Horn-Gelächter & Tour-Dokumentationen

Die Gebrauchtwoche

TV

19. – 25. Juni

Alle schweigen, keiner lacht – hat Marion Horn etwa Witze gemacht? Als sie der Bild-Belegschaft mitteilte, Teile ihrer Arbeit würden künftig von KI und Computern ersetzt und deshalb sechs der 18 Regionalausgaben im Zuge weitreichender Sparmaßnahmen (für einfache Angestellt, nicht das hochbezahlte Management natürlich), wirkte die Chefredakteurin als einzige im Raum amüsiert und kicherte grob, wie ein Video zeigt. Zur Erklärung gab sie zum Besten, „Lachen muss erlaubt“ sein. Witzig.

Ungefähr so wie Bayerns LKA, das die nazikommunistischen Klima-Djihadistenantichristen der Letzten Generation härter anpackt als den NSU, gezielt Pressehotlines abhört und damit auch Gespräche journalistischer Art. Oder so witzig wie die stochastische Dehnübung des Testosterontoxikologen Thomas Stein, der Til Lindemanns Machtexzesse in Louis Klamroths versemmelter #MeToo-Ausgabe von Hart, aber fair sinngemäß damit verteidigte, bei 300.000 Konzertgästen seien 100 Vergewaltigungen doch eigentlich eine Spitzenquote, also absolut hinnehmbar.

Auch das ähnlich witzig wie ein Gastbeitrag von Steins Giftküchenlaborant Bruno Jonas, einst angeblich Kabarettist, dessen Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung, folgerichtig unterzeichnet von der Querdenkerin Monika Gruber, rechte Satire rechtfertigt. Ein Gedanke, den das Medienportal Meedia demnächst nicht mehr kommentieren könnte, nachdem es witzigerweise Insolvenz angemeldet hat.

Damit im Ringen um die Pointe der Woche aber dennoch dem Ersten unterliegt, dessen Sportschau womöglich nach 62 Jahren Geschichte sein könnte, wenn die DFL ihre Drohung wahrmacht, dem BundesligaTopspiel am Samstag so viel Exklusivität beimessen zu wollen, dass die Fußballhäppchenlegende quasi parallel zum aktuellen sportstudio laufen müsste. Das wiederum fände Lea Wagner womöglich nur so bedingt lustig.

Als Teil der großen ARD-Personalrochade soll die Wintersportexpertin schließlich Jessy Wellmer beerben, die anstelle bei den Tagesthemen dafür den Job von Caren Miosga übernimmt, die wiederum anstelle von Anne Will den Sonntagstalk moderieren wird und damit das Hochamt der deutschen Stuhlkreispolitik, was für reichlich Medienrummel sorgt und einmal mehr beweist, dass sinkende Relevanz noch lange nicht für sinkende Aufmerksamkeit sorgen muss.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

26. Juni – 2. Juli

Womit wir, bisschen holpriger, aber geradliniger Übergang, bei der 192. Fortsetzung von Sex and the City wären, die gerade abermals unterm Titel And Just Like That bei Sky Diversity, Wokeness, Emanzipation und Sinnhaftigkeit simuliert, am Ende aber doch wieder nur ein immerwährender Werbespot für besinnungslosen Luxuskonsum ist. Zu dumm, dass der Sommer zwar kein ganz so großes Fernsehloch wie früher gräbt, aber dennoch wenig zu bieten hat.

Mangels echter Empfehlungen gibt es daher jetzt eher ein emotionsloses Potpourri der Neustarts. Angefangen mit der Netflix-Doku Eldorado, die ab Mittwoch immerhin ein vielfach verdrängtes Kapitel im dicken Band deutscher Menschenverachtung beleuchtet, nämlich das, was heute LGBT+ heißt, unterm Hakenkreuz. Parallel dazu setzt Sven Voss seine True-Crime-Reihe XY Gelöst mit vier Folgen in der ZDF-Mediathek fort.

Apple TV+ startet derweil den Echtzeit-Thriller Hijack um eine Flugzeugentführung im 24-Stil, bevor die ARD-Mediathek tags drauf zum Start des wichtigsten Radrennens überhaupt den Dreiteiler Mythos Tour bringt, der allerdings verglichen mit dem grandiosen Netflix-Achtteiler Unchained, zu Deutsch: Im Hauptfeld geradezu kümmerlich daherkommt – was der Streaming- und Fernsehpodcast Och, eine noch in seiner neuen Folge übrigens genauer ausarbeitet.

Und damit zur einzigen, wirklich bemerkenswerten Neuerscheinung der Woche, die dann auch noch vom Kino kommt: Bulldog, das 90-minütige ARD-Debüt des Filmemachers André Szardenings, in dem ein wunderbares Ensemble aus Lana Cooper, Julius Nitschkoff und Karin Hanczewski am Sonntag (23.20 Uhr) im Ersten eine auf zurückhaltende Art raumgreifende Dreiecksbeziehung im deutschen Prekariat auf Ibiza verkörpert. Und weil das montagsfernsehen nächste Woche ausfällt, noch in Kürze vier langfristige Tipps:

Kizazi Moto, ab 5. Juli bei Disney+, zehnteilige Anime-Anthology von Kreativen aus sechs Ländern, die sich Afrikas Zukunft zwischen Tradition und Afrofuturismus ausmalen

The Ex-Wife, ab 7. Juli bei Paramount+, amerikanische Psychothrillerserie

Legend of Wacken, ab 7. Juli bei RTL+, grandioses, realsatirisches Biopic über die Gründer des legendären Metal-Festivals

Then You Run, ab 7. Juli bei Sky, feministische Drogenthrillerserie um eine Gruppe Teenagerinnen auf der Flucht durch halt Europa


Afrob: Deutscher Rap & König ohne Land

Ich bin an Lösungen interessiert

Afrob

Unterm Pseudonym Afrob macht der schwäbische Rapper Robert Zemichiel seit 25 Jahren HipHop, der zugleich politisch und persönlich ist. Beides vereint er auch auf seiner neuen Platte König ohne Land, auf dem der Mittvierziger anfangs stinkwütend klingt, um später ruhig zu werden. Ein Gespräch über Hoffnung im Chaos, Durchatmen im Lockdown und warum er das ewige Kämpfen satthat.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Im Intro deiner neuen Platte sagst du, „Menschen dieser Zeit / sind absolut verrückt“. Alle Menschen?

Afrob: Nein, denn nichts auf der Welt gilt für alle, aber aus meiner Sicht ist schon ein Großteil der Leute außer Kontrolle geraten. Trotzdem glaube ich an die Menschheit, die macht nämlich – auch wenn man davon gerade nur wenig sieht – insgesamt mehr schöne als schlechte Dinge. Was für mich bedeutet, nie die Hoffnung zu verlieren.

Musikalisch klingt das Album allerdings so rough und wütend, als hättest du einen Teil deiner Hoffnung eingebüßt.

Nach hinten heraus werde ich versöhnlicher, aber stimmt: zu Beginn schmeiße ich den Leuten ein paar Stücke Fleisch hin und schaue, was sie damit machen. Klingt dann vielleicht negativ und verschwörungsideologisch, aber ein bisschen Provokation kann nie schaden.

Ist es das Negative, Verschwörungsideologische, was die Leute aus deiner Sicht am wahnsinnigsten macht?

Wahnsinnig ist vor allem, dass sie sich nicht mehr zuhören können und wollen, dass sie die Aussagen des Gegenübers nicht mehr in ihre Argumentationen einfließen lassen, dass sie deren Grenzen nicht respektieren, also Grundprinzipien der Kommunikation missachten.

Verglichen mit deiner Anfangszeit 1999 ist also alles schlimmer geworden?

Ja, damals hab‘ ich den Wahnsinn im Mikrokosmos empfunden als einer, der nicht so aussieht wie andere und es zu spüren kriegt. Das hat den Mikrokosmos nun in den Makrokosmos verlassen und macht es mir schwer, durch die Öffentlichkeit zu navigieren und gemeinsame Nenner zu finden.

Das versuchst du?

Klar. Schließlich bin ich trotz meiner Hautfarbe privilegiert, sozial aufgestiegen, gut beschäftigt. Aber die Außenwahrnehmung auf mich ist eine andere. Und den ewigen Kampf, der mir als Schwarzer im weißen Mitteleuropa auferlegt wurde, wollte ich gar nicht; das sollten eigentlich jene machen, die dafür gewählt wurden. Ich bin an Lösungen interessiert, nicht an Problemen.

Mit deiner Musik als Kommunikationsangebote oder sind das nur Statements?

Darin sehe ich keinen Widerspruch, sofern es nicht erzieherisch ist. Wenn sich jemand mit meiner Sicht der Dinge identifizieren kann und will, bin ich froh drüber, würde es aber nie voraussetzen. Dennoch habe ich Überzeugungen, deren Gegenposition indiskutabel ist, durch Social Media allerdings unglaublich viel schneller als früher Verbreitung finden.

Der Bullshit wird vernehmbarer.

Was wir jetzt erleben, gab es in ähnlicher Form schon immer, selbst Dinge wie Cancel Culture. Sie verlassen allerdings schneller den Raum erzeugen ungleich lautere Empörung.

Erreicht ein Kommunikationsangebot wie „König ohne Land“ denn auch die lauthals Empörten oder am Ende doch nur die Gleichgesinnten deiner eigenen Bubble?

Da mache ich mir schon lang keine Illusionen mehr, nein.

Weil du trotz deiner Erfolge nicht die Reichweite größerer Popstars hast?

Weil ich mir meines Dunstkreises bewusst bin, in dem ich niemanden belehren und sagen will, wie sie ihr Leben führen sollen. Deshalb bleiben meine Texte meistens eher auf zwischenmenschlicher Ebene.

Warum wimmelt es auf König ohne Land dann nur so vor Hinweisen auf Krieg und Waffen?

Stimmt, das bringt vielleicht die Schwarze Perspektive mit sich. Darüber hinaus aber wird es gerade im zweiten Teil des Albums ruhiger.

Ist das auch eine Altersfrage, mehr Gründe zur Wut zu haben, aber sich weniger darüber aufzuregen?

