EM-Patriotismus & Helikoptereltern
Posted: June 17, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
11. – 17. Juni
Tja, jetzt ist also wieder Sommermärchen oder soll zumindest – sofern es nach denjenigen geht, die es übertragen – eins werden. Jubelperser in Jubelstimmung auf allen Kanälen und Portalen. ZDF-Reporter Boris Büchler fragt Niklas Füllkrug daher Freitagnacht: „Wird man ein Stück weit auch von den Fans getragen?“, als hätten die zu irgendeinem Zeitpunkt des Eröffnungsspiels so etwas wie Stimmung erzeugt, die über lautstarken Torjubel hinausgegangen wäre.
Der vulgäre, vielfach obszöne Patriotismus vieler Fans wird zugleich hofiert, dass vor allem (aber nicht nur) osteuropäische Teams ethnisch irritierend homogen aufgestellt sind, dagegen komplett ignoriert. Alles, damit sich die Sender ihr geldwertes Premiumprodukt nicht durch Misstöne kaputtkommentieren lassen. Es ist schon jetzt so ermüdend für jene mit kritischer Sicht auf die UEFA-Dinge.
Aber gut, sie können sich ja vom Fußball fernhalten und registrieren, dass gerade eine Ära zu Ende geht: mit Auto– und Computer-Bild ziehen die letzten zwei Springer-Magazine Richtung Berlin, womit zweierlei beerdigt wird: Hamburg als Keimzelle dieses dubiosen, aber traditionsreichen Verlags. Und Hamburg als Medienhauptstadt. Letztere hat sich ausdifferenziert, mit Köln, München, Berlin als Zentren und der einst stolzen Hansestadt als Ort einiger Restredaktionen wie Spiegel und Zeit.
Dass Paul Ronzheimer im Herbst eine Sat1-Doku moderieren soll, worin ausgerechnet der stresssüchtige Reporter des armutsverachtenden, rechtspopulistischen, rassistischen Agenda-Mediums Bild Armut, Rechtspopulismus oder Migration auf den Grund gehen soll ist dabei die heitere Randnotiz einer seltsamen Medienwoche, in der man sich ansonsten nur darüber freuen darf, dass Rezo mit seiner FreeVee-Sendung Fake Train back on track ist.
Die Frischwoche
17. – 23. Juni
Ebenfalls schon ein paar Tage online: Die fürchterlich klischeehafte, schmerzhaft oberflächliche, zu jeder Zeit anstrengende Lobbyismus-Persiflage Wo wir sind, ist oben – ein achtteiliges Politbeziehungsgeflecht, dass die ARD (hoffentlich billig) von der Sky-Resterampe geschossen hat. Und beim BR on air: Michael Mittermeiers Lucky Punch Club, der dank des vernunftbegabten Satirikers im Titel per se sehenswert ist.
Im Gegensatz, so scheint es, zur zweiten Staffel House of the Dragons, ab Dienstag bei Sky, in der die Gewalt bei aller Opulenz vielfach zum Selbstzweck verkommen ist. Auf zurückhaltende Art gehaltvoller ist parallel dazu ein kleines Serienjuwel bei Neo: The Club, achtteilige Dramedy um drei belgische Paare, die in einer Kinderwunschklinik desperate Fortpflanzungswünsche realisieren und dabei an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit geraten.
Die Eltern der spanischen Tragikomödie Barcelona for Beginners sind da schon einen Schritt weiter. Hauptdarstellerin Aina Clotet – deren Seriengatte Marcel Borràs auch im wahren Leben Vater ihrer beiden Kinder ist – hat als Regisseurin nach eigenem Drehbuch ab Freitag in der ARD-Mediathek ein sehr einfühlsames, höchst präzises, dabei unprätentiöses Porträt stadtflüchtiger Helikopter-Eltern gezeichnet.
Tags zuvor startet die ARD-Reihe QUEER, worin der BR gemeinsam mit rbb, WDR und ONE das Leben der globalen LGBTQ+-Gemeinde fiktional skizziert. Den Auftakt macht der finnische Coming-of-Age-Film Girls Girls Girls, gefolgt von 22 Filmen und Serien bis August. Zeitgleich zeigt Prime die Tennis-Doku Federer – die letzten 12 Tage, während sich Netflix mal wieder einem der beliebtesten Sachfilmthemen widmet: Hitler.
Und auch, wenn die Spielszenen wie so oft im NS-Reenactment eher überflüssig sind, ist der Sechsteiler nicht nur ein beeindruckendes Zeitdokument, sondern eröffnet erhellende – und damit beklemmende – Perspektiven auf den Rechtsruck von heute. Das macht Hitler und die Nazis trotz des Deppentitels (als sei der Führer selbst kein Nazi gewesen) ungeheuer sehenswert.

