Harry Wijnvoord: Heiße Preise & neue Ideen

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Der Greis ist heiß

Nach 25 Jahren ist Der Preis ist heiß ohne Walter Freiwald, aber mit Harry Wijnvoord (Foto: RTL) zu RTL zurückgekehrt und damit eins Mix aus Nostalgie und Unterhaltung, wie das lebende Fernsehfossil im freitagsmedien-Interview sagt. Am 8. Juni läuft die zweite von vorerst drei Ausgaben, die erste ist abrufbar bei RTL+.

Von Jan Freitag

Herr Wijnvoord, wollen wir mal eben die aktuellen Preise der deutschen Konsumlandschaft durchgehen?

Harry Wijnvoord: Die ändern sich ja gerade ständig, aber schießen Sie los!

Was kostet ein Liter Biomilch bei Aldi?

Ein Euro und neun Cent.

Das haben Sie doch geraten!

Natürlich. So wie es meine Kandidatinnen und Kandidaten bei Der Preis ist heiß ja auch meistens tun.

Der Showmaster muss also gar nicht alles können, was er seinen Kandidatinnen und Kandidaten abverlangt?

Informiert sollte man schon sein. Deshalb schaue ich mir vor der Sendung die Preise alle mal an – schon, um vor der Kamera nicht ständig überrascht zu wirken. Ob ich die dann abrufen kann, ist eine andere Frage. Aber wer weiß denn aus dem Kopf, was Neuwagen oder Nudeln kosten. Deshalb lohnt es sich heute wie vor 25 Jahren, regelmäßig einkaufen zu gehen, um bei mir zu großen Preisen vorzustoßen.

Was ändert sich denn im Vergleich zu Ihrer letzten Sendung 1997?

Mein Sprecher, weil der wunderbare Walter Freiwald ja zwischenzeitlich leider gestorben ist. Aber Thorsten Schorn macht das auf seine Weise genauso gut. Und auch mit ihm war es dasselbe tolle Gefühl, hinter dieser Tür zu stehen, von der Assistentin das Mikro zu kriegen und aufs Publikum zuzulaufen. Dass ist heute wie damals Adrenalin pur für mich.

Zumal Ihre Assistentinnen noch die gleichen sind.

Auf meinen Wunsch hin. Wenn wir so eine Reise zurück in die Zukunft machen, dann doch mit allen, die damals dabei waren und es heute noch sein wollen. Damit möchte ich auch zeigen, dass Frauen mit 50 telegen sind und längst nicht zum alten Eisen zählen. Die Jahre sind an denen schließlich genauso spurlos vorübergegangen wie an mir (lacht).

Spaß beiseite: welche Spuren haben 25 Jahre an und in Ihnen hinterlassen?

Ich bin ruhiger geworden.

Noch ruhiger?!

Weil ich ein glücklicher Mensch war und bin, habe ich stets in mir geruht. Aber äußerlich war ich ruhiger als innerlich, das hat sich mittlerweile angeglichen. Bevor ich zum ersten Mal wieder am Set war, dachte ich schon kurz, mein Gott Harry, was machst du jetzt im Studio statt im Liegestuhl. Und nach drei Tagen vor der Kamera war ich natürlich todmüde, aber ich habe mich jünger gefühlt. Wobei ich nach dem Ende 1997 ja nicht die Füße hochgelegt habe.

Sondern?

Nachdem ich vergeblich darauf gewartet habe, dass mir jemand die Seniorenkuppelshow „Der Greis ist heiß“ anbietet, habe ich die Kochsendung Der Reis ist heiß gemacht und Teleshopping. Ich war zu Gast in Quiz- oder Talkshows, als Mann der Touristik acht Jahre lang Reiseexperte bei Sonnenklar.TV, habe Aufklärungskampagnen für Diabetes gemacht. Selbst während der Pandemie war ich immer gut beschäftigt.

Am besten beschäftigt waren Sie aber in 1873 Folgen Der Preis ist heiß, die seinerzeit Ausdruck einer sorgenfreieren Zeit waren. Wie passt die Sendung da in die Gegenwart unablässiger Krisen?

Es ist eine Mischung aus Nostalgie und Unterhaltung, damals wie heute. Die Sendung wurde ja auch nicht wegen ihrer Erfolglosigkeit eingestellt; wir hatten bis zuletzt 40 Prozent Marktanteil. Es lag am neuen Senderchef, der Akzente nach seiner Fasson setzen wollte. Da spielten Gameshows eine kleinere Rolle. Aber was man an den Formaten von damals hatte, sieht man heute ja im Programm aller Kanäle.

Wo von TV total bis Geh aufs Ganze vieles zurückkehrt. Träumt sich das Publikum damit in bessere Zeiten zu träumen?

Das folgt zuerst dem Bedürfnis, sich einfach gut unterhalten zu lassen. Aber es stimmt schon: gerade in dieser schwierigen Zeit ist es wichtig, dass die Leute nach der „Tagesschau“ zwei Stunden komplett vom Weltgeschehen abschalten. Das Prinzip lautet da Brot und Spiele.

Lassen Sie sich als Konsument lieber leicht oder schwer unterhalten?

Natürlich sehe ich bei aller Liebe zur leichten Unterhaltung auch harte Nachrichten oder Dokumentationen. Wobei sich auch mein Fernsehverhalten geändert hat. Ich bin mittlerweile mein eigener Programmchef und schaue, was mein Streaming-Dienst anbietet, wann ich es will – auch, weil mich das lineare Fernsehen immer weniger vor die Mattscheibe gelockt hat.

Locken Sie Revivals wie Wetten, dass…? denn zurück ins Regelprogramm?

Schon, denn gerade das empfinde ich als revolutionär. Die Erkenntnis nämlich, das Fernsehen nicht ständig neu erfinden zu müssen, sondern auf alte Stärken zu setzen.

Haben Sie dennoch neue Ideen?

Ja.

Aber Sie sprechen nicht drüber?

Richtig (lacht). Es geht Richtung Schlager, was wir wegen eines Corona-Falles im Team aber um zehn Tage verschieben mussten, sonst wäre ich heute schon am Set gewesen. Schließlich bin ich als früherer Radiomoderator schlageraffin und habe grad selbst einen gemacht. Wobei ich den Begriff „Schlager“ für das meiste, was heute so genannt wird, falsch finde. Im Prinzip ist das Popmusik. Das nenne ich mal schlechtes Marketing.

Also machen Sie eine Popsendung?

Das auch wieder nicht. Wir müssen mit dem Label jetzt leben, das ist okay.

Der Preis ist heiß ist dagegen keine Rateshow, sondern eine Dauerwerbesendung.

Und das ärgert mich damals wie heute gleich. Von 27 Nationen, in denen die Sendung läuft – seit neuestem auch Uruguay, wo ich als Berater tätig bin –, ist Deutschland die einzige, in der diese Warnung im Bildschirmeck steht. Das nenne ich Beamtenmentalität, die den Leuten das Denken abnimmt. Als würden es nicht alle merken, wenn wirklich Werbung läuft.

Meinen Sie wirklich?

Mein Gott, wenn jede Sendung mit sichtbaren Markenprodukten Dauerwerbesendung hieße, gäbe es doch keine anderen mehr…

Zur Person

Harry Wijnvoord, geboren 1949 in Den Haag, macht Lehren als Kürschner und Steuerberater, kommt allerdings zu RTL, als dort jemand sein Talent als Reisebegleiter auf Kreuzfahrtschiffen erkennt. Mit 40 moderiert er 1. Folge „Der Preis ist heiß“, acht Jahre später die 1872. und letzte. Seither verwaltet Wijnvoord sein Erbe mit Kochsendungen, Cameo-Auftritten, Reiseformaten und einem Besuch im Dschungelcamp 2004. Der 72-Jährige lebt mit seiner zweiten Frau im Münsterland.


Neue Colts & All Together Now

Die Gebrauchtwoche

TV

16. – 22.  Mai

Retrowelle neues Fernsehen? Universal plant ein Remake von The Fall Guy mit Ryan Gosling als australischer Colt für alle Fälle. Im November moderiert Thomas Gottschalk zum zweiten Mal seit dem endgültigen Abschied Wetten, dass…? im Zweiten. Und dann stand zum 3. Geburtstag des legendären Ibiza-Videos vom 17. Mai 2019 der untote Heinz-Christian Strache im Mittelpunkt einer bizarre Drehortreise von Puls 24. Wobei die arrogante Selbstentlarvung des schwer korruptionsverdächtigen Österreichverkäufers in Herr Strache fährt nach Ibiza – Zurück zum Ende wirklich sehenswert ist.

Zurück auf der langen Liste deutscher Nachkriegsjournalisten mit NS-Vergangenheit ist derweil auch Henri Nannen, von dem das NDR-Rechercheteam Strg_F Flugblätter mit menschenverachtendem Inhalt sämtlicher braunen Farbtöne ausgegraben hat. Nachdem die Wirtschaftswundergesellschaft bis in die Wirtschaftskrisen der Achtzigerjahre seltsam nachsichtig im Umgang mit den geläuterten SS-Propagandisten war, dürften Nannen-Schule und Nannen-Preis nun wohl endgültig umbenannt werden.

Kein allzu schöner Tag also für den Hamburger G+J Verlag, dessen Reputation seit der Übernahme durch RTL ohnehin so tief gesunken war wie die Auflage des Sterns. Das allerdings hat dieses knallbunt angegraute Leitmedium der alten Bundesrepublik mit Netflix gemeinsam, wo nach den miesen Abo-Zahlen vom April nun auch noch 150 Mitarbeiter*innen gehen – und zwar ausgerechnet, als der absurdeste Rechtstreit unserer Tage den Regenbogenblätterwald füllt: Johnny Depp vs. Amber Heard.

Wer hier wem mehr Gewalt angetan hat, wissen am Ende nur die entzweiten Eheleute. Aber wie beide sich mit psychoaktiver Gewalt in aller Öffentlichkeit selbst- und gegenseitig demontieren, ist ein Paradebeispiel der entfesselten Aufmerksamkeitsgesellschaft im Zeitalter asozialer Medien. Wie gut, dass es immer wieder mal Themen schaffen, dennoch unterm Radar zu bleiben.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

23. – 29. Mai

Das neue Sat1-Casting All Together Now zum Beispiel, mit dem der ziemlich egale Sender das tausendfach totgerittene Prinzip Gesangswettbewerb ab Freitag sechs Teile lang aus der Fernsehgruft zerrt, allerdings mit einer Jury aus 100 Personen, die – wie gewohnt ein geklautes Konzept vom internationalen Markt – mitsingen, falls ihnen das Liedchen gefällt. Wenn das Reservoir der Selbstachtung auf null ist: maximiere einfach die Parameter und warte ab, was passiert.

