Shirins Feminismus & Beckers Sexismus
Posted: December 5, 2023 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
27. November – 3. Dezember
Interessanter Gedanke, den Horst Bredekamp am Samstag in der Süddeutschen Zeitung geäußert hat: Analog zum Verbot kinderpornografischer Bilder, fordert der renommierte Kunsthistoriker, auch Besitz und Verbreitung kriegs- oder terrorverherrlichender Darstellungen unter Strafe zu stellen. Solche des islamistischen Angriffs auf Israel zum Beispiel, dessen Footage sich weiterhin abertausendfach auf Foren wie X oder Telegram findet.
In derselben Ausgabe fordert die Kolumnistin Jagoda Marinic einen kritischeren Umgang mit dem Lipstick Feminismus und wählt sich dafür ausgerechnet Thomas Gottschalk als Kronzeugen. Bei seinem Wett-Finale nämlich hatte er Shirin David gefragt, was am sexpositiven Pornstyle der Rapperin aus emanzipatorischer Sicht progressiv sei. Der greise Knietatscher im Operetten-Outfit hat das zwar weder so progressiv formuliert noch gemeint.
Schon angesichts der zweiten Frau mit Pin-Up-Potenzial auf dem Sofa, muss die Frage allerdings erlaubt sein. Denn kurz darauf schoss Helene Fischers Duett von Atemlos mit Shirin David auf Platz 1 der deutschen Charts, und es zeigt sich: beiden ist Gleichberechtigung offenbar herzlich egal, solange die Rendite ihrer Selbstentblößung stimmt. Und damit zu einer Frau, die wirklich was dafür getan hat, jetzt aber weg vom Fenster der öffentlichen Aufmerksamkeit ist.
Anne Wills Abschied von ihrer gleichnamigen Talkshow am Sonntag war zwar nicht anders zu erwarten unspektakulär und sachlich. Genau das aber stand für eine Form von weiblicher Selbstermächtigung im Männerfernsehzirkus Maximus, der mehr Spuren hinterlässt als alle lippenstiftfeministischen Vollbäder in Hyaluronsäure. Die Fußstapfen für Caren Miosga sind also groß. Ob sie zu groß sind, wird sich im Januar zeigen
Die Frischwoche
4. – 10. Dezember
So richtig groß werden die Fußstapfen vollumfänglich glaubhafter, also echter Nachwuchsfeministinnen sein, wenn ältere Rolemodels wie Maren Kroymann abtreten. Das allerdings könnte noch etwas dauern, denn auch mit 74 Jahren ist sie geradezu hyperaktiv, heute zum Beispiel mit dem zweiten Teil der vielschichtigen ZDF-Komödie Mono & Marie an der Seite von Ulrike Kriener.
Wer ebenfalls nicht so bald abtreten wird, ist einer, der auch schon ewig dabei zu sein scheint: Ben Becker. Seit jeher ein Schauspieler mit Eigensinn und Courage, aber auch gehörigem Testosteronüberschuss, macht er sein Ding und landet Donnerstag bei Warner TV leider in einer sechsteiligen Western-Persiflage. Als Boom Boom Bruno spielt Bumm Bumm Becker einen Cop der ganz alten, macho-misogynen, durch und durch gewalttätigen Schule.
Was wohl ironisch gemeint sein soll, dockt jedoch so unverblümt am neurechten Ideal allmächtiger Männer an, dass die Serie einen Warnhinweis bräuchte: Achtung, AfD-affin. Ein Publikum, dass auch mit der Real-Life-Influencer-PR Forsthaus Rampensau, ab Freitag bei joyn+, gut versorgt werden dürfte. Eher GenZ- bis Alpha-affin ist dagegen die deutsche Verfilmung der Mysteryroman-Trilogie Silber, ab Freitag bei Amazon-Prime.
Parallel dazu startet Netflix mit dem Spielfilm Leave the World Behind, worin Julia Roberts und Ethan Hawke Teil eines klaustrophobischen Bungalow-Dramas werden. Tags zuvor verwandelt Sky die reale Hacker-Fiktion 23 von 1998 in eine gleichnamige Doku über den leibhaftigen Computer-Crack aus Hannover. Und bereits Mittwoch huldigt Geddy Lee bei Paramount+ vier Folgen lang einer hintergründigen Popkultur-Spezies: Bassisten und Bassistinnen. Und zeitgleich erklärt uns der elitäre KT Guttenberg bei RTL+ Die Macht der Kirchen.

