Seehofers taz & Disneys Musical

Die Gebrauchtwoche

29. Juni – 5. Juli

Die schlechte Nachricht vorweg: Hengemah Yaghoobifarahs Entsorgungsfantasien im Meinungsteil der taz haben die Polizei zwar keineswegs als Müll bezeichnet, wie es Kommentator*inn*en fast aller Schattierungen hektisch aus dem Zusammenhang rissen, sondern nur ein furchtbar schiefes Bild zur Überflüssigkeit der existierenden, corpsgeistgeprägten, strukturell rassistischen Art von Ordnungsmacht gewählt. Dennoch war es ein journalistischer Tiefpunkt in der an Höhepunkten so reichen Tageszeitung aus Kreuzberg. Daher die gute Nachricht hinterher: die taz ist gerettet. Ja mehr noch – in absehbarer Zeit dürfte das existenzbedrohte Blatt selbst die New York Times an Auflage übertreffen.

Schließlich hat Innenminister Horst Seehofer seine – inzwischen zurückgezogene – Überlegung, die Autorin wegen unliebsamer Ansichten gerichtlich zu belangen, mit der wilden Aussage erklärt, ihre „Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten“, also auch „Gewaltexzessen, wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben“. Wenn sich die 500 Testosteronschleudern aus dem Ländle ihre Wut allesamt beim tagtäglichen Studium der taz geholt haben, dürfte sie hochgerechnet aufs Land geschätzt vier bis fünf Millionen Mal über die Theke gehen.

Die Pläne, sich demnächst vom Printprodukt zu verabschieden, sind damit wohl ebenso Geschichte wie die Pläne von (boykottiert) Amazon Prime, den Fußballmarkt in Deutschland aus dem Folterkeller ihres unermesslichen Reichtums heraus aufzurollen. Im Vergabepoker um die deutschen Fußballrechte haben nämlich ein bisschen überraschend Sky, DAZN, ARZDF und Achtung: Sat1 gewonnen, das auch ein kleines Stück vom lukrativsten Kuchen der Sportrepublik abkriegt. Wenn ab Donnerstag die Relegationsspiele dreier Ligen beginnen, gucken Fans freizugänglicher Kanäle aber erstmal in die Röhre. Aber gut, sind ja auch Ferien, die auch an freitagsmedien nicht spurlos vorübergehen, weshalb die Fernsehtipps heute nur tabellarisch sind und danach drei Wochen Pause machen

Die Frischwoche

6. – 12. Juli

Montag, 20.15 Uhr, ARD: Und wer nimmt den Hund? Bittersüßes Spätehedrama mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur auf der Beziehungscouch

Mittwoch, 0.35 Uhr, ZDF: Fahrenheit 11/9, Michael Moores Dokumentation über den unwahrscheinlichen Marsch von Donald Trump ins Weiße Haus

Mittwoch, TVNow: The Hunting, australische Drama-Serie über die dramatischen Konsequenzen eines Mobbing-Attacke auf vier Schüler

Donnerstag, MagentaTV: La Cacciatore – The Hunter, Fortsetzung der preisgekrönten Mafia-Serie aus und in Italien von 2018

Freitag, Disney+: Hamilton, die Gründung Amerikas als HipHop-Musical mit PoC-Hauptdarsteller und reichlich Trara

Wiederholungen der Woche

Mittwoch, Magenta TV: Liebling Kreuzberg, Anwaltsserie aus Achtzigern

Sonntag, 20.15 Uhr, Sat1: Titanic von 1997, Sonntag Sat1, allerdings ¼ Werbung

Sonntag, 20.15 Uhr, Arte: Spartacus, Kubricks Frühwerk mit Kirk  Douglas von 1960

Tatort, Dienstag, 22 Uhr, NDR: Undercover Camping (1997) mit Manne Krug im Wohnmobil


Bananagun, Albrecht Schrader, Pottery

Bananagun

Etwas wirklich Neues zu kreieren, ist in der modernen Musik nahezu ausgeschlossen. Wenn der Sänger, Gitarrist und, Achtung, Flötist Nick van Bakel meint, seine Band Bananagun wolle “nicht das tun, was alle anderen bereits machen”, ist er da im besseren Fall naiv, im schlechteren ignorant, im Idealfall allerdings haben die sechs Australier einfach noch immer eine Ladung jener Dorgen intus, die bei der Aufnahme des Debütalbums mit dem deklamatorischen Titel The True Story of Bananagun von der Studiodecke gerieselt sein muss.

Von Beginn an nämlich scheinen Gilberto Gil und Jimi Hendrix darauf beim Schlammcatchen mit James Lasts Big Band Henry Mancini zu covern. Das Resultat ist eine Art melodiös berauschter Dschungel-Pop, bei dem sich krachende Krautrockgitarrengewitter überm Strand von Acapulco entladen, bis aus dem Sand Boxentürmgebirge sprießen. Alles daran klingt bestens bekannt, von Instrumenten bis Arrangements ist alles pure Nostalgie, aber selten war ein retrospektiver Sound derart futuristisch schön.

Bananagun – The True Story Of Bananagun (Full Time Hobby)

Albrecht Schrader

In ganz ähnliche Kerben schlägt der Schlagerist Albrecht Schrader. Drei Jahre nach seinem tollen Debütalbum Nichtsdestotrotzdem und zwischenzeitlichem Gastspiel als Bandleader von Jan Böhmermanns Rundfunkorchester Ehrenfeld im Neo Magazin Royale, kehrt der Kölner aus Hamburg mit Diese eine Stelle zurück und widmet seiner inneren Großstadt ein zehnteiliges Hassliebesgedicht, in dem heimatduseige Nostalgie im Richard-Clayderman-Gewand nur so wimmert. Doch Vorsicht: Alles Tarnung!

Denn wenn der studierte Musikwissenschaftler zu Klavierromantik über die noble Elbchaussee singt, zersägt ein repetetives “Fluglärmvonairbus” mit psychotischer Gitarrenbemalung das Wohlstandsidyll. Wenn Auf dem Golfplatz  “schöne Farben überall” leuchten, ist das nicht “der Ort, wo Hamburg brennt / Tränen fließen unverblümt in mein Polohemd”. Immer dann also, wenn Schraders Seifengesang den Caféhauspop dahinter noch etwas cremiger rührt, wird das Gehirn mit luzider Systemkritik überzuckert. Selten so tiefenentspannt in die Katastrophe geträumt.

Albrecht Schrader – Diese eine Stelle (Staatsakt)

Pottery

Mit Tiefenentspannung haben Paul Jacobs, Jacob Shepansky, Austin Boylan, Tom Gould, and Peter Baylis ungefähr so viel gemein wie Donald Trump, was zwar schon deshalb ein unfairer Vergleich ist, weil ihre Band aus Kanada kommt und mit Donald Trump wiederum so viel gemein hat wie Albrecht Schrader. Aber Pottery ist halt von einer impulsiven Hektik getrieben, die krasse Vergleiche förmlich ansaugt. Und wenn wir schon dabei sind: Ihr Debütalbum  klingt ein bisschen wie David Byrne auf Speed, ist aber natürlich ganz anders.

