Till Reiners: heute show & Till Tonight

Geil, dass es klappt

In der heute-show entlarvt Till Reiners (Foto Daniel Dittus/ZDF) Menschen auch durch sein argloses Auftreten. Jetzt kriegt er seine eigene Late Night im ZDF. Ein Gespräch mit dem Duisburger Germanisten-Sohn über Talkshows mit Haltung, Antifas im Anzug und Hape Kerkeling als Vorbild.

Interview Jan Freitag

freitagsmedien: Till Reiners, Sie sehen ein bisschen aus wie vom Bundesvorstand der Jungliberalen. Ist es als Visitenkarte seriöser Satire hilfreich, optisch adrett und gescheitelt daherzukommen?

Till Reiners: Ja, denn obwohl man vielleicht den größten Unsinn erzählt, wird man dadurch erst mal ernster genommen. Das erzeugt Fallhöhe. Die Leute haben halt komischerweise großen Respekt vor Menschen in Anzügen. In dem Sinne habe ich mich auch gefragt, warum die Antifa eigentlich nicht in schwarzen Anzügen aufläuft. Da würde die Polizei einfach nur höflich grüßen.

Das geht Ihnen in der heute-show ähnlich, wo Sie akkurat gekleidet oft genauso leicht zu prominenten wie gewöhnlichen Leuten vordringen. Ist das bloß eine Berufsuniform oder sehen Sie immer so aus?

Vor der Kamera sehe ich aus wie FDP, privat bin ich dagegen leider sehr hässlich. Deswegen versuche ich so oft es geht vor der Kamera zu sein.

Das dürfen Sie jetzt auch in Ihrer neuen Sendung Till Tonight. Ziehen Sie sich da ein bisschen lässiger, juveniler, hipper an?

Die drei Wörter in Kombination lösen bei mit Boomer-Alarm aus. Aber ernsthaft: Ich werde entsprechen einer Freitagabend Late Night die Zuschauer begrüßen.

Nach Ihrer Ankündigung, weil Ihnen Urlaub zu anstrengend sei, würden Sie sich in ihrer Late Night „auf offener Bühne erholen, Füße ins Wasser und die Show genießen“, könnte man allerdings auch Badelatschen und Shorts erwarten…

Es ging mir dabei mehr um die Haltung: einen Abend, der locker ist, aber trotzdem Haltung hat. Man darf sich bei mir wohlfühlen – als Host, aber auch als Zuschauer.

Wird es in der Sendung entsprechend harmlos zugehen oder gegebenenfalls bissig, böse, aggressiv?

Ich merke, sie sind ein Fan von drei Adjektiven hintereinander!

Schon seit den Werbungen für Waschmittel meiner Jugend, die alle bei 30, 60 und 95 Grad gereinigt haben.

Dann biete ich Ihnen hiermit lustig, heiter, doppelbödig an. Ich mag Humor, der wehtun kann, aber niemals die Empathie verliert. Wenn wir etwas kritisieren, dann mit Haltung – und mit Witz natürlich.

Wird es dabei dann eher politisch oder gesellig?

Beides. Politik ist ja nichts Abstraktes, sie betrifft unser gesamtes Leben. Wir nehmen deshalb aktuelle Themen auf, ohne sie bloß bierernst zu sezieren. Und dann wird’s auch wieder gesellig – es ist schließlich Freitagabend.

Was sind dabei denn Ihre Referenzgrößen – eher die hochpolitischen Bill Maher, Jon Stewart und Samantha Bee oder die unpolitischeren Jimmy Fallon, James Corden und Kelly Clarkson?

Ich schau viel Seth Meyers und mag John Mulaney. Die machen beides und das finde ich toll. Bei uns ist das Format pointiert, aber nicht immer frontal. Und es darf auch albern sein.

So wie einst Harald Schmidt, der die Late Night hierzulande einst massentauglich gemacht hat?

Harald Schmidt war natürlich auch für mich prägend. Aber ich orientiere mich da doch eher an Leuten wie Hape Kerkeling oder Josef Hader – beides Komiker, die Humor mit Haltung verbinden, ohne sich zu wichtig zu nehmen.

Wie wird die Show dramaturgisch aufgebaut?

