Yorck Pulus: EURO24 & ÖRR

Wenn es kritisch wird, zeigen wir das

Polus-Artikel-

In gut einer Woche endet die Heim-EM. Kurz davor hat ZDF-Sportchef Yorck Polus (Foto: Tim Thiel) die journalistischen, emotionalen, technologischen Herausforderungen der EURO24 erklärt und sie sich im digitalen Zeitalter künftig ändern. Das große journalist-Interview mit einem leidenschaftsgetriebenen Pragmatiker.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Yorck Polus, Sie sind seit 24 Jahren Sportjournalist, haben 1998 in Sportwissenschaft promoviert, waren in den Achtzigern Leistungssportler und sind noch viel länger Fußballfan – können Sie die Atmosphäre des Sommermärchens da förmlich noch spüren?

Yorck Polus: Ich habe sie noch gut in Erinnerung. Fußballbegeistert war ich schon als kleiner Junge. Wobei viele Erinnerungen an die Siebziger eher familiär bedingt sind – mein Onkel ist Klaus Fichtel.

Eine Schalke-Legende der Sechziger- und Siebzigerjahre…

So war ich von Haus aus an Schalke gebunden und wurde von der Atmosphäre im Parkstadion geprägt. Doch was bei der WM 2006 passiert ist, war für uns alle etwas Neues. Diese unglaublich positive, bunte Grundstimmung hatte ich bis dahin bei keinem sportlichen Großereignis in Deutschland erlebt – ein Sommermärchen eben.

Die EURO24 dagegen ist allenfalls ein Frühjahrsschläfchen. Viele wissen gar nicht, dass sie im eigenen Land stattfindet. Was bewirkt das in Ihnen als Fan und ZDF-Sportchef?

Zunächst mal berührt es den Anspruch, unseren Job zu machen. Nicht nur der Fußball und die Gesellschaft haben sich seit 2006 stark verändert, auch ihre Medien. Damals haben neben Zeitungen und Radio nur öffentlich-rechtliche und private Sender über die WM berichtet. Heute ist der Markt in zahlreiche Kanäle fragmentiert, auf denen man sich seine Informationen individuell zusammensucht. Selbst ein Großereignis im eigenen Land muss aktiv für sich werben. Die Euphorie wird mit wachsender Nähe zum Turnier zwar wachsen – dafür sorgen auch die deutschen Erfolge im Europapokal oder Leverkusens Meistertitel. Doch wir müssen noch einiges dafür tun, dass sie sich aufs ganze Land überträgt.

Meinen Sie „wir“ als fußballbegeistertes Land oder „wir“ als fußballjournalistische Redaktionen?

Wir als Land. Und natürlich die UEFA und der DFB, die für das Turnier verantwortlich sind. Wir als Sender sind Berichterstatter, und begleiten Ereignisse, ohne dafür werben oder Euphorie erzeugen zu wollen. Aus journalistischer Sicht – ob Print, Fernsehen oder Online – liegt der Fokus deshalb derzeit noch auf dem Saisonabschluss der Bundesliga und den Finals in der Champions League und im DFB-Pokal. Parallel bereiten wir bereits unsere Übertragungen von den Olympischen Spiele in Paris vor. Die anstehende EM wird emotional ihren Platz in diesem großen Sportsommer finden, doch diese Stimmung nehmen wir nur auf und erzeugen sie nicht.

Das klingt nüchtern fürs Premiumprodukt, in das ARD und ZDF schon jenseits vom eigenen Sendebereich viel Geld und Zeit investieren. Ist ein wenig emotionale Verbundenheit bis hin zur Parteilichkeit da nicht gewissermaßen der öffentlich-rechtliche Auftrag?

Sportjournalistisch nicht. Da ist es nicht die Aufgabe, Begeisterung zu erzeugen, sondern bei aller Nähe professionell und distanziert zu berichten, zu begleiten, zu zeigen, was ist. Die UEFA und der DFB hätten natürlich gern ausschließlich positive, erfolgreiche Bilder vom Turnier. Aber wenn es kritisch wird, zeigen wir das ebenfalls, auch wenn die Begeisterung womöglich darunter leidet. Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwarten zwar objektive, aber auch emotionale und bisweilen auch parteiliche Berichterstattung. Unser Fokus liegt zunächst mal auf den positiven Aspekten.

Gibt es diesbezüglich Direktiven oder zumindest Handreichungen an Ihre Mitarbeitenden an den Mikros und vor den Kameras, wie viel Fandom zulässig oder nötig ist?