Von Anfang bis Ende wird Welcome to Bobby’s Motel von einem Speedfunkslapping beschleunigt, dass durch die Choräle übers Alltagsgeschehen im Leben gewöhnlicher Trump-Nachbarn nochmals hochpitcht. Bass, Drums, Gesang – alles an dieser furiosen Platte ist derart auf Tempo gebürstet, dass dabei manchmal fast untergeht, wie filigran die elf Stücke arrangiert wurden. Von daher war es richtig, die Band nach der kontemplativen Tätigkeit des Töpferns zu benennen. Wenn sie jetzt auch noch, sagen wir: Achtung, Spitfire, schnellschnell hieße, würde sie sich selbst überholen.

Pottery – Welcome to Bobby’s Motel (Partisan)


Staatszensoren & Schwarzer Montag

Die Gebrauchtwoche

15. – 21. Juni

War das nun geschmacklos, Chuzpe, einfach blamabel? Nachdem das Erste am Montag kurzfristig seine Corona-Doku Wuhan – Chronik eines Ausbruchs, die fast vollständig aus kritiklos montiertem Propagandamaterial chinesischer Behörden besteht, abgesetzt hatte, erklärte der SWR den Rückzug mit „Rechteproblemen“, also Formalitäten. Dass er weitere Rechercheanfragen mit dem Hinweis aufs schwebende Verfahren rigoros abbügelt, legt den Verdacht nah, im Baden-Badener Funkhaus säßen Chinas Staatszensoren längst mit am Tisch.

Das allerdings wirkt auch deshalb abwegig, weil der SWR – auch im Vergleich zum südostdeutschen Nachbarland Bayern – für Qualitätsjournalismus steht. Im nordöstlichen Nachbarland Hessen wird der währenddessen mit Füßen einer betriebsblinden Justiz getreten. Anders ist es nicht zu erklären, dass der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke trotz Kontaktbeschränkungen in einem winzigen Gerichtssaal stattfinden, weshalb der wichtigsten Strafsache seit dem NSU-Komplex nur eine Handvoll Reporter beiwohnen.

Da ist es umso verstörender, wenn der Stern angesichts massiv einbrechender Anzeigenerlöse Kurzarbeit anmeldet. Das wichtigste Gesellschaftsmagazin der alten Bonner Republik am Tropf jener Staatsmacht, die es jahrzehntelang kritisch unter die Lupe nahm – es ist dramatischer, als es klingt. Dramatischer als es ist, klingt dagegen der Sturm im Wasserglas, den Dieter Bohlens Kritik an Stefan Raabs Format-Casting Fame Maker, dafür aber immerhin prima Werbung für ProSieben.

Werbung in eigener Sache war bei RTL 30 Jahre lang die Übertragung der testosteronsatten Proll-Sause Formel 1. Ab nächster Saison aber zieht sich der Privatsender zurück und macht damit aller Voraussicht nach Platz für kostenpflichtige Anbieter wie DAZN oder (kauft nicht bei) Amazon Prime.

Die Frischwoche

22. – 28. Juni

Letzterer hat diese Woche nichts Bemerkenswertes im Angebot. Dafür kehrt Konkurrent Sky am Dienstag mit dem zweiten Teil der Börsen-Groteske Black Monday zurück, wo es Krisenverlierer Mo (Don Cheadle) nach dem Schwarzen Montag 1987 mit Feminismus, Drogengangstern, Deregulierungsfans und dem üblichen Übermaß an Aberwitz zu tun kriegt. Auch Netflix setzt auf den Faktor Irrsinn, wenn Will Ferrell drei Tage später in The Story of Fire Saga von Island aus den ESC erobern will. Humorlos dagegen setzt der Streaming-Dienst am Mittwoch die Tradition guter Sportdokumentationen mit Athlete A fort, einem Film über Missbrauchsfälle im Turnen, bevor tags drauf Netflix-Geschichte endet.

Denn mit Dark III geht die weltweit erfolgreichste Drama-Serie aus Deutschland ins Finale, und man muss hinzufügen: endlich – ist Schluss mit Effekthascherei, Hyperdramatisierung und Pathos. Von all dem hat auch die französische Mystery-Serie The Last Wave einiges. Trotzdem ist der Sechsteiler ab Freitag auf Neo, bei dem eine Riesenwelle zwölf Surfer schluckt und persönlichkeitsverändert ausspuckt, ungleich interessanter. Das gilt auch für die Fortsetzung der Anwaltsreihe Dennstein & Schwarz aus Österreich, in der Maria Happel und Martine Ebm tatsächlich eigensinniger sind als ihre vielen Tausend Kolleg*inn*en diese ausgenudelten Genres.

Tausendmal gezeigt und dennoch alles andere als ausgenudelt ist die Wiederholung der Woche Harold and Maude, (Samstag, 23.30 Uhr, RBB), Hal Ashbys bittersüße Liebeskomödie von 1971, nur sechs Jahre älter aber nicht nur wegen der schwarzweißen Farbe weitaus älter im Look: Brennt Paris? (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte) René Clements beeindruckendes Résistance-Drama mit Jean-Paul Belmondo als Widerstandskämpfer in Paris von 1965. Und unser Tatort-Tipp ist am gleichen Abend der Gewinner des Publikumsvotings, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wäre das keiner aus Münster.


Frank Elstner: Couchtalk & Theatergespräche

Wetten das…? war Remmidemmi

Auch mit bald 80 Jahren kann Frank Elstner vorm Fernsehen nicht lassen. Heute wandern seine preisgekrönten Internet-Gespräche Wetten, dass war’s…? (Foto: picture alliance) von Youtube zu Netflix. Und auch sonst habe er noch einiges im Köcher – wie der Showveteran im Telefon-Interview erzählt.

Von Jan Freitag

Frank Elstner: Herr Freitag, haben wir nicht mal zusammen am selben Tisch einer Veranstaltung gesessen?

freitagsmedien: Dass ist aber schon Jahre her. War das beim ZDF?

Ich glaube, Sat1. Sie sehen, mein Gedächtnis ist noch immer voll intakt.

Und Ihr Gesprächseinstieg passt auch noch perfekt zum geplanten Gesprächseinstieg. Auch in der Netflix-Reihe Wetten, das war’s…? wollen Sie von Klaas Heufer-Umlauf wissen, was er sie fragen möchte. Wer führt in der Sendung eigentlich das Interview?

Niemand, weil es der Begriff „Interview“ ohnehin nicht ganz trifft. Ich führe eher Gespräche.

Auch bei Youtube entstand allerdings oft der Eindruck, es seien Wohlfühlgespräche.

Wenn Sie es darauf beziehen, dass sich die Gäste bei mir wohlfühlen, stimme ich voll zu, das ist als Gastgeber tatsächlich mein erstes Ziel. Aber Wohlfühlen bedeutet nicht, keine ernsten Fragen zu stellen. Für mich ist nur völlig offen, zu welchem Zeitpunkt diese Ressource im Gespräch angezapft wird. Auch, weil die Leute wissen, dass ich sie nicht gleich zu Beginn in die Pfanne haue, kommen sie gern zu mir. Ich will schließlich nicht damit glänzen, möglichst freche Fragen zu stellen. Es ist ein Herantasten.

