Weltspiegel & Fox News

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. September

Nachdem die Medienerde kürzlich kurz ein klein wenig zu wackeln begann, weil das Erste die Live-Übertragung eines Spiels der Handballbundesliga Sekunden vor Schluss angeblich aus Versehen abgewürgt hatte, sorgt das letzte wirklich wichtige Lagerfeuer des massenkompatiblen Fernsehens nun für ein richtig gewaltiges Beben: Wie DWDL berichtet, plant die ARD parallel zum Ende der Lindenstraße, auch den anschließenden Weltspiegel ins Nachmittagsprogramm zu verlegen. Und zwar, so heißt es aus München, um vor der Tagesschau – genau: Sport zu zeigen.

In der dunklen Jahreszeit heißt das also: noch mehr Ski und Rodel auf noch mehr Sendeplätzen. In der helleren Jahreszeit: noch mehr Fußball mitsamt Option, öfter mal ein Handballspiel versehentlich abwürgen zu können. Um diesen Aberwitz zu ertragen, zitieren wir an dieser Stelle kurz aus einer ZDF-Mitteilung zum Thema öffentlich-rechtliche Digitalstrategie: „Der Fernsehrat leitet für das Änderungskonzept der Telemedienangebote des ZDF das nach dem Rundfunkstaatsvertrag vorgesehene Genehmigungsverfahren (Drei-Stufen-Test) ein.“

Puh…

Verglichen mit dieser Art Beamtendeutsch im Unterhaltungssektor ist sogar das völlig sinnlose Herrenmagazin mit dem bemüht ulkigen Titel Joko Winterscheidts Druckerzeugnis, kurz – Achtung, Prust: JWD, das G+J zum Jahresende einstellt, funkensprühender. Oder wahlweise die ehemals richtungsweisende Programmzeitschrift TV Spielfilm, deren hervorstechendstes Merkmal es die meisten der 27 Jahre am Markt war, laszive Frauen ohne tieferen Inhaltsbezug mit Nimm-mich-Blick überm fotoshopgeglättetem Dekolletee aufs Cover zu setzen. Als die Funke Mediengruppe das frühere Premiumprodukt der Verlagsgruppe Milchstraße unlängst vom Zwischennutzer Burda gekauft hatte, war klar, dass es Konsequenzen für die Redaktion in Hamburg haben würde.

Jetzt aber sickert durch, dass gut 50 Festangestellten gekündigt wurde, was –analog zur Ankündigung von Mathias Döpfner, im Zuge der KKR-Übernahme nun doch massenhaft Stellen abzubauen – wiederum viel übers TV-Segment aussagt. Derzeit setzt das Flaggschiff der linearen Programminformation alle zwei Wochen nämlich ganze 677.000 Hefte ab. Klingt verglichen mit Tageszeitungen gewaltig, ist aber nur ein Viertel des Allzeithochs vor 20 Jahren. Im verglühenden Lagerfeuer Glotze geht also auch den Programmis langsam der Sauerstoff aus.

Die Frischwoche

16. – 22. September

Jenen Couchtisch-Utensilien also, auf denen ältere Zuschauer noch immer erfahren, dass der beliebteste realfiktionale Mediziner Deutschlands ab heute im Ersten eine neue Sendung hat. Sie heißt Hirschhausen im Hospiz, und begleitet den netten Eckart um 20.15 Uhr ins Sterbehaus, was wirklich ergreifend ist, aber auch ziemlich altbacken. Nominell gilt das zwar auch für den Mittwochsfilm Hanne; da die Titelfigur einer Sekretärin, die Stunden nach ihrer Pensionierung ein Krebsdiagnose erhält, von Iris Berben gespielt und das vermeintlich letzte Wochenende vor der Gewissheit von Dominik Graf inszeniert wird, ist Hanne indes absolut umwerfend – geschlagen nur von einer Reihe herausragender Serien.

Abgesehen von Jodie Whittaker als erster Doctor Who nach 54 Jahren, ab morgen um 20.15 Uhr auf One, oder dem spanischen Achtteiler El Hierro um eine ermittelnde Richterin auf der gleichnamigen Kanaren-Insel (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), sind das aber wie so oft Streaming-Produkte. Staffel 2 von Matt Groenings Fantasy-Groteske Disenchantment zum Beispiel, die am Freitag bei Netflix zeitgleich zur beeindrucken Anthology-Serie Criminal startet, in der Ermittler-Teams aus Deutschland, Spanien, England und Frankreich kammerspielartige Verhörsituationen in identischer Kulisse simulieren – zum Auftakt mit dem grandiosen Peter Kurth als Verdächtiger eines deutsch-deutschen Mordfalls unter der Regie von Thomas Hirschbiegel.

