Die Goldenen Zitronen: Schorsch & Gaier

Wir sind ja keine Misanthropen

Seit 35 Jahren agitieren Die Goldenen Zitronen (Foto: Frank Egel) erst mit, dann ohne Post vorm Punk gegen die herrschende Verhältnisse eines Systems, dass die vier bis sechs Wahlhamburger aus tiefster Seele verachten, aber nicht mit Gewalt zerdeppern, sondern lieber mit avantgardistischer Poesie entlarven wollen. Auf ihrem neuen, auch schon 13. Album More Than A Feeling tun sie das sogar mal mit wieder mit richtiger Wut im Bauch. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Gespräch mit den Gründungsmitgliedern Thomas Sehl alias Schorsch Kamerun und Ted Gaier alias Ted Gaier über Spaß im Proberaum, politische Nostalgie und Reife statt Altersmilde.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Schorsch, Ted – macht es eigentlich Spaß, ein Album der Goldenen Zitronen aufzunehmen?

Ted Gaier: Ich finde schon.

Schorsch Kamerun: Ich finde teils, teils.

Herrscht im Studio eine freudvolle Atmosphäre?

Ted: (lacht) Nein.

Schorsch: Doch, mehr als sonst. Es erzeugt zwar Reibungssituationen, wenn du als Subjekt ins Studio kommst und dich im Kollektiv durchsetzen musst. Bis auf kleine Ausschläge sind wir darin allerdings schon ziemlich erfahren. Warum fragst du?

Weil das musikalische Resultat wie so oft von großer Schwere geprägt ist.

Ted: Was heißt denn Schwere?!

Dass ihr seit den frühen Neunzigern von Platte zu Platte ein bisschen missmutiger zu werden scheint, irgendwie bedrückter.

Schorsch: Witzig. Ein Kollege von dir meinte vorhin, wir seien anschmiegsamer geworden, zugänglicher. Es stimmt natürlich, More Than A Feeling ist eine Dystopie geworden, aber auch die kann ja ganz erhellend sein.

Ted: Entscheidend ist, dass unsere Musik seit 20 Jahren vor den Texten entsteht. Die Atmosphäre ist also nicht von ihnen bestimmt. Schon deshalb finde ich gar nicht, dass wir so missmutig sind, denn musikalisch ist zum Beispiel ein Stück wie Das war unsere BRD cheezy Disco. Und Gebt Doch Endlich Zu Euch Fällt Sonst Nichts Mehr Ein entfaltet fast kindliche Euphorie.

Schorsch: Außerdem muss auch Anti-Musik nicht missmutig sein. Katakombe ist gleich zu Beginn zwar wirklich düster, gibt aber auch Anlass zum Abheben durch Action, die da stattfindet.

Ted: Seit Joy Division wissen wir, dass es auch lustvolle Dystopie geben kann.

Schorsch: Und David Bowie oder selbst Death Metal haben sie endgültig zu Pop gemacht, das ist ja ihre Ausdrucksqualität.

Ted: Oder Wagner, kann ja auch Spaß machen, wenn man sich nicht davon einschüchtern lässt.

Aber führt dieser Zwiespalt nicht dazu, nach der dauernden Problematisierung eurer Texte etwas Leichtes, Unpolitisches, einfach mal Lala-Musik zu machen?

Ted: Ich finde Musiker toll, die das können, bin dafür aber nicht der Typ. Als Texter kann ich mich nur mit Sendungsbewusstsein denken.

Schorsch: Musikalisch reißt das schon mit, was wir machen, finde ich; zumal wir gerade live eine sehr physische Band sind. In Nützliche Katastrophen kommt ja sogar ein „Lalala“ vor. Und 20×20 ist straight rockender Betonpunk. Andererseits benutzen wir Pop- oder auch Balladenelemente eher zur Irritation, als das wir sie aus Überzeugung einbinden.

Ted: In der Schleife hat diesbezüglich fast Hit-Potenzial.

Schorsch: In mir steckt ein Stück weit auch Schlager, weil ich mit dem sozialisiert wurde und seine Einfachheit schätze – sofern es kranker, psychotischer Schlager ist. Schon im Funpunk, später dann bei Das bißchen Totschlag, oder auch im Turnschuhlied haben wir das bigotte im Schlager zur Fratze überhöht.

Täuscht dann der Eindruck, dass ihr euch auf dieser Platte deutlicher echauffiert als zuvor und den lyrischen Suspense gelegentlich durch Kraftausdrücke wie Scheiße ersetzt?

Ted: Ich glaube, Scheiße sagen wir nur im ersten Song.

