Felix Dachsel: Print-Krise & Online-Chance

Wir müssen fesseln wollen

Vor gut einem Jahr wechselte Felix Dachsel (Foto: Christian O. Bruch) von der Zeit als Onlinechef zu Vice. Jetzt übernimmt der 32-Jährige die Führung der Medienmarke in Deutschland, Österreich, der Schweiz – und ist direkt mit der Krise des Mutterkonzerns konfrontiert: Sparrunden, Kündigungen. Ein Gespräch darüber, warum die Stimmung der Redaktion dennoch gut ist und wie man Medien für eine Zielgruppe macht, die über einen ausgeprägten „Bullshit-Detektor“ verfügt.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Felix Herr Dachsel, wie viel Popkultur verträgt harter Journalismus und umgekehrt?

Felix Dachsel: Ich glaube, wenn harter Journalismus Popkultur zu sehr ignoriert, ist er nicht seriös. Der sogenannte seriöse Journalismus sollte – um mal einen großen Medienmacher zu zitieren – abbilden, was ist. Da hat er momentan definitiv das Problem, dass er große Teile des gesellschaftlichen, besonders des jüngeren Lebens unterschlägt. Popkultur zählt hier unbedingt dazu.

Fühlt sich Vice trotz dieser durchlässigen Grenze denn wie in den Anfangstagen als Punk-Fanzine immer noch mehr zur vermeintlich leichteren Seite hingezogen?

Ich wehre mich gegen diese Einsortierung in leicht und schwer. Dieses traditionelle Denken führt am Ende nur dazu, unleserlich und langweilig zu werden. Hierzulande besteht immer noch die Tendenz, Umständlichkeit als Ausdruck von Intellektualität zu betrachten. Gegen dieses Missverständnis stemmt sich Vice.

Mit welchen Mitteln?

Indem wir weder kryptisches Schreiben noch intellektuellen Dünkel idealisieren, sondern radikal zugänglich sind. Journalismus hat aus meiner Sicht neben anderen Kernaufgaben auch die Aufgabe, gut zu unterhalten. Diese Pflicht liegt allem anderen zugrunde. Es darf unterhaltsame Texte geben, die nicht politisch sind, aber niemals politische Texte, die nicht unterhaltsam sind. Wir müssen fesseln wollen.

Im Zeitalter sinkender Aufmerksamkeitsspannen wird das allerdings nicht einfach.

Sollte aber das Ziel bleiben. Wir sind bei Nutzungsanalysen manchmal selbst überrascht, wie lange unsere Leserinnen und Leser an Texten bleiben – auch das ist ein Kriterium für Erfolg.

Empfindet sich ein vornehmlich digitales Medium wie Ihres da als Brückenmedium, das eher hastigen Onlinekonsum mit eher geruhsamen Printkonsum versöhnen könnte?

Das könnte man so formulieren. Uns ist dabei allerdings noch wichtiger, die Trennung zwischen dem alltäglichen und schreibenden Ich einzureißen.

Im Sinne von Adressaten und Sender?

In letzter Konsequenz auch das. Zunächst aber geht es darum, dass unsere Autorinnen und Autoren an der Tastatur kein Schreibsakko anziehen und sich von alltäglicher Sprache entfremden. Letztlich verschriftlichen wir Gedanken, die ungefähr so auch auf einer Party formuliert werden könnten. In so einer Live-Situation merkt man ja sehr schnell, ob man Menschen begeistert oder anödet, ob sie stehen bleiben oder sich umdrehen. Wir schreiben, wie wir sprechen – dieses journalistische Ethos hat jeder bei uns so verinnerlicht, dass klassische Kämpfe zwischen Info, Relevanz und Entertainment nicht stattfinden. Schon weil das Bewusstsein so ausgeprägt ist, für wen wir das Ganze machen.

Nämlich?

Für junge Menschen, deren Welt sich gerade radikal wandelt. Wenn ich mir die Friday-for-Future-Proteste ansehe, habe auch ich, innerhalb kurzer Zeit, eine Entwicklung von Irritation über Unverständnis bis hin zu stiller Bewunderung durchgemacht. Wir hätten uns als Jugendliche ja nicht fürs Klima auf die Straße gestellt. Wir haben uns einen Kasten gekauft und den ausgetrunken. Und dann haben wir dummes Zeug geredet. Wenn ich die deutsche Sprecherin Luisa Neubauer bei Anne Will sehe, bin ich extrem erstaunt.

Wie eloquent und zielstrebig sie ist?

Dazu informiert, souverän und diskussionssicher. Mit 23 Jahren. Das ist ein echter Rollentausch, denn bislang war die unaufgeregte Vernunft die Aufgabe der Älteren, während die Jugend das Privileg hatte, laut schreiend mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Für die traditionelle Radikalität und Unvernunft bei Vice ist dieser Rollentausch eine Herausforderung.

Ist das demnach tatsächlich ein organischer Reifungs- oder nicht doch eher ein pragmatischer Anpassungsprozess an die Bedürfnisse der Zielgruppe?

Das klingt mir zu berechnend. Dieser Prozess läuft bei uns sehr lebendig, alltäglich. Als ich letztes Jahr meinem Cousin, der Anfang 20 ist, erzählte, dass ich zu Vice wechsele, war der begeistert. Vice ist etwas, das in seiner Welt stattfindet. Das hat mir gezeigt: Wir machen keinen Journalismus für die Jugend der 90er, sondern für die von heute.

Es geht also nur um die Alterskohorte?

Es geht nicht nur um ein biologisches Alter. Es geht auch um eine jugendliche Haltung von Neugier, von Offenheit, von Angriffslust. Wir wollen niemanden ausschließen. Trotzdem ist das Gros unserer Leserinnen und Leser natürlich jung. Die Debatte um Rezo hat allerdings gezeigt, dass es nicht nur alte Überheblichkeit gegenüber der Jugend gibt, sondern auch jugendlichen Hochmut gegenüber Älteren. Nur ist das Ungestüme der Jugend halt immanent und auch wichtig und richtig so. Umso mehr müssen wir sie verstehen und ansprechen.

Wodurch genau? Ihr Geschäftsführer Benjamin Ruth hat gesagt: Die Generation Z könne man nicht mehr mit Sex and Drugs and Rock’n’Roll abholen.

Durch mehr politisches Verantwortungsgefühl, das sich in der Redaktion bereits heute stark findet. Mehr journalistische Sensibilität. Letztlich also eine Spur weniger Hedonismus bei mehr Bewusstsein.

Ist diese Versachlichung dennoch schon ein Relaunch?

Nein. Weil bei aller Vernunft auch weiter gefeiert und über die Stränge geschlagen wird. Vice bleibt Vice. Wir dürfen aber nicht den Fehler anderer machen und mit unseren Anhängern altern, um dann irgendwann zu verschwinden wie die großen Volksparteien.

Würde man in der heutigen Ausrichtung von Vice.com unter Felix Dachsel dennoch Unterschiede zu Ihrer Vorgängerin Laura Himmelreich erkennen?

Das kann man nur von außen bewerten. Mir ist es sehr wichtig, dass wir unsere Radikalität nicht verlieren.

Die Radikalität, dort hinzugehen, wo es wehtut?