Wie gut, dass Sat1 mit den Relegationsspielen zur 1. und 2. Fußballbundesliga heute und morgen zwei kleine Quotengaranten voller Traditionsvereine im Hauptabendprogramm hat – da merkt man den Totalausfall vom gewaltigen Rest nicht so sehr. Wobei dem enteilten Konkurrenten RTL abseits der heutigen Jubiläumssendung zum 18. Geburtstag von Bauer sucht Frau auch nicht allzu viel neues einfällt.

ZDFneo dagegen holt die fabelhafte Diversity-Serie Becoming Charlie morgen um 20.15 Uhr am Stück aus der eigenen Mediathek ins lineare Programm, während die ARD das 70. Thronjubiläum der ewigen Queen am Donnerstag in einer sechsteiligen Doku komplett online feiert. Parallel dazu startet bei Magenta der ebenfalls sechsteilige Krimithriller Missing Kid nach Büchern von Irvine Welsh, in denen mal wieder nach verlorenen Kindern gesucht wird.

Mysteriös wird es dagegen tags darauf bei der mehrfach verschobenen Sky-Serie The Rising, die allerdings mehr noch als Staffel 4 vom nostalgisch-schaurigen Netflix-Blockbuster Stranger Things im Schatten des wuchtigsten Neustarts dieser Woche steht: Obi Wan Kenobi, das ungefähr 473. Spin-Off aus dem Star-Wars-Kosmos, über das man leider noch nichts sagen kann, weil Disney+ die Serie bis zur Premiere wie ein Staatsgeheimnis unter Verschluss hält.

Wer Fernsehtipps lieber hört als liest, kriegt einige davon aber auch beim geschwisterlich verbundenen Podcast Och eine noch auf die Ohren – genauer: Diskussionswürdiges zu Becoming Charly, Tokyo Vice und Die Schlange von Essex.


Erdmöbel, Alex Izenberg, Drens

Erdmöbel

Männliche Boomer unterliegen einer Reihe von Vorurteilen, und nicht alle sind fair. Sie, so heißt es unter Spätgeborenen, seien selbstgefällig, selbstreferenziell, selbstgenügsam und noch so einiges mehr mit “selbst” davor. Wenn vier Fünfziger- bis Sechzigerjahrgänge mit dem morbiden Bandnamen “Erdmöbel” seit 1993 gemeinsam musizieren, müsste das Kreisen ums Ego also eigentlich toxische Form annehmen und irgendwie eklig werden. Wird es aber nicht. Im Gegenteil.

Auf ihrer 13. Platte Guten Morgen, Ragazzi reisen die vier Kölner selbstbewusst, aber bescheiden durch den nostalgischen Klangkosmos. Wenn Markus Berges mit Atari-Kopfstimme Nichts ist nur irgendwas singt und verschlafene Bläser dazu durch den Offbeat einer kleinen Popsinfonie schwirren, die sich nicht mal für ölige Gitarrensoli zu schade ist, lugt die Zukunft durchs Geschichtsbewusstsein. Keines der zehn Stücke klingt da nach kohortenypischer Angst vorm Privilegienverlust, sondern im Gegenteil: neugierig, aufgeschlossen, auf retrospektive Art futuristisch.

Erdmöbel – Guten Morgen, Ragazzi (jippie! industrie)

Alex Izenberg

Schwer zu sagen, welcher Jahrgangskohorte Alex Izenberg. entspringt. Angesichts seines Karrierestarts vor sechs Jahren aber dürfte es eine viel jüngere sein. Das ist bei der Bewertung seiner dritten Platte wichtig – scheint sie doch einer betagten, fast schon greisen Seele zu entspringen, gramgebeugt und kampfgeschunden. I’m Not Here heißt sie und wühlt mit melancholischer Sam-Genders-Stimme so genüsslich im Fundus tradierter Klänge wie Erdmöbel.

Das kann allerdings nur oberflächlich darüber hinwegtäuschen, wie viele Wunden sich der Solo-Künstler aus L.A. mithilfe seiner fröhlichen Melange leckt. Textlich die pure Schmerztherapie, ist der Zehnteiler musikalisch von fast schon orchestraler Verspieltheit. Midwest-Country spielt da hinein, Westcoast-Pop, Eastcoast-Cool, ein bisschen Southern Soul – Izenberg begibt sich auf eine tour d’america, die gleichsam Spaß und nachdenklich macht.

Alex Izenberg – I’m Not Here (Domino)

Drens

Und damit, als Abschluss zum Abklingen, etwas komplett anderes, das Melancholie, Schmerz und Drama kaum ferner sein könnte: Drens, vier Dortmunder, die sich der Bandlegende nach an einem der Ruhrpott-Büdchen versammelt haben, um den beginnenden Blues einer perspektivlosen Großstadtjugend in Grund und Boden zu stampfen. Surfpunk aus der Asphaltwüste – klappt auf dem Debütalbum Holy Demon schon mal ganz gut.

Mit hoch gepitchtem Fuzz-Geschrammel im Flanell der frühen Neunziger machen die weißen Ghettokids keine Kompromisse. Eins-zwei-drei-four to the floor. Viel Tempo, volle Möhre. Was Holy Demon originell macht, ist da ein komischer Wave-Groove im Garagensound, leicht verpeilte Bass-Läufe, ein paar Cramps-Avancen an dystopische Abseiten des Punkrock, Choräle ohne Parolengepöbel. Aufgerauter Gitarrenopop für Saufästheten.

Drens – Holy Demon (Glitterhouse)


Hebestreit: Scholz-Sprecher & Krisenerklärer

Steffen Hebestreit for DJV Journalist

There’s no glory in prevention

Normalerweise kriegen neue Regierungen eine Schonfrist, 100 Tage zumeist. Die von Olaf Scholz jedoch steckt vom Start weg im Krisenmodus, den sein Regierungssprecher Steffen Hebestreit (49, Foto: Marzena Skubatz) erklären muss. Als Chef des Bundespresseamts steht der frühere Journalist vor der Frage: Wie kann man in Kriegszeiten transparent und glaubwürdig kommunizieren? freitagsmedien dokumentiert das journalist-Interview vom Monatsanfang in voller Länge.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Hebestreit, normalerweise wird neuen Regierungen und damit auch ihren Kommunikationsabteilungen eine Schonfrist von 100 Tagen eingeräumt, in denen beide ein wenig unter Welpenschutz stehen. Wie lang war Ihre Schonfrist – 100 Minuten?

Steffen Hebestreit: Wenn überhaupt… Aber diese 100 Tage sind schon immer mehr ein hehrer Wunsch gewesen als die Wirklichkeit, seit Franklin D. Roosevelt bei seinem Amtsantritt gesagt hatte: Give me a hundred days. Ich habe jedenfalls nach 28 Tagen den ersten Leitartikel gelesen, der sagte, eigentlich habe eine Regierung ja 100 Tage Schonzeit, aber schon jetzt müsse man sagen: alles Mist.

Also 27 Tage Schonfrist?

Wieso sollte es überhaupt eine Schonzeit geben, das habe ich nie verstanden. Eine neue Regierung, ein neuer Kanzler, neue Politik, das ist doch wahnsinnig spannend. Ich kann schon verstehen, dass Journalisten und Opposition das vom ersten Tag an kritisch begleiten wollen.

Zumal in einer hochtourigen Zeit, in der sich Menschheitskrisen nicht bloß abwechseln, sondern überlappen.

Mir hat gut gefallen, dass es zwischen alter und neuer Regierung einen so reibungslosen und vertrauensvollen Übergang gegeben hat. Hier an dem Tisch, an dem wir gerade sitzen, saß ich seinerzeit mit Steffen Seibert und wir haben uns ausgiebig darüber ausgetauscht, was auf mich als Regierungssprecher zukommen wird. Das war bei früheren Regierungswechseln nicht üblich. Da Olaf Scholz als Vizekanzler der scheidenden Regierung schon angehörte, mag es leichter gewesen sein, uns frühzeitig einzubinden. Bei den Bund-Länder-Runden zur Pandemie waren wir ohnehin immer zugeschaltet. Ab Mitte November saßen Scholz und ich dann im Kanzleramt mit in diesen Runden. Die neue Bundesregierung wurde am 8. Dezember vereidigt, einen Tag später leitete der neue Kanzler dann erstmals diese Runde.

Ansonsten werden Regierungssprecher – das -innen kann man sich mangels Frauen seit 1949 leicht sparen – hier im Bundespresseamt also nicht förmlich eingearbeitet?

Nein, das ist eigentlich nirgends üblich. Normalerweise gibt es eine kurze Tasse Kaffee, ein paar freundliche Worte und Hinweise, hier wäre dann die Toilette, dort das Vorzimmer. Fertig. Ich habe mich sehr gefreut, dass mein Vorgänger sich da mehr Zeit genommen hat. Dadurch, dass wir uns schon gut kannten seit meiner Zeit als Korrespondent und wir in der letzten Regierung ja auch einiges miteinander zu tun hatten, war das sehr kollegial, offen und vertrauensvoll.

Was war denn üblich?

Nun, als ich seinerzeit am allerersten Tag mit dem frisch vereidigten Bundesminister der Finanzen ins Ministerium ankam, wurde mir ein freies Zimmer zugeteilt. Jemand, den ich nicht kannte, legte mir kurze Zeit später einen Stapel Akten auf den Tisch. Ich fragte: „Was mache ich damit?“ Er: „Verfügen!“ Ich: „An wen?“ Er: „Ans Haus“. Das war’s.

Immerhin wussten Sie, was „verfügen“ heißt

Immerhin. Beim Wechsel ins Bundespresseamt war das einfacher, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Als früherer Korrespondent, Ex-Vorstand der BPK, Leiter der Hamburger Landesvertretung und zuletzt als Sprecher des Finanzministeriums hatte ich auch immer wieder mit dem Bundespresseamt zu tun.