Schorsch: Und im zweiten. Aber auch ohne Kraftausdrücke hat die Band als eine der wenigen, wenn ich das mal so sagen darf, immer klare Kante gezeigt. Vielleicht sind wir diesmal wirklich direkter, auf jeden Fall was die Themen betrifft. Wir dachten anfangs mal, oh nein – sechs Songs über Volk, Mauer, Rechte. Das könnte man als Indiz für Eindimensionalität verstehen.

Ted: Aber es geht ja nicht darum, was wir im authentischen Sinne denken, sondern wir versuchen über das Einnehmen von Rollen Zustände zu beschreiben. In Katakombe ist es eine Person, die Nazis aus einer eher unterkomplex linken Perspektive abwertet. In „Baut doch eure Scheiß-Mauer“ ist es eher so ein Tourette-Syndromhaftes Aussprechen einer Fantasie die wir Typen wie Seehofer oder Gauland unterstellen.

Schorsch: Ginge man da akademisch ran, variieren wir im Grunde nur verschiedene Sichtweisen und abstrahieren sie. Das sind Haltungen, Charaktere. Als einer der ersten – jetzt komm ich schon wieder mit dem – hat das Bowie überzeugend gemacht, wenn auch nie so politisch. Und endgültig dann die zahllosen HipHop-Characters, die eigentlich alles können.

Ted: Oder Theater. Das wechselt auf unseren Platten ständig. Orientiert habe ich mich Anfang der 90er stark an den Franz Josef Degenhardt Stücken, die Haltungen durchspielen. Der hat sich auch in andere Figuren versetzt, um als Kapitalist oder Spießer sprachgewandt und detailliert über die Verhältnisse zu berichten.

Schorsch: Wir mussten früh nach Platzhaltern unserer Wut suchen, weil es uns nicht mehr gereicht hat, Stimmungen und Zustände nur in Slogans zu verhandeln. Vielleicht sind wir auch deshalb am Theater gelandet. John Lydons hysterisches Spottgemecker finde ich aber bis heute wunderbar – der hat uns als junge Punker bereits tief beeindruckt. Die Texte der Sex Pistols waren beinahe übereindeutig, aber durch seine zickige Überhöhung hat er sie aushaltbar gemacht.

MusikBlog: Was deinen Gesang unüberhörbar geprägt hat.

Schorsch: Total. Ich mochte es schon immer, Dinge schwer in alle Richtungen zu überziehen.

Ted: Das gilt für uns alle.

Wo ihr die Künstler eurer musikalischen Früherziehung ansprecht: seit 35 Jahren singt ihr gegen Verhältnisse an, die immer nur noch beschissener werden – ist das auf Dauer nicht ungemein ermüdend?

Ted: Ich finde gar nicht, dass alles nur beschissener wird.

Schorsch: Es gibt genug Wertvolles, das es festzuhalten lohnt. Wir sind auch nie kulturpessimistisch. Auch wenn man Deprimierendes aus der Platte heraushören möchte, sind wir begeistert dabei, uns immer wieder neu auf die Gegenwart einzustellen, nirgends festzuhaken, frische Haltungen zu finden. Diese Band lebt davon, wach im Jetzt sein zu wollen.

Ted: Ich sehe die Goldenen Zitronen da als Medium. Unseren Text zum G20-Gipfel in Hamburg werden Leute womöglich in 30 Jahren noch hören und darin eine geschichtliche Quelle sehen, während die Fahndungsaufrufe in der Morgenpost längst vergessen sind. Den Ansatz haben wir seit 80 Millionen Hooligans, als wir nach Rostock-Lichtenhagen bewusst in öffentliche Diskurse interveniert haben. Auch beim G20-Text hatte ich das Bedürfnis den ritualisierten, ideologischen Deutungen der Ereignisse, Beobachtungen entgegen zu setzten, die in den Debatten in solchen Fällen nie vorkommen. Das fängt an bei der Beschreibung der Akteure. Es macht ja einen Unterschied aus welcher Motivation heraus ein italienischer Autonomer eine deutsche Bankscheibe einhaut, oder ein unterprivilegiertes Vorstadt-Kid.

Schorsch: Was man als kritische Band dringend austarieren muss, ist die Verschiebung der Diskurs- und Begriffsebenen – wie sehr sich Kapitalismus, Konsumgesellschaft, Kommunikation seit den späten 60ern gewandelt, in den Definitionen teils völlig umgedreht haben. Weil es uns aber auch Spaß macht, all dies zu kommentieren, werden wir darin nicht müde. Wir sind ja keine Misanthropen.