Eher die Radikalität in der Streitlust und Renitenz. Vice ist und bleibt antiautoritär, aber nicht nur im Sinne von Staats- und Machtkritik, sondern indem wir auch mal eine mächtige, soziale Bewegung oder eine Partei kritisieren, wie aktuell beispielsweise die Grünen. Wir verstehen uns als freie Radikale, die sich an keine gesellschaftlichen Kräfte binden lassen. Wir nutzen auch die Provokation und Instrumente wie Polemik. Eine Form, die hierzulande immer noch zu wenig kultiviert wird. Sie wird oft als persönlicher Angriff oder Nestbeschmutzung missverstanden. Polemik muss aber ein wichtiger Bestandteil einer lebendigen Streitkultur sein. Und wenn es eine Heimat für Polemik gibt, dann ist das die Jugend, siehe Rezo. Auch wenn die sich inzwischen auf einer Gratwanderung befindet zwischen Sensibilität und Radikalität. In diesem Spannungsfeld bewegen auch wir uns.

Ist dieses Bewegen angesichts der wirtschaftlichen Schieflage, in die nach 20 Jahren unablässigen Wachstums auch Medien wie Vice, BuzzFeed oder die Huffington Post geraten sind, denn rein inhaltlicher oder auch wirtschaftlicher Natur?

Journalismus, der nicht wirtschaftlich erfolgreich sein will, bekommt langfristig Probleme. Natürlich ist es nicht Aufgabe der Journalisten, ständig darauf zu schauen, wie kommerzialisierbar das ist, was sie tun. Journalisten sollten vor allem dem eigenen Ethos folgen. Aber sobald man in Verantwortung ist, stellt sich automatisch die Frage nach Finanzierbarkeit. Und wenn ich ältere Kollegen anderer Medien höre, die noch von Whisky-Etats und Hubschrauber-Flügen erzählen, ist diese Frage natürlich viel drängender und existenzieller geworden. Sie zu ignorieren, wäre ein Himmelfahrtskommando. Dafür gibt es allerdings auch bei uns Fachleute, die deutlich mehr Ahnung haben als ich.

Und Sie als Journalist?

Schaue darauf, dass das, was wir anbieten, gelesen und wahrgenommen wird, glaube aber fest daran, dass alles, was wir mit Leidenschaft und Überzeugung tun, auch attraktiv für unsere Zielgruppe ist. Wobei ich das Wort irreführend finde.

Zielgruppe? Inwiefern?

Weil es eine Kategorisierung ist, mit der man Individuen zu sehr vereinheitlicht und vereinfacht. Wenn wir im Labor versuchen würden, die Zielgruppe zu erreichen, ohne Leidenschaft und Überzeugung, dann würde das sofort auffliegen. Die jungen Menschen, für die wir das machen, haben einen sehr ausgeprägten Bullshit-Detektor.

Für welche Art Bullshit?

Sie merken sofort, wenn sie über den Tisch gezogen werden. Aktuell haben viele junge Menschen gegenüber der Politik das Gefühl, in der Klimafrage betrogen zu werden. Diese Jugend zu verstehen, ist für mich der größere Auftrag als ständiges Nachdenken über Wirtschaftlichkeit.

Sobald es um Banner in den eigenen Artikeln, Werbekooperationen oder gar eine Paywall ginge, müssen Sie das schon, oder?

Das stimmt, aber auch da gilt: Wenn wir die Firewall zwischen Vermarktungsinteresse und journalistischem Interesse nicht aufrechterhalten, kriegen wir schnell ein Glaubwürdigkeitsproblem. Aber wir verdienen unser Geld ja keineswegs nur mit der Arbeit der Redaktion. Es gibt unter dem Dach von Vice in Deutschland die erfolgreiche Kreativagentur Virtue, eine Videoproduktion, eine erfolgreiche Vermarktung. Käme Vice.com einer reinen Werbeplattform nahe, würde das in Windeseile auffliegen.

Aber ohne Werbung geht es auch nicht. Wer wacht darüber, dass die Grenze zwischen bannerbasierter Finanzierung und Branded Content nicht verschwimmt?

Das ganze Unternehmen, weil es eine Frage der Glaubwürdigkeit ist. Aber vor allem auch eine sehr kritische, hellwache und selbstbewusste Redaktion, die jede Art von Einflussnahme auf journalistische Inhalte bemerken würde; das ist natürlich auch meine Aufgabe.

Ist Ihre Aufgabe jetzt auch, angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung in dieser kritischen, hellwachen, selbstbewussten Redaktion für Ruhe zu sorgen?

Was ich bemerke, ist vor allem eine große Solidarität untereinander, die natürlich auch ich verspüre. Die Menschen bei Vice machen den Wert dieser Marke aus. Im Vergleich zu manch anderen Häusern, ist der Zusammenhalt enorm, viele von uns sind auch miteinander befreundet, gehen gemeinsam feiern, helfen sich bei privaten Problemen.

Es ist die edelste Aufgabe eines Vorgesetzten, sich bedingungslos vor sein Team zu stellen – aber so wie Sie Ihre Mitarbeiter in den Himmel loben, klingt das schon ein wenig idealisierend. Immerhin ist der Druck ja enorm gewachsen, seit es die Entlassungen gab. Herrscht wirklich überhaupt keine Unruhe?

Das Besondere ist ja, dass bei Vice über sehr lange Zeit ein Spirit herrschte, in dem alles möglich schien. Das waren rauschhafte Zustände; immer mehr Leute wurden für immer mehr Geschäftsbereiche eingestellt. Aber wer das Thema Rausch publizistisch so eingehend begleitet wie wir, weiß doch auch, dass er grundsätzlich eine Kehrseite hat.

Auch Kater genannt.

Wobei ich keine ausgeprägte Katerstimmung bei uns wahrnehme. Entlassungen von Kolleginnen und Kollegen sind immer und überall schmerzhaft, aber wir alle – mich eingeschlossen – sind uns darüber im Klaren, dass der Einfluss einer regionalen Redaktion auf die Entscheidungen eines multinational tätigen Konzerns nun mal begrenzt ist. Auch deshalb hat sich eher ein experimentierfreudiger Realismus durchgesetzt. Ich wurde selbst schon gefragt, ob das dauernde Wachstum vielleicht ungesund war.

Und – war es?

Nein. Ein Medium, dessen Angebot für viele Menschen etwas Großes und Verheißungsvolles darstellt, kann man doch schlecht künstlich ausbremsen. Was mich aber wirklich überrascht hat, waren Spurenelemente von Schadenfreude darüber, dass es nun auch die erfolgsverwöhnten Digitalmedien erwischt.

Kommt diese Schadenfreude von den analogen Platzhirschen?

Nicht nur, aber auch. Und dann sehe ich die Situation von Verlagen wie DuMont, bei denen brutalerweise Hunderte von Arbeitsplätzen bedroht sind. Das zeigt doch, dass alle Medien in der Krise stecken. Niemand hat in einer solchen Situation das Recht auf Häme.

Aber wird diese Krise Medien wie Vice denn im gleichen Maße erwischen wie Papierzeitungen?

Nein, schon weil wir als vergleichsweise junges Unternehmen nicht deren Pfadabhängigkeiten haben. Jahrzehntelange Traditionen und Gepflogenheiten sind einer Krisensituation natürlich schwieriger anzupassen als solche, die erst noch im Entstehen sind. Sowohl die Mitarbeiter als auch die Nutzer älterer Medien machen Veränderungen weit weniger mit.

