Ottos Shows & schwule Väter
Posted: August 21, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
14. – 20. August
Die Printkrise hat mitunter doch auch mal ihr Gutes: G+J stellt demnächst das paläoanthropologische Ego-Fanzine Beef! ein und erspart dem vernunftbegabten Teil der Menschheit damit ein Periodikum für den eleganten Klimafrevel. Die ARD wiederum möchte dem triggeranfälligen Teil der Deutschen derweil Witze aus dem Comedy-Präkambrium ersparen, als N-Worte und ähnliche Diskriminierungen noch Schenkelklopfer waren.
Dass die Bild angesichts von Warnhinweisen auf alten Otto-Shows – bewusst irreführend – von Zensur faselt, ist dabei natürlich schon deshalb eingepreist, weil die Berichterstattung des Boulevards gern Skandale herbeipöbelt, wo gar keine sind. Im Fall von RTL war das diesmal allerdings gar nicht nötig. Weil der News-Reporter Maurice Gajda einen Tweet von Frauke Petry offenbar erfunden hat, wurde er nun freigestellt, wie es aus Köln heißt.
Drollig ist dabei nicht nur, dass die rassistische Bemerkung über einen ESC-Kandidaten exakt dem Denken der früheren AfD-Chefin entspräche, sondern die Erklärung von RTL. Gajdas Fälschung, so ein News-Geschäftsführer, schade „der wichtigen und verantwortungsvollen Arbeit unserer rund 1.300 Journalistinnen und Journalisten“, die „mit ihren Nachrichten und Magazinen tagtäglich für journalistische Glaubwürdigkeit, Wahrhaftigkeit und Sorgfalt“ stehen. Selten so gelacht. Und damit zu seriöseren Nachrichten als bei RTL üblich.
Mark Musk und Elon Zuckerberg kämpfen nun offenbar doch nicht den Käfigfight der Tech-Giganten aus, was allerdings nicht an Skrupeln über die archaische Art der Konfliktlösung, sondern Kommunikationspannen liege. Und damit zu etwas wirklich Berichtenswertem: Das Halbfinale der frisch beendeten Frauen-Fußball-WM gegen England, war die meistgesehene Fernsehsendung des australischen Fernsehens aller Zeiten – und auch hierzulande zeigen gut zehn Millionen Zuschauer*innen der Vorrundenpartie Deutschland gegen Kolumbien, dass sich ARZDF nächstes Mal früher die Übertragungsrechte sichern sollten.
Die Frischwoche
21. – 27. August
Und damit zum postsportlichen Geschehen parallel zur Leichtathletik-WM in Victor Orbáns Hauptstadt der faschistischen Bewegung Budapest, für die weder ARD- noch ZDF-Reporter*innen bei ihrer halbtägigen Berichterstattung bislang kritische Worte gefunden haben. Das größte, weil nahezu einzige Highlight der Woche, bietet heute Abend Neo, wo Dienstag um 22.15 Uhr die Instant-Dramedy Ready.Daddy.Go! startet.
Darin kämpft ein Homosexueller Anfang 30 verbissen um seinen Kinderwunsch, was schon für Heterosexuelle ein wilder Ritt durchs Dickicht der Adoptionsriten wäre. Schwule Männer dagegen droht da eine Verzweiflung – die Showrunner Christoph Pilsl allerdings mit feinem Humor, kluger Dialogregie und einem Ensemble von ungeheurer Spielfreude, allen voran Fridolin Sandmeyer als Hauptfigur Michl und seine strenge, aber kluge Freundin Ellie (Maike Jüttendonk).
Was dagegen vom 3893. Star-Wars-Spin-Off Ahsoka um einen der 3894. Jedi-Ritter und -ritterinnen vergangener Folgen zu halten ist, darüber müssen sich alle ab Mittwoch bei Disney+ ein eigenes Bild machen. Optisch opulent und technisch versiert jedenfalls ist die Serie. Objektiv hochinteressant ist demgegenüber das ARD-Experiment Bäm!, ein vollanimiertes Stück über die vollanimierte Comic-Szene, die uns ab Donnerstag in der Mediathek über die Geschichte dieser wirkmächtigen Popkultursparte.

