Weidels Schönheit & Momoas Krieger

Die Gebrauchtwoche

21. – 27. Juli

Die ARD-Sommerinterviews waren mal das, was ihre Jahreszeit dramaturgisch anzudeuten schien: durchaus diskursives, aber irgendwie entspanntes Politikgeplauder im Sonnenschein des Berliner Spreebogens. Eine Open-Air-Veranstaltung unter Open-Air-Bedingungen. Meistens zu heiß und mitunter verregnet, blieb die Hauptstadt akustisch allerdings außen vor. Bis vor acht Tagen, als Alice Weidel ihr eigenes Wort kaum verstand – so laut sang ein Chor des Zentrums für politische Schönheit gegen den Wahnsinn an, mit Nazis zu reden.

Schlimmer, als ihrem Postergirl abermals eine so prominente PR-Plattform zu bieten, war allerdings, was das Erste während und nach der Kunstaktion tat: Denn erst half Moderator Markus Preiss der AfD-Chefin dabei, sich als Opfer zu gerieren. Dann warf die ARD nicht etwa der Demokratiefeindin, sondern ihrer zivilgesellschaftlichen Opposition ein Fehlverhalten vor. Klingt seltsam schwefelig nach Donald Trump, der diese Schubumkehr gerade perfektioniert.

Kaum dass der renitente Stephen Colbert rausgeworfen wurde, rutscht Paramount Global auf Trumps Speichel zur Fusion mit Skydance Media, wo fürderhin kein kritisches Wort mehr über den König von Amerika zu hören sein dürfte. Das wiederum könnte künftig ausgerechnet Rupert Murdochs Fox News tun, nachdem Donald Trump dessen Wall Street Journal wegen eines veröffentlichten Briefs an Jeffrey Epstein erst aus der Air Force One geschmissen hat und nun auf zehn Milliarden Dollar verklagt.

Angesichts solcher Summen rutscht ein kleinerer Medienskandal fast aus dem Rampenlicht: Als die Kiss-Cam beim Coldplay-Konzert einen CEO mit seiner Geliebten entlarvte, lief dem Boulevard der Sabber aus Augen, Mund und Nase. Darunter, da wird es nun heikel, der ZDF-Sommergarten, wo ebenfalls ein Pranger für die zwei Privatpersonen errichtet wurde. Für ein öffentlich-rechtliches Medium mehr als peinlich. Ob Wolfram Weimer das missbilligt, ist nicht überliefert.

Dafür kritisiert der Kulturstaatsminister den geringen Anteil deutscher Fiktionen internationaler Streamingdienste, die er gerne zur Erhöhung verdonnern würde. Wohl auch, weil rechtskonservative Politiker seit jeher alles dafür tun, ARZDF ihr Publikum abspenstig zu machen. Jene Sender also, denen der Flugzeugabsturz in Bangladesch Meldungen der Hauptnachrichten wert war, weil es bekanntlich die einzigen 16 Opfer des asiatischen Landes war, in dem ansonsten niemand eines unnatürlichen Todes stirbt.

Die Frischwoche

28. Juli – 3. August

Nirgendwo wird allerdings häufiger eines unnatürlichen Todes gestorben als im Actionblockbuster. Und je weiter er in der Zeit rückwärts reist, desto grausamer. In der Apple-Serie Chief of War braucht es zwar geschlagene 45 von insgesamt rund 500 Minuten, bis die Figuren zur ersten Schlacht ziehen. Dann aber werden in 180 Sekunden derart viele Hawaiianer und ein paar Hawaiianerinnen dahingemetzelt, dass man ahnt, worauf Jason Momoa mit seinem Achtteiler hinauswill.

Das Nation Building seiner Heimat, teilt uns der Showrunner mit seiner Hauptrolle als real existierender Stammesführer im Krieg der Inseln vor 250 Jahren mit, war hart und brutal. Aber weil es abseits wesensböser Fieslinge genügend edle Ritter wie Ka’iana gab, erleben wir zwar ein achtteiliges Schlachtfest der grausamsten Art. Es hat aber ein Happyend mit fortsetzungstauglichem Cliffhanger. Was es nicht hat: Unterhaltungswert über spektakuläre Schlachtengemälde hinaus.

Den muss man in dieser Woche reanimieren, wenn Arte ab Freitag sämtliche Staffeln Mad Men online stellt. Oder auf gleichem Kanal die niederländische Dramaserie Don’t Fall, Dance schauen, in der sich eine Krebspatientin absolut sehenswert über ihre Krankheit hinwegtanzt. Parallel startet Paramount+ mit Back Horror und Cold Meat zwei Gruselthriller. Tags zuvor zeigt Netflix die südafrikanische Heist-Serie Marked, in der weit mehr schiefgeht als bei Ocean’s Eleven. Und zum Wochenabschluss stellt das Erste die deutsche Culture-Clash-Komödie Nicht ganz koscher online.