Morgen dann setzt Sky den Neo-Western Tin Star mit Tim Roth als Kleinstadtsheriff fort und tags zuvor die Unternehmer-Saga Succession, während parallel dazu ein echtes Highlight startet: The Loudest Voice. Russell Crowe spielt darin sieben Teil lang den Fox-News-Chef Roger Ailes mit einer rechtspopulistischen Wucht, die bei aller guten Unterhaltung auch Angst macht. Was im Gladiator steckt, wusste man allerdings schon, als er für die erste Wiederholung der Woche 2002 fast den Oscar gewonnen hatte: A Beautiful Mind (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). An gleicher Stelle heute Abend noch immer sehenswert: Die Sieger, ein Frühwerk von Dominik Graf um Herbert Knaup als SEK-Polizist, der einem angeblich toten Phantom nachjagt. Und der Tatort-Tipp ist diesmal ein Polizeiruf von 1991, in dem Schimanskis Partner Thanner (Eberhard Feik) Sonntag (22.45 Uhr, 3sat) von Duisburg nach  Berlin wechselt.

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Gruff Rhys, (Sandy) Alex G

Gruff Rhys

Was Südafrika und Wales gemeinsam haben? Kühle, aber selten allzu frostige Winter zum Beispiel. Dazu warme, nie siedende Sommer. Und in sprachlicher Hinsicht außerdem eine Art englisches Grundverständnis, sofern Waliser nicht grad Walisisch reden. Weil der Waliser Gruff Rhys genau das auf seiner neuen Platte tut, verstehen Südafrikaner demnach wohl kein einziges dieses seltsam mediterran klingenden Kolorits. Was Südafrikaner indes bestens verstehen, ist der musikalische Grundton von Pang. Der nämlich stammt vom Kap und klingt kombiniert mit den Vocals mindestens so verschroben wie Ryes’ Vorname im Original.

Nach zuletzt drei englischsprachigen Alben und einer endlosen Reihe von Kollaborationen mit Künstler*innen jeder Art hat sich Gruffudd Maredudd Bowen Rhys nämlich mit dem südafrikanischen Electro-Frickler Muzi zusammengetan und singt begleitet von ein paar Fetzen Zulu im Hintergrund auf Walisisch über, tja, was auch immer… Ein bläserflankierter Ethnosound, der zum Glück nur sehr unterschwellig nach afrikanischer Folklore klingt, bettet die wattig verhallende Stimme des fast 50-Jährigen, bei der man dauernd an Sam Genders von Tunng denkt, dabei so unterhaltsam ein, dass man Pang nur schwer wieder aus dem Kopf kriegt. Gut so.

Gruff Rhys – Pang (Rough Trade Records)

(Sandy) Alex G

Wenn Alexander Giannascoli alias (Sandy) Alex G Musik macht, ist sie hingegen musikalisch wie sprachlich relativ gut verständlich. Auch auf seinem mittlerweile achten Album in nur neun Jahren heißt das allerdings nicht, sie sei je irgendwie gefällig oder gar seicht. Gesang und Sound verströmen zwar stets eine Art von Beachboyshaftigkeit, die mit entspannter Kneipenstimme vom Alltag erzählt und darüber eingängige Dur-Melodien von bezaubernder Leichtigkeit legt. Zugleich jedoch unterwandert der Mittzwanziger aus Philadelphia jeden seiner vielschichtigen Songs mit Klangfacetten, die niemand dort erwarten würde.

Mal huschen – wie in Near – verklimperte Lo-Fi-Riffs unter hippiesken Backvocals hindurch, mal verstört – wie in Taking – ein Kinderchor den alternativen Indie-Pop, mal durchwirken – wie in Walk Away – seltsame Country-Fäden aus dem Rustbelt den Westküsten-Altenative. Und überall wird es immer dann garantiert abseitig, sobald der Mastermind hinter all dem mal kurz in den Mainstream abbiegt. Dafür nennt ihn der Fader nicht nur Ausnahmetalent, sondern heftet ihm – völlig zu recht das Attribut an, ein moderner Neill Young mit Game-Boy-Attitüde zu sein. Dafür fehlt zwar noch die politische Wucht, aber dramaturgisch ist da was dran.

Sandy Alex G – House of Sugar (Domino)


Der Armin & die Propaganda

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. September

Ach Internet, du bist und bleibst halt auch annähernd eine Generation nach deinem Durchbruch Neuland für all jene, die beim Tor des Monats noch per Postkarte abstimmen oder Laptop sagen und Lederhose meinen. Die CSU zum Beispiel, genauer: ihre neue Geheimwaffe Armin, wie bayerische Teenager auch im 21. Jahrhundert noch heißen. Der Armin also soll unterm Hashtag CSyoU die Generation Z an die Parteimit dem C binden. Und wie dieser blondierte Influencer im Hawaiihemd die Klima-Gretel basht, das findet sie bestimmt, nee, nicht nice, sondern dufte, wie bayerische Teenager wahrscheinlich auch im 21. Jahrhundert noch sagen.