Wir machen keinen Fan-Journalismus. Doch alle Sportlerinnen und Sportler, die in einen Wettkampf gehen, haben Respekt für ihre Leistungen verdient. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns vor Großereignissen regelmäßig zusammensetzen, um auch über die Emotionalität unserer Formate zu diskutieren. Diese redaktionellen Treffen führen aber nicht zu Direktiven, sondern zu Diskursen darüber, was wir wollen.

Und was wollen Sie?

Dass die Erwartungen mit der Realität abgeglichen werden – sowohl im sportlichen als auch im publizistischen Bereich. Auch für Journalisten ist es zulässig, sich Deutschland als Europameister zu wünschen, doch das muss fußballerisch mit Matchplänen, Spielstärke, Kampf und Leidenschaft belegbar sein. Falls andere besser sind, muss sich das in der Analyse spiegeln. Das sage ich auch als Ruderer, für den es oft ein Erfolg war, in den Endlauf zu kommen und Fünfter zu werden. Sieg oder Niederlage müssen ins Verhältnis zu vorherigen Zielen und objektiven Resultaten gesetzt werden. Das ist auch als Sportchef meine Maxime.

Der Shitstorm, den Ingo Zamperoni 2012 in der Halbzeit Deutschland gegen Italien für sein „möge der Bessere gewinnen“ bekommen hat, deutet allerdings an, dass das Publikum keinen Abgleich von Erwartung und Realität will, sondern Sportpatriotismus.

Vielleicht würde er es heute anders formulieren. „Möge der Bessere gewinnen – und Deutschland dieser Bessere sein”. Deutsche tun sich halt immer ein bisschen schwer mit der italienischen Leichtigkeit eines Ingo Zamperoni. Wir suchen gerne das Negative im Positiven.

Journalistisch nicht unspannend!

Jedenfalls herausfordernd. Aber es ist immer eine Gratwanderung, die wir in verschiedenen Genres zum Glück auch unterschiedlich vornehmen dürfen. In Reportagen anders als in Kommentaren, in Moderationen anders als in Magazinen. Wir segeln in verschiedenen Bootsklassen übers selbe Gewässer, rudern mal im Gleichtakt, mal gegeneinander, aber am Ende kommen alle an.

Wobei die Boote weit über den Fußball hinaus durch zusehends stürmische Gewässer segeln. Muss Sportberichterstattung da versuchen, alle Krisen und Katastrophen ringsum einfließen zu lassen oder darf sie im besten Sinne Eskapismus betreiben?

Aus meiner Sicht darf sie nicht nur eskapistisch sein, sie sollte es bisweilen. Nehmen Sie die Ereignisse in der Ukraine, die plötzlich im Schatten der Ereignisse in Israel standen: Wir werden von weltpolitischen Themen nicht mehr nur überholt, sondern überrollt. Da haben Sportjournalistinnen und -journalisten in der Regel eigene Kompasse, wie viel sie davon in ihre Berichterstattung lassen und wie neutral sie sich dabei verhalten. Das ist von Einzelfall zu Einzelfall zu bewerten. Ich bin allerdings dagegen, dabei mit zweierlei Maß zu messen.

Inwiefern?

Nehmen Sie den Umgang mit China. Natürlich wissen wir, wie viel nach unserem moralisch-demokratischen Verständnis dort falsch läuft. Aber sollte da wirklich der Sport den Zeigefinger heben, während die Wirtschaft weiterhin gute Geschäfte mit dieser Diktatur macht? Wir sind unbedingt zu kritischer Haltung aufgerufen, haben aber weder im negativen noch im positiven Sinn die Aufgabe, Politik zu machen.

Aber wie viel Realität verträgt der Eskapismus im Sportjournalismus und umgekehrt?

Auch damit gehen viele Nationen anders um als Deutschland. Für mich steht fest, dass die Realität auch in sportliche Themen hineingehört – schon, um Hintergründe bestehender Konflikte besser einordnen zu können. Schließlich war Sport noch nie von der Wirklichkeit abgekoppelt und dient zusehends als Marketinginstrument. Warum sonst bemühen sich so viele autokratisch geführte Staaten um sportliche Großereignisse?

Image, Image, Image.

Von daher freue ich mich umso mehr, dass die EM in Deutschland nicht nur angenehme Anstoßzeiten hat, sondern in einer funktionierenden Demokratie stattfindet.