Es gibt Stand-up, Gespräche, Aktionen – alles bleibt im Fluss. Die Idee ist ein Abend, der sich entwickelt. Nicht durchgetaktet, sondern lebendig.

Und welche Art Gäste können wir dabei erwarten?

Es wird Überraschungen geben – mehr sag ich nicht. Nur so viel: Es geht nicht um Prominenz, sondern um Menschen mit Haltung und guten Geschichten.

Werden Sie denen gegenüber dann eher der cremige Kumpeltyp sein wie Tommi Schmitt oder der scharfkantige wie Kurt Krömer?

Woher kommt denn jetzt „cremig“?! Ich hoffe, irgendwo dazwischen. Eine Umarmung, die einem manchmal eine Rippe bricht. Hoppla!

Wird sich Till Tonight“ ideologisch irgendwie irgendwo einordnen lassen wie Jan Böhmermanns das ZDF Magazin Royale, das zuletzt deutlich aktivistischer nach links gerückt ist?

Nein. Wir haben eine Haltung, aber kein Programm. Es geht darum, mit Leuten zu lachen – manchmal auch über uns selbst.

Kann man Sie selber denn irgendwo einordnen?

Ich hoffe nicht. Wenn man zu gut einzuordnen ist, wird man schnell langweilig. Ich finde: Überraschung ist ein Wert.

Warum machen Sie eigentlich eine Late Night – sind Sie nicht ausgelastet?

Ich verstehe die Frage nicht, Late Night ist doch das größte! Den Papst fragen sie doch auch nicht: Warum denn jetzt Papst, sind sie nicht ausgelastet? Auf diese Chance habe ich quasi mein Leben lang gewartet. Geil, dass es klappt.

Was kann danach noch kommen?

Bundespräsident. Ich hätte aber nur halbtags Zeit, es darf nicht in Stress ausarten.


Doom Scrolling & Kriegsgefangene

Die Gebrauchtwoche

16. – 22. Juni

Die Nachrichtenlage war schon mal besser. Zumindest im digitalen Zeitalter war sie sogar nie schlechter. Unterhaltsamer im Sinne von fesselndem Entertainment war sie hingegen nur selten. Wer morgens erwacht, hat daher die freie Auswahl zwischen der news avoidance genannten Totalverweigerung oder doom scrolling genannter Druckbetankung mit Katastrophen, Krisen, Donald Trump.

Wer noch zur gesunden Mitte neigt, hat daher womöglich mitbekommen, dass letzterer weitere 639 Angestellte amerikanischer Auslandssender entlassen ließ, die von der staatlichen Agency for Global Media (USAGM) verwaltet werden. Betroffen sind zwar auch Middle East Broadcasting, Radio Free Asia oder Office of Cuba Broadcasting. Allein auf Voice of America entfallen allerdings 600 Stellen, womit der traditionsreiche Kanal – im 2. Weltkrieg gegründet – vor der Schließung steht.

USAGM-Chefin von Trumps Gnaden, Kari Lake, kommentierte den Kahlschlag damit, eine „unverantwortlich aufgeblähte Bürokratie“ abzubauen. Sie unterschlug aber natürlich, dass der gesamte Apparat pro Jahr ungefähr den Gegenwert eines Tomahawk-Marschflugkörpers kostet, von denen Donald Trump Ende der Woche insgesamt 24 völkerrechts- und verfassungswidrig auf den Iran abfeuerte. Immerhin – auch das sorgte für das, was er unter „gutes Fernsehen“ versteht. Im Gegensatz zur laufenden Club-WM im eigenen Land.

Wer es nicht mitbekommen hat: 32 Fußball-Franchises aller Kontinente spielen da gegeneinander, und niemand will es sehen. Gut, weil Fans von Bayern München eher ökonomisch als moralisch ticken, konnte DAZN 2,5 Millionen Zugriffe des sinnlosen 10:0 gegen Auckland verbuchen. Die Stadionauslastung allerdings liegt deutlich unter 50 Prozent, und das auch nur, weil große Kontingente nahezu verschenkt werden.