Vielleicht, aber wenn jemand wie ich, der tendenziell noch immer am Rand der Gesellschaft steht, ständig wütend wird, würde er viele Klischees erfüllen, die ich nicht erfüllen will. Es ist einfach klüger, emotionslos und strategisch ans Thema Rassismus heranzugehen. Damit es mir irgendwann nicht mehr auf die Eier geht, brauche ich daher Ergebnisse, und zwar nicht nur für mich, sondern alle, die aussehen wie ich. Dafür braucht man gelegentlich ein bisschen Wut, aber auch den Kopf, das Herz, bisschen Muskeln, sonst ist es schwer, Leute auf den Weg zu bringen. Und dafür machte mein Album ein paar Angebote, die der HipHop mit sich bringt.

Das CNN der Schwarzen, wie es früher hieß.

Jedenfalls ein Medium mit sehr viel Text, dem zugehört wird. Und weil ich es noch richtig physisch auf Vinyl pressen lasse, erreicht es die Menschen besser.

Empfindest du dich dabei als Einzelkämpfer oder Teil einer Bewegung?

Weil die Leute, mit denen ich privat zu tun habe, oft dieselben sind, mit denen ich Musik mache, existiert schon ein gemeinsamer Nenner, was aber nicht heißt, dass wir alle dieselben Kämpfe ausfechten. Zumal ich, obwohl sich das gesellschaftliche Klima durch die Flüchtlingsdebatten seit 2015 nochmals verschärft hat, selber nicht dauernd welche führe. Ich mache auch keine Gesinnungstests bei Leuten, mit denen ich zu tun habe. Weißt du, wer meine Platten kauft?

Fans & Friends?

Überwiegend Deutsche, Männer vor allem, denen es völlig egal ist, wie ich aussehe, weil sie meine Musik lieben. Das ist meine Bewegung.

Und wie ist es mit der HipHop-Szene, deinen Wurzeln in Stuttgart zum Beispiel?

Beste Stadt der Erde (lacht). Nee, diese Romantisierungen alter Subkulturen an einem Ort, die zusammenhalten, sind schön, aber falsch. Das macht die Wirklichkeit allerdings nicht unbedingt schlechter, nur realistischer. In den letzten fünf Jahren, die in jeder Hinsicht hart für alle waren, haben sich neue Gemeinschaften rausgebildet, die mir neue Hoffnung machen. Ich glaube an die Zukunft. Weißt du, was ich mit meinen Platten mache?

Na?

Ich schicke drei Kopien davon zu einem Archiv in München, das deutsche Kunst sammelt, und hoffe, die lagern das 300 Meter tief unter der Erde, und in 200 Jahren holt jemand meine Alben als Zeitdokumente hoch und hört rein, was wir damals zu sagen hatten.

Du schreibst deine Texte für die Ewigkeit?

Klar, ich bin Schwabe. Alles muss von Dauer sein: das Haus, der Garten, die Alben.

Macht dich das zum Perfektionisten?

Ja, und das macht mich wahnsinnig, immer in Schönheit sterben zu wollen (lacht). Ich beneide Leute, die ins Studio gehen und in zwei Wochen ein Album produzieren; ich brauche manchmal zwei Wochen für einen Vers.

Bist du denn mit diesem Album in Schönheit gestorben und kannst es nach München schicken?

Sonst würden wir hier nicht sitzen, deshalb hab‘ ich den Start ein Jahr verschoben, und wenn ich jetzt so drüber nachdenke, ist es womöglich falsch, tagelang über einer Zeile zu brüten. Das ist nicht gewissenhaft, sondern ängstlich. Aber Angst ist okay, Angst ist gut, Angst kann dich schützen, vor dir und anderen. Deshalb sage ich im Intro: „Ich denk’s immer groß / ich mach’s immer klein“.

An anderer Stelle rappst du über die Corona-Lockdowns: Ich durfte nicht ans Mic / doch ich war niemals so frei“. Ernsthaft?

Ernsthaft. Obwohl meine Eltern beide gestorben sind, ist dieses Durchatmen unbezahlbar. Ich hatte endlich mal keinen Zwang, irgendwas zu machen. Schön.


Protoypen & Riesenteenies

Die Gebrauchtwoche

TV

12. – 18. Juni

Über Tote, sagen Lebende, soll man nichts Schlechtes sagen. Da einem zu Silvio Berlusconi allerdings selbst nach langer Bedenkzeit nichts, aber auch gar nichts Gutes einfällt, über das es sich post mortem zu sprechen lohnt, bliebe den Medien eigentlich bloß Schweigen. Weil dies wiederum weder in Italien noch hierzulande denkbar schien, wurde der prinzipienlose Prototyp aller Populisten förmlich besungen – als Hallodri und Schlawiner vor allem, der ja immerhin nicht ganz so fürchterlich war wie seine Schüler Trump oder Orbán.

Was daran abzulesen ist: wann immer scheint, es könne nicht mehr schlimmer werden, wird es garantiert genau das. Selbst die Tatsache, dass Fox News sein früheres Sturmgeschütz Tucker Carlson für dessen Twitter-Kanal verklagt, deutet nicht auf Läuterung des Hetzkanals hin, sondern wie weit rechts Elon Musk ihn überholt. Auch die Presseratsrüge gegen Holger Friedrich, Stasi-Informant mit Verleger-Gegenwart, ist kein Fanal für den Informantenschutz, sondern dessen Antithese, wenn er Salon-Nazis wie den AfD-Fan Julian Reichelts schützt.

Die frisch gebackene RBB-Intendantin Ulrike Demmer dagegen hätte beinahe Hoffnung auf Änderung der öffentlich-rechtlichen Selbstbedienungsmentalität gemacht – wäre ihre Wahl nach dem überstürzten Rückzug ihrer Konkurrenz Heide Baumann und Jan Weyrauch nicht ungefähr so chaotisch verlaufen wie die vergangenen zwölf Monate beim Chaossender. Und dass Pro7Sat1 mehrere Hundert Stellen streicht, ist auch alles andere als good news.

Immerhin – ARD und ZDF konnten sich dazu durchringen, ab 20. Juli jene Fußball-WM zu übertragen, bei der Deutschland theoretisch die Vorrunde überstehen könnte. Mittwoch zuvor zeigte der Deutsche Drehbuchverband bei zwei Demonstrationen – wenngleich ein Stück unter der Aufmerksamkeitsschwelle – dringend nötige Solidarität mit dem Streik der Fernsehautor:innen in den USA. Und das Browser Ballett zeigte derweil Solidarität mit den Opfern von Til Schweiger, verdichtet in einer wirklich gelungenen Satire.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

19. – 25. Juni

Um die handelt es sich auch in der Zivilgesellschaftspersiflage Wir sind die Meiers, ab Freitag in der ZDF-Mediathek, wo Showrunner Chris Geletneky bundesdeutsche Alltagsabsurditäten von SUV-Ökos bis PR-Diversity anhand einer fiktiven Familie durchdekliniert. Nicht ganz so gelungen ist hingegen die Thriller-Persiflage Schlafende Hunde, tags zuvor bei Netflix – schon, weil es gar keine Persiflage ist, sondern ein Konzentrat der Mittelmäßigkeit hiesiger Krimis, gebündelt in sechs Folgen maximal klischeehafter Sehgewohnheitsberechnungen.

Ähnliches gilt auf dem Feld der Science-Fiction für die Sky-Serie The Ark, in der es oberflächlich um eine extraterrestrische Arche Noah auf dem Weg zur Ersatzerde geht, weil die Menschheit das Original zugrunde gerichtet hat. Auf halber Strecke havariert das Raumschiff allerdings, was Showrunner Dean Devlin (Independence Day) zu einem so stereotypen Kammerspiel macht, als hätte jemand die Lindenstraße in Videospielkulissen der Neunziger gedreht. Es ist aber nicht alles schlecht, was die Woche bringt.

Am Freitag hat der linksradikale Rapper Boots Riley ausgerechnet dem Konsumdiktator Amazon eine komplett durchgeknallte Kapitalismuskritik untergejubelt, in der die Unterdrückten der USA – vornehmlich Schwarze – mithilfe eines vier Meter großen Teenagers gegen das weiße Establishment aufbegehren. Sieben Teile ist I’m a Virgo von derat enthemmtem Aberwitz, dass ihr magischer Realismus wahrer wirkt als jede Wirklichkeit. Und damit fast so authentisch wie The Dry.

Ausgerechnet in ihrer versoffenen Heimat Dublin will die trockene Londonerin Shiv ihr verkorkstes Leben geradebiegen. Und wie Paddy Breathnach sie dabei nach Büchern von Nancy Harris wie ein Flummi gegen die Wände ihrer Vergangenheit springe lässt, ist trotz der boshaft miesen Synchronisation ab Samstag in der ARD-Mediathek auf vergnügliche Art tiefgründig. Also das Gegenteil der Marvel-Serie Secret Invasion (Mittwoch, Disney+), eine Art V – Die Besucher für Superheldenfans. Für Alltagsmenschenfans wäre da empfehlenswerter, sich ab Donnerstag in der ARD-Doku Flaesh den deutschen Tattoo-Boom erklären zu lassen.


Django Django, Anadol, QOTSA

Django Django

Die – fragile – Daseinsberechtigung der EP besteht in ihrer Brückentechnologie von der Single zum Album, ein halbvoller Zwischenraum ohne kommerziellen Mehrwert und auch künstlerisch umstritten. Dass die englische Discorockband Django Django in zehn Jahren bei 23 Kurz- gerade mal vier Langspielplatten produziert hat, mag da für einen Schwebezustand fortwährender Unentschlossenheit stehen. Aber der ist jetzt ja zu Ende.

Nr. 5 Off Planet ist eine LP aus vier EPs, die alle Sphären des Quartetts umfassen, also bündeln, was ihr eklektisches Werk so kennzeichnet: Nostalgischen Rave aus der Happy-Mondays-Ära, gepaart mit dystopischem Südlondoner Soul, dem Produzent und Drummer David Maclean von Minimal House über Wavepunk bis Powerpop, gar Eurodance alles beimengen, was digital-analoge Grauzonen so hergeben.

Django Django – Off Planet (Because Music)

Anadol

Was Gözen Atila wem beimischt, worin genau das Ergebnis besteht und ob es dafür irgendein originelles Etikett geben könnte – da hinterlässt eine*n auch das neue Album Hatıralar seltsam ratlos – schon weil der Name nur muttersprachlich kundigen Vaterlandsleuten geläufig sein dürfte. Hatıralar ist Türkisch für “Erinnerungen”, von denen die Keyboarderin allerdings keine im eigenen Gedächtnis gesammelt haben dürfte.

