Doepfners Herrschaft & Hitlers Fake

Die Gebrauchtwoche

TV

22. – 28. November

Was wir aus der vergangenen Woche über die Medienbranche gelernt haben: Man darf seine Demokratie als Diktatur beschimpfen und dennoch den wichtigsten Zeitschriftenverband leiten. Man darf damit die Abermillionen Opfer echter Diktaturen verunglimpfen und dennoch Präsident vom Bundesverband der Digitalpublisher und Zeitungsverleger bleiben. Man darf zudem ein System sexistischer Gewalt im eigenen Haus fördern, sozialen Hass schüren, publizistische Standards verachten und wird trotzdem vom BDZV im Amt bestätigt?

Wie armselig, verkommen und klein muss ein Branchenverband sein, der das zulässt. Oder wie männlich. Denn man darf all dies, wenn man „man“ ein „n“ anhängt und realisiert, dass die Männerherrschaft in diesem Land ungebrochen bleibt, ja im Grunde nicht mal angekratzt wurde. Dieses selbstherrliche Machtsystem duldet also auch weiterhin einen demokratie-, presse-, wahrheits-, letztlich menschenverachtenden Machtmann wie Mathias Döpfner an der Spitze und macht sich damit zum Gespött aller Journalistinnen und Journalisten mit so etwas wie einem moralischen Kompass.

Wie der Spiegel-Verlag um Geschäftsführer Thomas Hass votierte, ist nicht überliefert. Besonders von dort allerdings hätte man/frau ein starkes Votum gegen Döpfner erwartet – dessen Ausgeburt Reichelt im Rechtsstreit um die Spiegel-Story Vögeln, fördern, feuern vom März 2021 übrigens gerade ein Etappenziel erreicht hat. Die Verfasser, urteilt das Hamburger Landgericht, hätte Reichelt mehr Zeit zur Reaktion geben müssen. Zeit, die er selber Feinden, pardon: Berichtsobjekten wie Christian Drosten natürlich nicht gab.

Das Urteil verkennt die Rolle der Medien damit fast so wie Zervakis & Opdenhövel, deren Impfkampagne Journalismus bisweilen mit PR verwechselt – obwohl explodierende Inzidenzen natürlich langsam mehr Engagement erfordern als ein paar Brennpunkte, die gerade wieder verstärkt laufen. Bei all dem Chaos gibt es aber auch gute Nachrichten – zumindest für Serienfans: Streaming kostet doch nicht die Welt, sondern ganze sechs Gramm CO2-Äquivalent pro Stunde, sofern es nicht über alte Handy-Netze, sondern Glasfaserkabel läuft.

Die Frischwoche

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29. November – 5. Dezember

Also ran ans Portal und Florian Lukas ab Freitag als Dartspieler in der hinreißenden Sky-Groteske Die Wespe sehen. Oder parallel dazu Whoopi Goldberg in der Schwarzen Sex-and-the-City-Version Harlem auf Prime Video. Oder Get Back, Peter Jacksons 468-minütige Langzeitdokumentation vom Ende der Beatles bei Disney+, nicht weniger als das Sachfilmformat des Jahres. Eins der bedeutsamsten Unterhaltungsformate 2021 dürfte hingegen die neueste Nachstellung des größten Presseskandals zwischen Weltkrieg und Wende sein.

Faking Hitler zeigt ab morgen bei RTL+, wie der honorige Stern vor 40 Jahren auf die Tagebuch-Fälschungen des Gröfaz reingefallen ist, besser: reinfallen wollte. Anders als Helmut Dietls Schtonk! machen Tobi Baumann und Wolfgang Groos aus Tommy Woschs Büchern allerdings keine Mediensatire, sondern die scharfsinnig komische Gesellschaftsanalyse einer Zeit, als Männermacht noch braungesprenkelter und frauenfeindlicher war als jetzt. Sechs Teile lang exzellentes Geschichtsentertainment.

Und damit das Gegenteil von Ein Hauch von Amerika, womit das Erste ab Mittwoch dreimal 90 Minuten die frühen Fünfziger zum Ort einer melodramatischen Kitschkanonade macht. Selbst durch den billigen Versuch, die übliche Dreiecksgeschichte einer Frau (Elisa Schlott), zwischen zwei Männern auf Julian Reichelts Kernkompetenzen (Rassismus, Sexismus, Geschichtsrevisionismus) anzuwenden, wird dieses ölige Stück Stromlinienfernsehen nicht erträglicher.

Empfehlenswerter wäre der Arte-Zwölfteiler The Split (Freitag, 20.15 Uhr) um eine Londoner Scheidungsanwältin im Trennungsstress, quasi die tragikomische Fiktion der dokumentarischen HBO-Aufarbeitung Woody Allen vs. Mia Farrow, tags zuvor bei RTL+. Und noch zwei Wiederholungen am Mittwoch: Vox zeigt die Schirach-Verfilmung Glauben erstmals im Free-TV und Magenta endlich mal wieder das Stromberg-Original The Office.


Zamperonis Luft & Tönnies’ Fleisch

Die Gebrauchtwoche

TV

15. – 21. November

Gewiss, es ist immer so ein bisschen wohlfeil, abgedroschen und redundant, der Bild-Zeitung Bigotterie vorzuwerfen, als würde man Regenwetter Nässe und Neonazis Rassismus unterstellen. Aber was der bestens informierte Medienjournalist und Bildblog-Veteran Stefan Niggemeier bei Kress gerade über die menschen-, vernunft- und wissenschaftsverachtende Unredlichkeit der destruktivsten Zeitung seit ihrem Role-Model, dem Stürmer, zusammengetragen hat, ist schon beachtlich.

Dieselbe Bild nämlich, die seit fast sechs Monaten zur (gegebenenfalls gewaltsamen) Revolte gegen alle Corona-Beschränkungen (also den Staat) bläst, weil das Virus laut Ausgabe vom 8. Juli 2021 „besiegt“ sei, beklagt nun, unvorbereitet in die 4. Welle zu schlittern. Nicht der erste Zickzackkurs einer Publikation, die umstandslos zum straffreien Kindesmissbrauch aufriefe, würde es denn Auflage bringen. Wäre anstelle des vergleichsweise zivilisierten Johannes Boie noch immer der publizistische Machtpolitiker Julian Reichelt Chefredakteur – sein Propagandablatt riefe jetzt also zum Widerstand gegen – ja was eigentlich auf?

Egal, Hauptsache Krawall. Für den die Bild ja bereits eine Armee neuer Kombattanten rechts der CDU/CSU hat. Namentlich: generisch maskuline FDP-Politiker, die wider besseres Wissen seit Wochen beharrlich leugnen, es habe Warnungen vorm Ansteigen der Inzidenzen gegeben. Legendär bereits Christian Lindners steile Tagesthemen-These, die Wirkung von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen aufs Pandemiegeschehen sei wissenschaftlich widerlegt, was dem üblicherweise stressresilienten Moderator Ingo Zamperoni kurz mal die Atemluft raubte.

 

Die Frischwoche

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22. – 28. November

Was da noch helfen kann? Abschalten, abschweifen, abwandern – zum Beispiel mit Joko & Klaas, die ab morgen endlich wieder gegen ProSieben antreten und im Siegesfall vermutlich das Fernsehen umwälzen. Oder auf Vox, wo uns Hape (Kerkeling) und die 7 Zwergstaaten seit gestern auf Reisereportagen mitnimmt, die echt mal Kopfkino erlauben. Überhaupt werden galoppierende Inzidenzen gepaart mit dem Schwert der Hospitalisierungsraten wohl für ein weiteres Weihnachtsfest allein daheim sorgen und damit viel Zeit, fernzusehen respektive zu streamen.

