Wolfgang Stumph: Stubbe & Ruhestand

Man wird mich so leicht nicht los

Mit dem allerletztern Fall Familie in Gefahr geht Wolfgang Stumphs Stubbe (Foto: Christoph Assmann/ZDF) nach 30 Jahren endgültig in Rente – anders als sein Darsteller. Ein Gespräch mit dem 79-jährigen Dresdner über den letzten Film der ZDF-Reihe, Sehnsüchte nach früher, Unruhe von heute und seinen Hang zum Stumph-Sinn.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Stumph, wenn Sie vor 30 Jahren geahnt hätten, dass Wilfried Stubbe erst 2025 seinen letzten Fall löst, welchen Abgang hätten Sie sich da gewünscht: Knalleffekt im Morgengrauen oder Tanz ins Abendrot?

Wolfgang Stumph: Letzteres, unbedingt letzteres. Als Cliff fürs Publikum, um Stubbe, seine Tochter, ihr Kind, die Familie und den Stumph-Sinn der Reihe mitzunehmen.

Stumph-Sinn mit ph nicht pf!

Er bezeichnet die Familie als Mittelpunkt von allem und die Vermittlung zwischen hüben und drüben, von Dresden die Elbe hoch nach Hamburg als Achse, die alles verbindet. Das ging ja bereits mit der ersten Folge los, als der Kriminalist Stubbe als Leihbeamter in den Westen ging, wo seine Frau ein Haus geerbt hatte.

Meistens lief das damals umgekehrt…

Mit dem Strom der Elbe hoch gegen den Strom der Zeit und wieder zurück – das war immer mein ganzes Streben. Als humanistischer Kabarettist ging es mir schon 1991 bei „Go Trabi Go“ oder zwei Jahre später im Salto Postale als sächsischer Postbeamter Stankoweit in Brandenburg, also keine Science-Fiction, sondern Versöhnung am Boden der Tatsachen. Sitcom im Zeitgeist des Hier und Heute.

Haben Sie dennoch manchmal Sehnsucht nach damals?

Ach, Sehnsucht… nach was?

Der Einfachheit vieler Dinge zum Beispiel. Im letzten Stubbe streicheln Sie über eine uralte Schreibmaschine „ohne elektronischen Mumpitz“. Klingt ziemlich nostalgisch.

Diese Nostalgie steckt ja mitten in der Gegenwart. Aber natürlich gibt es eine Sehnsucht nach der Harmonie und dem Zusammenhalt von früher. Denn nur er hat die Kraft zur Veränderung. Wir können es nur gemeinsam schaffen, etwas verändern…

Und dabei positiv auf alte Zeiten zurückblicken, ohne sie zu verklären?

Genau. Ich kann natürlich erzählen, dass ein Schauspieler bei mir schon im Jugendclub mein Interesse an Theater geweckt und mich auf die Bühne gebracht hatte, schön und gut. Das habe ich als Kind ohne Vater mit aufopferungsvoller Mutter gelernt, die mich in den 50ern dazu erzogen hat, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen. Aber da passiert es schnell, dass Jüngere abwinken und sagen, jetzt spricht der Opa wieder von damals (lacht).

Und wenn Sie es jetzt doch mal tun?

Hatte ich an den richtigen Stellen zur richtigen Zeit das Glück, richtige Entscheidungen zu treffen. Beim Gedanken an früher habe ich besonders im Hinblick auf Beruf und Familie also ein warmes Gefühl. Gerade deshalb benötigt man aber ein wenig Selbstkontrolle, um es beim Erinnern mit der Temperatur nicht zu übertreiben und Fehler einzugestehen, die man natürlich gemacht hat. Irren ist ja nicht nur menschlich, sondern notwendig. Niemand macht immer alles richtig – das zu erkennen, bewahrt einen davor, in Herrlichkeit zu scheitern.

Überwiegen bei Ihnen denn richtige oder falsche Entscheidungen?

Ich hoffe doch, ersteres. Sonst würde ich mich hier nicht mit Ihnen in der Sächsischen Vertretung in Berlin über die letzte Folge Stubbe nach 30 Jahren unterhalten.

Können Sie sich noch an Stubbes ersten Satz erinnern, den er 1995 nach seinem Umzug in Hamburg sagte?

Hmmm. „Der Himmel ist der gleiche Himmel“?

Fast. Auf die Frage seiner Frau, was Stubbe denn noch in Dresden wolle, sagt er: „Ruhe, zuallererst Ruhe“. War das im Grunde genommen die Essenz von dem, was Ihre Figur mittlerweile 54 Filme kennzeichnen würde?

Vermutlich schon und jetzt erst recht. Ich dachte häufiger, wenn wir wieder mal aktuelle gesellschaftspolitische Themen wie Rechtsradikalismus oder familiäre Gewalt in der Serie verarbeitet haben, das reicht jetzt aber auch mal. Später, als ich angefangen habe, Dokumentarfilme zu machen, habe ich dann ja wieder über den Tellerrand der Unterhaltung geblickt und wertvolle Erkenntnisse gewonnen.

Welche zum Beispiel?

Mein Stumph-Sinn ist hat doch eine gesamtdeutsche Sicht in meiner Arbeit. Als ich vor drei Jahren die fünfteilige Dokumentarreihe ZusammenHalten für den MDR gedreht hatte, bin ich deshalb persönlich zum NDR gegangen und habe dort gefragt, warum sie denn am 3. Oktober nicht auch dort laufen könnte.

Und?

Hat funktioniert! Das hat mir Freude gemacht. Positiv zu provozieren, gegen den Mainstream zu schwimmen.

Bisschen dickköpfig zu sein…

Ja, ich bin schon ein bisschen unbequem. Nur wer aneckt bringt etwas in Bewegung.

Als wir vor 18 Jahren über den Film Heimweh nach drüben geredet haben, meinten Sie, eine Klette zu sein und penetrant treu. Woran kleben Sie heute?

An meiner Moral und Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Der Regisseur Peter Kahane zum Beispiel, mit dem ich 2006 „Eine Liebe in Königsberg“ gedreht habe und über 35 Stubbe. Wir arbeiten zwar längst nicht mehr zusammen, haben aber noch immer regelmäßig Kontakt. Das Gleiche gilt für Achim Wolff, lange Zeit mein Partner im „Salto Postale“, oder viele Kollegen aus der aktiven Kabarettzeit. Dabei ist nicht wichtig, wie man beruflich voneinander profitiert. Man wird mich so leicht nicht los.

