half.alive, Fabian Römer, Why?

half.alive

Vielleicht liegt es ja daran, dass half.alive aus Long Beach kommen, wo es selbst Weihnachten meist sonnig warm bleibt, vielleicht sind ausgerechnet chaotische Zeiten wie unsere einfach die allerbesten für deren feuchtfröhlich arrangiertes Durcheinander, vielleicht ist kultivierter Unernst längst das neue Sachlich, vielleicht versteht man das Debütalbum des kalifornischen Trios aber auch einfach total falsch. Ganz gewiss allerdings ist Now, Not Yet ein besonders angenehmer Wind, der die bleiernde Ära katastrophaler Nachrichten da gerade durchweht.

 

Wattierte Achtziger-Keyboards quälen sich dabei so unterhaltsam durch funkige Bläsersamples, geslappte Gitarrenriffs, gelegentliches Caféhauspiano, als wäre die Zeit stehengeblieben und doch an der Gegenwart vorbeigerast wie einst Daft Punk. Scheinbar schüchtern und gleichsam viril wimmert sich Sänger Josh Tayler meist durch eine Art nostalgischen Popfuturismus, der wirkt wie ein guter Drogenmix: entspannend und belebend zugleich. Insgesamt: zwar leicht überdreht, aber auf den Punkt wirksam.

half.alive – Now, Not Yet (RCA)

Fabian Römer

Nein, Braunschweig ist gewiss kein Nabel der Welt, und über billigen Kräuterfusel und übellaunige Fußballfans hinaus wird es das auch in der Massenkultur niemals werden – trotz und wegen Fabian Römer. Dafür macht der ziemlich junge HipHop-Veteran, dem angeblich schon vorm Stimmbruch als F.R. eine regionale Fanbase zugetan war, schlicht zu unspektakulären Rap. Genau dieses Understatement ist allerdings ein besonders interessantes Gewürz, das er dem Eintopf des deutschen Sprechgesangs auch auf seinem neuen Album mit dem schönen Mut-zur-Lücke-Titel L_BENSLAUF hinzufügt.

Mit gedämpften Trap- und Lowbeats unterfüttert, schildert er sein provinzielles Großstadtleben und lässt uns eher beiläufig daran teilhaben als es vor den Latz zu knallen wie sonst oft üblich. “Ich schreib Kunst für mich / die keiner versteht” singt F.R. im Titeltrack und fügt hinzu, in der zweiten Reihe zu stehen, sei irgendwie “unbeschreiblich bequem”. Mit seinem Tick, die Enden von Worten und Zeilen zu verschlucken, als sei er schon wieder beim nächsten Gedanken oder mit dem vorherigen unzufrieden, ist sein L_BENSLAUF damit ein musikalisch angenehm reduziertes Manifest der Gelassenheit. Im größenwahnsinnigen HipHop dürfte es davon gerne mehr geben.

Fabian Römer – L_BENSLAUF (Jive Germany)

Why?

Statt gelassen fast schon sediert klingt seit Anbeginn dieses hektischen Jahrtausends auch der flamboyante Jonathan Avram Wolf, genannt Yoni. Vor, nach, während diverser Kollaborationen und Nebenprojekte lotet er unter seinem Bühnenpseudonym Why? in aller Stille die Nischen des HipHop aus und füllt sie mit Beats, Lyrics, Soundfetzen von berückender Zähflüssigkeit. Alles am Alternative-Rap dieses Quartetts wirkt seltsam runtergepitcht, zugleich aber auch lebendig und schrill – als würde man Listener mit Eminem in eine Kiste sperren und von außen in voller Lautstärke mit Ween beschallen.

Geboren im ambivalenten Swing State Ohio, macht ihn das an der Seite seines Bruders Josiah zu einer der vielschichtigsten, vor allem aber kreativsten Figuren des Independent in den USA und überhaupt. Fast jeder der 19 Tracks vom Radioselbstgespräch Mr. Fifth’ Plea bis zum dadaistisch verquasten PunkHop The Crippled Physician bläst seinem Genre, ach – allen Genres den Staub aus den Köpfen und regt mehr zum Nachdenken als Mitwippen an, aber für letzteres ist der Fundus ja auch so schon unerschöpflich. AOKOHIO ist ein grandioses Album für alle, die dem Bauch auch mal das Gehirn vorschalten möchten.

