Fornoffs Verschiebung & Brühls Lagerfeld

Die Gebrauchtwoche

TV

27. Mai – 2. Juni

Man soll ja niemanden vorverurteilen. Die Unschuldsvermutung, schon klar. Objektivität, laufendes Verfahren, das Übliche. Aber was soll Matthias Fornoff anderes getan haben als seine Männermacht missbräuchlich gegenüber Frauen auszuüben, wenn vier Kolleginnen Vorfälle schildern, für die ihn das ZDF als Leiter seiner Hauptredaktion Politik und Zeitgeschehen auf eine Position „ohne Führungsverantwortung“ abschiebt und am 1. November durch Shakuntala Banerjee ersetzt?

Egal. Dass er weiterhin fürs Zweite tätig bleiben darf, zeugt von ähnlicher Sensibilität in #MeToo-Fragen wie die aberwitzige Idee, den Rammstein-Keyboarder Flake im jüngsten Murot-Tatort auftreten zu lassen. Zur Erinnerung: Till Lindemann geriet voriges Jahr in die Schlagzeilen, weil Flakes Frontmann (der dazu nie ein Wort des Bedauerns verliert) Frauen bestenfalls als Frischfleisch betrachtet.

Und irgendwie passt es da in die Reihe öffentlich-rechtlicher Peinlichkeiten, dass der WDR eine Umfrage über die Akzeptanz nicht-weißer Fußballnationalspieler in Auftrag gegeben hat, über die sich mittelbar Betroffene wie Josua Kimmich oder Julian Nagelsmann zu Recht aufregen. Gibt es da denn noch irgendwas Positives beitragsfinanzierte Medien zu berichten? Vielleicht: Das Erste muss die linksrechtspopulistische Sahra Wagenknecht nicht in ihre Wahlarena einladen.

Außerdem bewies das ZDF Weitblick, als maybrit illner über den potenziellen Einsatz amerikanischer und deutscher Waffen auf russischem Territorium diskutieren ließ und erst die USA, dann die BRD genau das zugesagt haben. Perfektes Timing. Das der Evening Standard verloren hat. Ausgerechnet in einer Zeit, wo seriöser Boulevardjournalismus wichtiger wird, wird die letzte Londoner Tageszeitung eingestellt – womit die Stadt, kein Witz, zum ersten Mal seit 1702 ohne eigenes Blatt auf Papier ist.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

3. – 9. Juni

Zum zweiten Mal als Strippenzieher im Netz der Mafia tritt heute um 20.15 Uhr (und danach in der Mediathek) dagegen Tobias Moretti im ZDF-Thriller Der Gejagte auf. Originalitalienisch ist tags drauf die achtteilige Neo-Culture-Clash-RomCom Bangla, in der ein bengalisches Immigrantenkind fürchterlich synchronisiert, aber liebevoll gespielt um eine Römerin kämpft und damit gegen Vorurteile beider Kulturkreise kämpft.

Ganz nettes Warum-up für das, was am Freitag passiert. Dann nämlich startet der französische Disney-Sechsteiler Becoming Karl Lagerfeld. Und wie Daniel Brühl den norddeutschen Modemacher beim komplizierten Aufstieg Anfang der Siebziger in Paris verkörpert, ist ohne Übertreibung mit das Beste, was auf dem klischeeanfälligen Feld opulent kostümierter Zeitgeschichtsserien jemals ausgestattet wurde.

Wegen der Lovestory, der Drehbücher, der Milieustudie, der Darsteller*innen, wegen absolut allem bis hin zur stichhaltigen Musik. Da kann das zeitlich ein bisschen später angesiedelte Biopic über den Erfinder des Smartphone-Vorgängers Blackberry ab Samstag bei Paramount+ ebenso wenig mithalten wie Jake Gyllenhaal zeitgleich bei AppleTV in der achtteiligen Bestseller-Verfilmung Aus Mangel an Beweisen.

Zum Schluss noch drei Sach- und Fachgeschichten made in germany: Am Mittwoch um 21.30 Uhr widmet sich die ARD-Doku Einigkeit und Recht und Vielfalt der (gescheiterten) Fußball-Integration. Am Freitag läuft in der Mediathek die dreiteilige Real-Crime Tod für Olympia um das erste westdeutsche Doping-Todesopfer Birgit Dressel 1987. Und parallel dazu geht Pierre M. Krause in sein 28-teiliges Promi-Begleit-Reportage-Format Kurzstrecke.



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