Love Sucks: Models & Vampire
Posted: October 16, 2024 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentDüsterdeutsche Mystery

Die ZDF-Serie Love Sucks erzählt Romeo & Julia unter Vampiren von heute nach. Das ist radikal oberflächlich, zuweilen sehr deutsch. Gerade deshalb aber auch ganz schön ansehnlich.
Von Jan Freitag
Von wegen Aschenputtel: Soziale Schichten sind in der Regel gerade aufwärts so undurchlässig, dass sich die Menschen darin selten grenzübergreifend verpartnern. Normabweichungen kommen allenfalls in Teenagerträumen vor – und Melodramen. Als der neofeudale Ben von Greifenstein (Damian Hardung) eine Kirmes besucht, steigt er in den Ring der burschikosen Preisboxerin Zelda (Havana Joy Braun), verliebt sich trotz bezogener Dresche fünf soziale Stufen abwärts. Und was auch so schon jeder Wahrscheinlichkeit widerspricht, wird dadurch kaum realistischer, dass Ben ein Vampir ist.
Keine allzu verheißungsvolle Beziehungsbasis also für die öffentlich-rechtliche Gruselromanze Love Sucks. Zumal Zelda nicht nur versehentlich die Angebetete von Bens fiesem Bruder Theo (Rick Okon) umbringt, der Rache schwört; ihre Jahrmarktdynastie erweist sich auch noch als Nachfolger Abraham van Helsings, die auf höheres Geheiß Jagd auf Untote machen. Das ZDF badet also genüsslich im Kunstblut von Twilight bis True Blood, die Romeo & Julia Mitte der Nullerjahre bissfest reanimiert hatten.
Schade, dass Andreas Prochaska und Lea Becker dabei in (seltsam deutsche) Klischees verfallen. Acht Teile verrühren sie die Drehbücher aus dem Writers Room von Serienschöpfer Marc O. Seng zu einer sämigen Soße ortsüblicher Stereotypen, die vier Stunden vor sich hin blubbert. Das Gute guckt empathisch, das Böse lacht gehässig, beides achtet penibel aufs Äußere bildschöner Geschöpfe, deren Funktion ihrer Form in fast jeder Minute betriebsblind hinterherhechelt, dass niemanden am Set zu interessieren schien, warum diese Capulet eigentlich diesen Montague anhimmelt und umgekehrt.
Vieles an Love Sucks bleibt daher oberflächliche Behauptung einer Lovestory, an der die Vampire noch das Glaubhafteste sind. Vieles ist aber auch deshalb absolut instagramtauglich. Düsterdeutsche Mystery, das zeigen die Streaming-Millionäre Dark oder Barbaren, führt ja nicht trotz, sondern wegen ihrer leicht pathetischen Effekthascherei globale Abrufrankings an. Dass sich die Tanktop-Amazone Zelda da nach kurzer Begegnung mit dem wortkargem Ben zur Dancing Queen seines technoiden Tanzes der Vampire aufbrezelt, mag da selbst für magische Verhältnisse Unfug sein; es macht die Serie ungeheuer ansehnlich.
Dafür greift Studio Zentral tief in der Ideenkiste eindrücklicher Ausstattungselemente. Der barocke Gothic-Pop untoter Greifensteins um die Morticia-Addams-hafte Clanchefin Katharina (Anne Ratte-Polle) kontrastiert wunderschön mit Frankfurts lebloser Glas-Stahl-Aseptik. Bens Bürde der ständigen Hinwendung zu Lebenden statt seinesgleichen, hat sich Marc O. Seng zwar beim Highlander geborgt, das aber sehr versiert. Der Twist, dass Vampire selbst entscheiden, ob ihr Fluch auf Gebissene übergeht, erklärt endlich mal schlüssig, warum die Welt nicht längst flächendeckend blutsaugt.
Der tagtägliche Umgang mit Draculas Todfeinden Pflock und Sonne denkt dazu durchaus originell Peter Meisters Genre-Spaß Der Upir weiter. Geistesblitze wie die New Dawn Care AG genannte Blutbank der Reichensteins zur unauffälligen Eigenversorgung ist ganz schön pfiffig. Als habituell robuste Schausteller legen Stipe Erceg und Dennis Scheuermann zudem nahe, sie hätten für ihre Rummelplatzrollen Ilja und Branko Zori ein paar Monate als junge Männer zum Mitreisen verbracht. Und dann war ja noch gar nicht von deren Serienverwandten die Rede.
Selten wurde die weibliche Hauptfigur einer popkulturell überfrachteten Coming-of-Age-Ballade so gegen den Strich tradierter Sehgewohnheiten besetzt wie Havana Joy Braun. Dass ausgerechnet ihre Amour fou seltsam blutleer wirkt, ist da fast ebenso egal wie die angesprochenen Klischees. Nach ein paar Kurz- und Werbefilmen verleiht die 24-Jährige ihrer ersten Hauptrolle eine Bildschirmpräsenz, von der Damian Hardung bei allem Respekt nur träumen kann. Und weil sie die zu cleveren Coverversionen wie Jealous Guy oder Nothing Else Matters entfalten darf, ist Love Sucks am Ende doch besser als die Summe ihrer Stereotypen.