Why? – AOKOHIO (Cargo)

 

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Jantje Friese & Baran bo Odar: Dark & Drogen

Lieber dorthin, wo es wehtut

Das neue Traumpaar des Streamingfernsehens heißt Jantje Friese und Baran bo Odar (Foto: Netflix) Seit Jahren schon sind die Autorin und der Regisseur nicht nur ein Liebespaar, sondern das derzeit erfolgreichste Team am Serienhimmel. Davon zeugt besonders ihr Netflix-Welterfolg Dark. Ein Gespräch über dunkle Phantasien, schicksalhaften Determinismus und wie es war, mal getrennt zu arbeiten.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Frau Friese, Herr Odar, die Atmosphäre der zweiten Staffeln von Dark ist sogar noch trübsinniger als in der ersten. Spiegelt sich das eigentlich auch in der Stimmung am Set wieder oder lacht man sich die Dunkelheit dort im Gegenteil sogar weg?

Baran bo Odar: Eher letzteres. Das ist bei mir allerdings fast immer der Fall, weil ich – obwohl ich bislang eigentlich nur so düsteres Zeug gemacht habe – am Set eher ein Clown bin. Andererseits finden wir Dark gar nicht so düster wie die meisten.

Ach…

Jantje Friese: Also die Bücher sind schon sehr ernst, sehr dramatisch, mit ganz seltenen humoristischen Akzenten. Aber was Bo meint: Wir empfinden Dinge, die andere womöglich als düster und abschreckend empfinden, oftmals als viel heller und können uns sehr gut über abgründige Themen unterhalten.

Odar: Am Set geht es aber auch deshalb so lustig zu, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler etwas extrem emotional darstellen, was nicht einfach so stattfindet, sondern meistens große Bedeutung hat. Das ist auch ein Grund, warum ich stets bemüht bin, die Leute zwischen den Takes aufzulockern. Am Ende steht das schöne deutsche Wort Schauspieler ja anders als der englische Actor fürs Spielerische; da kann und muss man auch mal was riskieren. Ein Filmset ist da wie ein Sandkasten.

In dem Sie Ihre Adressaten – das Publikum – allerdings über Stunden hinweg um jede Chance bringen, Licht am Horizont zu sehen, also Hoffnung zu schöpfen…

Odar: Und zwar ganz bewusst. Ich glaube nämlich, dass der Zuschauer bei seiner Suche nach Hoffnung umso eher im eigenen Leben fündig wird, je schwieriger sie darin zu finden ist. Ich erinnere mich da an David Finchers Seven.

Um einen Serienkiller, der die sieben Totsünden inszeniert.

Odar: Dessen Düsternis fand ich so faszinierend, dass ich zweimal hintereinander ins Kino gegangen bin. Nur eben auch wegen eines Hemingway-Zitats am Schluss: Die Welt ist ein schöner Ort und wert, dass man um sie kämpft. Dieser Hoffnungsschimmer ist uns beiden am Ende wichtig. Es sind schließlich Geheimnisse, die uns kaputt machen, nicht Offenheit. Drogen zum Beispiel: Je geheimnisvoller die behandelt werden, desto verlockender werden sie. Das versuchen wir auch unserer Tochter weiterzugeben.

Friese: Für uns gehört die dunkle Seite fundamental zum Menschen dazu. Wer immer lächelt, ändert ja nichts an den Grausamkeiten der Welt, sondern blendet sie nur aus. Da empfinde ich es als Zuschauerin geradezu als Erlösung, wenn mir die Ambivalenz der Menschheit auch im Film nicht unterschlagen wird.

