Die RAF in Stammheim: Uli Edel & Niki Stein

Doppeltes Kammerspiel

Zum 50. Jahrestag des Prozessbeginns gegen die erste RAF-Generation zeigt die ARD in der Mediathek Niki Steins Dokudrama Stammheim, (Foto: Hendrik Heiden/SWR) mit dem der Regisseur Reinhard Hauffs skandalumwittertes Kammerspiel von 1986 mit Ulrich Tukur als Andreas Baader weiterentwickelt. Das ist starker, aber brillanter Politiktobak.

Von Jan Freitag

Das Bildungsprogramm neigt seit jeher zur Personalisierung historischer Ereignisse. Wer Geschichte spürbar machten will, erzählt sie gern am Beispiel handlungsrelevanter Akteure. Besonders hierzulande herrscht dabei allerdings ein Faible für Antagonisten, das fast an Fimmel grenzt, Tendenz zum Fetisch einer deutschen Sado-Maso-Beziehung. Der beliebteste heißt natürlich Adolf Hitler. Dicht gefolgt allerdings von Andreas Baader. Und wer uns mit einem der beiden realfiktional das Gruseln lehrt, besetzt ihn möglichst prominent.

Den Diktator haben daher neben Bruno Ganz, Götz George oder Thomas Thieme auch Charlie Chaplin und Anthony Hopkins verkörpert. Der RAF-Terrorist hingegen wurde bereits von Ulrich Tukur, Moritz Bleibtreu oder Sebastian Koch gespielt und jetzt ganz neu auf dem Filmpersonalkarussell: Henning Flüsloh. Er ist der Unbekannteste von allen. Vor allem aber ist er der Beste. Und das in einer filmisch raffinierten, inszenatorisch originellen, emotional mitreißenden Rekapitulation. Ihr geschichtliches Original feiert am 21. Mai Jubiläum.

Vor genau 50 Jahren begann der Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin. Der Vorwurf damals: 58 vollendete oder versuchte Morde, dazu sechs Raubüberfälle und die Bildung einer kriminellen Vereinigung. Das Gericht: ein Mehrzweckgebäude am Rande der JVA Stuttgart. Sein Standort: Stammheim. Ein Name wie Donnerhall. Eigentlich voll ausreichend für ein Dokudrama, dem die ARD natürlich dennoch den didaktischen Untertitel Zeit des Terrors verpasst. Aber das macht nichts.

Denn was Niki Stein damit erschaffen hat, ist ein kleiner Meilenstein des politischen Historytainments. Der Tatort-Regisseur legt ihn am 28. April 1974, als die ersten zwei Häftlinge im Hochsicherheitstrakt ankommen. Zuvor kontrolliert ein JVA-Beamter die Zellen, berichtet dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss einen Schnitt weiter, vom „ordnungsgemäßen Zustand“. Dann läuten Hubschraubergeräusche den Anfang vom Ende eines denkwürdigen Strafprozesses ein.

Im Gegensatz zur ersten großen, skandalumtosten RAF-Fiktion Stammheim mit Ulrich Tukur als Andreas Baader bildet er allerdings nur einen Teilaspekt des anderthalbstündigen Reenactments. 1986 hatte ihn Stefan Aust noch komplett ins Zentrum eines gefilmten Bühnenstücks gestellt, das zwar den Goldenen Bären erhielt, aber die Berlinale-Jury sprengte. Fast 40 Jahre, nachdem sich deren Präsidentin Gina Lollobrigida empört vom Preisträger distanzierte, teilt sein Drehbuch die Ereignisse dagegen in zwei Teile.

Bevor die vier Angeklagten in der zweiten Filmhälfte den eigens errichteten Gerichtssaal am Rande der JVA betreten, darf sie das Publikum daher im Knastalltag beobachten. Mehr noch als die 192 Prozesstage, von denen wir gut ein Dutzend erleben, besser: erdulden, zeigt ihn Niki Stein als klaustrophobisches Theater der Selbstindoktrination. Freund oder Feind, Sieg oder Tod, Schwein oder Mensch – auch in Gefangenschaft herrscht das Diktat kategorischer Dichotomien, die Niki Stein mit der stoischen Freundlichkeit des stellvertretenden Vollzugsleiters konterkariert.

„I hab immer Frau Enschlin und Herr Raschpe gsagt“, sagt Horst Bubeck zum Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses (Hans-Jochen Wagner) und fügt hinzu, nie gezählt zu haben, „wie oft sie mich Arschloch genannt“ hätten. Wie Füslohs Baader und Gudrun Ensslin (Lilith Stangenberg) die Wachleute, aber auch Ulrike Meinhof (Tatiana Nekrasov) mit Beleidigungen aller Art traktieren – dieser Psychoterror ist dabei kaum zu glauben, wäre er nicht bestens durch das reichhaltige Archiv offizieller Dokumente und illegaler Abhörmaßnahmen dokumentiert.

Anders als Hauff macht Stein aus Austs Stoff also ein doppeltes Kammerspiel. Weil er zudem ständige Abstecher in den Stuttgarter Landtag macht, wo die Ereignisse der nächsten dreieinhalb Jahre aufarbeitet werden, hebt es sich dramaturgisch wohltuend von Uli Edels Terror-Varieté Der Baader-Meinhof-Komplex (nach einer Vorlage von, genau: Stefan Aust) ab. Aber auch ästhetisch betritt sein Dokudrama Neuland. Schließlich mischt es nicht nur Aufnahmen realer Rahmenhandlungen unter eindringliche Spielszenen; weil Niki Stein letztere gern in grobkörniger Optik der Siebziger dreht, gehen Original und Fälschung unmerklich ineinander über.

Gepaart mit Glanzleistungen aller Beteiligten sorgt Stammheim somit nicht nur für Authentizität, sondern etwas, das Konservative dem Film gewiss ebenso vorwerfen wie Hauff und Edel oder Margarethe von Trottas gefeiertes Ensslin-Biopic Deutschland im Herbst von 1981: völlig Neutralität. Ideologische Verbohrtheit und polizeiliche Willkür werden hier nicht gewertet, sondern geschildert. Diese Nüchternheit animiert überaus fesselnd zur eigenen Urteilskraft. Und viel mehr kann Fernsehen 2025 nicht wollen.



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