Politisches Schweigen & Häuser aus Glas

Die Gebrauchtwoche

TV

11. – 17. Dezember

Sparvorschläge aus München: Florian Herrmann, bayrischer Staatskanzleichef und Medienminister, fragt sich bei Horizont, ob man alle Rundfunkanstalten brauche und schlägt gleich mal vor, BR und SWR zusammenuzul… Ach nee – der CSU-Mann sieht natürlich nur nördlich der Weißwurstgrenze Kostenersparnisse. Na, dann eben Vorschläge aus Frankfurt.

Christian Lindners Oberschichtbereicherungsbeauftragte Gerda Hofmann, offiziell als Ministerialrätin für Erb-, Grund- und Vermögenssteuer bezahlt, hat – wie Jochen Breyers ZDF-Doku Die geheime Welt der Superreichen mit versteckter Kamera zeigt – auf einer Veranstaltung für die Titelhelden Herrschaftswissen aus dem Finanzministerium ausgeplaudert, um Superreiche am Fiskus vorbei noch viel superreicher zu machen. Und Lindners Ressort? Schweigt auf Anfrage das Schweigen der Schuldbewussten.

Ebenso wie Jeremy Fragrance, der nicht nur ein dunkles Licht im Leuchter menschlicher Intelligenz ist, sondern offenbar auch ein braunes. Was von beidem dazu führte, dass sich der selbstverliebte Parfüm-Influencer lachend unter Nazis präsentiert hat, kann nur dieses duftende Maskottchen der Ignoranz beantworten, aber lässt es selbstredend lieber sein.

Derlei Diskretion in eigener Sache galt lange Zeit auch für Netflix. Nun gibt das Portal Zahlen für 1800 Eigenproduktionen heraus und siehe da: deutsche sind selbst weltweit ungeheuer zugkräftig. Wobei die Daten mit Vorsicht zu genießen sind – misst der Streamingdienst Erfolg doch in Stunden, nicht Zugriffen. Weshalb kaum Filme im oberen Drittel landen und als erste Serie von Belang: Wednesday an vierter Stelle.

Richtig klar und offen geäußert hat sich auch Frank Plasberg nicht über Louis Klamroth. Dass er Hart, aber fair jedoch nicht mehr produzieren wird, spricht Bände über seine Haltung zum Nachfolger im Ersten. Im Zweiten ist derweil nur wenig zu spüren vom Erbe, das ihm Dieter Stolte einst hinterlassen hat. Stolze 20 Jahre war er ZDF-Intendant und hat den Sender dabei nicht nur als konservatives Flaggschiff durch Helmut Kohls geistig-moralische Wende manövriert.

Vor seinem Abtritt 2002 gehen auch zahlreiche Neugründungen von ZDF-Kultur bis Phoenix aufs Konto des unionsnahen Medienmanagers. Jetzt ist er mit 88 gestorben und hinterlässt dem Mainzer Lerchenberg ein zwiespältiges Erbe. Auch darum landet in den letzten Zügen 2023 nichts Bemerkenswertes von dort in der Frischwoche, dafür aber umso mehr aus der ARD.

Die Frischwochen

0-Frischwoche

18. Dezember – 7. Januar

Dort steht seit Montag die Doku Trans*Teens in der Mediathek. Mit ein paar zu viel Ich-Botschaften vielleicht, aber angemessen objektiv, reist Reporterin Kerstin Klein darin 45 Minuten durch die USA und trifft Konservative, die Transgender-Menschen das Leben zur Hölle machen. Auf andere Art sehenswert ist das sechsteilige Biopic Power Play an gleicher Stelle.

Ab 29. Dezember zeichnet es das politisch bewegte Leben von Gro Harlem Brundtland nach, die 1981 nicht nur Norwegens erste Ministerpräsidentin war, sondern auch danach eine Vorreiterin weltbewegender Bereiche von Emanzipation über Gesundheit bis Abrüstung. Übers ARD-Weltkriegsexilepos Davos wollen wir an dieser Stelle zwar den Mantel konventionellen Historytainments hüllen.

Dafür belegt eine Koproduktion mit Arte in dessen Mediathek die öffentlich-rechtliche Kraft, große Geschichten ohne viel Firlefanz zu erzählen. Nach Esther Bernstorffs grandiosem Drehbuch versucht ein Unternehmer (Götz Schubert) zwischen den Jahren seinen Nachlass im Haus aus Glas verschiedenster Traumata aller vier Kinder zu regeln, was unter der Regie von Alain Gsponer trotzt Thriller-Finale einfach nur tolles Fernsehen ist. Dasselbe gilt für Bradley Coopers Interpretation von Leonard Bernstein.

Sein Biopic Maestro porträtiert nach kurzer Kino-Auswertung bei Netflix eher den bisexuellen Ehemann als die Dirigenten-Legende. Parallel dazu kriegt auch der griechisch-amerikanische Halbgott Percy Jackson bei Disney+ eine Frischzellenkur, die weit über zwei aufgeblasene Blockbuster hinausgeht. Netflix zeigt derweil noch ein Spin-Off von Haus des Geldes mit Fokus auf den Gangster Bérlin, bevor wir uns mit dem Artus-Bombast The Winter King ab 1. Januar bei MagentaTV ohne viel Wehmut von 2023 verabschieden. Bis auf Film & Fernsehen kann 2024 ja eigentlich alles nur noch besser werden.



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