Gilt das auch fürs Fernsehen oder tritt Wolfgang Stumph gemeinsam mit Wilfried Stubbe von der Bühne?

Nee, ich freue mich zum Beispiel schon jetzt auf die nächste Spielzeit in der Semperoper, wo ich in der kommenden Spielzeit zum 120. Mal den Gefängniswerter Frosch in der „Fledermaus“ spielen darf.

Können Sie sich auch noch eine neue Krimi-Reihe vorstellen?

Das nicht. Vielleicht gibt es noch ein paar für mich wichtige Rollen. Gern ernste Themen mit Humor, die Treuhandaffäre als Komödie zum Beispiel oder das Wärmepumpen-Drama. Uns den Spiegel vorzuhalten, macht mir halt immer noch großen Spaß. Ich habe bestimmt noch einiges mitzuteilen.

Klingt eher nach Unruhestand als Ruhestand.

Genau. Wobei ich mich schon etwas zurücknehmen werde. Ich will zum Beispiel nicht mehr wie früher Co-Produzent meiner eigenen Filme sein, sondern einfach nur meinen Beruf ausüben, meinen persönlichen Anteil für einen Film leisten, ins Glied eines Ensembles zurücktreten. Familie genießen.

Das zweieinhalbjährige Kind ihrer Kollegin und Tochter Stephanie.

Das werde ich mit großer Freude und Verantwortung genießen, aber bestimmt noch nicht aufhören zu arbeiten. Wer rastet der rostet.


Kranke Wahl & KRANK Berlin

Die Gebrauchtwoche

17. – 23. Februar

Die AfD hat gestern, fear fact, zwar zwei Prozent weniger, aber 43 Sitze mehr erzielt als ihre Ahnen der NSDAP, als sie am 13. September 1931 letztmals nur zweitstärkste Reichstagspartei geworden war. Die einzigen Gewinner der Bundestagswahl sind da abseits der ganz Linken und ganz Rechten zwei Überraschungssieger: Die Demoskopie, die das amtliche Endergebnis analog zur 18-Uhr-Prognose mit gespenstischer Präzision vorhergesagt hatte. Und der sachorientierte Journalismus, mit dem ARD und ZDF Goebbels Wiedergänger behandeln.

Selbst in der Elefantenrunde, dank offener Mehrheitsverhältnisse auf absurde acht Parteien angeschwollen, sind Bettina Schausten und Oliver Köhr entwaffnend nüchtern mit Alice Weidel umgegangen. Der publizistischen Objektivitätspflicht haben auch Markus Preiss im Ersten und Shakuntala Banerjee im Zweiten damit zwar einen Dienst erwiesen. Weil die Normalisierung rechtsextremer Kräfte in Gesellschaft, Medien, Politik zur Abschaffung der pluralistischen Demokratie führen könnte, war es allerdings ein Bärendienst.

Nach gefühlt 239 millionenfach eingeschalteten Duellen und Quadrellen, Kreuzverhören und Fragerunden – zuletzt mit Olaf Scholz und Friedrich Merz bei den Springer-Propagandisten Marion Horn und Philipp Burgard – ohne Thematisierung relevanter Themen abseits von Migration, Militär und Wirtschaft, gibt es demnach zwei Fernsehwahlkampferkenntnisse: Privatsender sollten die Finger von lassen. Und nächstes Mal vielleicht doch auch mal jemandem unter 40, sagen wir Rezo, damit beauftragen.

Was ansonsten noch haftenbleibt von dieser epochalen Wahlkampfperiode mit Urnenschock? Jan Böhmermanns fatalistisch-heitere Replik auf Elon Musks Einmischung in der digitalen New York Times. Und vielleicht noch, dass ProSiebenSat1 bereits fleißig am eigenen Grab schaufelt und kurz vor der Wahl massive Stellenstreichungen verkündet hat, weil man auch in Unterföhring künftig lieber auf Social Media als Redaktionen setzt.

Die Frischwoche

24. Februar – 2. März

Manchmal könnte man meinen, unsere Medien sind mindestens so KRANK wie die Notaufnahme der gleichnamigen Neuköllner Klinik, in der AppleTV+ Mittwoch Fernsehgeschichte schreibt. Unter der Regie von Alex Schaad und Fabian Möhrke ersteht aus den Trümmern des deutschen Gesundheitssystems nämlich ein Emergency Room auf, der acht Teile auf derart plausible Art unterhaltsam und umgekehrt ist, dass es bei allem Entertainment noch mehr schmerzt als die Dresche einer großartigen Dramaserie bei Disney+.

A Thousand Blows schildert zwölf Teile lang Boxerinnen im London der 1880er Jahre und schafft damit ein antipatriarchales Action-Format, das alle Aufmerksamkeit verdient. Deutlich mehr jedenfalls als die Blockbuster der Woche. Allen voran die Prunksitzungen des anbrechenden Karnevals, den das ZDF am Donnerstag zur besten Sendezeit aus Köln überträgt und die ARD 24 Stunden später aus Mainz. Was allerdings alles nicht halb so jeck ist wie die neue Staffel Big Brother.

Vor 25 Jahren bei RTL2 gestartet und anfangs ein Quotengarant, interessieren sich ab heute allerdings nicht mal besoffene Faschingsfans fürs Gossen-TV von Sat1. Ob für Amazon Prime etwas anderes gilt, bleibt abzuwarten. Donnerstag startet dort die wuchtige Bibel-Fiktion House of David über den israelitischen Religionsgründer, während der unvermeidliche Gamer Knossi tags drauf an gleicher Stelle zur Mission Unknown bittet – eine Art Dschungelcamp auf dem Atlantic.

Parallel startet bei Paramount+ das RomComRoadMovie Drive Me Crazy, während Arte tags zuvor Philippe Faucons vierteiliges Empowerment-Drama Nismet über eine junge Frau (Emma Boulanour) im Kampf mit dem Patriarchat zeigt. Und als sachliches Schmankerl macht die ARD-Mediathek Fans gesundheitsfördernder Drogennutzung mit der Doku Magic Mushrooms gegen Depressionen Mut.


Tocotronic: Arne Zank & Dirk v. Lowtzow

Vorfreude aufs Rentendasein

Ob Tocotronic (Foto: Noel Richter) wollen oder nicht: Mit 14 Platten in 30 Jahren zählen sie zum Kanon der deutschsprachigen Popkultur wie Grönemeyer, Rammstein, Herr Lehmann. Vielleicht klingt ihr neues Album Golden Years deshalb so nostalgisch. Ein falscher Eindruck, meinen Sänger Dirk von Lowtzow und Drummer Arne Zank. Bestenfalls nach vorauseilender Wehmut dreier Mittfünziger auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft.

