Knarre, Angélica Garcia, Baby You Know

Knarre

Punkrock ist ja kein Punkrock, weil er von Punks gemacht wird. Punkrock ist Punkrock, weil er auf wohlige Weise wehtut. In den Ohren. In den Augen. Im Herz. Im Hirn. Weil er zugleich banal und politisch sein kann, betroffen und eskapistisch, bedeutungsschwanger und egal – alles ziemlich gut kompiliert in der Berliner Punkrockband mit dem berlinernden Punkrockbandnamen Knarre, die ein bisschen mehr als nur an Turbostaat erinnert.

https://www.youtube.com/watch?v=B81U2EJkOvs

Wenn Sänger Daniel P. im zweiten Album Hundeleben “Du bist die Alpen / und ich bin Brandenburg / Du bist das Meer / und ich bin der Baggersee” über scheppernde Gitarren und beckenlastige Drums brüllt, klingt er schon ganz schön nach Jan W., aber egal. Die acht Lieder über Liebe und ihre Dornen dengeln uns ihre ganz eigene Metrik ins Gemüt und wühlen es mit disruptiver Emotionalität auf. Live ist das ein Unwetter, aber auch konserviert noch gewittrig gut.

Knarre – Hundeleben (Through Love Rec.)

Angélica Garcia

So ganz, also wirklich komplett was anderes ist das neue Album der Experimentalpop-Kuratorin Angélica Garcia. Auf dem Nachfolger ihres gefeierten Debütalbums Cha Cha Palace hat die Kalifornierin ihre mittelamerikanische Herkunft ein bisschen versteckt. Gemelo dagegen ist nahezu komplett auf Spanisch und thematisiert ihre Wurzeln in Mexico und El Salvador auch musikalisch. Manchmal klingt es daher fast folkloristisch, wenn sie metaphorisch zwischen Geist und Körper, Bauch und Seele mäandert.

https://www.youtube.com/watch?v=Ze_ZbtY7t3Y

Eine wirklich ergreifende Elektronica im hintergründigen Future-Soul aber umschmeichelt ihren Tori-Amos-haften Gesang mit Ideen, die für sich genommen schon großartig sind. Hier mal ein verschämtes Plöttern, dort ein waviger Bass, im verschwitzten Y Grito sogar Alternative Rap, der im anschließenden El Que fast nach Industrial klingt – bisschen Punkrock strahlt auch Gemelo aus, wenn es sich jeder Zuordnung verweigert, ohne beliebig zu sein.

Angélica Garcia – Gemelo (Partisan Records)

Baby You Know

Und weil der Sommer naturgemäß ein bisschen ärmer an Neuveröffentlichungen ist, hier der Tipp zweier Re-Issues derselben Band: Baby You Know aus Regensburg, die – ohne es zu wissen – Anfang der Neunziger einen Trend mitbegründet haben: alpiner Southern Rock mit Western-Elementen, den Epigonen à la G.Rag y los Hermanos Patchekos oder die Dead Brothers zur vollen Blüte gebracht haben.

https://www.youtube.com/watch?v=YV2AfgUxr24&t=1s

Baby You Know klingen dabei noch relativ roh, fast ein bisschen unbeholfen, noch eher nach Aneignung als Eigensinn. Aber wie die zwei neu aufgelegten, digital verfügbaren Platten To Live Is To Fly und Clear Water mit Fiddel, Americana und deutschem Akzent zeigen: da steckt schon viel Country-Appeal dring, der sich hierzulande seinerzeit noch durch ein Meer der Truck-Stop-Vorbehalte kämpfen musste.

Baby You Know – To Live Is To Fly/Clear Water (Tapete)



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