Teenager, die womöglich auch zu den knapp zweieinhalb Millionen vorwiegend weißhaarigen Zuschauern zählen, die jedes Frühjahr im Zweiten einer der lächerlichsten Events im geriatrischen Veranstaltungskalender beiwohnen: Der Goldenen Kamera im ZDF. Nach 53 Jahren konstant sinkender Resonanz und Relevanz setzt die Funke-Gruppe das einst ehrwürdige Springer-Fossil nun endlich ab, nachdem es Thomas Gottschalk 2012 nochmals aus Berlin übertragen darf.  Witzig, dass ausgerechnet Jan Böhmermann erst den nutzlosen Fernsehpreis (durch Einschleusen eines falschen Ryan Gosling) als auch CSYouU (durch Enttarnung des hippen Armin als verkleideten Anzugschnösel) im Neo Magazin Royale aufs Schafott geführt hat.

Nicht ganz so lustig hingegen war das, was wir in den Minuten, Stunden, Tagen nach dem Landtagswahldrama vom vorvergangenen Sonntag erleben mussten. Dabei bestand das öffentlich-rechtliche Desaster im Umgang mit der AfD noch nicht mal nur aus der Fieldreporterin Wiebke Binder, die uns den rechtsextremen Teil einer rechtsradikalen Partei partout als bürgerlich zurechtdilettieren wollte. Auch die Tatsache, dass ihr Chefredakteur Torsten Peuker diesen Irrwitz allen Ernstes als „Versprecher“ entschuldigen wollte, macht die Sache noch nicht zum Skandal. Skandalös ist, wie sich selbst seriöse Medien mit kraftlosem Verständnis für den völkischen Aufstand im Osten lächerlich machen.

Die Frischwoche

9. – 15. September

Dazu passt kaum etwas besser als die heutige Arte-Dokumentation mit dem sprechenden Titel Propaganda. Der kanadische Filmemacher Larry Weinstein skizziert darin um 20.15 Uhr beängstigend präzise die Mechanismen der politisch motivierten Lüge, mit der sich selbst demokratische Wahlen weltweit gewinnen lassen. Vorweg: Die thematisch artverwandte Reportage Re: Rap in Russland und hinterher zwei Dokus über Meinungsmanipulation in Irak-Krieg und der Wissenschaft.

Um Wahrheitsdeutungen geht‘s Freitag drauf auch auf Netflix, wenn dort die achtteilige Dramaserie Unbelievable startet. Auf der Basis eines pulitzerpreisgekrönten Zeitungsartikels wird ein Teenager darin verdächtigt, ihre Vergewaltigung nur erfunden zu haben. Äußerst eindrücklich, so scheint es nach Ansicht zweier Teaser. Weniger eindrücklich als eingeseift ist tags drauf das nächste ARD-Biopic mit Frau im Titel: die akkurat kostümierte Bleistift-Dynastin Ottilie von Faber-Castell, mit gegenwartstauglicher Steckfrisur gespielt von Kristin Suckow als Eine mutige Frau, so der Untertitel, die natürlich schöner, tougher, moderner, cooler ist als die weibliche Realität des 19. Jahrhunderts je war.

Schön, tough, modern, cool und dabei geheimnisvoll tiefgründig ist 24 Stunden später die neue Polizeiruf-Ermittlerin Verena Altenberger. Als Uniform-Cop Bessie tritt die Darstellerin der kommerziellen Putzfrau Magda das schwere Erbe von Matthias Brandt an, scheitert im Auftaktfall um Kindesmisshandlungen im pathetisch-düsteren Gebrüder-Grimm-Stil gehörig, zeigt aber gleichsam ein Potenzial, das sie schon im nächsten Fall unter der Regie von Dominik Graf abrufen dürfte. Weder schön noch cool oder gar tough ist die junge Schauspielerin Emma Bading als spielsüchtige Jennifer. Mit Play zerstört der ARD-Mittwochsfilm also gleich zwei Klischees: Gamer sind stets Jungs und weibliche Filmfiguren irgendwie lieb, verlockend, freundlich.

Am Freitag (21.15 Uhr) beendet das ZDF seine Schirach-Adaptionen von Schuld mit Moritz Bleibtreu als Anwalt absurder Fälle. Donnerstag um 22.05 Uhr strahlt Servus noch als erster das Tennisdrama Borg/McEnroe mit Sverir Gudnason und Shia LeBeouf als ebendiese aus, während Lars Kraumes Bauhaus-Fiktion Die Neue Zeit am Sonntag (22.15 Uhr) zuvor schon auf Arte lief – was entsprechend zu den Wiederholungen der Woche führt: Zeitgleich nämlich läuft auf Arte der Director’s Cut von Wolfgang Petersens Das Boot auf 200 Minuten Länge von 1991 auf Arte. Und der heutige Tatort namens Die Geschichte vom bösen Friedrich (21.45 Uhr, HR) zeigt die Frankfurter Ermittlerin Margarita Broich als Opfer von Nicholas Ofczarek in absoluter Paraderollenlaune.


