Schwarze Früchte: Diversity & Lamin Gibba

Vom Recht zu nerven

SchwarzeFrüchte - Key Visual Posterformat_Lalo(LaminLeroyGibba) Karla (Melodie Simina) ©ARD Degeto_Jünglinge Film_Studio Zentral_DavidUzochukwu

In der ARD-Serie Schwarze Früchte kämpfen die Hauptfiguren gegen Diskriminierung – und fürs Recht, trotz und wegen ihrer postmograntischen Queerness ätzend zu sein. Eine Begegnung mit Hauptdarsteller, Headautor, Showrunner Lamin Leroy Gibba in Hamburg.

Von Jan Freitag

Intersektionalität umschreibt ein sozialwissenschaftliches Phänomen, das Betroffene doppelt und dreifach gesellschaftlicher Herabwürdigung aussetzt. Als Schwarzer zum Beispiel bietet der schwule Lalo seiner Umgebung praktisch zeitlebens zwei Angriffsflächen, die eine fiese Hautkrankheit einst sogar noch vergrößert hatte. Damit nicht genug, ist er obendrein das, was ihm seine beste Freundin Karla, ebenfalls Schwarz und sexuell offen für vieles, brutal an den Kopf knallt: „Übertrieben nervig!“

Ihre Schlussfolgerung, er sei deshalb in seiner Jugend ständig verprügelt worden, hält vermutlich keiner tieferen Täter-Analyse stand; aber sie kennzeichnet einen der vielen guten Gründe, warum die ARD-Serie Schwarze Früchte mit das Beste ist, was dem Fernsehen zum Thema Diversität widerfahren konnte. Acht durchschnittlich 30-minütige Folgen lang erzählt Hauptdarsteller und Headautor Lamin Leroy Gibba zwar von postmigrantischer Queerness in Deutschland. Sein vorerst größtes Serienprojekt verkneift sich dabei jedoch wohltuend klassische Opferrollen und ausgefahrene Zeigefinger.

Noch keine 30, steckt Gibbas Alter Ego schließlich aus tausend Gründen bis zum Hals in der Sinnkrise. Erst stirbt sein Vater, dann bricht er das Architekturstudium ab, kurz darauf macht auch noch Tobias (Nick Romeo Reimann) Schluss. Und weil Lalos Sandkastenfreundin Karla (Melodie Simina) an einer ganzen Reihe Fronten mit ihrer eigenen Intersektionalität zu kämpfen hat, schlingert er zusehends allein durch eine Gesellschaft, deren Abgründe sich bereits in der grandiosen Einstiegssequenz entfalten: Nach zwei Jahren Beziehung lernt Lalo darin endlich Tobis Familie kennen.

Leider zeigt sich am reichgedeckten Esstisch im Speckgürtel von Dibbas Heimatstadt Hamburg, dass offen homophober Rassismus, dem der Creator und seine Figur nahezu lebenslang ausgesetzt sind, nicht zwingend die unangenehmste Form tagtäglicher Diskriminierung sein muss. Wenn Tobis linksliberale Mutter Maren (Judith Engel) mit der Frage, „du bist aber schon mit deinem Vater aufgewachsen?“ suggeriert, Schwarze täten das sonst nicht, verströmt ihr Linksliberalismus ölige Toleranz. Und als Lamin bei der Bitte um ein paar Rassismus-Erlebnisse den Spieß mit Fragen zu Marens ehelicher Treue umdreht, sinkt der Stimmungspegel in aller kultivierten Stille so tief, dass die Luft vor lauter Schweigen vibriert.

Die passive Aggressivität solcher Szenen bleibt bei aller Wahrhaftigkeit jedoch fiktiv. Schwarze Früchte sei „kein autobiografisches Projekt, schon gar nicht mein Leben“, sagt Lamin Leroy Gibba am Tag nach der Hamburger Filmfest-Premiere, „aber sie reimt sich an manchen Stellen darauf“. Aber auch, wenn das fremdschamschreckliche Klischeedinner erfunden ist, sind dem Showrunner die „Machtdynamiken solcher Verhörsituationen“ ebenso vertraut wie seiner queer-migrantischen Crew. Umso cleverer, dass sich diese Dynamiken acht Teile lang im Hintergrund höchstpersönlicher Schicksale halten.