Wer auch jetzt schon ohne offiziellen Lockdown zuhause bleiben möchte, um sich und andere zu schützen, wird aber auch gut versorgt. Am Mittwoch etwa zeigt Netflix das bemerkenswerte Regiedebüt von Halle Barry. In Bruised spielt die erste Schwarze mit Hauptrollen-Oscar eine alternde Martial-Arts-Kämpferin und das fast ebenso überzeugend wie Hilary Swank 2004 in Clint Eastwoods Box-Drama Million Dollar Baby. Ebenso bedeutsam ist die spanische LGBTQ+-Serie Mein queeres Leben, die am Entstehungsort offenbar für einiges an Aufregung gesorgt hat und ab Donnerstag bei Warner TV läuft.

Bedeutsam ist dagegen der heutige ARD-Einblick in Die Fleischfabrik von Clemens Tönnies oder der stargespickte Mittwochsfilm Die Luft, die wir atmen über vier Altersheimbewohner und ihre Familien im Schatten einer kollabierenden Sozialpolitik. Völlig unbedeutsam, aber für echte Avengers-Fans ein Muss ist parallel dazu das Disney-Superhelden-Spinoff Hawkeye. Irgendwie, nun ja, nicht nur bedeutungslos ist die Langzeitdoku Unzensiert, in der Prime-Video ab Freitag das bewegte Leben des Aggro-Rappers Bushido beleuchtet.

Und gewissermaßen das Gegenteil von bedeutsam war einst die Sat1-Show Geh aufs Ganze!, in der Jörg Draeger wenig anderes tat, als seinen Kandidat*innen Geld- und Sachgeschenke gegen ein Plüschtier namens Zonk in Aussicht zu stellen. Wer sich heute Folgen der Neunzigerjahre ansieht, würde kaum glauben, das solche Schulterpolsterformate im Jahr 2021 noch funktionieren. Aber wir leben im Zeitalter der permanenten Revivals – also gesellt sich das Revival mit dem schnauzbärtigen Moderator von damals ab Freitag halt zu den von Wetten, dass…? bis TV Total.


Aesop Rock, Enfant Sauvage, Philip Bradatsch

Aesop Rock

Quantität allein ist kein Qualitätsmerkmal – schon gar nicht in der Poesie, wo die Zahl der Worte nichts über deren Güte sagt. Aber wenn das Vokabular eines Rappers mit bald 8000 verschiedenen Wörtern doppelt so groß ist wie das von Oberflächensurfern wie 50 Cent oder Kanye West, sagt das schon was über Inhalte aus. Auf seiner neuen Platte Garbology jedenfalls erweitert der New Yorker sein Textrepertoire abermals um ein paar Dutzend persönliche Neologismen, aber das ist längst noch nicht alles.

Denn das Besonderes an seiner neunten Platte in 24 Jahren, die er erneut mit dem Produzenten Blockhead aufgenommen hat, sind wie so oft ihre dystopisch dämmerigen Sounds, die sich mit der Dynamik fließenden Quarks vor Abertausend Worte quetschen, aber das Durchsetzungsvermögen einstürzender Wände haben. Aesop Rocks Gedanken über den gedanklichen, kommunikativen, sozialen Müll unserer Zeit sind aber gerade dadurch von so großer Wucht. Qualität durch Quantität – geht doch.

Aesop Rock – Garbology (Rhymesayers Entertainment)

Enfant Sauvage

In der elektronischen Musik ist es ja so, dass Quantität allein schon wegen der Abwesenheit strenger Metriken von Strophe über Bridge bis Refrain schwerer zu messen ist als in der analogen Musik – das ging schon mit Donna Summers I Feel Love los, wo der Pop sein Instrumentarium erstmal vollständig abstrahierte und in seiner repetitiven Flächigkeit trotz der Liebesschwüre aseptisch klang. Guillaume Alric, 50 Prozent des französischen House-Duos The Blaze, macht es knapp 45 Jahre später umgekehrt: unterm Künstlernamen Enfant Sauvage wirken seine Digitalflächen seltsam organisch.

Ein bisschen so, als würde Jean Michel Jarre mit Daft Punk im Kellerclub kiffen, wattiert er die zappeligen Beats seines wundervollen Solodebüts Petrichor mit wachsweichem Phrasengesang, kippt hier mal schrille Industrial-Samples drüber wie in Louve, rührt dort mal plätscherndes Piano drunter wie in It’s All Over, bleibt dabei aber stets auf auf elegante Art so bewegungsfreudig, als würde er einen Sack wirklich guter Drogen mischen. 

Enfant Sauvage – Petrichor (Animal 63)

Philip Bradatsch

Vorschusslorbeeren können auch toxisch sein. Als “deutscher Bob Dylan” bezeichnet zu werden wie es ein Radiosender vor zwei Jahren beim Debütalbum Jesus von Haidhausen des bayerischen Songwriters Philip Bradatsch tat, legt die Messlatte ja gleichermaßen hoch und tief. Wer will, wer kann schon so klingen wie der weltberühmteste Folk-Nuschler mit Nobelpreis und Hut? Philip Bradatsch offenbar nicht, deshalb hat er den Nachfolger nicht nur Die Bar zur guten Hoffnung betitelt, sondern auch ein wenig aufgemöbelt.

Noch immer spielt er mit den Cola Rum Boys zwar steppentaugliche Eckkneipenmusik für melancholische Exiltexaner, die in den besseren Momenten an Voodoo Jürgens erinnert und in den schlechteren an Udo Lindenberg. Sein fröhlicher Schwermut klingt allerdings frischer als früher und wühlt sich dennoch durch traurige Klaviaturen von herzzerreißender Tiefe. Wenn dann allerdings wieder die unverzerrte Westcoast-Gitarre scheppert, ist alles wieder bisschen besoffen, bisschen pathetisch. Musik wie Tresengespräche.

Philip Bradatsch – Die Bar zur guten Hoffnung (Trikont)


Comebacks & Tigerkönige

Die Gebrauchtwoche

TV

8. – 14. November

Jan Böhmermann, satirische Moralinstanz der popkulturellen Boheme, hat die Comebacks der vergangenen acht Tage gewohnt selbstberauscht auf den Punkt gebracht: „Wetten, dass..?, TV Total und Corona sind wieder da“, ulkte er am Freitag im ZDF Magazin Royal und fügte treffend hinzu: „Alle mit super Zahlen.“ Denn während Covid-Inzidenzen überall dort, wo wissenschaftsfeindliche Querdenker den Diskurs prägen, ins Vierstellige rauschen, erreichte Thomas Gottschalks saftiges Altherren-Gefasel gut 15 Millionen Menschen. Nicht schlecht, aber vergleichsweise wenig gegen das Revival der Woche.

Denn was der gänzlich unschmierige Sebastian Pufpaff am Mittwoch mit der angeblich impulsiv programmierten Wiederkehr von Stefan Raabs medialer Selbstspiegelung TV Total am Mittwoch quantitativ wie qualitativ erzielen konnte, war schlichtweg sensationell. Knapp 28 Prozent in der ominösen Zielgruppe, annähernd drei Millionen Zuschauer*innen insgesamt, dazu Kritiken seriöser Medien am Rande der Huldigung: Was der 45-Jährige ProSieben fünf Jahre nach dem Original bescherte, ohne nostalgisch zu werden, beweist die Güte des Rasens, auf dem der frühere Bolzplatz-Sender mittlerweile spielt.