Ted: Dafür steckt viel zu viel Humor und Selbstironie in unseren Texten.

Wenn man sich Das War Unsere BRD anhört, aber auch ein Stück nostalgische Wehmut.

Schorsch: Ambivalenter, rückblickender Schmerz (lacht)

Ted: Als wir das Album überblickt haben, fiel auf, wie viel darin von Mauern, Heimat, Rassismus die Rede ist. Deshalb war das dann ein Versuch weg zu kommen von dieser Gegenwärtigkeit. Es ist ja ein Stück über Nostalgie, das durch den Rückblick auch nostalgisch machen kann. Wobei mein romantisches Gefühl zur alten BRD auch in meiner Abneigung besteht. Ich liebe sozusagen meinen Hass auf die BRD, der ist ebenso Teil meiner Identität wie Boney M., die ich damals zwar scheiße fand, nun aber ein warmes Gefühl in mir erzeugen, wenn ich sie im Oldie Radio höre.

Verklärt man automatisch seine Vergangenheit, wenn man sie mit großem Abstand neu betrachtet?

Ted: Ich glaube schon.

Schorsch: Absolut sogar. Man darf bei der Rückschau nur nicht außer Acht lassen, warum es so war, wie es war, und welche Kräfte darauf eingewirkt haben. Wir sind eine Band, die sich permanent von allem Möglichen abgrenzt. Weil das so anstrengend ist, geht es mir mittlerweile auch schon mal auf die Nerven.

Ted: Ich finde Abgrenzung als Geste ist was für Zwanzigjährige, nicht für Fünfzigjährige.

Ihr seid aber auch noch nicht 70 – schwingt anders als eingangs vermutet dennoch eine Art Altersmilde bei euch mit?

Ted: Nein.

Schorsch: Vielleicht passt „Reife“ besser. Wir versuchen tatterig, aber unter voller Fahrt, auf das Heute zu schauen.

Ted: Zwischen verknöchert und Milde ist die Spanne ja riesig. Wir sind ungefähr in der Mitte.


Katrin Bauerfeind: Pocher & Show zur Frau

Erwartbarkeit ist ermüdend

Seit sie vor 14 Jahren im Online-Magazin Ehrensenf die Medienlandschaft aufs Korn nahm, ist Katrin Bauerfeind (Foto: Nadine Bernards/WDR) darin nie so richtig über die Nische mit Niveau hinausgekommen. Auch in Die Show zur Frau spricht die Mittdreißigerin jetzt mittwochs ab 21.45 Uhr mal wieder nur auf dem Spartensender ONE mit Gästen ihrer Wahl über Gott und die Welt. Aber das macht sie wie immer ganz wunderbar.

Von Jan Freitag

Kathrin Bauerfeind, bei der Premiere Ihrer Show zur Frau zitiert Micky Beisenherz John F. Kennedys Vater mit den Worten, es käme nicht drauf an, was du bist, sondern wofür man dich hält. Sind Sie, wer Sie sind oder wofür man Sie hält?

Kathrin Bauerfeind: Oh Gott, was für eine Einstiegsfrage.

Soll ich was Leichteres fragen?

Nee (lacht). Also: Ich hoffe sehr, dass ich das, wofür man mich hält, auch bin, sofern das, was ich bin, auch das ist, was ich sein will oder …Hilfe!

Ist die private Bauerfeind demnach deckungsgleich mit der Bühnen-Bauerfeind?

Doch, das stimmt ziemlich überein.

Würden wir uns ohne beruflichen Hintergrund im Park treffen oder beim Bier, wären Sie also genauso exaltiert, laut, lustig und burschikos-feminin wie am Bildschirm?

Burschikos-feminin, das klingt toll! Also, zu 70 Prozent ja. Es gibt vielleicht auch eine stille Seite an mir, die ich allerdings noch nicht entdeckt habe. Klar, ich kenne die Täler aus Trauer, Niederlage und mieser Tag, aber insgesamt bin ich heiter und rede lieber statt nichts zu sagen. Deswegen ist es gut, dass es den Beruf der Fernsehmoderatorin gibt. Sonst hätte ich ehrlich nicht gewusst, was aus mir werden soll.

Auf das Zitat Ihres Kollegen Beisenherz antworten sie mit der Gegenfrage, wo Sie heute wohl wären, hätten Sie den Rat von JFKs Vater befolgt und darauf geachtet, was andere von Ihnen halten. Haben Sie darauf eine Antwort?