Bei der allerdings auch dysfunktionale, angeblich illiberale Demokratien wie Ungarn teilnehmen. Wird das beim Vorrundenspiel Teil der Berichterstattung sein?

Da würde ich mit einer Gegenfrage antworten: Werden die Korruptionsvorwürfe gegen Viktor Orbáns Regierung bei jeder Rede eines ungarischen Politikers im Europaparlament thematisiert? Es ist also situationsabhängig: Wenn die Kamera im Spiel zu Orbán auf der Tribüne schwenkt, könnte ich mir einen Kommentar zur politischen Situation in dessen Land durchaus vorstellen. Aber auch da gibt es keine Direktive.

Heutzutage würde man es vermutlich eher Code of Conduct nennen, der auch Sportberichterstattenden ein paar verhaltensethische Handreichungen mit auf den Weg gibt.

Über so etwas wird intern gesprochen, aber ohne Handreichungen. Und da der Begriff des Eskapismus eher negativ konnotiert ist: Dürfen die Zuschauerinnen und Zuschauer in einer Zeit, in der nahezu alles ständig moralisch bewertet wird, nicht einfach auch mal 90 Minuten ein Fußballspiel sehen?

Dürfen sie?

Ja. Auch bei uns in den Redaktionen herrscht schließlich Meinungsfreiheit. Weshalb wir zum Beispiel auch niemandem vorschreiben, zu gendern oder nicht zu gendern. Wenn ich da anfangen würde, etwas vorzugeben, wäre das zu viel Bevormundung von oben. Aber selbstverständlich reden wir miteinander ständig über solche Dinge. Wir betreiben auf jeder Ebene großen Aufwand fürs bestmögliche Ergebnis.

Das gilt vermutlich auch logistisch?

Ja, aber der ist viel kleiner als früher.

Obwohl man anders als früher mittlerweile selbst in Drittligaspielen alles aus acht Kameraperspektiven sieht?

Da muss man differenzieren. Fürs Weltbild – das nicht nur aus acht, sondern noch zahlreicheren Kameraperspektiven stammt – ist die UEFA zuständig, wir strahlen es nur aus. Und das auch nur als Sublizenz-Nehmer von Magenta TV, das alle 51 EM-Partien überträgt. ARD und ZDF haben jeweils 17 – allerdings alle deutschen Vorrunden- und sämtliche K.O.-Spiele. Ich bin sehr zufrieden mit unserem Paket. Der Aufwand für alles drumherum ist bei ARD und ZDF allerdings deutlich geringer als 2006. Erinnern Sie sich noch anunsere Dreierkette aus Jürgen Klopp, Johannes B. Kerner und Urs Meier im Sony-Center mit Gästen wie Pelé oder Beckenbauer – so groß denkt man heutzutage nicht mehr.

Ist das Teil des Sparzwanges oder auch einer neuen Fußballberichterstattungskultur?

Wir müssen auch sparen, aber es herrscht in der Tat eine neue Grundphilosophie. Statt großer Stars versucht man an gewöhnliche Menschen heranzurücken und ihre Sicht einzunehmen. Es geht heute mehr um Nahbarkeit. Wir wollen vom Podest runter unter die Leute. 2006 musste man noch klotzen, um aufzufallen. Jetzt wollen wir lieber durch Verlässlichkeit, Emotionalisierung, Professionalität glänzen.

Erfordert die Nähe zum Publikum nicht sogar mehr Personal als zentrale Kanzeln?

Nein, denn ein weiterer Aspekt der neuen, digitalen, crossmedialen Zeit ist, dass weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr machen. Praktisch niemand arbeitet mehr ausschließlich für Fernsehen oder Online.

Das 2006 ja allenfalls in Homepages mit einzelnen Videos bestand.

Genau, digital war rein additiv. Wir sind daher heute viel dynamischer als damals, als zu jedem Ereignis ein riesiges Team mit Licht und Ton und allem geschickt wurde.

NACHFRAGE: Gewerkschaften würden „dynamischer“ da womöglich durch „überfordernder“ ersetzen…

Natürlich ist es ein Mehraufwand: Zusätzlich zum linearen Programm bespielen wir noch die Mediatheken, Youtube, TikTok, Instagram – alles hat enorme Wachstumsraten, alles ist zielgruppengerecht, alles wird von allen befüllt, aber nicht nur, um sämtliche Kanäle zu bespielen, sondern aus Überzeugung, es sinnvoll zu tun und vor allem schnell. Denn das erwartet unser Publikum insbesondere von Social Media, wo vieles quasi in Echtzeit passieren soll.