Gibt es Gesprächsstrategien, gar bestimmte Fragen, mit denen dieses Herantasten gut funktioniert?

Nein, und es hat sich im Laufe meiner vielen Gespräche auch erwiesen, dass ich nur sehr selten mal die Frage als erstes stelle, die ich mir dafür ausgedacht hatte. Oft fällt mir da irgendetwas völlig anderes, meist eher persönliches ein – ob die Person noch was zu trinken braucht, wie die Anreise war, solche Sachen. Weil das sehr spontan abläuft, hoffe ich, dass meine Gespräche diese Natürlichkeit auch spürbar machen.

Zugleich gibt es in Netflix-Ableger der Gespräche Situationen wie jene mit Lena Meyer-Landrut, die bei der Erinnerung an ein gemeinsames Interview vorm ESC-Gewinn zu weinen beginnt, woraufhin Sie sagen, „dann müssen wir ganz schnell wieder anfangen zu lachen“. Das klingt ein wenig nach Konfliktvermeidung.

Ist aber etwas völlig anderes, weil ich es peinlich finde, wenn ein alter Mann wie ich eine junge Frau vor laufender Kamera weinen lässt.

Das heißt, in jüngeren Jahren wären Sie mit einer ähnlichen Situation konfrontativer umgegangen?

Nein, denn auch damals war ich nicht bei der Yellow Press, die Menschen gern emotional in die Enge treibt. Ich wollte nie jemanden in dieser Art vorführen. Aber auch das geschieht bei mir mit zunehmendem Alter mehr und mehr aus dem Bauch meiner langjährigen Erfahrung heraus. Da ist nichts geplant. Aber organisch war es bei mir schon immer.

Auch bei Ihren Interviews auf der Wettcouch?

Ach, das waren doch nichts anderes als Farbtupfer einer großen Samstagabendshow, in der es überhaupt keine Zeit gab, eingehende Gespräche zu führen. Umso mehr freue ich mich über die Netflix-Serie; da habe ich meine Gäste pur. Wetten, dass…? war verglichen damit doch Remmidemmi, und so kurzlebig die glitzernden Lichter darin waren, so kurzlebig waren auch die Fragen.

Wo Sie so oft auf Ihr Alter anspielen: verfolgen Sie mit Gesprächssendungen wie dieser eine Art Sendungsbewusstsein, dem zusehends auf Krawall gebürsteten Talkshowgenre unserer Tage mal zu zeigen, wie man respektvoll und einfühlsam miteinander umgeht?

Sendungsbewusstsein ist das nicht, ich befinde mich ja nicht in einem Wettbewerb mit Kollegen, über die ich auch gar nicht urteilen möchte. Dennoch hoffe ich, mit meinen Gesprächen ein wenig dazu beizutragen, wieder mehr miteinander zu reden, statt nur Kataloge abzuarbeiten. Als Zuschauer stört es mich schon, wenn man vor lauter Fragen das Zuhören vergisst.

Ist das Resultat eines Reifungsprozesses oder von Beginn Ihrer Karriere an ein Prinzip?

Bei mir wie bei anderen ist immer alles Ergebnis von Erfahrung und Einsicht. Aber durch 18 Jahre Radio Luxemburg habe ich gelernt, Pausen sinnvoll zu füllen, sonst ist der Hörer weg.

Das ist allerdings fast 40 Jahre her, die Sie erfolgreich im Fernsehen verbracht haben. Warum kommen Sie von diesem Medium auch mit Ende 70 partout nicht los?

Weil es mir immer noch einen Riesenspaß macht und den Draht zu jungen Leuten weiter am Glühen hält. Ich bin von Natur aus neugierig; wenn mir da jemand die Möglichkeit gibt, Gespräche mit interessanten Menschen zu führen, werde ich das tun, solange ich gehen, stehen und sehen kann.

Gleichzeitig stand in der Ankündigung von Wetten, das war’s…? aber, es sei eine Art Abschiedstournee…

Das gilt eher für die Glamour-Bühne, von der habe ich mich definitiv verabschiedet. Deshalb haben wir auch weder Publikum noch ein Orchester oder sonstiges Brimborium. Ich schließe es nicht aus, weiter Gespräche zu führen, wenn es die Leute interessiert. Auf der ganz großen Bühne will ich nicht mehr arbeiten.

Wobei Sie zeitlebens nicht nur vor der Kamera gestanden haben, sondern auch die Konzepte dahinter ersonnen wie Wetten, dass…?. Steckt da noch was im Köcher?

Ach, im Köcher habe ich eigentlich immer was, aber im Moment kümmere ich mich um Netflix. Dass mich Freunde von mir, die über den ganzen Erdball verteilt sind, jetzt jederzeit sehen können, empfinde ich als große Auszeichnung. Ein Geschenk.

Wobei man sich angesichts der illustren Gäste von Helene Fischer bis Herbert Grönemeyer fragt, warum dieses Geschenk nicht in der Primetime ihres alten Arbeitgebers ZDF läuft?

Die Frage müssten Sie eher dem ZDF fragen.

Weil es nie auf Sie zugekommen ist?

Genau.

Aber Netflix schon.

Ja.

Ist das sprichwörtliche Lagerfeuer Ihrer öffentlich-rechtlichen Glanzzeit beim Zweiten eigentlich erloschen oder glüht darin noch etwas im Showprogramm von heute?

Das ist zwar nett formuliert, aber ich gehöre nicht zu denen, die sagen, damals sei alles besser gewesen. Im Gegenteil. Ich nehme wahr, dass es auch heute ein vielfältiges Angebot Dutzender von Sendern gibt. Wer da nichts findet, kann nicht suchen. Natürlich ist einiges darunter, was mir persönlich missfällt.

Zum Beispiel?

Wenn Sendungen vier Stunden dauern, weil irgendwer noch einen Tischtennisball irgendwo reinpusten soll. Diese Art Langeweile, um die Quote hoch zu halten, empfinde ich als Unart. Und man hätte es man mir damals auch um die Ohren geschlagen.

Ihre oft üppige Überziehung von Wetten, dass…? war also rein sachlich begründet?

(lacht) Da muss ich in der Tat vorsichtig sein. Aber bei mir waren es maximal 40 Minuten, und die Leute haben sich vor allem deshalb beklagt, wenn sie den Videorecorder auf die geplante Sendezeit programmiert hatten und dann das Ende fehlte. Davon abgesehen sage ich ungern, dass Ihr angesprochenes Lagerfeuer erloschen ist. Es gibt nach wie vor große Eurovisionssendungen für alle, aber sie müssen sich halt mit weit mehr Konkurrenz messen.

Netflix zum Beispiel.

Meine Kinder gucken fast nur noch das. Andererseits ist bei Leuten wie Joko & Klaas so viel Fantasie und Leidenschaft im Spiel, da brennt das Feuer weiter.

Betrachten Sie die beiden so ein wenig als rechtmäßige Erben Ihrer Generation auf dem großen Hauptsendeplatz?

Dafür sind sie viel zu eigenständig und eigensinnig. Außerdem sprechen sie hundertmal besser Englisch als ich. Den beiden kann ich nicht das Wasser reichen.

Das Interview ist vorab auf DWDL erschienen.

