Langmaack/Graf: Hanne & Der Falke

Ich schreibe Drehbücher, keine PR-Texte

inga-ehrenberg-findet-ausgleich-in-der-falknerei-100~_v-varxl_f9d210Wenn Filme Mein Falke heißen, drohen öffentlich-rechtliche Tierliebesschmonzetten. Es sei denn, Dominik Graf verfilmt Skripte von Beate Langmaack – dann kommt ein leises Meisterwerk heraus, in dem Anne Ratte-Polle (ARD, 20.15 Uhr und Arte-Mediathek) als Rechtsmedizinerin (Foto: NDR/Frédéric Batier) beim Versuch, ihre Einsamkeit mithilfe eines Wildvogels zu zähmen, so brilliert, dass der Film den Grimme-Preis kriegen dürfte. Ein Gespräch mit Regisseur und Autorin über Werk und Umstände.

Interview: Jan Freitag

Frau Langmaack, Herr Graf, die Traumdeutung kennt drei Interpretationen von nächtlichen Begegnungen mit Falken: Neben Jagdglück, von dem wohl nur wenige noch träumen, feindliche Umgebung und Akte der Selbstbefreiung. Waren diese Metaphern Basis von Mein Falke?

Beate Langmaack: Höchstens unterschwellig, aber ich nehme alle drei gern, danke. Wichtiger war aber die Tatsache, dass die Hauptfigur als Naturwissenschaftlerin in Materie hineinblickt und der Vogel von oben drauf. Dieses Spannungsfeld fand ich über alle Befreiungsmetaphern hinaus interessant.

Dominik Graf: Als ich erstmals mit dem Stoff zu tun bekam, gab es bereits ein fertiges Drehbuch.

Langmaack: Zumindest ein sehr konkretes Exposé.

Graf: Schon deshalb war die Traumdeutung für mich metaphorisch eher nebensächlich. Über den Falken mussten wir allerdings nie diskutieren, weil er mich von Anfang fasziniert hatte – und zwar nicht nur erzählerisch, sondern taktil; schon die Körperhaltung von Annes Inga, dieses Gerade, Erhabene: toll! Mit einem Falken am Arm sieht man echt gut aus…

Wer ist denn in der Stoffentwicklung zu wem gekommen – die forensische Biologin zum Vogel oder umgekehrt?

Langmaack: Die Einsamkeit der Frau war zuerst, das Ventil des Falken als Ersatz menschlicher Nähe kam danach.

Und wer ist bei der Umsetzung zu wem gekommen – Sie zu Herrn Graf oder Herr Graf zu Ihnen?

Langmaack: Beide gleichzeitig. Es stand von Beginn an fest, dass wir zusammenarbeiten. Zum Glück!

Führt das angesichts der eigensinnigen Bildsprache Ihres Regisseurs dazu, ihm gewissermaßen nach der Kamera zu schreiben?

Langmaack: Im Gegenteil. Weil wir bei Hanne bereits miteinander gearbeitet hatten, fühlte mich sehr frei in allem, was ich tat. Mir war klar, dass ich alles erstmal aufschreiben und bei Bedarf hinterher konstruktiv mit ihm besprechen kann. Auch die Redaktion meinte, lass‘ die erstmal machen; das ist selten.

Graf: Hanne hat ein tiefes gegenseitiges Vertrauen bei uns, aber auch der Auftraggeberseite hinterlassen. Mir ist bis heute schwerverständlich, wie man Drehbücher für Regisseure schreiben kann, von denen man noch gar nichts weiß. Je näher, länger, genauer ich die Leute kenne, desto besser kann ich mit ihnen arbeiten. Deshalb finden Sie in meinem Werk Menschen aller Gewerke, mit denen ich öfter, teils regelmäßig arbeite.

Ist das nur Ihre Herangehensweise oder eine Regel für gutes Filmemachen?

Graf: Das ist individuell. Es gibt Teams, die stoßen aus dem Nichts zusammen und alles passt perfekt. Aber das Vertrauen in Beate ist für mich unbezahlbar. Was das an Debatten erspart!

Langmaack: Am Anfang bin ich am liebsten ganz allein.. Es kann durchaus stören, wenn Regisseure und Regisseurinnen mich bei der Stoffentwicklung mit eigenen Ideen impfen wollen.

Können Sie ihr Buch dennoch loslassen, wenn es fertig in der Hand anderer liegt?

Langmaack: Bei Dominik schon, ohne dieses Vertrauen, würde ich es ihm gar nicht erst überantworten. Aber wenn ich Vertrauen gefasst habe, lasse ich komplett los. Ich bin nie am Drehort. Was soll ich da?

Graf: Trotzdem habe ich dir früh schon erste Schnittversionen gezeigt, oder?

Langmaack: Stimmt. Und die waren schon sehr lang.