Frankie Cosmos, girl in red, 5K HD

Frankie Cosmos

Das Wesentliche ist manchmal mehr als genug. Greta Simone Kline zum Beispiel, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Frankie Cosmos, macht gar nicht viel, um ihrem Bedroom Pop ein Sammelsurium sprühender Ideen beizufügen. Ein paar unverzerrte Gitarrenriffs, leicht verschlepptes Schlagzeug, der Bass eher sedierend als treibend – fertig ist das vierte Album namens Close it Quietly der ziemlich jungen New Yorkerin, mit dem sie abermals ein bisschen an die seligen Moldy Peaches mit ein wenig mehr Drive und ein wenig weniger Adam Green erinnert.

Woran das liegt? Einer schier unglaublichen Leichtigkeit, mit der die Songwriterin im Kreise einer leider namen- und gesichtlosen Band den Alltag in Gefühl ohne Pathos verwandelt. “I am so blue / I make everything blue / my friends, my enemies / you” singt sie in einem der 21 (!) selten mehr als zwei Minuten langen Stücke mit einer Stimme, die wie nach einer durchmachten Nacht in einem Frühhstückscafé von Brooklyn klingt – nicht mehr ganz wach, leicht verstrahlt, emotional voll da, wunderbar für den Sonnenaufgang.

Frankie Cosmos – Close It Quietly (Sup Pop)

girl in red

Eher red als blue, also weniger wehmütig als aufgekratzt scheint hingegen – zumindest dem Bandnamen nach – die junge Norwegerin Marie Ulven zu sein. Seit zwei Jahren erst macht sie überhaupt Musik vor Publikum und bringt nun nach einer EP im Vorjahr ihr Debütalbum heraus; passenderweise mit beginnings betitel, klingt es allerdings erstaunlich versiert und selbstbewesst – wovon auch zeugt, dass die Person, der sie im Opener I Wanna Be Your Girlfriend zuhaucht, eine Frau namens Hanna ist.

Für die NYT macht sie das gleich mal zur neuen LGBTQ-Ikone. Mit etwas weniger Erwartungsdruck reicht es zunächst mal, dass girl in red ihren verträumt schönen Selbstbehauptungspop ohne viel Politik und Pathos mit betörendem Shoegaze anreichert, aus dem die ganze wilde wunde Weisheit der Jugend spricht – etwa wenn sie zu verwehenden Fuzz-Klängen “fuck my thoughts / I think too much” schmachtet, aber nicht in Larmoyanz verfällt. Nein, da möchte man nicht noch mal 18 sein, aber 18-Jährigen mit mehr Respekt begegnen. Marie Ulven hat ihn allemal verdient.

girl in red – beginnings (Marie Ulven)

5K HD

Es gibt nicht viel und doch so einiges, woraum man sich im musikalischen Mainstream heute einigen kann: Autotune sucks zum Beispiel, wer zu oft fuck rappt, hat damit vermutlich ein kleines Praxisdefizit, Rock ist tot, Rock is alive und ganz wichtig: was immer von alldem aus Österreich über die Alpen in die (zumindest deutschsprachige Welt) suppt, ist unbedingt und vollumfänglich abzufeiern – darüber durften sich grad mal wieder die heillos überschätzten Wanda freuen.

Mit ähnlichen (Vorschuss-)Lorbeeren bedacht wurden auch 5K HD um die irrisierende Sängerin Mira Lu Kovacs. Kein Wunder. Vor zwei Jahren schien das gitarrenlose Gefrickel der fünf Wiener*innen den Missing Link zwischen avantgardistischer Electronica und dem Future Pop von Bilderbuch zu liefern. Was irgendwie auch gelungen ist, auf dem zweiten Album High Performer mit all dem Keyboard-, Samples-, Zitatestreuen aber bereits ein wenig berechnend klingt. Elegant ist es dennoch und sehr, genau: poppig.

5K HD – High Performer (fiveK Records)


Charlotte Roche: Feuchtgebiete & Love Rituals

Ich bin bis heute schambehaftet

Groß geworden im Musikfernsehen, war Charlotte Roche lange Zeit nicht mehr als eine Moderatorin mit Hang zu seltsamer Kleidung – bis sie im autobiografisch angehauchten Roman Feuchtgebiete 2008 ihre Sexualität fiktionalisiert hatte und somit zur Ikone eines zwanglosen Umgangs mit dem eigenen Körper wurde. Nach ein paar Abstechern ins Talkshowfach bereist die 41-jährige Westfalin aus England nun in Love Rituals auf Arte sechs verschiedene Länder auf der Suche nach deren Liebesleben.

Von Jan Freitag

Charlotte Roche, beim Anflug aufs erste von sechs Ländern, in denen sie das Liebesleben erkundet haben, fiel etwas auf, was man von Ihnen überhaupt nicht gewohnt ist.