Guido Cantz & Conny Plank

Die Gebrauchtwoche

8. – 14. Juni

Der bürgerliche Antirassismus treibt gerade auch am Bildschirm skurrile Blüten. Während vielerorts Denkmäler kolonialistischer Menschenschinder geschleift werden, bereinigen Fernsehsender ihr Programm um reaktionäre Sendungen. Weil Sklaven darin nicht allzu helle, ihre Halter dafür umso humaner dargestellt werden, hat HBO zum Beispiel Vom Winde verweht aus dem Portfolio genommen. Auch sonst fällt von Comedy wie Fawlty Towers oder Little Britain bis hin zur amerikanischen Real Life Doku Cops so einiges einer elastischen Moral zum Opfer, die plötzlich auch Joyn ergriffen hat.

Weil der Untertitel Milf oder Missy pornografische mit rassistischen Klischees mischt, muss die Kuppelshow M.O.M. künftig ohne ihn auskommen. Chinesische Regimekritik dagegen muss nun ohne Zoom auskommen, das vorm chinesischen Regime eingeknickt ist und User sperrt, die ans Jubiläum des Tienanmen-Massakers erinnern – dürfte nicht das letzte Einknicken des Konferenz-Tools vorm Unrecht gewesen sein. Dass Fußball weiterhin ohne Stadiongäste auskommen muss, tut da erstmal gar nichts zur Sache, macht sie aber spätestens seit dem DFB-Pokal noch schlimmer – so unsportlich, öde, belanglos waren die Halbfinals der vorigen Woche live im Ersten.

Letzteres gilt in Teilen auch für eine eigentlich gute Idee der ARD zum 50. Geburtstag ihrer wichtigsten Fiktion: Ab Sonntag darf das Publikum die frisch angebrochene Sommerpause des Tatorts aus einer Bestenliste füllen. Interessanterweise stammt der älteste darauf von 1999 – als hätte es in den 29 Jahren zuvor keine besseren Fälle gegeben. Das erinnert an die kürzliche Selbstgerechtigkeit von Guido Cantz, die Top 10 der besten Fälle aus 40. Jahren Verstehen Sie Spaß? mit sechs aus seiner eigenen Zeit zu füllen. Schon merkwürdig, dieser Mainstream.

Die Frischwoche

15. – 21. Juni

Aber eben auch auf bemerkenswerte Art und Weise schmerzbefreit – anders ist nicht zu erklären, dass RTL die miserabelste aller Moderationsattrappen der Menschheitsgeschichte Freitag zur besten Sendezeit abermals humor-, moral- und inhaltslos aufs Publikum loslässt – diesmal im saumäßig getimten Urlaubsformat Pocher und Papa auf Reisen, um 22.20 Uhr gefolgt von Absolut, dem liebedienerischen Porträt dieses parasitären Selbstdarstellers.

Ein ebenfalls wohlgesinntes Porträt schenkt die ARD dem visionären Toningenieur Conny Plank – was allerdings auch kein Wunder ist. Der Produzent hat die Musik der Gegenwart in den Siebziger- und Achtzigerjahren geprägt wie kaum ein zweiter. Schade nur, dass der abendfüllende Film erst um 23.45 Uhr läuft. Immerhin 60 Minuten früher war heute Wuhan – Chronik eines Ausbruchs angesetzt. Da die dreiviertelstündige Rekonstruktion der Pandemie-Ursprünge ausschließlich auf Filmmaterial der chinesischen Propaganda-Abteilung CICC basiert, hat das Erste den Film aber vom Sender genommen. Tags drauf hält Arte an seiner weitsichtigen Primetime-Doku Feindbild Polizei fest, die bereits vorm Tode George Floyds Ordnungshüter ins Visier nahm.

Fiktional ist am ARD-Mittwoch noch Elisabeth Scharangs Romanadaption Herzrasen mit Martina Gedeck über die identitätsstiftende Kraft menschlicher Makel interessant. Ansonsten herrscht dieser Tage eher Streamingvielfalt. Auf Starzplay gibt Elle Fanning Donnerstag eine opulent inszenierte Katharina The Great. Parallel überzeugt Stana Katić auch in der Fortsetzung von Absentia als disruptive FBI-Agentin (13th Street). Bei Netflix knüpft die Realsatire The Politician 2 nahtlos an die Unterhaltsamkeit des Auftaktes an. Und dort verspricht auch die Kriegsveteranen-Doku Father Soldier Son ab Freitag Tiefgang mit Anspruch.

Apropos: in den Wiederholungen der Woche zeigt Arte am Samstag Das Böse unter der Sonne mit Peter Ustinov als Hercule Poirot von 1982. Angemessen zeitgemäß ist diesbezüglich am Dienstag Wolfgang Petersens Virenthriller Outbreak auf Kabel1 (1995). Und am gleichen Abend gibt es abgesehen vom vermeintlichen Sonntags-Best-of einen Gebraucht-Tatort im NDR (23.30 Uhr): Haie vor Helgoland mit Kommissar Stoever, 1984 noch ohne Brockmöller.


Drab City, Jules Ahoi, Sammy Brue

Drab City

Wenn ein Album von der ersten Sekunde an Kopfschmerzen bereitet, ab der zehnten ergänzt um bohrendes Zahnweh, was bis zur 87. in gesamtkörperliches Unwohlsein mündet, das auch der Beginn des zweiten Stücks bestenfalls mildert, wo befinden wir uns dann – auf Ibizia Ende Juli? Am Tor des Schlagerpurgatoriums? In Tom Waits’ Panic Room? Falsch, beim Plattendebüt von Drab City. Und es zeigt, selbst höllisches Leid kann himmlisch gut klingen.

Die beiden Berliner*innen Asia und Chris zeigen sich nämlich als Konfrontationstherapeutinnen musikalischer Schmerztherapien. Ihr wattierter Mix aus Dreampop, Psychobeat und dissonantem Krautwave verklebt zwar flugs den Kopf, befreit ihn aber sogleich mit einem Lösemittel aus irritierenden Gitarrensoli, Lofi-Punk und Asias bekifften Brigitte-Bardot-Gedächtnis-Gesang. Good Songs for Bad People – ein Fiebertraum zum Wohlfühlen.

Drab City – Good Songs for Bad People (Bella Union)

Jules Ahoi

Das Problem leicht larmoyanter weißer Singer/Songwriter allein mit ihren Lagerfeuergitarren auf Barhockern in riesigen Hallen ist ja bekanntlich, dass sie leicht larmoyante weiße Singer/Songwriter allein mit ihren Lagerfeuergitarren auf Barhockern in riesigen Hallen sind, also auf fremdschamheischende Art und Weise massenhaft bei sich. Dass der Niedersachse Jules Ahoi mal nicht aus UK kommt, ab und an Autotunes in seinen Folkpop rührt und auf Fotos schon mal mit Baseballschläger posiert, macht das nicht unbedingt besser. Dass er dabei klingt wie der Missing Link zwischen Passenger und Jamie T schon eher.