Das wäre das andere Extrem, jeden Sonntagabend im ZDF. Aufgeweckte Zuschauer suchen allerdings doch auch mal den Mittelweg, von dem zumindest in den ersten drei Folgen der neuen Staffel nicht die geringste Spur zu finden ist. Ändert sich das noch?

Friese: Wenn man sich wie in Dark mit dem schicksalhaften Determinismus beschäftigt, steht die Frage im Zentrum, ob man dem ewigen Kreislauf des Leidens wirklich entgehen kann. Die Antwort gibt es womöglich am Ende der dritten Staffel. Wenn Sie so lange durchhalten, gibt es dort vielleicht die gewünschte Erlösung (lacht).

Baran: Und alle tanzen singend in den Sonnenaufgang.

Sind Sie eigentlich auch von Anfang bis Ende am Entstehungsprozess beteiligt oder endet ihre Arbeit am Schreibtisch?

Friese: Anders als in der ersten Staffel war ich diesmal selten am Set. Weil ich es ehrlich gesagt so langweilig finde, dass ich mich schnell deplatziert fühle. Außerdem bleibt bei der Geschwindigkeit, in der wir für die dritte Staffel liefern müssen, kaum Zeit. Keine Ahnung, wie Showrunner, die alles auf ihre Schultern legen, das alleine hinkriegen. Vier Schultern sind besser.

Odar: Und wir sind ja auch nicht nur privat ein Paar, sondern arbeiten auch seit 16 Jahren die meiste Zeit zusammen.

Und das klappt?

Odar: Das klappt. Wir haben bei Moviepilot die Liste unserer Lieblingsfilme eingegeben und gemerkt, dass der Match bei nahezu 100 Prozent lag. Zwischen uns herrscht eine so organische Übereinstimmung, dass Jantjes Wortsprache oft von selbst zu meiner Bildsprache passt.

Friese: Trotzdem sprechen wir natürlich, viel sogar. Ich brauche unbedingt sein Feedback. Aber schon, weil wir früher auch vieles gemeinsam geschrieben haben, wissen wir oft auch ohne viel Worte, wo es hingehen soll.

Sind Sie dennoch trotz dieser Bindung quasi Tag und Nacht bei der Arbeit?

Friese: Da kommt man in unserer Konstellation nicht drumherum.

Odar: Keine Chance.

Friese: Wir sind zwar nicht mit uns, aber unseren Projekten verheiratet.

Odar: Und die gehen so nahtlos ineinander über, dass am Ende vom einen bereits die Arbeit am nächsten beginnt.

Puh, klingt anstrengend.

Odar: Ist es auch manchmal und macht bisweilen sehr müde. Aber ich habe es lieber so, als fünf Jahre auf den nächsten Film zu warten. Wir können uns nicht beschweren. Ein Künstler hört nie auf, Kunst zu machen. Meine schlimmste Vorstellung war immer, fünf Tage von nine to five aufs Wochenende hinzuarbeiten.

Friese: Das ist für Außenstehende oft schwer zu verstehen, aber genau das, was wir wollen. Dennoch brauchen wir die Wochenenden gerade äußerst dringend.

Könnten Sie denn nach zehn Jahren im Duett überhaupt noch mit anderen arbeiten?

Odar: Doch, ich habe in den USA einen Film gemacht. Komplett ohne Jantje.

Friese: Verrückt.

Odar: Aber da habe ich schon auch gemerkt, dass ich mit ihr lieber arbeite.

Was ja auch dem Vertrag entspricht, in dem Netflix sie beide vollständig an sich gebunden hat.

Friese: Nur fürs Fernsehen. Wir haben einen exklusiven Serien-Deal mit Netflix. Kinofilme dürften wir auch woanders machen.

Ist denn nach der dritten Staffel definitiv Schluss mit Dark?

Odar: Das war von Anfang an der Plan, und er bleibt es auch. Wir wollten nie das Schicksal von Lost teilen, das klar ersichtlich auf drei Staffeln ausgelegt war, wegen des Riesenerfolgs aber immer noch weiter und weiter fortgesetzt wurde.