Da freut man sich doch wieder auf echtes Entertainment. Die 5. Staffel 7 vs. Wild zum Beispiel, in die Amazon Prime folgende Überlebenskünstler*innen schickt: Joe Vogel, David Leichtle, Kris Grippo, AviveHD, Imke Salander, Fibii und Jeanette Michaelsen. Wem nur letztere geläufig ist, zählt schon nicht mehr zur Zielgruppe meist männlicher Gaming-Fans der Generationen Z bis Alpha…

Die Frischwoche

23. – 29. Juni

Für sie ist im Übrigen auch eine Sitcom wie Nighties um die Nachtschicht eines Mittelklassehotels, ab Freitag in der ZDF-Mediathek gedacht – eine achtteilige Clipshow situationskomischer Witzchen auf Twitch-Niveau. Für alle, also wirklich alle ist hingegen die dritte und angeblich abschließende Staffel Squid Game zeitgleich bei Netflix geplant, worüber man nun wirklich nichts mehr sagen muss.

Ebenfalls in dritter Runde ist bereits schlägt sich das das gleichnamige Historienepos durch The Gilded Age bei Sky, während The Bear ab Donnerstag bei Disney+ sogar Carmys vierte Küchenschlacht erlebt. Gibt aber auch echte Neustarts. Der 13-teilige Verschwörungskrimi Countdown etwa, seit gestern bei Prime Video. Die finnische Ermittlerin Detective Maria Kallio, parallel beim Amazon-Kanal Viaplay. Und wirklich empfehlenswert: Smoke.

In der ausgedudelten Real-Crime-Fiction jagt die US-Serie ab Freitag zwei Brandstiftern nach. Und das ist nicht nur dank der faszinierenden Bilder von Flammen aller Facetten überaus sehenswert. Gleiches gilt fürs Feuer der Liebe, das der britische Sechsteiler Alice & Jack ab heute bei Neo entfacht. Selten zuvor war ein Balztanz über sechs Folgen hinweg rührender, ohne rührselig zu werden, als dieser. Am Donnerstag startet dann noch ein vielschichtiger Sommerschwerpunkt zum Thema QUEER.

Und weil die freitagsmedien ein paar Tage unterwegs sind, hier noch drei entferntere Tipps: Am 1. Juli startet bei Sky das vielleicht ergreifendste, zugleich unsentimentalste Weltkriegsdrama überhaupt: The Narrow Road to the Deep North. Fünf Teile geht es dabei um australische Kriegsgefangene des japanischen Kaiserreichs, die unter unmenschlichen Bedingungen eine Eisenbahnstrecke errichten. Von einer vergleichbaren Katastrophe handelt parallel bei Arte Srebrenica Tape, die Suche einer Frau nach Spuren ihres Vaters im Balkan-Krieg. Und zum leuchtet Torsten Körners Doku Mädchen können keinen Fußball spielen am Freitag im Ersten die Frauenverachtung des deutschen Volkssports Nummer 1 aus.


Hollywoods Prozesse & Schalkos Milieus

Die Gebrauchtwoche

9. – 15. Juni

Strafprozesse gelten als Randaspekte der Presseberichterstattung. An der Schnittstelle von gesellschaftlicher Theorie und juristischer Praxis gelegen, sind sie zwar medial durchaus bedeutsam, oftmals aber auch zu akademisch, um allgemeinverständlich zu sein. Auch, was gerade zwei New Yorker Gerichte ein paar Blocks voneinander entfernt verhandeln, wirkt sonderbar abstrakt, obwohl die Sache eigentlich sonnenklar erscheint.

Sean Combs aka P. Diddy und Harvey Weinstein, ehemaliger Hollywoodmogul, haben ihre Machtpositionen zur Misshandlung einflussloser Frauen benutzt. Ersterem droht dafür lebenslange Haft, letzterer hat seine Berufung gegen ein ähnliches Strafmaß gerade größtenteils verloren. Gemeinsam stehen sie für eine Mischung aus Sensationslust und Chronistenpflicht, die den Boulevard auf 180 bringt, seriöse Redaktionen indes unter Rechtfertigungsdruck.

Denn wie viel Aufmerksamkeit die Täter verdienen, ohne ihre Opfer erneut zu verletzen, ist schwer zu justieren. Noch komplizierter wird es hingegen bei der Presseberichterstattung über den drittwichtigsten Prozess mit politischer Stoßrichtung: Aktuell wird in Karlsruhe entschieden, ob Nancy Faesers Verbot des Faschismus-Fanzine Compact Bestand haben darf. In einer perfekten Welt würde das Bundesverwaltungsgericht die Entscheidung der damaligen Innenministerin bestätigen.