Sein neues Album Dear ____ ist nämlich zum Glück ein bisschen wuchtiger als die zwei vorherigen, ohne dabei schon im Orchestralen von Mumford & Sons zu landen. Er ist also immer noch sehr weiß, trotz Begleitband sehr allein, also sehr sehr bei sich. Und die 15 Songs über Liebe, Isolation, Andersartigkeit und so Sachen bemühen zwar ein Instrumentarium von Drums bis Piano und lassen die Gitarren schon mal elektrisch scheppern; sie sind aber doch überwiegend von einer androgynen Innerlichkeit, die seine Emotionen aufrichtig mitfühlen lässt.

Jules Ahoi – Dear ____ (Moon Blvd. Records)

Sammy Brue

All das gilt gewissermaßen auch für Sammy Brue, wenngleich mit völlig anderen Mitteln. Dem Folk nur noch am Rande artverwandt, macht der Singer/Songwriter aus dem Hipsterhotspot Portland eher Punk mit einer gehörigen Beimengung Country und Western, was in den lauteren Momenten fabelhaft nach Bands wie Giant Sand klingt. Besonders in den (eher wenigen) leiseren aber klingt es nach gar nichts Spezifischem außer seiner ulkigen Ausstrahlung. Mit Nerd-Brille, Beck-Aura und Westcoast-Slang ist sein zweites Album vor allem echt weird.

Weird im Sinne von unkonventionell und überraschend, nicht im Sinne von unzugänglich oder durcheinander. In seiner verstiegenen Klangfarbe zu singen – schön zerkratzt, aber durchaus vielschichtig – schimmert auf Crash Test Kids zwar permanent ein Anflug von Satire mit. Uptempo-Stücke wie Teenage Mayhem oder der fantastisch skurrile Bombast-Pop Skatepark Doomsday Blues allerdings sind dann doch instrumentell zu virtuos, um nur als verspielter Blödsinn durchzugehen. Da kann noch was draus werden, Sammy Brue.

Sammy Brue – Crash Test Kid (New West Records)


Atemnot & Barrikaden

Die Gebrauchtwoche

1. – 7. Juni

Zerstörung kann das Alte vernichten, um darauf etwas Neues, womöglich Besseres zu errichten. Nimmt man den selbsternannten Conan Rezo beim Wort, hat die Zerstörung der CDU vor einem Jahr allerdings weder für das eine noch das andere gesorgt. Trotz aller Krisen und Querelen führt die Kanzlerinnenpartei sämtliche Umfragen solide an und ist damit – hoffentlich – das Rolemodel fürs nächste Objekt im Visier des Youtubers: Die Zerstörung der Medien.

Nach drei von 60 Minuten gut recherchierter, gewohnt eloquenter, jugendsprachgesättigter Schnellsprechattacke jedoch relativiert Rezo den dekonstruktiven Ansatz und begnügt sich eher konstruktiv damit, „Missstände“ aufzudecken, die „Vertrauen zerstören“. Trotzdem ist auch dieser Angriff zuweilen ein wenig wild. Rezo setzt den Regenbogen mit Journalismus gleich und Bild mit Qualitätspresse, er verwechselt Haltung und Stil mit Handwerk und Fakten, ist also nicht vor Miss(ver)ständ(niss)en gefeit, die das Vertrauen in Rezo (zer)stören. Was er allerdings ebenfalls ist: absolut notwendig.

Wie unseriös selbst seriöse Medien manchmal arbeiten, zeigt ja nicht nur der Feldzug des Springer-Konzerns gegen alle journalistischen Minimalstandards im Umgang mit Christian Drosten; man konnte es auch gut in den Talkshows über die Unruhen der USA nach dem Tod von George Floyd erleben, bei dem die Polizei nach ersten Zählungen 45 Journalisten verhaftet und 132 attackiert hat. Sandra Maischberger und Markus Lanz brachten nämlich das Kunststück fertig, ohne Opfer über Rassismus zu diskutieren, was die hastig nachgeladenen Priscilla Layne und Mo Asumang nur schlimmer machten.

Die Frischwoche

8. – 14. Juni

Weitsicht beweist diesbezüglich Netflix, wo Freitag Spike Lees Da 5 Bloods um farbige Vietnam-Veteranen anläuft, die an den Kriegsschauplatz von damals reisen und dabei auch dem anhaltenden Rassismus ihrer Heimat nachspüren. Auf andere Art rückwärtsgewandt zeigt sich der Streamingdienst zeitgleich mit einer Abwerbung von Youtube. Nach ein paar Netzausgaben wandert Frank Elstners Kuscheltalk Wetten, das war’s? aufs Videoportal.

Der Gastgeber allerdings mag ein verdienstvoller Star des hiesigen Unterhaltungsfernsehens sein; die langen Dialoge mit Epigonen wie Klaas Heufer-Umlauf sind in ihrer biederen Harmlosigkeit eher öde. Auf den Barrikaden sind andere, etwa die Protagonisten der gleichnamigen, durchaus erhellenden ARD-Doku (Montag, 20.15 Uhr) über verschwörungsideologische Hygiene-Demos unserer Tage.

Auf die Barrikaden gehen sollte man parallel dazu symbolisch gegen das Pilotprojekt der „European Alliance“, in der das ZDF gemeinsam mit RAI (Italien) und FTV (Frankreich) hochwertige TV-Kost anrühren will. Der sechsteilige Spionagethriller Mirage um irgendwas mit Liebe, Verrat, Atomkraft und Arabern ist nämlich noch konventioneller als der deutsche Titel Gefährlich Lügen und entfacht damit ein ähnlich laues Feuer wie die Geisterspiele im DFB-Pokal, den das Erste ab Dienstag überträgt.

Die letzten Zuckungen des Lockdowns erleben wir derweil ab Dienstag auf Youtube und ab Sonntag bei TNT. Dann startet die fünfteilige Impro-Dramedy Ausgebremst mit Maria Furtwängler, die vom geplanten Suizid versehentlich zur Seelsorgerin wird und dabei Kolleg*inn*en von Maren Kroyman bis Annette Frier Lebenshilfe erteilt. Da die Branche langsam in den Normalbetrieb zurückkehrt, könnten aber nicht nur solche bemerkenswert professionell gemachten ad-hoc-Produktionen bald schon weider Geschichte sein – und zugleich das digitale Innovationsmonopol sachte wanken.

Bis dahin aber saugt Netflix mit der Klinikserie Lennox Hill und dem Schlussakt des Highschooldramas Tote Mädchen Lügen nicht nochmals Aufmerksamkeit ab, die das lineare Fernsehen immerhin noch mit den Wiederholungen der Woche erzielt. Am Samstag zum Beispiel mit dem vierstündigen Bandportrait Stayin‘ Alive – Die spektakuläre Story der Bee Gees von 2013 auf Vox, tags drauf mit Stephen Daldrys Coming-of-Age-Perle Billy Elliot (2000) auf Arte, am Mittwoch (22.05 Uhr, MDR) mit Dror Zahavis Leipziger Tatort: König der Gosse von 2016.


Henning Venske: Kriegskind & Corona-Krise

Mauern sind zum Einreißen da

Henning Venske (81, Foto: Wikipedia) als Kind selbst Flüchtlingskind, hat sich in gut 50 Jahren zu einem der streitbarsten Kabarettisten der Republik entwickelt. Ein Gespräch mit dem Hamburger aus Stettin über Satiriker im Ruhestand, die Ausnahmezustände seines Lebens und welche davon sogar noch dramatischer waren als die Corona-Krise.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Venske, als 1939er-Jahrgang haben Sie vom Zweiten Weltkrieg über Kuba-Krise, 68er-Revolte, Deutscher Herbst, Tschernobyl oder 9/11 bis hin zum Bankencrash 2007 schon so manchen Ausnahmezustand mitgemacht.