Anadols zwölf Instrumentalstücke sind schließlich Versuche, Orient und Okzident so zu vereinigen, dass ihre Lebensmittelpunkte Berlin und Istanbul mithilfe windschiefer Orgeln gleichermaßen nostalgisch und futuristisch klingen. Ein bisschen in der Art drittklassiger James-Bond-Kopie-Soundtracks quetschen sich dadaistische Krautrockfragmente da durch psychedelische Flächen und kommen als sämiger Quatsch mit Soße für Pop-Gourmets wieder raus. Lecker.

Anadol Hatıralar – (Morr Music)

Queens of the Stone Age

Queens of the Stone Age dagegen, vor 25 Jahren aus der düsteren Gruft von Grunge und Stoner, Kyuss und Screaming Trees, schmeckt für moderne Geschmäcker gewiss abgestanden nach breitbeinger Rock-Pose und Gitarrensolo-Onanie. Aber mal ehrlich? Pfeif drauf! Denn das Quintett ums letztverbliebene Gründungsmitglied – Sänger und Distortion-Nerd Josh Homme – hat abgerüstet, ohne gleich wehrlos dazustehen.

Die Stimme gewohnt pathossatt, versuchen QOTSA anders als auf einigen der sieben Vorgänger-Alben nicht mehr ständig, sich im mathematischen Grenzbereich ihrer Fähigkeiten selbst zu überholen/überbieten/überhöhen, was zwar meistens virtuos war, aber bisweilen auch anstrengend. In Times New Roman dagegen ist reduzierter, waviger, bisschen mehr Franz Ferdinand als Nietenlederjacke wenn man so will und damit auch für Rockkostverächter durchaus nahrhaft.

Queens of the Stone Age – In Times New Roman (Matador)


Rammsteins Härte & Titanics Six

Die Gebrauchtwoche

TV

5. – 11. Juni

Rezo ist wieder da. Wie lange er weg war, lässt sich in der Schnelllebigkeit unserer digitalen Epoche nur mutmaßen, aber gut zwei Jahre seit seinem Video zur Covid-Politik sind nach Internet-Maßstäben episch und jetzt wurde es eben Zeit für den blauhaarigsten Kommentator bundesdeutscher Befindlichkeiten. Denn #MeToo hat eine neue deutsche Dimension, die viel mit neuer deutscher Härte zu tun hat.

Rezo hat sich über die Missbrauchsvorwürfe gegen den vergewaltigungslyrischen Brachialpennäler Till Lindemann zu Wort gemeldet, und zwar wie so oft sprachgewaltig. Das tut auch bitter not. Nachdem nämlich immer mehr Frauen den strukturellen Machtmissbrauch des Rammstein-Führers beschreiben, dreht das asoziale Netz den Spieß um und bläst unter Hashtags wie #istandwithrammstein zum Gegenangriff, den Lindemanns Anwälte mit Informationsblockaden plus Täter-Opfer-Umkehr flankieren.

Damit nicht genug, verschweigt die Staatsanwaltschaft Berlin Anzahl und Art der Anzeigen, da kein presserechtlicher Auskunftsanspruch bestehe. Interessant, angesichts des öffentlichen Interesses, aber gut: wir sind in einer Phase, wo der misogyne Mainstream nicht nur schon lange vor Claudia Neumanns ziemlich solidem Kommentar des CL-Finales ganz genau wusste, wie sie es vermasselt, und der populistische Merz-Mainstream mit Bild, RTL, AfD jubelt, dass Linksextreme doch schlimmer sind als Rechtsextreme. Na bitte.

Bayerns volkszornige Regierungskabarettistin Monika Gruber hat derweil am Samstag bei ihrer Demo gegen das Heizungsgesetz nicht nur massig Querdenkende angelockt, sondern die rechtspopulistisch anschlussfähigen Regierungslenker Markus Söder und Hubert Aiwanger gleich auch noch als Redner geladen. Besaß das Kabarett nicht mal eine Distanz zur herrschenden Macht? Dorthin also, wo Katrin Vernau dann doch nur kurz verweilte?

Bei der Wahl zur neuen RBB-Chefin jedenfalls wurde die Übergangsleiterin gar nicht erst nominiert. Was noch anzumerken wäre: Servus, TV-Spielzeug des toten Brausemilliardärs Dietrich Matteschitz, stellt 2024 den linearen Betrieb in Deutschland ein. Und Matti Geschonneks Wannseekonferenz ist in gut 2000 chinesischen Kinos gestartet, was im zensurfreudigen Reich der vermeintlichen Mitte ja eigentlich nichts Gutes zu bedeuten hat.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

12. – 18. Juni

Eher so Mittelmäßiges zu bieten hat die neue Fernsehwoche – was schon dadurch ersichtlich wird, dass zu ihrem Auftakt Die Haustierprofis am bemerkenswertesten sind, ein fünfzehnteiliges Nachmittagsformat, in dem Moderator Ralph Morgenstern werktäglich ab 14.10 Uhr im Ersten Dienstleistungsinfotainment der wohlfeilsten Art anbietet, also garantiert kein kritisches Wort über Sinn und Unsinn eingesperrter Kuscheltiere verliert.

An Kritik nicht sparen dürfte dagegen an gleicher Stelle wie so oft abseits der Familienbespaßung zur Primetime: Eckart von Hirschhausen. Seine Doku Was von Corona übrigblieb hätte allerdings weit mehr als 45 Minuten vor hart, aber fair verdient, wo Louis Klamroth im Anschluss mal wieder über Putins Angriffskrieg diskutiert. Ebenfalls sachorientiert ist der interventionistische Doku-Thriller The Six, in dem Arthur Jones mit dem Hobby-Sinologen Steven Schwankert Außergewöhnliches zutage fördert.

Sechs Chinesen nämlich, die als Passagiere auf der Titanic gereist waren, ihren Untergang am 14. April 1912 überlebt hatten und dann verschwunden sind. Produziert von James Cameron, dessen Blockbuster bei jeder Gelegenheit in die Jagd nach Hinterbliebenen montiert wird, gleicht die Spurensuche ab heute beim History Channel einer Schatzsuche, die abseits der Geschichte viel über den euroamerikanischen Rassismus von damals und heute erzählt.

Frei von soziokulturellem Ballast sind demgegenüber drei Fiktionen der Woche: die zweite Staffel des Star-Trek-Spin-Offs Strange New Worlds, ab Donnerstag, Paramount+. Die depperte Söldner-Arie Tyler Rake: Extraction 2 tags drauf bei Netflix. Und parallel dazu die vierteilige Action-Romance Bonnie & Clyde (Freitag, 20.15 Uhr Neo), diesmal in holländischer Interpretation.


freekind., This Is The Kit, Jeff Clarke

freekind.

Jazz ist ja so eine Sache. Seine Definition fällt selbst Eingeweihten schwer. Alles was kompliziert ist, sagen die einen, alles was durcheinander ist, die anderen, auf ein ein kompliziertes Durcheinander von und für alte Männer mit Hut und Kippe können sich Außenstehende irgendwie einigen, also definitiv nicht das kroatisch-slowenische Duo freekind. meinen, schon weil es aus zwei jungen Frauen ohne Hut und Kippe besteht.

Die singende Pianistin Sara Ester Gredelj nebst Drummerin Nina Korošak-Serčič springen aber nicht nur genderbedingt aus der Klischeekiste. Ihr Debütalbum Since Always And Forever mischt Soul der Achtziger so geschmeidig mit Pop der Neunziger, dass der Jazz dazwischen alt klingen könnten – ließe ihn nicht ein lässiger HipHop zeitreisen. Das Hamburger Indielabel BUTTER 92 hat uns und sich da echt mal Nostalgie zum Tanzen für die Generationen X bis Z angelacht.

Freekind. – Since Always And Forever (BUTTER 92)

This Is The Kit

Schon 20 Jahre länger im Geschäft, ohne substanziell älter zu wirken, ist Kate Stables – Kopf, Hirn, Bauch, Gesicht von This Is The Kit, die auf ihrer neuen Platte abermals Ungewöhnliches vollbringen: Popmusik, die gleichermaßen zart und rough, folkloristisch und urban, filigran und erdig ist, also nach Paris und Wales klingt, Stables zwei Lebenswelten, die auch auf Careful Of Your Keepers durch alle Tracks wabern.

Produziert von ihrem Landsmann Gruff Rhys (Super Furry Animals), wandert das Quartett mit klassischem Instrumentarium über asphaltierte Auen, zerkratzt hier mal plödderndes Piano durch kauzige Riffs, taucht rhythmisches Gitarrengeklimper in repetitive Beatkaskaden und ist schon deshalb auf surreale Art wahrhaftig (schön), weil Kate Stabels ihren Indierock im Sound eines leicht genervten Engels untergräbt.

This Is The Kit – Careful Of Your Keepers (Rough Trade Records)

Jeff Clarke

Und damit zu jemandem, der mit Folk wirklich perfekt beschrieben wäre. Konjunktiv. Denn der kanadische Stadtwaldschrat, in Alternative-Legenden wie Demon’s Claws bis Black Lips zuhause, macht auf seinem Solo-Album Locust das, was er schon immer am besten konnte: nölen wie einst Bob Dylan, nur weniger distanziert, sondern mitten im Leben, als würde sein reduzierter Country-Sound um Aufmerksamkeit abseits seiner ländlichen Homebase bitten.

Tut er ja auch – schon weil Locust im grünen Gürtel seiner Wahlheimat Berlin entstanden ist, wo er statt elektrischer nun akustische Gitarren mit weit weniger Trara, aber viel Traumtänzerei durchs Unterholz schickt. Seine naturalistische Großstadt-Lyrik (Hollywood / Slowly grows / No one knows) funktioniert im Grunewald also ähnlich wie unter Rednecks und sprengt damit musikalische Grenzen wie zuletzt vielleicht nur Adam Green.

Jeff Clarke – Locust (Bretford Records)


Kai Gniffke: Wagenburg & ARD-Vorsitz

Alle Medienanbieter sind momentan gestresst

Griffke-Artikel

Nach 100 Tagen als ARD-Vorsitzender spricht SWR-Intendant Kai Gniffke (Chiara Bellamoli) mit journalist und freitagsmedien über die großen Themen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wie umgehen mit der Kritik am System? Welche Lehren zieht die ARD aus den RBB- und NDR-Skandalen? Und wie stellt sich die Sendergemeinschaft für die Zukunft auf?

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Gniffke, sie haben die hunderttägige Schonfrist als ARD-Vorsitzender gerade hinter sich.

Kai Gniffke: Ziemlich genau sogar.