Das beste Beispiel war einst die Einführung eines Fotos auf der Titelseite der FAZ, das zu Tausenden von Protestbriefen und Abo-Kündigungen geführt hat.

Ganz genau. Die Bereitschaft, in schwierigen Situationen einfach mal völlig neu zu denken, ist in einem Medium, deren Macher und Nutzer überwiegend unter 30 sind, größer. Umso wütender, fast aggressiv macht es mich da manchmal, wenn ältere Kollegen klassischer Medien im Angesicht großer Probleme trotzdem einfach alles so lassen wollen, wie es ist. Bis das, was ist, irgendwann einfach nicht mehr existiert.

Steckt dahinter womöglich eine Art Nullsummenspieldenken, dass Verluste bei Digitalmedien wieder bei den analogen landen?

Weiß ich nicht, aber es gibt auf allen Seiten publizistische Überheblichkeit. Erst neulich hat mir eine Redakteurin der NZZ den Screenshot eines Vice-Beitrags zum Thema Pornografie als Beleg für ihre These geschickt, dass unser Journalismus minderwertig sei. Diese Kollegin würde ich gerne mal fragen, für wie groß sie die Bedeutung der Pornografie eigentlich einschätzt?

Wie groß schätzen Sie sie denn ein?

Gewaltig groß! Pornografie hat das Internet nicht nur gigantisch gemacht, sondern womöglich überhaupt erst zu dem, was es heute ist. Diese Hybris, das nicht sehen zu wollen und gleichzeitig jene mit hochgezogener Augenbraue abzuwerten, die es tun, ist tödlich für den Journalismus. Das gilt nicht nur für Pornografie, sondern für viele andere wenig ausgeleuchtete Themen. Ich erkenne da ein großes Bedürfnis bei manchen Kollegen, die Grabesstille nicht zu stören und alles, was den Status Quo infrage stellt, zu verdrängen. Das kriegen natürlich nicht nur wir ab, sondern auch Medien wie BuzzFeed.

Die allerdings vor allem mit Katzenbildern, also noch viel leichterer Unterhaltung gestartet sind als Vice.

Buzzfeed macht in Deutschland herausragenden Journalismus. Wenn man sieht, welchen Impact viele der Texte dort haben; wenn man sieht, dass zwei Kolleginnen für eine Buzzfeed-Recherche den Nannen-Preis erhalten haben; wenn man sieht, welch investigativen Spirit Daniel Drepper dort als Chefredakteur entfaltet – dann frage ich mich wirklich, mit welchem Recht man von oben auf Buzzfeed herabschaut. Für uns alle, die Medien machen, besteht die Herausforderung darin, zu verstehen, wie digitale Kommunikation funktioniert. Konsumentinnen und Konsumenten werden nicht mehr zu einem Medium kommen, sondern die Medien werden zu ihnen kommen müssen. Kennen Sie in Ihrem Umfeld Leute um die 20, die noch Zeitung auf Papier lesen?

Ein paar, wenngleich eher Zeit oder Spiegel und Süddeutsche oder taz als das klassische Regionalblatt.

Selbst im bildungsbürgerlichen, akademischen Milieu kenne ich kaum welche, die überhaupt je was auf Papier kaufen, geschweige denn abonnieren. Gleichzeitig sind die alle aber auf Plattformen präsent, auf denen richtiger Journalismus stattfinden kann. Instagram kann ein Ort für dringliche Reportagen sein, für zugespitzte Kommentare, sogar für Investigatives. Da ist es mir doch lieber, wir transformieren wertvolle Inhalte so, dass sie auf Instagram viele Leute erreichen, als bloß den Kopf zu schütteln, weil junge Menschen angeblich nicht mehr lesen. Das ist eine kulturpessimistische Form geistiger Trägheit, und ich glaube, sie führt auf direktem Weg ins Verderben.

Aber wie verhindert ein modernes Medienunternehmen wir Ihres, das die Kundschaft bereits abholt, statt auf sie zu warten, seinerseits einen Standesdünkel zu entwickeln und von oben auf klassische Medien herabzublicken?

Ein gewisses Maß überschießender Energie ist Teil der Jugend; da tritt man schon mal gegen die Mülltonne. Aber stimmt schon: So wie sich die Fronten in der ganzen Gesellschaft verhärten, tun sie es natürlich auch in unserer Branche.

Und was folgt aus Ihrer Sicht daraus?

Schluss mit der Konfrontation Jung gegen Alt! Dafür kenne ich zu viele ältere Menschen, die innerlich jung sind, und Jüngere, die innerlich alt sind. Dennoch fühlen wir uns dem fluiden Aggregatzustand der Jugend, in dem immer wieder der Status Quo angegriffen und Veränderung gefordert wird, grundsätzlich näher. Das muss auch weiterhin der Aktionsradius von Vice sein.

Mit welchen Medien konkurrieren Sie dabei: noch den klassischen Medien, weiterhin den ehemals neuen oder doch längst den großen Tech-Konzernen wie Facebook und Google, die zusehends eigene Inhalte ins Netz stellen?

Ich betrachte Facebook, Instagram oder Google schon deshalb nicht als Konkurrenz, weil wir da selber stattfinden. Deshalb müssen wir deren Methoden natürlich kritisch begleiten, aber eben auch klug nutzen. Im Streit um Upload-Filter, bei dem es eine klare Frontenbildung zwischen Jung und Alt gab, haben sich manche Verlage einer technologiefeindlichen Rhetorik bedient, haben gegen die ach so bösen Internetkonzerne gewettert und angeschrieben, während mancher Kommentar von Nicht-Journalisten auf Instagram erstaunlich klug und ausgewogen war.

Aber wen betrachten Sie dann als Konkurrenz? Vice agiert ja nicht im luftleeren Raum.

In diesen Bahnen denken wir nicht. Was nicht bedeutet, dass wir nicht wüssten, wo wir hingehören. Wenn ich mir die Dualität zweier Lager ansehe, von denen eines alles beim Alten lassen will und das andere alles revolutionieren, gehören wir immer zu letzterem. Da haben wir auch viele Verbündete.

Zugleich aber kämpfen alle doch auch miteinander um die derzeit knappste Ressource, nämlich Aufmerksamkeit?

Das stimmt, insofern revidiere ich meine Aussage von eben, würde aber andere Mitbewerber nennen, vor allem Streamingdienste. Wir müssen uns fragen, warum Serien von Netflix, Sky oder Amazon Prime mittlerweile einen so gewaltigen Raum im Freizeitverhalten junger Menschen einnehmen.

Wegen Ihrer Qualität.

Ja, die ist oft herausragend. Deshalb gibt es von unserer Seite kein „gegen“ Netflix, sondern eher ein „mit“. Dafür gibt es erfolgreiche Beispiele. Unsere Dokumentation zum Fyre Festival…

… dieses radikal gescheiterte Luxusfestival auf der einsamen Insel…

…hat Vice Studios produziert, aber wird von Netflix verbreitet. Das Konzept der Gegnerschaft ist aus meiner Sicht veraltet. Es geht darum, attraktive Inhalte bestmöglich zu verbreiten. Und da ist ein Verdrängungs- oder Abwehrwettbewerb der schlechtere Weg als Kooperation und Angebotserweiterung.

Heißt das, Vice wird demnächst seinerseits fiktionale Serien produzieren?