Ich wäre wahrscheinlich schneller da gewesen wo ich jetzt bin oder hätte vielleicht schon lange eine Late-Night-Show in der ARD, wer weiß! Ich hab oft das Gegenteil von dem gemacht, was erwartet wurde. Nach Ehrensenf also nicht die gleiche Show in größer und im Fernsehen statt im Internet, sondern eine Reisereportage über den Balkan.

Andererseits hat der Schritt nach diesem preisgekrönten Online-Format zu 3sat mit Anfang 20 eigentlich auf eine ziemlich fette Showlaufbahn hingedeutet. Ist ONE zur Nacht da die angemessene Bühnengröße für Ihren Maßstab?

Ich hör das öfter und freu mich, wenn man so viel Potenzial in mir sieht. Klar will auch ich, dass möglichst viele Leute sehen, was ich mache, dafür macht man ja Fernsehen. Die ARD hat aber nur einen Sendeplatz für Frauen unter 40 und den hat Carolin Kebekus! Da sie die Beste ist, geht das in Ordnung. Das was ich in der neuen Show mache, bleibt allerdings dasselbe, egal, wo es ausgestrahlt wird. Ich mag das, was ich mache und die Nische hat den Vorteil Dinge auszuprobieren. Da die Show was Neues ist, da fände ich es auch vermessen damit direkt im Ziel starten zu wollen.

Wenn Sie „starten“ sagen, empfinden Sie Ihren Werdegang also noch als ausbaufähig?

Ich hab zumindest lernen müssen, dass man am Anfang oft noch nicht da sein kann, wo man am Ende hin will. Das ist ein Prozess, er besteht aus ausprobieren, Fehler machen, wieder scheitern und aus den eigenen Fehlern was machen. So ist das Leben, würde ich sagen.

Fühlen Sie sich demnach wie Jan Böhmermann trotz Potenzial für größere Aufgaben in der Nische vielleicht sogar ganz wohl?

Jan sagt ja sehr oft ganz deutlich, dass er gern einen prominenteren Sendeplatz im ZDF hätte. Bei mir ist es auch so. Wenn jemand einen Sendeplatz zu vergeben hat, können wir gern darüber sprechen. Ich bin erreichbar.

Das heißt, sie hätten schon auch gern etwas bedeutsamere Gesprächspartner als Oliver Pocher, den sie heute Abend zur ersten Show der Frau eingeladen haben?

Was heißt bedeutsamer? Oliver Pocher war in der Sendung zu Verschwörungstheorien, und da er als Zeuge Jehovas aufgewachsen ist, war es der perfekte Gesprächspartner. Wir wollten wissen, ob Verschwörungstheorie und Religion sich nicht auch ähnlich sind, denn auch für die Auferstehung Jesu gibt es am Ende keinen direkten wissenschaftlichen Beweis. Außerdem bin ich ein Fall für die andere Seite der Leute. Ich setze auf den Effekt: Hätte ich nicht gedacht, nicht gewusst, nicht für möglich gehalten. Was haben Sie denn von ihm erwartet?

Dieselben selbstgerechten Krawallwitze auf Kosten anderer.

Ich finde Oliver Pocher war sehr erwachsen bei uns, ich hab ihn so noch nicht im Fernsehen gesehen. Ich finde außerdem diese unausgesprochenen Regeln, wen man gut finden darf und wen man besser nicht einlädt, damit das eigen Image stimmt, eher unangenehm. Grade dann will ich mal mit den Leuten reden. Erwartbarkeit ist für mich langweilig und ermüdend. Ich finde die erste Sendung zum Thema Verschwörungstheorien deshalb gut, und zwar mit Oliver Pocher. Sich immer nur die eigene Sicht bestätigen zu lassen, ist doch nicht, wofür man angetreten ist.

Ist dieses Gegenteil der Sicht-Bestätigung demnach der Wesenskern Ihrer Show zur Frau?

Es gibt ein Thema. Leute kommen vorbei. Wir diskutieren und erzählen uns heitere Geschichten. Weil ich gut mit Menschen reden kann, ist das der Kern der Show. Und ich bin quasi eine Mischung aus Maybritt Illner und Heidi Klum, seriös, aber auch albern. Wahrscheinlich meinten sie das mit feminin-burschikos. (lacht)

Um Erkenntnisgewinn geht es also nicht?

Doch. Wir nehmen uns gesellschaftlich relevante Themen wie die Frage vor, warum die Heimat neuerdings wieder so hip ist. Dabei sind wir jedoch keine politische Talkshow, die eine abschließende Antwort sucht, sondern wollen eher Geschichten und Erfahrungen der Gäste hören. Am Ende wird der Zuschauer gut unterhalten. Wenn er auch inhaltlich noch was mitnimmt – umso besser.