Charlotte Roche: Na da bin ich ja gespannt.

Sie haben bei der Erzählung über ein japanisches Penis-Festival fast so was wie schamhafte Unsicherheit gezeigt.

Aber warum denn auch nicht?! Es gibt offenbar viele Leute, die meine offenherzigen Bücher zum Thema Sexualität mit mir als Person verwechseln. Deshalb ist es ein riesiges Missverständnis, mich als schamlos zu betrachten, denn ich wurde im Gegenteil total schambehaftet erzogen und bin es bis heute.

Was Sie demnach mit Ihren Büchern kompensieren?

Absolut. Indem ich darüber schreibe, bekämpfe ich mein Schamgefühl über Dinge, für die man sich echt nicht schämen sollte, das war fast eine Therapie. Ich bin mein Schamgefühl zwar trotzdem keinesfalls los, aber in Japan ging es ja vor allem darum die Sexualität in einem anderen kulturellen Kontext anzusehen, um dadurch vielleicht Sexualität, wie wir sie bei uns ausleben, besser zu verstehen. Sich mit Sexualität zu beschäftigen, darüber nachzudenken, was sie bedeutet, finde ich tatsächlich sehr gesund. Umso mehr könnte dieser Einstieg zum Missverständnis führen, in Love Rituals gehe es bloß um Sex.

Das tut es ja gar nicht…

Nein, es geht um die Liebe verschiedener Kulturen, wie Menschen zueinanderfinden und beieinander bleiben. Wäre es Arte um irgendwas Pornografisches gegangen, hätte ich auch nicht zugesagt. Aber wir waren uns da von Anfang an einig – zumal die Autorin Michaela Vieser zuvor bereits ein Sachbuch zum Thema geschrieben hat. Ganz ohne Sex kann man Beziehungen aus meiner Sicht zwar nicht denken, aber für uns steht er nicht im Vordergrund.

Dennoch tut er das in der Auftaktfolge aus Japan von Anfang bis Ende.

Das stimmt, aber so sexuell wie dort wird es in keiner der anschließenden fünf Folgen.

War es programmstrategisch gewollt, die Reihe mit einer solchen Freakshow sexueller Kuriositäten beginnen zu lassen, quasi als Ankocher für den dezenteren Rest?

Nein, denn wie man vielleicht auch meiner Art zu moderieren anmerkt, läuft in der Sendung vieles ungeplant und spontan. Wir sind selten mit einer starren Vorstellung davon, was nun passiert, irgendwohin gefahren. Das gibt der Reihe einen sehr dynamischen Spin. Andererseits hat die Vorrecherche ergeben: wenn Japaner so fortpflanzungsfeindlich weitermachen wie bisher, gibt’s bald keine mehr. Sex ohne Anfassen oder mit lebensechten Gummipuppen, der Ekel vor Körperflüssigkeiten und Schambehaarung – all dies funktioniert auf Dauer nicht.

Trotzdem hätte man auch den zweiten Teil aus Israel vorziehen können, in dem es sehr viel bedächtiger um Eheanbahnung und religiöse Gräben geht.

Ach, da sind wir einfach insofern chronologisch vorgegangen, als Japan unser erster Drehort war. Darüber hinaus sind die Liebesrituale der sechs Folgen – ob in Japan, Israel, Kenia, Indien, den USA oder Orkney Inseln – extrem unterschiedlich. Mal geht es um Liebe und Geld, um Liebe und Sex, um Liebe und Magie und so weiter. Alles stand und fiel da mit dem Protagonisten oder der Protagonistin, die uns durchs jeweilige Land geführt haben.

Was ist denn da der Mehrwert dieser Reihe – lernt das Publikum nur andere Kulturkreise kennen oder halten sie ihm auch ein wenig den Spiegel vor?

Beides. Und da hoffe ich auf eine ähnliche Horizonterweiterung, wie ich selber sie erlebt habe. Mit Menschen derart verschiedener Kulturen über die Liebe zu reden, verändert definitiv das Bewusstsein.

Inwiefern?

Etwa über die Bedeutung von Liebe. Wenn ich Kenianern erzählt habe, welchen Stellenwert sie bei uns zuhause hat, wie sie als Lebenselixier betrachtet wird, wurde ich oft ausgelacht.

Weil die Menschen dort ganz andere Sorgen haben als die Suche nach Romantik?

Genau. Als ich eine Friseurin gefragt hab, die aus einer brutalen Ehe geflohen ist und nun vier Kinder alleine erzieht, ob sie nun auf der Suche nach einer neuen Beziehung sei, erschien ihr dieses Denken fast lächerlich. Liebe ist für solche Menschen ein absoluter Luxus, den die sich gar nicht leisten können; dafür hat die weder Zeit noch Energie, geschweige denn die Muße. Während wir in unserem Wolkenkuckucksheim auf der Suche nach der großen Liebe leben, muss sie Geld verdienen.