Haben Sie nach all der Tristesse danach denn womöglich das Bedürfnis, etwas Leichtes, womöglich gar Heiteres zu machen?

Friese: Nee, wir sind als Menschen schon heiter genug. Außerdem musste ich beim Versuch, zwei Komödien zu entwickeln, feststellen, dass das nichts für mich ist. Es hat mich in meinem Fach des Dramas zwar ungeheuer weitergebracht, kommt aber nicht organisch aus mir heraus. Ich gehe lieber tiefer dorthin, wo es wehtut.

Odar: Weil ich am Set so viel Quatsch mache, wird mir zwar oft nahegelegt, mal Komödie zu machen. Aber wenn, dann müsste es was richtig bizarr Fieses wie die norwegische Serie Norsemen sein, die Vikings verarscht.

Friese: Unglaublich witzig, wir haben echt Tränen gelacht.

Odar: Sehen Sie – wir beide.

Das Interview ist vorab bei DWDL erschienen

Springers Aktien & Vogels Blochin

Die Gebrauchtwoche

29. Juli – 4. August

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie: sechs Jahre, nachdem der amerikanische Finanzinvestor KKR die ProSiebenSat1 Media SE gewinnbringend abstoßen konnte, hortet er gerade die Aktienmehrheit an der Springer AG – also jenes Medienunternehmens, das zuvor vergeblich versucht hatte, Leo Kirchs Konzern zu kaufen, was seinerzeit nur am Bundeskartellamt gescheitert war. Ziel der angeblich freundlichen Übernahme mit anschließender Entfernung vom Börsenparkett: bar lästiger Quartalsberichte und öffentlicher Aufmerksamkeit profitabler zu werden, also noch mehr Geld, statt Journalismus aus dem früheren Presseverlag zu quetschen.

Ein richtiger Presseverlag mit echten Journalist*inn*en, die sogar wahrhaftigen Journalismus, statt populistischer Hetze betreiben, hat derweil schwer mit der Moderne zu kämpfen: Bei der Süddeutschen Zeitung ist ein veritabler Richtungsstreit um die künftige Gewichtung von Print und Online ausgebrochen. Was noch dadurch besorgniserregender wirkt, als selbst die wichtigste deutsche Tageszeitung zurzeit so sehr sparen muss, dass – Achtung, Sakrileg! – in München wohl das jährliche Sommerfest und der freie Faschingsdienstag 2020 gestrichen wird. Keine gute Zeit also für Medien mit Haltung und Niveau – weshalb bisweilen Künstler ohne beides einspringen, um beidem öffentlichkeitswirksam Geltung zu verschaffen.

Weil die AfD Angela Merkel nun auch den Kindermord am Frankfurter Hauptbahnhof in die Schuhe schieben wollte, twitterte Oliver Pocher gegen die Rechtsradikalen im Bundestag – also ausgerechnet jener Comedian, der seit langem für zynische Pennälerwitze auf Kosten anderer berüchtigt ist. Da tat RTL nun, was RTL halt so tut, und lud Pocher nebst AfD-Vertreter zum Streitgespräch bei Guten Morgen Deutschland, was schon ein wenig nach Schlammcatchen im Waschcenter klingt. Gehaltvoller wäre es womöglich, wenn das Magazin den manchesterkapitalistischen Tier- und Menschheitsfeind Clemens Tönnies einladen würde, um mit – sagen wir: ein paar jener Menschen aus Afrika zu diskutieren, die er in seiner Rede vor Handwerkern in Paderborn rassistisch beleidigt hat.

Die Frischwoche

5. – 11. August

Da fühlt man sich schon ein wenig an die vielfach verstörend heitere Atmosphäre einer hochinteressanten ZDF-Dokumentation erinnert. Unterm Titel Wir im Krieg kompiliert Jörg Müllner am Dienstag um 20.15 Uhr nationalsozialistische Home-Videos in ihrer zynischen Beiläufigkeit. Ein ähnlich bedrückendes Zeitdokument wie Shooting the Mafia (Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD) – das bildgewaltige Porträt der unerschrockenen sizilianischen Fotografin Letizia Battaglia. Bedrückend soll wohl auch die Atmosphäre einer fiktionalen Fortsetzung sein, die das Zweite uns und Jürgen Vogel mal lieber erspart hätte.