Um Geschlechterfragen geht es also nicht?

Warum?

Der Sendungstitel und Sie im Mittelpunkt hatten das irgendwie suggeriert.

Ah, wäre ich nicht drauf gekommen, dass man es auch so verstehen kann. Ich bin die Frau zur Show, Frauenthemen sind weniger gemeint.

Schade.

Wieso schade?

Ach, in Zeiten von Trump und #MeToo hätte ich mir einfach gewünscht, dass sich eine Moderatorin, die tradierte Vorstellungen von Weiblichkeit mit dieser maskulinen Art zur femininen Optik unterwandert, zum Feminismus äußert.

Gut, wir haben auch eine Sendung übers moderne Männlichkeitsbild, aber #MeToo haben wir keine ganze Sendung gewidmet.

Haben es aber im Hinterkopf?

Ja klar, immer! Frauen verdienen weiterhin weniger, sind seltener in Führungspositionen und nehmen in acht von zehn Fällen bei der Heirat selbstverständlich den Namen des Mannes an. All diese Phänomene habe ich in meinem zweiten Buch aufgegriffen und war zwei Jahre damit auf Tour. Aber für die Show haben wir das Thema nicht gewählt. Wir haben momentan gesellschaftlich relevante Fragen rausgesucht wie, worüber darf man lachen in politisch korrekten Zeiten oder auch sind alle lieber schön als schlau, also ob alle jetzt lieber Botox statt Bildung wollen. Momentan ist #MeToo ja auch nicht mehr so brandaktuell.

Für jemanden wie Sie müsste das doch erst recht Ansporn sein, davon zu sprechen!

Ja, gut, ok, ich nehm´s für die zweite Staffel vor.

Und bitte gleich mit, dass unter den acht Gästen der ersten drei Folgen nicht wieder nur zwei Frauen sind und dann ausgerechnet zum Thema Kochen…

Zum Kochen will ich sagen: Ruth Moschner ist ganzheitliche Ernährungsberaterin, war also als Expertin da und nicht als Frau am Herd. Auf die gesamten zwölf Sendungen sind wir relativ ausgeglichen. Trotzdem stimmt es: Es gibt immer noch mehr Männer als Frauen in der Branche, die sich zutrauen zu allen Themen was zu sagen. Aber wir arbeiten dran.

Suchen Sie die Gäste selber aus?

Das macht die gesamte Redaktion. Bei Bauerfeind assistiert…, wo ich den ganzen Tag mit einer Person verbracht habe, wollte ich niemanden einladen, den ich nicht mag. Das war hier weniger wichtig. Im Gegenteil. Es heißt ja immer, alle bestätigen sich in ihren Filterblasen nur ihrer eigenen Weltsicht. Ich finde es gut, wenn das Publikum herausgefordert wird. Ein Interview-Guru in den USA sagte mal, Interviews werden nur facettenreich, wenn der Interviewer sowohl Freund als auch Gegner des Interviewten ist.

In dem Sinne die Anschlussfrage: Als Mann mit ihrer Klappe und Attraktivität…

… wäre ich schon lange ganz oben! Nein, das ist mir zu hypothetisch und auch nicht heilsam. Zum einen suggeriert dieses Denken, es gäbe irgendwelche höheren Mächte, die meinen Aufstieg behindern.

Stichwort Verschwörungstheorien.

Zum anderen wirkt es furchtbar passiv und larmoyant. Vielleicht wär ich als Mann tatsächlich da, wo Harald Schmidt mal war. Aber ich hatte zugleich so viele Situationen, in denen es hilfreich war, eine Frau zu sein. Nichtsdestotrotz brauchen wir mehr weibliche Persönlichkeiten. Auf allen Bühnen. Das ist mein Wunsch für die Zukunft.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Fernsehpreise & Hebammern

Die Gebrauchtwoche

28. Januar – 3. Februar

Wenn der Deutsche Fernsehpreis nicht im Fernsehen läuft, mangelt es ihm entweder an Relevanz oder Unterhaltsamkeit. Als die zweitwichtigste Branchen-Trophäe nach den Grimme-Awards Donnerstag in Düsseldorf zeitversetzt als Aufzeichnung beim Nischensender ONE verliehen wurde, war von Beginn an klar: es mangelt ihm an beidem! Nicht allein, dass mit dem Amazon-Ableger von Petersens Boot hochglänzender Durchschnitt die Höchstzahl an Nominierungen aufwies; nicht allein, dass die allenfalls nette Emanzipationsklamotte „Aufbruch in die Freiheit“ zum besten Film gekürt wurde; nicht allein, dass Bares für Rares oder Let’s Dance als preiswürdiges Entertainment gelten; nein, die Präsentation war trotz – und langsam auch ein bisschen wegen – Barbara Schöneberger von so routinierter Leidenschaftslosigkeit, dass 2020 durchaus der neue Traumschiff-Kapitän Florian Silbereisen unter den Siegern sein könnte.