Ab Samstag verschlägt es einen ultraorthodoxen Juden aus Brooklyn und einen Beduinen vom Sinai auf dem Weg nach Alexandria versehentlich in die Wüste, wo sie auf langer Irrfahrt ihre wechselseitigen Vorurteile überwinden. Dass dieses preisgekrönte FilmDebüt von jemandem mit Namen (Stefan) Sarazin stammt, ist da bei weitem nicht der beste Witz…


Richterschelte & Katzenaugen

Die Gebrauchtwoche

14. – 20. Juli

Was unsere Medienlandschaft so komplex, Tendenz kompliziert macht, ist nicht allein die Unmenge an Medien und Landschaften. Es sind auch ihre Marken und Bewohner. Kaum haben wir uns Ferda Ataman oder Thomas Haldenwang gemerkt, werden sie von Frauke Brosius-Gersdorf verdrängt. Seit fast zwei Wochen besetzt die Verfassungsrichterin in spe nahezu jedes publizistische Forum, Markus Lanz Talksessel. Dort erklärte sie was Vernunftbegabten links hinlänglich bekannt war.

Auf dem glatten Weg ins höchste deutsche Gericht sind demnach nicht mal mehr untadelige Juristinnen vorm Diffamierungsfeuer populistischer Demagogen gefeit, mit dem neben AfD und Bild längst auch die Scharfmacher aus CDU/CSU spielen. Wie sie damit Demokratie und Pluralismus gefährdet, ist die Union einem Donald Trump, der wegen seiner Weigerung, sämtliche Akten zu Jeffrey Epstein freizugeben, selbst unter MAGA-Jüngern kritisiert wird, längst näher als sie denkt.

Noch nutzen Jens Spahn und Friedrich Merz ihre Macht und Millionen zwar nicht dafür, kritische Medien unter Druck zu setzen. Im Klima, das sie grad vergiften, ist es aber zusehends denkbar, dass Jan Böhmermann demnächst Stephan Colberts Schicksal ereilt. Weil Paramount Trumps Zustimmung für einen Besitzerwechsel braucht, hat die Sendertochter CBS offenbar dem erfolgreichsten US-Talkhost trotz steigender Quoten gekündigt.

Vielleicht wird er ja bald schon von Grok ersetzt. Schließlich hält Elon Musk seine KI, die sich selbst mal MechaHitler nannte, für „intelligenter als alle Doktoranden der Welt“. Anhand solcher Aussagen könnte die EU-Kommission im Zoll-Streit mit den USA nun wirklich mal energisch auf eine Besteuerung sozialer Medien und Messenger wie die Propaganda-Plattform X dringen. Was allerdings geschehen wird? Außer der Aufweichung europäischer Standards: Nichts. Was geschehen ist? Sebastian Hotz alias El Hotzo wurde jetzt für seine Freude über sterbende Faschisten angeklagt.

Wie gut, dass deutsche Gerichte vor 80 Jahren nicht über die alliierten Todesurteile für NS-Verbrecher geurteilt haben… Was noch war die Woche? Apple TV bemüht sich um die Rechte an der Formel 1. Und Patricia Schlesinger kriegt zwar einen Monat Ruhegelde vom RBB, könnte aber für ihr Versagen in punkto digitales Medienhaus haftbar gemacht werden. Es bleibt spannend in Berlin.

Die Frischwoche

21. – 27. Juli

Spannender jedenfalls als im Sommerloch, dass dank der Streamingdienste doch eigentlich der Vergangenheit angehören sollte. Hervorzuheben wäre darin noch Das Attentat auf Arte. Acht hochinteressante Folgen lang geht es darin um die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Đinđić. Vor 22 Jahren führte sein Tod zum Ende der Aufarbeitung des Jugoslawien-Kriegs und damit schnurstracks in die nächste Tyrannei des Balkans.

Ganz so folgenschwer ist The German zwar nicht. Mit dem Deutschen Oliver Masucci als Mossad-Spion, begibt sich die israelische Thriller Donnerstag bei Magenta TV allerdings tief in die Abgründe des Nahostkonflikts. Dagegen sind vier aktuelle Serienstarts eher harmlos. Bereits gestartet ist die südafrikanische ARD-Serie The Morning After, in der das Party Girl Nina nach ihrem One-Night-Stand in seinen meist dramatischen, mitunter komischen Abwärtsstrudel gerissen wird.

Komisch möchte auch die Actionserie Cat’s Eyes sein, in der drei bildschöne Schwestern den Tod ihres Vaters rächen. Wie sie dafür in die Pariser Kunst-Szene abtauchen, ist jedoch auf so depperte Art oberflächlich, dass man sich stattdessen auch acht Stunden durch Lifestyle-Videos bezahlter Insta-Influencerinnen scrollen kann. Dann doch lieber die Abenteuer-Serie Washington Black ab Mittwoch bei Disney+; die macht uns wenigstens nicht vor, in der Realität zu spielen.