Als Blochin beendet er die Cop-Saga heute um 22.15 Uhr in Spielfilmlänge, und wie die ersten fünf Teile vor vier Jahren ist auch Matthias Glasners Serienfinale von so lächerlicher Effekthascherei, dass jede der 110 Minuten bestenfalls unfreiwillig komisch wurde. Wie gelungene Fernsehfiktion um Kriminalität und Korruption sein kann, beweist ab Freitag dagegen der US-Sender Showtime mit City on a Hill auf Sky. Tom Fontanas zehnteilige Zeitreise ins Boston der frühen Neunziger mit Kevin Bacon als schmieriges FBI-Fossil zwischen Glanz und Verfall einer gespaltenen Metropole ist allerfeinstes Popcornentertainment mit erstaunlich viel Tiefgang. Was die Serie – mal abzüglich einiger Faden Tiefe – mit der dritten Staffel von Glow am gleichen Tag auf Netflix teilt.

Ungefähr zur selben Zeit beider Formate spielt übrigens ein Porträt, mit dem Arte am Sonntag um 22.15 Uhr einer eigenartigen Figur der Zeitgeschichte huldigt: Being David Hasselhoff. Gemeinsam mit einem DDR-Konzert von Depeche Mode und dem realen Popmärchen Luga City Lights im Anschluss, startet der Kulturkanal hier gewissermaßen ins Jubiläumsjahr des Mauerfalls – und leitet mit dem Spielfilm vorweg zugleich die Wiederholungen der Woche ein: Goodbye, Lenin! von 2003. Weil es davon so viele gibt, beschränken wir uns dabei allerdings mal auf drei Tatorte dreier Krimiepochen, allesamt am Dienstag: um 22.10 Uhr im WDR: Ballauf noch ohne Schenk im Kölner Fall Gefährliche Freundschaft von 1993, anschließend ein herrlich patinierter Schimanski von 1985 (Doppelspiel) und parallel im NDR: der wunderbare Finnland-Ausflug Tango für Borowski des Kieler Kommissars vor neun Jahren.


Orange is the new Black: divers & böse

Woman is the new Bad

Mit der siebten Staffel endet heute die Frauenknast-Serie Orange is the new Black (Foto: Netflix), mit der Netflix nicht nur sechs Jahre lang richtungsweisende Unterhaltung geboten hat, sondern die Frau in ihrer ganzen Vielfalt gefeiert. Ein trauriger Abgesang.

Von Jan Freitag

Es gibt da eine Konstante in Film & Fernsehen, die fast so haltbar ist wie der Hang zum Happyend: Frauen sind die Guten. Falls sie ausnahmsweise nicht die Guten sind, sind Frauen zumindest nie die richtig Bösen. Und wenn sie doch mal richtig böse werden, sind Frauen gern allein unter noch böseren Männern. So weit ein Branchengesetz, das selbst Gegenspielerinnen von 007 selten in Frage gestellt haben; es sei denn, kurz vorm Abspann wären sie nicht unter ihm gelandet, sondern in Litchfield.

Kein fiktionaler Ort beherbergt schließlich mehr weibliche Delinquenz, Grausamkeit und Heimtücke bei weniger Erbarmen, Mitgefühl, gar Gnade als das Frauengefängnis irgendwo im Nirgendwo der USA. Umso erstaunlicher, dass es seit 11. Juli 2013 den Rahmen einer Art Großkammerspiel bildet, die in der Rubrik „Comedy“ TV-Preise hortet wie Netflix Neukunden: Orange is the new Black. Mit der siebten Staffel leitet der Streamingdienst nun das Finale ein. Doch schon vor den letzten 13 von dann 91 Folgen ist absehbar: So außergewöhnliche Protagonistinnen in so vielschichtigen Problemlagen wird es auf so unterhaltsame Art so bald nicht mehr geben.