Das zeigt übrigens auch die Deutsche Akademie für Fernsehen. Am Samstag zeichnete sie in der wichtigen Kategorie Fernsehjournalismus weder wie gewohnt ARD noch ZDF aus, sondern das ProSieben Spezial Rechts. Deutsch. Radikal von und mit Thilo Mischke & Anja Buwert. Darüber hinaus allerdings dominierten die Öffentlich-Rechtlichen in 18 von 21 Preiskategorien, darunter je zwei für Das Geheimnis vom Totenwald, Unbroken, Ruhe! Hier stirbt Lothar, Goldjungs und Oktoberfest 1900, während die Streamingportale mit Barbaren (Netflix) und Para (TNT) nur zweimal gewannen.

Anything else? Na ja, Springer. Mal wieder. Während die Bild seit Anbeginn der Pandemie jeden Eingriff in Freiheit ihrer Kundschaft als Totalitarismus geißelt und zusehends zur Rebellion aufruft, sind dem Konzern die Grundrechte der eigenen Mitarbeiter*innen herzlich egal. Um Machtexzesse des übergriffigen Triebtäters Julian Reichelt zu verhindern, sollen sie künftig ihr innerredaktionelles Liebesleben ausbreiten. Big Bild is watching you!

Die Frischwoche

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15. – 21. November

Die halbe Welt dagegen wird ab Mittwoch wohl wieder Tiger King watchen, und zwar binge, wenn die merkwürdigste Dokumentarreihe seit langem in Staffel 2 geht. Darüber sagen lässt sich zwar wenig, weil Netflix in geübter Pressefreiheitsverachtung kein Pressematerial freigab. Aber es dürfte wieder bizarr werden, wenn amerikanische Privatzoo-Betreiber ihr Käfiggitter öffnen. Mysteriös wird es ab Freitag in der Prime-Serie Das Rad der Zeit. Das Fantasy-Epos hat zwar keine Drachen, aber drollige Namen wie Nynaeve al’meara und auch sonst allerlei, was GoT-Fans triggert.

Ebenso rätselhaft, wenngleich tief in der herrschenden Realität verhaftet, ist die Thriller-Serie Westwall, tags darauf – und parallel zur britischen Agenten-Serie Alex Rider – in der ZDF-Mediathek. Über sechs Teile hinweg erzählt sie, wie die unscheinbare Polizeischülerin Julia (Emma Bading) mithilfe des schönen Nick (Jannik Schümann) in eine rechtsradikale Verschwörung gezogen wird. Klingt relevant, verliert sich allerdings wie so oft aus deutscher Produktion im Grundrauchen melodramatischer Effekte und langweilt deshalb eher als zu unterhalten.

Das Gegenteil tut, trotz gemächlicher Erzählweise, ein fünfteiliges Remake von Ingmar Bergmanns Evergreen Scenes From A Marriage (ab Freitag, Sky) mit Oscar Isaac und Jessica Chastain als Ehepaar auf Harmoniesuche. In der ARD-Komödie Faltenfrei setzt sich Adele Neuhauser am Mittwoch mit dem Altern auseinander. Nach einer missglückten Schönheits-OP kann ihre Beauty-Unternehmerin Gedanken lesen, die sie von der Apologetin zur Gegnerin des grassierenden Jugendwahns macht. Ein Irrweg, dem sich Ilka Bessin seit jeher widersetzt – und das hoffentlich auch in ihrem Verbrauchermagazin Echt jetzt?!, täglich um 15 Uhr auf RTL, tut.

Nach Absurditäten sucht heute ab 22.15 Uhr im WDR auch Abdelkarims Team Abdel (22.15 Uhr, WDR), wenngleich eher im menschlichen als materiellen Bereich unserer disruptiven Gesellschaft. Empfehlenswert ist auch das ZDF-Drama Die Welt steht still, in dem Autorin Dorothee Schön (Regie: Arno Saul) den ersten Lockdown Revue passieren lässt. Und zu guter Letzt gratulieren wir der unübersetzbaren wie unübertroffenen Medienseite DWDL zum 20. Geburtstag.


Hackedepicciotto: Neubauten & Grenzbereiche

Es kann auch alles wieder gut werden…

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Einstürzende Neubauten-Bassist Alexander Hacke ist einer der wenigen deutschen Weltstars, seine Frau Danielle Picciotto kennt zumindest die Berliner Boheme bestens. Gemeinsam (Foto: Sven Marquardt) machen sie seit Jahren Musik, die man als Industrial Folk bezeichnen könnte. Ein Gespräch über ihr neues Album The Silver Threshold, Lockdowns als Horizonterweiterung, Touren in der Klimakrise und welches Instrument selbst Hacke zu laut ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Bei der Ouvertüre von The Silver Threshold kam kurz die Befürchtung auf, es könnte ein sphärisches, gar esoterisches Album werden. Soll der Einstieg bewusst irritieren, um den beatlastigeren, weniger organischen Anschluss vorzubereiten?

Alexander Hacke: Wieso Befürchtung? Wir wollten auch insgesamt ein sphärisches, esoterisches Album machen.

Danielle Picciotto: (lacht) Dieser Einstieg ging weniger von Alex als von mir aus. Ich komme aus der Klassik und dachte im Angesicht von Pandemie und Klimakrise, ein opernhafter Anfang würde passen. Ich beschäftige mich seit langem mit Umwelt und wollte damit den Naturzustand beschreiben – bis am Ende der Ouvertüre der Mensch kommt, was sich in bedrohlichen Geräuschen zeigt. Dieser Kontrast zieht sich durchs ganze Album, ist also nicht esoterisch, sondern ganz praktisch.

Hacke: Bei Silver Threshold geht es ja schon dem Titel nach um Grenzbereiche unserer Zeit, die unglaubliches Potenzial in beide Richtungen hat: Bei dieser Weichenstellung kann ja alles noch viel schlimmer werden.

Picciotto: Könnte!

Hacke: Könnte. Es kann aber auch alles wieder gut werden.

Sind Sie da eher misanthropisch oder philanthropisch?

Picciotto: Wie unser Album bin ich da in der Mitte – manchmal deprimiert, manchmal aber auch auf der Suche nach Strohhalmen guter, positiver Nachrichten. Es kann auch aus Sicht der Wissenschaft jederzeit in beide Richtungen kippen.

Hacke: Es ist zwei Minuten vor zwölf, aber eben nicht nach. Das bringen wir auch musikalisch zum Ausdruck, denn Musik hat die Möglichkeit, dir Kraft, Sicherheit und das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. An dieser Form von Energieerzeugung arbeite ich seit jeher.

Picciotto: Trotzdem regen wir in den Texten auch zur Nachdenklichkeit an. Obwohl ich nicht religiös erzogen wurde, transportiert „Babel“ zum Beispiel meinen Eindruck, dass selbst gute Freunde im Zuge der Pandemie kaum noch zu verstehen sind und oft verschiedene Sprachen sprechen, während „The Watered Garden“ am Schluss wieder vom Grenzbereich handelt, den wir nur mit einer gemeinsamen Sprache zum Guten verlassen.

Hat das Album musikalisch den Anspruch, die Leute wieder auf der Tanzfläche zu versammeln? Anders als die zwei Vorgängerplatten ist es jedenfalls deutlich rhythmischer.

Hacke: Perseverantia und Menetekel waren zuvor in der Tat droniger, flächiger. Seit The Current versuchen wir unsere Musik unabhängig vom Zeitgeschehen energetisch aufzuladen. Aber die Sehnsucht nach Bewegung und Versammlung manifestiert sich natürlich schon auch im Rahmen unserer künstlerischen Arbeit.

