Sylter Erben & Hamburger Schule
Posted: May 27, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
20. – 26. Mai
Man kommt ja aus dem Staunen kaum raus, wie tief die Schwellen rechter Enthemmung mittlerweile hängen. Dass der sozialdarwinistische Erbadel auf Sylt den Pöbel verachtet, liegt oft in der Natur ihres Reichtums begründet. Ihren Rassismus derart offen durch die champusperlende Luft zu blasen wie im längst berühmten Video vom Pfingstwochenende, ist allerdings schon einen Shitstorm (und reihenweise Entlassungern ihrer Arbeitsplätze) wert.
Der allerdings deutlich rascher abklingen dürfte als Astro TV. Der verschwörungsideologische Haus- und Hofsender leicht beinflussbarer Schafe mit geldwertem Hang zum Wunderglauben hat sein Publikum 20 Jahre nach Strich und Faden verarscht, wenn er Ende des Jahres vom Netz geht. Letzteres ist vom kleinsten Gernegroß der Comedy-Szene leider nicht zu erwarten.
Beim SWR-Sommerfestival hat Oliver Pocher zwar gerade mal wieder das einzige getan, was er beherrscht – nämlich vier Stufen tiefer zu treten, um Witze auf Kosten unterprivilegierter Rampenlichtamateure zu machen, wofür ihn der Sender nur halbherzig, spät und auf Drängen Dritter cancelte. Dass OP bis ans Ende seiner erbärmlichen Existenz auf Schwächere eindreschen wird, zeigt allerdings der komplette Mangel an Einsicht.
Weitsicht hat hingegen Amazon Prime mit der Verfilmung von Mona Kastens Teeny-Lovestory Save Me bewiesen. Unterm Titel Maxton Hall ist die Serie in 120 Ländern Nr. 1 der Abrufcharts. Während das zu erwarten war, ist der Erfolg von Liebes Kind eine Sensation. 2023 wurde nur ein Format häufiger bei Netflix gestreamt als die Serie von Isabel Kleefeld und Julian Pörksen – was im Gegensatz zu Maxton Hall seine Clicks aber auch wert war.
Und damit zum Clickbaiting: Der DFB hat seine EM-Spieler 2024 nicht wie sonst per Pressekonferenz vermeldet, sondern dezentral. Jonathan Tahs Platz wurde vom Influencer Rashid Hamid auf Insta geteilt, Manuel Neuers bei der Youtube-Dachdeckerin Chiara, Chris Führichs allen Ernstes in einer süddeutschen Bäckerei und Leroy Sanés sogar in der ehrwürdigen Frankfurter Kunsthalle Schirn.
Die Frischwoche
27. Mai – 2. Juni
Das war sozusagen das Warm-up zu einer Reihe von Fußball-Formaten, die Samstag online oder on air gehen. In der ARD-Mediathek zum Beispiel ein Rückblick auf Deutschlands Sommermärchen oder die Diversity-Doku Einigkeit und Recht und Vielfalt. Magenta TV rekapituliert derweil vermeintliche Fußballwunder von Bern bis Berlin, während das ZDF Tommi Schmitt in die Reportagereihe Heimvorteil schickt.
Ob das so witzig wird wie die Netflix-Sitcom Tires ums Personal eines britischen Reifenhändlers? Wer weiß… Ebenfalls nach Pfingsten gestartet war übrigens die ziemlich bezaubernde deutsche New-Adult-Romance Pauline, bei der sich Disney+ besser mal den Mystery-Mumpitz gespart hätte. Netflix hätte sich derweil den ganzen Terminator-Aufguss Atlas sparen können, mit Jennifer Lopez als irgendwas rund um KI, Kaffee und – eigentlich auch egal.
Absolut relevant indes: Die musikhistorische Zeitreise zur Hamburger Schule, worin Natascha Geier ab morgen in der ARD-Mediathek leider nur zweimal 30 Minuten die wichtigste popkulturelle Strömung made in germany seit Krautrock und Kraftwerk beleuchtet. Irritierend irrelevant ist dagegen die Prime-Serie Viktor Bringt’s mit dem bemitleidenswerten Moritz Bleibtreu als Berliner Elektro-Lieferant auf Abwegen.
Ähnlich wie bei Pauline sind die Momente, in denen er seinem entfremdeten Sohn auf dem Beifahrersitz näherkommt, zwar durchaus anrührend. Den Rest jedoch hat Autor Marcus Pfeiffer schlicht und einfach vom Tatortreiniger geklaut. Genuin gut, ja genial ist Benedict Cumberbatch als Puppenspieler, der seinen vermissten Sohn sucht, aber eigene Dämonen findet wie die Titelfigur Eric – ein Fellmonster, das ihn sechs Teile lang durchs verkommene New York der Achtziger begleitet.
Ebenfalls absolut sehenswert ist die Beziehungsgroteske Sweet Disaster ab Freitag bei Arte mit Friederike Kempter als ungewollt Schwangere im Clinch mit Trennung, Prinzipien, Finnland und allem, was sonst noch für Chaos sorgen kann. Bei Paramount+ startet tags zuvor die Coming-of-Age-Psychothriller-Serie Pyramid Game ohne Humor, aber aus Südkorea. Und auf Sky zeigt die kluge Real-Crime-Doku Der Parkhausmord ab Donnerstat, wie schwer man der deutschen Justiz entkommt, wenn sie Vorurteile fällt.