Von Jan Freitag

Der Titel eurer neuen Platte „Golden Years“ klingt irgendwie nostalgischer als man es von Tocotronic erwartet hätte. Habt Ihr Heimweh nach früher?

Dirk: Ich würde ihn eher als offenes System bezeichnen, das man sarkastisch aufs Gestern gerichtet deuten darf, apokalyptisch auf die leuchtenden Brände von L.A. grad oder des Golden Age, das Donald Trump ausgerufen hat. Es funktioniert aber auch als Hoffnungsschimmer einer Momentaufnahme absolut reiner Gegenwart, die der Protagonist im Titelstück als etwas ansieht, das vielleicht nicht mehr besser wird. Ich würde es daher als vorauseilende Wehmut bezeichnen, aber nicht als Nostalgie.

Arne: Weil man den Titel im Englischen auch mit „Ruhestand“ übersetzen kann, verstehe ich ihn auch als Sehnsucht nach vorne, als Vorfreude aufs Rentendasein.

Dirk: Ach! (lacht)

Das habt ihr mit Anfang 50 schon im Hinterkopf?

Arne: Mit etwas Humor schon. Der hat übrigens auch mit unserem ersten Label L’Age D’Or zu in Hamburg tun hat, das ständig mit dem Gold-Begriff gespielt hat.

Dirk: Gold ist ja auch immer ein bisschen tacky, wie man heute sagt, ein billiger Glanz, nicht ganz echt. Aber wie auch immer: alle dürfen den Titel deuten, wie sie wollen. Das Schöne am Pop ist ja, dass die Kommunikation beim Hören entsteht. Aber wenn du uns fragst, war Nostalgie definitiv nicht der erste Impuls.

Wobei man nach 14 Platten in 30 Jahren durchaus nostalgisch zurückblicken darf, oder?

Dirk: Klar, aber unsere Entwicklung ging innerhalb eines fortlaufenden Prozesses relativ geradlinig von Punkt zu Punkt bis heute. Genau aus diesem Grund waren wir stets eine Album-Band, die mit sich, der Welt und den Zeitläuften in Dialog treten. Unser Ansinnen war immer, in dem Sinne großzügig zu sein, viel von uns persönlich mitzuteilen.

Arne: Geradezu geschwätzig sogar.

Dirk: Heute würde man es wohl „oversharing“ nennen, wie wir uns als Personen und Band mitgeteilt haben. Tocotronic war immer öffentlich Tagebuch führen.

Aber waren die Ich-Botschaften wirklich Veräußerungen eures Innersten oder nicht doch einfach Kunstgriffe, von sich zu singen, aber alles zu meinen?

Dirk: Natürlich, denn es waren am Ende ja Songtexte, keine Tagebücher, also objektive Tatbestände mit der Möglichkeit, sie subjektiv zu deuten. Dennoch waren gerade die frühen Platten stark von unserem echten Leben geprägt. Liebe, Freundschaft, Jugend…

Arne: Oder die ständige Erklärung, warum wir überhaupt eine Band geworden sind.

In einer Zeit, die verglichen mit unserer Dauerkatastrophe als sorgloses Jahrzehnt gilt, der Francis Fukuyama das Label Ende der Geschichte verpasst hatte. Konnte man darin lockerer aus dem Bauch denken, während die Gegenwart verkopfter ist?

Arne: Ich finde ja, wir waren schon mal verkopfter als heute, haben mittlerweile aber zur Unmittelbarkeit zurückgefunden, einem direkteren Ausdruck in der Sprache wie früher.

Dirk: Und ich habe aber auch die Neunziger nie als so unbeschwert empfunden, dass alles aus dem Bauch heraus war. Wir hatten halt andere Interessen und wollten den Alltag darstellungsrealistischer aufsaugen. Von 1999 bis Mitte der Zehner ungefähr war unser Songwriting zwar stärker von Theorien als Praxis geprägt, hat aber immer noch unseren Alltag verdaut. Damals war uns Theorie zum Verständnis der Verhältnisse halt wichtiger. Danach sind die Songs dann wieder ins Autofiktionale gerutscht. Da ist dieses Album eine Mischform all unserer Epochen.

Arne: Wenn ich an die Neunziger zurückdenke, kommt mir weniger Hedonismus in den Sinn als die Baseballschlägerjahre, die Nationalisierung der Popkultur, die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, dieses ganze Das-Boot-ist-voll-Rhetorik. Politisch war da vieles grauslich und persönlich verklemmt, vergrübelt. Soziologisch kann man der Zeit vielleicht Sorglosigkeit attestieren, aber jetzt hier im Rückblick fällt mir das schwer.

Dirk: Ich empfinde uns bisweilen heute sogar als freigeistiger. Wenn man wie wir so Ende der Achtziger in den Indie-Hardcore-Punk hinein sozialisiert wurde, gab viele extrem einengende Regeln, Gebräuche, Codices bis hin zur Frage, ob man auf Major-Labels publizieren dürfe.

Arne: Ich persönlich habe das gar nicht als einengend empfunden. Weil politische Korrektheit oder wie sie heute heißt: Wokeness meist einen ernsten Hintergrund hat, nähern wir uns beidem sprachlich und stilistisch halt seit jeher spielerisch, also weder explizit politisch noch unpolitisch.

Auf der neuen Platte klingt immerhin ein Lied explizit politisch: Denn sie wissen, was sie tun, was nach einer direkten Ansprach an AfD und Identitäre klingt.

Dirk: Es geht eher um die Hegemonie der Niedertracht zur Durchsetzung politischer und persönlicher Zwecke. Dass diese Hegemonie hauptsächlich von rechtspopulistischen oder -extremen Politker*innen und ihrer gewaltbereiten Gefolgschaft betrieben wird, liegt auf der Hand. Aber unsere Lieder sind eher biografische als politische Mikrolebensdramen. Deshalb würde ich dieses hier als Protestsong beschreiben. Ein Genre, das uns schon immer interessiert.

Arne: Besonders ihr radikales Image, die eigentlich das Gegenteil gesellschaftlicher Sichtweisen beinhaltet, sondern radikal subjektiv ist.

