Michkes Rückzug & Jürgens Paradies

Die Gebrauchtwoche

TV

30. Dezember – 5. Januar

Ob der Kampfbegriff Cancel Culture grundsätzlich falsch oder richtig ist, liegt natürlich am Cancelnden ebenso wie am Gecancelten. Aber dass die ARD dem misogynen Sprachgewalttäter Thilo Mischke Titel, Thesen, Temperamente wieder entzogen hat, ist ein gutes Zeichen für die Selbstheilungskräfte der pluralistisch-liberalen Gesellschaft. Ein weniger gutes Zeichen ist, dass Cancel Culture wie gewohnt nur unter den Wohlgesinnten wirkt.

Während die eigene Bubble den menschlich heiklen, aber politisch soliden Kindskopf bedenkenlos beiseiteschiebt, werden Fans ehelicher Vergewaltigungen mit Männerfimmel voraussichtlich Bundeskanzler und Geistesverwandte wie Dieter Nuhr oder Luke Mockridge weiter bestens für ihre Frauenverachtung bezahlt. Immerhin haben wir noch keine amerikanischen Verhältnisse, in denen die Verachtung aller ethischen Grundwerte Einstellungskriterium einflussreicher Posten ist.

Umso selbstbewusster wäre es, die internationale Einflussnahme auf deutsche Politik bei Springer oder X ein bisschen gelassener zu sehen. Dass Elon Musk oder J.D. Vance zur Wahl der AfD aufrufen, dürfte allenfalls die Überzeugten noch ein wenig mehr überzeugen. Wer Ratschlägen faschistoider Milliardäre und/oder Politiker folgt, ist für den politischen Diskurs vermutlich ohnehin längst verloren. Und damit zur unappetitlichen Ablenkung von derlei Unappetitlichkeiten: RTL hat das Dschungelcamp besetzt.

Wohl bekomm’s, Alessia Herren, Maurice Dziwak, Edith Stehfest, Yeliz Koç, Anna-Carina Woitschack, Sam Dylan, Timur Ülker, Nina Bott, Lilly Becker, Pierre Sanoussi-Bliss, Jörg Dahlmann und Jürgen Hingsen, von denen gut die Hälfte dem eigenen Reality-Saft entstammt. Knapp die Hälfte der Golden Globes gingen gestern an Shōgun und Hacks, aber warum mit Disclaimer, Ripley oder Mr. & Mrs. Smith die drei originellsten Serien des Jahres leer ausgehen, weiß nur die Jury.

Die Frischwoche

0-Frischwoche

6. – 12. Januar

Von den Neuerscheinungen dieser Woche werden wir bei der Preisverleihung 2026 vermutlich aber nichts wiedersehen – auch wenn das aufgeblasenste Format der Woche viel dafür tut. In der Magenta-Serie Nachts im Paradies kämpft Jürgen Vogels Taxifahrer Vince auf Grundlage einer gleichnamigen Graphic Novel mit allem, was CGI und Kulisse hergeben ums Wohlergehen seiner Tochter (Lea Drinda). Beide zelebrieren jedoch so aufdringliches Overacting, dass die konsumkritisch-feministische Kernaussage ab Mittwoch leider verloren geht.

Das nervt fast so sehr, dass man sich den Sechsteiler glatt schön saufen würde – wovor einen parallel dazu allerdings die ARD-Doku Warum wir immer weiter trinken bewahrt, in der unsere toxischer Alkoholmissbrauch mithilfe einer illustren Talkrunde entlarvt wird. Zwei Tage später dann entlarvt sich das ZDF erneut als PR-Nebenabteilung der Fußball-Cashcow Bayern München – diesmal mit einer fünfteiligen Gossipserie zum FC Hollywood der 90er.

Was ebenfalls Freitag startet: Die ziemlich lustige, originell besetzte Prime-Mockumentary Gerry Star aus dem Bowling-Zirkus deutscher Mittelstädte. Zeitgleich blickt Arte zurück auf Die Beatles in Hamburg – und räumt hoffentlich mit dem selbstverliebten Mythos auf, ein paar Wochen der Band an Alster und Elbe hätten irgendeine Relevanz für ihr Werk gehabt. Tags zuvor kehrt allen Ernstes Peter Illmanns Musiklegende Formel1 zu Kabel1 zurück. Samstag dann begleitet das RTL-Porträt Unser Team die Nationalmannschaft durch 2024.

Das Schmuckstück der Woche läuft aber in der ARD-Mediathek. Dort startet zum Wochenende das Sozialexperiment A Better Place, in der 300 Häftlinge einer fiktiven Großstadt freigelassen werden, um eine Gesellschaft ohne den Zwang geschlossener Knäste auszutesten. Das könnte populistisch werden, ist dank des dezenten Drehbuchs von Headwriter Alexander Lindh und seines sensationellen Ensembles um Katharina Schüttler aber schon jetzt eine der besten Drama-Serien des Frühjahrs.



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