In einer dystopischen wie unserer jedoch sollte es derlei aktionistischen Eifer schleunigst revidieren. Vernunftbegabte müssen sich inhaltlich mit der Ignoranz auseinandersetzen. Das gilt für Jürgen Elsässers Blut-und-Boden-Geschwurbel ebenso wie für den Umgang mit Donald Trumps Versuch, die USA in eine Diktatur zu verwandeln. Seine Heimatschutzministerin Christi Noem hat schon mal geübt und den demokratischen Senator Alex Padilla mit Gewalt aus ihrer Pressekonferenz warf.

Weit bedenklicher ist hingegen, dass ihr Monarch die Armee gegen Demonstrierende aufmarschieren lässt. Und zwar aus zweierlei Hinsicht: Weil es die Demokratie mit Springerstiefeln tritt. Und weil beide Seiten die Ereignisse auf Social Media so verdrehen, dass am Ende niemand mehr weiß, was wahr ist und was Propaganda.

Die Frischwoche

16. – 22. Juni

Und damit zur Club-WM von Gianni Infantinos Gnaden auf DAZN … über die wir auch an dieser Stelle kein weiteres Wort verlieren außer zwei: Nicht ansehen! Dann schon lieber das neueste Werk von David Schalko. Am Freitag startet in der ARD-Mediathek die sechsteilige Anthology-Serie Warum ich? Und wenn die starbesetzte Nummernrevue implodierender Mikromilieus wie bereit bei Braunschlag oder Kafka alle Sehgewohnheiten schreddert, ist der österreichische Regisseur nach eigenem Drehbuch in seinem Element.

Dem Irrsinn der Wahrhaftigkeit. Dafür ist hierzulande auch Schalkos Bruder im Geiste gut. Und in der Tat: seine Politgroteske Ein ganz großes Ding mit Silke Bodenbender als ehrgeizige Bürgermeisterin, die es aus ihrer Provinz ins Kanzleramt schaffen will, aber schon am Busverkehr scheitert, ist tags zuvor im Zweiten für hiesige Verhältnisse boshaft, ohne gemein zu sein. Das gilt auch für Till Reiners, dem der gleiche Kanal tags drauf die nächtliche Talkshow Till Tonight schenkt.

Ansonsten ist und bleibt das Angebot zum Sommerbeginn gewohnt übersichtlich. Bei Netflix geht die Doku-Reihe Trainwreck weiter, in der es am Dienstag um den Chaos-Bürgermeister Rob Ford geht, der unerwartet an die Spitze von Toronto gewählt – und ebenso fix wieder gestürzt – wurde. Und am Mittwoch startet die Bestseller-Verfilmung We Were Liars um stinkreiche Privatinselbesitzer bei Prime Video, bevor am Donnerstag eine Fischerei-Dynastie in der Netflix-Serie The Waterfront ums Überleben kämpft.


Meinungskorridore & Stylingtipps

Die Gebrauchtwoche

2. – 8. Juni

Das Oval Office ist seit 80 Jahren der Ort, an dem Weltpolitik gemacht wird. Von daher ist es überaus interessant, wem dort der Zugang gewährt wird und wem nicht. Dass er der Nachrichtenagentur AP verweigert werden darf, hat ein Berufungsgericht nun bestätigt und damit den Eindruck, die USA befinden sich auf dem Weg vom Pluralismus in die Ermächtigungsautokratie. Dass Elon Musk keinen Zutritt mehr hat, ist hingegen Folge eines absehbaren Clashs der Riesenegos, von denen sich Donald Trumps vorerst als größer erweist.

Ein wenig kleiner ist demgegenüber das Ego von Wolfram Weimer. Dennoch hat der Kulturstaatsminister in der Süddeutschen Zeitung sein trumpistisches Potenzial bewiesen und allen Ernstes gefordert, die Meinungskorridore zu erweitern. Was er im Zweifel allerdings wohl nur für wertkonservative bis rechtsnationalistische Meinungskorridorhaltungen gelten ließe – so viel geistig-moralische Wende 2025 muss dann schon sein.