Dirk: Im Pop ist Politik für mich immer eher Werden als Sein. Das sieht man zum Beispiel an Bye Bye Berlin – eine Art Vogelperspektive, aus der das Berghain brennt, beeinflusst von einem amerikanischen Maler, also gar nicht explizit politisch. Durch die Kürzungsorgie des Berliner Senats und seine Austeritätspolitik ist es das aber geworden.

Spürt ihr diese Austeritätspolitik an eurer künstlerischen Arbeit in dort?

Dirk: Klar. Aber umso mehr gilt, dass die politischen Momente unserer Songs nicht gesetzt sind, sondern entstehen. Denn sie wissen, was sie tun ist demzufolge eine Beschäftigung mit Protestsongs.

Es heißt darin, ihre wollt die Rechten nicht mit Gewalt bekämpfen, sondern auf die Münder küssen. Scheitert diese Umarmungstaktik nicht gerade krachend?

Dirk: Deshalb empfehle ich den Kuss ja als Umarmung, bei der man den Geküssten die Luft zum Atmen nimmt. Der Todeskuss als Tötungsfantasie im poetischen Sinne, gewaltsames Abschwören von der Gewalt gewissermaßen. Durchaus ironisch.

Arne: Und hoffentlich ein bisschen komisch.


GNTM: 20. Geburtstag & Männerausgabe

Sexismus, Baby, Sexismus

Genau 19 Jahre nach dem Start geht Germany’s Next Topmodel (Foto: Rankin/ProSieben) am 13. Februar in die 20. Staffel. Über ein fernsehgeschichtsträchtiges Format, das bis heute polarisiert – und verstört.

Von Jan Freitag

Das sonnige Sommermärchenjahr 2006 war ein folgenschweres, und nein: es hatte wenig mit Fußball zu tun, noch weniger mit der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs und am allerwenigsten mit Plutos Degradierung zum Zwergplanet. Um gegen sexualisierte Gewalt zu protestieren, ersann die amerikanische Frauenrechtlerin Tarana Burke Mitte Oktober den Kampfbegriff #MeToo, und das ist fast 20 Sonnenumrundungen später nicht nur so beachtlich, weil sie es auf einem Netzwerk namens – Ältere erinnern sich – MySpace verbreitete. Mindestens ebenso interessant ist, welcher Fixstern der Fernsehunterhaltung ihr neun Monate zuvor in den Rücken gefallen war.

Am 26. Januar hatte Heidi Klum die Casting-Show ihrer US-Kollegin Tyra Banks importiert. Und zehn Mittwochabende lang sorgte Germany’s Next Topmodel fortan nicht für gewaltige Resonanz auf allen, damals noch meist analogen Kanälen. Ein Dreivierteljahr nach Tarana Burkes öffentlicher Anklage erbrachte ProSieben damit auch den Beweis, dass Sexisten zwar größtenteils Kerle sind, aber keinesfalls sein müssen. Denn geringschätziger als von der Bergisch-Gladbacher TV-Domina, wurden ihre Geschlechtsgenossinnen nur selten behandelt.

Ein Dutzend makelloser, teils minderjähriger Frauen, das die strenge Heidi aus 11.637 Bewerberinnen oberflächlich selektiert hatte, gab jahrzehntelang erstrittene Freiheiten bereitwillig an der Garderobe ab. Mindestens 172 (später 176) komplett körperfettfreie Zentimeter groß, strahlendweiß und wohlgefällig, setzten sich anfangs zwölf Finalistinnen bei aberwitzigen Challenges fortan der Bewertung einer Jury aus, die bis zur 14. Staffel 2019 mal abgesehen von Heidi Klum ausnahmslos aus Männern bestand. Wobei das Urteil von Bruce Darnell, Peyman Amin oder Armin Morbach oft weniger mit Modeln als Voyeurismus, Fremdscham, Quälerei zu tun hatte.

Als „Male Gaze“ berüchtigt, wurden bis heute also annähernd 500 „Mädels“, zu denen die Organisatorin ihr Frischfleisch nicht nur sprachlich degradiert, exakt dem ausgesetzt, was diverse Emanzipationsbewegungen eigentlich beendet hatten: Weiblichkeit als Ware maskuliner Gebrauchs- und Geschäftsinteressen. Bei Heidi Klum trafen die verklemmten Fünfziger ungemein rentabel auf die freizügigen Nullerjahre und griffen dem reaktionären Backlash der rechtspopulistischen Gegenwart (hoffentlich unfreiwillig) voraus. In dem bestand allerdings nicht die einzige Grundsatzkritik an GNTM.

Als die 17-jährige Lena Gehrke am 29. März 2006 vor fast fünf Millionen Zuschauern – überwiegend weiblich und schwer pubertierend – zu Heidi Klums erstem Topmodel gewählt wurde, verlor besonders das gehobene Feuilleton die Contenance. Dabei musste man gar nicht wie Roger Willemsen zum Start der 4. Staffel sinnbildlich „sechs Sorten Scheiße aus ihr herausprügeln“, um Heidis misogynes Zuchtgestüt anzuprangern. Sachlichere Tadel reichten von Sadismus, Zynismus, Rassismus über Verstöße gegen Jugend-, Arbeits-, Medienrecht bis zum „Sexismus in Reinkultur“, den die Philosophin Catherine Newmark 2015 im Deutschlandfunk beklagte.

Daran ändert ein Sinneswandel wenig, der im Weinstein-Skandal Ende 2017 einsetzte. Drei Jahre später gewann die Transperson Alex Peter zwar eine Staffel, in der weder Konfektions- noch Körpergröße normiert waren, bevor ein Jahr drauf erst die Altersgrenze, dann das Männerverbot fiel. Parallel aber haben abermillionenfach geklickte Videos von STRG-F oder Rezo Klums angebliche Läuterung mithilfe zahlreicher Kronzeuginnen früherer Ausgaben als Diversitäts-Washing entlarvt. Dazu passt, dass ein Gericht Lijana Kaggwa größtenteils Recht gab als die 22er-Finalistin von Manipulation, gar psychischer Gewalt sprach und von ProSieben wegen Bruchs der Verschwiegenheitserklärung angeklagt wurde.

Bevor am 13. Februar die 20. Staffel mit paralleler Version männlicher Models startet, hätte man von Hannes Hiller bei aller legitimen Freude übers quotenstarke Format da gern ein paar Worte sachlicher Reflexion über seine Cashcow gehört. Auf Anfrage hat der Senderchef „Selbstkritik“ allerdings mit „Selbstbetrug“ verwechselt und die Königin der „modernen Cinderella-Story“ mit „höchster Glaubwürdigkeit und Kompetenz“ bei „großer Akribie und Leidenschaft“ umschrieben. Fehlt nur noch dynastisches Denken. Nach Heidis Schwager Bill agiert diesmal schließlich Tochter Leni als Jurorin.