Umso mehr fällt auf, dass ihr in den ersten zwei Folgen etwas Spirituelles, oft Schicksalhaftes beigemessen wird wie in Israel, wo Ehen oft durch Kupplerinnen arrangiert werden, weil sie angeblich über mehrere Leben hinweg perfektioniert werden.

Hat Sie das gestört?

Nicht gestört, aber es nimmt dem Menschen seine Autonomie bei der Partnerwahl.

Mich hat es sogar extrem gerührt, wie die Heiratsvermittlerin ans Schicksalhafte ihrer Arbeit glaubt. Natürlich verdient die auch Geld damit, aber Seelenverwandte für andere zu finden, ist doch toll. Ich bin zwar froh, in einem Land zu leben, wo diese Art Kuppelei weniger verbreitet ist, beneide aber manchmal Leute, die sich damit von diesem Monsteraufwand befreien, unbedingt alleine the one and only finden zu müssen.

Sie haben den ja auch – ohne jetzt boulevardesk klingen zu wollen – schon sehr früh und scheinbar für die Ewigkeit gefunden…

In der Tat. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Scheidungskind war; aber mir war eben klar, dass es das, was ich da gefunden habe, nicht noch mal in besser gibt. Ich war aber auch vorher in keiner Beziehung so ruhelos, ständig nach Verbesserung zu streben. Seit ich mit Jungs zusammen bin, also mehr als 25 Jahre schon, fand ich immer denjenigen, den ich grad habe, am allerallerallerbesten von allen. Das mag Glück gewesen sein; andererseits  haben mich meine Eltern halt dazu erzogen, mir emanzipierte, frauenfreundliche, tolle Partner zu suchen.

Was aber auch wieder mit unserem Wolkenkuckucksheim zusammenhängt, in dem diese Suche möglich ist oder?

Schon, aber machen wir uns nichts vor: selbst wenn es hier nicht so offen ausgesprochen wird wie in Kenia, spielt das Geld bei der Partnerwahl auch in unserem Kulturkreis eine Riesenrolle. Sie werden in kaum einem Krankenhaus Ärztinnen finden, die einen Pfleger heiraten, aber massenhaft Ärzte, die Krankenschwestern heiraten. Beziehungen sind auch bei uns oft eine sehr traditionelle, oft unromantische Abwägung von Vor- und Nachteilen. Von wegen: wo die Liebe hinfällt… Auch wenn unsere Gesellschaft gern was anderes behauptet, sind Familiengründungen oft sehr pragmatisch. Oder haben Sie sich schon mal in eine Obdachlose verliebt?

Nein, zugegeben.

Ich auch nicht. Trotzdem empfinde ich dieses zwanghafte Suchen nach Perfektion in der Liebe als fatal. Die Illusion vieler Dating-Plattformen, wer nur intensiv genug sucht, oder einem angeblich perfekten Algorithmus folgt, findet schon den idealen Partner, versäumt aber leider auch alle anderen, die womöglich noch idealer sind, führt in die Irre. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig unromantisch, und ich will auch gewiss meinen Mann nicht beleidigen, aber wenn eine Beziehung langfristig funktionieren soll, schraubt man seine Ansprüche lieber etwas nach unten. Wer andauernd das Bessere sucht, weiß das Gute nicht zu schätzen und schafft es nie, sich wirklich festzulegen.

Würden Sie sich trotz dieser pragmatischen Sicht auf die Liebe als Romantikerin bezeichnen?

Auf jeden Fall! Aber für mich ist es eben manchmal romantischer, ein bisschen unromantisch zu sein. In der Paartherapie habe ich gelernt: wer eine Beziehung beim ersten Problem beendet, nimmt es in die nächste mit. Deshalb ergibt es fürs gesamte Leben Sinn, Schwierigkeiten gemeinsam mit dem Partner – sofern er nicht grad ein prügelnder Alkoholiker ist – auszuräumen, anstatt beim ersten Ärger abzuhauen. Da sind Liebende wie Bauern, die sich gemeinsam um zarte Pflänzchen der Liebe kümmern.


Schusswaffeneinsätze & Entscheidungsstunden

Die Gebrauchtwoche

26. August – 1. September

In einer Zeit, da der völkische Nationalismus mit Paranoia, Lügen und Herrenrassefantasien mehrheitsfähig geworden ist, muss man sich diese zwei Zahlen kurz mal auf der Netzhaut zergehen lassen: 2018 haben deutsche Polizisten, Kommissare aller Kriminalkommissariate eingeschlossen, offiziell 49 Warnschüsse abgegeben, weitere 56 Mal auf Personen gefeuert und dabei elf getötet. Rechnerisch ist das wenig mehr als ein Schusswaffeneinsatz pro Woche – was je nach Perspektive viel oder wenig sein mag. Ein Witz hingegen ist es, wie oft verglichen damit am hiesigen Bildschirm amtlich mit Verletzungs-, wenn nicht gar Tötungsabsicht abgedrückt wird