Picciotto: Wir haben das Album so gemacht, wie es ist, weil wir Lust dazu hatten. Aber weil Veränderung nun mal aus Energie entsteht, passt es auch zu seiner Zeit. Inmitten der Pandemie ein Depri-Album zu machen, erschien uns irgendwie unangebracht.

Künstler*innen mögen es oft nicht, wenn ihre Kunst von außen gelabelt wird, aber statt Depri-Album wäre Industrial Folk passend, irgendwie organischer Techno.

Hacke: Solange ich mir selber keines ausdenken muss, kann ich mit fast jedem Label gut leben. Wir hatten kurz mal sowas wie „cinematic drone“ vor Augen, aber wenn man das googelt, werden einem nur fliegende Kameras angeboten.

Wie hoch ist darin der analoge, wie hoch der digitale Anteil?

Hacke: Ich spiele die Saiteninstrumente und viele der Percussions, also oft richtige Trommeln, die wir bislang elektronisch eingespielt hatten. Aber weil „The Silver Threshold“ in einem richtigen Studio mit Toningenieur eingespielt wurde, anstatt alles wie üblich unterwegs, ging das mal. Danielle spielt viele der klassischen Instrumente – Drehleier, Geige, Kemence.

Picciotto: So ein türkisches Cello. Bis auf die elektronischen Sounds von Alex ist alles live und analog. Ich spiele übrigens noch so eine türkische Flöte.

Hacke: Das ist keine Flöte, sondern die Surna, eine Art persischer Oboe.

Picciotto: Ein ewiger Streit, aber weil ich sie spiele, darf ich sie nennen, wie ich will (lacht). Ich bin schon deshalb so stolz darauf, weil es das einzige Instrument ist, was Alex trotz der Neubauten jemals zu laut war.

Hacke: Unglaublich, was da für ein Geschrei rauskommt.

Verändert es eigentlich die Musik, wenn man sie als Paar macht, anstatt mit Bandkolleginnen?

Hacke: Auf jeden Fall. Wir kennen uns besser und haben daher ein Vertrauensverhältnis, das ich zu Kollegen nicht habe. Die Tatsache, dass wir im romantischen Sinne ein Paar sind, wird aber natürlich nochmals dadurch verstärkt, dass wir seit nahezu zwei Jahren sieben Tage die Woche 24 Stunden beisammen sind, weshalb wir uns in keiner Form irgendwie briefen müssen für das, was wir planen.

Kann auch anstrengend sein.

Picciotto: Aber genau das macht unsere Zusammenarbeit im Guten wie im Schlechten persönlich, intensiv und wurde durch die Pandemie nochmals verstärkt. Normalerweise sind wir Nomaden, die seit zehn Jahren ohne festen Wohnsitz um die Welt reisen. Von daher war es für uns toll, wegen der Pandemie mal wieder an einem festen Ort zu sein und zum Beispiel Berlin ganz neu kennenzulernen.

Hacke: Vor allem den Osten. Als Westberliner ist der Blickwinkel da gern mal ein wenig eingeschränkt.

Picciotto: Die Stadt wurde plötzlich ungleich größer.

Hacke: Das war auch wichtig, denn eigentlich hatten wir geplant, 2020 komplett auf Tour zu sein. Anfang des Jahres hatten wir gerade mal vier Shows statt weiterer 20 geschafft. Weil auch die Neubauten unterwegs gewesen wären, wollten wir eigentlich gar unsere Studios aufgeben. Glücklicherweise habe ich die Kündigungsfrist verpasst, weshalb wir die Orte während der Lockdowns noch hatten.

Picciotto: Ansonsten hätten wir nur so ein kleines Bürozimmer gehabt, zwölf Quadratmeter. Umso mehr konnten wir die ersten Monate des Herunterfahrens genießen – auch, weil ich nach zehn Jahren Jetlag erstmal vier Monate durchgeschlafen habe. Nicht müde zu sein, das kannte ich vorher gar nicht mehr. Super.

Aber ploppen Sie dann jetzt trotzdem wie die Sektkorken aus der Flasche, wenn der Normalzustand wieder hergestellt wäre?

Picciotto: Normalzustand schon deshalb nicht, weil sich unser Reisen durch den Klimawandel massiv ändern wird. Wir sind schon vor Pandemie innerhalb Europas kaum noch geflogen, sondern Zug gereist. Das wird sich jetzt nochmals verstärken.

Hacke: Wir versuchen unseren Fußabdruck auch nach der Pandemie klein zu halten. Aber auch sonst hat sie den Blickwinkel auf alles dahingehend verändert, Routinen abzubauen. Das wird nicht spurlos an uns vorrübergehen. Die ersten paar kleinen Shows haben uns bereits gezeigt, was es bedeutet, auch nur Soundcheck zu machen oder Gepäckstücke zu bewegen. Wie es sich anfühlt, mit vielen Menschen auf engstem Raum zu sein, wissen wir da noch gar nicht.

Picciotto: Ich hatte kürzlich eine Ausstellungseröffnung, wo wir einige Lieder gespielt haben – da waren 300 Leute, Wahnsinn! Und alle waren kurz vorm Heulen, inklusive mir. Ich bin es als Tochter eines Vaters in der US-Armee gewohnt, umherzuziehen, aber dieses Ankommen an einem Ort unter Menschen, die man alle kennt, war rührend. Weil wir sicher nicht ewig touren, ist unser Ziel seit langem, ein Kulturhaus eröffnen, zu dem die Leute hinkommen, anstatt dass wir ständig zu ihnen reisen. Das kann ich mir durch die Pandemie besser vorstellen.

Das Interview ist vorab beim MusikBlog erschienen


Giovanni Zarrella: Castingpop & Schlagershow

Probleme löse ich allenfalls zuhause

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Nach seiner Pop-Karriere mit Bro’Sis steckte das Casting-Gewächs Giovanni Zarrella (Foto: Tobias Schult) eine Weile lang im Loch einer Resterampen-Karriere. Dann sang der Schwabe Italienisch, feierte Erfolge und darf Samstag zum zweiten Mal im ZDF Die Giovanni Zarrella Show“ moderieren.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Giovanni Zarrella, kennen Sie eigentlich Vicco Torriani?

Giovanni Zarrella: Natürlich kenne ich den, ein großer Kollege.

Seit den späten 50er Jahren war er so eine Art italienisches Fernwehmaskottchen des Nachkriegsfernsehen. Verbindet ihn das ein wenig mit Ihnen?

Abgesehen davon, dass er Schweizer war und einer sehr komplizierten Zeit entsprungen ist, hat Vicco Torriani tatsächlich versucht, das italienische Fernweh der Deutschen zu bedienen. Interessanterweise spüre ich diese Sehnsucht nach dem dortigen Dolce Vita seit den Siegen bei der EM und dem ESC wieder ein bisschen mehr. Viele hier bringen Genuss, Entspannung, Lebensfreude ja noch immer mit der Heimat meiner Eltern in Verbindung.

Und das bedienen Sie auch?

Ich hoffe! Es ist schließlich Teil meiner Aufgabe, das Publikum einer Live-Show wie dieser für zwei, drei Stunden aus dem Alltag zu befreien. Das habe ich übrigens schon in der Pizzeria meiner Eltern im Schwabenland gelernt. Wenn ich ausgeholfen habe, war es meine Challenge, dass die Menschen zufrieden nach Hause gehen. Deshalb hat mein Papa mich gern zu Leuten geschickt, die besonders gestresst waren. Giova, meinte er dann (simuliert den italienischen Akzent seines Vaters) – du gehste da hinne, singste, machste sie glucklisch.

