Jana Burbach: Bad Banks & Parallel Me
Posted: May 9, 2025 | Author: Jan Freitag | Filed under: 4 donnerstagsgespräch |Leave a commentDie Goldgräberstimmung ist vorbei
Seit ihrem Welterfolg Bad Banks ist die Autorin Jana Burbach (Foto: Sucheep Homsuwan/Paramount+) in der Drehbuchbranche heiß begehrt. Warum sie sich für die Paramount-Serie Parallel Me entschieden hat und wie man realistische Mystery für Streamer schreibt, erzählt die 39-jährige Münchnerin im Interview des KNA-Mediendienst im Interview
Von Jan Freitag
freitagsmedien: Jana Burbach, wenn Sie selbst einen Schal hätten, mit dem sich Tony in Ihrer Paramount-Serie Parallel Me in andere Existenzen ribbeln kann – welche wären das?
Jana Burbach: Zurzeit keine, dafür bin ich als Autorin viel zu glücklich. Früher hatte ich natürlich andere Berufswünsche, die ich auch ausprobiert habe. Schauspielerin zum Beispiel oder Regisseurin.
Keine grundsätzlich anderen Berufe allerdings wie Feuerwehrfrau oder Astronautin…
Stimmt. Aber Drehbuchschreiben, hat bei mir vor zehn Jahren am meisten geklickt. Und weil ich hier sogar erstmals das Showrunning gemacht, Musik und Kostüme ausgesucht, mit dem Cast kommuniziert, also gewissermaßen Regieaufgaben und sogar eine kleine Rolle übernommen habe, bin ich abgesehen von ein wenig Erholung gerade wunschlos glücklich.
Und dann ist die Story, mit magischer Hilfe in parallele Identitäten zu schlüpfen, auch noch mit ihrer eigenen Biografie verlinkt.
Da speist sich einiges aus meiner Geschichte, ja. Weil ich seit meiner Zeit am Theater sehr ans kreative Kollektiv glaube, ist vieles noch im Writers Room entstanden. Die Popstar-Episode hat zum Beispiel auch damit zu tun, dass meine Mutter Sängerin ist und mich diese Welt interessiert. Die Realität hat aber auch die der Produktion beeinflusst. Die Geschichte um die japanische Mutter haben wir etwa mit Malaya Stern Takeda entwickelt, nachdem sie als Toni gecastet war. Die Entwicklung war also schon sehr lebendig.
Gibt es analog zum Method Acting von Lee Strasberg also auch so etwas wie Method Writing, das vor allem aus dem Leben des Autors schöpft?
In jeder Form des fiktionalen Schreibens steckt doch irgendeine Lebenserfahrung. Von nichts kommt nichts. Das gilt aber auch für die Vorbereitung. Christian Schwochow…
Für den Sie Teile der Drehbücher zu Bad Banks verfasst haben.
… spricht von sinnlicher Recherche, die sich nicht nur aus Texten und Büchern anderer speist, sondern aus eigener Erfahrung. Um zu verstehen, wie die Leute in der Finanzbranche denken, reden, ticken, sich kleiden, haben wir bei Bad Banks eng mit einem Ex-Banker als Berater zusammengearbeitet. Ein Bank-Praktikum war leider nicht möglich. Man kann auf jeden Fall über Dinge schreiben, die man nicht selbst erlebt hat, aber man sollte dann eng mit Menschen kooperieren, die die entsprechende Lebenserfahrung haben.
Andernfalls wäre ihr Portfolio auch unmöglich gewesen. Sie haben von der Milieustudie Bad Banks bis zur Fantasy-Serie Tribes of Europa eine enorme Bandbreite! Wo ist da der rote Faden?
Das wird ja fast tiefenpsychologisch (lacht). Bei Just push Abuba und Parallel Me finden sich jedenfalls mehr Gemeinsamkeiten, weil beides auf meiner Initiative beruht, während mir alles andere angeboten wurde. Ein gemeinsamer Nenner ist Neugier. Sie geht so weit, dass ich Bad Banks ohne die geringste Ahnung vom Finanzwesen gemacht habe oder Die Heiland mit wenig Vorkenntnissen über Blindheit (lacht). Mich fasziniert das Unbekannte.
Eine weitere Gemeinsamkeit war bis auf die Netflix-Serie Tribes of Europa, dass alles öffentlich-rechtlich war. Worin bestehen die grundlegenden Unterschiede zu Streamern?
Als die neu waren, gab es eine Art Goldgräberstimmung, weil sie sehr schnell viel Content gebraucht haben. Den kompletten Produktionsauftrag zu Tribes of Europa haben wir wegen eines kurzen Pitch-Papiers bekommen. Da hieß es oft: macht einfach, los! Das ist öffentlich-rechtlich anders, wo die Entscheidungsprozesse langwieriger sind, man aber auch eine ganz andere Verantwortung trägt – für Rundfunkbeiträge des Publikums oder politische Anliegen. Dafür haben Streamer den Anspruch, auf einem heillos überfüllten Markt gut zu unterhalten. Deshalb ist auch bei denen die Goldgräberstimmung mittlerweile vorbei.
