Rammsteins Härte & Titanics Six
Posted: June 12, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen, Uncategorized |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
5. – 11. Juni
Rezo ist wieder da. Wie lange er weg war, lässt sich in der Schnelllebigkeit unserer digitalen Epoche nur mutmaßen, aber gut zwei Jahre seit seinem Video zur Covid-Politik sind nach Internet-Maßstäben episch und jetzt wurde es eben Zeit für den blauhaarigsten Kommentator bundesdeutscher Befindlichkeiten. Denn #MeToo hat eine neue deutsche Dimension, die viel mit neuer deutscher Härte zu tun hat.
Rezo hat sich über die Missbrauchsvorwürfe gegen den vergewaltigungslyrischen Brachialpennäler Till Lindemann zu Wort gemeldet, und zwar wie so oft sprachgewaltig. Das tut auch bitter not. Nachdem nämlich immer mehr Frauen den strukturellen Machtmissbrauch des Rammstein-Führers beschreiben, dreht das asoziale Netz den Spieß um und bläst unter Hashtags wie #istandwithrammstein zum Gegenangriff, den Lindemanns Anwälte mit Informationsblockaden plus Täter-Opfer-Umkehr flankieren.
Damit nicht genug, verschweigt die Staatsanwaltschaft Berlin Anzahl und Art der Anzeigen, da kein presserechtlicher Auskunftsanspruch bestehe. Interessant, angesichts des öffentlichen Interesses, aber gut: wir sind in einer Phase, wo der misogyne Mainstream nicht nur schon lange vor Claudia Neumanns ziemlich solidem Kommentar des CL-Finales ganz genau wusste, wie sie es vermasselt, und der populistische Merz-Mainstream mit Bild, RTL, AfD jubelt, dass Linksextreme doch schlimmer sind als Rechtsextreme. Na bitte.
Bayerns volkszornige Regierungskabarettistin Monika Gruber hat derweil am Samstag bei ihrer Demo gegen das Heizungsgesetz nicht nur massig Querdenkende angelockt, sondern die rechtspopulistisch anschlussfähigen Regierungslenker Markus Söder und Hubert Aiwanger gleich auch noch als Redner geladen. Besaß das Kabarett nicht mal eine Distanz zur herrschenden Macht? Dorthin also, wo Katrin Vernau dann doch nur kurz verweilte?
Bei der Wahl zur neuen RBB-Chefin jedenfalls wurde die Übergangsleiterin gar nicht erst nominiert. Was noch anzumerken wäre: Servus, TV-Spielzeug des toten Brausemilliardärs Dietrich Matteschitz, stellt 2024 den linearen Betrieb in Deutschland ein. Und Matti Geschonneks Wannseekonferenz ist in gut 2000 chinesischen Kinos gestartet, was im zensurfreudigen Reich der vermeintlichen Mitte ja eigentlich nichts Gutes zu bedeuten hat.
Die Frischwoche
12. – 18. Juni
Eher so Mittelmäßiges zu bieten hat die neue Fernsehwoche – was schon dadurch ersichtlich wird, dass zu ihrem Auftakt Die Haustierprofis am bemerkenswertesten sind, ein fünfzehnteiliges Nachmittagsformat, in dem Moderator Ralph Morgenstern werktäglich ab 14.10 Uhr im Ersten Dienstleistungsinfotainment der wohlfeilsten Art anbietet, also garantiert kein kritisches Wort über Sinn und Unsinn eingesperrter Kuscheltiere verliert.
An Kritik nicht sparen dürfte dagegen an gleicher Stelle wie so oft abseits der Familienbespaßung zur Primetime: Eckart von Hirschhausen. Seine Doku Was von Corona übrigblieb hätte allerdings weit mehr als 45 Minuten vor hart, aber fair verdient, wo Louis Klamroth im Anschluss mal wieder über Putins Angriffskrieg diskutiert. Ebenfalls sachorientiert ist der interventionistische Doku-Thriller The Six, in dem Arthur Jones mit dem Hobby-Sinologen Steven Schwankert Außergewöhnliches zutage fördert.
Sechs Chinesen nämlich, die als Passagiere auf der Titanic gereist waren, ihren Untergang am 14. April 1912 überlebt hatten und dann verschwunden sind. Produziert von James Cameron, dessen Blockbuster bei jeder Gelegenheit in die Jagd nach Hinterbliebenen montiert wird, gleicht die Spurensuche ab heute beim History Channel einer Schatzsuche, die abseits der Geschichte viel über den euroamerikanischen Rassismus von damals und heute erzählt.
Frei von soziokulturellem Ballast sind demgegenüber drei Fiktionen der Woche: die zweite Staffel des Star-Trek-Spin-Offs Strange New Worlds, ab Donnerstag, Paramount+. Die depperte Söldner-Arie Tyler Rake: Extraction 2 tags drauf bei Netflix. Und parallel dazu die vierteilige Action-Romance Bonnie & Clyde (Freitag, 20.15 Uhr Neo), diesmal in holländischer Interpretation.

