Nathan Micay, Zion Flex, Protomartyr

Nathan Micay

Die Werbung erfindet gern blöde Phrasen für neue Platten. “Lang ersehntes Debüt” ist so ein Bullshit-Terminus, übertroffen nur vom “bislang emotionalsten Werk” oder ganz frisch im Regal der PR-Verarschung: das “bislang ehrgeizigste Album” von Nathan Micay. Rückfrage ans Marketing: war der kanadische Produzent und DJ zuvor unambitioniert und faul? War er nicht, wovon seine Soundtracks für Fernsehformate wie Industry oder Reality stehen.

Dennoch sticht To The God Named Dream aus dem Kanon der Filmmusiken und Dance-Sinfonien heraus. Dieses “postmodernes Meisterwerk aus Score-Sounds, Downtempo, Pop und Clubmusik” ist nämlich echt überwältigend. Micays perfektionistischer Mix aus digitalem Footage und hitzigen Beats, nostalgischen Synths und futuristischem Rave passt ebenso ins Berghain wie aufs Waldfestival und ist vor allem, nein – nicht besonders ehrgeizig, sondern besonders gut.

Nathan Micay To The God Named Dream (LUCKYME)

Zion Flex

Es ist schon fast peinlich, dass die Popwelt im Allgemeinen und freitagsmedien im Besonderen nahezu alles feiern, was aus Österreich nordwärts schwappt. Aber wenn es zuvor von UK aus südwärts über die Alpen gewandert ist, machen wir es gerne – für Zion Flex. Ursprünglich aus Bristol, verbreitet die Rapperin ihren eklektisch-noisigen HipHop nun über Wien in die Welt und es klingt ortsunabhängig erstaunlich.

Mit vielschichtigen Vocals über technoidem Sound, scheppert sie ein Werk weiblichen Empowerments in die Branche, das wütend und nachsichtig, angriffslustig und kompromissbereit gleichermaßen klingt. Produziert von Def III ist We Got This deshalb auch weniger verkopft, als das Thema andeutet. Es handelt von Verletzungen, aber nie aus Opferperspektive. Und es verwendet dafür triphopige Downbeats, die zwar dystopisch klingen, aber Mut machen.

Zion Flex – We Got This (Banc Publik Records)

Protomartyr

Und damit zu einer Band, die ausgerechnet dort eklektisch noisigen Post-Punk kreiert, wo Zion Flex’ musikalische Urahnen einst Techno und HipHop revolutioniert haben. Nach Detroit also, seit elf Jahren Heimat von Protomartyr. Auf ihrer neuen Platte Formal Growth In The Desert verdichtet das Quartett seinen Hang zum retrofuturistischen Wave nun in einer dystopischen Mischung aus Poesie und Politik.

Wenn Joe Casey die mal luziden, mal brachialen Riffs von Greg Ahee wieder zwischen Rezitation und Sprechgesang überwölbt, wenn Alex Leonard seine reduzierten Drums dahinter versteckt, die Scott Davidsons Bassläufe scheinbar freudlos unterhöhlen, fühlt man sich an The Fall im Abbruchhaus erinnert – alternativer Industrial lichtloser Räume. Nichts für laue Sommernächte am Strand, aber in den Kellern darunter grandios.

Protomartyr – Formal Growth In The Desert (Domino)



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