Das gilt auch für die deutsche Frechheit der Woche: Rembetis. Ab Freitag mutiert ein griechischer Gastronom und seine Kinder darin achtmal 25 Minuten in der ZDF-Mediathek zu Geisterjägern. So löblich es ist, ihre zahlenmäßig starken, popkulturell ausgegrenzten Landsleute ins Rampenlicht einer Seriengroteske zu rücken: Vielleicht hätte man dafür doch jemanden vom Fach gesucht, als amateurhafte Quereinsteiger auf Fanta-Korn.


ZDF-Doku: #looksmaxxing

Misogyner Schönheitswahn

Auch Männer wollen gut aussehen. Um nahezu jeden Preis. Die ZDF-Doku #Looksmaxxing zeigt allerdings auf bedrückende Art, wie sie aus dem Wunsch nach Attraktivität ein misogynes Unterdrückungsinstrument der Manosphere machen. Und die ist auf dem Vormarsch.

Von Jan Freitag

Es war einmal, dieser Zustand scheint in Zeiten gestapelter Krisen ganze Epochen her zu sein, das Ende der Geschichte. Als westliche Demokratien östliche Diktaturen 1989 besiegt hatten, wurde die Menschheit angeblich in alle Ewigkeit freier, gleicher, geschwisterlicher. Das Patriarchat mündete seinerzeit in einen Postheroismus, der mit Geschlechterbildern brach wie einst nur wenige Blumenkinder in Kalifornien. Lange her. Heute nämlich kehrt der alte Männlichkeitswahn zurück, obgleich in neuen Gewändern.

Ihr Name: #looksmaxxing. Cooles Wort, toxische Bedeutung. Denn es bezeichnet den Trend, sein Äußeres derart kompromisslos, mitunter brachial zu „optimieren“, dass keine Frau ihm widerstehen könne. So lautet zumindest das Ziel einer Sekte, der die ZDF-Mediathek eine Dokumentation von bedrohlicher Dringlichkeit widmet. Zwölf Monate ist der britische Regisseur Ben Zand tief in die Lookmaxxer-Szene eingetaucht und hat dabei verblüffende Männer getroffen.

Den Engländer Austin Wayne zum Beispiel, der seine Kieferlinie früher mit Hammerschlägen auskonturierte und nun auf ein Repertoire sanfterer Mittel umgestiegen ist. Oder den Polen L.T., der sich für acht Zentimeter Körpergröße die Beine brechen lässt, weil „Charisma, Größe, gutes Aussehen“ karrierefördernd sei. Oder ein Pseudonym namens Adonis, der nach Bestätigung sucht und sich dafür sein Sixpack im Netz bewerten lässt. Es sind die Pole einer Selbstoptimierungsgesellschaft, deren Schönheitsimperativ längst nicht mehr nur Frauen versklavt, sondern auch Männer. Was für ein Rückschritt!

Galt es in den Siebzigern als progressiv, dass sich die Gatten adretter Hausfrauen nicht mehr bei Wirtschaftswunderbraten mit Soße gehenließen, führte die Gleichberechtigung beide Geschlechter bald in eine Perfektionierungsspirale. Statt, wie vom Feminismus gefordert, Damen und Herren Hand in Hand vom Schönheitswahn zu befreien, haben pharmazeutische PR-Abteilungen letztere davon überzeugt, ersteren nachzueifern. Ergebnis: Neben drei Regalmetern medizinisch sinnloser Collagen-Cremes für weibliche Haut, gibt es jetzt auch deren zwei für die maskuline.

Kein Wunder, dass Heidi Klum nun auch große Jungen zu Zuchthengstgen ihrer Ausbeutungsmaschinerie drillt. „Der Körper wird zum Projekt“, hatte Andreas Reckwitz bereits 2017 in seinem Standardwerk Die Gesellschaft der Singularitäten geschrieben. „Ein Material, das immer weiter geformt, gestaltet, perfektioniert werden soll“. Lange Zeit rein weibliches Terrain, ergänzt seine Kollegin Paula-Irene Villa von der LMU München, sei die Gestaltung des Äußerlichen nun „Teil des neuen männlichen Selbstverständnisses. Auch die Herren der Schöpfung wollen halt „schön sein, jung sein, gesund aussehen“.

Verstärkt durchs permanente Vergleichen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, ist aus diesem Trend eine Bewegung geworden. Sie nennt sich „Blackpill“ und suggeriert, dass nur attraktive Männer Erfolg im Job, Bett, Alltag haben. Ben Zands Beobachtungsobjekte füllen dafür ein umfangreiches Arsenal minimal bis maximal invasiver Pillen, Cremes, chirurgischer Eingriffe. Ob UEE (Upper Eyelid Exposure), Mewing (Jawline-Optimierung) oder aufwändige Zahnengstandkorrekturen: Um ihren SMB (Sexueller Marktwert) zu steigern, investieren Lookmaxxer Unsummen für Dinge, die ihnen Influencer empfehlen.

