Berlinantisemitismus & Bauchgefühle
Posted: March 5, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
26. Februar – 3. März
Der Terror, so deprimierend das klingt, befindet sich gerade in Höchstgeschwindigkeit auf der Siegerstraße – das war vorige Woche nirgends so gut zu beobachten wie auf der Berlinale, wo offener Antisemitismus auf größtmöglicher Bühne so unwidersprochen blieb, dass die künstlerischen Beiträge des wichtigsten Filmfestivals der Welt komplett in den Hintergrund gerieten.
Damit haben die Schlächter der Hamas am 7. Oktober eins ihrer Ziele erreicht: so viel Zwietracht zu säen, dass Pluralismus und Demokratie wackeln wie auch beim Potsdamer Remigrationszirkel geplant. Denn während das Landgericht Hamburg dem beteiligten AfD-Intimus Ulrich Vosgerau in nur einem Punkt seiner Unterlassungsanträge Recht gab, wird Stefan Niggemeier nicht müde, das Berliner Recherche-Kollektiv anzugreifen.
Das ist sein Recht, wenn nicht gar eine Pflicht, oder um es mit Michelle Obama zu sagen: When they go low, we go high. Niggemeiers Regelpurismus jedoch verbeißt sich derart in Formfehlern, als ginge es dem revisionistischen Rand rechts der CDU/CSU um publizistische Ausgewogenheit. Angesichts dieser Autoaggressivität Geistesverwandter tat es beinahe schon wieder gut, mit Prime Video der Realität zu entfliehen.
Auf seiner Saison-PK hat der Streamingdienst am Dienstag ein Programm verkündet, das fast so eskapistisch ist wie ein paar Dutzend Influencer*innen im Berliner Westhafenloft – aber eben auch einfach nur schrecklich unterhaltsam zu sein scheint. Amazon mag in Bereichen wie Transparenz, Arbeitsrecht oder Umweltschutz katastrophal versagen; Unterhaltung kann er. So wie Johannes Boss.
Nachdem der Showrunner mit Serien von jerks bis Oh Hell bekannt wurde, gründet er mit Moritz von der Groebens „good friends“ demnächst die Entwicklungs- und Produktionsfirma „vjllage“, zu der auch die neue „Johannes Boss Storytelling Academy“ gehört. Und wer weiß – vielleicht sorgt sie ja auch bei Prime für Furore.
Die Frischwoche
4. – 10. März
Eines seiner Projekte: The Deadlines übers bizarre Leben fortpflanzungsreifer Frauen in der Multioptionsgesellschaft – der sich auch die fabelhafte ARD-Serie Sexuell verfügbar widmet. Mit Laura Tonke als feministische Trouble Makerin, die einen Investor vergewaltigt haben soll und das Patriarchat auch sonst mit jedem Mittel attackiert. Ohne mehr zu spoilern: fünf Teile ab Freitag in der Mediathek sind dafür definitiv zu wenig!
Das gilt leider nicht für die ZDF-Serie Reset, in der Katja Riemann ebenfalls eine Feministin spielt. Allerdings eine, die in einer Near Future genannten Gegenwartszukunft ihre Tochter per Zeitreise vorm Suizid bewahren will. Das ist zwar deutlich tiefgründiger als der billige Trick einer komplett irrationalen Dramaturgie, bei der sich Albert Einstein im schwarzen Loch umdrehen würde.
Bei aller Vielschichtigkeit der Abrechnung mit dem Kontroll- und Selbstoptimierungswahn unserer digitalen Gesellschaft allerdings kann sich das Drehbuch von Ingrid Kaltenegger und Mika Kallwass allerdings nicht die Klischees deutscher Mystery verkneifen. Was die Serie grundlegend von der sechsteiligen Tragikomödie Bauchgefühl mit Laura Berlin als ungewollt schwangere Großstädterin ab Donnerstag in der ZDF-Mediathek unterscheidet.
Der Rest in Stichworten:
Montag, Netflix: Supersex, die wahre Fiktion des italienischen Pornostars Rocco Siffredi, in der sieben Teile lang praktisch kein Geschlechtsverkehr zu sehen ist.
Mittwoch, Netflix: The Gentleman, Drogenkönigsmilieustudie vom Drogenkönigsmilieustudienkönig Guy Ritchie
Donnerstag, Netflix: Das Signal, vierteilige SciFi-Mystery-Serie mit Peri Baumeister als Astronautin, die besser ist als ihr Label
Samstag, Comedy Central: Robot Chicken, Stop-Motion-Variationen von Star Wars, die man eigentlich nur lieben kann