Davon abgesehen, welch brutaler Schlag ins Gesicht aller prekär beschäftigten Schauspieler*innen im Land es ist, dass ein stinkreicher Quereinsteiger den Arbeitsplatz ausgebildeter Profis erhält, zeigen Fernsehpreis und ZDF-Personalie, woran es im linearen Angebot weiterhin krankt: einer populistisch-biederen Sicht aufs deutsche Entertainment, das die Wucht der Streamingdienste vollumfänglich ignoriert, weshalb ihm der seriöse Glamour Hollywoods vollends abgeht. Man konnte das gut bei den SAG-Awards der amerikanischen Schauspielergewerkschaft beobachten, eine Art Seismograf der anstehenden Oscars. Mit Marvelous Mrs. Maisel, Ozark oder Ecape at Dennamora gewann herausragendes Online-Fernsehen, zu dem sich mit This is Us sogar ein Format des alten Networks NBC gesellen durfte.

Was man dem Sammelpreis der deutschen Platzhirsche ARZDRTSat1 aber zugutehalten muss: bei fünf von zwölf Top-3-Fiktionen war zumindest eine Frau für Buch oder Regie verantwortlich. Das konterkariert auf bizarre Art eine Studie der rührigen MaLisa-Stiftung, die nach der traditionellen Film- und Fernsehbranche nun den vermeintlich moderneren Social Media ein lausiges Gleichstellungszeugnis ausstellt: Deren Influencer sind nämlich mehrheitlich maskulin, während ihre Kolleginnen massiv Geschlechterstereotype verfestigen.

Die Frischwoche

4. – 10. Februar

Das Gegenteil war von einer Show mit der burschikos-femininen Kathrin Bauerfeind zu erwarten. Ab Mittwoch, 21.45 Uhr, moderiert sie auf ONE die Show zur Frau, in der es allerdings nur dem Titel nach emanzipiert zugeht. Von den acht Gästen der ersten drei Folgen etwa sind nur zwei weiblich und dreimal darf man jetzt raten, bei welchem der Auftakthemen Verschwörungstheorien, Küche, Humor? Genau! Trotzdem ist es wie immer erhellend und heiter, Kathrin Bauerfeind beim Menschenkontakt zuzusehen.

Ähnliches gilt ausnahmsweise fürs romantisierende Degeto-Debüt am Freitag im Ersten. Toni, männlich, Hebamme klingt zwar schwer nach Schmonzettenkost in Reihe. Doch Leo Reisinger spielt den Mann in der Frauendomäne mit dezenter Leichtigkeit und sogar ein wenig Tiefgang. Tags drauf räumt die ARD nach zwei DFB-Pokalabenden in der Wochenmitte für den Fernsehtrendsport Biathlon sogar vier Stunden lang die Wochenendprimetime, weil der Weltcup nun mal im fernen Canada stattfindet. Wer Skifahrern nicht gern beim Schießen zusieht, sollte daher parallel zu Arte wechseln, wo Sebastian Schippers Arthaus-Roadmovie Victoria mit der unscheinbar grandiosen Laia Costa als Titelfigur läuft, die mit dem Kleingauner Sonne (Frederick Lau) vom Ausbruchstraum ins Verderben rast.

Das droht der Zivilisation neben einer ganzen Batterie vergleichbarer Untergangszenarien auch durch Die große Zuckerlüge. In der neunzigminütigen Doku entlarvt Arte Mittwoch zur besten Sendezeit die Lebensmittelindustrie des vorsätzlichen, in seiner amoralischen Profitsucht geradezu verbrecherischen Betrugs am Kunden, der gezielt in Unkenntnis über die Gefahren des süßen Gifts in fast jedem Supermarktprodukt gehalten wird. Bei so viel Menschenverachtung der Nestlés oder Krafts, Müllers und Danones hilft nur Ablenkung mit den Wiederholungen der Woche.