Bis zu acht Stunden täglich verbringt Zands Zeitzeuge Finn dafür mit Austin Wayne, der Hunderttausende Follower um Millionen Euro und zahlreiche Nuancen ihrer angeborenen Persönlichkeit erleichtert. Wäre das alles, könnte man dem Film mit einer Mischung aus Faszination, Fremdscham, Schadenfreude folgen. Im Verlauf dieser 45-minütigen Reise ins Herz der algorithmischen Finsternis allerdings entlarvt #looksmaxxing das, was ebenso dahintersteckt: die Misogynie der „Manosphere“ genannten Zone frauenverachtender Männer.

Für die gab es zwar schon immer Stattlichkeitsideale. Um Damen, Höfe, Länder zu erobern, besetzen, verteidigen, sollten sie seit der Antike breitschultrig, hochgewachsen, maskulin sein. Mit jedem Erkenntnisgewinn der Spätaufklärung jedoch wurde das Ideal männlicher Maße mehr zum Selbstzweck einer wachsenden Gruppe westlicher, weißer, heterosexueller Relikte vormoderner Zeiten. Und auf der Suche nach Schuldigen für den Verlust jahrtausendealter Privilegien, stößt ein Teil von ihnen auf Frauen im Allgemeinen und den Feminismus im Besonderen.

Ein Phänomen, dass die postheroische Gesellschaft am Ende der Geschichte nicht hervorgebracht, aber verstärkt hat. Aus gewöhnlicher Unsicherheit, so erklärt es der Social-Media-Experte Callum Hood vom Zentrum gegen digitalen Hass in Zands Doku, „kann toxische Besessenheit werden.“ Schließlich ist körperliche Optimierung in unserer hochkomplexen Gegenwart barrierefreier zu haben als intellektuelle. „Das ganze Shrek-Märchen ist eben nicht real“, sagt der Looksmaxxer Felix zu Zands, „schöne Mädchen verlieben sich nicht in dicke grüne Männer“.

Damit bringt er das Businessmodell geschäftstüchtiger Blackpill-Influencer, die besonders unter Incels auf offene Ohren und PayPal-Accounts stoßen, auf den Punkt. Ihre Selbstzweifel projizieren Paarungsmarktverlierer ja nicht auf erfolgreiche Konkurrenten, sondern das knappe Gut gemeinsamer Anstrengungen um Interesse, Respekt, Liebe. Wenn Felix Teilnehmerinnen einer Straßenumfrage Lügen unterstellt, weil sie innere Werte höher gewichten als äußere, diskreditiert er Weiblichkeit im Ganzen als unehrlich. Und wenn Austin seinen 200.000 Followern bei Instagram weismacht, „Frauen wollen immer noch starke Männer, die sie beschützen“, macht er diese Lügen zum reichweitestarken Machtinstrument.

Denn darum, das macht die Dokumentation in aller Kürze klar, geht es. Darum zahlt L.T. für seine schmerzhafte Oberschenkelknochen-Verlängerung 75.000 Euro. Darum hat sich die Mitgliederzahl der größten Looksmaxxing-Plattform seit 2021 vervierfacht. Darum legt der Umsatz mit Anti-Aging-Produkten für Männer jedes Jahr um vier bis acht Prozent und damit doppelt so schnell zu, wie bei Frauen. Darum hat sich die Zahl der Schönheitsoperationen auch dank männlicher Eingriffe seit 2010 nahezu verdreifacht.

„Die Imperative der Schönheit, Gesundheit und Jugendlichkeit“, meint der angesehene Kulturwissenschaftler Thomas Macho, „sind zu moralischen Geboten geworden“. Sie haben somit den Weg vom Äußeren ins Innere geschafft. Das Ende der Geschichte: auf dem Feld äußerlich optimierter Männer steht es gerade mal in den Startblöcken.


Doku: 50 Jahre Der weiße Hai

Knorpelfisch und Kinokasse

Vor genau 50 Jahren feierte Der weiße Hai Premiere. Er wurde zum einflussreichsten Film seiner ohnehin schon wirkmächtigen Kino-Epoche. Mit ihm erfand der junge Steven Spielberg nicht nur den Blockbuster moderner Prägung, sondern auch das Merchandising. Eine Disney-Doku erklärt, warum.

Von Jan Freitag

Es soll ja angeblich Leute geben, die Filme doppelt, ja dreifach schauen. Aber gleich einunddreißigmal, in Worten: 31? So oft hat Steven Soderbergh nach eigener Aussage ein, ach was: das Meisterwerk seines Vornamensvetters allein auf Leinwand gesehen, als es 1975 das Dunkel der Lichtspielhäuser in aller Welt erhellte. Kein Wunder, sagt der ähnlich berühmte Regisseur meisterlicher Werke wie Oceans’s Eleven oder Traffic: Mit damals ganzen zwölf Jahren habe es Steven Soderbergh „dazu gebracht, über eine Karriere als Filmemacher nachzudenken“. Und nicht nur ihn.