Sie haben am Tisch gesungen?

Ja. Und ich habe es geliebt. Nicht nur, weil es angesichts der Konkurrenz von mindestens sieben italienischen Restaurants in Hechingen auch eine Werbung für uns war, sondern weil es mir schon damals wirklich wichtig war, Menschen glücklich zu machen. Vor 23 Uhr, indem ich alle Italo-Hits vom Band laut mitgesungen habe. Nach 23 Uhr, als nur noch Stammgäste da waren, zu Papas Gitarre am Tresen. Für Gastgeber ist die Gastronomie die denkbar beste Schule. Und weil ich aus der italienischen komme, stille ich dabei auch ein bisschen das Fernweh meines Publikums.

Klingt trotzdem klischeehaft.

Aber wenn es alle Beteiligten doch gut finden und niemand darunter leidet? Ich finde es toll, dass Italien hierzulande selbst im Fußball wieder mehr Fans hat. Das merkte man besonders bei der EM, als uns viele Deutsche die Daumen gedrückt haben.

Aber auch ein wenig aus Mitgefühl für die fürchterlichen Pandemie-Bilder aus Bergamo ein Jahr zuvor, oder?

Ganz bestimmt sogar, die Bilder von Särgen überall vergisst niemand mehr, der sie gesehen hat. Aber nicht nur Bergamo, auch Rom, es war damals überall furchtbar. Auch im Angesicht der schweren Zeit, die wir alle auch in Deutschland grad durchmachen, möchte ich die Leute kurz aus ihrem Alltag holen, damit sie es sich einfach mal gutgehen lassen.

Es gibt dafür einen Begriff, der es selten gut meint mit dem Fernsehen: Eskapismus.

Kenne ich.

Er besagt ja nicht nur, Menschen aus dem Alltag zu holen, sondern sie zu sedieren.

Niemand behauptet, dass Unterhaltung Probleme lösen kann. Probleme löse ich allenfalls zuhause, mit meiner Frau und meinen Kindern. Wenn es irgendjemandem in meinem Umfeld schlecht geht, kann ich keine gute Zeit haben, unmöglich. Das geht so weit, dass Jana manchmal zu mir sagt, ich solle mich selbst dabei nicht vergessen. Auf der Bühne versuche ich, für Entspannung zu sorgen, also buchstäblich für ein paar Stunden Druck vom Publikum zu nehmen, denn Druck ist kontraproduktiv, unter Druck brechen Dinge.

Druck kann aber auch motivierend wirken. Manche sind ohne Druck unproduktiver.

Das stimmt, die definieren Druck dann eben anders; was aber nicht heißt, dass er für sie nicht dennoch zu groß werden kann.

Spüren Sie Druck, auf diesem immer noch wichtigen Sendeplatz am Samstagabend im ZDF ein Millionenpublikum beliefern zu müssen?

Nein, ich betrachte das als großes Geschenk, eine Spielwiese, auf der ich mich austoben kann.

Wobei diese Spielwiese gar nicht ihr eigenes Biotop ist. Als Mitglied der Casting-Band Bro’Sis kommen Sie ja eher aus dem Pop. Entspringt der Weg in den Schlager da echter Überzeugung oder doch eher dem Pragmatismus, damit erfolgreicher zu sein?

Ich stehe zu 1000 Prozent hinter diesem Weg, denn wer mich kennt, weiß genau: wenn ich etwas tue, zu dem ich nicht stehe, würde es mir dabei absolut nicht gut gehen. Das gilt auch für die letzten zwei Alben, auf denen ich deutsche Hits auf Italienisch singe. Nach Bro’Sis war erst mal 14 Jahre Sendepause, 14 Jahre, in denen es keinen wirklich interessiert hatte, was ich musikalisch mache. Jetzt hole ich als Italo-Deutscher eben alles aus den zwei Kulturen, die mich geprägt haben und die Leute glauben mir, dass ich es ehrlich meine. Außerdem ist Schlager 2021 nicht das Gleiche wie Schlager 1971.

Er ist viel poppiger geworden.

Und klingt darin ganz schön nach dem Italopop der Achtziger, von dem die Leute auch dachten, das sei Schlager. Ist er aber nicht. Es ist Pop. Von Pragmatismus also keine Spur.

Ist es denn Pragmatismus oder Überzeugung, sich so bereitwillig ins Rampenlicht zu stellen, dass sogar während der Schwangerschaft Ihrer Frau ständig die ProSieben-Kameras bei den Zarellas mitliefen?

Zu der Zeit, 2008, wollten wir eine Sendung machen, die das Schönste, was es für einen Italiener und eine Brasilianerin gibt, zeigen wollte, nämlich eine Familie zu gründen. Wenn das ein Klischee ist – bitte. Aber lieber Klischees von Herzen als Gefühle nach Drehbuch. Damit kann ich mich auch deshalb voll identifizieren, weil uns niemand aufgefordert hat, Dinge zu tun oder sagen, die gescriptet sind. Deshalb gibt es bei aller Bereitschaft, etwas öffentlich von mir preiszugeben, Formate, in denen man mich nie sehen wird.

Stichwort Dschungelcamp.

Oder Promiboxen, Big Brother, alles durchaus lukrativ. Aber selbst in weniger guten Jahren, von denen es einige gab, kam so was nie infrage. Das ist ein Lifestyle, für den ich mich später vor meinen Kindern nicht rechtfertigen möchte.

Aber „Giovanni & Jana Ina – wir sind schwanger“ würden Sie heute nochmal machen?

(überlegt lange) Ich würde es nur aus einem Grund nicht mehr machen: Weil es eine bessere Zeit hatte, die vorüber ist. Mein Popstars-Casting war das erste, bei denen Männer dabei waren, und es hat mir erstmals die Möglichkeit gegeben, das beruflich zu tun, was vorher nicht richtig geklappt hatte. Von der Schwangerschaftsdoku gab es damals eine im gesamten Jahr. Heute sind die Sender voll von solchen Real-Life-Formaten, der Charme ist nicht mehr von damals.


Gottschalks Finger & Hayalis Hund

Die Gebrauchtwoche

TV

1. – 7. November

Es ist seit einiger Zeit viel von toxischer Männlichkeit die Rede – ein Vorwurf, der seinerseits toxisch zu werden droht, wenn er alle Männer über denselben Kamm schert und toxische Stereotypen verfestigt, anstatt sie aufzulösen. Aber eines davon ist nun mal so einflussreich, dass es am Samstag geschlagene drei Stunden öffentlich-rechtlicher Primetime füllen durfte: Thomas Gottschalk.

Einst Europas frischeste Fernsehfrühlingsrolle, hat er sich Richtung Herbst seiner Karriere mit jedem Jahr mehr zum Lustgreis entwickelt, der Misogynie mit Selbstironie tarnt und Eitelkeit mit Exzentrik. Im Kernschatten drolliger Faltengebirge wie diesem sind Frauen bestenfalls Dekoration, schlimmstenfalls Freiwild – so war es auch beim Comeback von Wetten, dass…?, die ihm das ZDF nachträglich zum 70. Geburtstag schenkte.

