Karate, Pöbel MC, Donkey Kid

Karate

Wiedersehen macht Freude, Wiederhören erst recht, aber dieses Wiederhörensehen – das kramt viele (zugegeben persönliche) Emotionen aus dem Kellerloch unserer dystopischen Zeit: Karate sind zurück. In einer utopischen Zeit (1993) gegründet, stand das punkverwurzelte Trio aus Boston für eklektischen DIY-Jazzrock der Extraklasse: Virtuos, struppig, elegant, verwegen. Jetzt ist es nahezu in Originalbesetzung zurück.

Und nein: Die avantgardistische Wucht der ersten fünf Alben kriegt Geoff Farina schon deshalb nicht mehr hin, weil seine Überwältigungsstimme zum Dauerthema Beziehungen etwas ausgedünnt klingt. Doch die Riffs dahinter, der energische Hang zum kultivierten Gitarrensolo über den verstiegenen Drums von Gavin McCarthy – das ist immer noch so umwerfend, dass man kurz mal 20 Jahre rückwärts reist, als die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung schien.

Karate – Make It Fit (Cargo)

Pöbel MC

Und ob er’s glaubt oder nicht: Pöbel MC, wie sein Kollege Marteria aus der heimlichen HipHopHauptstadt Rostock, hat ganz schön viel Karate in den Adern. Sein Gossen-Rap atmet den Spirit der Bronx, klingt wie die testosterongesättigtsten Gangsta aus Aggroberlin, ist dabei aber von einer zerdepperten Virtuosität, dass man ihn glatt in der Elbphilharmonie spielen (und hinter ja schön die Wabenkonstruktion mit seiner Lyrik vollsprayen) könnte.

“Heute Dr. P / rappt mit Prädikatsexamen / ziemlich schwer / wie mit dem Flugzeug schwarzzufahren / Ihr macht auf Asis und wisst ihr seid verlogen / Umstürze nach oben und nicht Kinderrap auf Drogen” grollt Pöbel MC auf seiner zweiten Platte Dr. Pöbel und zeigt sich dabei erneut als Deutschlands wortreichster, brachialpoetischster, bester Reimakrobat mit Haltung (links), Wut (konstruktiv) und Wirkung (Aufdrehen, Abdrehen, Abgehen).

Pöbel MC – Dr. Pöbel (Audiolith)

Donkey Kid

Und damit wir jetzt alle mal kurz wieder runterkommen von Nostalgie und Gepöbel, quasi in der bildungsbürgerlich kultivierten Mitte von Boomer-Exzess und GenZ-Enthemmung, hier noch eine Empfehlung ohne allzu viel Metaebene. Es geht um das Debütalbum des Berliner Bigband-Solisten Donkey Kid. Blöder Name, Instagrammability, alles irgendwie schon tausendmal gehört.

Trotzdem strahlt Heavyweight Champion etwas aus, das leider viel zu selten ist in britisch angehauchter Electronica: Selbstironie, transportiert etwa durch newwavigen Discocountry, verschrobene Keyboards zu Waschbrett-Rhythmen, hier mal ein Nintendo-Gefrickel, dort etwas Club-Geballer, Uptempo-Beats und Downtempo-Flows, vieles drollig, oft infantil, aber einfach sehr, sehr unterhaltsam four-to-the-flour.

Donkey Kid – Heavyweight Champion (Euphorie Records)



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