Dazu gibt es zwar keine Erhebung, aber wer das Fernseh- und Streamingangebot bloß oberflächlich nach Uniform-Formaten durchforstet, stößt pro Woche allein am Standort Deutschland auf mindestens 30 Serien und Filme, in denen Waffengewalt naturgemäß eine Rolle spielen kann. Das ist grundsätzlich legitim; Unterhaltung muss sich nicht spiegelbildlich an der Realität messen. Dennoch verstört das Missverhältnis schon deshalb, weil es dem Publikum suggeriert, in diesem Land regiere das Verbrechen, nicht die Demokratie. Bei CSU und AfD jedenfalls dürfte man den Exzess am Flatscreen genüsslich zur Kenntnis nehmen.

Den frisch gekrönten Herrschern am Medienhimmel hingegen sind die Befindlichkeiten einzelner Ausstrahlungsorte herzlich egal – allein schon, weil ihnen sogar die Regeln der eigenen Branche weniger bedeuten als ein neuer Vertragsabschluss. Netflix zum Beispiel lässt vor der Oscar-Verleihung im Frühjahr fix zehn hochgehandelte Eigenproduktionen jene sieben Tage in einer Handvoll Kinos laufen, um sie trotz offensichtlicher TV-Zugehörigkeit ins Rennen um die begehrte Trophäe schicken zu können. Klagen darüber sind aber schon deshalb fehl am Platze, weil Filme wie Martin Scorceses The Irishman oder Steven Soderberghs The Laundromat angenehm unspektakulär aus dem Superheldeneinerlei des Blockbusterkinos hervorstechen.

Die Frischwoche

2. – 8. September

Wie Netflix überhaupt mit Seh- und Verabreichungsgewohnheiten aufräumt, als sei die lineare Vergangenheit bereits beendet. Am Freitag zum Beispiel startet dort ein Biopic namens The Spy über die Mossad-Legende Eli Cohen. Damit schafft der israelische Homeland-Schöpfer Gideon Raff zweierlei: die notorische Ulknudel Sasha Baron (nicht verwandt mit Eli) Cohen als ernste Serienfigur zu etablieren, deren reale Räuberpistole als Sechzigerjahre-Agent in Syrien fast zu unglaublich ist, um wahr zu sein.

Hierzulande dagegen sonnt sich das Fernsehen weiter historisch im Erbe des Bauhauses. Nach der saftigen Architektur-Romanze Lotte am Bauhaus vom Frühjahr, die der MDR am Donnerstag um 23.35 Uhr wiederholt, macht es Arte gute drei Stunden früher allerdings um Längen besser. In Die neue Zeit schildert Regisseur Lars Kraume die Frühphase der libertären Kunstschule im Würgegriff reaktionärer Kräfte mit so zurückhaltender Strenge, dass die Selbstbefreiung der bürgerlichen Revoluzzerin Dörte Helm (Anna Maria Mühe) spielend über sechs Teile trägt.

Immerhin 90 Minuten lang funktioniert tags zuvor Heike Reichenwallner als Angela Merkel im ZDF-Dokudrama mit dem denkbar dusseligen Titel Stunden der Entscheidung zum Flüchtlingssommer 2015. Zeitgeschichtlich ebenso aktuell, wenngleich auf begrenzterem Terrain bedeutsam ist die vielbeachtete Dokumentation Surviving R. Kelly, mit dem der Nischenkanal Crime & Investigation heute einen Skandal um den übergriffigen Rapper aufklärt, Zeitgleich zur gefühlt 369. Höhle des Löwen auf Vox kümmert sich Arte am Dienstag zur Primetime mit den Dokus Ein seltsamer Krieg und Eine blonde Provinz um den 80. Jahrestag vom Überfall auf Polen, was 3sat (20.15 Uhr) mit Bernhard Wickis Die Brücke von 1959 begleitet.

Bevor es zu den Wiederholungen der Woche geht, noch fix zwei Komödientipps: Heute Abend zeigt die ARD Maren Ades bittersüße Kapitalismuskritik Toni Erdmann, morgen startet auf Sky das siebenteilige Coming-Out Sally4ever, wo eine Britin ihrer heterosexuellen Ehe in eine homosexuelle Affäre mit Folgen entflieht. Total humorlos war Klaus Kinskis Hassliebe mit Werner Herzog, die 1972 mit dem Conquistador Aguirre auf der Jagd nach dem Gold von El Dorado einen Höhepunkt fand (Montag, 20.15 Uhr, Arte. Dagegen war Stephen Spielbergs wohl berühmtester Film ET (Samstag, 20.15 Uhr, RTL2) 1982 mit leichterer Hand gestrickt – vom sieben Jahre älteren Tatort: Katjas Schweigen mit der blutjungen Katja Riemann an der Seite von Horst Schimanski (Dienstag, 22.10 Uhr, WDR) ganz zu schweigen.