Ein Sozialist, wer hier Trumpismus wittert. Bleibt zu hoffen, dass beide mehr anhaben als in ihrer ebenso hüllen- wie würdelosen Dessous-Kampagne. Denn für den Erfolg tut Heidi Klum, die 1992 bei einem RTL-Casting des übergriffigen Thomas Gottschalk entdeckt wurde und hernach fürs „gebärfreudige Becken“ geschmäht, fast alles. Nur so konnte sie den Umsatz nach Forbes-Schätzungen 2020 in drei Jahren auf 34,8 Millionen Euro verdoppeln. Vor allem dank Germany’s Next Topmodel. Ein Goldesel, der den Zusatz by Heidi Klum trägt, aber von Papa Günther gemanagt wird und damit seit 20 Jahren Erfolg hat. Mehr zumindest als die Topmodels selber.

Langfristig laufen viele ja eher auf Zweitverwertungsrampen als Laufstegen, und falls sie im Casting-Beruf tätig sind, dann meist für Günther Klums Modelagentur ONEeins. Analog zu Bohlens wesensverwandten Superstars sind von Klums Topmodels eigentlich nur drei der ersten vier Staffeln erinnerlich. Nach Lena Gehrcke, Barbara Meier, Sara Nuru brechen die Wikipedia-Einträge vieler Epigoninnen zwei Jahre nach dem Sieg ab. Vielleicht hat Bruce Darnell dieses Scheitern ja geahnt, als er vor 19 Jahren „Drama, Baby, Drama!“ forderte. Um viel mehr ging es bei Germany’s Next Topmodel eigentlich nie.

Germany’s Next Topmodel, 20. Staffel, seit 13. Februar (Frauen), ab 18. Februar (Männer), ab 27. März gemeinsam, dienstags und donnerstags um 20.15 Uhr bei ProSieben


Quadrellklartexte & Families Like Ours

Die Gebrauchtwoche

10. -16. Februar

Endlich! Nachdem es hierzulande auch in der vorigen Woche wieder unzählige Opfer sinnloser Gewalt gab, greift die Politik hart durch und reguliert – nein, nicht den Autoverkehr, der auch im vorigen Jahr nahezu 3000 Tote (nicht selten durch polizeibekannte Wiederholungstäter) gefordert hatte. Stattdessen schießt sich die Gesellschaft mithilfe populistischer Medien kollektiv auf alle Menschen ein, die erkennbar andere als Biodeutsche sind und deshalb offenbar dringend tatverdächtig.

Fast ebenso befremdlich ist allerdings der umgekehrte Fall verdrehter Prioritäten. Die öffentlich-rechtlichen Quadrelle und Klartexte nämlich zeichnen sich bislang durch Saalpublikum aus, das allzu offensichtlich nach Parteipräferenzen, besser: Parteiabneigungen gecastet wurde. Auch am Donnerstag waren Studiogäste rechts der Mitte rar, während Linksliberale hör- und sichtbar waren. Besonders das ZDF hat an Michelle Obamas Bonmot, when they go low, we go high, irgendwas gehörig missverstanden. Einerseits.

Denn andererseits gewinnen reaktionäre Narrative so zügig die Oberhand über progressive, dass der angeblich „linke Mainstream“ an seiner Objektivität zu ersticken droht. Zumal auch dessen Themen auch im gestrigen Spitzengespräch bei RTL praktisch keinerlei Erwähnung fanden. Klimawandel, Gerechtigkeitslücke, Digitalisierung oder auch nur die Kinderbetreuung vorm Schuleinritt waren allenfalls Robert Habeck mal Randbemerkungen wert. Dafür haben Pinar Atalay und ihr grumpy Kollege Günther Jauch alles getan, um für Unterhaltung zu sorgen.

Multiple-Choice-Fragen à la Wer wird Millionär? zum Beispiel, was die Befragten gelegentlich an der Zurechnungsfähigkeit des Fragenden zweifeln ließ. Erkenntnisgewinn? Null! Banalisierungswert? Zehn! Oder um es mit dem SZ-Autor Andrian Kreye zum Rassismus-Vorwurf gegen Olaf Scholz wegen dessen Hofnarr-Tirade gegen den Berliner Kultur-Zerstörer Joe Chialo auszudrücken: „Eigentlich bräuchte das gesamte öffentliche Leben inzwischen eine Trigger-Warnung.“

Vor allem bräuchte es andere Medien als die der inoffiziellen AfD-Pressestelle Springer SE. Sonntag gab sie Alice Weidel wieder Wahlkampfhilfe und titelte mit deren Interview-Aussage: „Höcke kann Minister“. Fast wünscht man sich, demokratische Institutionen würden Bild und Welt ignorieren. Das wäre immerhin eine Eskalationsspirale vor Donald Trumps Verbannung der größten US-Nachrichtenagentur AP aus dem Weißen Haus, weil sie den Golf von Mexiko nicht Golf von Amerika nennt.

Die Frischwoche

17. -23. Februar

Damit zeigt sich erneut, dass die USA heute von exakt jenen Kräften regiert werden, die bei Amazon Prime noch am Rande der Gesellschaft stehen. Julian Kurzels Politthriller The Order skizziert eindrucksvoll, wie sich die Terror-Gruppe vor gut 40 Jahren von der Aryan Nation abspaltete, um einen faschistischen Führerstaat auf amerikanischem Grund zu errichten. Mit Jude Law als aufrechter Cop bietet der Film nicht nur gutes Historytainment, sondern Anschauungsmaterial, was uns seit Donald Trump demokratischem Putsch blüht.