Henning Venske: Oh ja.

Ist dieser Ausnahmezustand im Zuge der Corona-Pandemie, den wir alle grad durchmachen, da überhaupt was Besonderes für Sie?

Wissen Sie, ich lebe sehr zurückgezogen hier in Hamburg und mein Leben ist genauso eingeschränkt wie das, anderer Leute auch. Für einen 81-Jährigen ist dieser Ausnahmezustand aber natürlich insofern außergewöhnlich, als ich mit den Vorbelastungen COPD, Emphysem und Asthma gerade in absoluter Isolation zu allen anderen außer meiner Frau lebe. Mir fehlt nicht nur, aus- oder ins Theater zu gehen; ich traue mich ja nicht mal, einzukaufen.

Und was macht die Krise mit den Menschen, der Gesellschaft insgesamt?

Sie löst sowohl Hysterie und Selbstmitleid als auch Fantasie und Hilfsbereitschaft aus. Umso abstoßender finde ich, wie andere Katastrophen jetzt übergangen oder vergessen werden: Der Ausnahmezustand in Syrien und Afghanistan, die Ertrinkenden auf dem Mittelmeer und das Elend in den Flüchtlingslagern, die Not der Kurden oder der Obdachlosen bei uns – für viele ist das alles nicht so wichtig wie genügend Klopapier. Aber gemessen daran, was Sie vorhin aufgezählt haben, ist Corona dennoch nur ein drittklassiger Ausnahmezustand.

Warum?

Lesen Sie bitte die ersten 40 Seiten meiner Autobiografie Es war mir ein Vergnügen. Da steht, welcher Ausnahmezustand mich geprägt hat, nämlich zunächst das letzte Jahr des 2. Weltkrieges, mein Fußmarsch vom Wolfgangsee in Österreich durch ein zertrümmertes Land bis nach Kiel, Sommer 1945, mehr als 1000 Kilometer. Dass Donald Trump und Emmanuel Macron im Kampf gegen Corona nun dauernd von „Krieg“ reden, zeigt doch nur, dass beide nie einen erduldet haben und Verwandte aus Trümmern buddeln mussten.

Macht dieser Erfahrungsschatz im Umgang mit weniger dramatischen Ausnahmezuständen da gelassener, womöglich gar angstfrei?

Männer in meinem Alter haben in der Regel keine Angst mehr, zumindest nicht ums eigene Leben – deshalb sind sie ja so gefährlich für andere (lacht).

Gibt es selbst bei Ihnen also etwas wie Alterskonservatismus?

Nicht, wenn er bedeutet, zu glauben, früher sei alles besser gewesen; dafür treffe ich in meiner Seniorenwohnanlage in Bramfeld zu viele Menschen meines Alters, die sehr aufgeschlossen, sehr freundlich, sehr selbstkritisch, sehr witzig sind. Da tut es mir gerade in dieser Krise leid, wenn sie einerseits den Vorurteilen junger Leute ausgesetzt sind, rückständig zu sein, andererseits nur als Wirtschaftsfaktor gelten, deren Schutz die Jüngeren gerade noch mehr Geld und Freiheit kostet. Die Lebenswelten der Generationen sind da schon sehr getrennt.

Wobei Sie durch Ihre zwei Enkelinnen auch einen Blick auf jüngere haben.

Und schon deshalb bereitet mir deren Zukunft auch angesichts des Klimawandels Sorge. Aber es gab schon früher Endzeitstimmungen. Als Helmut Schmidt noch Kanzler war, kursierte der Witz, eine Langspielplatte brauchst du nicht aufzulegen, die schafft’s eh nicht bis zum Ende…

Hat es Ihnen im Laufe ihres Lebens als Satiriker geholfen, selbst größeren Katastrophen mit Humor zu begegnen?

Ach, so viel Humor hab‘ ich persönlich gar nicht (lacht). Privat neige ich selten dazu, die Realität zu überzeichnen oder wegzulachen, aber beruflich sorgt diese Fähigkeit dafür, gleichzeitig Distanz und Nähe zu erzeugen. Im Schopenhauerschen Sinne sitzen Satiriker wie fools on the hill aufm Hügel, gucken sich die Welt darunter an und geben ihren Senf dazu.

Um den Menschen am Ende aber auch Corona-Krisen wenn schon nicht erträglich, so doch verständlich zu machen oder?

Mag sein, aber das entspringt nicht unbedingt dem Frohsinn des Satirikers. Grundlage des politischen Humors ist es ja, die Realität nicht auf die leichte Schulter, sondern besonders ernst zu nehmen. Sonst ist es weder witzig noch relevant.

Gibt es dabei Grenzen, die der Humor nicht übertreten sollte?

Nein, jeder Satiriker bestimmt die Grenzen seines Humors selbst, daran ändert sich auch in Ausnahmesituationen nichts. Aber wissen Sie, was das wichtigste Motiv des Kabarettisten ist?

Sagen Sie es mir!

Mitleid. Mitleid mit den Zukurzgekommenen, Unterdrückten, den Ausgebeuteten bei gleichzeitiger Abneigung gegen jene, die dafür verantwortlich sind. Die Analyse der näheren Umstände macht politischen Humor – zumindest in meinem Fall – zu harter Arbeit.

Ist der private Henning Venske demnach ein anderer als jener auf der Bühne?

Im Gegenteil: Obwohl ich gelernter Schauspieler bin, bin ich in keinem meiner Solokabarettprogramme in eine Rolle geschlüpft, habe mir nie einen Lederhandschuh angezogen und statt meiner eigenen die Gedanken die eines kriegsversehrten Sozialdemokraten geäußert. Ich wollte mich nie verstecken, ich war immer nur ein bekennender Oppositioneller.

Aber was macht es mit einem Kabarettisten links der Mitte, wenn er wie Sie sechs Jahrzehnte lang gegen ein System opponiert, in dem am Ende doch immer Konservative, Kapital, mittlerweile ja sogar wieder Rechtsradikale den Ton angeben?

Das macht mit ihm, dass er allmählich die Lust verliert; irgendwann ist ja auch alles gesagt. Die Themen, mit denen sich Satire auseinandersetzt, sind seit Aristophanes schließlich immer dieselben. Es geht um Krieg und Frieden, Arm und Reich, Macht und Ohnmacht, Moral und Religion, Ausländer und Korruption. Das einzig neue Thema seit 2500 Jahren ist die Atomenergie – weil sie der Menschheit die Möglichkeit gibt, sich selbst auszurotten. Alles andere wiederholt sich. Ob ich über Seehofer rede oder Herrn Seebohm…

Seebohm?

