Fernsehreformen & Achtsamkeitsmörder

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Oktober

Nun ist es durch – das Reformstaatsvertrag genannte Zwischenresultat monatelanger Vorarbeiten der Zukunftsrat genannten Kommission zur Aufarbeitung jahrzehntelanger Versäumnisse öffentlich-rechtlich genannter Sendeanstalten. Der große Wurf sollte im Auftrag diverser Fachleute unter Führung von Julia Jäkel aufgeblähte Strukturen verschlanken, um die Programmvielfalt zu erhalten. Worüber die Länder nun allerdings abstimmen, ist das genaue Gegenteil: die Strukturen bleiben ähnlich fett wie zuvor, während die Inhalte abspecken.

Statt einer großen Verwaltungseinheit zumindest die Geschäftsführung zu überantworten, werkeln die neun Landesfunkhäuser weiter vor sich hin – wenngleich für weniger Sport und Kanäle, die teilweise zusammengelegt werden. Das ist also der Preis dafür, dass ostdeutsche Landesregierungen ein bisschen weniger auf den so genannten „Staatsfunk“ eindreschen und Anfang 2025 womöglich sogar der Beitragserhöhung um 58 Cent zustimmen.

Das aber wird trotz klarer KEF-Empfehlung nicht passieren. Zu nah stehen die CDU-Fraktionen von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen-Anhalt medienpolitikphilosophisch AfD und BSW Zu niedrig sind die Brandmauern zur Eindämmung faschistischer Tendenzen dort, wo der Nationalsozialismus schon einmal seinen Siegeszug begonnen hat. Zu wenig weiß man hinter Eisernen Vorhang diktatorischer Tage die Segnungen des ÖRR zu schätzen.

Und so werden die 58 Cent im Frühjahr abermals vom Bundesverfassungsgericht bestätigt – und liefern den Gegnern des pluralistischen Liberalismus neues Futter, genau den verächtlich zu machen. Herzlich willkommen in der Welt des Elon Musik also, der sich aktuell zwar 25/7 auf seinem Feldzug für Donald Trumps anstehende Despotie befindet und dafür sogar Zeit für deutsche Nachrichtenmagazine hat.

Kürzlich warf er dem Spiegel vor, er habe zu Attentaten auf ihn aufgerufen, wogegen sich der Verlag in Hamburg ein bisschen wehrt und damit exakt jene Aufmerksamkeit kreiert, von der sich Musk zu ernähren scheint. Für echte Nahrungsaufnahme dürfte ihm schließlich keine Zeit bleiben – bei bis zu 300 Tweets gegen alles links der Rechtsextremen, die er pro Tag bei X absetzt.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

28. Oktober – 3. November

Ob es sich da überhaupt noch lohnt, am 5. November der US-Wahl bei seriösen Sendern wie ARD, CNN oder NBC zu verfolgen, steht komplett in den Sternen. Vielleicht sollte man sich also doch lieber mit Entertainment sedieren. Der bemerkenswerten Disney-Serie Rivals zum Beispiel, die uns Richtung Achtziger entführt, wo Rupert Murdoch den Boulevard gerade ohne Trump zu kennen, auf dessen Kurs manövrierte.

Mit David Tennant als fiktive Version des rechtspopulistischen Steigbügelhalters erinnert die Serie an ein gemischtes Doppel aus Guy Ritchie und Steven Soderbergh, was maximal drüber ist, aber sehr unterhaltsam. Beide könnten theoretisch auch hinter Achtsam morden stehen – hätte Netflix die Serie nicht in Deutschland produziert. Auf der Basis von Carsten Dusses Bestseller spielt Tom Schilling darin einen Sozius der Berliner Unterwelt und wird durchs Achtsamkeitstraining von Peter Jordan nur noch effizienter.

Das ist zwar ebenfalls heillos absurd, aber auf originelle Art umwerfend und deshalb jeden der acht Teile wert. Das komplette Gegenteil bringt dagegen die ARD-Sketchcomedy Smeilingen ab Donnerstag zustande. Ein Dutzend eigentlich komischer Vögel von Uwe Ochsenknecht über Mirja Boes und Cordula Stratmann bis Armin Rohde karikieren darin deutsches Landleben, schaffen es aber, in 30 Minuten pro Folge keinen Witz zu machen. Nicht einen. Nullkommanull.

Dann doch lieber den Netflix-Welterfolg Nobody Wants This um eine schicke New Yorker Podcasterin bingen, die sich in einen Rabbi verliebt und dabei allerlei Kulturen ineinander clashen lässt. Vielleicht sogar den nächsten Versuch, Franz Beckenbauer ohne falsche Lobhudelei zu porträtieren wie im Magenta-Dreiteiler Der letzte Kaiser ab Donnerstag. Oder noch besser parallel: Licht aus!, ein englischer Prime-Import, in dem acht deutsche 1b- bis C-Promis sechs Tage lang komplett im Dunkeln verbringen. Klingt nach buchstäblich finsterem Dschungelcamp, ist aber absolut sehenswerte Reality.



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