Zum 50. Geburtstag von Der weiße Hai hat Laurent Bouzereau im Auftrag von National Geographic ein halbes Kino voll berühmter Kollegen des erfolgreichsten Regisseurs aller Zeiten eingeladen. Und einerlei, ob James Cameron oder Cameron Crowe, Guillermo del Torro oder Robert Zemeckis: jeder von ihnen huldigt Steven Spielbergs endgültigem Durchbruch, den kein Geringerer als Quentin Tarantino als „perfekten Film“ bezeichnet. Nur warum eigentlich?

Dieser Frage geht der französische Cineast Bouzereau sagenhaft interessante 90 Minuten lang nach und findet dafür nicht nur massenhaft prominente Zeitzeugen, sondern auch schlüssige Antworten. Die wichtigste liefert das Publikum. Grisselige Nachrichtenbilder von damals zeigen, wie es sich noch Wochen nach der Premiere am 20. Juni 1975 kilometerlang vor den Kinos staut. Dieser Kassenerfolg hat Jaws, wie Der weiße Hai in Peter Benchleys gleichnamigen Verfilmung seines eigenen Bestsellers nur hieß, buchstäblich zum ersten Blockbuster gemacht.

Dicht gefolgt von einer PR-Offensive sondergleichen, die bereits zwei Jahre vor „Star Wars“ mit Merchandising Abermillionen einnahm und das Filmgeschäft endgültig zur Industrie aufblies. Bouzereaus „Definitive Inside-Story“ geht ihr ab heute bei Disney+ allerdings auch filmästhetisch auf den Grund. Oder wie es Spielbergs Epigone J. J. Abrams ausdrückt: „Jaws hat die Sprache des Kinos verändert, seine gesamte Mechanik, alles.“ In der Tat. Das acht Meter lange Modell eines mechanischen Carcharodon carcharias zum Beispiel: Der Ozeanologe Dr. Austin Gallagher zeigt sich „bis heute fasziniert davon, wie authentisch es ist.“

Noch imposanter waren allerdings die Dreharbeiten dreier Superstars auf offener See. Mit Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss wurden völlig unterschiedliche Schauspieler an verschiedenen Stellen ihrer Karrieren auf ein winziges Fischerboot in den Kampf mit einem Knorpelfisch gigantischen Ausmaßes gezwängt. Und das, erzählt Steven Spielberg höchstpersönlich, habe nicht nur sämtliche Geld- und Zeitkontingente gesprengt. Es schuf auch ein Kammerspiel der Extraklasse, das völlig neue Helden kreierte und auch dafür mit Preisen überhäuft wurde.

Ausgerechnet jener Film also, von dem Spielberg noch kurz vorm Schnittraum dachte, „er würde meine Karriere beenden“, habe sie „erst richtig gestartet“. Schon dank seiner dramaturgischen Intensität. Der Cast zum Beispiel bestand bis auf acht Hauptdarsteller komplett aus Bewohnern der Insel Marthas Vineyard vor Massachusetts, wo zu Lande gedreht wurde. Dieser Naturalismus eingeborener Laien habe die Hollywood-Profis aus Sicht aller Fachleute zu Höchstleistungen animiert. Damit sticht „Der weiße Hai“ sogar aus seiner Epoche heraus. Und das will was heißen.

Respektlose, aber geschäftstüchtige Bilderstürmer um Martin Scorsese, Robert Altman oder Francis Ford Coppola, aber auch Ingmar Bergmann und Werner Herzog, Federico Fellini oder Rainer Werner Fassbinder haben das behäbige Nachkriegskino im Sog sozialer, sexueller, politischer Emanzipationsbewegungen damals umgewälzt. Erdbeben hat Katastrophenfilme verändert und Hallowen Horrorfilme, Apokalypse Now hat Kriegsfilme verändert und Dirty Harry Actionfilme, Einer flog übers Kuckucksnest hat Komödien verändert und Alien Science-Fiction, Taxi Driver hat Gesellschaftsdramen verändert und Kramer gegen Kramer Ehedramen.

Kein massenwirksames Werk allerdings definierte Moral und Geschichten, Sympathieträger und Antagonisten, Bildsprache und Drehtechniken, mithin also die gesamte Filmästhetik richtungsweisender als Jaws. Im Gedenken an Alfred Hitchcocks Suspense, würfelte Steven Spielberg Freund und Feind, Gut und Böse so virtuos durcheinander, dass nur schlichte Gemüter seinen Weißhai für den Endgegner halten. Während ihn wachere Geister im Kapitalismus und seinem Anwalt erkennen, dem profitgierigen Bürgermeister Vaughn, ist es letztlich nur John Williams epischer Soundtrack, der das Meeresraubtier als größte Gefahr ausweist.

