Cafe Türk, Milk Carton Kids, Innocence Mission
Posted: December 15, 2024 | Author: Jan Freitag | Filed under: 5 freitagsmusik |Leave a commentCafe Türk
Was lange währt – nein, das wird weder endlich noch unendlich gut. Aber manchmal braucht es halt Jahrzehnte, bis Dinge aus dem Untergrund an die Oberfläche geraten. Cafe Türk zum Beispiel. Ein Quartett aus Schaffhausen, das im Sog des jungen HipHop und älteren Funk Anfang der Achtziger einen ganz eigenen Sound kreierte. Orientalisch angehauchten Schweizer Ethnopop zwischen Kreuzberg, Bronx und Istanbul.
Genau daraus hat Gründer Metin Demirel ein halbes Leben später sein Debütalbum gemacht. Und auf Doğu Ekspresi gewartet zu haben, war absolut lohnenswert. Schon der Opener Çakmağı Çak, Cover eines Sixties-Schlagers, stiefelt zeitlos durch aseptischen New Wave und verschwitzten Club. Auch der Rest klingt hinreißend gegenwärtig, achtet allerdings zugleich seine Wurzeln und bietet damit ein zeitgeistiges Porträt dessen, was früher Mal Weltmusik hieß.
Cafe Türk – Doğu Ekspresi (Sound Concept)
Milk Carton Kids
Die Quintessenz der Weltmusik findet sich übrigens, je nach Definition, in dem, was die christianisierte Welt sich Weihnachten um die Ohren haut. Der Stock hat sich da seit Jahrhunderten kaum verändert. Alle trällern dasselbe. Und schlimmer noch: alle trällern es irgendwann nach, um dem überkommenden Genre ein paar Tonträger abzutrotzen. Deshalb hier mal ein kleiner Tipp, der das uralte Liedgut ein bisschen erträglicher macht.
The Milk Carton Kids, ein amerikanisches Folkduo in der Grassroots-Tradition eines Woody Guthrie, haben zehn Klassiker von Silent Night bis I’ll Be Home For Christmas neu interpretiert. Und neu heißt hier, ihrer leicht schroffen Harmonielehre unterzogen, die nichts rocken oder funken oder schlagern oder metaln will, sondern einfach nur ein bisschen Besinnlichkeit verbreiten. Christmas in a Minor Key kann das – Ruhe stiften.
The Milk Carton Kids – Christmas in a Minor Key (Far Cry Records)
The Innocence Mission
Und wo die Stimmung gerade so ein bisschen andächtig wird, unterfüttern wir sie doch mal mit noch mehr andächtiger Musik ohne Spiritualität und Konsumismus. The Innocence Mission haben erstmals seit vier Jahren ein Album gemacht, und Midwinter Swimmers enthält alles, was das Trio aus Pennsylvania kennzeichnet: elegische Folk-Harmonien vor allem, die Karen Peris’ filterlos angeraute Engelsstimme Eigensinn verleiht.
Er klingt weder angestrengt lieblich noch angestrengter robust, sondern nach der perfekten Untermalung von Don Peris und Mike Bitts, die den Schwermut dunkler Winternächte in beschwingte Melancholie zwischen Hippie und Alternative verwandeln. Dafür muss man sich nur mal an zehn Popcorn-Picks vorbei unter die Geigen von The Camera Divides the Coast of Maine wühlen. Klingt wie der Soundtrack eines Lieblingsfilms der Sixties, an den man sich partout nicht mehr erinnert.
The Innocence Mission – Midwinter Swimming (Bella Union)