Zamperonis Komparsen & Lieblings Kreuzberg
Posted: September 23, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 1 montagsfernsehen |Leave a commentDie Gebrauchtwoche
16. – 22. September
ARD und ZDF – dafür reicht ein Blick in Abertausend Romanzen, Krimis, Vorabendformate – mögen dramaturgisch hier und da von irritierender Schlichtheit sein, während das Gebaren mancher Intendantinnen und ihrer Hofstaaten bisweilen an Cäsarenwahn grenzt. Aber so richtig dumm, also deppert im Sinne von doof, sind in den Landesrundfunkanstalten eher wenige, schon gar nicht Ingo Zamperoni. Seine Redaktion allerdings sollte sich bei Gelegenheit mal einem Intelligenztest unterziehen.
In Zeiten verschwörungstheoretischer Attacken von rechts Komparsen zu engagieren, denen in der vermeintlich demoskopischen, also objektiven NDR-Show Die 100 AfD-kritische Haltungen diktiert werden – das ist öffentlich-rechtliche Ignoranz auf Claas-Relotius-Niveau. Kein Wunder, dass Alice Weidel bei allem gespielten Entsetzen hellauf begeistert ist – daran konnte auch der frisch verkündete Sparkurs nichts ändern, demzufolge der ÖRR die Hälfte seiner Spartenkanäle und diverse Radiosender streichen wird.
Auch die rundfunkgebührenfeindliche Bild ritt natürlich feuchtfröhlich auf jenem PR-Debakel herum, das die Verhandlungen der nächsten Beitragserhöhung Anfang 2025 kaum erleichtern dürfte. Wobei die Axel Springer SE aktuell selbst Teil wilder Spekulationen ist. Die Gruppe soll schließlich aufgespalten werden in einen Familienverlag und einen eCommerce-Konzern in Heuschreckenhand. Wobei letzterer den Großteil jener 14 Milliarden Euro ausmachen würde, auf die sich der Wert des Unternehmens in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt hat.
Gar so viel ist der zweitteuerste deutsche Privatfernsehanbieter RTL nicht wert. Aber mit Stefan Raab hat er sich immerhin ein uraltes Zugpferd vom teuersten (ProSieben) geholt und hält sich seit dessen völlig verpatzter Actionquizshow um eine Million, die er nicht rausrücken will, beharrlich in den Kommentarspalten – was aus regulären Werbeetats kaum zu finanzieren wäre.
Die Frischwoche
23. – 29. September
Aus dem hat die ARD seit Wochen bundesweit Plakate für etwas gehängt, das ebenfalls sehr, sehr alt und zugleich neu ist: Kanzlei Liebling Kreuzberg mit Luise von Finckh als Enkelin von Manfred Krugs Serienanwalt, die ab Mittwoch in der Mediathek (und freitags linear) für Rechtsempfinden in Opas gentrifiziertem Kiez sorgt. Das ist schon okay so weit, aber halt weder frisch noch originell, sondern einfach nur Eigenreceycling fürs Stammpublikum ab 66.
Daran richtet sich auch das ZDF-Biopic Kati – Eine Kür, die bleibt mit Lavinia Nowak als Eiskunstlauf-Ikone Katharina Witt und ihre Comeback-Versuche im wiedervereinigten Deutschland. Auch das: schon okay, aber halt… Ähnlich wie der ARD-Thriller Die stillen Mörder, Samstag um 20.15 Uhr und zuvor bereits online. Darin geht es um dubiose Business-Methoden im Altenpflegebereich und auch dort gilt: nicht ganz schlecht, aber ganz schön altbacken.
Die mexikanische AppleTV+-Serie Midnight Family hingegen zeigt tags zuvor, dass man auch mit herkömmlichen Medicals um eine Medizinstudentin mit Nebenerwerb im Rettungswagen souverän unterhalten kann. So wie das Erste seine Stärken nun mal im Dokumentarischen hat – was die dreiteilige Rekonstruktion des rechtsextremen Anschlags auf eine Synagoge in Halle namens 158 Minuten ab Mittwoch eindrücklich unterstreicht.
Fiktional nennenswert wäre dann noch die niederländisch-belgisch-deutsche Coming-of-Age-Erzählung This is gonna be great um einen holländischen Schauspieler in Berlin ab Freitag in der ZDF-Mediathek. Dazu an Samstag der subtile Horrorfilm Appartment 7a, den Natalie Erika James nach eigenem Drehbuch als Prequel zu Roman Polanskis Klassiker Rosemaries Baby für Paramount+ inszeniert hat. Und zum Wochenabschluss das deutsch-französische Drama France mit Léa Seydoux als Starjournalistin in existenzieller Lebenskrise.