Wenn Sie Ihren Start als Hauptstadtjournalist mit dem jetzigen als deren Informationsversorger vergleichen – wären Sie lieber damals, als Regierungen noch Krisen bewältigt haben, Sprecher geworden, oder ist heute, wo Krisen Regierungen überwältigen, besser?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Natürlich ist die gegenwärtige Situation mit dem schrecklichen Krieg in der Ukraine eine außergewöhnliche Herausforderung, die uns alle sehr besorgt. Aber auch früher mangelte es nicht an Megathemen: 2008 die Finanzkrise, 2011 Fukushima, 2015 Flüchtlingssituation, seit 2020 die Pandemie…

Zwischendurch Klimawandel in beschleunigter Dauerschleife…

…wie gesagt, jede Regierung hat ihre Herausforderungen.

Das Besondere an den genannten Megathemen ist allerdings, dass sie sich einst nacheinander ereignet haben, während sie sich heute parallel auftürmen und nicht mehr den Eindruck erwecken, noch beherrschbar zu sein. Drohen Regierungssprecher da bei aller Spannung nicht eher an Krisen zu scheitern, deren Lösbarkeit sie eigentlich vermitteln sollen?

Ich bin nicht sicher, ob die damals Beteiligten das Gefühl hatten, alles ginge schön geordnet nacheinander vonstatten. Die Aufgabe des Regierungssprechers ist es, das Handeln der Regierung zu erklären und zu vermitteln, was sie tut. Natürlich stellt der erste Angriffskrieg in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine Zäsur da. Ich bin aber überzeugt, dass die Bundesregierung in dieser schweren Krise das Richtige tut und richtig handelt.

Das sollten Sie auch, als deren Sprecher.

Unsere Aufgabe ist es zu erklären, wie die Regierung handelt und welche Politik sie verfolgt.

Gabe es in den vier Monaten Momente, wo das aus Ihrer Sicht mal geklappt hat?

Natürlich, immer wieder. In der Corona-Pandemie waren wir vor Weihnachten in einer sehr heiklen Phase, die Delta-Welle war noch nicht abgeebbt und Omikron tauchte auf. Es gab Rufe nach einem abermaligen Lockdown, die Sorge davor, dass unser Gesundheitssystem zusammenbrechen könnte und die kritische Infrastruktur. Die neue Bundesregierung hat daraufhin strikte Maßnahmen erlassen wie Maskenpflicht, 3G, 2G, aber keinen Lockdown verfügt – und gleichzeitig eine Impfkampagne aufgesetzt. Innerhalb von sechs Wochen haben sich 30 Millionen Bürgerinnen und Bürger ein drittes Mal impfen lassen, das hatte uns vorher niemand zugetraut. Das war ein wichtiger Schritt, damit wir einigermaßen durch diesen Winter gekommen sind. Aber: There’s no glory in prevention! Solche Erfolge sind kurzlebig. Die Pandemie ist nirgends in der Welt wirklich überwunden. Umso wichtiger ist es, das Erreichte ins Verhältnis zum Möglichen zu setzen.

Wie sieht ihre Bilanz mit Blick auf den Krieg in der Ukraine aus? Die Bundesregierung steht gerade unter gehörigem Druck…

Einmal vorweg: Dieser Krieg ist furchtbar und das Leid ist unermesslich – für uns alle ist das doch alles kaum zu ertragen. Emotional verstehe ich daher den Wunsch, es möge den einen Knopf geben, den man nur schnell drücken müsse, und der Horror wäre vorüber. Anfangs schien es, man müsse nur Nordstream 2 aufgeben, und alles werde gut. Nächster Knopf: Sanktionen gegen Moskau erlassen. Dritter Knopf: Russland vom internationalen Zahlungsverkehr abkoppeln. Als nächstes: Auch Deutschland müsse Waffen liefern. Dann: Immer stärkere und tiefgreifende Sanktionen. Und jetzt also die Frage nach der Lieferung schwerer Waffen. All diese Schritte ist Deutschland nach gründlicher Abwägung, in enger Abstimmung mit unseren internationalen Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks gegangen – und doch konnte und kann es einigen nicht schnell genug gehen.

Bislang sehr offensichtlich nicht nur ein politisches, sondern kommunikatives Desaster!

Nein. Im Krieg gibt es keine einfachen Lösungen – und wer einfache Lösungen verspricht, wird seiner Verantwortung nicht gerecht. Und wie gesagt: Abschaltknöpfe gibt es nicht…

Klingt die Knopf-Metapher nicht ein bisschen fatalistisch nach dem Sprecher einer Regierung, deren Schritte grundsätzlich ein Stück zu kurz sind für die Realität?

Falsch. Nach dem Sprecher einer Regierung, die ihre Entscheidungen wohl abwägt und von klaren Prinzipien leiten lässt: Erstens: Deutschland will der Ukraine so gut es irgend geht im Kampf gegen den Aggressor Putin helfen. Zweitens: Die Nato und Deutschland wollen eine direkte Konfrontation mit der Atommacht Russland vermeiden, die in eine unvorstellbare Katastrophe weit über die Ukraine hinausführen würde. Und drittens prescht Deutschland nirgends voran, sondern bewegt sich immer in enger Abstimmung mit unseren Verbündeten. Im Bewusstsein, dass sich die Lage ständig verändert und wir auch darauf reagieren müssen. Deshalb können nicht alle Forderungen, die an Deutschland gerichtet werden, sofort erfüllt werden. Das sind oft schwierige Abwägungsentscheidungen, aber so funktioniert verantwortungsvolle Politik.

Ist die Kritik an der aktuellen Politik also vor allem ein kommunikatives Problem der akzeptanzfördernden Vermittlung dieser Sachentscheidungen?

Im Augenblick dominieren die Stimmen in der Öffentlichkeit, die mit Blick auf den furchtbaren Krieg ein Vorpreschen Deutschlands verlangen. Die Bundesregierung folgt der oben beschriebenen abwägenden Linie in enger Absprache mit unseren Verbündeten. Und der Bundeskanzler ist ein sehr erfahrener Politiker, der öffentlichen Druck gewohnt ist und sich nicht kirre machen lässt. Dafür ist er gewählt worden. Als Regierungssprecher ist es meine Aufgabe, diese Position deutlich zu machen und zu erklären, auch wenn manche eine andere Politik wollen.

Aber macht das den Regierungssprecher nicht zum Regierungskrisensprecher?

Tja, das gehört zur Stellenbeschreibung. Fragen Sie mal meine Vorgänger, wie oft sie das Gefühl hatten, Zuspruch fürs Handeln ihrer Regierungen zu kriegen. Alles eine Frage der Erwartungshaltung. Nur wer nichts tut, macht auch nichts falsch – und selbst das kann ein Fehler sein. Wenn ich von journalistischer Seite Lob bekäme, würde ich vermutlich einiges falsch machen. Was aber nicht heißt, dass ich meine Arbeit dann am besten mache, wenn es viel Kritik gibt.

Olaf Scholz hat in Bezug auf den russischen Angriffskrieg den Begriff der politischen Zeitenwende verwendet. Gibt es auch eine Zeitenwende der politischen Kommunikation, die damit einhergeht?

Die politische Zeitenwende muss kommunikativ begleitet werden. Allerdings befinden wir uns, wie Sie es anfangs ausgedrückt haben, vom ersten Tag an im Krisenbewältigungsmodus, insofern gibt es dafür kein vorgefertigtes Kommunikationskonzept. Mit meinen Stellvertretern habe ich aber vereinbart, dass wir noch transparenter, erklärender und umfassender kommunizieren wollen.

Von welcher Seite aus gesehen?

Regierungsseitig wollen wir nicht nur senden. Deshalb geht der Bundeskanzler anders als seine Vorgängerin häufiger in Formate wie heute-journal, Bericht aus Berlin, RTL-aktuell oder in Talkshows wie Illner und Anne Will, um sich befragen und hinterfragen zu lassen. Das gilt mindestens so stark für Regierungsmitglieder wie Robert Habeck, Christian Lindner, Annalena Baerbock oder Nancy Faeser – alle erläutern öffentlich, wofür diese Regierung steht.

Gibt es eine Art Handwerkskasten, der Ihnen zur Hand gegeben wurde, um Stresssituation zu meistern?

Schön wär’s, aber da hat wohl jeder und jede eigene Strategien.

Werden bewegte Zeiten grundlegend anders kommuniziert als ruhigere?

(überlegt lange) Da hat jede Sprecherin, jeder Sprecher vermutlich individuelle Herangehensweisen, aber ich versuche zusammen mit den beiden stellvertretenden Regierungssprechern in der Bundespressekonferenz…

Wo Sie nur zu Gast sind.

…dort versuchen wir jede Frage, ob über ruhigere oder bewegendere Themen, mit der angemessenen Klarheit zu beantworten. Das mag nicht immer gelingen, aber wir streben es an. Manchmal geht es auch gar nicht darum, nichts sagen zu wollen, sondern nichts sagen zu können. Ich sage manchmal ketzerisch: Der Bundeskanzler folgt mitunter dem Ricola-Prinzip der Kommunikation.

Sie meinen das Schweizer Kräuterbonbon?

Genau. Deren Slogan lautete: „Wer hat’s erfunden? Die Schweizer.“ Während viele Politiker oft und gerne vollmundig ankündigen, was sie vorhaben, bereitet Scholz erst abseits der Öffentlichkeit seine Entscheidungen gründlich vor und verweist im Anschluss öffentlich auf das, was geschafft worden ist.

Aber wird ihm nicht genau das gerade massiv zum Nachteil ausgelegt?

Das mag vorkommen, aber insgesamt ist er mit diesem Prinzip in den letzten Jahren doch recht erfolgreich gewesen – unlängst hat er eine Bundestagswahl gewonnen. Aber natürlich ist das kein Rezept für jede Lebenslage. Manchmal ist es nötig, konkrete Zielvorgaben zu verkünden, damit die nötige politische Dynamik entsteht. Im vorigen November kündigte Scholz an, bis Ende Dezember 30 Millionen Impfungen durchgeführt haben zu wollen. Daran gab es viel Kritik, weil es angeblich nicht zu schaffen wäre. Noch vor Heiligabend allerdings war das Ziel erfüllt. Ein toller Erfolg. Daraufhin hat der Kanzler die Parole ausgegeben, die nächsten 30 Millionen bis Ende Januar erreichen zu wollen – was bekanntlich nicht ganz hingehauen hat.

