgeführt wurde.

Louise Erdrich erzählt die Geschichte ihres ausgewanderten Großvaters. Wie nah bleibt der Film am Vorbild?

Bis hin zur frappierenden Ähnlichkeit von Jonas Nay mit Louise Erdrich‘s Großvater, der als junger Metzgermeister tatsächlich nach dem ersten Weltkrieg nach North Dakota ausgewandert ist. Dennoch müssen Adaptionen immer auch etwas vorsortieren.

Die FAZ warf Ihnen mal vor, beim Sortieren nutzen Sie Geschichte wie bei den Nibelungen oft als Konfetti, von dem man eine Handvoll aus dem Beutel nimmt und ins Publikum wirft.

Ich erinnere mich. Der Kritiker bezog sich dabei fälschlicherweise nur aufs Nibelungen-Lied, was nicht die Vorlage meines Films war. Von der Siegried-Sage sind ja sechzehn Versionen überliefert, aus denen ich meine Geschichte erzählte. Dass der Kritiker sie als Konfetti bezeichnet, verrät natürlich, dass er diese Quellen überhaupt nicht kannte. Selbst die Version von Richard Wagner war ihm offenbar unbekannt.

Dennoch: ist die Geschichte der deutschen Auswanderung in diesem Fall nur eine Art Steinbruch, aus dem Sie sich bedienen, um eine Liebesgeschichte zu erzählen?

Die Geschichte des jungen Fidelis Waldvogel, der von zwei unterschiedlichen, aber explizit starken Frauen geliebt wird, steht im Mittelpunkt. Der Roman beschreibt einen Zeitraum von 40 Jahren. In dem dreistündigen Film erzähle ich davon aber drei Jahre. Hätte ich den Roman vollständig verfilmen wollen, wären 20 Stunden rausgekommen. Da muss man sich entscheiden und vor allem: disziplinieren.

Oder eine Serie drehen.

Sie sagen es! Es ist aber schon ein Phänomen, wie begierig der Fernsehzuschauer auf lange Erzählformen wurde. Da nähert sich die Serie heute dem gedruckten Buch. Dort liest man fünfzig oder hundert Seiten, legt es weg, und kann es nicht erwarten am nächsten Tag weitere fünfzig oder hundert Seiten zu lesen. Dasselbe passiert jetzt beim Schauen von Serien.

Stand eine Serie der singenden Metzger zur Debatte?

Diese Geschichte hat sich am besten in drei Stunden erzählen lassen.

Warum haben Sie eigentlich noch nie eine Serie gemacht?

Habe ich ja, aber immer einzelne Episoden. In den USA ist es üblich, Serien von verschiedenen Regisseuren drehen zu lassen. Teilweise sogar gleichzeitig, wie ein Pingpongspiel, wie Tom Tykwer und seine zwei Regiekollegen etwa Babylon Berlin gedreht haben.

Vom Writer’s Room zum Director’s Room.

Das haben Sie schön ausgedrückt.

Aber reizt es Sie nicht, mal eine Serie alleine zu verantworten?

Aus einigen meiner Kinofilme werden grad lange Serien vorbereitet, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo wird sogar schon gedreht. Nochmal die Regie bei einem meiner alten Projekte zu übernehmen, die ich schon einmal inszeniert habe, ist nicht sehr spannend. Ich konzentriere mich lieber auf neue Herausforderungen wie Der Friedrichstadt Palast, den ich grad vorbereite. Es ist eine Geschichte um das größte Revue-Theater Europas.