Denkbar. Vice Studios produziert ja auch schon Spielfilme wie zum Beispiel The Mountain. Es klingt zwar wie eine Floskel, aber unsere Antwort auf die Medienkrise ist: grenzenloses Denken. Physisch begrenzte Trägermedien mit festgelegten Abgabe- und Gebrauchsterminen gehören definitiv der Vergangenheit an. Und genau das haben junge Menschen schon extrem verinnerlicht, ältere noch eher selten.

Ist das hier gerade der berühmte Abgesang aufs Papier?

Nur zum Teil, Papier wird als Trägermedium weiter existieren. Und das sage ich auch als ehemaliger Redakteur eines klassischen Mediums wie der Zeit. Dort gibt es allerdings auch sehr innovative Überlegungen dazu, wie man die Papierzeitung zukunftsfähig machen kann. Giovanni di Lorenzo hat neulich die revolutionäre Frage gestellt, wie eine Zeit aussähe, die man erst heute gründen würde, zu heutigen Bedingungen und Anforderungen. Die gedruckte Zeitung hat natürlich eine Zukunft, wenn sie sich radikal modernisiert. Zumal die Wochenzeitung.

Das heißt, durchaus auch weiter in gedruckter Form?

Ja. Aber eins ist auch klar: Vergilbte, verstaubte und vollgedruckte Papierberge braucht kein Mensch. Vielleicht noch ein paar Ältere, die auch Zeitungsartikel ausschneiden und verschicken. Ich glaube an die Zukunft des Papiers – sofern es den radikalen Weg der Veredelung geht und haptischer wird, ästhetischer, also so begehrenswert und schön, dass es sich nicht hinter der Küchentür stapelt, sondern den Wohnzimmertisch verziert.

Und als aktuelles Informationsmedium, als das es immer noch zwei Generationen dient?

Da hat die gedruckte Tageszeitung ausgedient. Sie ist geronnene Vergangenheit, die nur so tut, als sei sie Gegenwart.

Viele Medienanalysen besagen aber doch ebenso wie der Erfolg Ihres alten Arbeitgebers Zeit, dass viele Menschen ihr Alltagswissen bei der Zeitungslektüre weniger gewinnen als vertiefen.

Stimmt, aber auch diese Vertiefung bieten digitale Medien längst an. Die Zeitung als unangreifbare, über allem schwebende Autorität, die ordnet und einordnet, gehört ins Museum.

Sie selbst stehen mit 32 Jahren ein wenig in der Mitte dieser zwei Pole. Welche Medien liegen denn bei Ihnen auf dem Frühstückstisch?

Mein iPhone. Twitter auf, Links verfolgen, fertig. Ich kann gedruckte Tageszeitungen nicht mehr in einen normalen, schnellen, ereignisreichen Tag integrieren. In Momenten der ungestörten Ruhe finden vertiefende Zeitschriften noch ihren Platz, aber auch das eher nicht in gedruckter Form. Tageszeitungen kommen mir manchmal vor wie ein Onkel, der auf Familienfesten immer dieselben alten Geschichten erzählt. Ich kann Gedrucktes mittlerweile nur noch als liebevoll gestaltetes Objekt genießen, nicht mehr als Informationsträger.

Das Interview ist zuvor im Medienmagazin journalist erschienen.
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The Loudest Voice: Fox-News & Russell Crowe

Trumps Erfinder

Ohne Roger Ailes und sein antiliberales Sturmgeschütz Fox-News säße heute höchstwahrscheinlich jemand anderes im Weißen Haus und die Welt drumherum wäre weniger gespalten. Die Showtime-Serie The Loudest Voice mit Russell Crowe (Foto: Sky) in der Hauptrolle skizziert seit Montag auf Sky nun das bizarre Leben des Medienmoguls – und macht Angst, was da noch kommt.

Von Jan Freitag

Das Ende dieser Fernsehfiktion aus dem ganz realen Nachrichtenwesen der USA kommt bereits nach drei Sekunden – und bei aller Pietät, es ist für lange Zeit die erste gute, aufrichtig journalistische, solide recherchierte News: Roger Ailes ist bereits tot, als eine Showtime-Serie über den legendären Mastermind von Rupert Murdochs reaktionärem Fernsehsturmgeschütz Fox-News gerade mal anfängt. Pillen am Boden, ein Fleischberg daneben, als Bluter verblutet, Gegner hoffen bis heute: elendig verreckt. Zu Lebzeiten hat The Loudest Voice der USA schließlich auch all jenen ein schmerzhaftes Ende gewünscht, die seinem Ideal einer Gesellschaft zum Wohle von Nation, Rasse, Kapital und Roger Ailes im Wege stehen. Er wisse daher, sagt der Verstorbene aus dem Jenseits, was die Leute nach seinem Tod über ihn sagen: rechts, paranoid, fett. „Ich werde nicht mit ihnen darüber streiten.“

Dieser Satz ist insofern bemerkenswert, als das berufliche Dasein des ehemaligen Nixon-Beraters aus Streit, Streit und nochmals Streit bestand. Das Alphatier aus dem konservativen Rostgürtel, erfahren wir ab heute im furiosen Siebenteiler The Loudest Voice auf Sky, war nur im Kampfmodus glücklich, auf dem Schlachtfeld erhaben, unter Feinden befriedigt. Und um zu verstehen, wie es dazu wurde, zieht uns Regisseurin Kari Skogland nach Gabriel Shermans Biografie ganz in den Bann eines Mannes im publizistischen Blutrausch, der vieles von dem erklärt, was die Welt seit Jahren an den Abgrund drängt. Als Roger Ailes 300 Pfund Gewicht 22 Jahre vorm Serientod über den Fernseher wälzt, startet er nämlich gerade einen Krieg gegen die Demokratie.

Doch der Reihe nach…

Zunächst mal zieht er mit Methoden gegen den Journalismus zu Felde, die Showtime spürbar schaudernd bebildert. Im ersten Teil wird die sechsmonatige Gründungsphase seiner Erfindung Fox vom aufrichtig rechten Gegenstrom im angeblich linken Medienmainstreams zum erfolgreichsten Senderstart der Geschichte skizziert. Im zweiten folgt die Zuspitzung des antiliberalen Kreuzzugs auf einen Militärschlag, den Ailes nach den Anschlägen von 9/11 mit der Kraft seines Netzwerks im Irak herbeiführt. Der dritte zeigt den Frontalangriff auf Barack Obama, den Ailes beharrlich „afrikanischer Sozialist“ schimpft. Stets animiert er sein Team, Ethos durch Rendite zu ersetzen und Fakten durch Fakes. Als die seriöse Starreporterin angesichts dieses dauernden Prinzipienbruchs mahnt, „das ist eine Nachrichtensendung, keine Sitcom“, antwortet Ailes süffisant: „Missy, das ist eine Meinungssendung.“

Das Sklavensynonym Missy und der Neutralitätskontrast Meinung – zwei Worte, die Ailes‘ Rassismus, Sexismus, Radikalismus auf den Punkt bringen. Zwei Worte, denen aber auch jemand Nachdruck verleiht, von dem es nicht zu erwarten war: Russell Crowe. Der versierte Heldendarsteller spielt den virtuosen Spin-Doctor trotz Fatsuit mit einer Variationsbreite, die mindestens ebenso erschüttert wie sein Original. Denn das engagierte ja nicht nur deshalb Models statt Moderatorinnen, um schlichte Zuschauer zu blenden, sondern – Kernthema der letzten drei Folgen – um sie sexuell zu missbrauchen. Anspruchsvolle Zuschauer lernen also von der ersten bis zur letzten Minute: Ailes vereint alles, was an Männern mit Macht verachtenswert ist.