Und das Bundespresseamt in Schockstarre versetzt?

Ach nein, dafür sind die meisten der 500 Frauen und Männer hier im Haus zu erfahren und bleiben selbst dann gelassen, wenn der neue Regierungssprecher mal etwas frei von der Leber weg redet. Jetzt aber die Preisfrage: Hätte der Kanzler das Ziel lieber nicht formulieren sollen, weil es die Gefahr gab, dass es nicht erreicht wird? Oder müssen Führungskräfte ab und an Zielmarken setzen – und sei es nur, um sich ihnen anzunähern? Der Bundeskanzler neigt relativ selten dazu, da fällt es umso mehr auf, wenn er es doch mal tut.

Genau deshalb wird ihm vorgeworfen, er eiert rum.

(nickt)

Bleibt im Ungefähren.

(nickt)

Liefert also nicht jene Führung, die er im Wahlkampf versprochen hatte.

Na ja…

Ist das ein Problem von Olaf Scholz oder seinem Kommunikationsteam?

Grundsätzlich ist immer die Kommunikation schuld (lacht). Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Anspruch, wie politische Kommunikation angeblich zu funktionieren habe, selten dem Praxistest standhält. Jedenfalls wenn ich mich im Land umblicke oder in den Vorgänger-Regierungen. Jeder und jede hat einen eigenen Stil und bleibt diesem Stil einigermaßen treu. Die wenigsten folgen den vielen klugen Ratschlägen, die sie Tag für Tag in den Zeitungen lesen. Alles andere würden die Bürgerinnen und Bürger auch als unauthentisch empfinden. 

Was bedeutet das für die aktuelle Debatte über den Ukraine-Krieg?

Trotz aller Emotionen muss die Regierung einen kühlen Kopf bewahren und stets das große Ganze im Blick behalten. Alle, wirklich alle wollen diesen Krieg schnellstmöglich beendet sehen.

Aber?

Unsere Möglichkeiten, das aus eigener Kraft zu bewirken, sind begrenzt. Da wären wir wieder beim ersehnten Knopf, den es nicht gibt. Beispiel: Ein sofortiger Energie-Boykott, um Putin in die Knie zu zwingen. Man könne doch einen warmen Pulli anziehen und die Heizung herunterdrehen oder das Auto öfter stehenlassen, wird argumentiert. Dass es dabei um ganze Industriezweige geht mit Abertausenden von Arbeitsplätzen, die von einem solchen Boykott massiv betroffen wären, gilt oft als lästiges Detail. So etwas muss verantwortungsvolles Regierungshandeln aber berücksichtigen. Das ist, wie der Wirtschaftsminister sagt, reine Physik. Ein Chemiepark, der 30 Prozent weniger Gas zur Verfügung hat, produziert nicht 70 Prozent, sondern null.

Ein gern gewähltes Beispiel: die Glasherstellung.

Wenn da der Kessel einmal auskühlt, können Sie ihn wegschmeißen. Und wenn der Spiegel, die Zeit oder auch Ihr journalist innerhalb weniger Wochen nicht mehr erscheinen kann wegen Papiermangels, ist womöglich ganz Schluss, weil Sie nichts mehr verdienen. All dies gilt es zu bedenken und Entscheidungen zu treffen, die durchzuhalten sind.

Und Ihr Job als Regierungssprecher ist es also, sich dabei schützend vor den Kanzler zu stellen und die Kommunikation so zu gestalten, dass von solchen Entscheidungen nichts an seinem Amt hängenbleibt?

Nein, mein Job ist es, in Gesprächen, Interviews und Pressekonferenzen die Politik und die Komplexität zu erläutern. Transparenz herzustellen! Die zweite Hauptaufgabe besteht darin, zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung innerhalb der Berliner Politblase zu moderieren, in der es häufig ein bisschen aufgeregter zugeht als außerhalb. Ich habe in meinem Politologie-Studium ausgiebig qualitative und quantitative Sozialforschung betrieben. Es kommt schon darauf an, wie ich eine Frage formuliere: Wenn ich frage, ob Deutschland die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen sollte, um weitere russische Kriegsverbrechen zu verhindern, werden 90 Prozent zustimmen. Wenn ich frage, ob man für die Lieferung schwerer Waffen einen Dritten Weltkrieg riskieren sollte, sieht das ganz anders aus…

Womit was bewiesen wäre?

Dass es nicht nur um Meinungsbilder geht, sondern auch um Machbarkeiten. Erfahrene Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker bringen ein gutes Gefühl dafür mit, beides zu berücksichtigen. Meine Aufgabe ist es, diese Zusammenhänge darzustellen.

Wir befinden uns allerdings nicht nur im Krieg Russlands gegen die Ukraine, sondern auch im Krieg rechter Populisten gegen Demokratie und Pressefreiheit oder im Krieg der Menschheit gegen den eigenen Planeten – sind Kriege nicht Zeiten der Geheimhaltung, nicht der Transparenz?

Gerade in diesen Tagen sollten wir den Begriff Krieg nicht zu inflationär verwenden. Aber den beschriebenen Spagat müssen wir in der Tat aushalten. Es braucht Geheimhaltung, insbesondere im Bereich von militärischer Sicherheit. Andererseits ist das Informationsbedürfnis verständlicherweise riesig – und es wird gerne unterstellt, dass Fakten aus niederträchtigen Motiven verheimlicht würden, am Ende also, dass die Wahrheit bewusst verheimlicht werden solle.

Wobei Sie nicht dafür da sind, Wahrheiten zu kommunizieren, sondern Regierungshandeln.

Ein demokratisch legitimiertes Handeln auf Grundlage des Grundgesetzes. Aber für jeden Regierungssprecher, jede Regierungssprecherin gilt: Du darfst nicht lügen.

Aber ungeliebte Wahrheiten wie jene, dass der Klimawandel nur aufzuhalten ist, wenn wir unseren Wohlstand zumindest materiell massiv einschränken, müssen Sie verschweigen?

Das ist, glaube ich, auch eine Frage des sprachlichen Geschmacks, der im Blick behalten muss, dass die einen Tacheles hören wollen, während andere irgendwann komplett abblocken, wenn die Aussichten fortwährend als katastrophal dargestellt werden. Der Wirtschaftsminister spricht von „Zumutungen“, der Bundeskanzler formuliert lösungsorientierter, dass er dafür sorgen möchte, dass wir mit der Situation „gut zurechtkommen“.

Christian Lindners Sprachgeschmack wiederum ginge in Richtung „dornige Chancen“. Was ist denn ihrer als Sprecher?

Mein Geschmack spielt da keine große Rolle. Wenn man wie ich seit 2015 für den gleichen Chef tätig ist, nähern sich die Geschmäcker sowieso ein bisschen an. Manchmal ertappe ich mich dabei, privat Dinge zu sagen, die von ihm stammen könnten; ich weiß nicht, ob es ihm umgekehrt auch mal so geht. Wenn ich ständig etwas anderes denken würde als der, für den ich arbeite, sollte ich mir einen anderen Job suchen. Kennen Sie The WestWing?

Eine Politserie der späten Neunzigerjahre, die vor allem im Weißen Haus spielt?

Genau. Meine Lieblingsfigur ist US-Präsident Josiah Bartlet. An einer Stelle überlegt sein Team, wie der Präsident medial zu platzieren sei. Ob er nicht so sein müsse oder dies anders tun solle. Und dabei fällt ein für mich entscheidender Satz der politischen Kommunikation: „Let Bartlet be Bartlet.“ Man kann und soll Menschen in politischer Verantwortung kommunikativ nicht neu erfinden, sondern abbilden – davon bin ich fest überzeugt.

Geht es um Authentizität oder Glaubwürdigkeit, wenn Sie Scholz Scholz sein lassen?

Beides – wenn eins von beiden fehlt, spüren die Bürgerinnen und Bürger das sehr genau. Deshalb wägt er seine Worte und Taten so genau. Wenn man versuchen würde, aus dem Kanzler kommunikativ einen Barack Obama zu machen, ginge das definitiv nach hinten los.

Sind Sie trotz Ihrer Aufgabe, sich schützend und erklärend vor die  Bundesregierung zu stellen, auch jener Bote, der wie einst in der Antike stellvertretend für die Botschaften gegrillt wird?

Wer würde in diesem Szenario jetzt wen bestrafen?

Die Öffentlichkeit den Überbringer schlechter oder unerwünschter Informationen, also Sie.

Diese Frage kommt in meinem Fall vielleicht etwas früh. Außerhalb der engeren Berliner Szene hat bislang doch kaum jemand eine Wahrnehmung von mir. Das war bei meinem Vorgänger vielleicht etwas anders, weil er als ZDF-Moderator schon vor Amtsantritt sehr bekannt war. Wenn Sie jetzt eine Umfrage machen, wer Uwe-Carsten Heye, Béla Anda oder Ulrich Wilhelm waren…

Drei Ihrer Vorgänger.

… wüssten das vermutlich die wenigsten. Regierungssprecher sind nicht gewählte Repräsentanten, sondern das Sprachrohr ihrer Chefinnen und Chefs.

Kriegen Sie im Zeitalter der kommunikativen Verrohung trotzdem Teile der digitalen Shitstorms ab, die der der Regierung gelten?

Ein bisschen was. Ich nehme das, was auf Plattformen wie Twitter so abläuft, aber auch nicht allzu ernst.

Darüber hinaus haben Sie als Chef des Bundespresseamtes auch eine Schutzfunktion für ihre 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie sorgen Sie dort für kommunikative Hygiene?

Ich setze mich für einen offenen Kommunikationsstil im Haus ein. Das Potenzial der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist groß und Probleme gilt es offen anzusprechen. Ich denke auch, dass ich recht zugänglich bin. Und wie gesagt: Die meisten Kolleginnen und Kollegen hier sind lange dabei, krisenerprobt und können einiges ab. Die Kanzlermappe, also den täglichen Pressespiegel über die Regierungspolitik, kann ich an manchen Tagen nur den Hartgesotteneren empfehlen (lacht); da wird uns ja nur im Ausnahmefall mal die eigene Grandiosität bescheinigt. Ansonsten heißt es gerade bei Leuten, die hauptberuflich kommunizieren: kommuniziert auch untereinander.

