60 Jahre Monitor: Digitalisierung & Courage
Posted: June 1, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentJournalistische Tofuwollmilchsauhenne
Das ARD-Magazin Monitor ist 60 Jahre alt geworden. Und der WDR hat sich dafür in Köln vergleichsweise groß gefeiert. Mit Michel Friedman als Gastredner und einer gemeinsamen Botschaft: Nicht erst die Zukunft ist digital, sondern die Gegenwart. Und in der gibt es vor allem eine Gefahr, der sich gerne noch mehr Fernsehredaktionen so beherzt entgegenstellen dürfen, wie Monitor: die AfD.
Von Jan Freitag
Georg Restle, darauf können sich vermutlich sogar seine Gegner einigen, ist ganz schön unerschrocken – sonst hätte ihn der WDR nicht zum Redaktionsleiter des vielleicht furchtlosesten Politmagazins im deutschen Fernsehjournalismus berufen: Monitor. Für die Mächtigen und Machtversessenen ein Titel wie Donnerhall. Für die Machtlosen und Machtbetroffenen ein Grund zum Feiern. Am 21. Mai 1965 lief die allererste Sendung dieser investigativen Institution im Ersten Programm.
Genau 60 Jahre und einen Tag später lädt der größte ARD-Sender ins Wirtschaftswunderambiente des unwesentlich älteren Kölner Funkhauses. Um dem Jubilar zu genügen, hat die Redaktion gewiss lange überlegt, wen sie als Laudator verpflichtet. Und wie Georg Restle ihn mit Hand in der Hosentasche ankündigt, wie der furchtlose Journalist beim Namen allein leiser, fast demütig wird, wie er betont, ihm keinerlei inhaltliche Vorgaben gemacht zu haben, als hätte der das jemals zugelassen – da wird klar: Es kann nur Michel Friedman sein.
Nach einem eher routinierten als inspirierten Grußwort der WDR-Intendantin Kathrin Vernau, liest der frühere HR-Moderator dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk fast zehn seiner 45 Minuten Redezeit die Leviten. Wie einst beim Fernsehschafott „Vorsicht Friedman!“ beklagt er edel gewandet und sprachgewaltig Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung und erntet auch dafür dutzendfach donnernden, am Ende gar stehenden Applaus.
Als philosophischer Publizist (oder umgekehrt) teilt Friedman nicht nur gegen die AfD und (endlich) ihre Wähler aus; er zürnt auch seinesgleichen. Bis auf den Anlass seiner Suada, versteht sich: „Monitor“. Oder wie er es vier Monate nach seinem CDU-Austritt nennt: „Das Fragezeichen des Journalismus gegen die Ausrufezeichen der Totalitären“, dessen Grundhaltung die „der Menschenrechte und der Demokratie“ sei. „Wir brauchen Sie“, fügt er ganz leise hinzu und mit der Hand am Herz: „Ich brauche Sie!“
Fragt sich nur: wer braucht ihn eigentlich sonst noch? Die öffentlich-rechtlichen Politmagazine stehen unter Druck. Quotenfixierung, Feuilletonverachtung, Informationsreduzierung, Nischenausdünnung kosten für sich ja schon Reichweite, Renommee, Relevanz. Hinzu kommt allerdings ein anderes, womöglich größeres Problem; und keiner der 200 geladenen Gäste inklusive Monitor-Legende Sonia Mikich oder WDR-Programmdirektor Jörg Schönenborn käme bei Häppchen, Bier und Festtagslaune darauf, es zu leugnen: die Sehgewohnheiten, besonders jüngerer Zielgruppen.
„Wir erleben schon länger, dass sich immer weniger Menschen zu einem bestimmten Sendetermin vor den Fernsehgeräten versammeln“, sagt Restle im RND-Interview. „Und davon sind auch die Politikmagazine betroffen.“ Obwohl nach wie vor drei Millionen Leute linear einschalten, wird sein Magazin also modernisiert – und zwar weit übers neue Logo, das seltsam an die Pariser Metro erinnert, hinaus. Oder wie er es ganz in Schwarz ohne Blumenstrauß auf der Funkhaus-Bühne ausdrückt: „Die Sendung wird radikal digital first und erst dann zu einer Fernsehsendung.“
Alle Reportagen, Beiträge und Dokus sind künftig bereits vorm Sendetermin donnerstags kurz vor zehn in der ARD-Mediathek, aber auch bei Youtube, Instagram oder Facebook verfügbar. Neue Erzählformen in neuem Look bis hin zum teenageraffinen „Team Recherche“ auf TikTok sollen überdies ein jüngeres Publikum ansprechen, ohne das ältere zu vergraulen. Und dabei auch weiter dort hingehen, „wo es wehtut“, wie Ellen Ehni als ranghöchste Gratulantin in ihrem Redebeitrag fordert.