Umso dankenswerter ist es, ihn nicht (nur) als Monster zu zeigen. Seine Trauer beim Abschied als Chef des Kaufkanals CNBC ist schließlich so echt wie die Wut über Obama und verdeutlichen: hier ist kein narzisstischer Opportunist wie sein Premiumprodukt Trump am Werk, sondern ein Überzeugungstäter, dem der Niedergang seiner Heimatstadt so glaubhaft zu Herzen geht, dass er die liberale Lokalzeitung kauft und von Ehefrau Beth (Sienna Miller) auf Kurs bringen lässt. Es ist ein weiterer Baustein in der reaktionären Mauer durch Amerikas Gesellschaft. Und wie nah dessen Erbauer auch posthum der Vollendung ist, zeigten Donald Trumps Twitter-Tiraden gegen etwas zaghafte Fox-Kritik am Nachmittag. Im Reich des Königsmachers Roger Ailes eine Majestätsbeleidigung.


Weltspiegel & Fox News

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. September

Nachdem die Medienerde kürzlich kurz ein klein wenig zu wackeln begann, weil das Erste die Live-Übertragung eines Spiels der Handballbundesliga Sekunden vor Schluss angeblich aus Versehen abgewürgt hatte, sorgt das letzte wirklich wichtige Lagerfeuer des massenkompatiblen Fernsehens nun für ein richtig gewaltiges Beben: Wie DWDL berichtet, plant die ARD parallel zum Ende der Lindenstraße, auch den anschließenden Weltspiegel ins Nachmittagsprogramm zu verlegen. Und zwar, so heißt es aus München, um vor der Tagesschau – genau: Sport zu zeigen.

In der dunklen Jahreszeit heißt das also: noch mehr Ski und Rodel auf noch mehr Sendeplätzen. In der helleren Jahreszeit: noch mehr Fußball mitsamt Option, öfter mal ein Handballspiel versehentlich abwürgen zu können. Um diesen Aberwitz zu ertragen, zitieren wir an dieser Stelle kurz aus einer ZDF-Mitteilung zum Thema öffentlich-rechtliche Digitalstrategie: „Der Fernsehrat leitet für das Änderungskonzept der Telemedienangebote des ZDF das nach dem Rundfunkstaatsvertrag vorgesehene Genehmigungsverfahren (Drei-Stufen-Test) ein.“

Puh…

Verglichen mit dieser Art Beamtendeutsch im Unterhaltungssektor ist sogar das völlig sinnlose Herrenmagazin mit dem bemüht ulkigen Titel Joko Winterscheidts Druckerzeugnis, kurz – Achtung, Prust: JWD, das G+J zum Jahresende einstellt, funkensprühender. Oder wahlweise die ehemals richtungsweisende Programmzeitschrift TV Spielfilm, deren hervorstechendstes Merkmal es die meisten der 27 Jahre am Markt war, laszive Frauen ohne tieferen Inhaltsbezug mit Nimm-mich-Blick überm fotoshopgeglättetem Dekolletee aufs Cover zu setzen. Als die Funke Mediengruppe das frühere Premiumprodukt der Verlagsgruppe Milchstraße unlängst vom Zwischennutzer Burda gekauft hatte, war klar, dass es Konsequenzen für die Redaktion in Hamburg haben würde.

Jetzt aber sickert durch, dass gut 50 Festangestellten gekündigt wurde, was –analog zur Ankündigung von Mathias Döpfner, im Zuge der KKR-Übernahme nun doch massenhaft Stellen abzubauen – wiederum viel übers TV-Segment aussagt. Derzeit setzt das Flaggschiff der linearen Programminformation alle zwei Wochen nämlich ganze 677.000 Hefte ab. Klingt verglichen mit Tageszeitungen gewaltig, ist aber nur ein Viertel des Allzeithochs vor 20 Jahren. Im verglühenden Lagerfeuer Glotze geht also auch den Programmis langsam der Sauerstoff aus.

Die Frischwoche

16. – 22. September

Jenen Couchtisch-Utensilien also, auf denen ältere Zuschauer noch immer erfahren, dass der beliebteste realfiktionale Mediziner Deutschlands ab heute im Ersten eine neue Sendung hat. Sie heißt Hirschhausen im Hospiz, und begleitet den netten Eckart um 20.15 Uhr ins Sterbehaus, was wirklich ergreifend ist, aber auch ziemlich altbacken. Nominell gilt das zwar auch für den Mittwochsfilm Hanne; da die Titelfigur einer Sekretärin, die Stunden nach ihrer Pensionierung ein Krebsdiagnose erhält, von Iris Berben gespielt und das vermeintlich letzte Wochenende vor der Gewissheit von Dominik Graf inszeniert wird, ist Hanne indes absolut umwerfend – geschlagen nur von einer Reihe herausragender Serien.

Abgesehen von Jodie Whittaker als erster Doctor Who nach 54 Jahren, ab morgen um 20.15 Uhr auf One, oder dem spanischen Achtteiler El Hierro um eine ermittelnde Richterin auf der gleichnamigen Kanaren-Insel (Donnerstag, 20.15 Uhr, Arte), sind das aber wie so oft Streaming-Produkte. Staffel 2 von Matt Groenings Fantasy-Groteske Disenchantment zum Beispiel, die am Freitag bei Netflix zeitgleich zur beeindrucken Anthology-Serie Criminal startet, in der Ermittler-Teams aus Deutschland, Spanien, England und Frankreich kammerspielartige Verhörsituationen in identischer Kulisse simulieren – zum Auftakt mit dem grandiosen Peter Kurth als Verdächtiger eines deutsch-deutschen Mordfalls unter der Regie von Thomas Hirschbiegel.

Morgen dann setzt Sky den Neo-Western Tin Star mit Tim Roth als Kleinstadtsheriff fort und tags zuvor die Unternehmer-Saga Succession, während parallel dazu ein echtes Highlight startet: The Loudest Voice. Russell Crowe spielt darin sieben Teil lang den Fox-News-Chef Roger Ailes mit einer rechtspopulistischen Wucht, die bei aller guten Unterhaltung auch Angst macht. Was im Gladiator steckt, wusste man allerdings schon, als er für die erste Wiederholung der Woche 2002 fast den Oscar gewonnen hatte: A Beautiful Mind (Sonntag, 20.15 Uhr, Arte). An gleicher Stelle heute Abend noch immer sehenswert: Die Sieger, ein Frühwerk von Dominik Graf um Herbert Knaup als SEK-Polizist, der einem angeblich toten Phantom nachjagt. Und der Tatort-Tipp ist diesmal ein Polizeiruf von 1991, in dem Schimanskis Partner Thanner (Eberhard Feik) Sonntag (22.45 Uhr, 3sat) von Duisburg nach  Berlin wechselt.


Gruff Rhys, (Sandy) Alex G

Gruff Rhys

Was Südafrika und Wales gemeinsam haben? Kühle, aber selten allzu frostige Winter zum Beispiel. Dazu warme, nie siedende Sommer. Und in sprachlicher Hinsicht außerdem eine Art englisches Grundverständnis, sofern Waliser nicht grad Walisisch reden. Weil der Waliser Gruff Rhys genau das auf seiner neuen Platte tut, verstehen Südafrikaner demnach wohl kein einziges dieses seltsam mediterran klingenden Kolorits. Was Südafrikaner indes bestens verstehen, ist der musikalische Grundton von Pang. Der nämlich stammt vom Kap und klingt kombiniert mit den Vocals mindestens so verschroben wie Ryes’ Vorname im Original.