Ach, wie schön ist da doch ein bisschen ansehnlicher Eskapismus wie die dritte Staffel White Lotus, mit der Sky ab heute sein unvergleichliches Luxusurlaubsuniversum in Thailand fortsetzt – und abermals außergewöhnliches Fernsehen liefert. Würde Netflix nicht wie so oft jegliches Pressematerial verweigern, könnte man das vielleicht auch über die Thriller-Serie Zero Day mit Robert DeNiro ab Donnerstag als was auch immer sagen. Tja…

Was sich definitiv nicht zur kleinen Weltflucht am Bildschirm eignet, ist dagegen die ARD-Serie Families Like Ours, tags drauf in der Mediathek. Weil Dänemark darin im Klimawandel versinkt, begleitet Thomas Vintergard darin eine Patchworkfamilie auf umgedrehter Fluchtroute südwärts, was der Oscar-Preisträger (Der Rausch) in seiner ersten TV-Serie wirklich grandios inszeniert. Ansonsten startet morgen das männliche Spin-Of von GNTM und parallel zur Bundestagswahl am Sonntag die 2. Staffel der Paramount-Serie 1923 – ein Format, dass wie The Order auch viel mit dem Rechtsruck der globalen Politik zu tun hat.


Wunns Claqueure & Lambys Wahlkampfhilfe

Die Gebrauchtwoche

3. – 9. Februar

Würden Wahlen etwas ändern, wären sie verboten – so lautet ein fatalistisches Bonmot staatskritischer Kräfte, das auch auf die medialen Kräfte der aktuellen Duelle und Quadrelle übertragbar ist. Würden Fragen etwas ändern, den Eindruck haben nach Andreas Wunn im Zweiten gestern auch Sandra Maischberger und Maybrit Illner im Ersten verfestigt, hätte man sie womöglich gestellt. Weil weder ARD noch ZDF, geschweige denn CDU und SPD daran interessiert sind, die wichtigen Probleme zu erörtern, fiel das Wort Klimawandel bisher kein einziges Mal.

In Worten: Null.

Weil das auch für Mietexplosion oder Verkehrswende gilt, sind die Arenen am Ende bloß PR-Shows mit AfD-Fetisch. Dazu passt, dass im ZDF-Schlagabtausch nur Tino Chrupallas Einstiegsstatement vom Saalpublikum benachbarter Unis bejubelt unterbrochen wurde, während der Schnitt eines heute-Beitrags vom CDU-Parteitag de facto Tatsachen verdreht. Wie gesittet Olaf Scholz und Friedrich Merz gestern debattiert haben, ist da ein Beleg für den Konsens aller medienpolitischen Akteure auf realitätsferne Themenauswahl.

Damit ist der deutsche Fernsehzirkus zwar noch nicht auf dem Niveau der Merz-Wahlkämpferin Bild oder Fox, wo Lara Trump künftig Schwiegerpapa Donald feiern darf, der zugleich liberale Medien wie Politico aus dem Weißen Haus wirft und durch rechtsradikale wie Breitbart ersetzt. Aber wenn 500 Kreative eine Brandmauer der demokratischen Kräfte gegen AfD und ihre Steigbügelhalter fordern, sollten einige davon dringend zuvor in den Spiegel sehen.

Um Geister zu vertreiben, die man rief, kann sonst irgendwann nur noch Buffy helfen, die 22 Jahre nach ihrem Abschied mit Sarah Michelle Gellar in der Hauptrolle zurückkehrt – sonst droht uns irgendwann endgültig das Recht des Dschungels. Apropos: Gestern ging IBES mit routinierter Ödnis zu Ende, hat RTL aber nochmals Topquoten beschwert, die der Superbowl anschließend geschreddert von gefühlt 274 Werbespots nochmals toppte.

Die Frischwoche

10. -16. Februar

Von solch einem Zuspruch darf das Quadrell am Sonntag schon angesichts des zahmen Moderationsduos Günther Jauch und Pina Atalay wohl ebenso nur träumen wie davon, dass Faktenchecks endlich während der Ausstrahlung anstatt hinterher erfolgen. So kann Alice Weidel auch Donnerstag beim ZDF-Klartext die Zahl jüdischer AfD-Mitglieder gewiss unwidersprochen auf 1000 beziffern, obwohl es keine zwei Dutzend sind, oder die Lüge verbreiten, regenerative Energie würde als einzige subventioniert.

Bleibt als seriöse Entscheidungshilfe eigentlich nur noch Stephan Lambys gewohnt grandios recherchierte Dokumentation Die Vertrauensfrage über die Wahlkämpfe aller großen Parteien, Montagabend zur besten Sendezeit im Ersten. Oder man lenkt sich einfach ein bisschen ab vom Weltgeschehen. Mit der True Story of Rihanna zum Beispiel, ab Dienstag in der ZDF-Mediathek, die natürlich alles außer der Wahrheit liefert, aber sehr kurzweilig ist.

Außerdem feiert ProSieben ab Donnerstag die 20. Staffel Germany’s Next Topmodel, bevor der frühere Kanzlerduell-Moderator Stefan Raab tags drauf bei seiner Chefsache ESC als King of Kotelett firmiert. Fiktional dagegen hat die Woche eher wenig zu bieten. Parallel zur Entwicklungshilfe für den NDR startet Paramount+ die 3. Staffel der immer noch fesselnden Robinsonade Yellowjackets.

Am Samstag dann startet das ZDF sein amüsantes Online-Experiment, aus dem abgedroschenen Zombie-Genre einen Endkampf der englischen Generation Z gegen untote Boomer zu machen. Und zeitgleich verabschieden wir uns nach 920 Einsätzen in 382 Jahren von Stubbe, der tatsächlich und abschließend in Rente geht. Genieß ihn bitte, Wolfgang Stumph.


The Vices, Alex Wilcox, Arliston

The Vices

Wenn Männergruppen der 2020er aussehen wie Boygroups der 1990er, ist immer Obacht geboten: Ist das nur ein billiger Abguss hedonistischer Säuseligkeit am Ende der Geschichte, den Optimisten vor 30 Jahren mal proklamiert hatten? Im Fall der niederländischen Männergruppenboyband The Vice wird die Antwort zweigespalten. Einerseits sehen sie aus wie Ein-Euro-Shop-Versionen von Oasis, stellen deren Britpop aber ins Regel zeitgenössischer Designshops.

Ihr drittes Album Before It Might Be Gone klingt zwar manchmal leicht nostalgisch nach den Feel-Good-Oberflächen irgendwie ja unbestreitbar besserer Zeiten. Aber wenn sie fuzzige Offbeat-Riffs mit schrillen Grungebeats zerdeppern und engelsgleich Guess We’re All the Same singen, kriegt der Retrofuturismus irgendwie Substanz zwischen Beach Boys und Fountaines. Man kann das gut weghören. Wie damals. Auch mal schön.