Und wie ist es, wenn Hatespeech und anderes Geschwurbel nicht anonym im Internet auf Sie und Ihre Leute einprasselt, sondern in Gestalt des Querdenker-Journalisten Boris Reitschuster Auge in Auge bei der Bundespressekonferenz?

Das ist Ihre Einordnung. Grundsätzlich bin ich mir darüber bewusst, dass es manchen weniger um Informationen geht als um ihr journalistisches Erlösmodell.

Gibt es noch andere Journalistinnen und Journalisten mit Erlösmodell statt Informationsbedarf?

Die Regierungs-PK empfinde ich meist als ziemlich sachorientiert. Es mag ein paar Orchideen-Themen geben, die einzelne mehr interessieren als den Rest. Die Frage nach einem generellen Tempolimit fällt regelmäßig, obwohl sich jeder und jede die Antwort im Grunde längst selber geben kann.

Nicht mit den Deutschen!

Natürlich ist es völlig legitim, die jeweiligen Vertreterinnen des Verkehrs- oder Wirtschaftsministeriums mit dieser Frage ein wenig zu zwiebeln, aber am Ende bleibt es doch mehr Unterhaltung- als Informationsbedürfnis. Das gilt es sportlich zu nehmen.

Wie sportlich sollte das publizistische Berlin da vermeintliche Kollegen wie Boris Reitschuster nehmen, dem es ersichtlich um Polemik statt Politik geht. Anders gefragt: Hätten Sie ihn als Vorstandsmitglied der BPK 2015 auch ausgeschlossen?

Als Regierungssprecher habe ich schon gelernt, auf hypothetische Fragen nicht zu antworten. Ich kenne auch die Details des Falles nicht. Die Berufsbezeichnung Journalist ist nicht geschützt in Deutschland, deshalb war die Abgrenzung für die BPK schon früher nicht immer einfach. Zu meiner Zeit lautete die Definition der Bundespressekonferenz, glaube ich, in etwa: Jeder, der in Berlin hauptberuflich für ein deutsches Medium schreibt und davon leben kann, kann Mitglied werden…

Gerade für Freelancer schwierig, in wirtschaftlich komplizierter Zeit…

Eben. Die Printkrise brachte es mit sich, dass gestandene Journalistinnen und Journalisten noch nebenbei einen Brot-und-Butter-Job annehmen mussten, um ihre Miete bezahlen zu können. Die BPK ist eine wirklich spannende und weltweit einmalige Einrichtung, die es seit 1949 gibt. Damals fragten sich die Bonner Korrespondenten, wie sie am besten an Informationen gelangen können. Und was macht der Deutsche, wenn er nicht weiter weiß?

Er gründet einen Verein?

Und in diesem Fall einen, für den die Bonner Hauptstadtjournalisten anfangs noch alle paar Wochen Ministeriumsvertreter eingeladen haben, später bürgerten sich die Regierungspressekonferenzen dreimal die Woche ein. Und der Clou ist, dass die Journalistinnen und Journalisten die Moderation übernehmen und die Fragen aufrufen – damit ist sichergestellt, dass jeder und jede Fragen stellen kann. Auf Regierungsseite erfordert das einen erheblichen Aufwand, weil natürlich alle Ressorts und die Regierungssprecher sich auf mögliche Themen vorbereiten müssen. Das bedeutet an drei Tagen der Woche manchmal mehrere Stunden intensiver Vorbereitung für die jeweiligen Ressorts – ohne dass sie wissen, ob sie am Ende überhaupt was gefragt werden.

Arbeiten im Bundespresseamt eigentlich überwiegend frühere Kollegen wie Sie oder was ist das gängige Berufsprofil?

Nein, es gibt bei uns die verschiedensten Berufsprofile. Da ist schließlich auch reichlich Quellenstudium dabei, klassische Verwaltungsaufgaben, viel Organisation, Medienbetreuung, Reisevorbereitung, all sowas. Dass mit mir, Christiane Hoffmann und Wolfgang Büchner…

Letztere zwei vom Spiegel übrigens.

… drei Journalisten an der Spitze stehen, heißt nicht, dass es im Bundespresseamt nur so von früheren Journalistinnen und Journalisten wimmelt.

Qualifiziert unser Beruf denn grundlegend dazu, für andere zu sprechen?

Es hilft jedenfalls ungemein, wenn man weiß, was die journalistische Seite braucht.

Oder vielleicht besser nicht wissen wollte…

Als Regierungssprecher fühle ich mich aufgrund meiner verschiedenen früheren Tätigkeiten jedenfalls gut gewappnet. Neben dem journalistischen Handwerk sind die Kenntnisse von Verwaltungsabläufen und Regierungsmechanismen sehr hilfreich für mich – wie gesagt, es geht darum, Politik zu erklären.

Ist Ihnen der Weg zurück in den Journalismus als Pressesprecher verschlossen?

Ob ich mir das persönlich vorstellen könnte, weiß ich jetzt gar nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Branche schwer zu vermitteln wäre. Als ich den Journalismus vor acht Jahren in Richtung Kommunikation verlassen habe, sagte ich selbstironisch: Ich wechsle von der hellen auf die dunkle Seite der Macht. So ist das Gefühl.

Nur Ihres?

Ganz allgemein in der Branche, denke ich. Anfangs wurde ich öfter gefragt, wie man sein Berufsethos so verraten könne. Ich sehe es anders: Wenn man seine Aufgabe gut macht, leistet man auf beiden Seiten einen wichtigen Beitrag für unser Gemeinwesen. Im Übrigen wäre ich heute, mit den Erfahrungen und Kenntnissen, die ich als Sprecher gesammelt habe, ein besserer Journalist als früher. Jemand wie Steffen Seibert wäre doch, mit etwas Abstand zur Regierungszeit Merkel, ein Gewinn für jede Talkshow, weil er Erfahrungen von beiden Seiten beisteuern könnte. Trotzdem ist das bei uns schwer vorstellbar – insofern: Es gibt wohl keinen Weg zurück.

Und was machen Sie da, wenn die Ampelkoalition irgendwann mal abgewählt wird?

Urlaub.


Aktienkurse & Townhallmeetings

TV

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Mai

Schwer zu sagen, was in der vergangenen Woche mediensoziokulturellpolitisch betrachtet deprimierender war. Dass sich der ehemals und irgendwie ja immer noch ein bisschen liebenswerte Sinnfluencer Fynn Kliemann mit jedem seiner schalen Entschuldigungsversuche mehr demontiert? Dass es schon als echtes Highlight diktaturresilienter Pressefreiheit gelten muss, wenn russische Hacker für fünf Minuten regimekritische Headlines in Putins Propagandaportale schmuggeln? Dass Elon Musk Donald Trump bei Twitter zu rehabilitieren plant, da dessen Verbannung „unmoralisch“ gewesen sein soll?

Jedes Ranking wäre da eines zerplatzter Träume von der Erde als lebenswerter Ort für alle. Immerhin: wenn die Verzögerung der Übernahme von Musks asozialem Spielzeug nicht nur ein (einigermaßen erfolgreiches) Manöver zur Aktienkursmanipulation war, wird die Erde vorerst wenigstens nicht schlagartig schlechter. Was aber könnte uns auf dem Weg zum Besseren Hoffnung machen? Der ESC am Wochenende jedenfalls nicht. Menschen, die Herzfingergestik beeindruckt, dürfte Samstag ab 21 Uhr zwar ziemlich warm ums echte Herz geworden sein.

Wer Eskapismus skeptischer sieht, kam bis eins aus dem Kotzen kaum raus, so wohlfeil und warenförmig waren die Bekenntnisse zu Diversität, Ukraine, Toleranz, Ukraine, Frieden, Ukraine, Vielfalt und Ukraine. Kann es noch schlimmer werden? Es kann! Auf Sat1 zum Beispiel, wo mittwochs ein Club der guten Laune das Gegenteil verbreitet und somit belegt, wie wenig Selbstachtung dem bedeutsamen Sender von einst noch geblieben ist.

Dann doch lieber Superhelden- oder SciFi-Spin-Offs bei Disney+ gucken, das die Zahl seiner Abos nach nur drei Jahren am Markt um ein sattes Drittel auf 137 Millionen gesteigert hat und dem Marktführer Netflix damit dicht auf den Fersen ist. Schon Ende 2023 könnte der Platzhirsch den Frischling überholen.

 

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Die Frischwoche

16. – 22. Mai

Dort läuft diese Woche – tja, bestimmt irgendwas, wovon uns das Portal vorab nicht in Kenntnis setzen wollte, weil egal. Widmen wir uns also den anderen. RTL zum Beispiel, das heute einen kugeligen kleinen Coup in Gestalt des Bundeskanzlers an Land gezogen hat. Um 22.15 Uhr steht er einem Townhall-Meeting um Pina Atalay Rede und Antwort über schwere Waffen, verlorene Wahlen und vielleicht sogar nebenbei um dieses andere Thema, wie hieß es noch gleich? Ach ja: Klimawandel.

Darum geht es am Donnerstag in der Arte-Mediathek nur dem Titel nach, tatsächlich aber handelt Wild Republic acht Teile lang von einer erlebnispädagogischen Maßnahme, die mit großem Getöse in den Alpen misslingt, was für deutsche Verhältnisse ganz gelungen ist. Schon heute startet bei Sky die Romantic-Mystery-Serie The Time Travellers Wife mit Rose Leslie, die ihrem Lover (Theo James) durch Zeit und Raum hinterherreisen muss, während die Biocom Beth und das Leben ab Mittwoch bei Disney+ in der fiktionalen Realität der ziemlich lustigen Stand-up-Komikerin Amy Schumer spielt.

Ab Freitag schickt der Sky-Achtteiler Night Sky Sissy Spacek in einer Art intergalaktischen Abstellkammer durchs Weltall, wo sie verrückte Sachen erlebt, die man durchaus gesehen haben sollte. Ob das auch für die parallel startende, spanisch-amerikanische Coming-of-Age-Serie 20 Years aka Now and Then gilt, können wir hier nur anhand der streamenden Plattform beurteilen. Weil sie Apple TV+ heißt, dürfte es sich aber lohnen. Und dann wäre da noch, als Sahnehäubchen der Woche, Becoming Charlie.