Graf: Dass wir trotz enger Formatvorgaben der ARD über 100 Minuten lang sind, war ungeheuer wichtig für den Film, der durch seine langen Einstellungen lebt. Aber auch da wusste ich, das ist in Beates Sinne.

Das betrifft offenbar auch die Figuren ihrer beiden Filme, in denen es um Frauen mittleren Alters an Weggabelungen ihrer Existenzen geht.

Langmaack: Obwohl sich Hanne mit dem eigenen Tod auseinandersetzt und Inga mit dem Tod anderer, sind es aber dennoch komplett unterschiedliche Typen, die den Tod auf jeweils eigene Art in den Hintergrund persönlicher Geschichten rücken.

Graf: Mein Falke ist mehr als Hanne ein zutiefst stofflicher, haptischer Film, in dem es um die Varianten des Todes in ihrer chemischen Zusammensetzung bis hin zu Zwangsarbeitern der Vierzigerjahre geht.

Ist der Boom forensischer Formate wie CSI schuld, dass auch Sie jetzt so einen Stoff machen können?

Graf: Es war jedenfalls nicht hinderlich. Wir haben lange überlegt, ob die Kamera an Maden vorbei in faulige Wundkanäle fahren sollte, um den Tod plastisch zu machen (lacht); filmtechnisch hätte mich das durchaus gereizt. Innerhalb dieses schlichten Filmes wäre es aber eine Nummernrevue geworden.

Langmaack: Mir ging es schließlich nicht um den Tod an sich, sondern vordergründig um Bindung, teilweise über 80 Jahre hinweg. Das hat Dominik einfach verstanden. Uns geht’s ums Leben!

Umso mehr fällt auf, dass beide Filme Frauen in Lebensphasen um die 50 aufwärts skizzieren, in denen sie – besonders, was Film und Fernsehen betrifft – langsam verschwinden. Das ließe sich als Plädoyer für mehr Sichtbarkeit lesen.

Langmaack: Ist aber keins, sorry. Ich schreibe Drehbücher, keine PR-Texte (lacht).

Graf: Filmen hat für mich keine soziale Funktion. Ich will keine gesellschaftlichen Fehlentwicklungen geradebiegen. Nicht mal im Subtext. Ich wäre auch gar nicht auf den Gedanken des Verschwindens von Frauen im Alter von Anne Ratte-Polle und Iris Berben gekommen, weil sie bei mir ständig Hauptfiguren sind. In Zeiten, wo die Leute beinah ewig leben, finde ich es da umso interessanter, was sie nach kaum der Hälfte für Kämpfe austragen.

Langmaack: Während wir hier über zwei Filme mit Frauen mittleren Alters reden, hatte mich nie jemand gefragt, warum die Ermittler meiner „Polizeirufe“ und „Tatorte“ ähnlich alte Männer waren.

Weil der Ausnahmezustand interessanter ist als der Normalfall?

Langmaack:  Zwei Frauen hintereinander ist schon ein Ausnahmezustand?

Graf: Wobei man es unabhängig vom Geschlecht schon auch so schreiben können muss wie Beate, um Altersfragen zu thematisieren, ohne sie in den Vordergrund zu rücken.

Mindestens ebenso ungewöhnlich ist der Drehort von Mein Falke. Steht Wolfsburg für irgendwas oder ist es einfach eine Stadt irgendwo im Nirgendwo?

Graf: Eigentlich wollten wir wie Hanne in Wilhelmshaven drehen. Aber erstens war unklar, wohin der LNG-Terminal kommt. Was zweitens sämtliche Hotels ausgebucht hätte. Und drittens hat unser Ausstatter irgendwann Wolfsburg ins Spiel gebracht, weil das wegen des Handlungsstrangs nationalsozialistischer Zwangsarbeiter bei VW naheliegender als Wilhelmshafen war. Außerdem kannte ich Andreas Weizsäcker.

Den Sohn von Richard von Weizsäcker.

Graf: Der vor seinem viel zu frühen Tod Baumschnitzereien ehemaliger Zwangsarbeiter entdeckt und das Thema damit erstmals in Wolfsburg publik gemacht hatte. Das hat mich enorm fasziniert.

Werden Drehorte durch so etwas zu Protagonisten?

Graf: Drehorte sind immer Protagonisten, und meistens mit seltsamer Persönlichkeit. Wolfsburg war zwar Führerstadt, ist aber im Grunde gar keine Stadt, sondern Ortskerne um Fabriken herum.

Planen Sie, wo auch immer, nach Ihrer zweiten gemeinsamen Arbeit eigentlich bereits an der dritten?

Graf: Von mir aus sehr gerne.

Langmaack: Von mir aus auch. Und wir können dann ja mal einen Mann in den Mittelpunkt stellen, Dominik.

Graf: Ach, muss nicht sein. Obwohl es mittlerweile auch schon wieder heikel ist, wenn Männer Frauen inszenieren.

Langmaack: Dürfen Frauen umgekehrt dann auch keine Männer inszenieren? Langsam wird’s schwierig…



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