Remigration & Masters of the Air
Posted: January 22, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
15. – 21. Januar
Das Unwort des Jahres, Jahr für Jahr verliehen von einer sechsköpfigen Jury aus Linguistik und Publizistik, die sich vor 30 Jahren von der Gesellschaft für deutsche Sprache abgespalten hat, wagt seit ausländerfrei von 1991 Spagate: Einerseits brandmarkt es öffentliche Formulierungen, die Humanität und Sachlichkeit widersprechen. Andererseits werden dabei gelegentlich Wörter angeprangert, die eigentlich das Gegenteil bezwecken.
Tätervolk (2003) oder Herdprämie (2007) zum Beispiel, womit Opfer und Täter rechter Politik umgedreht wurden. Remigration dagegen reiht sich logisch ins Vokabular reaktionärer Kampfbegriffe ein, die sich in bürgerliche Diskurse fressen wie die AfD in Parlamente. Deren Rückführungsfantasie war es denn auch, die bundesweit Hunderttausende gegen alte und neue Neonazis auf Straßen brachte.
Ein Thema, das tagelang die Top-Nachricht aller ernstzunehmenden News war und natürlich auch Caren Miosgas, nun ja, solides Talkshow-Debüt mit dem Stargast Friedrich Merz sowie ein paar Unsicherheiten zu Beginn und verblüffend langen Reportage-Einspielern im taubenblauen Studio tangierte. Auch, als die Journalistin Anne Hähnig und der Soziologe Armin Nassehi hinzustießen, blieb Caren Miosga zwar ein bisschen wackelig, aber das sind die üblichen Anfangsprobleme aller Hosts.
Und damit Dinge, mit denen sich im Dschungelcamp niemand herumschlagen muss. Was einerseits zum Wesen eskapistischer Fernsehunterhaltung gehört, andererseits aber auch damit zu tun hat, dass zum 20. Geburtstag niemand vor Ort ist, der/die jemals durch Äußerungen abseits der eigenen Aufmerksamkeitsökonomie aufgefallen, geschweige denn in der Tagesschau präsent gewesen wäre, die Ende Januar ihr populärstes Gesicht verliert: Judith Rakers.
Wer praktisch nie verliert, zumindest nicht bei den Emmys, ist Succession, diesmal mit vier Trophäen, also sechs weniger als der große Abräumer The Bear. Wer wirklich immer verliert, und das nicht nur bei den Emmys, ist hingegen Better Call Saul, in jeder Staffel mehrfach nominiert, in keiner ausgezeichnet. Warum auch immer…
Die Frischwoche
22. – 28. Januar
Das fragt eine Doku der ARD-Mediathek grad auch all jene, die zugeben: Wir waren in der AfD, wozu die Süddeutsche eine sehr kluge Antwort findet: Ihre Ex-Partei, schrieb sie in der Wochenendausgabe, „ist eine Einsamkeitsmaschine. Sie zieht einsame Menschen an – um sie noch einsamer zu machen.“ Während man Neonazis ihre Einsamkeit allerdings von Herzen gönnt, macht sie in der Prime-Serie Expats betroffen.
Nicole Kidman spielt eine Amerikanerin, die ab Freitag sechs Teile lang mit ihrer Familie ein wohlstandsverwahrlostes Luxusleben in Hongkong führt – bis eine Frau aus ihrer Vergangenheit das aseptische Idyll zur Hölle macht. Eine Eskalationsspirale, die Lulu Wang nach Yanice Lees Bestseller mit vier weiblichen Hauptfiguren in sedierter Seelenruhe vorantreibt.
Weniger Ruhe, dafür mehr Gewalt beinhaltet das Prequel des gefeierten Heist-Movies Sexy Beast, in dem Ben Kingsley 2000 sein Coming-Out als Schurke feiern durfte. Ab Donnerstag erzählt Paramount+ nun achtmal 50 Minuten, wie der Choleriker Don (Emun Elliott) den liebenswert windigen Safeknacker Gal (James McArdle) zum Supercoup bringen konnte – und das mit der gewohnten Routine britischer Ganovenstoffe.
Damals entstand auch etwas, das man der Popkultur vor rund 30 Jahren nicht zugetraut hätte: HipHop made in Germany. So heißt eine ARD-Doku, die ab Dienstag in der Mediathek dessen Aufstieg nachzeichnet, bevor am Freitag das wuchtigste Format der Woche startet: Masters of the Air – bekloppter Titel, famose Bilder von einer legendären US-Fliegerstaffel, die 1944 das Deutsche Reich bombardierte.
Produziert von Steven Spielberg und Tom Hanks, ist die neunteilige Weitererzählung ihrer Serien Band of Brothers und The Pacific erneut ein Glossar militärischer Techniken, nebenbei aber auch eine Milieustudio couragierter Kerle im Ausnahmezustand – die das beendet haben, woran Arte Dienstag mit Die Shoah in den Ghettos oder Sobibor – Anatomie eines Vernichtungslagers ab 20.15 Uhr erinnert: das größte aller Menschheitsverbrechen.