Emanzipation? Vollendet! Gendern? Lächerlich! Sofa-Besucherinnen ständig zu befingern? Hat dir doch auch nicht geschadet, oder Michelle? Bruhaha! So bot das angeblich einmalige Revival „im besten wie im schlechtesten Sinne“ laut DWDL „über weite Strecken hinweg das typische Wetten, dass..?-Gefühl, ergo: eine unterhaltsame Zumutung. Mit Gästen wie Helene Fischer oder Joko & Klaas, aber ohne Modernisierungsehrgeiz. Dass im ZDF angesichts der 14 Millionen Zuschauer eine Fortsetzung erwogen wird, passt da zur Info von ProSieben, TV Total fortzusetzen – wenngleich mit Sebastian Puffpaff als Stefan Raab.

Mit Johannes Boie als Julius Streicher, pardon: Julian Reichelt, bleibt derweil auch die Bild veränderungsrestistent. Mit den Springer-Gewächsen Linna Nickel und Antje Schippmann lässt der neue Chefredakteur zwar zwei weitere Frauen in seinen Männerzirkel – der weiterhin gegen Demokratie, Minderheiten, Journalismus geifert und damit jene Stimmung anheizt, in der sich der WDR nun endgültig von Nemi El-Hassan trennt, weil sie im Alter von 20 Jahren auf einer islami(sti)schen Demo war. Solche Konsequenzen für extremistische Taten hätte man sich nach 1945 auch gewünscht.

Die Frischwoche

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8. – 14. November

Obwohl – der ARD da Einseitigkeit vorzuwerfen, ist ja nun auch Quatsch. Wie objektiv, überparteilich, haltungsstark der Sender ist, zeigt er schließlich seit gestern wieder in seiner jährlichen Themenwoche, 2021: Stadt.Land.Wandel über die Gräben und Brücken zwischen Provinz und Urbanität. Ein Teil davon: die Fortsetzung der entzückenden Milieu-Studie Warten auf’n Bus um zwei lebenswunde Dorfbewohner. Der RBB zeigt die sieben Teile Samstag ab 20.15 Uhr am Stück, gefolgt von der ersten Staffel.

Nicht dabei: Regisseur Dirk Kummer, der im ARD-Mittwochsfilm stattdessen einen Vater und seinen Sohn für 12 Tage Sommer auf einen Esel-Trip schickt. Einen Ego-Trip dagegen startet am Dienstag Oliver Polak. In seiner vorerst dreiteiligen Netflix-Sendung Your Life is a Joke erkundet der jüdische Brachial-Komiker Gäste wie Christian Ulmen oder Jennifer Rostock und schickt sie danach in die Hölle seiner Stand-up-Boshaftigkeit. Auf impulsive Art erhellend, kann man sagen.

Auf erhellende Art tragisch: Colin Black and White. Die Serie skizziert an selber Stelle, wie aus dem Schwarzen Quaterback Colin Kaepernick der kniende Trump-Antagonist. Gleiches Land, anderes Problem: Dopesick macht die amerikanische Drogentragödie ab Freitag bei Disney+ zum achtteiligen Drama. Ähnliches Problem, anderes Land: In der Porträtreihe Her Story porträtiert Sky ab Donnerstag Dunja Hayali. Gleiches Land, andere Zeit: in der Doku Der weiße Blick beleuchtet Arte am Sonntag (16.10 Uhr) den Kolonialismus.

Und damit es hier nicht zu dramatisch wird, noch drei Entertainment-Tipps: In der zehnteiligen King-Verfilmung Chapplewaite kommt Adrian Brody (Donnerstag, Magenta) Mitte des 19. Jahrhunderts dem dunklen Geheimnis seiner Familie auf die Spur. Zwei Tage später entführt uns die ZDF-Horrorserie Cryptid in den Abgrund einer schwedischen Kleinstadt. Und zwischendurch glänzt der saukomische Will Ferrell bei Apple+ als Therapeut von nebenan. Und wie immer zum Monatsbeginn diskutieren freitagsmedien das Angebot der kommenden vier Wochen in Eric Leimanns Podcast Die Fernsehkritik. Don’t miss!


Metaverse & Wetten, dass…?

Die Gebrauchtwoche

TV

25. – 31. Oktober

Facebook heißt jetzt Meta und nein, wir werden an dieser Stelle nicht sagen, wie Raider heutzutage heißt oder Twix einst hieß, sondern kurz bitter auflachen. Allerdings nur um dem Ernst der Lage sogleich mit angemessener Leichenbittermiene gerecht zu werden. Denn was Mark Zuckerberg uns vor vier Tagen in einer Videobotschaft wissen ließ, ist nicht nur deshalb so verstörend, weil er auch in Fleisch und Blut so aussah wie die Avatare des Metaverse; sein Gefasel von einer besseren Welt dank virtualisierter Vollzeitkommunikation ist die Quintessenz jener Lügenoffensive, die sein Konzern nach Kräften fördert.

Dass sein neues Logo mit etwas Fantasie aussieht wie jene Masken, die Ganoven einst in Comics so trugen, passt bestens zum Eindruck, den Zuckerbergs furchteinflößender Auftritt hinterlässt. Schließlich dient Zuckerbergs Schöne-neue-Welt-PR einzig und allein dem einen Zweck: Profite seines Billionen-Konzerns ins Unermessliche zu maximieren. Dabei beläuft sich das Privatvermögen des unsozialen Netzwerkers schon jetzt auf ein Vielfaches jener Summen, die Deutschlands erfolgreichste Verleger und Verlegerinnen auf sich vereinen.

Ganz vorn im Kress-Ranking: Bertelsmanns Mohn-Dynastie mit 4,5 Milliarden Euro, gefolgt vom Springer-Clan mit ganzen 100 Millionen weniger. Dahinter: Die bestens situierten Mediendynastien Burda (4,0 und Bauer (3,8), aber schon mit gehörigem Abstand Holtzbrinck (1,8) und Ströer mit geradezu lächerlichen 1600 Millionen Euro auf dem Festgeldkonto. Für diese deutschem Mittelstandspeanuts kauft sich Mark Zuckerberg mal eben einen Streamingdienst, wenn ihm danach ist. Wobei – die Konkurrenz steht Facebook, pardon: Meta ja in nichts nach und hat auch in dieser Woche Serien im Angebot.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

1. – 7. November

Auf dem Portal von Apple (Börsenwert: 2,6 Billionen Dollar) startet Dienstag die Anthology-Serie The Premise, in der The Office-Star B.J. Novak mit schwarzem Humor Großprobleme der USA von sexueller Gewalt über Waffenbesitz bis Rassismus verarbeitet. Nach dem Start der koreanischen SciFi-Serie Dr. Brain (Donnerstag) mit Parasite-Star Lee Sun-kyun, kämpft sich Tom Hanks im selben Genre tags drauf als Endzeit-Überlebender Finch durch eine klimakatastrophal verheerte Welt.

Amazon (Börsenwert: 1,6 Billionen Dollar) gönnt derweil einem anderen Konzern mit begrenzter Moral (hoffentlich) kostenlose Werbung. Wenn Behind the Legend dem FC Bayern ab morgen dokumentarisch in den Arsch kriecht, dürfte Kritik fehlen. Netflix hingegen (242 Milliarden) begnügt sich diese Woche mit dem Western-Epos The Harder They Fall, während Sky vom Medienmogul Comcast (252 Milliarden) mit der britischen Krimiserie Wolfe (ab Donnerstag) und dem dreiteiligen BBC-Porträt von Greta Thunberg zwei Formate von Belang im Portfolio hat.