Also Schonfrist beendet. Was ist nach drei Monaten im Amt leichter: einen Sack Flöhe hüten, Schalke 04 trainieren oder neun Sendeanstalten der ARD leiten?

Weder noch, es ist eher, wie den SC Freiburg trainieren. Die ARD fühlt sich nämlich gerade an, wie ein sehr spannendes Team, das richtig erfolgreich spielt: mit sehr viel Enthusiasmus, sehr gutem Spirit und sehr genauer Aufgabenverteilung. Weil alle genau das Gleiche wollen, nämlich dem Publikum bestmöglichen Journalismus und bestmögliche Unterhaltung bieten.

Puh, das klingt angesichts vom Stress des öffentlich-rechtlichen Rundfunks seit den Skandalen von RBB und NDR ein bisschen arg positiv…

Alle Medienanbieter sind momentan gestresst, weil alle damit zu tun haben, dass sich die Mediennutzung komplett verändert. Wir zum Beispiel müssen uns darauf einstellen, dass schon in wenigen Jahren mehr Menschen nichtlineare Inhalte nutzen als lineare. Unsere Herausforderung besteht deshalb darin, die Angebote in Radio und Fernsehen stark zu halten und gleichzeitig ARD-Mediathek und Audiothek noch erfolgreicher zu machen, um das Feld nicht chinesischen oder amerikanischen Tech-Konzernen zu überlassen.

Und welche Aufgabe kommt Ihnen als Vorsitzender dieser Arbeitsgemeinschaft neun höchst verschiedener Rundfunkanstalten dabei zu – die eines Mediators?

Als ARD-Vorsitzender ist man an manchen Stellen Impulsgeber, an anderen Moderator, aber am Ende jeder Diskussion auch dafür mitverantwortlich, dass Entscheidungen gefällt werden. Mediator wäre mir da zu wenig.

Wie wäre es mit Streitschlichter?

Auch nicht.

Sind die Sendeanstalten im Zuge der Skandale des vorigen Sommers zusammengewachsen oder beäugt man sich ein bisschen kritisch bis skeptisch?

Die berechtigte Kritik hat sich am Ende stark auf ein einzelnes Haus fokussiert, darum war von Beginn an selbstverständlich, dass beim RBB zunächst mal die Aufarbeitung der Fehler erfolgen muss. Dennoch herrschte schon Ende vorigen Jahres, unter der kommissarischen Leitung von Tom Buhrow als ARD-Vorsitzender, eine Stimmung des Unterhakens in der ganzen ARD im Zeichen gegenseitiger Solidarität.

Womöglich gar eine Art Wagenburgmentalität zur Abwehr äußerer Bedrohungen?

Das Wagenburg-Bild passt nicht. Wir wollen die berechtigten Angriffe auf das, was schiefgelaufen ist, nicht abwehren, im Gegenteil. Wir müssen uns damit doch auseinandersetzen und alles dafür tun, dass solches Fehlverhalten sich nicht wiederholen kann. Das haben wir getan. Und dann geht es darum, gemeinsam wieder auf Kurs zu kommen, Tempo aufzubauen. Und da ist es schon sinnvoll, wenn alle im gleichen Rhythmus, vor allem in die gleiche Richtung rudern. So viel in Metaphern. Natürlich waren die vergangenen Monate für alle in der ARD sehr anstrengend, aber nicht wegen eines Gegeneinanders. Was da beim RBB vorgefallen ist, war zuvor schlicht undenkbar. Aber natürlich geht uns das alle etwas an. Schließlich ist der RBB Teil der ARD-Familie, und zwar ein wichtiger.

Und welchen Einfluss hat das turnusmäßige Oberhaupt auf diese Familie?

Weder ich noch irgendjemand sonst sollte versuchen, sich in dieser herausfordernden Zeit als Retter oder Erneuerer der ARD auf Kosten anderer zu profilieren.  In einer Arbeitsgemeinschaft neun unabhängiger Landesrundfunkanstalten, deren Unternehmenskultur und regionale Beschaffenheit höchst unterschiedlich geprägt sind, können wir nur zusammen gewinnen oder verlieren.

Klingt, als sei das winzige Radio Bremen auf Augenhöhe mit dem riesigen WDR…

Das klingt nicht nur so. Seit dem Herbst 2022 haben wir gemeinsam sehr schnell Konsequenzen aus den Vorgängen beim RBB gezogen und unsere Regeln im Bereich Compliance, Controlling und Transparenz, die für alle gleichermaßen gelten, geschärft und vereinheitlicht.

Und das reicht für alle Baustellen?

Nein, darüber hinaus benötigen wir den ganz großen Aufschlag umfassender Reformen. Dieser gewaltige Prozess hat allerdings nicht erst in meiner Amtszeit begonnen, aber jetzt ist er unumkehrbar. Egal wo ich hinkomme: kaum jemand sagt, wir wollen die ARD weghaben, aber viele sagen, wir wollen euch anders und zukunftsfähig haben. Daran arbeiten wir.

Woran genau jetzt?

Wir brauchen eine neue ARD, also weg vom „jeder macht alles“, hin zum „jeder macht, was er am besten kann“, und stellt es letztlich allen anderen zur Verfügung. Kooperation und Arbeitsteilung müssen da einen ganz neuen, viel größeren Stellenwert kriegen als bislang.

Erst heute hat NRW-Medienminister Nathanael Liminski in der Süddeutschen ein ganzes Bündel Synergie-Effekte von zusammengelegten Verwaltungsstrukturen über gemeinsame Service- und Magazinangebote bis hin zur Fusion ganzer Intendanzen angeregt – könnten Arbeitsteilung und Kooperation so weit gehen, dass ganze Führungsstäbe verschwinden?

Vieles von dem, was Nathanael Liminski vorschlägt, ist bei uns schon in Arbeit. Wir bilden redaktionelle Kompetenzzentren in zunächst vier Bereichen; Klima, Gesundheit, Verbrauchermagazine und Hörspiel – weitere können folgen. Wir kaufen zunehmend gemeinsam ein, wir vereinheitlichen unsere SAP-Systeme. Und bestimmt gibt es noch weitere Verwaltungsbereiche, in denen wir mehr gemeinsam machen können. Dass die Geschäftsleitungen selbständiger ARD-Medienhäuser aber miteinander verschmelzen, ohne dass die Sender selbst fusionieren– das halte ich nicht für realistisch.

Und ginge bei den Dritten Programmen damit weiter, was Sie durch Schlagworte wie „Mantelredaktionen“ oder „Pool-Lösungen“ kennzeichnen?

Absolut. Wir haben beispielsweise im Hörfunk verschiedene Prozesse eingeleitet, die von gemeinsam genutzten Beiträgen über geteilte Sendestrecken bis hin zum Austausch ganzer Sendungen reichen.  Im Fernsehen kann das so weit gehen, dass sich die Dritten Programme auf ihren regionalen Kern konzentrieren und alles drumherum wird gemeinsam gestaltet.  Nicht jeder Sender muss für jedes Thema eine eigene Fachredaktion unterhalten. Das ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel.

Für den sich die Gewerkschaften, Personal- und Betriebsräte herzlich bedanken dürften, falls dafür immer noch weiter Personal abgebaut wird.

Warum? Ich kann jetzt hier nur für den SWR sprechen, nicht als ARD-Vorsitzender. Wir sind und bleiben ein fairer und verlässlicher Arbeitgeber. Wir müssen in der ARD unsere Medienhäuser den Erfordernissen der Zukunft und dem uns anvertrauten Geld anpassen. Dass Beschäftigte diesen Reformprozess mit Leben füllen und sich für die neue ARD engagieren, ist ebenso anstrengend wie verdienstvoll.  Dabei muss aber hier beim SWR niemand fürchten, entlassen zu werden.

Ist der angestrebte Wandel strukturell bedingt oder finanziell, geht es also eher darum Prozesse zu optimieren oder dabei Geld einzusparen?

Die Zeiten, in denen alle alles machen, sind völlig unabhängig vom finanziellen Druck einfach vorbei. Außerdem benötigen wir in der heutigen Zeit mehr denn je journalistische Exzellenz. Und die gewinne ich eher, wenn Kräfte gebündelt als gestreut werden. Journalistische Exzellenz und betriebswirtschaftliche Effizienz miteinander verbinden – so lautet aktuell die Zauberformel.

Was Sie als Chefredakteur von ARD-aktuell 16 Jahre in Hamburg erprobt haben. Welche Themenfelder abseits der Nachrichten gibt es noch, in denen Synergie-Effekte stecken?

Wir prüfen das zum Beispiel gerade beim Thema Klima, das habe ich vorhin angedeutet. Dass das ein großes, wenn nicht das größte Thema unserer Zeit ist, hat jedes Haus längst begriffen. Wahrscheinlich entstehen überall gerade Fachredaktionen, die sich im Rahmen der Arbeitsteilung in einem senderübergreifenden Kompetenzzentrum sehr gut bündeln ließen, an dem alle partizipieren, von dem aber auch alle profitieren.

„Alle“ beinhaltet vermutlich auch das Publikum. Wie hoch schätzen Sie dessen Wohlwollen für öffentlich-rechtliche Sender angesichts der zurückliegenden Skandale ein?

Sehr hoch. In einer repräsentativen Studie haben wir die Menschen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz unlängst gefragt, was sie vom SWR halten. Nach dem SWR Image Trend 2022 sagen zwei Drittel der Befragten, dass der SWR sein Geld wert ist. Und auch nach einer anderen repräsentativen Studie von 2022 gibt es für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkangebote in den Kategorien „gesellschaftliche Relevanz“ mit 81 Prozent und „Glaubwürdigkeit“ mit 78 Prozent Zustimmungswerte (Quelle: ARD/ZDF Massenkommunikation Trends 2022).

Und dafür zahlen die Leute bereitwillig und gerne fast 20 Euro im Monat?

Na ja, Zahlungen lösen selten große Begeisterung aus, das ist wie bei Steuern und Abgaben: Ungeachtet all der Leistungen, die sie dafür bekommen, dürfte die Antwort, ob die Leute sie gerne zahlen, eher Nein lauten. Damit müssen wir umgehen.