Es hat ihm, das lässt sich Laurent Bouzereau im letzten Drittel von einem Dutzend Naturwissenschaftlern erklären, wenig genützt. Im Gegenteil. Jaws, sagt die Meeresbiologin Wendy Benchley seufzend, „hat unsere Sicht auf Haie komplett geändert“. Wie Fledermäuse dank Graf Dracula zum allgemeinen Hass- und Jagdobjekt wurden, hat „Der weiße Hai“ zur weltweiten Jagd aufs bedrohliche, aber unverzichtbare Raubtier geführt. Obwohl es unlängst den ersten tödlichen Angriff Amerikas seit 80 Jahren gab, wie Bouzereau schildert, hat die fiktional entfesselte Furcht vorm vermeintlichen Monster seine Population an den Rand des Zusammenbruchs gebracht.

Die nächste Auswirkung eines der wirkmächtigsten Filme aller Zeiten im Weltmaßstab also. Und keinesfalls die letzte. Auch 50 Jahre nach der Premiere bleibt er schließlich in aller Munde. Von Emily Blunt zum Beispiel, die ihn „bis heute immer wieder schauen könnte“, wie die beteuert. Dass die Schauspielerin neben Lorraine Garry – einst Gattin von Roy Scheiders Hauptfigur Chief Brody – als einzige Frau unter den Filmschaffenden zu Wort kommt, hat vermutlich damit zu tun, dass Hollywood hinter der Kamera seinerzeit Männerzone Zone war.

Aber auch das sagt ja einiges über die Epoche und ihren Jubilar aus, den James Cameron mit dessen Titelfigur vergleicht. „Manchmal werden Filme eben zu Haien“, sagt der (ähnlich legendäre) Titanic-Regisseur: „Perfekte Maschinen.“ Und 1975 liefen sie so heiß, dass sich vor Kinos kilometerlange Schlangen gebildet haben, in denen globaler Diskussionsstoff aller Gruppen, Schichten, Altersklassen lief. Dass 50 Jahre später jemand wie Steven Soderbergh 31-mal denselben Film sieht und dafür Eintritt zahlt, scheint da ausgeschlossen. Aber Jaws @ 50: Die Geschichte hinter dem Blockbuster erklärt ab heute bei Disney+ gut, warum es 1975 so war.


Sky: The Narrow Road to the Deep North

Vom Erniedrigen und Ertragen

The Narrow Road to the Deep North erzählt fünf fesselnde Episoden lang von alliierten Soldaten, die in japanischer Kriegsgefangenschaft versklavt, geschlagen, gedemütigt und getötet werden. Ein furioses, philosophisches, ungeheuer eindringliches Seriendrama – trotz und wegen der drastischen Gewalt.

Von Jan Freitag

Wie unverblümt der Krieg künstlerisch dargestellt werden sollte, um weder in Voyeurismus noch Eskapismus zu verfallen, hat die Malerei von Otto Dix über de Goya bis Käthe Kollwitz mitunter eindeutig beantwortet. Das Fernsehen ist dagegen trotz aller Gewaltaffinität noch unschlüssig. Selbst Steven Spielbergs Invasionsgemetzel Saving Private Ryan hat die blutige Landung in der Normandie vor 27 Jahren nach einer knappen Stunde ja angewidert abgebrochen und als Melodram fortgesetzt.

Der australische Regisseur Justin Kurzel macht es da gewissermaßen umgekehrt. Nach Drehbüchern seines Landsmanns Shaun Grant startet er die Adaption von Richard Flanagans Tatsachenroman The Narrow Road to the Deep North in Friedenszeiten, also nicht gerade melodramatisch, aber noch relativ verblümt. Nach einer knappen Stunde allerdings geht sie derart nahtlos zum Wesenskern menschlicher Barbarei über, dass es beim Zuschauen wehtut. Nahezu pausenlos. Fünf Dreiviertelstunden lang. Und das, obwohl von der ersten bis zur 225 Minute kaum ein hörbarer Schuss fällt.

Es geht um den australischen Sanitätsoffizier Dorrigo Evans (Jacob Elordi), der sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in die junge Frau seines Onkels (Simon Baker) verliebt und kurz darauf an die südostasiatische Front berufen wird. Während der Fünfteiler also vergleichsweise glimpflich, teilweise gar romantisch beginnt, gerät Dorrigos Einheit kurz darauf in Gefangenschaft des Hitler-Verbündeten Japan und wird dort gemeinsam mit Abertausenden alliierter Soldaten zum Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn abkommandiert.