Ab Freitag begleitet die Instant-Drama-Serie Lea Drinda in der ZDF-Mediathek (Neo: 24. Mai) dabei, ihr Geschlecht zu variieren. Und nicht zuletzt wegen der leicht zu unterschätzenden Schauspielerin (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) hält das Diversity-Format in aller sechsteiligen Kürze ein paar angenehme Überraschungen bereit.


OK Kid: F4F & Drei

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Es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg

OK Kid machen seit ihrem Debüt vor neun Jahren alles Mögliche: HipHop, Indierock, Powerpop. Auf der fünften Platte Drei haben die drei Kölner aus Gießen das gefunden, was fehlte: den roten Faden. Worin der besteht, ob OK Kid eigentlich Musiker oder Aktivisten sind und wie man in Zeiten der Dauerkrise optimistisch bleibt, erzählen Sänger Jonas Schubert und Keyboarder Moritz Rech im Interview

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Ihr habt vor diesem Interview live auf der Fridays for Future-Demo hier in Hamburg gespielt. War das der Grund, herzukommen?

Jonas Schubert: Genau, wir haben selber gestern Abend in Köln das erste Mal selbst vor 150 Leuten in unserer Stammkneipe das fertige Album durchgehört. Das war toll, aber auch ein bisschen ungewohnt, vor so vielen Leuten. Aber vorhin waren das nochmals viel mehr.

Moritz Rech: Wir haben schon öfter auf Demos wie diesen gespielt, weil es einfach geil ist, wenn Menschen für ihre Ideale auf die Straße gehen. Andererseits verbinden wir den Auftritt jetzt auch damit, über unser Album und die Tour zu sprechen, denn das haben wir seit 2019 schon nicht mehr gemacht.

Seid ihr auf einer Bühne wie der von Fridays for Future Aktivisten oder Musiker?

Jonas: In erster Linie sind und bleiben wir Musiker, deren Musik künstlerisch und ästhetisch im Vordergrund steht. Es gibt Bands, die findet man wegen der Haltung geil, aber die Musik scheiße. Und es gibt Bands wie The Smiths, deren Musik geil ist, die man aber nicht mehr hören kann, weil Morrissey mittlerweile ein nationalistischer Vollspacken ist. Wir probieren beides nicht zu sein, sondern gute Musik zu machen und damit auszudrücken, was uns bewegt.

Moritz: Weil das aber nun mal oft sehr politisch ist, drückt die Musik auch unsere Haltungen aus.

Jonas: Und in dem Sinne sind wir dann schon auch Aktivisten.

Und als was nimmt euch das Publikum denn eher wahr?

Moritz: Das hat eine Wendung genommen. Je mehr wir uns über gesellschaftliche Entwicklungen klar äußern, desto aktivistischer empfindet es vermutlich auch das Publikum. Am Anfang waren wir sogar explizit unpolitisch.

Jonas: Was auch damit zu tun hat, wie wir nach der Wende so aufgewachsen sind. Unsere Jugend war von Wohlstand und Privilegien geprägt, nicht von Politik oder Krisen wie heute. In dieser peacigen Zeit haben wir uns vor allem um uns selbst gedreht. Klar waren man gegen Nazis und auch mal auf Demos. Aber ich war nicht mal wählen! Und auf einmal: Klimakatastrophe, Rechtsruck, Wir-sind-das-Volk-Gegröle, Pandemie…

Moritz: Jetzt auch noch Krieg.

Jonas: Von daher haben nicht wir uns verändert, die Welt hat uns verändert.

Glaubt ihr denn im Umkehrschluss, die Welt mit eurer Musik und Haltung wieder zurückverändern zu können?

Moritz: Schön wär’s…

Jonas: Erstmal verändern wir uns mit der Welt, damit man sich nicht so sinnlos und ohnmächtig vorkommt. Denn so wichtig Bilder und Messages großer Demos wie der von vorhin sind: es geht dabei immer auch ein bisschen um einen selber, dieses Gefühl, Gleichgesinnte zu haben und zu treffen. Das ist beim Musikmachen generell gar nicht anders.

Moritz: Wenn ich von mir auf andere schließe, bewegt Musik unglaublich viel. Sie führt Menschen zusammen, kann auch heilsame Wirkung haben und sorgt dafür, sich mit seiner Sicht auf die Welt weniger allein zu fühlen. Trotzdem ist nach einem Konzert grundsätzlich selbst dann nichts besser, geschweige denn gut, wenn wie bei Fridays for Future schon mal 200.000 Leute da sind.

Moralisch legt ihr die Messlatte dabei – wie auf eurer neuen Platte – von Klimawandel über Konsumkritik bis toxische Männlichkeit mittlerweile extrem hoch. Kommt ihr da auch privat drüber?

Jonas: Drei ist in erster Linie eine Befindlichkeitsplatte, die in der Corona-Zeit sehr ich-bezogen, also aus persönlicher Perspektive heraus entstanden ist. Die Aussagen sind dadurch einerseits von der aktuellen Politik, aber auch von einer Art Weltschmerz geprägt, wie man es überhaupt hinkriegt, aus dem Bett zu kommen. Von daher war dieses Album mehr als jedes zuvor ein Stück Selbsttherapie, um mit der Situation klarzukommen.

Moritz: Und gerade deshalb darf man die Haltungen darauf nicht mit erhobenen Zeigefingern verwechseln. So sehr wir versuchen, uns und damit Dinge zu ändern: wir sind Teil der Krise, also Teil des Problems.

Sind die Texte demnach allesamt autobiografisch?

Jonas: Die Geschichten sind nicht immer autobiografisch, die Emotionen dahinter schon. Und alles hängt auch immer noch davon ab, wie ich sie nach welchem Reimschema singe. Handwerk, Lyrik, Rhythmus, Duktus – alles nimmt Einfluss auf die Geschichten.

Eine gute Punchline ist also manchmal wichtiger als der passende Inhalt?

Jonas: Ich liebe Punchlines und schreibe immer noch wie ein Rapper, obwohl wir Pop machen.

Ist eine Story vom Polizisten Dennis in Hausboot am See zum Beispiel real?

Jonas: Den gibt es wirklich. Die Geschichte ist aber so persönlich, dass ich Namen geändert und eigentlich auch nicht darüber reden möchte. Es gab das Hausboot, es gab den Junggesellenabschied und danach keinen Kontakt mehr.

Wie authentisch sind Zeilen wie „ich bin Halbtagsmisanthrop und Quartalstrinker“?

Jonas: Auch da ist was Wahres dran. Ich liebe Menschen und finde sie gleichsam so bescheuert, dass diese Punchline nicht nur reinmusste, weil ich sie mochte. Wobei sich das Misanthropische eher auf Männer als Menschen bezieht. Klimakrise ist männlich, Kriege sind männlich, Kapitalismus ist männlich. Da hilft als Mann manchmal nur Quartalstrinken.

Sowohl Halbtagsmisanthrop als auch Quartalstrinker klingt so ein bisschen verzagt und larmoyant. Ist Drei ein optimistisches oder pessimistisches Album?

Jonas: Weder noch. Wenn ich singe, es ist kein Weltschmerz, sondern Weltkrieg, habe ich damit schon vor einem Jahr keinen Gemütszustand beschrieben, sondern die Realität. Die Platte ist komplett frei von Selbstmitleid, denn es ist total nachvollziehbar, sich schlecht zu fühlen. Weil mir die Filter für schlechte Nachrichten fehlen, war ich in all den Krisen zuletzt wie gelähmt, habe mich aber trotzdem aufgerafft.

Moritz: Geht mir genauso, ich finde einfach keine Lösungen in mir und schiebe die Realität beiseite. Wie soll man das sonst alles ertragen.

Jonas: Da wären wir wieder bei der Frage, was Musik verändern kann. Denn zumindest zeigt sie den Leuten, die sie hören, dass Leute da draußen genauso denken. Daraus kann, besonders auf Konzerten, was Positives entstehen.

Zumal ihr die tragischen Texte an bedingungslos gutgelaunten Sound, manchmal sogar mit Schulterpolster-Saxofon und Eurodance, koppelt.

Moritz: Es gibt schon Stücke, in denen Text und Musik eins zu eins übereinander passen. Bei einigen lassen wir es aber tatsächlich bewusst eskalieren.

Jonas: Deshalb haben wir nicht nur das erste Saxofon-Solo auf einer Platte von OK Kid, sondern auch das erste Gitarrensolo. Dafür hätten wir uns vor fünf Jahren noch geschämt.

Moritz: Wobei wir schon immer einiges zugelassen haben, aber auf der Suche nach einem roten Faden waren. Den haben wir diesmal gefunden: Keine Schranken mehr, Begrenzung nur durchs Equipment, alles rein!

Das Interview lief zuvor bei Musikblog.de

Pressefreiheit & Sozialkritik light

TV

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Mai

Der Tag der Pressefreiheit müsste eigentlich längst in Tag der Pressefreiheitsdefizite umbenannt werden. Als er sich den 3. Mai mit Tagen des Waldkindergartens, der Teppichfalte oder einem National Paranormal Day in Amerika teilen musste, ging es dem Gedenkgrund schließlich schlecht wie selten seit Franz-Josef Strauß. Deutschland rutschte im Ranking pressefreier Nationen vom 13. auf den 16. Platz ab, was bedenklich ist. Wenngleich nicht halb so sehr wie der Absturz Österreichs von Position 17 auf 31.

Anders als hierzulande, wo die Presse vor allem von privatwirtschaftlicher und rechtspopulistischer Seite – oft buchstäblich – angegriffen wird, stand die journalistische Berichterstattung dortzulande unter exekutivem Beschuss korrupter Bundeskanzler (Sebastian Kurz) korrupter Parteien (Sebastian Kurz) korrupter Regierungen (Sebastian Kurz). Doch weil der Hauptdarsteller dieses durch und durch korrupten Systems (Sebastian Kurz) am 3. Mai längst seine Anschlusskarriere als ultraliberaler Rechtspopulist von Trumps Gnaden plante, machten sich seine Brüder im Geiste daran, die Pressefreiheit weiter auszuhöhlen.