The Vices – Before It Might Be Gone (V2 Records)

Alex Wilcox

Mindestens ebenso retrofuturistisch, ohne den allergeringsten Hauch öliger Nostalgie zu versprühen, ist und bleibt der amerikanische Exilberliner Alex Wilcox auf seiner neuen Platte Take Me to Lake Ta Ta. Wie deren aberwitziger Titel andeutet, mixt er technoiden House darin mit einer Dröhnung Punk der frühen Nuller, als hätte Fat Boy Slim mit den Chemical Brothers in einer Wanne Pep gebadet.

Das Tempo der sechs entfesselten Tracks überholt sich permanent selbst, wenn er Gaga-Lyrics unter fast schon gabberigen Big Beat mischt, bis die Sequencer glühen. Funky Dubstep gewissermaßen, den man sich besser nicht zuhause auf dem Sofa anhört. Davor allerdings macht diese Überdosis beats per minute Druck auf dem Dancefloor, der jeder Nacht den Trott gleichförmiger Tage aus den Poren quetscht.

Alex Wilcox – Take Me to Lake Ta Ta (Ufo Inc)

Arliston

Und damit man am Ende so einer Nacht auch wieder zu Kräften kommt, wären mehr Alben wie jenes von Arliston angebracht. Vom Instrumentarium her ist das britische Duo gar nicht so weit von Alex Wilcox entfernt. Was Sänger Jack Ratcliffe und sein Producer George Hasbury aus ihrer digital-analogen Paartherapie machen, bringt auf der ganzen Platte jedoch nicht mal die Beats eines halben Wilcox-Songs zusammen.

Disappointment Machine ist schließlich eher Kammerspiel-Electronica mit getupfter Gitarre und gesampeltem Piano, verwehenden Lyrics und einer Aura, die das Studio im Wald errichtet und sich darin verliert. Eher Singer/Songwriting also, aber mit pfiffiger Ironie voller Autotune im Celloregen. Nichts davon ist für die Ewigkeit, aber den Moment kann man damit wundervoll genießen.

Arliston – Disappointment Machine (Sob Story Records)


Prime Target/Finder: Mathe & Action

Verkopfter Actionheld

In der Apple-Serie Prime Target (Foto: AppleTV) wird dröge Mathematik zur Actionfigur. Das ist auch deshalb amüsant, weil die Macken fiktionaler Genies nicht nur originell sind. Sie haben auch den sympathischen Nebeneffekt, das Selbstwertgefühl ihres Publikums ein kleines bisschen aufzuwerten.

Von Jan Freitag

Das Actionkino liebt Archetypen. Agile Schmerzensmänner wie John McLane, virile Geheimagenten wie 007, introvertierte Zombiejäger wie Daryl Dixon oder smarte Haudegen wie Indiana Jones. Für Edward Brooks ist da eigentlich kein Platz im Blutschweißundpatronen-Fach. Dabei hat er ein singuläres Talent: Der Mathematiker erkennt Muster, wo andere Chaos sehen. Seine Waffen sind weder Fäuste noch Pistolen, sondern sein Verstand. Und Primzahlen, Endgegner zahlloser Gymnasiasten, nur durch 1 oder sich selbst teilbar und darum, tja – was eigentlich?

Für Normalbegabte hat Eds Fachgebiet in etwa die Relevanz sumerischer Keilschrifttraktate. Der Cambridge-Student hingegen versucht Tag und Nacht, Struktur ins algebraische Durcheinander zu bringen. Klingt arg trocken für eine Thrillerserie? Nicht, wenn Autor Steve Thompson ihr den Titel Prime Target gibt. Weil der sich sowohl mit „primäres Angriffsziel“ als auch „Forschungsobjekt Primzahl“ übersetzten ließe, tröpfelt er akademische Theorie in die physische Praxis explosiver Action.

Ein klischeeanfälliges Genre, das auch bei Apple mit Stereotypen wuchert. Zu Beginn nämlich erschüttert ein Terroranschlag Bagdad, bevor drei Schnitte weiter acht Ruderer 5000 Kilometer nordwestlich vor idyllischer College-Kulisse das tun, was man mit Cambridge halt assoziiert. Im Osten Chaos, im Westen Kultur: Brady Hooks Achtteiler scheint früh für eurozentristische Ordnung zu sorgen – würde sich die Explosion im Irak nicht als Unfall erweisen, der etwas zutage fördert, dem das Elite-College Teile ihrer Geschichte verdankt.

Denn unterm Bombenkrater tritt das sagenhafte Haus der Weisheit zutage. Ein Ort mittelalterlicher Gelehrigkeit, der die Cambridge-Ikone Isaac Newton widerlegen könnte. Womit genau, gehört wohl eher ins Wissensressort als das Feuilleton. Nur so viel: es hat mit Primzahlen zu tun, für die sich der Cambridge-Neuling Ed (Leo Woodall) so interessiert. Und wie wir seit Dan Browns Da Vinci Code wissen, sind Altertumsfunde in Blockbustern meist Symbole globaler Verschwörungen mit Thriller-Potenzial.

Wer das Prime Target dechiffriert, kann folglich jedes Computernetzwerk kapern. Um dieses Zerstörungspotenzial im Keim zu ersticken, überwacht ein US-Geheimdienst weltweit Primzahlen-Forscher. „Mathe-Nerds“, erklärt die NSA-Agentin Taylah (Quintessa Swindell) den Aufwand, „sind vermutlich die gefährlichsten Leute des Planeten“. Also auch Ed, dessen Professor (David Morrissey) wie seine Frau (Sidse Babett Knudsen) ebenfalls unter Beobachtung steht. Und damit zurück ins Action-Fach.

Als Prof. Mallinders Student das Prime-Rätsel zu lösen droht, gehen Wissenschaft und Staat, die dubiose Spionageorganisation NSA und eine noch dubiosere namens Kaplar aufeinander los. Es gibt Verfolgungsjageden durch schicke Kulissen, Schießereien seltsam unpräziser Scharfschützen und konspirative Treffen im Kirchenschiff. Niemand traut niemandem, alle sind verdächtig, und mittendrin ein Zahlenfresser, den die zähe Taylah erst belauert, aber bald durch den Schlamassel lotst. Damit kombiniert Prime Target achtmal 45 Minuten zwei strikt getrennte Sujets.

