Trumps Katzen & Fahris Upir
Posted: September 16, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
9. – 15. September
Der Aufmerksamkeitsökonomie sind Schlagworte bekanntlich lieber als Inhalte. Söders Bart krieg aktuell daher mehr mediale Aufmerksamkeit als Wind und Wetter, während über die Krise der deutschen Autoindustrie ungleich mehr berichtet wird als über das, was sie befeuert: ein Klimawandel, dem wir am Wochenende gefühlt die fünften Jahrhundertregenfälle seit Januar verdanken. Sogar das Versagen bei VW steht allerdings im Schatten des dominierenden Dauerthemas: Ausländer rau… Pardon: Migration.
Der Tipp bis tief in liberale Kreise und Medien lautet: Grenzen eher mehr als weniger dicht, dann gibt’s auch keinen Terror mehr. Das klingt zwar, als hätte man der sozialdemokratischen Vorwärts 1933 empfohlen, mit dem antisemitischen Stürmer im Chor zu hetzen, dann wäre schon kein SPD-Mitglied ins KZ gekommen, aber gut – Politik hat ja bekanntlich nichts mit Überzeugungen, sondern Umfragen zu tun. Und seit neuestem: Katzen.
Seit Donald Trump sie in der presidental debate voriger Woche zur Leibspeise haitianischer Flüchtlinge erklärte, sind Messenger und Portale voller Memes. Allerdings nicht halb so unterhaltsame wie seine anderthalbstündige Demütigung durch Kamala Harris, die sodann auch noch offizielle Unterstützung von Taylor Swift erhielt. Gut 60 Millionen Clicks’n‘Views in den USA beweisen übrigens, welchen Sog das alte Fernsehen noch immer entfalten kann.
Gar so viele sahen Samstag zwar nicht zu, als Regina Halmich Stefan Raab beim Final Fight verdroschen hat. Der Vorgeschmack auf seinen Fünfjahresdeal mit Raab Entertainment brachte RTL mit acht Millionen aber gleich mal einen Tagessieg auf Länderspielniveau ein. Exakt das Achtmillionenfache dessen übrigens, was Luke Mockridge zurzeit bei Sat1 erreichen kann. Für seine Behindertenfeindlichkeit leistet er nun ein wenig Abbitte, hat jedoch von Dieter Nuhr gelernt, dass Zuspruch von rechts am billigsten ist.
Der toxische Lümmel wird also bald auch bei Sat1 wieder gegen alles pesten, was seiner privilegiert weißen Alphamännerwelt zuwider ist. Sein Sender braucht ja alles, was Quote bringt, und wird auch deshalb beim Deutschen Fernsehpreis (hoffentlich) so leerausgehen wie Maxton Hall (während Baby Reindeer, Shogun und The Bear völlig zu Recht bei den Emmys abgeräumt haben) von der nur die Jury weiß, warum sie die Seifenoper neben Deutsches Haus, Zweiflers, Liebes Kind und Push als beste Dramaserie nominiert.
Die Frischwoche
16. – 22. September
Auch die 51. Folge des Sende- und Streamingpodcasts Och eine noch ist da ratlos, aber nicht verstummt. Lieber diskutiert sie über zwei neue Serien, und zwar mit Schaudern. Beim ARD-Zweiteiler Wäldern hat das am Mittwoch allerdings weniger mit dem Gruselstoff des Cold-Case-Gefuchtels mit Rosalie Thomass zu tun, sondern der unfreiwilligen Komik, die das lachhafte Klischeegewitter entfaltet. Richtig zum Fürchten ist parallel auch das zweite Spukformat der Woche nicht, wirkt aber immerhin gewollt komisch – und das mit großer Hingabe.
Als Der Upir spielt schließlich Fahri Yardim bei joyn das gebissene Opfer des Berliner Vampirs Igor (Rocko Schamoni), dem er 30 Tage, verteilt auf acht Folgen à 22 Minuten, zu Diensten sein muss, um wieder ein Mensch zu werden. Peter Meisters Buch und Regie dahinter sind von so dilettantischer Absurdität, dass nahezu alles daran irre ist. Irre komisch vor allem. Das sollte auch die Superduper Show beim Mutterkanal ProSieben sein.
Wer jedoch Edin Hasanovic oder die Kaulitz-Brüder zu Hosts einer gelungenen Idee – Kinder denken sich ulkige Fernsehspielchen für Erwachsene aus – macht, kriegt dienstags zur Primetime eben viel zu laute Selbstbefriedigung eitler Rampensäue zu sehen. Schade eigentlich, aber gut – gibt ja noch genug bessere Unterhaltung ohne Childwashing zu sehen. Die kulinarische ARD-Rundreise durch deutsche Küchen ausländischer Herkunft Alles außer Kartoffeln zum Beispiel, dienstags um 23.30 Uhr (WDR/BR/HR/SR).
Was sonst noch passiert? Die Fortsetzung der Monster-Reihe, mit der Netflix außergewöhnliche Killer porträtiert. Ab Donnerstag: Der unfassbare Elternmord von Lyle und Erik Menendez. Ausnahmsweise ohne reales Vorbild startet Freitag das zehnteilige Modebranchendrama La Maison bei Apple, während So long, Marianne ab Sonntag sehr anrührend und wahrhaftig die Lovestory des Sängers mit der Norwegerin nacherzählt – und deshalb natürlich Lichtjahre vom Batman-Ableger The Penguin mit Colin Farrell zwischendurch bei Sky ist.