Als „crossmediale Marke mit einer Berichterstattung“, die „von den Algorithmen nicht immer belohnt wird“, dennoch Diskurshoheit für sich beansprucht und nebenbei den Staatauftrag (über)erfüllt, macht die Chefredakteurin ihren „Monitor“ damit zur journalistischen Tofuwollmilchsauhenne. Kein Wunder also, dass der Umtrunk einer Kampfansage gleicht. Die Big Five der ARD-Magazine kriegen schließlich nicht nur Feuer von rechts, sondern dem eigenen Nachwuchs.
Während Monitor, Fakt, Panorama, Report und Weltspiegel im Ersten analog zu Berlin direkt, auslandsjournal und frontal im ZDF die Fernsehgenerationen Wirtschaftswunder bis Golf ansprechen, sind die Internetgenerationen Y bis Z nahezu vollumfänglich ins Digitale abgewandert. Immerhin: allein lässt sie die ARD dort nicht. Das Jugendportal funk zum Beispiel stellt mit psychologeek, reporter, offen un‘ ehrlich oder den Datteltätern reihenweise altersgerechtes Infotainment online.
Und während das Netz einst meist leichte Unterhaltung gefangen hat, müssen sich Investigativ-Formte wie STRG_F und Y-Kollektiv ebenso wenig hinter Georg Restle verstecken wie Erkenntnisformate à la maiLab oder MrWissen2go hinter Ranga Yogeshwar. Diese Qualitätsoffensive ist allerdings auch nötig. Seit das Duale System die öffentlich-rechtliche Angebotspolitik dem kommerziellen Nachfrageprinzip unterwirft, sind ARZDF Teil derselben Aufmerksamkeitsökonomie wie RTL und Pro7 oder zuletzt Netflix und Amazon Prime.
Leidtragende, klar: Kultur, Politik, Wirtschaft. Das Erste mag ja mantraartig seine aktuell 41 Prozent Informationsanteile lobpreisen; davon abgesehen, dass dazu redaktionell betreute Heimat- oder Boulevardmagazine bis hin zur Kreuzfahrt-Reportage zählen, wird ihre Primetime zusehends von folgenschwerem Journalismus bereinigt. Auch Monitor ist in 60 Jahren 90 Minuten Richtung Nacht gewandert. Nur montags bleibt zur Hauptsendezeit noch Platz für Dokus – deren Hauptfiguren allerdings gern mal vier und mehr Beine haben.
Nur: das anzuprangern klingt verteufelt nach Klagen übers Ende gedruckter Zeitungen, deren Existenznöte ungleich virulenter sind. Fragen Sie mal beim Stern! Ehedem ein solcher am Himmel Hamburger Medienherrlichkeit, steuert die neue Besitzerin RTL das Flaggschiff des aufgekauften Print-Verlags Gruner + Jahr bewusst in die Bedeutungslosigkeit, nimmt der Demokratie ein weiteres Sturmgeschütz zur Abwehr rechtsradikaler Kräfte. Und damit zurück zu Michel Friedman.
Denn Großteile seiner frei gehaltenen, messerscharfen, rhetorisch brillanten Rede gelten weder Einschalt- noch Qualitätsquoten, sondern der AfD. Ihrer destruktiven Kraft, das betont er wie die kurdischstämmige Schriftstellerin Mely Kiyak als Abschlussrednerin ständig, sei nur ein gutrecherchierter, handwerklich solider, haltungsstarker, stressresilienter Journalismus gewachsen. Einer, wie ihn der Monitor fast verbissen betreibt. „Ihr seid ganz schön anstrengend“, sekundiert Ellen Ehni. „Aber es macht Spaß, mit euch zu streiten“. Hoffentlich nochmals 60 Jahre in Frieden, Freiheit, Pluralismus.