Nach zuletzt drei englischsprachigen Alben und einer endlosen Reihe von Kollaborationen mit Künstler*innen jeder Art hat sich Gruffudd Maredudd Bowen Rhys nämlich mit dem südafrikanischen Electro-Frickler Muzi zusammengetan und singt begleitet von ein paar Fetzen Zulu im Hintergrund auf Walisisch über, tja, was auch immer… Ein bläserflankierter Ethnosound, der zum Glück nur sehr unterschwellig nach afrikanischer Folklore klingt, bettet die wattig verhallende Stimme des fast 50-Jährigen, bei der man dauernd an Sam Genders von Tunng denkt, dabei so unterhaltsam ein, dass man Pang nur schwer wieder aus dem Kopf kriegt. Gut so.

Gruff Rhys – Pang (Rough Trade Records)

(Sandy) Alex G

Wenn Alexander Giannascoli alias (Sandy) Alex G Musik macht, ist sie hingegen musikalisch wie sprachlich relativ gut verständlich. Auch auf seinem mittlerweile achten Album in nur neun Jahren heißt das allerdings nicht, sie sei je irgendwie gefällig oder gar seicht. Gesang und Sound verströmen zwar stets eine Art von Beachboyshaftigkeit, die mit entspannter Kneipenstimme vom Alltag erzählt und darüber eingängige Dur-Melodien von bezaubernder Leichtigkeit legt. Zugleich jedoch unterwandert der Mittzwanziger aus Philadelphia jeden seiner vielschichtigen Songs mit Klangfacetten, die niemand dort erwarten würde.

Mal huschen – wie in Near – verklimperte Lo-Fi-Riffs unter hippiesken Backvocals hindurch, mal verstört – wie in Taking – ein Kinderchor den alternativen Indie-Pop, mal durchwirken – wie in Walk Away – seltsame Country-Fäden aus dem Rustbelt den Westküsten-Altenative. Und überall wird es immer dann garantiert abseitig, sobald der Mastermind hinter all dem mal kurz in den Mainstream abbiegt. Dafür nennt ihn der Fader nicht nur Ausnahmetalent, sondern heftet ihm – völlig zu recht das Attribut an, ein moderner Neill Young mit Game-Boy-Attitüde zu sein. Dafür fehlt zwar noch die politische Wucht, aber dramaturgisch ist da was dran.

Sandy Alex G – House of Sugar (Domino)


Der Armin & die Propaganda

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. September

Ach Internet, du bist und bleibst halt auch annähernd eine Generation nach deinem Durchbruch Neuland für all jene, die beim Tor des Monats noch per Postkarte abstimmen oder Laptop sagen und Lederhose meinen. Die CSU zum Beispiel, genauer: ihre neue Geheimwaffe Armin, wie bayerische Teenager auch im 21. Jahrhundert noch heißen. Der Armin also soll unterm Hashtag CSyoU die Generation Z an die Parteimit dem C binden. Und wie dieser blondierte Influencer im Hawaiihemd die Klima-Gretel basht, das findet sie bestimmt, nee, nicht nice, sondern dufte, wie bayerische Teenager wahrscheinlich auch im 21. Jahrhundert noch sagen.

Teenager, die womöglich auch zu den knapp zweieinhalb Millionen vorwiegend weißhaarigen Zuschauern zählen, die jedes Frühjahr im Zweiten einer der lächerlichsten Events im geriatrischen Veranstaltungskalender beiwohnen: Der Goldenen Kamera im ZDF. Nach 53 Jahren konstant sinkender Resonanz und Relevanz setzt die Funke-Gruppe das einst ehrwürdige Springer-Fossil nun endlich ab, nachdem es Thomas Gottschalk 2012 nochmals aus Berlin übertragen darf.  Witzig, dass ausgerechnet Jan Böhmermann erst den nutzlosen Fernsehpreis (durch Einschleusen eines falschen Ryan Gosling) als auch CSYouU (durch Enttarnung des hippen Armin als verkleideten Anzugschnösel) im Neo Magazin Royale aufs Schafott geführt hat.

Nicht ganz so lustig hingegen war das, was wir in den Minuten, Stunden, Tagen nach dem Landtagswahldrama vom vorvergangenen Sonntag erleben mussten. Dabei bestand das öffentlich-rechtliche Desaster im Umgang mit der AfD noch nicht mal nur aus der Fieldreporterin Wiebke Binder, die uns den rechtsextremen Teil einer rechtsradikalen Partei partout als bürgerlich zurechtdilettieren wollte. Auch die Tatsache, dass ihr Chefredakteur Torsten Peuker diesen Irrwitz allen Ernstes als „Versprecher“ entschuldigen wollte, macht die Sache noch nicht zum Skandal. Skandalös ist, wie sich selbst seriöse Medien mit kraftlosem Verständnis für den völkischen Aufstand im Osten lächerlich machen.

Die Frischwoche

9. – 15. September

Dazu passt kaum etwas besser als die heutige Arte-Dokumentation mit dem sprechenden Titel Propaganda. Der kanadische Filmemacher Larry Weinstein skizziert darin um 20.15 Uhr beängstigend präzise die Mechanismen der politisch motivierten Lüge, mit der sich selbst demokratische Wahlen weltweit gewinnen lassen. Vorweg: Die thematisch artverwandte Reportage Re: Rap in Russland und hinterher zwei Dokus über Meinungsmanipulation in Irak-Krieg und der Wissenschaft.

Um Wahrheitsdeutungen geht‘s Freitag drauf auch auf Netflix, wenn dort die achtteilige Dramaserie Unbelievable startet. Auf der Basis eines pulitzerpreisgekrönten Zeitungsartikels wird ein Teenager darin verdächtigt, ihre Vergewaltigung nur erfunden zu haben. Äußerst eindrücklich, so scheint es nach Ansicht zweier Teaser. Weniger eindrücklich als eingeseift ist tags drauf das nächste ARD-Biopic mit Frau im Titel: die akkurat kostümierte Bleistift-Dynastin Ottilie von Faber-Castell, mit gegenwartstauglicher Steckfrisur gespielt von Kristin Suckow als Eine mutige Frau, so der Untertitel, die natürlich schöner, tougher, moderner, cooler ist als die weibliche Realität des 19. Jahrhunderts je war.

Schön, tough, modern, cool und dabei geheimnisvoll tiefgründig ist 24 Stunden später die neue Polizeiruf-Ermittlerin Verena Altenberger. Als Uniform-Cop Bessie tritt die Darstellerin der kommerziellen Putzfrau Magda das schwere Erbe von Matthias Brandt an, scheitert im Auftaktfall um Kindesmisshandlungen im pathetisch-düsteren Gebrüder-Grimm-Stil gehörig, zeigt aber gleichsam ein Potenzial, das sie schon im nächsten Fall unter der Regie von Dominik Graf abrufen dürfte. Weder schön noch cool oder gar tough ist die junge Schauspielerin Emma Bading als spielsüchtige Jennifer. Mit Play zerstört der ARD-Mittwochsfilm also gleich zwei Klischees: Gamer sind stets Jungs und weibliche Filmfiguren irgendwie lieb, verlockend, freundlich.

