Nachts im Paradies: Cyberpunk & Jürgen Vogel
Posted: January 9, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentSchmerzensmann mit Augenklappe
Die Comic-Adaption Nachts im Paradies (Foto: Magenta TV) schickt Jürgen Vogel ab heute bei Magenta TV in die Hölle einer nostalgischen Endzeitserie mit Vater-Tochter-Konflikt. Schade, dass die Form den Inhalt frisst.
Von Jan Freitag
Wer die Schublade mit Jürgen Vogel drauf öffnet, darf sich nicht wundern, wenn er Jürgen Vogel rauszieht. Es dauert deshalb auch Nachts im Paradies nur 300 Sekunden, bis der kernige Melancholiker vom TV-Dienst blutend zu Boden geht, aufsteht, hinfällt, aufsteht, hinfällt und wieder von vorn, bis der Arzt kommen müsste (aber nie kommt). Nach 30 Minuten dieser Magenta-Serie sehen wir ihn dann zum ersten (aber nicht letzten) Mal nackt. Doch erst, als sein Taxifahrer Vince Ende der Startfolge auf dem Motorrad ins Ungewisse eines fiebrig-düsteren Thrillers rast, ist sie komplett: die Kunstfigur, von der Jürgen Vogel kaum je abweichen darf, seit ihn Matthias Glasner zum Film- und Fernsehschmerzensmann machte.
Fast 20 Jahre nach Der freie Wille schickt der Regisseur seinen Leib- und Bauchgrubenschlagschauspieler also mal wieder als abgebrannten, frustrierten, seelenwunden Tunichtgut ins Stahlbad einer endlosen Katharsis. Wie zuletzt in Blochin, Jenseits der Spree oder Informant will Vogel dabei sechs Folgen lang entfremdete Töchter vor einer feindseligen Welt bewahren, bewirkt aber das Gegenteil. 270 Minuten quält er sich und seine Lieben, ihre Gegner und deren Publikum dabei durch den clankriminell versifften Partydrogensumpf einer ortslosen Großstadt, an der Glasner ihn schmerzverzerrt verzweifeln lässt.
Und weil das offenbar noch immer nicht genug der Selbstkasteiung für den deutschen Bruce Willis ist, setzt er Vince nach eigenem Drehbuch obendrein eine Piratenklappe aufs Auge, das ihm bei seiner ersten Fahrt zu Brei gehauen wird. So steckt er viereinhalb Stunden mit halber Sicht bei vollem Einsatz im Morast von Frank Schmolkes gleichnamiger Graphic Novel. Dass er dabei wie John Carpenters Klapperschlange aussieht, ist aber keineswegs der einzig nostalgische Twist einer Comic-Adaption, deren Drama, Ästhetik, Sound und Pathos generell an 1981 erinnern.
Damals hatten Filmemacher wie John Carpenter, Luc Besson oder Ridley Scott einen Cyberpunk kreiert, der perfekt zur Eskalation des Kalten Krieges passte. Im sauren Regen der drohenden Atomkatastrophe waren die durchgeknallten Charaktere und Szenerien von Blade Runner über Subway bis Terminator dem dystopischen Wahnsinn ringsum absolut angemessen. Wenn Glasner die irr lachenden Freaks und Gangster von damals nun ins Digitalzeitalter allgegenwärtiger Smartphones überträgt, wirft das jedoch Fragen auf.
Etwa die, ob Nachts im Paradies Hommage oder Plagiat ist? Antiquiert oder zeitlos? Originell oder prätentiös? Furchtbar oder liebenswert? Alles davon oder nichts? Eine Antwort fällt schon dank der verschachtelten Story um Immobilienspekulation und Verschwörungsideologien, männliche Gewalt und weibliche Selbstermächtigung im Turbokapitalismus schwer, den Schmolkes Version am Beispiel des kriselnden Taxigewerbes kritisiert. Da Skript und Regie das schwarzweiße Original allerdings fast schon besessen mit magischem Realismus kolorieren, ist die Filmfassung von Anfang an heillos überfrachtet.
Jedes Bild von Belang, jeder Satz provokant, jede Regung gewichtig. Puhhhh… Kostüme und Kulissen, Licht und Ton, Personal und Charaktere, Aleksandar Jovanovics Zuhälter und Birgit Minichmayrs Edelhure – alles wird hier so hartnäckig auf Bedeutung gebürstet, bis vieles banal wirkt. Während es in ewiger Nacht ständig wie aus Kübeln (obgleich ausschließlich auf Vince‘ Windschutzscheibe) gießt, scheint ständig die Sonne durchs Fenster. Wenn Vater und Tochter (Lea Drinda) der Journalistin Elli (und damit uns) unabhängig voneinander im verwahrlosten Fabrikloft die Geschichte erzählen, raschelt zudem bei jedem Wort Drehbuchpapier.
Ohne zu zögern, stocken, stammeln sondern aber auch alle anderen unablässig Kalendersprüche à la „man hat die Wahl zwischen `ner bitteren Wahrheit und `ner süßen Legende“ oder „der Mensch ist weder Engel noch Bestie, sein Unglück ist, dass er umso bestialischer wird, je mehr er versucht, ein Engel zu sein“ ab. Angesichts dieser kommunikativen Künstlichkeit bleibt lange offen, was mehr nervt: Lea Drindas zappeliges Vergewaltigungsopfer auf Rachefeldzug oder Jürgen Vogels apathischer Passivitätstäter auf Wiedergutmachungstour. Umso erstaunlicher ist da, wie ergreifend viele Einzelschicksale abseits der zwei Hauptfiguren sind, was die oberflächliche Eskalationsspirale zwischenmenschlich bricht, welchen Sog Nachts im Paradies dadurch mitunter entwickelt.
Die Beziehung der Transperson Ursli (Nils Rovira-Muñoz) zum schwulen Cop Martin (Torben Liebrecht) etwa oder das Verhältnis des freigeistigen Hippies Lucia (Malaya Stern Takeda) zur karrieristischen Elli (Lea Zoe Voss) sind dank weiblicher Beteiligung an Buch (Hannah Schopf) und Regie (Bettina Oberli) anrührend, ohne rührselig zu sein. Überhaupt glitzert der viel zu laute, dunkelbunte Hochglanzstoff immer dann besonders, wenn er die leisen Töne anschlägt. Zu schade, dass sie in Glasners Eskalationsspirale oft erfollos um Aufmerksamkeit betteln. Aber wie gesagt: wer Jürgen bestellt, kriegt Jürgen Vogel. Den Schmerzensmann der Film- und Fernsehunterhaltung. Diesmal noch dramatischer mit Augenklappe.