Allen voran Stephan Mayer. Dienstag wurde publik, dass der CSU-Generalsekretär einem Reporter wegen seiner Gossip-Story die Vernichtung angedroht hatte und der Bunte gleich mit. Ob die überhaupt Presse im journalistischen Sinn ist, könnte man mal diskutieren. Aber dass Mayer seinen Rücktritt mit gesundheitlich begründete, was Parteichef Söder zur „menschlichen Tragödie“ verkleinerte, ist für unsere Demokratie sogar noch gefährlicher als der umgekehrte Weg des baden-württembergischen Innenministers.

Donnerstag wurde bekannt, dass Thomas Strobl Interna eines laufenden Gerichtsverfahrens wegen sexueller Nötigung gegen den Landespolizei-Inspekteur durchgestochen hatte. Richtig skandalös wurde dieser Rechtsbruch allerdings erst, weil ihn Strobl zur Transparenzoffensive erhob, obwohl er nur ein Medium einbezogen hatte. Und damit zu Fynn Kliemann. Am 3. Mai hat der Kuschel-Anarchist Fragen von Jan Böhmermann zur Maskenaffäre, die Freitag im ZDF Magazin Royal publik wurde, nicht der Redaktion, sondern bei Youtube beantwortet. Philanthropie Light, gewissermaßen.

0-Frischwoche

Die Frischwoche

9. – 15. Mai

Sozialkritik light liefert dagegen die ZDF-Serie Wendehammer. Ab Donnerstag erzählt das alltagsfeministische Dream-Team Alexandra Maxeiner (Buch), Ester Amrami (Regie) und Diana Hook (Produktion) sechs Teile auf originelle Art massenkompatibel von vier Bewohnerinnen (Meike Droste, Susan Hoecke, Friederike Linke, Elmira Rafizadeh) einer suburbanen Spießersiedlung, denen ein langzurückliegender Mord das Spießersiedlungsleben versaut.

Auf salonreaktionäre Art geschichtsrevisionistisch startet Sky tags drauf den nächsten Waschgang deutscher Kollektivschuldnegation. Schlimmer noch als die 2. Staffel steigt Nr. 3 am Samstag auf so AfD-kompatible Weise auf Das Boot, dass man sich die Weltkriegsarie spontan ersparen möchte – und wohl auch sollte. Gibt ja auch andere, bessere, politisch weniger bedenkliche Sachen zu streamen in der kommenden Woche. Claire Danes (Homeland) als Londoner Witwe im viktorianischen England zum Beispiel die auf ihrer romanverfilmten Suche nach der Schlange von Essex ab Freitag den nicht minder mysteriösen Vikar Will (Tom Hiddleston) findet.

Zeitgleich im Angebot von Apple+: Die musikalisch modernisierte Aschenputtel-Version Sneakerella. Auf Netflix startet derweil The Lincoln Lawyer worüber man mangels Respekt des – zum Glück schlingernden – Marktführers vor der journalistischen Berichterstattung mal wieder nix sagen kann (und will). Der amerikanisch-japanische Neo-Noir-Achtteiler Tokyo Vice um einen US-Journalisten im Kampf gegen die Yakuza dagegen, den Starzplay ab Sonntag von HBO Max importiert, wurde nach der Ausstrahlung in den USA zu Recht schwer gelobt. Und am Abend zuvor war auch irgendwas. Ach ja – der ESC im Ersten…


Sebastian Koch: Your Honor & Euer Ehren

koch

Spielberg ist ein extrem freundlicher Mann

Spätestens seit seinem oscargekrönten Welterfolg Das Leben der Anderen ist Sebastian Koch (Foto: Andreas H. Bitesnich) einer der international profiliertesten deutschen Schauspieler. Warum, zeigt er in der ARD-Serie Euer Ehren (abrufbar in der Mediathek). Sein Richter auf Abwegen ist zwar ein Remake vom Remake, aber brillant verkörpert.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Koch, haben Sie vor den Dreharbeiten zu Euer Ehren die amerikanische Version dieser israelischen Serie mit Bryan Cranston gesehen?

Sebastian Koch: Ich hab‘ mich nicht getraut – aus Angst, dass es mich irgendwie besetzt und beschränkt. Aber jetzt, wo ich unsere Serie am Stück gesehen habe und sehr begeistert bin, kann ich das ja nachholen.

Cranston meint über den Michael Desiato, der wie Ihr Michael Jacobi zur Rettung seines straffälligen Sohns unablässig Recht bricht, wer wie er mit Anfang 60 Richter spielt, könnte sich bereits auf dem Weg ins Alterswerk befinden. Sie sind jetzt Ende 50…

Der Titel „Euer Ehren“ klingt natürlich mehr noch als Your Honor ein bisschen sakral, aber ich empfinde den Versuch, seine demokratischen Werte und Einstellungen aktiv umzusetzen als so dynamisch, dass er überhaupt kein alter Sack ist. Deswegen bewerte ich ihn auch nicht nach Alterskriterien.

Nach welchen dann?

Seinem Anspruch an sich selber. Bislang lief bei ihm alles nach Plan, seine Karriere entsprach unserer Wunschvorstellung vom Richter als Idealist, der für die Gerechtigkeit alles sehr genau bewertet. Trotzdem reicht am Ende eine Lüge, um seine Fähigkeiten in einem Abwärtsstrudel so zu überfordern, dass er seine Werte nach und nach aufgibt und aufhört, ein Richter zu sein.

Haben Sie selber schon mal vor einem Richter gesessen?

Vor einer Richterin. In einem Verkehrsdelikt.

Welches Bild von dieser Institution hat sich Ihnen dabei eingeprägt?

Ein beklemmendes. Das liegt im Umstand eines gewissen Freiheitsentzuges, aber auch an der Berufskleidung, die einem Pfarrer nicht unähnlich ist. Wobei Jacobi die Rechtsprechung wirklich als Rechtsprechung auffasst, in seiner Haltung fast schon links ist und deshalb auch dieses einschüchternde, emotionslose Juristendeutsch vermeidet. Ich selbst bin mit Anwälten befreundet, bei denen der Paragrafenwald auf distanzierte Art bis in die Alltagssprache wächst. Bisweilen sehr befremdlich. Jacobi ist da anders, wird von den Ereignissen am Ende aber genauso vor sich hergetrieben, wie alle anderen.

Wie würden Sie als Vater von zwei Kindern denn reagieren, wenn die Rettung eines der beiden nur auf der schiefen Bahn möglich scheint?

Das ist mir zu hypothetisch, deshalb habe ich den Gedanken auch gar nicht zugelassen für die Rolle. Jacobs Reaktion folgt keinem Plan, sondern ist rein intuitiv. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie in eine Kugel springen, die auf ihr Kind abgeschossen wird?

Ich würde es mir jedenfalls sehr wünschen.

Gut gelöst, Herr Freitag. Michael Jacobi ist gesprungen, aus dem Bauch heraus, aber mit allen Konsequenzen. Genau das macht den Stoff so spannend und aussagekräftig, was grad unsere Gesellschaft betrifft, die durch Krisen wie den Rechtsruck so durcheinandergeschüttelt wird, dass sich die Kategorien richtig und falsch zusehends auflösen. Die Serie hebt deshalb nie den Zeigefinger, das gefällt mir sehr. Auch, weil das deutsche Fernsehen Gut und Böse gerne klar voneinander abgrenzt. Wer wo steht, erfährt man oft schon durch die Musik. Deshalb mag ich Geschichten wie diese, die auch mir als Darsteller lieber Fragen stellen als Antworten zu geben und damit wirklich nahekommt, ohne moralisch zu werden.

Wenn man wie Sie öfter abgründige Figuren wie Albert Speer, Rudolf Höß oder Stauffenberg spielt – bergen Fragen ohne Antworten und Nähe ohne Moral da nicht die Gefahr der Verharmlosung?

Gute Frage. Denn gerade beim Speer war ich mit Heinrich Breloer nicht ganz d’accord, wie er diesen Täter zum Mitläufer gemacht hat, der sein Umfeld nur perfekt und mit ausgeklügeltem, hochintelligentem Kalkül belogen hat. Ich bin mir sicher, der hat sich geglaubt, das Richtige zu tun, war also im besten Sinne dieses deutschen Wortes in seiner Realität „ver-rückt“, also einer der Guten. Und gerade da fängt es ja an in unsere Nähe zu kommen. Das Monster können wir wegschieben, indem wir sagen, „das hat nichts mit uns zu tun“, den Menschen aber müssen wir aushalten und uns mit ihm beschäftigen. Sich in diesem Bereich zu bewegen, ist für mich nicht nur als Schauspieler enorm spannend.

Durch Formate wie Speer und Er ist auch der internationale Film auf Sie aufmerksam geworden. Wie war es, vom beengten deutschen auf den globalen Markt zu kommen?

Unabhängig von der Frage, ob das mit der deutschen Enge stimmt, war es auf jedenfalls etwas völlig anderes, international zu drehen – schon wegen der Sprache. Auf Französisch zum Beispiel ist meine Stimme ein bisschen höher, auf Englisch geht sie runter. Ich finde es großartig, in Fremdsprachen zu drehen; das Improvisieren fällt zwar schwerer, es öffnet aber neue Türen auf größere Märkte mit anderen, oft besseren Stoffen.

Wenn Sie zugleich ein deutsches und ein englisches Drehbuch von vergleichbarer Qualität auf den Tisch kriegen – für welches entscheiden Sie sich da?

Kommt auf die Menschen an. Als ich vor Euer Ehren David Nawrath traf, wusste ich sofort, in seiner liebevollen Atmosphäre möchte ich arbeiten. Es ist ein Geschenk, jemanden wie ihn zu finden, der in seinen Filmen nichts behauptet, sondern einfach zeigt, wie es ist. So was findet man auch bei Steven Spielberg, mit ihm Bridge of Spies zu machen, war ein Fest.

Aber auch ohne Fest: Spielberg spricht doch für sich, oder?

Eben nicht. Wenn Atmosphäre und Buch gut sind, ist der Name egal und wenn er es nicht ist, dann eben, weil Steven Spielberg so ein extrem freundlicher Mann ist. Ich urteile da eher nach meinem Bauchgefühl.

Das man sich aber auch erarbeitet haben muss?