Am Freitag (21.15 Uhr) beendet das ZDF seine Schirach-Adaptionen von Schuld mit Moritz Bleibtreu als Anwalt absurder Fälle. Donnerstag um 22.05 Uhr strahlt Servus noch als erster das Tennisdrama Borg/McEnroe mit Sverir Gudnason und Shia LeBeouf als ebendiese aus, während Lars Kraumes Bauhaus-Fiktion Die Neue Zeit am Sonntag (22.15 Uhr) zuvor schon auf Arte lief – was entsprechend zu den Wiederholungen der Woche führt: Zeitgleich nämlich läuft auf Arte der Director’s Cut von Wolfgang Petersens Das Boot auf 200 Minuten Länge von 1991 auf Arte. Und der heutige Tatort namens Die Geschichte vom bösen Friedrich (21.45 Uhr, HR) zeigt die Frankfurter Ermittlerin Margarita Broich als Opfer von Nicholas Ofczarek in absoluter Paraderollenlaune.


Frankie Cosmos, girl in red, 5K HD

Frankie Cosmos

Das Wesentliche ist manchmal mehr als genug. Greta Simone Kline zum Beispiel, besser bekannt unter ihrem Pseudonym Frankie Cosmos, macht gar nicht viel, um ihrem Bedroom Pop ein Sammelsurium sprühender Ideen beizufügen. Ein paar unverzerrte Gitarrenriffs, leicht verschlepptes Schlagzeug, der Bass eher sedierend als treibend – fertig ist das vierte Album namens Close it Quietly der ziemlich jungen New Yorkerin, mit dem sie abermals ein bisschen an die seligen Moldy Peaches mit ein wenig mehr Drive und ein wenig weniger Adam Green erinnert.

Woran das liegt? Einer schier unglaublichen Leichtigkeit, mit der die Songwriterin im Kreise einer leider namen- und gesichtlosen Band den Alltag in Gefühl ohne Pathos verwandelt. “I am so blue / I make everything blue / my friends, my enemies / you” singt sie in einem der 21 (!) selten mehr als zwei Minuten langen Stücke mit einer Stimme, die wie nach einer durchmachten Nacht in einem Frühhstückscafé von Brooklyn klingt – nicht mehr ganz wach, leicht verstrahlt, emotional voll da, wunderbar für den Sonnenaufgang.

Frankie Cosmos – Close It Quietly (Sup Pop)

girl in red

Eher red als blue, also weniger wehmütig als aufgekratzt scheint hingegen – zumindest dem Bandnamen nach – die junge Norwegerin Marie Ulven zu sein. Seit zwei Jahren erst macht sie überhaupt Musik vor Publikum und bringt nun nach einer EP im Vorjahr ihr Debütalbum heraus; passenderweise mit beginnings betitel, klingt es allerdings erstaunlich versiert und selbstbewesst – wovon auch zeugt, dass die Person, der sie im Opener I Wanna Be Your Girlfriend zuhaucht, eine Frau namens Hanna ist.

Für die NYT macht sie das gleich mal zur neuen LGBTQ-Ikone. Mit etwas weniger Erwartungsdruck reicht es zunächst mal, dass girl in red ihren verträumt schönen Selbstbehauptungspop ohne viel Politik und Pathos mit betörendem Shoegaze anreichert, aus dem die ganze wilde wunde Weisheit der Jugend spricht – etwa wenn sie zu verwehenden Fuzz-Klängen “fuck my thoughts / I think too much” schmachtet, aber nicht in Larmoyanz verfällt. Nein, da möchte man nicht noch mal 18 sein, aber 18-Jährigen mit mehr Respekt begegnen. Marie Ulven hat ihn allemal verdient.

girl in red – beginnings (Marie Ulven)

5K HD

Es gibt nicht viel und doch so einiges, woraum man sich im musikalischen Mainstream heute einigen kann: Autotune sucks zum Beispiel, wer zu oft fuck rappt, hat damit vermutlich ein kleines Praxisdefizit, Rock ist tot, Rock is alive und ganz wichtig: was immer von alldem aus Österreich über die Alpen in die (zumindest deutschsprachige Welt) suppt, ist unbedingt und vollumfänglich abzufeiern – darüber durften sich grad mal wieder die heillos überschätzten Wanda freuen.

Mit ähnlichen (Vorschuss-)Lorbeeren bedacht wurden auch 5K HD um die irrisierende Sängerin Mira Lu Kovacs. Kein Wunder. Vor zwei Jahren schien das gitarrenlose Gefrickel der fünf Wiener*innen den Missing Link zwischen avantgardistischer Electronica und dem Future Pop von Bilderbuch zu liefern. Was irgendwie auch gelungen ist, auf dem zweiten Album High Performer mit all dem Keyboard-, Samples-, Zitatestreuen aber bereits ein wenig berechnend klingt. Elegant ist es dennoch und sehr, genau: poppig.

5K HD – High Performer (fiveK Records)


Charlotte Roche: Feuchtgebiete & Love Rituals

Ich bin bis heute schambehaftet

Groß geworden im Musikfernsehen, war Charlotte Roche lange Zeit nicht mehr als eine Moderatorin mit Hang zu seltsamer Kleidung – bis sie im autobiografisch angehauchten Roman Feuchtgebiete 2008 ihre Sexualität fiktionalisiert hatte und somit zur Ikone eines zwanglosen Umgangs mit dem eigenen Körper wurde. Nach ein paar Abstechern ins Talkshowfach bereist die 41-jährige Westfalin aus England nun in Love Rituals auf Arte sechs verschiedene Länder auf der Suche nach deren Liebesleben.

Von Jan Freitag

Charlotte Roche, beim Anflug aufs erste von sechs Ländern, in denen sie das Liebesleben erkundet haben, fiel etwas auf, was man von Ihnen überhaupt nicht gewohnt ist.

Charlotte Roche: Na da bin ich ja gespannt.

Sie haben bei der Erzählung über ein japanisches Penis-Festival fast so was wie schamhafte Unsicherheit gezeigt.

Aber warum denn auch nicht?! Es gibt offenbar viele Leute, die meine offenherzigen Bücher zum Thema Sexualität mit mir als Person verwechseln. Deshalb ist es ein riesiges Missverständnis, mich als schamlos zu betrachten, denn ich wurde im Gegenteil total schambehaftet erzogen und bin es bis heute.

Was Sie demnach mit Ihren Büchern kompensieren?

Absolut. Indem ich darüber schreibe, bekämpfe ich mein Schamgefühl über Dinge, für die man sich echt nicht schämen sollte, das war fast eine Therapie. Ich bin mein Schamgefühl zwar trotzdem keinesfalls los, aber in Japan ging es ja vor allem darum die Sexualität in einem anderen kulturellen Kontext anzusehen, um dadurch vielleicht Sexualität, wie wir sie bei uns ausleben, besser zu verstehen. Sich mit Sexualität zu beschäftigen, darüber nachzudenken, was sie bedeutet, finde ich tatsächlich sehr gesund. Umso mehr könnte dieser Einstieg zum Missverständnis führen, in Love Rituals gehe es bloß um Sex.