Samstag zeigt ONE um 21.45 Volker Schlöndorffs elegante Frisch-Verfilmung Homo Faber von 1990 mit der damals noch blutjungen Julie Delpy als Muse des selbstkontrollierten Gefühlskrüppels Walter F. (Sam Shepard). Mittwoch zuvor (0.20, ARD) ist der damals frisch emeritierte Fußballstar Cantona in Ken Loachs leichter Sozialstudie Looking for Eric (2009) als Sozialarbeiter im Traum eines Losers zu sehen. Schwarzweiß aber zeitlos brilliert Spencer Tracy in Wer den Wind sät (Samstag, 20.15 Uhr, Arte) als Anwalt eines real existierenden Biologielehrers, der sich im berühmten „Affenprozess“ wegen der Evolutionstheorie im Unterricht gegen den Vorwurf der Blasphemie verteidigen muss. Und der Tatort-Tipp: Dienstag um 20.15 Uhr zeigt der BR Felix Eisners frühen Österreich-Einsatz Exitus – 2008 noch ohne Kollegin Bibi Fellner.


Maurice Summen: Die Türen & Twittern

Im Kern noch Rock’n’Roll

Als Die Türen Anfang des Jahrhunderts ein Label suchen, will keines die avantgardistische Popband aus Berlin verlegen. Also gründet Sänger Maurice Summen (Foto: Roland Owsnitzki) mit Gunther Osburg sein eigenes Label, nennt es staatsakt und wird zum Inbegriff kreativen Postpunks. Das – je nach Zählung – fünfte bis achte Album Exoterik bewegt sich nun mehr denn je fort vom Mainstream und macht ihn gerade deshalb auch für den Massengeschmack schiffbar. Ein – vorab beim MusikBlog erschienenes – Interview mit dem 44-jährigen Wahlberliner.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Maurice, ich habe Schorsch Kamerun und Ted Gaier gerade gefragt, ob es bei den Aufnahmen zum neuen, extrem missmutigen Album der Goldenen Zitronen eigentlich auch mal was zu lachen gibt.

Maurice Summen: Gute Frage, und?

Gibt es. Bei euch hingegen würde die Frage eher lauten, ob es im Studio der Türen eigentlich dauerndes Gelächter gibt.

(lacht tatsächlich) Manchmal schon, wieso?

Weil Exoterik mehr noch als die Alben zuvor klingt wie Krautrock gewordener Dadaismus, der sich scheinbar überhaupt nicht ernst nimmt.

Für mich ist dAdA eine ernstzunehmende literarische und künstlerische Bewegung, kein Karnevalsverein! Aber klar, manchmal ist Humor ein Mittel zum Überleben. Bei uns würde ich ihn aber gern durch den Begriff der Spielfreude ersetzen. Die entstehende künstlerische Freiheit hilft dabei, nicht nur andre zu überraschen, sondern immer wieder auch uns selber.

Diese Freiheit war schließlich der Gründungsimpuls deines Labels staatsakt.

Für die Türen gibt es kein Business-Modell, keinen Erfolgsdruck, kein Management im Nacken. Nach dem letzten Album Wir sind der Mann für fünf Jahren haben wir uns aber dennoch darauf geeinigt, beim nächsten Mal unbedingt an einen Ort außerhalb von Berlin zu fahren, um uns voll aufeinander zu fokussieren.

Disziplinierung durch Kasernierung.

Vor allem ohne vorgefertigte Kompositionen! Wir wollten die Platte unbedingt im Kollektiv entstehen lassen. Dafür ist so ein Genre wie das, was die Britten einst Krautrock nannten, perfekt; die Musik kann man nicht am Schreibtisch notieren, der muss als Gruppe im mäandernden Prozess entstehen. Einfach laufen lassen…

Ähneln die repetitiven Textfragmente deshalb eher Bassläufen als Refrains?

So hat es sich ergeben. Der Platz für mehr Text wäre ja da gewesen, aber wir hatten überhaupt kein Bedürfnis nach dem Narrativ klassischer Pop- oder Rocksongs. Eine Idee war es, den Raum der Musik nicht durch dauernde Vorträge des Sängers zu beschränken. Obwohl wir ja eine Gruppe von Songwritern sind.

Wenn der Raum dann aber nur noch durch Dreiklänge wie Miete, Strom, Gas gefüllt wird, gerät es doch arg kryptisch…

Zumindest in Ballungsräumen ist die gentrifizierte Lebenswirklichkeit mit diesen drei Worten doch ausreichend beschrieben.  Da finde ich mich im Cloud Rap wieder, wo in Künstler wie Yung Hurn zuletzt auch mit extrem wenig Text auskommen und doch sehr viel zu sagen haben. Die hohe Kunst des Weglassens! Trotzdem hat der fleißige Liedermacher mit seinen 83 Strophen natürlich nach wie vor die gleiche Existenzberechtigung wie wir.

