Weimars Werk & Poschardts Beitrag

Die Gebrauchtwoche

28. April – 4. Mai

Wie herum die Welt rotiert, hängt von der Perspektive ab, aber weil es gegen den Uhrzeigersinn erfolgt, tendiert die Astronomie zum Linksdrall. Politisch dagegen hat sie seit geraumer Zeit definitiv Rechtsdrall, zuletzt auch in Deutschland. Hier gilt seit Freitag nicht nur die zweitstärkste Bundestagsfraktion als gesichert extremistisch; auch die erststärkste kippt weit nach rechts, in dem sie Wolfram Weimer zum Kulturstaatsminister ernennt.

Wer ihn nicht kennt: ausgebildet bei FAZ und Welt, hat der wertkonservative Publizist den nationalliberalen Cicero mit aufgebaut und wurde parallel als Blut-und-Boden-Ideologe verhaltensauffällig, der von biologischer Selbstaufgabe faselt und damit nur knapp vorm Umvolkungsvokabular verharrt. Als Opern-Fan ohne Feuilleton-Kenntnisse fehlt ihm allerdings vor allem jeder praktische oder auch nur theoretische Bezug zur Popkultur, von Alternativkultur ganz zu schweigen.

Kein Wunder also, dass der elitäre Zyniker Ulf Poschardt Wolfram Weimer als Heilsbringer feiert, der den „links-grün-versifften“ Kulturbetrieb mal ordentlich durchkärchert. Ob er das tut, bleibt jedoch abzuwarten. Als Journalist ist er zumindest auf dem medialen Standbein seines neuen Ressorts trittsicher. Und so, wie der Kulturbetrieb gegen ihn auf die Barrikaden geht, könnte er sich durchaus zur Kompromissfähigkeit genötigt fühlen.

Rechte Säuberungsaktionen à la Polen, Ungarn, USA stehen daher nicht zu befürchten, im Gegenteil: Weimer lobt pflichtschuldig die Vielfalt der Kulturlandschaft und setzt sich womöglich für publizistische Mehrwertsteuerbefreiung ein. Das wäre schon deshalb nötig, da der Jahresbericht der Reporters sans frontières Alarm schlägt: Erstmals seit Jahrzehnten lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Staaten mit ernsthaft bedrohter Pressefreiheit.

Die USA – deren Führer nun auch Filme mit Zöllen belegt – sind auf Platz 57 abgerutscht, Argentinien auf 87. Als 11. steht Deutschland zwar noch gut da, aber gehörig unter Druck. Und zwar nicht nur von rechts, sondern wirtschaftlich – grasen die (a)sozialen Netzwerke doch längst fast alle Anzeigen und Aufmerksamkeit redaktionell betreuter Medien ab.

Die Frischwoche

5. – 11. Mai

Im Licht dieser Art Fortschrittsbacklash lohnt sich ein Blick auf Sowjet Jeans, aber Donnerstag in der Arte-Mediathek. 1979 vertreibt der lettische Kostümbildner Renars illegal Westwaren und hält sich den KGB mit halbherziger Spitzelarbeit vom Leib – bis er eine Regisseurin seines Theaters auskundschaften soll, in die er sich verliebt hat. Als der systemkritische Filou daraufhin in der Psychiatrie landet, entspinnt sich eine achtteilige Politgroteske, die zugleich tonnenschwer und federleicht ist.

Das gilt auf zoologischer Ebene auch für die Prime-Doku Octopus! Aus dem Off präsentiert von der hinreißenden Phoebe Waller-Bridge, erzählt uns der Zweiteiler zeitgleich das bizarre Leben wandlungsfähiger Tintenfische – was einerseits zum Niederknien originell ist. Andererseits aber auch auf die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage durch die destruktivste aller Arten verweist: Der Mensch.

Teil einer Spezies, die unfassbare Zerstörungen betreibt wie den Zweiten Weltkrieg, dessen Ende sich ebenfalls am Donnerstag zum 80. Mal jährt. Und wie es sich gehört, ist das lineare Fernsehprogramm voller Gedenk… ach nee: ARD und ZDF ignorieren das historische Datum ebenso wie die großen Privatsender nahezu komplett und delegieren es in die Nische der Spartenkanäle. Heute immerhin stellt das Erste die vierteilige Tagebuch-Animation Hitlers Volk online. Insgesamt aber erinnert der vergessene Sendeauftrag schwer an den 80. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung.

Man könnte also mutmaßen, der ÖRR würde sich dieser Tage halt eher um Fiktionen bemühen. Tut er aber nicht. Denn während die hochinteressante Horror-Psychose Insomnia um eine Frau, die wie ihre Mutter am 40. Geburtstag aufhört zu schlafen, am Freitag bei Paramount+ startet, läuft das originellste Format der Woche bei Amazon Prime. In Drunter und Drüber versucht die Belegschaft eines Wiener Friedhofs die drohende Schließung abzuwenden.

Das ist nach etwas zähem Auftakt am Freitag sieben Teile lang nicht nur auf morbide Art unterhaltsam; Nicolas Ofczareks Erbsenzähler, dem das Amt einen Freigeist (Julia Jentsch) als neue Chefin vorsetzt, ist auch ein drolliger Rollentausch ihrer Zusammenarbeit in Der Pass. Ein letzter Tipp noch: tags zuvor werden Max & Joy, also Herre & Denalane drei Teile lang in der ARD-Mediathek porträtiert.



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