Bartels Girl & Apples Women
Posted: July 29, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
22. – 28. Juli
Tom Bartels ist sprachlos. Und er spricht davon. Wer hier einen Widerspruch entdeckt: Richtig gefunden. Als der ARD-Moderotor mit seiner Kollegin Friederike Hofmann am Freitagabend die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele übertragen hat, konnten beide nämlich noch so oft betonen, wie ihnen angesichts einer überwältigenden Feier die Worte fehlen – sie packten genau das in einen so lückenlosen Wortschwall, dass man sich die unkommentierte Stadion-Spur von Sky wünschte oder wahlweise zu Eurosport zappte.
Nur – da mag Siggi Heinrich ein bisschen zurückhaltender geredet haben; zu viel der Worte war es auch dort, weil Besserwissende der sozialmedialen Zukunftsgegenwart eben alles zwanghaft deuten – vor allem das Offensichtliche. Gerade deshalb hätte es ein großer Moment dieser – im Internet natürlich zornesrot kommentierten – Kommentarkatastrophe werden können, dass Bartels die finale Fackel-Trägerin Marie-José Pérec nebst Teddy Riner nicht erkannt hatte.
Aber was tat die allwissenwollende Müllhalde, statt es einfach mal einzuräumen? Sie fragt bei offenem Mikro internationale Kollegen „who’s that girl“. Betonung auf „Mädchen“, das – auch davon sprach Tom Bartels mindestens vierhundertsechsundachtzigmal – wirklich schlechtes Wetter erwischt hatte. Aber gut, es ist das Megasportereignis der Saison. Wichtiger als die Formel 1, dessen Ergebnis die Tagesthemen auch zwei Stunden nach Rennende noch falsch vermeldeten.
Wie schön, dass wenigstens Susanne Daubner wie im ARD-Morgenmagazin vor anderthalb Jahren mal wieder für ausgelassene Heiterkeit sorgte, als sie sich beim Verlesen eines olympischen Fußballergebnisses sekundenlang kaum einkriegte. Jene Nachrichtensprecherin also, die regelmäßig digitale Berühmtheit erlangt, wenn sie mal wieder Jugendwörter aufsagt. Das neueste allerdings führte sie bislang nicht im Mund: Talahon.
So heißen seit neuestem junge, tendenziell migrantisch geprägte Männer, die der Begriff kennzeichnen soll, wie so oft aber vorerst mal stigmatisiert. In den herrschenden Diskurs hat er es daher schneller geschafft, als man „herkunftssensible Sprache“ aufsagen kann oder wahlweise eine der wenigen Erstausstrahlungen dieser Woche.
Die Frischwoche
29. Juli – 4. August
Bemerkenswert ist daran nämlich vor allem eine: die mexikanische Tragikomödie Women in Blue. Damit sind vier Frauen gemeint, die in der zutiefst sexistischen Macho-Kultur des mittelamerikanischen Landes Teil einer rein weiblichen Polizeieinheit werden. Für die Betroffenen ein großer Schritt, erweist sich die (tatsächlich erfolgte) Gründung zwar als Feigenblatt, um vom Versagen ihrer Kollegen im Fall eines Serienkillers abzulenken.
Aber wenn das Quartett die PR-Finte nicht zur emanzipatorischen Selbstermächtigung nutzen würde, hätte es ab Mittwoch bei Apple TV+ kaum zehn Teile à 55 Minuten Zeit, den Spieß umzudrehen. Zum Glück. Denn Las Azules, wie sie auf Spanisch heißen, ist auf voller Länge ein gelungenes Kostümfest des TV-Empowerments mit Thriller-Elementen. Und am Ende, keine Sorge, wird der Täter geschnappt. So wie beim Mord ohne Sühne in der ARD-Mediathek – wenngleich mit Verspätung.
Erst 30 Jahre, nachdem er Frederike von Möhlmann 1981 getötet hatte, wird der Anfangsverdächtige überführt. Und was dazwischen geschah, deckt die dreiteilige Real-Crime-Doku parallel zu Las Azules auf. Sky geht danach zwei etwas anderen Phänomenen auf den Grund. Am Freitag wird die Geschichte der Disco mit viel Musik und Tamtam nachgezeichnet. Samstag folgt The Truth vs. Alex Jones um den rechtsradikalen Talk-Radio-Star, der für seine Leugnung des Sandy-Hook-Massakers zu einer Milliardenzahlung verurteilt wurde.
Zu guter Letzt zwei Serien: Am Donnerstag startet bei Prime Video Caped Crusader, ein animierter Batman also, der zehn Teile lang auf den endlosen DC-Zug springt. Anspruchsvoller dürfte da die Fortsetzung der grandiosen Echtzeit-Serie In Her Car um eine Ukrainerin sein, die ab Freitag in der ZDF-Mediathek mit ihrem Auto Landsleute vorm russischen Vernichtungskrieg in Sicherheit bringt.