Was sein müsste, damit die fiktionale Fernsehunterhaltung in Zeiten von Weimer und Trump, KI und AVOD überlebt, konnte man beim Kölner Seriencamp erleben: mehr als 800 Gäste und Fachleute waren sich drei Tage im Juni weitestgehend einig, dass nur internationale Kooperationen, adaptierte Videogames und optimierte Selbstvermarktung der Kreativen dazu führen, europäische Produktionen gegenüber amerikanischen oder chinesischen auch nur einigermaßen konkurrenzfähig zu machen. Na dann – viel Glück!

Das wünscht auch der pensionierte Filmkritiker A.O. Scott im Kampf gegen das, was als FilmTok gerade die Branche aufwirbelt. Nachrückende Filmkritiker nämlich, die – statt zu kritisieren – (fürstlich entlohnte) PR betreiben. „Das Verhalten dieser Horden in den sozialen Medien steht für eine antidemokratische, antiintellektuelle Geisteshaltung“, sagt die NYT-Legende im SZ-Interview. „Die Fankultur hat ihre Wurzeln in der Konformität, Gehorsam. Gruppenidentität und Pöbelverhalten. Ihr Aufstieg spiegelt und modelliert die Ausbreitung intoleranter, autoritärer und aggressiver Tendenzen in unserer Politik und unserem Gemeinschaftsleben.“

Die Frischwoche

9. – 15. Juni

Wenn er doch nur nicht so recht hätte … ließe sich übers anstehende Programm vielleicht irgendwas Gutes sagen. Lässt es sich aber nicht. Noch immer geschockt, dass Sex and the City in der 3. Staffel And Just Like That unlängst sogar noch tiefer sinken könnte als der 2. Filmableger, in dem die vier Konsumgören um Carrie Bradshaw 2010 die frauenverachtende Diktatur in Abu Dhabi als Shoppingparadies gefeiert haben, ist dieser Tage wirklich kaum etwas zu empfehlen.

Außer ein Format vielleicht, das zwar so ähnlich heißt wie Sarah Jessica Parkers misogyne Autoaggressivität, aber ungleich tiefer dringt: Sex and the Scientists, eine Dokumentation, die ab Mittwoch in der ARD-Mediathek das komplizierte Geschäft künstlicher Befruchtungen durchleuchtet. Das sehr, sehr schlichte Geschäft geldwerten Lifestyles erweitert die öffentlich-rechtliche Konkurrenz vom ZDF derweil um die Realitysoap That’s My Style.

Susan Sideropoulos bittet dort ab Sonntagnachmittag zum Umkleiden, was vermutlich niemand braucht, aber auf sehr harmlose Art unterhaltsam sein dürfte. Auf eher blutige Art unterhaltsam ist dagegen das, was Paramount+ (übrigens der letzte Streamingdienst, dessen Ertragsmodell auf SVOD, also ausnahmslos Abo-Beiträge, basiert) zeitgleich startet. Den neunzigminütigen Horrorfilm Here After nämlich mit Connie Britton beim Versuch, ihre Tochter vor dunklen Mächten zu retten.

Auch bei AppleTV+ geht es um innerfamiliäre Sorgen und Nöte, wenn parallel der Thriller Echo Valley mit Julianne Moore als Mutter von Sidney Sweeneys traumatisierter Claire auf Sendung geht. Und bei Prime Video scheint tags zuvor noch die britische Cop-Comedy Deep Cover um drei Impro-Künstler als Aushilfspolizisten ganz unterhaltsam zu sein. Das war’s leider schon.


Feldmans Rufmord & Rise of the Raven

Die Gebrauchtwoche

26. Mai – 1. Juni

Philipp Peyman Engel ist Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen. Ein Posten, der nicht zwingend, aber naturgemäß damit einhergeht, Jude zu sein. Und daran hegte auch niemand je Zweifel. Außer Deborah Feldman. Die Publizistin, der Maria Schraders Netflix-Serie Unorthodox vor fünf Jahren ein weltweit geachtetes Denkmal setzte, spricht Engel nämlich seine Religionszugehörigkeit ab. Und das ist in vielerlei Hinsicht skandalös.