Können Sie vielleicht nicht wissen… Der war in den Fünfzigern Verkehrsminister, Heimatvertriebenenfunktionär und aus meiner Sicht ein rechtsradikales Arschloch. Den habe ich damals ähnlich gesehen wie heute Herrn Seehofer. Wenn mir also gesagt wird, wie viel Stoff die Politik dem Kabarett gerade zur Verfügung stellt, entgegne ich, dass die Politik allenfalls austauschbare Charaktermasken liefert.

Sind Sie dennoch gerne ihr ganzes Leben gegen diese Mauern gerannt?

Mittlerweile möchte ich zwar lieber mit meiner Frau irgendwohin reisen, als irgendwo gegen zu laufen; nach 60 Jahren im Geschäft darf ich mir vermutlich erlauben, diesbezüglich ein wenig müde zu sein. Aber Mauern sind zum Einreißen da und so lange, wie ich das durchgehalten habe, habe ich es ja vermutlich gerne getan.

Hatten Sie als Kabarettist und Mensch den Einfluss, gesellschaftliche Realitäten wirklich verändern zu können?

Punktuell, ja. Inwieweit ich dazu einen Beitrag geleistet habe, müssen andere beurteilen, aber ich fühle mich sozialen Bewegungen zugehörig, die immer wieder für positive Veränderung gesorgt haben – sei es bei der Emanzipation, die längst nicht an ihr Ende gekommen ist, aber einen Grad erreicht hat, von dem die Frauen in meiner Jugend nicht mal zu träumen gewagt hätten; sei es im Schulwesen, das zu meiner Zeit noch von Lehrern aus der Wilhelminischen Zeit geprägt war. Kinder werden heutzutage mit viel größerem Respekt behandelt als Anfang der Sechziger. Es ist ein gutes Gefühl, an dieser Entwicklung Anteil gehabt zu haben.

Waren Sie als Vater in den Sechzigern denn noch wilhelminisch geprägt oder bereits antiautoritär?

Ich war mit großer Begeisterung antiautoritär – inklusive aller Fehler, die da gemacht werden konnten.

Bei all den politischen und sozialen Katastrophen Ihrer langen Karriere, war eine der größten privater Natur, als Anfang des neuen Jahrhunderts ihre Zwillingskinder im Abstand weniger Jahre mit Mitte 40 gestorben sind. Wie sind Sie damit umgegangen?

Damit kann man nicht umgehen, Trauer lässt sich nicht manipulieren. Ich reagierte mit einer Art Eskapismus und flüchtete mich in die Arbeit oder besser: versuchte es. Wenn das gesamte Leben plötzlich aus Trauer besteht, ist es eine Illusion anzunehmen, für solche Schicksalsschläge gäbe es Instrumente, die man einfach zur Anwendung bringen könnte.

Konnten Sie sich keine aus ihrer künstlerischen Arbeit zunutze machen, die den Irrsinn der Realität ja auch irgendwie leichter erträglich machen?

Hui (überlegt lange). Ich glaube nicht. Wenn bei einem Erdbeben Tausende ums Leben kommen, ist das entsetzlich, aber das Mitgefühl, das man bei einer dieser relativ regelmäßig stattfindenden Katastrophen empfindet, ist etwas ganz anderes als die Trauer beim Tod des eigenen Kindes. Das kann man nicht vergleichen. Und in der Realität von Corona sieht es noch anders aus: Hunderttausende Tote machen Angst, aber Mitleid wird vor allem gefordert und praktiziert für die sogenannte Wirtschaft.

Ist man mit Anfang 80 und der Gewissheit, nicht mehr ewig zu leben, manchmal sogar froh, das ganze Elend bald hinter sich zu haben?

(lacht) Das frage ich mich auch oft, wenn ich von meinem Hügel aus ins Tal blicke. Am Ende bin ich froh, nicht noch mal die Pubertät durchmachen zu müssen und alle anderen Probleme junger Menschen. Aber wenn man mir anböte, nochmals 50 Jahre jünger zu sein, würde ich schon deshalb nicht nein sagen, um mal wieder schmerzfrei spazieren gehen zu können. Mit dem Elend der Welt dagegen beschäftige ich mich eigentlich nur dann noch intensiver, wenn mich die taz zum Gespräch darüber bittet. Ich gönne mir mittlerweile ein bisschen Gleichgültigkeit und bleibe zuhause.

Wie lange ist dieses Zuhause eigentlich schon Hamburg?

Seit 1966. Ich war zwar zwischendurch acht Jahre in München, hatte aber immer mein Haus hier.

Macht es die Stadt da zu so etwas wie Heimat für Sie?

Ich habe ein etwas gestörtes Verhältnis zum Begriff Heimat, ich nenne es lieber „zu Hause“. Den Kellner bei meinem Stamm-Italiener in Hamburg habe ich jahrelang auch für einen Italiener gehalten, bis er mir beim Schnacken mal sagte, er sei Pole und stamme aus Stettin, wo ich geboren wurde. Obwohl ich den kleinsten Teil meines Lebens dort verbracht habe, war auch das plötzlich ein Stück zu Hause. Dasselbe Gefühl verbindet mich mit Minden in Westfalen, wo ich acht Jahre zur Schule gegangen bin, und wo ich noch immer viele Menschen kenne, und auch München ist ein klein bisschen zu Hause. Ich habe das Glück, mich vielerorts zu Hause zu fühlen.


Reichelts Lügen & Waldheims Walzer

Die Gebrauchtwoche

25. – 31. Mai

Was Christian Drosten Gutes zu tun hat, dürfte selbst Einsiedlern ohne DSL langsam bewusst sein. Allen, die dennoch Zweifel haben, verlinkte der Wissenschaftler vorigen Montag seinen Tweet, mit dem er auf einen Bild-Befehl reagierte, sich zur anstehenden Titelstory zu äußern. In ihr knattert das Springer-Blatt, Drosten sei schuld an Schulschließungen, wofür Autor Filipp Piatov zwar keine Fakten, aber ein paar gegoogelte Statistiker zusammenstümpert. Damit nicht genug: Piatov, der einst auf den Titanic-Hoax „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD“ reingefallen war, gab dem Virologen exakt 60 Minuten Zeit zur Stellungnahme.

Drostens Reaktion: Die Bild bemühe „Zitatfetzen von Wissenschaftlern ohne Zusammenhang“ für eine „tendenziöse Berichterstattung“. Anstatt zu antworten, twitterte er folglich: „Ich habe Besseres zu tun.“ Doch während sich alle Beteiligten flugs vom Text distanzierten und Anzeigenkundschaft absprang, während allenfalls die AfD noch an Julian Reichelts rechter Seite blieb und selbst Friede Springer den Chefredakteur kritisierte, trat der erst nach und bat Drosten dann allen Ernstes zum Gespräch. Aber wie gesagt – der hatte Besseres zu tun, etwa ein sehr erhellendes Interview im Spiegel.

Das indes dient Maria Furtwänglers Stiftung als neuerlicher Beleg medialer Ungleichbehandlung. Nur 22 Prozent aller Fachleute, die von Presse, Funk & Fernsehen in Corona-Fragen konsultiert werden, sind einer Malisa-Studie zufolge Frauen. Schöne alte Männerwelt – deren größtmöglicher Macho mit einem Vehikel seiner Herrschaft hadert: Weil Twitter es gewagt hat, die erste seiner 17.000 Unwahrheiten seit Amtsantritt – diesmal: Briefwahl fördere Wahlbetrug – faktenzuchecken, drohte er ausgerechnet jenem Kurznachrichtendienst mit Regulation, auf dem er seine 80 Millionen Follower im Schnitt 26 Mal pro Tag belügt.

