Höcke-Medien & Großstadt-Jugend

Die Gebrauchtwoche

TV

26. August – 1. September

Da standen sie also, Berichterstattende seriöser bis weniger seriöser Medien und kommentierten das gestrige Thüringer Wahlgeschehen vorm Völkischen Hof… Moment, nee – HopfenBerg, so heißt das „Traditions-Gasthaus seit 1866“, deutsch-dänischer Krieg, AfD-Fans erinnern sich noch persönlich. Denn rein durfte ja offenbar nur das rechtsextreme Compact-Magazin, um Björn Höckes historischen Sieg publizistisch zu begleiten.

Nun ließe sich natürlich einwenden, dass sich kein Mensch bei klarem Verstand gern in die Jubeltraube geifernder Neonazis und ihrer Steigbügelhalter stellt. Aber es war mindestens mal eine Andeutung kommender Zeiten, dass die rechtsextreme Partei zuletzt sämtliche Medien von der Wahlparty ausgeladen hatte, weil – Platzprobleme, Zwinkersmiley. Auch die Absage von Höckes finalem TV-Duell, weil – Gesundheitsprobleme, Fieber-Emoji – zeugt vom Verhältnis der politisch stärksten Kraft des Ostens zur Pressefreiheit.

Aber gut, nichts davon ist überraschend. Inklusive der verbissenen Sachlichkeit, die ARD und ZDF, RTL oder N-TV im Umgang mit ihr an den Tag gelegt hatten. Ob das Sternstunde oder Götterdämmerung der pluralistischen Demokratie war, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Rechte auch hierzulande öffentlich-rechtliche Sender abschaffen oder die Redaktionen aufgekaufter Zeitungen austauschen. Bis dahin ist es, zugegeben noch ein sehr, sehr weiter Weg.

Öffentliche Debatten über verschärfte Abschiebungen bis hin zur verfassungswidrigen Aussetzung des Asylrechts deuten aber ebenso wie bis zu 38 Prozent AfD-Wähler (und weitaus seltener Wählerinnen) unter 24 an, dass die mediale Hegemonie solcher Gedanken nicht nur von rechtsaußen vorbereitet wird. Dieses Meinungsklima rückt dann auch die Festnahme des Telegram-Chefs Durow ein fahles Licht. Denn natürlich ist er mitverantwortlich, dass antidemokratische, ja offen faschistische Kräfte weltweit auf dem Vormarsch sind.

Auch denen erlegt sein Messanger schließlich keinerlei Schranken auf. Zugleich aber zählen Dienste wie seiner – mal abgesehen vielleicht von Elon Musks Propaganda-Plattform X – ja gerade wegen ihrer Liberalität zu den Ankern der Meinungsvielfalt. Ach, wäre die Gegenwart doch nur so übersichtlich wie im Dschungelcamp, das mit identischem Personal wie im Winter nun auch im Sommer wochenlange Topquoten erzielt und Fernsehen mit mehr Originalität zeigt, wo der retrospektive Hammer hängt. Wobei sich RTL dieses Phänomen selbstredend mit Vox teilt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

2. – 8. September

Dort wagen sich Gründerinnen und Gründer heute Abend zum 16. Mal in Die Höhle der Löwen. Und weil es manchmal zwei Staffeln pro Monat gibt, feiert das weltweit verbreitete Factual Entertainment 23 Jahre nach der Erfindung in Japan nun auch hierzulande 10. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch – auch wenn sich sein Publikum mittlerweile gedrittelt hat und alles irgendwie berechenbarer geworden ist.

Das würde üblicherweise auch für eine Sitcom gelten, die den Titel Jugend – es ist kompliziert trägt und ab Freitag in der ZDF-Mediathek von vier Großstadt-Hipstern bei der Adoleszenzverweigerung handelt. Eigentlich alles schon allzu oft gesehen. Doch dank grandioser Darsteller (Thomas Schubert) und Darstellerinnen (Sarah Gailer), famoser Bücher (Stefan Stuckmann) und liebevoller Regie (Simon Ostermann), ist der Achtteiler mit das lustigste Stück Realsatire seit gefühlt Encurb your Enthusiasm.

Ähnlich klischeeanfällig wirkt die Neo-Serie A Good Girl’s Guide to Murder mit Emma Meyers als investigativer Teenager in der englischen Provinz – und ist es ab Sonntag auch, aber dennoch (oder deshalb) für die Zielgruppe unter 30 unterhaltsam. Das gilt ebenso für die It-Girl-Serie Call Me Bae, Freitag bei Prime. Der Netflix-Sechsteiler Ein neuer Sommer mit Nicole Kidman als manipulative Schwiegermutter einer unstandesgemäßen Braut eines reichen Mannes ist dagegen tags zuvor eher was für die Generation Y abwärts.

Dort also, wo die Thriller-Serie Seconds um Schuld und Sühne einer finnischen Zugkatastrophe (Freitag, ARD-Mediathek) am meisten Fans finden dürfte. Was noch läuft: Der dokumentarische Blick auf Secrets of the Hells Angels (Montag, Crime), LOLLA, eine Reportage des weltbewegenden Lollapalooza-Festivals (Dienstag, Paramount+), der sechsteilige belgisch-französische Crime-Stoff Tödliche Ahnung. Und nicht zuletzt Philipp Hochmair als neuer ZDF-Ermittler Der Geier, ab Freitag in der Mediathek.



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