Zum einen legt Feldman dafür bestenfalls vage Indizien vor. Zum anderen tut sie das gänzlich unwidersprochen in der neugegründeten Weltwoche des seinerseits umstrittenen Verlegers Holger Friedrich. Zu guter Letzt öffnet dieser – offensichtlich haltlose – Rufmord einem Antisemitismus Tür und Tor, der aus dem Inneren jüdischer Publizistik heraus noch ruchloser wirkt. Es stimmt also nicht ganz, wenn Michel Friedman in der Zeit schreibt, Feldmann könne „nicht mehr ernst genommen werden“.

Denn Medienmenschen wie sie betreiben die überaus ernstzunehmende Vorfeldarbeit rechtsextremer Parteien. Ein Teilzeitjob, für den sich mittlerweile auch Markus Lanz berufen fühlt. Abgesehen von seinem Fimmel, ständig AfD-Größen einzuladen, hat er die Mietpreisbremse in seiner Talkshow kürzlich „sozialistisch“ genannt und geriert sich auch sonst gern als Besitzstandswahrer. Wenn da mal nicht ein Immobilienbesitzer um Kontostand und Privilegien bangt…

Jan Böhmermann geriert sich derweil zusehends eher als linker Aktivist, denn Humorist. Witze fanden sich im ZDF Magazin Royale vom Freitag zum Thema Queerfeindlichkeit jedenfalls kaum. Also auch keine über den Gottseibeiuns des progressiven Feuilletons: Wolfram Weimer. Was auch daran liegen könnte, dass der Kulturstaatsminister Techkonzerne besteuern will, woran ja nun beiderseits der Mitte niemand bei Verstand etwas haben dürfte.

Die Frischwoche

2. – 8. Juni

Nicht auf Weimers Liste steht als Streamingdienst eines Telefonanbieters MagentaTV. Dennoch sollte das Portal zahlen. Schmerzensgeld nämlich: Für sein Mittelalter-Epos Rise of the Raven. Darin kämpfen ungarische Helden ab Donnerstag zehn Teile lang bildgewaltig gegen türkische Invasoren. Und für dieses Game of Thrones scheint der österreichische Regisseur Robert Dornhelm direkt aus Viktor Orbáns Propagandaministerium instruiert worden zu sein – so suppt sein faschistoider Rassismus aus jeder Szene.

Verglichen mit derlei softpornografischem History-Quatsch erreicht die fünfteilige Coming-of-Age-Serie Softies von Jonathan Westphal und Yves Guillaume geradezu Weltniveau. In seiner Jungs-WG hat Damian Hardung ab Freitag bei RTL+ mit Sorgen von Impotenz bis Tinnitus zu tun. Das ist mitunter zwar testosterongesättigt, wird durch tolle Frauencharaktere wie jene von Carmen Redeker und Aysha Joy aber doppelt ausgeglichen.

Im Gegensatz zur deutschen Schul-Klamotte Club der Dinosaurier jedenfalls, deren weibliches Personal ab Freitag in der ZDF-Mediathek nichts daran ändern, dass sich über die Verwandlung männlicher Außenseiter in Echsen allenfalls Achtjährige beömmeln. Witziger wird’s diese Woche aber auch nicht. Das sechsmal zehnminütige Familiendrama El’sardine (Montag, Arte-Mediathek) um algerische Fischer zwischen Klimawandel und Beziehungsstress jedenfalls ist relativ nüchtern.

Auch die italienische Geheimdienst-Crime Sara, tags drauf bei Arte, bleibt sechs Folgen lang eher actionreich als amüsant. Ab Donnerstag sorgt die Apple-Serie Stick mit Owen Wilson als Ex-Golfer beim Versuch, als Trainer eines Wunderkindes Fuß zu fassen, für Heiterkeit. Wirklich ernst wird es zeitgleich aber bei Arte, wo das spanische Vergewaltigungsdrama Querer nach wahren Motiven in der Mediathek steht.