Die großer Entertainment-Konzerne Disney, Apple oder jetzt Paramount schütten ihre Plattformen auch nicht mehr mit Geld zu?
Schon vor Corona nicht mehr. Weil längst Bedenken und Vorsicht herrschen, sind wir vorläufig auch das letzte deutsche Original von Paramount+. Bei den Öffentlich-rechtlichen herrschen nochmals andere Sparzwänge und Ängste, aber es gab einfach zu schnell zu viele Streamer, da wird der Markt jetzt wieder deutlich kleiner. Die Euphorie ist ein wenig verflogen.
Bleibt die kreative Freiheit, von der häufig die Rede war, dort dennoch größer?
Ich fand nie, dass die Freiheiten dort größer waren. Die Einschränkungen sind einfach andere. Die Öffentlich-Rechtlichen kannten ihr Publikum aus langjähriger Erfahrung einfach besser und wussten ziemlich genau, was es von ihnen will. Gerade, weil die Zuschauer im Schnitt älter sind, ging es viel um gute Verständlichkeit und die richtigen Werte. Dass Die Heiland keine Kinder will, wäre bei Netflix kaum diskutiert worden. Bei ARD und ZDF überwiegt eben die Sorge, das Publikum zu überfordern, bei den Streamern hingegen, das Publikum zu langweilen. Deshalb sind die ersten 90 Sekunden dort so ungemein wichtig. Ich finde das aber auch gar nicht so schlimm.
Ach…
Je mehr sich Redakteure beider Plattformen um ihren Markt kümmern, desto besser kann ich mich um meine Geschichten kümmern. Ansonsten müsste ich die ganze Zeit nebenher Marktforschung betreiben.
Schreiben Sie den Markt und seine Zielgruppen trotzdem ein Stück weit mit?
Ich versuche hauptsächlich intuitiv und leidenschaftlich an Projekte ranzugehen. Ich will nicht zu strategisch sein oder irgendwie Dienst nach Vorschrift machen. Selbst wenn ich wie bei Bad Banks in ein bestehendes Projekt einsteige, suche ich darin Aspekte, die mich brennend interessieren.
Fühlen Sie sich von Branche, Publikum, Kritik eigentlich ausreichend wertgeschätzt?
Heutzutage eher, das hat sich in Deutschland gewandelt. Initiativen wie „Kontrakt 18“ haben dazu beigetragen, das Drehbuch als Basis von allem im Bewusstsein zu verankern. Das ist angesichts der Relationen wichtig. Eine teure Perücke kostet bei uns mitunter mehr als das erste Konzept, kein Witz. In Dänemark fließen durchschnittlich zehn Prozent des Budgets in die Drehbuchentwicklung, in Deutschland ungefähr drei. Das verstehe ich schon deshalb nicht, weil eine große Geschichte auch mit kleinem Budget gut werden kann. Umgekehrt wird das schwierig.
Könnte die relativ neue Entwicklung des Showrunnings, das zwingend am Drehbuch, aber nicht an der Regie beteiligt ist, die Relation verbessern?
Total! Showrunning bedeutet letztlich, uns Autoren zuzutrauen, Produktionsprobleme lösen zu können und die Qualität der Geschichten ins Zentrum zu rücken. Durch die vielen Außen- und Auslandsaufnahmen hatte Parallel Me gehörige Engpässe, die manchmal nur mit einer frischen Idee übers Drehbuch zu bewältigen waren.
Welche Vor- und Nachteile hat da dann das Arbeiten im Writers Room?
Zunächst sitzt man viel zusammen, damit alle die gleiche Geschichte im Kopf haben. Dann wird die Arbeit aufgeteilt – in diesem Fall jeder zwei Folgen, ich auch. Als Headautorin überarbeite ich aber auch noch die Bücher der anderen, bin also bis zuletzt verantwortlich für die Qualität des Ganzen.
Am Ende wird also nicht durch sechs geteilt?
Das Budget wird schon geteilt, aber fürs Headwriting gibt’s was obendrauf.
Hatte die Entscheidung, mit Parallel Me Mystery zu machen, eigentlich auch damit zu tun, dass sie made in germany seit Dark auch international wahnsinnig erfolgreich ist?
Ich hatte schon länger die Geschichte einer extrem wandelbaren Frau, die sich ständig anpassen muss, im Hinterkopf. Ursprünglich ging es um Wohnungsumzüge, also Neuanfänge. Weil ich Und täglich grüßt das Murmeltier so liebe, wollte ich den wiederkehrenden Tag von Phil aber in immer neue Biografien von Toni umdrehen. Ein übernatürlicher Kniff erlaubt es, existenzielle Fragen unterhaltsam zu stellen. Das war keine Marktstrategie.
Sondern?
Der Wunsch die bestmögliche Geschichte zu erzählen.