Produziert von Studio Zentral und Jünglinge Film, die mit Angemessen Angry und Futur Drei bereits zwei exzellente Fiktionen um Last und Lust diverser Identitäten im Portfolio haben, will Gibba die mannigfaltige Diskriminierung seiner Figuren von Rassismus über Sexismus bis Klassismus „nicht erklären, sondern sichtbar machen, ohne ihnen die Deutungshoheit darüber zu nehmen“. Und das gelingt ihm mit einer Volte, für die man dringend den Liedermacher Fanny van Dannen zitieren muss: „Auch schwarze lesbische Behinderte / können ätzend sein.“

Wenn Gibbas Regisseure Elisha Smith-Leverock und David Uzochukwu, bislang vor allem durch Musik- oder Werbevideos auffällig geworden, in Kopf, Herz und Seele bindungsgestörter Großstadtgewächse blicken, bleibt nämlich niemand ungeschoren. Während Karla, als Führungskraft aus reichem Hause das Gegenteil tradierter Filmklischees über Schwarze Frauen, mit jeder übergriffigen Person, der sie vor den Kopf stößt, toxischer agiert, wird Lalo mit jeder abweisenden Person, die er anhimmelt, strapaziöser.  „Wie ich selbst“, sagt sein Darsteller, „sucht er Strategien, um aus einem System, das nicht für ihn gebaut ist, das Beste rauszuholen“. Nur, leider ist dieses Beste meist unerträglich.

Natürlich ist Lalos Harmoniesucht am Rand der Realitätsflucht nicht schuld am queerfeindlichen Rassismus derer, die ihm seit jeher Gewalt antun. Doch für alle anderen aber zeigt sie sich als das, was Karla eingangs sagte: übertrieben nervig. Einerseits. Denn andererseits ist dieses Nerven als queere Person of Colour unter weißen Heteros ein ebenso seltener wie nötiger Akt der Selbstermächtigung. Für die Lalos und Karlas am Bildschirmrand der Mehrheitsgesellschaft gab es früher nämlich exakt zwei Aggregatszustände: Opfer oder Täter, Putzfrau oder Ganove, geflüchtet oder kriminell.

Seit der Münchner Senegalese Charly Huber parallel zu Carsten Flöters Coming-out in der Lindenstraße 1986 Deutschlands erster schwarzer TV-Kommissar wurde, hat sich einiges geändert, manches gar zum Guten. Die Kombination beider Identitäten – heute als LGBTQI+ und BIPoC bekannt – bleibt jedoch eine Rarität. Ausnahmen wie in der (lesbischen) Neo-Serie Loving her oder der (schwulen) ARD-Serie All you need sind zwar nicht makellos, aber liebenswert und stets attraktiv. Die Schwarzen Früchte dürfen dagegen faul und fleckig sein – verglichen mit Empowerment Marke Hollywood von The L-Word bis Queer as Folk ein echter Quantensprung.

Übertragen auf Dax-Vorstände, die erst als gleichberechtigt gelten, wenn eine Frau darin so ungestraft versagen darf wie Männer, hieße das allerdings: wahrer Emanzipation sind wir erst den nächsten Trippelschritt näher, wenn Intersektionalität so ungestraft nerven darf wie Lalo. Nur: darum geht es dessen Schöpfer gar nicht. Im Gegenteil. Auf St. Pauli, wo Lamin Leroy Gibbas Outfit und Habitus weniger auffallen als sein Minztee, versucht er die Seriencharaktere lieber vom soziokulturellen Ballast aus Identität und Herkunft zu befreien.

„Während ihre Erfahrungen spezifisch sind, sind die Emotionen universell“, sagt er in Lamins Tonfall. Daher sei Schwarze Früchte für alle gedacht, „auch wenn sie weder schwarz noch queer oder Mitte 20 sind“. In einer Milieustudie digitaler Kommunikation und ihrer Fallstricke. Mit wunderbarem Cast bis in die Episodenrollen (Paula Kober). Mit suggestiver statt manipulativer Musik (Don Jegosah). Mit authentischer Kostümierung (Freya Herrmann). Vor allem aber mit einem Creator, der aufopferungsvoll für die Sichtbarkeit benachteiligter Gruppen ringt und frei von Eitelkeit Fremdscham erduldet, bis es wehtut.

Noch zieht Gibba dafür mehr Strippen als ihm lieb ist. In zwei von drei Projekten hat das 30-jährige Multitalent zuletzt auch noch Regie geführt. Nur so könne er postmigrantische Queerness „abseits gängiger Klischees realisieren“. Ein Privileg, gewiss. Aber es zeige, „dass man als marginalisierter Schauspieler viel Extraarbeit leisten muss, um seinem Beruf nachgehen zu können“. Im Fall der Schwarzen Früchte kann man nur sagen: Danke für den Einsatz! Er hat sich bis zur letzten Sekunde gelohnt.



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