Zum Abschluss noch zwei angenehm überraschende Real-Crime-Dokus: Am Freitag beleuchtet Arte online die Europapokal-Katastrophe im Heysel-Stadion, wo beim Endspiel zwischen Liverpool und Juventus vor genau 40 Jahren 39 Menschen zu Tode kamen. Und parallel arbeitet Love Scam bei Sky drei Teile lang einen echt absurden Betrugsfall in der Kölner Schwulenszene auf. Real Crime geht also auch ohne Serienkiller…


60 Jahre Monitor: Digitalisierung & Courage

Journalistische Tofuwollmilchsauhenne

Das ARD-Magazin Monitor ist 60 Jahre alt geworden. Und der WDR hat sich dafür in Köln vergleichsweise groß gefeiert. Mit Michel Friedman als Gastredner und einer gemeinsamen Botschaft: Nicht erst die Zukunft ist digital, sondern die Gegenwart. Und in der gibt es vor allem eine Gefahr, der sich gerne noch mehr Fernsehredaktionen so beherzt entgegenstellen dürfen, wie Monitor: die AfD.

Von Jan Freitag

Georg Restle, darauf können sich vermutlich sogar seine Gegner einigen, ist ganz schön unerschrocken – sonst hätte ihn der WDR nicht zum Redaktionsleiter des vielleicht furchtlosesten Politmagazins im deutschen Fernsehjournalismus berufen: Monitor. Für die Mächtigen und Machtversessenen ein Titel wie Donnerhall. Für die Machtlosen und Machtbetroffenen ein Grund zum Feiern. Am 21. Mai 1965 lief die allererste Sendung dieser investigativen Institution im Ersten Programm.

Genau 60 Jahre und einen Tag später lädt der größte ARD-Sender ins Wirtschaftswunderambiente des unwesentlich älteren Kölner Funkhauses. Um dem Jubilar zu genügen, hat die Redaktion gewiss lange überlegt, wen sie als Laudator verpflichtet. Und wie Georg Restle ihn mit Hand in der Hosentasche ankündigt, wie der furchtlose Journalist beim Namen allein leiser, fast demütig wird, wie er betont, ihm keinerlei inhaltliche Vorgaben gemacht zu haben, als hätte der das jemals zugelassen – da wird klar: Es kann nur Michel Friedman sein.

Nach einem eher routinierten als inspirierten Grußwort der WDR-Intendantin Kathrin Vernau, liest der frühere HR-Moderator dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk fast zehn seiner 45 Minuten Redezeit die Leviten. Wie einst beim Fernsehschafott „Vorsicht Friedman!“ beklagt er edel gewandet und sprachgewaltig Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung und erntet auch dafür dutzendfach donnernden, am Ende gar stehenden Applaus.

Als philosophischer Publizist (oder umgekehrt) teilt Friedman nicht nur gegen die AfD und (endlich) ihre Wähler aus; er zürnt auch seinesgleichen. Bis auf den Anlass seiner Suada, versteht sich: „Monitor“. Oder wie er es vier Monate nach seinem CDU-Austritt nennt: „Das Fragezeichen des Journalismus gegen die Ausrufezeichen der Totalitären“, dessen Grundhaltung die „der Menschenrechte und der Demokratie“ sei. „Wir brauchen Sie“, fügt er ganz leise hinzu und mit der Hand am Herz: „Ich brauche Sie!“

Fragt sich nur: wer braucht ihn eigentlich sonst noch? Die öffentlich-rechtlichen Politmagazine stehen unter Druck. Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung kosten für sich ja schon Reichweite, Renommee, Relevanz. Hinzu kommt allerdings ein anderes, womöglich größeres Problem; und keiner der 200 geladenen Gäste inklusive Monitor-Legende Sonia Mikich oder WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn käme bei Häppchen, Bier und Festtagslaune darauf, es zu leugnen: die Sehgewohnheiten, besonders jüngerer Zielgruppen.

„Wir erleben schon länger, dass sich immer weniger Menschen zu einem bestimmten Sendetermin vor den Fernsehgeräten versammeln“, sagt Restle im RND-Interview. „Und davon sind auch die Politikmagazine betroffen.“ Obwohl nach wie vor drei Millionen Leute linear einschalten, wird sein Magazin also modernisiert – und zwar weit übers neue Logo, das seltsam an die Pariser Metro erinnert, hinaus. Oder wie er es ganz in Schwarz ohne Blumenstrauß auf der Funkhaus-Bühne ausdrückt: „Die Sendung wird radikal digital first und erst dann zu einer Fernsehsendung.“

Alle Reportagen, Beiträge und Dokus sind künftig bereits vorm Sendetermin donnerstags kurz vor zehn in der ARD-Mediathek, aber auch bei Youtube, Instagram oder Facebook verfügbar. Neue Erzählformen in neuem Look bis hin zum teenageraffinen „Team Recherche“ auf TikTok sollen überdies ein jüngeres Publikum ansprechen, ohne das ältere zu vergraulen. Und dabei auch weiter dort hingehen, „wo es wehtut“, wie Ellen Ehni als ranghöchste Gratulantin in ihrem Redebeitrag fordert.