RTL (8,05 Milliarden Euro) schickt mit Glauben derweil die nächste Schirach-Verfilmung aufs eigene Portal TV Now. Als fachlich brillanter, menschlich ruinierter Anwalt, fiktionalisiert Peter Kurth die Wormser Prozesse um fatale Kindesmissbrauchs-Vorverurteilungen. Gar nicht börsennotiert ist indes das öffentlich-rechtliche Fernsehen, was man dem Programm in der Spitze durchaus anmerkt. Als würden Aktien noch auf Papier gedruckt an die Wand gehängt, holt das ZDF am Samstag Thomas Gottschalk aus der Mottenkiste und lässt ihn ein Revival von Wetten, dass…? moderieren.

Diese Art nostalgischer Sedierung eines vergreisenden Publikums könnte man noch mehr kritisieren, würde der Modernisierungsversuch im Ersten nicht so lächerlich scheitern. Das Near-Future-Experiment Zero inszeniert die künftige Social-Media-Überwachung am Mittwoch mit so stereotyper Bräsigkeit, dass sogar die etwas zu melodramatische Thrillerserie Furia über rechten Terror ab Sonntag acht Teile lang in der ZDF-Mediathek sehenswerter wird. Besser macht es die gleichlange Neo-Comedy Start the Fuck up!, in der die Generationen Y bis Z ab morgen um Anschluss ringen. Den hat dagegen die Generation Klimakrise im postapokalyptischen Arte-Sechsteiler Anna ab Donnerstag dummerweise verloren.


Mala Oreen, Geese, Richard Ashcroft

Mala Oreen

Die Schweiz – Gletscher, Alphörner und Kühe. Kennt man. Die Schweiz – Prärien, Steelguitars und Cowboyromantik? Kennt man eher nicht so. Umso überraschender ist es, einer Schweizerin zu hören, die amerikanischen Country in ihr europäisches Heimatland (re)importiert und daraus ein Album zaubert, das offenbar tiefster Überzeugung entsprungen ist, nicht Ironie oder gar kultureller Aneignung. Kein Karneval also auf Awake, nur Empathie. Schließlich hat Mala Oreen aus Luzern verwandtschaftliche Links in die USA.

Und nicht nur das. Auch dessen Folk hat sie von Kindesbeinen an aufgesogen, frühzeitig das Fiddeln gelernt und war zuletzt so lange in Texas, dass daraus in Nashville/Tennessee (wo sonst) zehn Tracks entstanden sind, die sich nur als hingebungsvolle Hommage an die ursprüngliche, nicht popverwaschene Americana hören und sehen lassen. Klar, man muss die Melodramatik ihrer Musik schon grundsätzlich mögen. Aber spätestens dann vergisst man die Schweiz dahinter und sitzt mit am Prärielagerfeuer.

Mala Oreen – Awake (TOURBOmusic)

Geese

Wenn Britrock noch klänge, wie Britrock mal klang, wenn er noch das verwaschen Postpunkige im Popgewand besäße, dieses alte Gespür für kakophone Spielerei im harmonischen Proklamationsgesang, das Bands wie Franz Ferdinand nach New York klingen ließ und solche wie The Strokes nach Manchester, wenn wir also an den Rand der Jahrtausendwende zeitreisen würden, wo Oasis und Suede dringend zu den Akten gelegt werden müssten – dann wäre eine Band wie Geese perfekt für diesen Neustart.

Zum dumm, dass Geese ungefähr 20 Jahre zu spät für eine Revolte kommen, aber es ist ungeheuer schön zu hören, dass Rafinesse und Wahnsinn noch immer zusammenpassen, wenn man beide lässt. Das blutjunge Quintett aus Brooklyn, Durchschnittsalter diesseits der Volljährigkeit, wurde gelassen, woraus das wirklich fabelhafte Debütalbum Projector hervorgegangen ist, auf dem die Gitarren so unverzerrt psychedelisch über geschmeidige Keyboardteppiche fegen, dass es die pure Freude ist.

Geese – Projector” (Partisan Records)

Richard Ashcroft

Um hier aber nicht mal ansatzweise den Eindruck zu erwecken, die wegweisend nostalgische Cool-Britannia-Bewegung vor einem Vierteljahrhundert überflüssig gewesen, zollen wir hiermit jemandem Tribut, der damals wirklich Großartiges geleistet hat: Richard Ashcroft. Und weil der frühere Frontmann, so hieß das in maskulinerer Zeit, von (The) Verve vor lauter Selbstliebe kaum lauen kann, hat er uns passend zur reflexiven Heldenverehrung ein Tributalbum in eigener Sache produziert. Klingt eitel. Ist eitel.

Aber auch herausragendes Zeitzeugnis einer Epoche, die dem Pop Tiefe von einer Oberflächlichkeit verliehen hat, dank der die 1990er trotz Eurodance und Tony Blair ein Sehnsuchtsort sind und bleiben. Acustic Hymns Vol. 1 heißt die geigengesättigte Sammlung von zwölf Stücken seiner frühen Jahre, die er mit Freunden akustisch in den berühmten Abbey Road Studios reanimiet und maximal remastered hat und auch wenn das Resultat zuweilen ganz schön überkommen klingt: Was für ein Zeugnis, was für eine Zeit!

Richard Ashcroft – Acustic Hymns Vol. 1 (RPA)


Christoph Nickel: Beleuchtung & Blackout

Zuhause heißt mein Lichtkonzept gemütlich

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Christoph Nickel hat von Homeland bis Babylon Berlin schon viele Serien erhellt, mit Blackout (seit 14. Oktober bei Joyn+) betritt aber auch der erfahrene Oberbeleuchter aus Kiel Neuland. Wie man Licht ins Dunkel eines europaweiten Stromausfalls bringt und was deutsche von amerikanischer Beleuchtung unterscheidet.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Nickel, in der Joyn-Serie Blackout fällt der Strom in ganz Europa aus. Wie beleuchtet man glaubhaft und dennoch sichtbar die Dunkelheit?

Christoph Nickel: Das Gleiche hat mich die Produktionsseite auch gefragt und meinte, das könne ja nicht so aufwändig sein – ist ja eh dunkel.

Im Scherz, nehme ich an?

Klar, die Sache ist ja doch komplizierter. Fangen wir draußen an. Wenn man nicht grad auf offenem Feld dreht, lässt sich die Dunkelheit mit vorhandenem Restlicht wunderbar erzählen. Dummerweise fällt in einer Stromausfallserie auch in der Stadt alles weg, was sonst leuchtet. Straßenlaternen zum Beispiel oder Wohnungsfenster. Klassischerweise imitiert man dann Mondlicht mit hartem, kühlen Gegenlicht. Unser Ansatz war es, No-Light Situationen zu schaffen.

No-Light?

Zum Beispiel eine bewölkte, mondlose Nacht ohne andere Lichtquellen. Wir haben große flächige, an Kränen hängende, Leuchtquellen gebaut, um möglichst schattenarmes Licht zu erzeugen. Oder selbstleuchtende Heliumballons, von denen ich bei dieser Serie mehr eingesetzt habe als in 30 Berufsjahren vorher zusammen. Da dürfen Kameraleute keine Angst vor Dunkelheit haben, und bei Kolja Brandt wusste ich, dass er wie ich bereit ist, viel Dunkelheit im Bild zuzulassen. Wir haben aber auch mit Feuer, Autoscheinwerfern, Blaulicht von Polizei und Feuerwehr oder Petroleumlaternen gearbeitet – Lichtquellen, die es auch beim Stromausfall noch gibt.

Vom Leuchten der Smartphones ganz zu schweigen.

Ganz wichtig. Eine Krankenhausszene haben wir ausschließlich mit einer Reihe batteriebetriebener Baumarktlampen beleuchtet – mit denen würde ich sonst eher den Weg zum Catering beleuchten.