The Bland, The Modern Times, Whitney

The Bland

Ach, noch einmal süße 17 sein – ist aus mehr als doppelt bis nahezu dreimal so alter Sicht natürlich ebenso unattraktiv wie, sagen wir: Pupertätspickel und Führerscheinprüfungen, aber wenn The Bland davon singen, klingt es irgendwie selbst aus erwachsener Sicht gar nicht so furchtbar. Mit funkigen Streichern und Marimba-Samples unterlegt erzählt Sänger Axel Öbergs Wattewachsstimme, wie schön grün der Schnee für Teenager selbst dann noch leuchtet, wenn der Vater deiner Sommerliebe mit dem Gewehr hinter dir her ist und prompt möchte man eine Line dieser ulkigen Droge Sorglosigkeit ziehen, mit der das schwedische Quintett sein Debütalbum erschaffen hat.

Schließlich ist es vom jugendsehnsüchtigen Opener bis zum minimalistischen Wanderer, in dem fröhlich die Vögel flöten, am Rande der Selbstverblödung arglos. Klimakrise und Rechtsradikalismus, Bolsonara und Trump, überhitzte Sommer und nahende Winter? Mit einer transzendierend unernsten Platte drauf gepfiffen, die zehn Stücke lang im sedierten Yeahsayer-Modus das Leben kurz mal auf gemütliches Abhängen reduziert und dabei mit karibischem Skandinavismus zum bekifften Kichern einlädt. Gut, im Video zu 17 endet die Sorglosigkeit im Chaos, aber hey – wer hat in der Hängematte zwischen zwei Palmen schon geöffnete Augen…

The Bland – Beautiful Distance (Backseat)

The Modern Times

Ebenfalls skandinavisch und ein Gegenteil von verkopft ist das neue Album der norwegischen Britrockband The Modern Times. Mit ihrer sensationellen Mischung aus rotzigem Punk ohne Post davor und dem besten aus der jüngeren Alternative-Phase des Indierock, klingt es so herzerfrischend nach Scheißegal, dass man aus dem Schulterzucken gar nicht mehr raus kommt. “It’s the best time in history / to be openly gay” knarzt Sänger Magnus Vold Jensen in It Sure Is Fun To Party durch rüpelhafte Gitarren, reduziert es branchenüblich auf den Standort Berlin und grölt zur Sicherheit noch kurz ein paarmal “we’re having so much fuuuuun”, damit auch ja niemand auf die kommt, nun folge ein politischer Anflug von gesellschaftskritischen gay-pride oder gar politische Parolen.

Nee, nee – Algorithmic Dance Music klingt dem Titel nach zwar ein wenig berechnend. Aber wenn der Rock hier und da von einer irren Ladung Saxofon zersägt wird, zeigt sich: das ist hier alles aus der Magengrube für die Magengrube. Stücke wie Everything is Going to be Fine oder The World Needs More Parties lutschen zuweilen zwar ein bisschen ostentativ auf dem Drops allenfalls halbsatirischer Harmlosigkeit herum, was gerade in den Restbeständen des Punkrock ein wenig irritiert. Zwischen unverzerrt fröhlichen Fuzz-Riffs und einem Schlagzeug ohne jedes männliche Selbstbeweihräucherungspathos macht das aber einfach nur gut gelaunt. Auch mal schön.

The Modern Times – Algorithmic Dance Music (Black Pop)

Whitney

Wäre die Welt ein schöner, guter, gerechter Ort – das neue Album von Whitney würde hier in der Rubrik Hype der Woche gefeiert werden, weil das erste nicht nur 2016, sondern für alle Ewigkeit zum Besten zählt, das jemals mit so viel Eleganz Rockmusik verpoppt hat. Damals schien es, niemals wieder könne ein Werk wie Light Upon The Lake mit solcher Hingabe gleichsam gelassen und wuchtig klingen. Bis jetzt. Denn der späte Nachfolger Forever Turned Around ist – zugegeben – keine allzu große Fortentwicklung des Vorgängers; aber warum auch, wenn es mit ähnlichen Mitteln so schnell vom Kopf über alle Sinnesorgane zu Herzen geht.

Denn wie damals mogeln sich Dutzende virtueller Jazzkapellen ins Westcoast-Orchester von Gitarrist Max Kakacek und Drummer Julien Ehrlich, deren Falsett-Stimmen dazu den Soundtrack maximaler Leichtigkeit liefern. Mit einem halben Dutzend Freunden auf Bigbandgröße angeschwollen, sorgt das Duett aus Chicago damit abermals für eine Art Kammerstrandsoulrevival der Beach Boys, dem man nur mit größter Hartherzigkeit oder unverbrüchlichem Wacken-Appeal nicht verfällt. Ein weiterer Meilenstein des Musizierens für Millionen, ohne im Mainstream zu landen.

Whitney – Forever Turnde Around (Secretly Canadian)