Als „Death Railway“ berüchtigt, wird im Lauf dieser eindrucksvollen Serie mit jeder Szene klarer, warum sie auch „Todesstrecke“ heißt. Weil der japanische Ehrenkodex Kriegsgefangenen nicht nur die Freiheit, sondern Achtung, Rang und Würde vorenthält, gelten Dorrigos Männer als wertlos – und werden für den Bau der Zugverbindung durch den Dschungel unbarmherzig verheizt. Während Die Brücke am Kwai, 1958 erste von mittlerweile fünf Fiktionalisierungen dieses Menschheitsverbrechens, noch eine Heldenreise aus dem Herz der Finsternis ins Licht war, gibt es hier keine Heroen. Nur Opfer.

Entsprechend dichotomisch erzählt Curio Pictures in Kooperation mit Amazon MGM und Sony Pictures Television dieses bestialische Stück Geschichte. Unterm zerkratzten Cello von Komponist Jed Kurzel, hält Kameramann Sam Chiplin unerbittlich drauf, wenn die Aufseher ihre Arbeitssklaven weit über den Rand der Belastbarkeit hinaus schinden. Minutenlang wohnen wir einer Beinamputation ohne Narkose bei. Es gibt Enthauptungen in Nahaufnahme. Szene für Szene skelettierter, erdulden die Häftlinge Demütigungen jenseits des Zumutbaren. Es wäre kaum zu ertragen, würden Kurzel und Grant die Grausamkeit nicht in ein Vorher und Nachher einbetten.

Sie erzählen die Story nämlich aus Sicht des greisen Dorrigo – intensiv verkörpert von Ciaran Hinds, den Fans als Widerstandskämpfer Mance Rayder aus „Game of Thrones“ kennen. Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende hat der renommierte Chirurg ein Buch über sein Martyrium geschrieben, wofür er widerwillig Werbung machen soll. In einer zweiten Perspektive bereitet sich sein junges Ich auf den Einsatz in Südostasien vor. Und die dreifachen Zeitsprünge sorgen dafür, tief ins Seelenleben vom Krieg und seiner Akteure – Täter wie Opfer, Beteiligte oder Außenstehende – zu blicken.

Es sind Individuen, die zugleich inner- und außerhalb ihrer Systeme agieren. Soldaten wie Rabbit (William Lodder) zum Beispiel, der selbst ab tiefsten Abgrund seinen Optimismus bewahrt und doch hineinstürzt. Heimgebliebene wie Dorrigos Geliebte Amy (Odessa Young), die in Rückblicken emanzipierter wirkt als ihre Zeit. Offiziere wie Colonel Kota (Taki Abe), der sich zwischen Empathie und Pflichterfüllung stets für letzteres entscheidet und darüber philosophische Debatten mit dem ranghöchsten Offizier führt.

Dieses hierarchische Rededuell weit unter Augenhöhe zeigt, was The Narrow Road to the Deep North kennzeichnet: der völlig unsentimentale, am Ende aber auch deshalb leidenschaftliche Umgang mit allem, was sich rings um den Krieg und seine Konsequenzen abspielt. Genau deshalb geht die Serie über Schlachtengemälde wie The Pacific hinaus, womit Tom Hanks und Steven Spielberg die Mechanik des Krieges am selben Schauplatz erkundet haben. Hier geht es um die Machtmechanismen dahinter und was sie mit Überlebenden anstellen. Oft ein Leben lang anstellen.

Was ihm aus seiner Leidenszeit beim Bau der Bahnlinie am meisten in Erinnerung geblieben sei, will eine Reporterin 1989 vom alten Dorrigo wissen. „Die seltsame, schreckliche Unvergänglichkeit des Menschen“, antwortet er nüchtern. Das bringt sein Leben ebenso auf den Punkt wie die Serie. Schon merkwürdig, was unsere Spezies ihresgleichen zuzufügen fähig ist. Und fast noch merkwürdiger, wie wir es mitunter ertragen. Beides hochkonzentriert in der besten Kriegserzählung seit langem.

The Narrow Road to the Deep North, 5 x 45 Minuten, bei Sky und Wow


Schmerzensgeld & Weißer Hass

Die Gebrauchtwoche

30. Juni – 6. Juli

Und der Wahnsinn nimmt kein Ende. Paramount zahlt Donald Trump 15 Millionen Dollar dafür, dass CBS in seiner Sendung 60 minutes ein Interview mit Kamala Harris geschnitten hat, und obwohl die Klage des amerikanischen Königs dagegen keinerlei Aussicht auf Erfolg gehabt hätte, wirft sich Mehrheitseignerin Shari Redstone vor ihm in den Staub, damit er den Deal durchwinkt, Paramount für mehrere Milliarden Dollar an Skydance zu verkaufen,

Damit reiht sich ein weiteres Medium in die Reihe opportunistischer Feiglinge von Disney bis Meta, die ebenfalls ohne Not Schweigegelder gezahlt haben. Aber gut, im Arschkriechen ist auch die EU-Kommission geübt. Wie gerade durchsickert, wird sie um den Gegenwert geringerer Strafzölle wohl die Regulierung von Hate Speech sozialer Netzwerke aufweichen und damit am Ende auch das von Compact fördern.