Das tut es ja gar nicht…

Nein, es geht um die Liebe verschiedener Kulturen, wie Menschen zueinanderfinden und beieinander bleiben. Wäre es Arte um irgendwas Pornografisches gegangen, hätte ich auch nicht zugesagt. Aber wir waren uns da von Anfang an einig – zumal die Autorin Michaela Vieser zuvor bereits ein Sachbuch zum Thema geschrieben hat. Ganz ohne Sex kann man Beziehungen aus meiner Sicht zwar nicht denken, aber für uns steht er nicht im Vordergrund.

Dennoch tut er das in der Auftaktfolge aus Japan von Anfang bis Ende.

Das stimmt, aber so sexuell wie dort wird es in keiner der anschließenden fünf Folgen.

War es programmstrategisch gewollt, die Reihe mit einer solchen Freakshow sexueller Kuriositäten beginnen zu lassen, quasi als Ankocher für den dezenteren Rest?

Nein, denn wie man vielleicht auch meiner Art zu moderieren anmerkt, läuft in der Sendung vieles ungeplant und spontan. Wir sind selten mit einer starren Vorstellung davon, was nun passiert, irgendwohin gefahren. Das gibt der Reihe einen sehr dynamischen Spin. Andererseits hat die Vorrecherche ergeben: wenn Japaner so fortpflanzungsfeindlich weitermachen wie bisher, gibt’s bald keine mehr. Sex ohne Anfassen oder mit lebensechten Gummipuppen, der Ekel vor Körperflüssigkeiten und Schambehaarung – all dies funktioniert auf Dauer nicht.

Trotzdem hätte man auch den zweiten Teil aus Israel vorziehen können, in dem es sehr viel bedächtiger um Eheanbahnung und religiöse Gräben geht.

Ach, da sind wir einfach insofern chronologisch vorgegangen, als Japan unser erster Drehort war. Darüber hinaus sind die Liebesrituale der sechs Folgen – ob in Japan, Israel, Kenia, Indien, den USA oder Orkney Inseln – extrem unterschiedlich. Mal geht es um Liebe und Geld, um Liebe und Sex, um Liebe und Magie und so weiter. Alles stand und fiel da mit dem Protagonisten oder der Protagonistin, die uns durchs jeweilige Land geführt haben.

Was ist denn da der Mehrwert dieser Reihe – lernt das Publikum nur andere Kulturkreise kennen oder halten sie ihm auch ein wenig den Spiegel vor?

Beides. Und da hoffe ich auf eine ähnliche Horizonterweiterung, wie ich selber sie erlebt habe. Mit Menschen derart verschiedener Kulturen über die Liebe zu reden, verändert definitiv das Bewusstsein.

Inwiefern?

Etwa über die Bedeutung von Liebe. Wenn ich Kenianern erzählt habe, welchen Stellenwert sie bei uns zuhause hat, wie sie als Lebenselixier betrachtet wird, wurde ich oft ausgelacht.

Weil die Menschen dort ganz andere Sorgen haben als die Suche nach Romantik?

Genau. Als ich eine Friseurin gefragt hab, die aus einer brutalen Ehe geflohen ist und nun vier Kinder alleine erzieht, ob sie nun auf der Suche nach einer neuen Beziehung sei, erschien ihr dieses Denken fast lächerlich. Liebe ist für solche Menschen ein absoluter Luxus, den die sich gar nicht leisten können; dafür hat die weder Zeit noch Energie, geschweige denn die Muße. Während wir in unserem Wolkenkuckucksheim auf der Suche nach der großen Liebe leben, muss sie Geld verdienen.

Umso mehr fällt auf, dass ihr in den ersten zwei Folgen etwas Spirituelles, oft Schicksalhaftes beigemessen wird wie in Israel, wo Ehen oft durch Kupplerinnen arrangiert werden, weil sie angeblich über mehrere Leben hinweg perfektioniert werden.

Hat Sie das gestört?

Nicht gestört, aber es nimmt dem Menschen seine Autonomie bei der Partnerwahl.

Mich hat es sogar extrem gerührt, wie die Heiratsvermittlerin ans Schicksalhafte ihrer Arbeit glaubt. Natürlich verdient die auch Geld damit, aber Seelenverwandte für andere zu finden, ist doch toll. Ich bin zwar froh, in einem Land zu leben, wo diese Art Kuppelei weniger verbreitet ist, beneide aber manchmal Leute, die sich damit von diesem Monsteraufwand befreien, unbedingt alleine the one and only finden zu müssen.

Sie haben den ja auch – ohne jetzt boulevardesk klingen zu wollen – schon sehr früh und scheinbar für die Ewigkeit gefunden…

In der Tat. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Scheidungskind war; aber mir war eben klar, dass es das, was ich da gefunden habe, nicht noch mal in besser gibt. Ich war aber auch vorher in keiner Beziehung so ruhelos, ständig nach Verbesserung zu streben. Seit ich mit Jungs zusammen bin, also mehr als 25 Jahre schon, fand ich immer denjenigen, den ich grad habe, am allerallerallerbesten von allen. Das mag Glück gewesen sein; andererseits  haben mich meine Eltern halt dazu erzogen, mir emanzipierte, frauenfreundliche, tolle Partner zu suchen.

Was aber auch wieder mit unserem Wolkenkuckucksheim zusammenhängt, in dem diese Suche möglich ist oder?

Schon, aber machen wir uns nichts vor: selbst wenn es hier nicht so offen ausgesprochen wird wie in Kenia, spielt das Geld bei der Partnerwahl auch in unserem Kulturkreis eine Riesenrolle. Sie werden in kaum einem Krankenhaus Ärztinnen finden, die einen Pfleger heiraten, aber massenhaft Ärzte, die Krankenschwestern heiraten. Beziehungen sind auch bei uns oft eine sehr traditionelle, oft unromantische Abwägung von Vor- und Nachteilen. Von wegen: wo die Liebe hinfällt… Auch wenn unsere Gesellschaft gern was anderes behauptet, sind Familiengründungen oft sehr pragmatisch. Oder haben Sie sich schon mal in eine Obdachlose verliebt?

Nein, zugegeben.

Ich auch nicht. Trotzdem empfinde ich dieses zwanghafte Suchen nach Perfektion in der Liebe als fatal. Die Illusion vieler Dating-Plattformen, wer nur intensiv genug sucht, oder einem angeblich perfekten Algorithmus folgt, findet schon den idealen Partner, versäumt aber leider auch alle anderen, die womöglich noch idealer sind, führt in die Irre. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig unromantisch, und ich will auch gewiss meinen Mann nicht beleidigen, aber wenn eine Beziehung langfristig funktionieren soll, schraubt man seine Ansprüche lieber etwas nach unten. Wer andauernd das Bessere sucht, weiß das Gute nicht zu schätzen und schafft es nie, sich wirklich festzulegen.

Würden Sie sich trotz dieser pragmatischen Sicht auf die Liebe als Romantikerin bezeichnen?

Auf jeden Fall! Aber für mich ist es eben manchmal romantischer, ein bisschen unromantisch zu sein. In der Paartherapie habe ich gelernt: wer eine Beziehung beim ersten Problem beendet, nimmt es in die nächste mit. Deshalb ergibt es fürs gesamte Leben Sinn, Schwierigkeiten gemeinsam mit dem Partner – sofern er nicht grad ein prügelnder Alkoholiker ist – auszuräumen, anstatt beim ersten Ärger abzuhauen. Da sind Liebende wie Bauern, die sich gemeinsam um zarte Pflänzchen der Liebe kümmern.