Aber warum auch? Der beständig wachsende Hauptcast einer Notgemeinschaft, deren Umfang allenfalls mit Game of Thrones vergleichbar ist, hinterlässt auch ohne Fortsetzung oder Kopien augenfällige Stempel auf dem Markt horizontaler Dramaserien. Bis die leutselige Managerin Piper Chapman (Taylor Schilling) vor fast genau sieben Jahren wegen eines lange zurückliegenden Drogendeliktes für zunächst 14 Monate aus ihrer New Yorker LOHAS-Blase gerissen wird, waren Justizdramen im Allgemeinen und Knastdramen im Besonderen meist Männersache mit weiblichen Accessoires.

RTL hat zwar schon 1997 straffällige Frauen Hinter Gittern inszeniert; im Vergleich zu Pipers Anstaltsgenossinnen bestand das Personal der Seifenoper jedoch aus Kleinkriminellen mit leicht verrohtem Umgangston. Litchfield dagegen versammelte die gesamte Kriminalstatistik auf engstem Raum und räumte dort frei von moralisierender Küchenpsychologie mit dem Mythos auf, der zivilisatorische Abgrund sei für schwere Jungs reserviert. Die gewissen- und rücksichtslose Knastpatin Vee (Lorraine Toussaint) etwa hätte dem Genre-Pionier Oz ebenso alle Gangsterehre bereitet wie ihre Geschlechtsgenossin Fig (Alysia Reiner), die als knallharte Anstaltsleiterin bedenkenlos alle Humanität der Rentabilität unterordnet.

Und auch sonst wimmelt es im Netflix-Panoptikum menschlicher Untiefen nur so vor Wölf(inn)en im Wolfspelz von beispielloser Diversität, während uniformierte Unschuldslämmer noch seltener sind als solche im orangenen Gefängnisdress. Weil von der evangelikalen Psychopathin Pennsatucky bis zum empathischen Drogenwrack Nicky, von der russischen Knastglucke Red bis zur fröhlichen Kampflesbe Big Boo nahezu jede Figur mit ausführlicher Biografie versehen ist, eignet sich jede davon gleichsam zur Hassfigur oder Sympathieträgerin, die man wahlweise fürchten oder lieben darf, manchmal gar beides zugleich. Kein Wunder, dass gefallene Engel wie Piper und ihre Hop-on-hop-off-Affäre Alex (Laura Prepon) in dieser helllichten Vorhölle bisweilen auf der dunklen Seite der Macht landen, aber stets zurückkehren auf den Pfad der Tugend.

Als erstere zum Start der letzten Staffel mit dem sprechenden Titel „Der Anfang vom Ende“ entlassen wird, zeigt Showrunnerin Jenji Kohan daher nochmals ihre dramaturgische Finesse. Während Piper nach der vorherigen Verlegung in ein noch viel brutaleres Gefängnis auch jenseits der Mauern Gefangene des inhumanen US-Strafsystems bleibt, schöpft die lebenslang verurteilte Taystee (Danielle Brooks) aus ihrer Hoffnungslosigkeit zusehends neue Kraft. Erst dank solcher Sollbruchstellen bleibt OITNB ein bitterböses, subtil komisches, sehr präzises Sittengemälde einer zutiefst zerrütteten, gespaltenen, ungerechten Nation – und zwar bis in den melodramatischen Schlussakkord, der jedes Einzelschicksal geigenumflort gen Zukunft entlässt.

Klingt schwulstig, zugegeben. Doch diese Art finaler Trauerbewältigung ist spätestens seit Six Feet Under nicht nur üblich, sondern in diesem Fall auch dringend nötig. Schließlich sorgt sie für ein wenig Erlösung im epischen Leid mehr oder minder schuldbeladener Individuen, die nun endlich auch weiblich sein dürfen. Ein schwacher, schöner, sehenswerter Trost.