2023: Das Fernsehjahr, das war
Posted: January 3, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentPerfektion und Niedertracht

Mystery, Empowerment, Fake-Dokus, Coming-of-Age, oft als Sechsteiler à 45 Minuten: auch 2023 füllen die Seitenarme den Fernsehmainstream mit Frischwasser. Wobei auffällt: Krimis bleiben wichtig, aber selten bemerkenswert, weshalb diesseits der Sendeplätze für Hauptkommissare und Wachtmeisterinnen mehr Raum für ermittlungsfreies Experimentieren blieb – sehenswertes wie saumäßiges. Die Top-11 des TV-Jahrs in loser Reihenfolge.
Von Jan Freitag
Platz 11
Tender Hearts, Sky
Als Anfang April die erste der acht Folgen Tender Hearts lief, dachte man: einsame Frau von morgen (Friederike Kempter) verliebt sich in Love-Roboter – gab’s das nicht bei Ich bin dein Mensch? Gab es! Aber nicht so visionär, originell, lustig wie Pola Becks Serie, die sogar das Hochplateau von Axel Ranischs Arte-Experiment Nackt über Berlin um einen Direktor in der Gewalt zweier Schüler erreicht.
Platz 10
Die Verräter, RTL+
Wer Brettspiele hasst, meidet auch Cluedo, wo ausgeloste Mitspieler ihre Identität als Mörder verheimlichen. Wer RTL-Formate hasst, meidet da auch Die Verräter, wo selbiges im echten Schloss passiert. Ein Fehler! Moderiert von Sonja Zietlow, war die Realityversion von Cluedo voller Privatfernsehgewächse wie Pascal Hens und Irina Schlauch bei allem Trash ein Springbrunnen pfiffiger Spannungssimulation.
Platz 9
Maestro, Netflix
Früher hat Netflix Filme mit Niveau vorm Streamen im Kino geparkt, um Oscars zu kriegen. Beim Biopic Maestro war das zwar unnötig, aber sinnvoll. Denn Bradley Coopers Porträt von Leonard Bernstein und dessen Frau Felicia (Carrey Mulligan) ist so famoses Fernsehen, dass es auf Leinwand wie Bildschirm begeistert. Was ebenso für Meisterwerke wie Nyad, Leave the World Behind und The Killer gilt.
Platz 8
Mein Falke, ARD
Mit Hollywood können deutsche TV-Filme schon wegen des Budgets nicht mithalten. Es sei denn sie ersetzen Produktionsgüte durch Tiefenschärfe. Wie Dominik Graf. Sein brüllend stilles ARD-Porträt mit Anne Ratte-Polle als einsame Frau, der Mein Falke aus dem Loch ihrer Lebenskrise hilft, war sogar noch fesselnder als Gesicht der Erinnerung, Grafs Antwort auf Hitchcocks Psychodrama Vertigo.
Platz 7
Was wir fürchten, ZDF
Damit zu deutscher Mystery, die seit Dark fast keinem Thriller fehlt, also auch nicht in Daniel Rübesams Sechsteiler Was wir fürchten. Wenn Lisa (Mina-Giselle Rüffer) trotz Panikattacken stets genau dahin geht, wo es in ihrer verfluchten Schule am lautesten spukt, wirkt sogar der verrätselte (natürlich 6×45 Minuten lange) ARD-Mumpitz Schnee vor Klimawandeltapete gehaltvoll. Unfreiwillig komisch ist beides.
Platz 6
Wir sind die Meiers, ZDF
Ach, wie schön ist dagegen doch freiwillige Komik – und zwar auf höchstem Niveau einer fabelhaften Kunstform: der Mockumentary. In Wir sind die Meiers spielen Stars von Matthias Matschke bis Bettina Lamprecht Familienmitglieder, die jedes deutsche Klischee in pseudorealistischen Humor verwandeln. So wie die Fake-Doku Almania, womit das Erste Kartoffeln einer Brennpunktschule persifliert.
Platz 5
Ernstfall – Regieren am Limit, ARD
Nicht gefakt, sondern faktisch brillant sind demgegenüber divers ARD-Dokus, die allein den Rundfunkbeitrag rechtfertigen. Ernstfall etwa, Stephan Lambys dreiteilige Ampel-Analyse im Dauerkrisenmodus. Dazu Erfundene Wahrheit, Daniel Sagers sorgfältige Aufarbeitung der Relotius-Affäre. Oder die Milieustudie Echt, in der Kim Frank die Neunziger am Beispiel seiner eigenen Teeny-Band analysiert.
Platz 4
Luden, Prime Video
Mittig zwischen Wahrheit und Lüge steht hingegen Historytainment Marke Luden. Gespickt mit echten Kiezgrößen der Achtziger, malt die Serie St. Pauli als dreckig-funkelndes Sittengemälde auf den Flatscreen, das bei aller Authentizität larger than life ist. Also ähnlich plausibel übertrieben wie Sam, ein Sachse – das furiose Disney-Biopic des ersten schwarzen Volkspolizisten, der auch real straffällig wurde.
Platz 3
Deutsches Haus, Disney+
Mit Realitäten hatte Geschichtsfiktion stets dann wenig zu tun, wenn Nazis vorkamen, besser: fehlten – spinnt es doch die Mär vom deutschen Opfervolk weiter. Weil Deutsches Haus über den 1. Auschwitzprozess vor NS-Tätern überquillt, ist die Dramaserie daher schon mal glaubhaft. Genial wird sie dank der Verknüpfung dreier Familien zum Sittengemälde einer vergesslichen Nation, das niemanden ungeschoren lässt.
Platz 2
Boom Boom Bruno, Warner TV
Falls Deutsches Haus aufrecht unterhält, was tut da Boom Boom Bruno? Nennen wir es: niederträchtig unterwandern. Angeblich will Kerstin Laudascher ja die toxische Männlichkeit der Titelfigur persiflieren. So mitfühlend aber, wie Maurice Hübner Ben Beckers homophoben Cowboy-Cop einen Mord im Drag-Milieu lösen lässt, ist die Serie vorgekautes Abendbrot für AfD- und Trump-Fans. Sechs, setzen!
Platz 1
Liebes Kind, Netflix
Wie männlicher Machtmissbrauch kreativ, sorgsam und geistreich gewissenhaftes Entertainment wird, zeigt Isabel Kleefelds brillante Netflix-Serie Liebes Kind mit Kim Riedle als Entführungsopfer eines manipulativen Entführers mit Cäsaren-Syndrom. Vom Drehbuch über die Regie bis hin zu Ausstattung, Kamera, Schauspiel kratzt der Psychothriller sechs Folgen lang an der dramaturgischen Perfektion.