Von echten Menschen generiert oder mittlerweile auch schon KI-flankiert?

Wir arbeiten mit KI, seit anderthalb Jahren offiziell und in der Zeit davor bereits aus beruflichem Interesse. Wir haben Kolleginnen und Kollegen im Team, die das sehr aktiv vorantreiben. Aber es gibt keine KI-generierten Beiträge.

Sondern?

Zum Beispiel füttern wir unsere Algorithmen so, dass die KI das vorproduziert, was wir rough cut nennen: Zusammenstellungen verschiedener Spielszenen, aus denen Redakteure und Redakteurinnen dann händisch Beiträge für Nachrichten oder Magazine erstellen. Nichts, was auf den Sender kommt, ist aktuell von KI erstellt, aber auch das wird sich ändern. Und bei dieser Entwicklung ist das ZDF durchaus führend. Wir haben dazu sogar einen Handlungskatalog erarbeitet.

NACHFRAGE: Was steht da ungefähr drin?

Dass Inhalte, die mit Unterstützung generativer KI erstellt werden, der journalistischen Sorgfaltspflicht unterliegen und durch unsere Redakteurinnen und Redakteure geprüft und abgenommen werden – gemäß unserer Qualitäts- und Programmrichtlinien. Dabei sammeln wir nun unsere Erfahrungen, ziehen daraus Schlüsse und schauen, wie uns KI dabei helfen kann, mit weniger Personal aller Gewerke unser qualitatives Niveau zu halten.

Muss sich dieses Personal bis hin zu Kommentar und Moderation da sorgen, dass Ihre Arbeit überflüssig wird?

Ich bekomme – auch aus großem persönlichem Interesse – viele der Entwicklungen mit. Das ist Wahnsinn, was da auf uns zurollt! Das menschlich zu händeln, wird die große journalistische Herausforderung der nächsten Jahre sein. Denn Sie sehen ja jetzt schon, wie schwer es ist, manipulierte Bilder ohne technisches Equipment von echten zu unterscheiden.

Zwei verschiedene Studien sprechen zudem gerade von zwei Dritteln bis drei Vierteln aller Beiträge im Netz, die von Bots gepostet werden.

Die Studien kenne ich, das kommt hinzu. Darauf blicken wir durchaus mit Sorge. Umso wichtiger wird der Qualitätsjournalismus gerade auch bei in der Sport-Berichterstattung, wo man demnächst mit geringem Aufwand die Stimme von Karl-Heinz Rummenigge synthetisieren und über Deepfake-Bilder von ihm legen kann. Der nächste Quantensprung kommt, und er kommt schnell.

Müssen Sie Ihre Teams da eher vor KI schützen oder sie dafür begeistern?

Es gibt wie überall solche und solche. Grundsätzlich gilt es bei dem Thema, hellwach zu bleiben. Wir werden nicht alles in den Griff bekommen, aber ich bin jemand, der grundsätzlich eher positiv durchs Leben geht und in die Welt schaut. Ich sehe also Gefahren, aber auch Chancen. Die KI wird auf allen Ebenen der Gesellschaft vieles beeinflussen, aber mein Glas ist halbvoll.

Ist das eine Mentalitätsfrage oder so was wie fröhliche Resignation?

Eine Mentalitätsfrage: Ich will mir das Leben nicht ständig miesreden lassen. Es gibt immer Phasen, die Anlass zu größerer oder kleinerer Sorge bieten, aber grundsätzlich ist das Leben lebenswert und bietet beruflich eine Dynamik, die mich eher fasziniert als besorgt, ohne die Augen vor den Risiken zu verschließen.

Ist Ihr Glas denn auch halbvoll, was die Übertragung künftiger Großereignisse betrifft?

Sorge habe ich auch da nicht, aber es wird immer wieder neue Herausforderungen geben, die wir jetzt noch nicht mal prognostizieren können. Die nächsten gibt’s bereits bei der aufgeblähten WM 2026.

Parallel in den USA, Mexiko und Kanada.

48 Teams in drei Ländern, 102 Spiele auf zwei Kontinenten, von einer FIFA veranstaltet, die immer mehr und größer will – da ist es nur noch schwer vorstellbar, dass das zwei Sender in Deutschland allein übertragen. Und ich mache mir schon Sorgen, dass das alles nicht nur für den Fußball und die Umwelt, sondern auch für die Fans zu viel wird und es alle anderen Sportarten unter sich erdrückt.