Die Frischwoche

1. – 7. Juni

Passend zum Beginn einer zaghaften Selbstreflexion „neuer“ Medien könnte man sich Mittwoch auf Arte in Erinnerung rufen, was Radikalen der Marke Trump mal blühte: um 23.50 Uhr rollt Waldheims Walzer auf, wie ein Nationalsozialist der ersten Stunde 1986 nur dank kollektiver Empörung nicht österreichischer Präsident wurde. Zwei Tage später der nächste Skandal beim Kulturkanal: in der sehenswert wahrhaftigen Fiktion Wackersdorf geht es um die bürgerkriegsähnlichen Zustände an der Wiederaufbereitungsanlage fünf Jahre zuvor.

Annähernd dokumentarisch ist ein Spielfilm, den Sky übermorgen aus dem geschlossenen Kino befreit: Das Ende der Wahrheit. Darin wühlt Ronald Zehrfeld tief im Dreck des BND und fördert Dinge zutage, die bei aller Fiktionalität absolut realistisch sind. Realistischer zumindest als das modernisierte Remake vom holländischen Kommissar van der Valk, der ab Montag überm merkwürdigen Untertitel Duell (statt wie im Original Love) in Amsterdam bei der ARD ermittelt.

Zwei Tage später zeigt 13th Street mit Deputy noch eine Polizeiserie mehr voll schöner, tougher, schlagfertiger US-Detectives, während TLC mit Autopsy zeitgleich noch eine Real-Crime-Doku mehr um prominente Todesfälle startet und Netflix zwei Tage später eine Comic-Adaption zeigt, die – nein, trotz gebrauchten Themas nicht nur ein Bankraubfilm mehr ist, sondern The Last Day of American Crime, ein Cyberpunkmix aus Oceans’s Eleven und Pulp Fiction ohne Humor, aber mit viel Brutalität ist.

Am selben Tag beginnt (boykottiert) Amazon eine Serie mit hochaktuellem Sujet: El Presidente ist ein sanft verfremdeter Fußballfunktionär aus Chile im FIFA-Skandal, dessen Authentizität das genaue Gegenteil jenes Bastian Schweinsteiger darstellt, den Til Schweigers FIFA-Fanporträt SCH31NS7EIGER an gleicher Stelle anhimmelt. Und damit in aller Distanz zu den Wiederholungen der Woche, angeführt vom Borowski Schichtwechsel (Samstag, 22.05 Uhr, MDR) aus dem Werftenmilieu von 2004. Viel älter (40 Jahre) ist French Connection (Montag, 21.35 Uhr, Arte), der absolut brillant ist, von der Fortsetzung (Mittwoch, 21.55 Uhr) aber noch übertroffen wird.


Caleb Landry Jones, Flying Lotus, Gary Olson

Caleb Landry Jones

Ach, was wäre Musik doch langweilig, würde sie bloß Erwartungen erfüllen, einerseits. Denn andererseits wird sie schnell schwer erträglich, wenn ihr alle Erwartungen gleichgültig sind. Caleb Landry Jones ist dennoch in dieses bewegte Wasser gesprungen und hat ein Album kreiert, besser noch: gewürfelt, dessen Abläufe so konfus sind, dass Ordnung zu finden unmöglich scheint. Scheint. Denn wer sich darauf einlässt, all die vielen Brüche zwischen Schweine- und Glamrock, Avantgarde- und Chartspop zu erkunden, wird reich belohnt.

Als eine Art Lofi-Bigband fühlt sich der texanische Schauspieler (Twin Peaks) von kaum glaublichen 30 Jahren Beatles, Beethoven und Big Beat gleichermaßen so nahe, dass sein Debütalbum The Mother Stone zum psychedelischen Ritt durchs geschlossene Theater unseres inneren Kindes wird. Eines, das auf die Pauke hauen will, aber gewiss keine Metrik verstehen. Dass dieses heillose Durcheinander dennoch auch für Erwachsene hörbar wird, liegt am großen Gespür des Wizzards für Struktur im Chaos. Trotzdem: besser mal zwei, drei Gläser Wein vorm Hören…

Caleb Landry Jones – The Mother Stone (Sacred Bones Records)

Gary Olson

Das exakte Gegenteil von Durcheinander, Erwartungsbruch und Wizzardness ist dagegen das selbstbetitelte Solodebüt von Gary Olsen, der als Kopf und Trompeter des Indiepop-Ensembels The Ladybug Transistor seit 25 Jahren auch nicht gerade fürs musikalische Chaos bekannt ist. Und ohne Band im Rücken, wirkt sein Wirken kein bisschen weniger strukturiert. Trotzdem erschafft Gary Olson hier etwas, das es vielleicht so nur am Standort New York gibt: Avantgarde, die schwer nach Mainstream klingt oder umgekehrt.

Oder wie er es ausdrückt: “Mach die Augen zu und spüre, wie die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen hindurch fallen. Dann öffne allmählich die Augen und stelle fest, dass du deine Haltestelle verpasst hast. Fang nochmal von vorne an.” Genau das drängt sich auf: der bisweilen geigenumflorte Feel-Well-Gitarren-Pop lümmelt so schimmernd schön unter Olsons sanftem Ostküstengesang herum, dass die Trompeten dazu weiter im Kopf herumspuken, ohne zu stören. Das ist nicht die Quintessenz anspruchsvoller Musik, manchmal aber etwas, wofür sie noch ein Eckchen im Gemüt freihält.

Gary Olson – Gary Olson (Tapete Records)

Flying Lotus

Never trust a Plattencover. Das neue von Stephan Ellison aka. Flying Lotus wirkt zum Beispiel, als wäre in einen Topf voller Walgesänge gefallen und hätte sie mit Offbeats zu jamaikanischen Dancehall verdickt. Völlig falscher Eindruck! Auf Flamagra Instrumentals, einer Art Selbstreduktion aufs Wesentliche seiner Arbeit, hat der HipHop-Elektroniker aus L.A. sein fast gleichnamiges Album von 2019 um alle Vocals erleichtert und daraus ein flächiges Klangerlebnis gemacht, das wie ein Brückenkopf zwischen avantgardistischem Pop und experimentellem House wirkt.

Flamagra Instrumentals

Ohne den Rap und Gesang des Originals verliert die Instrumentalversion zwar gehörig an deklamatorischer Wucht; dafür wird das Vokabular der insgesamt 27 Stücke so intensiv aufs Grundgerüst seiner klanglichen Vielfalt zurückgeworfen, dass Flamagra Instrumentals fast wie ein Glossar elektronischer Sounds erscheint. Sie eröffnen mal aufgewühlt wie der Opener Heroes die Clubnacht, bitten mal ausgelaugt wie Post Requisite im Anschluss zum Ausgang oder verfüllen die Zeit dazwischen mit der Ruhe vor dem Sturm wie das darauffolgende More. Partymusik zum Chillen, auch mal schön.

Flying Lotus – Flamagra Instrumentals (beats international)