Was ist aus Ihrer 30-jährigen Berufserfahrung heraus denn herausfordernder: Tag oder Nacht, Helligkeit oder Finsternis?

Die Herausforderung, Dinge nachts sichtbar zu machen, ohne dass es künstlich wirkt, ist allgemein schon größer, auch spannender. Aber hier war es auch tagsüber anspruchsvoll, weil die Regisseure keine Sonne erzählen wollten, sondern fahles, winterliches Licht. Da kämpft man dann mit vielen großen Segeln gegen die direkte Sonne, die ja auch wandert, sodass man ständig korrigieren muss.

Zumal es mit jedem Tag „Blackout“ dunkler zu werden scheint.

Und da haben wir uns mit Regie, Kamera und Szenenbild Timelines erstellt, welche technischen Geräte wann innerhalb der sieben, acht Handlungstage den Geist aufgeben. Wenn die Kraftwerke stoppen, gehen Deckenlampen sofort aus, aber die Akkus sind noch voll. Wir haben da – auch mit der Continuity – genau überlegt, an welchem Punkt des Drehbuchs selbst mit Taschenlampen Schluss ist, um es von Tag zu Tag dystopischer wirken zu lassen.

Wie eng arbeitet der Oberbeleuchter darüber hinaus mit dem restlichen Team – stehen Sie von Anfang an mit der Regie in Verbindung?

Manche Regisseurinnen und Regisseure haben genaue visuelle Vorstellungen, auch übers Licht. Da fängt die Kommunikation dann schon sehr früh an, und es gibt auch beim Dreh einen engen Austausch. Meist sind es aber die Kameraleute, mit denen ich mich als erstes treffe und ein Konzept erstelle. Man arbeitet dann aber auch eng mit den anderen Gewerken, vor allem dem Szenenbild, zusammen – besonders bei so einem Projekt wie diesem, wo viele Lichtquellen ja auch Teil der Ausstattung sind.

Dafür haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere vermutlich noch mit analogem Licht gearbeitet, Kilowatt-Strahlern, womöglich gar Glühbirnen.

Bis in die 80er gab es eigentlich nur Glühlicht und HMI-Scheinwerfer fürs Tageslicht. Mitte der 90er kamen Kino-Flos auf den Markt – filmtaugliche, nicht grünstichige Leuchtstoffröhren in leichten Gehäusen, die das Leuchten in Innenräumen sehr vereinfacht haben. HMI und Glühlicht sind weiterhin tolle Leuchtmittel – allerdings hat LED-Technik die Filmbeleuchtung mittlerweile revolutioniert.

Und das ist auch gut so?

Das ist auch gut so. LED-Lampen sind mittlerweile farblich hervorragend vielseitig, ohne aufwändige Dimmertechnik wireless steuerbar, und nicht zuletzt energiesparend. Wenn es nicht gerade richtig große Sets sind, bei denen ich einen Dimmeroperator brauche, steuere ich im Prinzip alles per Software vom Ipad. Und LED wird auch von der Lichtqualität her ständig verbessert, man kann es mit jeder anderen Quelle mischen, jede erdenkliche Farbe erzeugen. Ich kann heute Kerzenschein mit einer LED-Lampe verlängern. Das war vor drei Jahren so nicht möglich.

Woher rührt eigentlich die spürbare Leidenschaft fürs Licht – hatten Ihre Eltern ein Lampengeschäft?

(lacht) Nee. Und ich komme eigentlich auch aus der Fotografie. Als ich Ende der Achtziger nach Berlin kam, hatte ich Geografie studiert und bin durch so eine Filmclique an der Uni zur Kamera gekommen, das war mein erster Traum. An der Filmhochschule bin ich dann zwar nicht genommen worden, aber gleichzeitig bei kleinen Projekten gelandet, wo ich das Licht gemacht habe, mit null Erfahrung, aber Zeit, Dinge auszuprobieren. Als ich gemerkt habe, wie kreativ und abwechslungsreich das ist, war meine Leidenschaft geweckt.

Also alles Zufall?

Eher Glück, würde ich sagen. Auch, früh mit Kameraleuten gearbeitet zu haben, mit denen ich kreativ auf einer Wellenlänge lag und die offen für meine Ideen waren. Der Job des Oberbeleuchters hat drei Aspekte: Kreativität, Organisation, Technik. Ich hab‘ schnell gemerkt, dass diese drei Dinge, und vor allem die Kombination, mich herausfordern und mir Spaß machen, besonders der technische Aspekt in den letzten Jahren, all die Innovationen für mich zu entdecken.

Laufen Sie mit dem Lötkolben am Set rum und basteln sich das perfekte Licht selbst?

Ich hab‘ immer gern verrückte Sachen, die es so zuvor noch nicht gab, gebaut. Da liegt so Einiges in den Regalen unseres Lagers. In meiner Crew habe ich aber meist jemanden, der darauf spezialisiert ist, am Set mal schnell was zu basteln. Es sind auch ziemlich professionelle Lampen entstanden, zum Beispiel ein umfangreiches Set von LED-Panels in diversen Größen und Formen mit Steuerungstechnik.

Sind Beleuchter denn alles ausgebildete Lichttechniker?

Ab und an gibt’s da mal einen Veranstaltungstechniker, professionelle Rigger, und bei großen Institutionen wie dem Studio Hamburg, auch noch richtige Lichtmeister. Aber die meisten der freien Filmwirtschaft sind Quereinsteiger wie ich, die sich aber zunehmend fortbilden müssen, zum Beispiel zum Thema Strom.

Die größte Serie, die Sie bislang beleuchtet haben, war vermutlich Babylon Berlin.

Hierzulande schon. Aber noch größer war zum Beispiel Homeland, da habe ich bei einer Staffel mitgemacht. Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen.

Arbeiten amerikanische Beleuchter anders als deutsche?

Im amerikanischen System gibt es Beleuchter, die nur für Lampen zuständig sind, und Grips, die mit Fahnen oder Segeln arbeiten – das ist in Europa nicht getrennt. Was amerikanische Produktionen aber definitiv unterscheidet: der Beleuchtungsaufwand ist viel größer. Größere Sets, höheres Lichtlevel, mehr Freiheit beim Spiel mit Lichtrichtungen. Diesen Aufwand können sich deutsche Produktionen so in der Regel nicht leisten.

Wäre das denn besser?

Es gibt Geschichten wie die eines oscarprämierten Kameramanns, der für einen Zugüberfall im Western megaaufwändig ausgeleuchtet hat, mit vielen Lichtkränen. Die hat er dann allerdings ausschalten lassen und die Szene mit einer offenen 5000-Watt Halogenbirne vorn auf der Lokomotive gedreht. Dafür würde dir hier jeder Produzent den Kopf abreißen. Aber ehrlich? Mir gefällt die deutsche Einschränkung. Ich mag es, aus der Not eine Tugend zu machen; daraus entsteht oft etwas viel Besseres, als wenn man alle Optionen hat. Manchmal kreiert der Zufall die tollsten Dinge.

Wie schauen Sie selbst denn Filme anderer an – zuerst mit Blick aufs Licht?

Nee, ich lasse mich fallen, wenn der Film mich einfängt, und wenn ich Kamera und Licht toll finde, schaue ich oft ein zweites Mal und achte auf die Visualität und technische Umsetzung.

Und ist Ihre Wohnung nach einen speziellen Lichtkonzept ausgeleuchtet?

(lacht) Ich habe schon viele Lampen, auch schöne, aber keine komplizierten Installationen mit smarter Regulierung. Zuhause heißt mein Lichtkonzept gute Atmosphäre und Gemütlichkeit.