Sagen Sie das auch als früherer Ruderer?

Als jemand aus dem Olympischen Sport ist mir sehr daran gelegen, die Vielfalt zu erhalten. Der Kampf kleiner Sportarten um Aufmerksamkeit wird mit Riesen wie der FIFA schwierig.

Was blüht dem ZDF, wenn Disney plötzlich Lust auf Fußball kriegt, DAZN mit seiner Expertise kauft und die FIFA bei der nächsten Lizenzvergabe mit Geld zuschüttet?

Derzeit ist das nicht vorstellbar. Aber vor fünf Jahren hätte sich auch niemand vorstellen können, dass in Europa ein Angriffskrieg stattfindet. Oder dass die DFL und DAZN so um die Vergabe der Übertragungsrechte streiten, dass Schiedsgerichte eingeschaltet werden.

Schauen Sie sich das fasziniert von außen an und warten ab?

Fasziniert nicht, nein. Aber wir sind sehr gespannt und warten am Spielfeldrand, was passiert. Denn wir sind ebenso wie die ARD massiv vom Stillstand betroffen und können vorerst nicht weiterplanen.

Wäre ein Portal weniger mit Sky als Rechteinhaber und Ihnen als Zweitverwerter nicht sogar besser für den Sport und seine Fans?

Weniger Konkurrenz ist selten besser. Aus marktwirtschaftlicher Sicht dürfte die DFL jedenfalls an mehr als einem Bieter gelegen sein.

Sie haben fünf Kinder – was haben die für ein Sehverhalten?

Ein diverses, da sind meine Kinder nicht anders als die meisten anderen. Das Medienverhalten ändert sich generell. Es geht weg von der Nutzung der linearen Ausspielung in fragmentierte Filterblasen. Die Generation sucht sich das, was sie haben will, sehr gezielt aus, und findet es in der Unendlichkeit digitaler Weiten. Mein Ältester hat großes Fußball-Interesse, ist oft im Stadion, schaut sich ganze Spiele am Bildschirm an. Die anderen sind ebenfalls sportbegeistert, konsumieren aber kleinere Snippets statt ganzer Partien, alles schön snackable.

Also eher kein aktuelles sportstudio?

Nein, leider. Das ist für einen Vater, der das Ganze mitverantwortet, nicht einfach zu akzeptieren, schärft aber meinen Blick auf jüngere und künftige Generationen, von denen ich unmittelbares, auch kritisches Feedback bekomme. Das empfinde ich auch beruflich als ein Geschenk.

Dann blicken wir letztmals in die Glaskugel: Wer überträgt den 1. Spieltag der Fußball-Bundesliga 2025/26 und wie sehen die Bilder verglichen mit heute dann ungefähr aus?

Ich hoffe, dass das ZDF im “aktuellen sportstudio” weiter die Zusammenfassung der Nachmittagsspiele zeigt und das Abendspiel in der Erstverwertung, das dann wie bislang auch deutlich mehr Menschen linear schauen als digital. Wir sehen aber auch, dass Portale wie TikTok und Instagram den Konsum weiter verändern und einzelne Szenen statt ganzer Spiele in Echtzeit posten mit Zugriffszahlen im hohen Millionenbereich. Wobei der Live-Sport immer linear stattfinden wird.

Live ist linear oder digital ja auch identisch!

Genau. Manchmal ist auch beim ZDF das Digitale linear und umgekehrt. Auf welcher Plattform die Leute uns sehen, ist mir erstmal nicht wichtig, aber die Möglichkeit zur Wahl wird uns in Zukunft kein Film, kein Magazin, kein Unterhaltungsangebot bieten, sondern nur noch der Sport. Und sei es, um seine Sorgen und Nöte für 90 Minuten oder ein Turnier kurz zu vergessen. Nennen Sie es Eskapismus, ich nenne es Genießen.

Bio 362/4Z

Yorck Polus, geboren 1970 in Waltrop, war Leistungssportler, bevor er nach dem Studium der Sportwissenschaft und -medizin darüber berichtet. Im ZDF ist der Ex-Ruderer ab 2000 vor allem für olympische Disziplinen von Handball bis Kanu zuständig. Seit anderthalb Jahren leitet der fünffache Vater die ZDF-Hauptredaktion Sport. Polus lebt in Castrop-Rauxel und Mainz.



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