Peter Kurth: Herbert & Totenfrau

Wir Mecklenburger reden ja nicht viel

Seit seinem Durchbruch als Preisboxer Herbert vor gerade mal zehn Jahren ist Peter Kurth (Foto: Netflix) der spätberufene Film- und Fernsehschauspieler Deutschlands Subkultur-Stoiker schlechthin. Ein Gespräch über rote Fäden, Markenbildung, stille Kämmerlein und seinen Gangster in Staffel 2 der Netflix-Groteske Totenfrau.

Interview: Jan Freitag

freitagsmedien: Herr Kurth, gibt es etwas, das Ihre Rollen miteinander verbindet, eine Art roter Faden?

Peter Kurth: Auf jeden Fall: Ich selbst. Trotz des Versuchs, mit jeder Rolle in andere Gedankenwelten unterschiedlicher Situationen vorzudringen, bleibt es am Ende ja meine Person, die ihn unternimmt. Als junger Mensch wollte ich so weit weg wie möglich von mir agieren, habe im Lauf der Zeit aber gelernt, dass die Zuschauer Kontinuität schätzen. Je weiter ich mich von mir als Darsteller wegbewege, desto eher haben sie das Gefühl, der spielt mir nur was vor.

Und das ginge zu Lasten der Glaubwürdigkeit?

Tendenziell ja. Dieses Austarieren von Nähe und Distanz bildet einen Wesenskern meines Berufes. Der rote Faden sind deshalb meine Erfahrungen, meine Geschichte, mein Gesicht. Was haben Sie denn für einen entdeckt?

Eine Art Stoizismus. Auch Ihr Gangster Badal Sarkissian hat sechs Folgen Totenfrau nicht nur nahezu den gleichen Gesichtsausdruck und Tonfall, sondern unverwüstlichen Gleichmut. Ist das nur seine Mentalität oder ein bisschen auch Ihre?

Wir Mecklenburger reden ja nicht so viel, und schon gar nicht zu viel. Unsere Mentalität besteht darin, so wenig wie möglich zu zeigen und dennoch genug auszusagen. Diese Form der Ausdrucksmöglichkeit suche ich auch für meine Figuren. Sarkissian ist da das beste Beispiel: seine Auftritte sind durchgehend sehr prononciert, nutzen aber nur das Nötigste an Worten. Das ist auch Ergebnis einer eigenen Suche, auf die ich zusehends bewusst gehe. Trotzdem ist jede Rolle dabei grundsätzlich neu.

Folgt diese Suche auch einer Form von Markenbildung, dass die Leute wissen, woran sie mit Ihnen sind?

(überlegt lange) Natürlich freut man sich über einen Wiedererkennungswert. Noch mehr aber will ich meine Rollen ausloten und füllen. Es geht um die Geschichte, nicht um mich. Und dabei versuche ich trotz Wiedererkennbarkeit meine Bandbreite zu vergrößern, um nicht nur Bösewichte oder Kriminalisten zu spielen, sondern relative normale Menschen mit relativ normalen Existenzen.

Sind letztere am Ende sogar spannender als exaltierte, extreme Persönlichkeiten?

Scheinbar schon. Fehlende Konturen zu spielen ist nicht ohne. Aber auch exponierte Persönlichkeiten wie Sarkissian erfordern es für mich beim Spielen, den Zuschauern die Möglichkeit zu geben, hinter seine Fassade zu blicken, seine Ängste offenzulegen, seine Motive, seine Geschichte.

Dringen Sie dabei tiefer als das Drehbuch? Sind sie ein recherchierender Schauspieler, der seine Figuren bis ins kleinste Detail begreifen will, um sie begreiflich zu machen?

Das bin ich.

Nehmen Sie Ihre Rollen nach Drehschluss dann mit nach Hause oder legen Sie sie an der Garderobe ab?

Garderobe, ganz klar.

Selbst einen Charakter wie den abgewirtschafteten Preisboxer „Herbert“, der Sie vor zehn Jahren sicher mit Haut und Haaren einvernommen hat?

Da war es in der Tat schwierig – schon, weil ich mich für ihn auch körperlich stark verändern musste. Aber selbst da war es mir wichtig, mein privates Umfeld damit in Ruhe zu lassen und sich gegebenenfalls zu separieren und irgendwann klar zu sagen, der bleibt jetzt draußen. Was erzählt mir denn sonst meine Frau, wenn Sie nicht mich, sondern Herbert im Haus hat (lacht).

Ist das immer gleich leicht?

Schön wär’s… Beim zweiten Polizeiruf zum Beispiel, als es um die Tötung eines Mädchens ging, muss man als jemand wie ich, der nicht nur Vater, sondern Großvater ist, völlig klar im Kopf werden, um das abzustreifen.

Das Team vom ARD-Dreiteiler NSU-Komplex hat sich Tag für Tag nach Drehschluss angeblich zusammen ans Lagerfeuer gestellt und „Nazis raus“ gebrüllt…

Den einen helfen archaische Methoden, um Druck abzulassen, andere regeln das im stillen Kämmerlein. Da hat jeder seine Mechanismen.

Und Sie, als Mecklenburger Sturkopp?

Allein schon, um dieses Klischee zu bedienen: Eher stilles Kämmerlein. Zum Glück ist meine Frau aber nicht nur Partnerin, sondern auch meine Kollegin, die immer für einen Austausch zur Verfügung steht.

Susanne Böwe ist interessanterweise schon viel länger im Fernsehgeschäft, während Sie ein Spätberufener sind. Wie kam es dazu, erst mit Anfang 40, dann aber ohne Unterlass Filme zu machen?

Ich hatte 1988 gerade ein festes Engagement in Karl-Marx-Stadt angenommen, und als daraus Chemnitz wurde, wollte ich in dieser völlig neuen Zeit erst noch ganz neue Ausdrucksformen auf der Bühne finden. Das hat mich damals voll eingenommen, aber auch aus mir gemacht, was heute den roten Faden von vorhin bildet. Als mein „Liliom“ Anfang der Nuller am Hamburger Thalia große Aufmerksamkeit gefunden hatte, kamen dann aber nach langer Zeit plötzlich wieder Filmleute ans Theater, um Schauspieler zu finden.

Das war zuvor anders?

Seit den Siebzigern, als Regisseure den Bühnensound vom Bildschirm verbannt haben – was ich seinerzeit gut fand. Im neuen Jahrtausend herrschte aber auch am Theater ein Tonfall, der sich für Film und Fernsehen eignet, wo wieder mehr traditionelles Schauspielhandwerk gesucht wurde.

Auf der Bühne stehen Sie seither aber kaum noch, oder?

Selten. Ich wollte mich wirklich ganz bewusst aufs Filmen konzentrieren.

Gibt es bei dieser Konzentration noch Genres oder Figuren, die sie nie oder zu selten verkörpern?

Nein, bei mir ist nie das Genre oder meine Rolle darin vordringlich. So rot auch mein Faden ist, versuche ich mich als Person immer auch ein bisschen zurückzunehmen. Das bestimmt dann doch die Regel die Ausnahme.

Und einen Piratenfilm haben Sie ja auch schon mal gespielt.

Störtebeker, genau. Ich habe sogar Western gemacht und bin darüber selbst zum Reiter geworden.

Totenfrau 2, alle sechs Folgen ab 19. März bei Netflix



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