154 Sendungen & 37 Sekunden
Posted: August 14, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
1. – 13. August
Am 25. November endet ein Zeitalter, ach was: eine Ära. Nach 154 Sendungen in 36 Jahren moderiert Thomas Gottschalk zum letzten, also wirklich echt und ganz, ganz sicher allerallerletzten Mal Wetten, dass…? – zumindest, bis das ZDF wieder vor seiner Tür scharrt oder Joko & Klaas endlich Lust aufs öffentlich-rechtliche Vollversorgungspferd verspüren. Ansonsten heißt Twitter nun zwar X, aber sonst ändert sich nix.
Amerikas Drehbuchautorinnen und -autoren streiken und streiken und streiken nun sogar mit tatkräftiger Hilfe ihrer Stimmen vom Schauspiel. Til Lindemann findet den Spiegel schlimmer als die Bild und sagt das im Cicero, den alle links der ganz Salonrechten wohl schlimmer finden als FAZ und Welt, die wiederum nichts gegen Junge Freiheit oder Compact sind, von denen sich die Lindemanns unserer misogynen Gegenwart gewiss besser publiziert fühlen als, sagen wir: von taz und SZ.
Der neue, alte, ewige Disney-Chef Bob Iger erklärte das Geschäfts-, ergo: Ertragskonzept neuer, alter, seiner Ansicht nach überkommener Medien wie das lineare Fernsehen unterdessen für kaputt, also kaputter als jenes von Disney+, dessen Programmangebot für sich genommen hochdefizitär wäre, würde es nicht vom Gesamtkonzern so freigiebig querfinanziert werden, aber das ist aus turbokapitalistischer Sicht ebenso Erbsenzählerei wie die Sache mit der Kriminalstatistik.
In der kommen Kapitalverbrechen auf ganze 0,1 Prozent, also eine von 1000 Straftaten und das auch nur, da Mord & Totschlag angezeigt werden, häusliche Gewalt hingegen nur selten. Warum das hier steht? Weil Regina Schilling mit Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann nach Kulenkampffs Schuhe abermals brillant das hiesige Nachkriegsfernsehen seziert und – in der ZDF-Mediathek – zeigt, wie Aktenzeichen XY Deutschland zumindest außerhalb der eigenen vier Wände zur Hölle unartiger Frauen erklärte.
Die Frischwoche
14. – 20. August
Dass die Gefahr gewalttätiger Übergriffe eher im häuslichen Umfeld lauert, beweist ab Dienstag der ARD-Sechsteiler 37 Sekunden, in dem die junge Leonie (Paula Kober) vom älteren Vater (Jens Albinus) ihrer besten Freundin (Emily Cox) vergewaltigt wird – so lautet wenigstens ihre Version. Nach dem famosen Drehbuch von Julia Penner und David Sandreuther gelingt es Regisseurin Bettina Oberli jedoch, Interpretationsspielräume offen zu halten, ohne der missbrauchten Frau die Solidarität zu verweigern.
Ein kleines Glanzstück.
Besser sogar als die flämische SciFi-Serie Arcadia um eine Near Future, in der sich alles um den Social Score genannten Gesamtwert digitaler Daten total durchleuchteter Menschen dreht. Das erinnert zwar stark an Black Mirror, entfaltet ab Freitag in der ARD-Mediathek aber emotionalere Wucht, weil es auch darum geht, wie viel Solidarität in dieser Dystopie denkbar ist.
Apropos durchleuchten: An selber Stelle porträtiert die WDR-Doku Off Cam ab morgen aktuelle oder künftige Twitch-Stars, die auf der früheren Gaming-Plattform alles offenbaren, um Reichweite, ergo: Einnahmen zu erzielen. Ein Leben in der Matrix, könnte man mit dem Titel des Themenschwerpunktes Cyberwelten parallel auf Arte sagen. Eines also, das seinen Anfang gewissermaßen in einer großartigen MTV-Doku fand.
Denn Reinventing Elvis erzählt ab Mittwoch bei Paramount+ davon, wie der King of Rock’n’Roll 1968 mit viel PR aus der Versenkung geholt und damit zum Grundstein einer explodierenden Popkultur hochgejazzt wurde. In der wurden langfristig Serien wie The Rightous Gemstones um eine Familie evangelikaler Turbokapitalisten gestaltet, die Sky ab Freitag in Staffel 3 schickt.
Und selbst Massenmörder sind mittlerweile ein popkulturelles Massenphänomen. Die BBC-Serie Wolf widmet ihm daher zugleich den nächsten Sechsteiler, während sich Amazon Prime mit Shelter auf das Boomthema Coming-of-Age stürzt, gepaart mit dem Boomthema Psychiatrie. Und weil mittlerweile alles im Mainstream schwimmt, findet sich dort sogar Platz fürs queere US-Filmfeuerwerk Tangerine L.A., ab morgen, 22.45 Uhr, im RBB.