Zumal Vertrauen in den SWR nicht deckungsgleich mit Zufriedenheit mit dem SWR oder anderen Funkhäusern bedeutet…

Wobei Vertrauen ein soliderer Wert ist als Gefallen, darum ist mir das Vertrauen zunächst mal wichtiger. Wir werden den Menschen und den Regionen weiterhin, wenn nicht gar stärker, Gesicht und Stimme geben, so wächst Zufriedenheit. In der Zeit der Pandemie jedenfalls waren die Vertrauenswerte und damit die Akzeptanz für ARD und ZDF so groß wie nie. Gerade in schwieriger Zeit sind wir den Menschen ein verlässlicher Begleiter, der ihnen Orientierung, Heimat und Geborgenheit gibt.

Reichen, zurück zum Rundfunkbeitrag, die 18,36 Euro dafür mittelfristig aus?

Mit dem Geld, das uns die Beitragszahler und -zahlerinnen anvertrauen, haben wir auszukommen. Ich kann ja nicht sagen, verschulden wir uns mal, nachfolgende Generationen zahlen das schon. Dennoch müssen wir uns und dem Publikum bewusst machen, dass der aktuelle Betrag festgelegt wurde, als noch niemand eine Inflation von acht und mehr Prozent erwarten konnte und derart steigende Energiepreise. Umso mehr ist es Teil meiner Aufgabe, verantwortungsvoll mit dem umzugehen, was wir haben.

Wofür würden Sie dennoch mehr ausgeben als zurzeit, wofür entsprechend weniger?

Ich würde gern mehr in die Zukunft investieren, also mehr in exzellenten Inhalt und moderne Technologie insbesondere dort, wo die Zukunft spielt: der ARD Mediathek und der Audiothek. Und wenn wir dafür kein zusätzliches Geld bekämen, müssten wir diese Kraft an anderer Stelle gewinnen.

Zum Beispiel?

Wir verteilen unsere Ressourcen zurzeit sehr ungleichmäßig. Fast drei Viertel gehen in Angebote für Menschen, die älter sind als 50 Jahr wie das SWR-Fernsehen oder unsere beiden SWR4-Wellen. Für die andere Hälfte der Bevölkerung geben wir nur 25 Prozent aus. Das ist nicht angemessen. Deshalb steuern wir hier um.

Weit größere Lücken reißt allerdings die Pensionskasse. Lässt sich dieser Kostenfaktor irgendwann zum Guten reformieren?

Dafür müssten wir Tarifverträge ändern. Natürlich ächzen wir unter der Pensionslast ganz schön. Aber da geht es um Verträge, die teilweise bereits Generationen vor uns abgeschlossen wurden. Vor gut sechs Jahren ist es uns unter dem Vorsitz von Karola Wille…

Damals wie heute Intendantin des MDR.

… bereits gelungen, den Anstieg der Betriebsrenten zu deckeln. Das entlastet die ARD heute um Milliarden. Trotzdem sind die Pensionslasten noch immer sehr hoch. Zugleich aber verstehe ich natürlich Arbeitnehmervertretungen, die auch heute für Berufseinsteiger eine gute Altersversorgung erkämpfen wollen. Wir können als Sender Tarifverträge nicht einseitig diktieren und das ist auch gut so.

Ist es denn theoretisch denkbar, dass die Höhe künftiger Pensionen dadurch gesenkt wird, heutige Einkommen – zumindest im oberen Gehaltssegment – zu senken?

Interessanter Gedanke. Diese Idee legt nahe, dass die hochqualifizierte Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk weniger wert wäre als vergleichbare Arbeit bei anderen Medienhäusern, bei Daimler oder Bosch. Das würde ich in Abrede stellen. Die Leute hier arbeiten Tag für Tag sehr hart. Dafür dürfen sie auch eine angemessene Bezahlung erwarten. Für solche Fragen gibt es die segensreiche Erfindung der Tarifautonomie.

Glauben Sie, dass die KEF in knapp einem Jahr die Erhöhung des Rundfunkbeitrags empfehlen wird, sofern Inflation und Energiepreise nicht signifikant sinken?

Das kann ich überhaupt nicht sagen. Die KEF ist der Garant unserer Unabhängigkeit, weil ihr niemand – auch nicht der ARD-Vorsitzende – dabei reinredet.

Schon bei gleichbleibender Höhe gibt es aber Gegenwind aus vielerlei Richtungen – zuletzt etwa von der Landesregierung Sachsen-Anhalts.

Welche der verschiedenen Richtungen meinen Sie denn genau?

Vorwürfe eines regierungsnahen Staatsfunks, bei dem linksliberale Stimmen gegenüber konservativen, gar rechten massiv in der Mehrzahl sind.

Ich persönlich kann mit dem Vorwurf herzlich wenig anfangen; unterstellt er doch, dass Journalistinnen und Journalisten ihr Handwerk nicht beherrschen, was man anderen Berufsständen vorbehaltlos zubilligt: die eigene, persönliche Haltung von der beruflichen Arbeit zu trennen. Ein Tischler, der CDU- oder AfD-Mitglied ist, zimmert den Dachstuhl doch genauso stabil, unabhängig davon, ob sein Kunde ein SPD- oder Grünen-Mitglied ist.

Wobei ein Dachstuhl tendenziell unpolitischer ist als ein tagesthemen-Bericht.

Aber bei beiden wünsche ich mir, dass ihr Zustandekommen nicht politisch gefärbt ist. So wie ich Journalismus gelernt und verstanden habe, ist er ein Handwerk, in dem die Meinung keine Rolle zu spielen hat – es sei denn, auf winzigen Programminseln, die geschätzte 0,1 Prozent unseres Angebotes ausmachen und dann auch „Meinung“ heißen. Da sage ich: Feuer frei! Mir ist wurscht, was jemand wählt, solang er der staatsbürgerlichen Pflicht nachkommt und wobei ich hoffe, dass er oder sie überhaupt wählen geht. Hauptsache die Arbeit wird professionell gemacht. Außerdem wüsste ich nicht, wie ich die persönliche Parteipräferenz feststellen sollte. Denn vor einem müssen wir uns hüten.

Nämlich?

Gesinnungsschnüffelei beim Einstellungsgespräch.

Aber wo steht denn, noch eines Ihrer Schlagworte, die Brandmauer – bei der AfD, der NPD, der autonomen Antifa oder nicht mal dort, sofern es das Handwerk nicht beeinträchtigt?

Wer den demokratischen Verfassungsstaat und seine fundamentalen Werte, Normen und Regeln ablehnt, wird als Extremist bezeichnet und hat bei uns keinen Platz. Wer zu unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung steht und seine journalistische Arbeit professionell macht – der ist frei, seine eigene Meinung zu haben.

Dessen ungeachtet gibt es doch ständig Vorwürfe von konservativer Seite, deren Stimme sei im Verhältnis zur linksliberalen in der ARD unterrepräsentiert – wozu eine Umfrage unter ARD-Volontär:innen passt, die offenbar mit großer Mehrheit grün ticken.

Selbstverständlich gibt es konservative Stimmen, man muss sie nur auch wahrnehmen wollen. Aber in sozialen Medien wird es offenbar eher hervorgehoben, wenn Anja Reschke oder Georg Restle auf ihre Weise kommentieren, während ein Kommentar von Kerstin Palzer, in dem sie den Weiterbetrieb der verbliebenen Atomkraftwerke fordert, kaum Erwähnung fand.

Die Filterblasen der Aufmerksamkeitsgesellschaft…

In denen es einfach eine Falschinformation ist, es gebe keine konservativen Stimmen bei der ARD. Wobei die Umfrage, von der Sie sprechen, sogar von Ihrem Magazin stammt.  Sie war nicht repräsentativ. Der Journalistenberuf ist nun mal eher für kritische Geister attraktiv. Wobei es zunächst mal gar kein Beinbruch ist, dass unser Beruf diese Haltung seit jeher anzieht – sofern sie nicht mit dem Handwerk kollidiert. Wer das nicht trennen kann, kriegt auch mit mir ein Problem.

Hoffen Sie dennoch auf die innerredaktionellen Selbstheilungskräfte solcher Ungleichgewichte oder greifen Sie von oben ein?

Nein, es ist eine Kernaufgabe des Volontariats, angehenden Journalisten das Handwerk der neutralen Berichterstattung beizubringen, da habe ich volles Vertrauen in unsere Leute.

Wurde Ihnen Ihre SPD-Mitgliedschaft eigentlich je zum Vorwurf gemacht?

Nie! Und nach 16 Jahren Leitung der Tagesschau bin ich darauf ehrlich gesagt stolz, dass mir nicht ein einziges Mal vorgehalten wurde, ich hätte politische Kräfte egal welcher Richtung bevorzugt oder benachteiligt. Das zeigt mir: es geht, und zwar auch an einer so exponierten Stelle, die nun wirklich unter Beobachtung steht.

Sie waren mit Ihrer SPD also auch nicht, wie der Lehrer des eigenen Kindes, sogar ein bisschen strenger als mit anderen?

Nein, denn Überkompensation wäre ja auch wieder problematisch. Der vermeintliche Widerspruch wird aus meiner Sicht aber ohnehin künstlich aufgebauscht – als gäbe es keine politischen Meinungen ohne Parteibuch. Es geht einfach um professionelle Standards, mit denen man in der Regel sehr gut durchkommt. Wir haben doch alle irgendeine Haltung oder politische Einstellungen, aber trotzdem kann man gewissenhaft seine Arbeit machen. Man muss auch über die Politik hinaus Berufliches von Persönlichem trennen.

Wie reagieren Sie da auf Polemiken wie jene von Mathias Döpfner als BDZV-Präsident und Springer-Chef, ARD und ZDF mit Nordkorea zu vergleichen: Ignorieren oder Zurückschlagen?

Ach, manchmal unterschreiten Argumente ein Niveau, bei dem ich mich nicht mehr zur Reaktion aufgerufen fühle.

Sein Vorwurf öffentlich-rechtlicher Nähe zur jeweiligen Regierung findet sich ähnlich oft im gesellschaftlichen Diskurs wie „Linksliberalismus“ oder „Gebührenverschwendung“. Wollen Sie eigentlich wissen, was die Leute draußen über die ARD wissen oder folgen Sie lieber dem inneren Kompass?

Wir wollen es wissen und tun auch was dafür – sowohl durch repräsentative Studien als auch direkte Gespräche. Wenn ich mich per Insta-Live an die Leute wende, kriege ich ungefiltert mit, was sie über uns und gegebenenfalls mich denken. Über eines müssen wir uns dabei jedoch im Klaren sein: Diejenigen, die uns verachten und weghaben wollen, sind ungleich lauter als diejenigen, die uns mögen und behalten wollen.

Analog oder digital?