War es denn eine bewusste Entscheidung, sprachlich so reduziert zu sein?

Schon, aber dann ist alles so aus mir heraus geflossen. Ich weiß zum Beispiel gar nicht mehr genau, was mit der Phrase „Bildungsbürgerliche Ideale“ gemeint ist, die ich in BBI Mantra-artig wiederhole; das kam einfach hoch und passt.

Klingt ein bisschen beliebig.

Würde ich nicht sagen. Alles was auf der Platte zu hören ist, wurde von allen Beteiligten noch redigiert, editiert, von Nonsens befreit und dabei von sieben auf zwei Stunden eingekocht. Das war schon ein ganzes Stück Arbeit!

Bewegt ihr euch dabei überhaupt noch strikt entlang der Harmonielehre oder landet ihr irgendwann auf dem Ultraschall-Festival, wo Musik nur noch am Rande wie Musik klingt?

Nein, nein. Wir arbeiten viel mit modularen Systemen, um die sich Andreas Spechtl, der diesmal keine Gitarre spielt, gekümmert hat, und interagieren dadurch viel mit Maschinen. Trotzdem sind Die Türen im Kern noch eine Rock’n’Roll-Band, die sich gerade nur nicht am Dreiminutendreißig-Song orientiert. Für uns sind Can genauso wichtig wie die Beatles! Aber wichtiger ist, dass es uns wie beim Jazz um eine Gruppendynamik ging, die im Alltag seltener wird; darum geht es ja auch in sozialen Medien. Aber gemeinsam mit guten Freunden einen Raum zu betreten, macht dann am Ende eben doch einen entscheidenden Unterschied… Aber zurück zu deiner Frage: Das Album ist am Ende für mich keine Avantgarde, sondern eine Pop-Platte!

Dafür wird sie zur Mitte hin ja auch viel zu rhythmisch, fast tanzbar.

Wir haben mit Chris Imler einen der tollsten Drummer des Landes! Er allein weiß eine Party zu bewegen! Was mich an der Gesellschaft grade generell stört, ist dieser Drang, immer nur pointiert und super zugespitzt zu kommunizieren und alles, was man im Kopf hat, sofort raus lassen zu müssen! Eine Kommentar- und Affektkultur! Schweigen ist überhaupt nicht angesagt!  In dieser affektiven Aufmerksamkeitsindustrie, die dank Clickbaiting und Streamingdiensten bald nur noch Songs von 1:40 Länge zulässt, muss man sich mal wieder den Raum zur undifferenzierten Fläche geben. Wie toll fand ich es früher, sich einfach mal ohne Ziel treiben zu lassen!

Als Produzent oder Konsument?

Beides! Man kann sich voll auf unser Album konzentrieren, darf aber nebenbei auch gern ein bisschen bei Twitter klugscheißen. Wir sind bewusst mehrdeutig und wenn wir „lass uns Rasenmähen“ singen auch gerne mal dadaistisch! „Lass uns Rasen mähen“ ist ja nicht gerade das religiöseste aller Mantren! Und um nochmal auf den Humor zurückzukommen: Er ist manchmal ein Bindeglied, das besonders deutschen Bands gut zu Gesicht steht. Wenn ich mich bei euch in Hamburg auf der Diskurs-Ebene umsehe, finden ich mich am ehesten bei Knarf Rellöm wieder, bei dem oft auch niemand weiß, wie ernst es ihm eigentlich ist: Fehler ist King!

Er würde es sich allerdings schwer verbitten, unpolitisch zu sein…

Garantiert, auch er jubelt einem das Politische eher mal unter.

Wenn du dir nach dem organischen Entstehungsprozess dieser Platte vorstellst, die nächste zu machen – ginge das überhaupt noch so strukturiert wie üblich im Songwriting?

Da bin ich mir ganz sicher! In zwei Monaten erscheint zum Beispiel Baked Beans von Ramin Bijan, Johannes von Weizsäcker und mir, eine astreine Kinderplatte, nur Songs Songs Songs. Das Gleiche gilt für meine Band Maurice & die Familie Summen. Wir arbeiten ja alle auf so vielen verschiedenen Baustellen, dass unser Herz für Songs wegen so einem Konzept-Album ja nicht verloren geht. Ganz im Gegenteil!  Ich kann mich ja auch privat gut und gerne stundenlang von Rappern zutexten lassen, muss dann allerdings auch irgendwann wieder was wie Jazz oder Noise hören, der mich auf textlicher Ebene in Ruhe lässt. Oder ein herzerwärmendes Soul-Stück. Pop ist gelebte Diversität!