Normalerweise haben brillante Geistesmenschen nicht die Vitalität physischer Thriller-Helden. Deshalb tut Apple gut daran, die unfreiwillige Action-Figur unheroisch auszustatten. Ed ist nicht nur leicht linkisch und soziophob. Er trägt hässliche Strickjacken, kritzelt ständig Notizblöcke voll und erklärt sein Büro ohne Computer damit, „die sind mir zu langsam“. Was zwei Nebenaspekte der Serie grundiert. Einerseits stellt sein selbstreferenzieller Wissensdrang auf derart vermintem Feld moralische Fragen danach, ob Erkenntnisgewinn per se erstrebenswert ist oder gegebenenfalls – Stichwort Kernspaltung – gefährlich.

Andererseits ziehen uns Macken Höchstbegabter, etwa der schizophrene Spieltheoretiker John Nash in Beautiful Mind aus dem Tal der Minderwertigkeitsgefühle. So ganz bei Trost sind die Klügsten der Klugen fiktional ja selten. Umgänglich schon gar nicht. Vom paranoiden Mathematiker im Experimentaldrama Pi über sozial verkrüppelte Kombinationsvirtuosen wie Sherlock und Good Will Hunting bis zum depressiven Hacker Mr. Robot: Intellektuell mögen uns Film- und Seriengenies elfenbeinturmhoch überragen; menschlich will man mit keinem davon tauschen. Das sorgt für Nähe und Distanz, Missgunst und Mitleid. Gegensatzpaare, die auch Prime Target trotz aller Klischees auf buchstäblich schlaue Art unterhaltsam machen.

Prime Target, 8×45 Minuten, Mittwoch mit einer Doppelfolge bei AppleTV+, danach jeden Mittwoch


DeepSeek & NearFuture

Die Gebrauchtwoche

27. Januar – 2. Februar

Ganz egal, ob die in Teilen rechtsextreme AfD unter der Kuppel des in Teilen bundespolitisch genutzten Reichstags mit der in Teilen reaktionären CDU/CSU fürs sprachlich in Teilen völkische Zustrombegrenzungsgesetz zur in Teilen fremdenfeindlichen Säuberung des in Teilen arischen Landes verhilft: RTL, wo ein saftiger Skandal letztlich noch immer ein bisschen wichtiger ist als die Demokratie, will das Kanzler-Duell zum Vierer-Disput mit Alice Weidel ausbauen.

Damit sinkt der Kölner Senderkeller ins dritte Untergeschoss einer in Teilen boulevardesken Bild-Zeitung, die vorigen Mittwoch und Freitag alles auf den Fall bröckelnder Brandmauern setzte, indem sie Friedrich Merz bedingungslos für seine AfD-Wahlkampfhilfe unterstützte. Kurze Frage dazu an die KI DeepSeek: Wird der CDU-Kanzlerkandidat „definitiv niemals mit der AfD koalieren“? Antwort: „The server is busy. Please try again later“. Dann was leichteres: Ist Bild eine völkische Zeitung?

Dem entgegnet der chinesische Chatbot, „die Grenze zwischen populistischer Sensationsberichterstattung und völkischem Gedankengut ist fließend, weshalb die Debatte über ihre Rolle in der Gesellschaft weiterhin kontrovers geführt wird“. Was vermutlich auch fürs „Massaker am Tian’anmen-Platz vom 4. Juni 1989“ gilt. Aber da ist dann leider, leider der Server wieder überlastet. Der hat aber auch echt viel zu tun… Denn dass CNN-Urgestein Jim Acosta gekündigt hat, weil er nicht noch mal vier Jahre mit Donald Trump streiten will, hat DeepSeek ebenfalls noch nicht mitbekommen.

Zu Pressekonferenzen lädt sich der US-Präsident allerdings künftig tollen Ersatz ins Weiße Haus: Erstmals erhalten Podcaster, Youtuber, Influencer Akkreditierungen, was zwar grundsätzlich ihrer wachsenden Bedeutung entspricht, aber – na ja: Trump eben, den man sich nirgendwo sehnlicher wünscht als im Dschungelcamp, das RTL vorigen Donnerstag allen Ernstes parallel zum Euroleague-Spiel von Eintracht Frankfurt bei AS Rom übertragen hat.

Die Frischwoche

3. – 9. Februar

Sportlich wird es ohnehin auch in dieser Woche, wenn ARD und ZDF ab Dienstag jedes Rennen der alpinen Ski-WM übertragen. Dazu passen so ein ganz klein wenig Die Åre Morde, ab Donnerstag bei Netflix – schwedisches Neo Noir um eine suspendierte Polizistin auf Mörder-Jagd im Wintersportresort. Ohne Schnee kommt dagegen die Serienversion von Ian Rankins Krimi-Bestseller Rebus um einen schottischen Cop mit Motivationsstörung, ab Donnerstag bei Magenta TV, aus.

Nach realem Vorbild ermittelt Nina Kunzendorf tags drauf vier Teile lang in der ZDF-Serie Spuren, die sie als Kriminalrätin Barbara Kramer in der baden-württembergischen Provinz verfolgt, wo zwei Frauenmorde miteinander verbunden sind und abermals belegen: Nina Kunzendorf würde man vermutlich auch beim Schafe-Hüten gerne zusehen. Ob das Gleiche für Serie Máxima gilt, ein sechsteiliges Biopic (Dienstag, 21.45, Neo) über die holländische Prinzessin an der Seite von König Willem? Na, ja…

Was indes unbedingt empfehlenswert wäre, ist parallel dazu die Near-Future-Dystopie Cassandra. Ab Donnerstag zieht ein Ehepaar aus Hamburg mit Kind und Kegel in ein Smart Home der Siebzigerjahre. Als dessen KI in Gestalt eines vernetzten Haushaltsroboters (Lavinia Wilson) zum Leben erwacht, beginnt ein Sechsteiler, der zwar durchaus Fragen nach Fortschritts- und Technologiegläubigkeit stellt. Er legt allerdings spürbar mehr Wert auf Thriller-Elemente als Ethik-Debatten.

Macht aber nichts. Denn wie Showrunner Benjamin Gutsche beides ausbalanciert, ist für deutsche SciFi-Verhältnisse ausgesprochen pfiffig. Pfiffiger vermutlich als Freshtorges Reality-Persiflage Einsame Herzen, tags drauf in der ZDF-Mediathek. Mit ebenso vielen Klischees spielen zwei US-Formate: Bereits heute startet das zehnteilige FBI-Anime Common Side Effects um durchgeknallte Agenten bei Warner. Und ab Donnerstag struggelt ein Waschstraßen-Besitzer aus dem reaktionären Alabama in der Prime-Serie Clean Slate damit, dass sein Sohn als Trans-Person zurückkehrt.