Da ist ein bissl was dran, führt allerdings eher dazu, sich auch mal zur Ruhe kommen zu lassen und nicht alles anzunehmen. Es gefällt mir sehr, weniger zu drehen als vor fünf oder zehn Jahren und das, was ich mache, mehr zu genießen.

Kann ein Filmstar dennoch starstruck sein, wenn sich zum Beispiel die Möglichkeit bietet, mit Benedict Cumberbatch zu arbeiten?

Kann sein, hab‘ ich auch einmal gemacht, um mit Julianne Moore zu arbeiten, die ich unbedingt mal kennenlernen wollte. Der Film hieß Belcanto, und ganz ehrlich? Da gibt es Bessere. Aber mit Julianne Moore zu drehen, war toll, die ist echt ‘ne Wucht. Trotzdem, die Geschichte sollte doch im Mittelpunkt stehen und das erste Kriterium sein.

Gibt es jemanden, für den Sie alles stehen und liegen lassen würden?

Natürlich kann mir sowas immer wieder passieren (lacht). Guillermo del Toro zum Beispiel, der so spezielle Sachen wie Nightmare Alley oder Pan’s Labyrinth gemacht hat, Sean Baker mit „The Florida Project“, oder Paul Thomas Anderson, dessen Licorice Pizza Lust auf Filme macht, weil es darin um so wenig und zugleich um alles geht. Da kann die Geschichte auch mal den ein oder anderen Schwachpunkt haben.

Auch für Low- oder No Budget Filme junger, hungriger Regisseure, bei denen es außer Renommee womöglich nichts zu verdienen gäbe?

Es geht mir nicht in erster Linie um Gage, aber wenn ein Film am äußersten Gießkannenrand der deutschen Filmförderung liegt, nur im Feuilleton euphorisch besprochen wird und ihn außer 400 deutschen Akademiemitgliedern niemand sieht, würde ich mir doch überlegen, vielleicht abzusagen. Aus meiner Erfahrung findet aber ein wirklich kraftvolles Drehbuch seinen Weg und die damit verbundene Finanzierung und Aufmerksamkeit. Es gibt halt nicht so viele davon…


Bilds Becker & Warners Rapper

TV

Die Gebrauchtwoche

25. April – 1. Mai

Ach Boris – was warst du tröstlich, was warst du nervig, was hast du uns seit 1985 für Geschichten erzählt, von denen wir viele zwar gern überhört hätten, aber du warst immer da im Lichtkegel des Boulevards von Bild bis Bunte. Weltbewegend war da alles nie, aber auch nicht weiter störend. Jetzt aber, im Spätherbst deiner Karriere, hast du uns einen Moment nervig-tröstlicher Katharsis geschenkt: Nachdem Boris Becker am Freitag wegen Insolvenzverschleierung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden war, begannen selbst seriöse Hauptnachrichten mit diesem Londoner Richterinnenspruch.

Kein Krieg, kein Corona, weder Inflation noch Gaspreise, sondern ein gefallener Tennisstar als Top-News – das stellt sogar jene vom Blender der Vorwoche in den Schatten: Anders als kolportiert, wird Elon Musk Twitter nicht für 42 oder 43 Milliarden Dollar von der Börse nehmen; er lässt sich den Großangriff auf seine Midlifecrisis nun stolze 44.000.000.000 kosten und reiht sich damit in Gruppe Superreicher ein, die ihre Macht mit Medien aller Art zementieren.

Immer noch kein echtes Schnäppchen für den unprofitablen Messenger-Dienst. Aber für Elon I., dem Meinungs- und Pressefreiheit sogar noch ein bisschen unwichtiger sind als Klimaschutz oder Demokratie, ein billiges Vehikel, um die Agenda vom ultraliberalen Nachtwächternationalstaat mit aller, für alle Macht voranzutreiben. Völlig folgerichtig gab es dafür bislang nur von einer Seite Applaus: der rechtsradikalen, impfkritischen, realitätsverleugnenden, querdenkenden in aller weißer alter Herren Länder.

Einer Kohorte, der nicht nur der gleichstellungsgerechte Verein Pro Quote mit wachsendem Frauenanteil die Hölle heiß macht. Auch ein Geschlechtsgenosse wie Hans Janke steht, besser: stand auf der anderen, der besseren Seite. Als langjähriger Programmdirektor hatte sich der frühere Leiter des Adolf-Grimme-Instituts in den Neunzigern mit aller Kraft gegen die Verflachung des ZDF aufgelehnt und damit häufig Erfolg. Jetzt ist er mit 77 Jahren in Wiesbaden gestorben und wir merken: da wird einer fehlen.

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Die Frischwoche

2. – 8. Mai

Frisches, gutes, originelles, dennoch publikumswirksames Fernsehen sieht man schließlich mehr und mehr auf Videoportalen wie Warner TV Serie, das hierzulande über Sky empfänglich ist. Mit Almost Fly startet dort heute ein Sechsteiler, der im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgeschlossen ist – eine überdreht heitere und trotzdem reflektiert kluge Erzählung über die Anfänge des Deutschrap anno 1990. Nicht frei von Stereotypen, die Showrunner Florian Gaag 16 Jahre nach seiner autobiografischen Fiktion Wholetrain aber in ein schillernd schönes HipHop-Graffiti verwandelt.

Auch RTL schiebt seine Vorstadtweiber-Version Herzogpark um drei Schickeria-Gewächse (Lisa Maria Potthoff, Antje Traue), die gemeinsam mit einem Ex-Knasti (Heike Makatsch) gegen den Immobilienhai van der Brock (Heiner Lauterbach) zu Felde ziehen, tags drauf auf die Plattform mit + dahinter ab. Beim Hauptprogramm bleibt daher mehr Zeit für die Vergangenheit in Gestalt von Harry Wijnvoord, der am Mittwoch nach 25 Jahren Pause wieder zu Der Preis ist heiß bittet.

Für Nostalgiefans ein Muss, aber wer der Realität nicht entkommen möchte, dem sei parallel dazu die ZDFinfo-Serie Lüge und Wahrheit empfohlen, ein sechsteiliger Ritt durch die Macht der Information ergo Propaganda von Krieg über Religion und Medien bis hin zu Verschwörungsideologie. Und das Hauptprogramm? Bittet Andrea Kiewel in Die große Show der schrägen Fragen, von denen uns hier wirklich keine einzige interessiert auch nur annähernd so interessiert wie Marilyn Monroes Cold Case: Tod einer Ikone, am Donnerstag auf Arte.

Oder zum Wochenende in der Mediathek des Kulturkanals: State of Happiness, eine achtteilige Dramaserie um die norwegische Energie-Wirtschaft der späten Sechziger von Petter Næss und Pål Jackmann im Mad-Men-Stil. Letzter Online-Tipp: The Staircase, ein achtteiliger HBO-Thriller mit Colin Firth, tags zuvor bei Sky.


Rammstein, Blurry Future, St. Arnoud

Rammstein

Manche Dinge ändern sich einfach nie: in Zeiten eruptiver Zeitenwenden ist das im Grunde nicht die schlechteste Nachricht. Wenn Flakes dystopiedicke Keyboard durch wabernden Nebel brachialer Gitarren bricht und Till Lindemann dazu “Komm zu uns und reih dich ein / wir wollen zuhause traurig sein” aus seiner Lunge räuchert, hören sich Rammstein also an wie immer, irgendwie. Und wie immer, sagen wir’s ehrlich, ist zwar nicht sonderlich originell, aber irgendwie tröstlich.

Gut, ein bisschen melodramatischer sind die ewigen Pubertätsverlängerer der neuen deutschen Härte schon geworden, irgendwie wattierter als anno Herzeleid. Das Piano wird eher getupft als zerstört, der Gesang häufiger mal gehaucht statt geprügelt, die Poesie um etwas Sperma erleichtert und dafür noch morbider. Aber der Grundsound, dieser bretthafte, zu Geröllwüsten zerspante Pathos-Metal, den treiben uns die sechs Schmerzensmänner des Rock unter die Fußnägel wie 1994. Danke für die Haue.

Rammstein – Zeit (Universal)

Blurry Future

Ist es HipHop, ist es Postpunk, ist es Elektrotrash, ist es vielleicht sogar so etwas wie Darkwave-Trippop? Wenn alles drin steckt und wenig sichtbar bleibt, mag es für harmoniesüchtige Ohren verwirrend klingen, verstörend, haltlos. Alternative Klanggeschmäcker indes werden bei Bands wie Blurry Future hellhörig. Das Duo aus Hamburg kippt seine Soundbits und Krautflächen so zusammen, dass The B-52’s mit Hayiti im S/M-Keller von Prodigy catchen.

Und das ist selten eingängig, aber stets auf fiebrige Art mitreißend, wenn Songwriterin Charlotte Becher ihre blechernen Raps über Marlon Mausbachs Gitarrenbretter zischt. Manchmal wie Kae Tempest ohne Ideologie-Verwirrung, manchmal wie Chicks on Speed mit mehr Wumms – das selbstverliehene Farbspektrum dunkelbunt trifft dieses Stilgewitter zwischen Weltschmerz und Romantik ganz gut. Und macht Lust auf mehr.

Blurry Future – Alligator (popup-records)

St. Arnault

Aufmerksame Leser*innen dieser Kolumne haben womöglich gemerkt, dass Bläsersequenzen hier ziemlich gut ankommen, sofern sie nicht die Deutungshoheit übernehmen, sondern selbige brechen. Der kanadische Songwriter St. Arnaud hat folglich ein dickes Stein im Brett, wenn er sein neues Album Love and the Front Lawn regelmäßig mit dem Sound einer Trompete auflockert, die sich unter den Crooner-Folk mischt wie ein Schlagsahne in den Pudding.

Und nicht nur Trompeten. Gitarrenriffs der Siebziger schmiegen sich über Sixties-Keyboards und Neunziger-Drums hinweg an St. Arnauds melancholische Wird-schon-Poesie, die selbst tragische Themen von Furcht bis Krankheit in ein Manifest der Zuversicht verwandelt. Den Bläsern und seinem Bruder – dem Youtube-Animator GingerPale – sei Dank. Das klingt dann manchmal wie Neil Diamond auf Ecstasy, zeitloser Westcoast-Pop in den Straßen von San Franzisco. Nicht neu, aber schön.

St. Arnaud – Love and the Front Lawn (Fierce Panda)