Als „crossmediale Marke mit einer Berichterstattung“, die „von den Algorithmen nicht immer belohnt wird“, dennoch Diskurshoheit für sich beansprucht und nebenbei den Staatauftrag (über)erfüllt, macht die Chefredakteurin ihren „Monitor“ damit zur journalistischen Tofuwollmilchsauhenne. Kein Wunder also, dass der Umtrunk einer Kampfansage gleicht. Die Big Five der ARD-Magazine kriegen schließlich nicht nur Feuer von rechts, sondern dem eigenen Nachwuchs.

Während Monitor, Fakt, Panorama, Report und Weltspiegel im Ersten analog zu Berlin direkt, auslandsjournal und frontal im ZDF die Fernsehgenerationen Wirtschaftswunder bis Golf ansprechen, sind die Internetgenerationen Y bis Z nahezu vollumfänglich ins Digitale abgewandert. Immerhin: allein lässt sie die ARD dort nicht. Das Jugendportal funk zum Beispiel stellt mit psychologeek, reporter, offen un‘ ehrlich oder den Datteltätern reihenweise altersgerechtes Infotainment online.

Und während das Netz einst meist leichte Unterhaltung gefangen hat, müssen sich Investigativ-Formte wie STRG_F und Y-Kollektiv ebenso wenig hinter Georg Restle verstecken wie Erkenntnisformate à la maiLab oder MrWissen2go hinter Ranga Yogeshwar. Diese Qualitätsoffensive ist allerdings auch nötig. Seit das Duale System die öffentlich-rechtliche Angebotspolitik dem kommerziellen Nachfrageprinzip unterwirft, sind ARZDF Teil derselben Aufmerksamkeitsökonomie wie RTL und Pro7 oder zuletzt Netflix und Amazon Prime.

Leidtragende, klar: Kultur, Politik, Wirtschaft. Das Erste mag ja mantraartig seine aktuell 41 Prozent Informationsanteile lobpreisen; davon abgesehen, dass dazu redaktionell betreute Heimat- oder Boulevardmagazine bis hin zur Kreuzfahrt-Reportage zählen, wird ihre Primetime zusehends von folgenschwerem Journalismus bereinigt. Auch Monitor ist in 60 Jahren 90 Minuten Richtung Nacht gewandert. Nur montags bleibt zur Hauptsendezeit noch Platz für Dokus – deren Hauptfiguren allerdings gern mal vier und mehr Beine haben.

Nur: das anzuprangern klingt verteufelt nach Klagen übers Ende gedruckter Zeitungen, deren Existenznöte ungleich virulenter sind. Fragen Sie mal beim Stern! Ehedem ein solcher am Himmel Hamburger Medienherrlichkeit, steuert die neue Besitzerin RTL das Flaggschiff des aufgekauften Print-Verlags Gruner + Jahr bewusst in die Bedeutungslosigkeit, nimmt der Demokratie ein weiteres Sturmgeschütz zur Abwehr rechtsradikaler Kräfte. Und damit zurück zu Michel Friedman.

Denn Großteile seiner frei gehaltenen, messerscharfen, rhetorisch brillanten Rede gelten weder Einschalt- noch Qualitätsquoten, sondern der AfD. Ihrer destruktiven Kraft, das betont er wie die kurdischstämmige Schriftstellerin Mely Kiyak als Abschlussrednerin ständig, sei nur ein gutrecherchierter, handwerklich solider, haltungsstarker, stressresilienter Journalismus gewachsen. Einer, wie ihn der Monitor fast verbissen betreibt. „Ihr seid ganz schön anstrengend“, sekundiert Ellen Ehni. „Aber es macht Spaß, mit euch zu streiten“. Hoffentlich nochmals 60 Jahre in Frieden, Freiheit, Pluralismus.