Überall. Von den etwa 15 Millionen Menschen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, für die der SWR Tag für Tag da ist, veranstaltet keiner Demos für uns, sondern hört oder sieht einfach zu, bleibt ansonsten aber leise. Dieses stille Vertrauen nicht zu verspielen, heißt allerdings nicht, sich der lauten, gelegentlich unsachlichen Kritik zu verweigern. Ich rede auch mit denen, die rustikal argumentieren, sofern gewisse Mindeststandards des menschlichen Zusammenlebens eingehalten werden.

Wo also wären die unterschritten?

Bei Beleidigungen, gar Bedrohungen. Wir haben während der Pandemie einige Kritiker zu einem Online-Dialog eingeladen. In dieser Runde von einigen Leuten zeigte sich, dass der persönliche Kontakt selbst bei denen, die zuvor extrem emotional waren, zum echten Dialog führen kann, ohne am Ende einer Meinung sein zu müssen.

Eine dieser uneinigen Meinungen bezieht sich auf die inhaltliche Ausrichtung der ARD zugunsten leichter Unterhaltung – zu viele Shows und Krimis, zu viel Kai Pflaume und Rote Rosen bei zu schlechten Primetime-Plätzen für harte News und Reportagen.

Einspruch, Sie sprechen vom Ersten Programm, das nur einen Teil der ARD ausmacht. Wer dabei einen aufmerksamen Blick auf die Programme wirft, findet dort gewiss nicht zu wenig harte News und Reportagen. Das gilt umso mehr für die 64 Hörfunkwellen der ARD, wo das Regionale ein noch stärkeres Gewicht hat. Und ganz besonders gilt es für die Videos der Mediathek – mehr Info geht da kaum.

Sie hatten eingangs von ein paar Jahren gesprochen, bis das digitale Angebot das lineare übersteigt.

Es ist müßig, einen Zeitpunkt festzulegen. Es wird bald passieren. Fertig. Darauf müssen wir uns mit brillanten Inhalten in Mediathek und Audiothek einstellen, sonst werden die Menschen ihre mediale Heimat dort suchen, wo mit Emotionalität statt Inhalten, mit Polarisieren statt Analysieren, und nicht nur mit Qualität um Publikum geworben wird.

Dürfen ARD und ZDF bei dieser Suche manchmal emotionaler, polarisierender, quantitativer sein als gewünscht?

Um Gottes Willen, nicht mit mir! Wir müssen das machen, was wir am besten können. Und das ist übrigens nicht nur Information, sondern auch Fiktion. Der SWR hat voriges Jahr den großartigen Film Ich bin dein Mensch mitproduziert, regionale Mehrteiler wie Höllgrund. Sehen Sie sich eine Serie wie Asbest von Kida Ramadan an. Wir können spannend erzählen, müssen es nur auch bekannt machen. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn ich die mediale Lebensader eines Landes sein will, dann muss ich des Lebens pralle Fülle auch in ihrer Gesamtheit von Information über Fiktion und Service bis zu Bildung oder Beratung abbilden.

Mit PR-Agenturen wie FischerAppelt zum Beispiel, die Sie zusätzlich zu den gut besetzten Pressestellen zur Verbesserung der Außendarstellung engagiert haben?

Der SWR hat den ARD-Vorsitz ein Jahr früher übernommen als geplant. Das ist eine besondere Herausforderung, denn wir mussten einen Kommunikationsbereich gewissermaßen aus dem Boden stampfen, denn wir wollen ja offen sein gegenüber unserem Publikum und anderen Medienhäusern. Zur Unterstützung hat der SWR für die Anfangsphase externe Unterstützung eingeholt. Das ist ein Gebot der Professionalität.

Und wie weit ist jenseits dieser Anfangsphase der Plan gediehen, die Mediatheken von ARD und ZDF zu bündeln?

ARD und ZDF haben 2021 das gemeinsame Streaming-Netzwerk vereinbart, das heute schon sichtbar ist. Wer gezielt nach Dokumentationen im Ersten sucht, bekommt auch ZDF-Dokus angeboten und umgekehrt. Dieser Prozess verschränkter Inhalte mit technisch hervorragender Suchfunktion, kluger Empfehlungslogik und gutem Player geht weiter. Dabei bleibt die publizistische Vielfalt erhalten und die Absenderschaft klar. Die Senderfarben Orange und Blau bleiben weiterhin unterscheidbar.

Bis zu welchem Punkt genau?

Bis dahin, in Bezug auf die Technik das Beste beider Welten gut zugänglich zu machen. Würden wir das Branding verwässern, ginge es nämlich zulasten der journalistischen Vielfalt. Und das wäre gerade angesichts anhaltender Konzentrationsprozesse im Mediensektor der völlig falsche Weg.

Sind inhaltliche Synergien von ARD und ZDF dennoch denkbar, etwa in Rechercheverbünden, wie sie NDR und WDR mit Süddeutscher Zeitung oder der Zeit pflegen und bei Sportereignissen wie Olympia oder Fußball-WM, wo bisweilen die Studiotechnik geteilt wird?

Wir teilen uns Arbeit mit dem ZDF im Morgen- oder Mittagsmagazin und bei Sportgroßveranstaltungen. Das hat sich alles sehr bewährt und der journalistischen Qualität genutzt. Denn es geht bei jeder Synergie darum, den Qualitätsjournalismus generell zu stärken. Dafür könnten wir alle in den nächsten Jahren auch mit Verlagshäusern enger zusammenarbeiten.

Finden das auch die Verlage, denen die presseähnlichen Angebote gebührenfinanzierter Sender ja eher zu weit als zu kurz gehen?

Die Frage des Textes in den Web-Angeboten der ARD, wird ein Thema bleiben. Die Verlage sind durch hohe Papier- und Energiepreise oder den Mindestlohn mit einer äußerst schwierigen Situation konfrontiert, in der Kooperationen besser sind als Konfrontationen. Darum wollen wir als Sender Signale an Verlage senden, dass wir deren Lage erkennen und gemeinsame Schmerzpunkte ausmachen.  Dafür gibt es eine gute Gesprächsgrundlage.

Auf verstetigten Gesprächsplattformen?

Über das Instrument der Schlichtungsstelle hinaus, die jederzeit angerufen werden kann, hatten wir im vergangenen halben Jahr drei Gespräche mit Vertretern des BDZV, und ein weiteres Gespräch ist bereits geplant. Das kann man schon stetig nennen.

Wie ist es mit dem Publikumsdialog – wird der, wenn das Pendel vom Linearen ins Digitale kippt, leichter oder schwerer, weil im Internet kommunikative Anarchie herrscht?

Ja und nein. Durch die Möglichkeiten der Interaktion haben wir natürlich viel größere Möglichkeiten, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Zugleich aber vervielfacht sich Kommunikation im Bereich sozialer Medien so sehr, dass die Unübersichtlichkeit der Gesprächskanäle rapide wächst. Auch deshalb versuchen wir, regelmäßige Dialogformate zu etablieren, um mit dem Publikum im Gespräch zu bleiben.

Womit zum Beispiel?

Der Tagesschau etwa, das erfolgreichste deutsche Medienangebot bei TikTok oder auch bei Instagram. Das zeigt uns: Traditionsmarken wie diese haben auch in der Generation Z große Bedeutung. Wenn wir daraus die richtigen Schlüsse ziehen, ist mir vor dem Wandel des Mediennutzungsverhaltens nicht bange.

Wird das gehobene Durchschnittsalter ihres Publikums demnach automatisch sinken, wenn die ARD von Jüngeren als digitales, statt analoges Medium wahrgenommen wird?

Na ja, das Durchschnittsalter unserer Jugendwelle DASDING ist Anfang 20, bei funk liegt es nur unwesentlich höher. Wenn wir es weiter absenken, landen wir im Bereich des KiKa. Deshalb müssen wir einfach mit dem Vorurteil aufräumen, öffentlich-rechtliche Angebote dienten ausschließlich der Senioren-Bespaßung. Die 4,4 Millionen Follower der tagesschau bei Instagram dürften im Durchschnitt keine 60 sein…

Da die lineare Nutzung noch auf Jahre überwiegt, liegt der Altersschnitt insgesamt aber doch eher drüber, oder?

Nur, wenn man die ARD und ihr Publikum auf das Erste und die Dritten Programme reduziert.

Für ARD-Programmdirektorin Christine Strobl sind aber auch die bereits Teil dessen, was sie „Digitales Powerhouse“ nennt. Was ist das aus Ihrer Sicht?

Wenn die digitale Powerfrau der ARD das sagt, schließe ich mich dem gerne an. Sie versteht sich halt mehr als all ihre Vorgänger auch als Programmdirektorin der Mediathek und hat schon bei ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren gesagt, die Mediathek sei gleichwertig mit dem linearen Angebot. Damals war das eine Revolution, jetzt ist es die Realität einer atemberaubenden Entwicklung.

Die offenbar viel mit einer weiblichen Führungskraft zu tun hat. Merkt man es der ARD an, dass aktuell vier der neun Funkhäuser von Frauen geleitet werden?

Dass unser Spirit so gut ist, hat womöglich durchaus etwas mit dem Geschlechtermix zu tun, aber ich kann Ursache und Wirkung da nicht genau auseinanderhalten.

Anders gefragt: ist Geschlechterparität auf den Führungsetagen der ARD ein zeitgenössischer Automatismus oder Selbstzweck, um nicht als anachronistisch zu gelten?

Weder noch. Wenn ich am Ende gute Angebote für die Menschen haben will, muss ich zusehen, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft auch in den verschiedenen Hierarchie-Ebenen der eigenen Häuser abbildet. Weil etwa die Hälfte der Bevölkerung nun mal weiblich ist, war es bei meinem Amtsantritt beim SWR mein Bestreben, in der Geschäftsleitung paritätisch aufgestellt zu sein. Das geht natürlich nur, wenn wir im selben Maße qualifizierte Frauen und Männer haben. Dem Himmel sei Dank: das haben wir.

Aber Sie würden einen besser qualifizierten Mann einer gut qualifizierten Frau selbst dann vorziehen, wenn das Ungleichgewicht dadurch zunähme?

Lassen Sie es mich an einem anderen Beispiel illustrieren: Wer Volontäre sucht, kann sie wie früher nach dem Schul- oder Studienabschluss auswählen, bekommt dann aber eine komplett uniforme Belegschaft. Wenn mir hingegen Vielfalt wichtiger ist, andere Perspektiven auf Politik und Gesellschaft, die Sicht von Menschen im Rollstuhl oder Wurzeln außerhalb Deutschlands – dann gewichte ich das höher als zwei Zehntel im Notendurchschnitt. Wir müssen den Qualitätsbegriff jenseits klassischer Bildung neu definieren, also erweitern.

Und wie sieht es mit der Diversität da aus bei den ARD-Anstalten?

Es ist noch viel zu tun. Dazu gehört aber auch, dass sich Menschen mit der eben angesprochenen Perspektivenvielfalt überhaupt erstmal dafür interessieren, bei uns zu arbeiten. Was nicht dazu gehört: jemanden einstellen, der nicht unsere Anforderungen erfüllt, allein weil die Person auf dem Papier mehr Diversität bringt. Wir brauchen schon alles: Neigung und Eignung und Vielfalt.

Übersteigt die Nachfrage da bereits das Angebot, müssen die ARD-Sender mehr suchen als absagen?

Im Moment übersteigt das Angebot noch die Nachfrage. Die Bewerbungen großartiger Menschen sind immer noch hoch, aber absolut wird ihre Zahl kleiner.

Wenn Sie jetzt, in dieser Sekunde, die Chance hätten, etwas Grundlegendes zu ändern – was wäre das?

Die gute Fee gewährt mir einen Wunsch, meinen Sie? (überlegt sehr lange)

Dann vorweg: wo Sie sowohl SWR als auch ARD aus jahrelanger Erfahrung kennen – was kann der eine von der anderen lernen und umgekehrt?

Da jedes Haus ein bisschen die ARD im Kleinen ist, gibt es sie im Grunde gar nicht ohne ihre Bestandteile. Was der SWR gerade dennoch von der ARD lernen kann, ist größere Arbeitsteilung, bei der nicht mehr jeder der drei großen SWR-Standorte alles machen muss, sondern nur das tut, was er am besten kann.

Und die gute Fee?

Von der würde ich mir wünschen, dass sie uns die Abkürzung zu dem sehr langen, sehr steinigen Weg der Reform zur neuen, arbeitsteiligen, kooperativen ARD zeigt. Ein paar dieser Prozesse sind angeschoben, andere liegen noch vor uns. Wenn uns die gute Fee die Abkürzung zur Vollendung Ende 2023 zeigen würde, wäre ich ihr unendlich dankbar.


Lizenzgebühren & Kohlrabenschwärze

Die Gebrauchtwoche

TV

29. Mai – 4. Juni

Man stelle sich vor, es ist Fußball-WM und niemand schaut zu. Was bei einer mit Männern nicht nur undenkbar, sondern absurd erscheint, könnte bei jener mit Frauen nun Realität werden. Denn wenige Wochen vorm Start ihrer Weltmeisterschaft ist noch immer kein Fernsehsender in Deutschland bereit, die relativ geringe Lizenzgebühr zu erwerben, seit die FIFA sie von der Herren-WM abgekoppelt hat.

Man stelle sich parallel vor, die Umfragewerte einer rechtsextremistischen Partei klettern auf alphabetisch symbolträchtige 18 Prozent und Friedrich Merz twittert, „mit jeder gegenderten Nachrichtensendung, gehen ein paar Hundert Stimmen mehr zur AfD“, anstatt mal darüber nachzudenken, wie viele Tausend Stimmen seine Partei seit Wochen durchs Wiederholen populistischer Bild-Schlagzeilen von „Habecks Heiz-Hammer“ in rechtsextreme Arme treibt.

Man stelle sich des Weiteren vor, Sat1 könnte durch die Übertragungsrechte der Bundesliga-Relegation für drei Stunden ein klein wenig seiner Bedeutung längst vergangener ran-Jahre zurückerlangen und vermasselt es im Rauschen fehlerhafter Live-Bilder vom Hinspiel Stuttgart gegen den HSV (das dort heute fortgesetzt wird). Zu guter Letzt stelle man sich vor, mit Bravo-Girl ginge ein Stück Printkulturgeschichte verloren, während mit dem kolportierten Ende des Bild-Talks Viertel nach acht ein Stück Onlinekulturgegenwart hinterherspringt.

Was bliebe im Angesicht so verwirrender News aus dem Maschinenraum der Medienlandschaft noch an Halt und Ankern? Gestandene Audiofans schlügen da womöglich die neue Folge vom Fernsehpodcast Och eine noch! vor, um der Woche wieder Struktur zu verleihen. Videofans dagegen könnte eine schriftliche Auswahl empfehlenswerter Serien, Shows und Filme der Woche weiterhelfen.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

5. – 11. Juni

Zum Beispiel die oberflächenorientierte Musikindustrie-Milieustudie The Idol mit der Hollywood-Drama-King-Tochter Lily-Rose Depp als strauchelnder Popstar, der es mithilfe des realexistierenden Abel „The Weeknd“ Tesfaye ab heute bei Sky (HBO) zurück an die Spitze der sexiest woman alive schaffen will. Oder die ähnlich kostümselige, dabei aber tiefgründig drollige Serienporträtfiktion Flaming Hot (ab Freitag, Disney+) über den Erfinder der Cheetos genannten Chili-Snacks.

Über die 2. Staffel der Paris Police 1905 (Donnerstag, Sky) oder das achtteilige Frau-klärt-Tod-ihrer-toten-Schwester-und-gerät-dabei-in-Schwierigkeiten-Psychodrama SaintX zuvor bei Disney+ hinaus aber werden dieser Tage eher Menschen porträtiert als getötet. Richard Branson etwa, den Sky ab Freitag viermal 50 Minuten lang durch die letzten zwei Wochen vor seinem Weltraumflug begleitet. Oder Arnold Schwarzenegger, dessen Dasein Netflix ab Mittwoch drei Teile lang Revue passieren lässt.

Und dann wäre da noch eine Fluchthelferin namens Aracy de Carvalho, die das wundersame Kunststück vollbrachte, als brasilianische Konsulatsangehörige im nationalsozialistischen Hamburg so viele Jüdinnen und Juden zu retten, dass Arte ihr am Donnerstag eine Dokumentation widmet. Das ist trotz des irreführenden Titels auch The World’s Most Dangerous Show. Prime Video begibt sich darin Mittwoch sechs Teile lang auf Weltreise zu den Hotspots des Klimawandels.

Host Joko Winterscheidt sorgt allerdings dafür, dass der Fatalismus in heiterer Weise hoffnungsfroh klingt – etwa, wenn er sich über sein eigenes Greenwashing lustig macht oder nach Lösungen zwischen Technik und Natur sucht. Bevor sich Negah Amiri zwei Tage drauf in der ARD-Mediathek als Stand-Upperin von Never Ever fünfmal Gedanken übers Dasein migrationsvordergründiger Frauen macht, aber noch zwei echte Überraschungen.

In der Paramount-Serie Kohlrabenschwarz kämpft ein Quartett um den Polizeipsychologen Schwab (Michael Kessler) oder seine Ex (Bettina Zimmermann) ab Donnerstag gegen materialisierte Märchenmonster – und padautz: die Horrorkomödie von Tommy Krappweis (Regie: Erik Haffner) ist ebenso gut wie die Apple-Serie Crowded Room um den Verdächtigen einer Schießerei in New York, worüber man nicht mehr sagen darf, als dass alles anders ist als vermutet – mehr darf man über den grandiosen Psychothriller nicht verraten.


Nathan Micay, Zion Flex, Protomartyr

Nathan Micay

Die Werbung erfindet gern blöde Phrasen für neue Platten. “Lang ersehntes Debüt” ist so ein Bullshit-Terminus, übertroffen nur vom “bislang emotionalsten Werk” oder ganz frisch im Regal der PR-Verarschung: das “bislang ehrgeizigste Album” von Nathan Micay. Rückfrage ans Marketing: war der kanadische Produzent und DJ zuvor unambitioniert und faul? War er nicht, wovon seine Soundtracks für Fernsehformate wie Industry oder Reality stehen.

Dennoch sticht To The God Named Dream aus dem Kanon der Filmmusiken und Dance-Sinfonien heraus. Dieses “postmodernes Meisterwerk aus Score-Sounds, Downtempo, Pop und Clubmusik” ist nämlich echt überwältigend. Micays perfektionistischer Mix aus digitalem Footage und hitzigen Beats, nostalgischen Synths und futuristischem Rave passt ebenso ins Berghain wie aufs Waldfestival und ist vor allem, nein – nicht besonders ehrgeizig, sondern besonders gut.

Nathan Micay To The God Named Dream (LUCKYME)

Zion Flex

Es ist schon fast peinlich, dass die Popwelt im Allgemeinen und freitagsmedien im Besonderen nahezu alles feiern, was aus Österreich nordwärts schwappt. Aber wenn es zuvor von UK aus südwärts über die Alpen gewandert ist, machen wir es gerne – für Zion Flex. Ursprünglich aus Bristol, verbreitet die Rapperin ihren eklektisch-noisigen HipHop nun über Wien in die Welt und es klingt ortsunabhängig erstaunlich.

Mit vielschichtigen Vocals über technoidem Sound, scheppert sie ein Werk weiblichen Empowerments in die Branche, das wütend und nachsichtig, angriffslustig und kompromissbereit gleichermaßen klingt. Produziert von Def III ist We Got This deshalb auch weniger verkopft, als das Thema andeutet. Es handelt von Verletzungen, aber nie aus Opferperspektive. Und es verwendet dafür triphopige Downbeats, die zwar dystopisch klingen, aber Mut machen.

Zion Flex – We Got This (Banc Publik Records)

Protomartyr

Und damit zu einer Band, die ausgerechnet dort eklektisch noisigen Post-Punk kreiert, wo Zion Flex’ musikalische Urahnen einst Techno und HipHop revolutioniert haben. Nach Detroit also, seit elf Jahren Heimat von Protomartyr. Auf ihrer neuen Platte Formal Growth In The Desert verdichtet das Quartett seinen Hang zum retrofuturistischen Wave nun in einer dystopischen Mischung aus Poesie und Politik.

Wenn Joe Casey die mal luziden, mal brachialen Riffs von Greg Ahee wieder zwischen Rezitation und Sprechgesang überwölbt, wenn Alex Leonard seine reduzierten Drums dahinter versteckt, die Scott Davidsons Bassläufe scheinbar freudlos unterhöhlen, fühlt man sich an The Fall im Abbruchhaus erinnert – alternativer Industrial lichtloser Räume. Nichts für laue Sommernächte am Strand, aber in den Kellern darunter grandios.

Protomartyr – Formal Growth In The Desert (Domino)


Marka und Yesilkaya: Tatort & Der Greif

Unsere erste gemeinsame Liebe war Hohlbein

PREMIERE HOHLBEINS - DER GREIF

Acht Tatorte haben der Autor Erol Yesilkaya (hi.li.) und sein Regisseur Sebastian Marka (hi.re., Foto: Amazon Prime Video) gemeinsam gedreht. Mit der Amazon-Serie von Wolfgang Hohlbeins Fantasy-Saga Der Greif erfüllen sie sich nun einen Kindheitstraum – wie das Interview mit beiden, vorab erschienen bei DWDL, zeigt.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Marka, Herr Yesilkaya – Sie haben bereits sieben „Tatorte“ zusammen gemacht.

Sebastian Marka: Ich glaube sogar acht, wobei wir beide auch welche ohne den anderen gemacht haben.

Waren das dann sozusagen teambildende Maßnahmen, um auch ein riesiges Mystery-Projekt wie „Der Greif“ zu bewältigen?

Marka: Das kann man so sagen. Seither können wir alles miteinander machen – von der Großhochzeit über Krimifilme bis hin zur großen Fantasy-Serie.

Erol Yesilkaya: Wir haben ja sogar schon am Vorabend gemeinsam angefangen, mittlerweile unsere gemeinsame Produktionsfirma DogHaus gegründet und sind überhaupt sehr eingespielt aufeinander.

Marka: Wobei der „Tatort“ sozusagen die Spielwiese war, auf der wir vieles, was jetzt auch im „Greif“ so passiert, bereits ausprobiert haben: witzig, düster, skurril, gruselig, Thriller – alles dabei, alles nach unserem Geschmack.

Yesilkaya: Wir haben ohnehin einen sehr ähnlichen Geschmack, können einander die Sätze vervollständigen und streiten uns dennoch sehr selten, wofür es bei einer Produktion wie dieser echt genügend Anlässe gegeben hätte. Wir sind aber noch immer die besten Freunde. Alles super!

Alles super, weil Fantasy, was das Handwerk betrifft, am Ende die gleichen Schreib- und Drehprozesse erfordert, wie Krimi oder Komödie?

Marka: Es ist auf der einen Seite das Gleiche, weil man Schauspieler, Crew und acht Stunden Drehzeit hat.

Yesilkaya: Deshalb war der Genre-Wechsel auch organischer als der Format-Wechsel. Von Film zu Serie ist ein ganz schöner Sprung.

Marka: Aber auf der anderen Seite bringt das Fantasy Genre Elemente mit, wie teure Kulisse und jede Menge CGI, die viel größer und komplexer sind als beim „Tatort“. Handwerklich haben uns gemeinsame Routinen also sehr geholfen. Das war schon ein anstrengender Ritt, an dem wir insgesamt fünf Jahre gearbeitet haben.

Pausenlos?

Marka: Erol hat parallel noch an einer weiteren Serie geschrieben und ich einen „Tatort“ gedreht.

Yesilkaya: Aber sonst war „Der Greif“ über diesen Zeitraum hinweg unser Hauptprojekt – was sich auch dadurch erklärt, dass unsere erste gemeinsame Liebe gar nicht „Tatort“, sondern Hohlbein war.

Marka: Die meiste Aufmerksamkeit für tolle Storys kriegt man hierzulande definitiv für Tatorte. Aber unsere Entscheidung, überhaupt Filme machen zu wollen, hing auch damit zusammen, früher die Bücher von Hohlbein gelesen zu haben. Deshalb haben wir ihn auch aktiv angesprochen. Ich habe hier einen 20 Jahre alten Brief liegen, wo ich ihn um die Rechte an seinem Stoff bitte.

Yesilkaya: Seither haben wir ihn regelrecht gestalkt.

Marka: Als ich Wolfgang unseren ersten gemeinsamen Tatort aus seinem Riesenfernseher gezeigt habe, meinte er [imitiert Hohlbeins Stimme] „ja, also eure Bilderwelten, schön düster, das ist mein Geschmack“. Dann durften wir wiederkommen und haben uns mit jedem Film quasi nach oben zu ihm hochgearbeitet, bis er unserer neu gegründeten Produktionsfirma die Rechte gegeben hat, mit denen wir zu Quirin Berg gegangen sind.

Als Partner von Wiedemann & Berg verantwortlich für Serien wie „Dark“ und „Pass“.

Marka: Also der deutsche Produzent, der so ein großes Ding verantworten kann. Und genauso wie wir hat er mit 13 Jahren den Greif gelesen und deshalb sofort gesagt, er sei dabei.

Yesilkaya: Und auch Philipp Pratt, bei Prime Video für deutsche Originals zuständig, kam nicht rein und fragte, was wir da hätten, sondern: wo muss ich unterschreiben? Mit diesem Spirit sind wir da rein und haben nicht mehr zurückgeschaut. Zeig ihm mal das Bild, Sebastian.

Marka: [zeigt Handyfoto als Kind mit T-Shirt von „Der Greif“] Das bin ich an meinem elften Geburtstag mit diesem Geschenk an.

Was macht die epische Story zwischen realer und surrealer Welt über Ihre Kindheitserinnerungen hinaus denn verfilmbar? Anders als bei Büchern von Schätzing oder Fitzek ist die Visualisierung ja nicht schon in der Literatur geplant und verankert.

Yesilkaya: Absolut richtig. Wolfgang Hohlbein hat dieses Stilmittel intuitiver Erzählung mit Sätzen wie Mark – die Hauptfigur – wusste einfach, er müsse nach Norden gehen. Da denkt ein Drehbuchautor: Oh mein Gott, wie sollst du das adaptieren? Das wird aber durchs Kopfkino, das seine Ideen auslösen, locker ausgeglichen. Und für mich stellt sich natürlich auch die Frage: wenn alles im Roman bereits perfekt für eine Verfilmung vorformuliert wäre – warum sollte ich es dann adaptieren, wo bliebe da der eigene künstlerische Ausdruck?

Hat Ihnen Wolfgang Hohlbein den denn zugebilligt?

Yesilkaya: Hat er, es war großartig! Wir konnten unsere Aspekte des Romans in die Verfilmung einbringen.

Marka: Und anders wär’s auch nicht gegangen, unsere Empfindungen als Jugendliche in die Verfilmung als Erwachsene zu transportieren. Figuren wie der türkischstämmige Metalhead aus Erols Heimatstadt Krefeld, die wir zu Krefelden gemacht haben, sind Kombinationen unserer Jugend und macht den Roman erst verfilmbar, weil er in einer echten Welt spielt, zu der wir persönlich Bezüge haben, und zugleich in der parallelen Fantasy-Welt, die allein – wie in Hohlbeins Buch „Midgard“ zum Beispiel oder US-Serien wie „The Witcher“ – nicht funktionieren würde.

Haben Sie trotz dieser autobiografischen Perspektive auf den Greif dennoch das Publikum und dessen Sehgewohnheiten im Blick?

Yesilkaya: Da hat uns der „Tatort“ geholfen, weil er zwar stark im Krimi-Realismus wurzelt, aber meist Genre bleibt. Wenn du das nicht selbst in Geister-Tatorten, die wir auch gemacht haben, ausreichend im Mainstream der Wirklichkeit erdest, funktioniert es nicht. Und da helfen persönliche Erfahrungen mit dem Stoff ungemein.

Marka: Deshalb sind wir ja auch nicht Regisseur und Autor allein, sondern das Publikum.

Yesilkaya: Also auch Amazon-Prime-Abonnenten.

Marka: Wir haben ständig im Hinterkopf, die Zuschauer nicht nur dramaturgisch, sondern auch emotional mitzunehmen. Da hilft es übrigens enorm, dass wir nicht nur gegenseitig unsere größten Fans, sondern auch die größten Kritiker sind.

Yesilkaya: Die Formel, wie man erfolgreich für sich und das Publikum Filme macht, ist noch immer nicht geknackt. Wäre das der Fall, würden alle nur noch danach drehen.

Gibt es unabhängig von dieser Formel so etwas wie Lehrsätze, nach denen man Fantasy verfilmen sollte – oder auch nicht?

Yesilkaya: Ernstnehmen, wie ein Arthaus-Drama behandeln, dabei so echt bleiben wir möglich, also keinen Trends folgen – dann werden die Leute spüren, dass du ein Überzeugungstäter bist.

Marka: Gerade weil Fantasy teuer ist und mehr Vorbereitung erfordert, darf man nicht zulassen, dass es die anderen Elemente, wie Comedy und Drama zu stark überlagert.

Normalerweise müsste man bei einem so teuren Produkt hinzufügen: Und unbedingt auf Englisch drehen. Warum haben sie sich für Deutsch entschieden?

Marka: Weil Amazon Prime Deutschland dafür da ist, deutschen Content zu produzieren, der weltweit funktioniert. Vor 20 Jahren hätte man es dennoch auf Englisch machen müssen, aber dank international erfolgreicher Formate wie „Dark“, schaffen es deutsche Serien mittlerweile selbst in die USA.

Yesilkaya: Heute würde man deshalb auch „Die unendliche Geschichte“ auf Deutsch drehen, damals ging das nicht.

Marka: Es ist einer der Nebeneffekte des Streaming-Zeitalters, das Publikum weltweit an untertitelte oder synchronisierte Serien zu gewöhnen.

Hat „Der Greif“ womöglich sogar eine deutsche Ton- und Bildsprache, die als solche im Ausland wahrgenommen, gar geschätzt wird?

Marka: Bei „Dark“ war es der dunkle Wald, sehr deutscher Mythos, bei uns – hoffe ich – die Mischung aus deutscher Architektur und deutschen Neunzigern mit einer präzisen, ökonomischen Erzählsprache, die aus Gründen geringerer Budgets international fast schon ein deutsches Qualitätskriterium ist. CGI zum Beispiel einzusetzen, wo es sinnvoll ist, nicht nur der Computereffekte willen.

Yesilkaya: Wir haben deshalb sogar mal darüber gesprochen, auf Film zu drehen, um diesen digitalen Bonbonlook zu vermeiden, den heutzutage fast jede Serie hat. Das leicht Körnige macht es echter – und passt perfekt zu Hohlbein.

Haben Sie von dem bereits das nächste Buch in petto?

Yesilkaya: Wenn „Der Greif“ erfolgreich wird, wird es auch mehr Hohlbein von uns geben.

Marka: Dafür haben wir gesorgt.