Die Nazi-Postille darf nach einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts wie zu erwarten weiter erscheinen. Das Verbot durch Innenministerin Nancy Faeser war zwar juristisch ebenso wie moralisch zwingend geboten, aber vorschnell und stümperhaft exekutiert. Nun haben wir den braunen Salat. Und das alles, während ausgerechnet RTL zum größten deutschen Fernsehplayer aufsteigt, wenn es dem Vernehmen nach Sky Deutschland aufkauft, um Netflix Konkurrenz machen zu können.

Was beim Mutterkonzern, der sich schon G+J einverleibt und geschreddert hat, kaum zu sehen sein dürfte, ist Frauenfußball. Bei RLT läuft schließlich nichts, was etwas anderem als den niederen Instinkten des Massengeschmacks entspricht. Noch zumindest. Denn das deutsche Auftaktspiel der Frauenfußball-EM gegen Polen sahen stolze 8,2 Millionen ARD-Zuschauer und Zuschauerinnen, was fast schon Männerniveau erreicht.

Von dort noch schnell eine Anekdote: Die Tagesschau hat allen Ernstes den gebrochenen Fuß eines Bayern-Spielers bei der sportlich irrelevanten Club-WM in den USA vermeldet. Damit belegt das Erste aufs Neue, was es abseits relevanter Nachrichten seit jeher ist: eine der wichtigsten PR-Abteilungen des Serienmeisters aus München.

Die Frischwoche

7. – 13. Juli

Allein aus Protest dagegen ist diese Rubrik daher heute mal frei von ARD-Tipps. Das ZDF dagegen startet heute mit der Mediatheken-Doku #looksmaxxing, die den männlichen Schönheitswahn unter die Lupe nimmt. Und an gleicher Stelle startet Dienstag die US-Serie Bupkis, eine realfiktionale Sitcom des Stand-up-Comedians Pete Davidson, der acht Teile lang eine überspitzte Version seiner selbst spielt.

Dafür war lange Zeit auch Lena Dunham zuständig, die allerdings langsam hinter die Kamera rückt. Dort verantwortet sie als Showrunnerin ab Donnerstag die Netflix-Serie Too Much um ihr mehrgewichtiges Alter Ego Jessica (Megan Stalter), das von Unglück zu Unglück stolpert, also eigentlich Sympathieträgerin wäre – würde Dunham sie nicht auf entwaffnend komische Art unsympathisch darstellen. Für fiktionale Frauen noch immer ein ungewöhnlicher Zustand.

Bei Arte geht es zwischendurch ungleich ernster zu, wenn sich der deutsche Regisseur Dirk Laabs zwei Tage zuvor 170 Minuten auf die Spur des rechtsextremistischen Terrors begibt und im Dreiteiler World White Hate ein bedrückendes internationales Netzwerk offenlegt. Und das reicht nicht nur bis in die AfD, sondern islamistische Kreise, was echt irre ist. Aber irgendwie zur Sky-Doku 7. Juli – Terror in London passt, die das verheerendste Attentat nach 9/11 vor 20 Jahren skizziert.

Nochmals 30 Jahre älter ist Steven Spielbergs Der Weiße Hai, an den Disney+ Freitag in einer Dokumentation erinnert. Parallel dazu startet bei Apple die zweite Staffel der wuchtigen SciFi-Serie Foundation. Und Amazon Prime hat drei Serienstarts im Angebot, die wir hier einfach mal nur namentlich nennen und damit ein paar Rätsel aufgeben: Menem, Ballard und One Night in Idaho.

Fröhliches Rätselraten. Das beim Netflix-Film Brick unnötig ist, wenn Matthias Schweighöfer mitspielt. Der Twist einer schwarzen Mauer, die plötzlich sein Haus umringt, ist ab von Marlen Haushofers Die Wand, verfilmt mit Maria Gedeck, geklaut. Aber immerhin durfte Matze seine Liebste Ruby O. Fee in den Thriller einbauen. Family Business.


Susan Sideropoulos: GZSZ & My Style

Offene Türen und offene Herzen

Das GZSZ-Gewächs Susann Sideropoulos (Foto: Frank Dicks/ZDF) macht seit jeher leichte Unterhaltung. Wie ihre ZDF-Makeover-Show That’s My Style. Das täuscht allerdings darüber hinweg, wie engagiert die Enkelin jüdischer NS-Opfer gesellschaftspolitisch ist.

Von Jan Freitag

freitagsmedien: Susan Sideropoulos, in That’s My Style helfen Sie Frauen beim Makeover, also der Suche nach einem neuen Kleidungsstil.

Susan Sideropoulos: Mehr noch, anders als anderswo kommen unsere Kandidatinnen mit eigenem Budget und einer Herausforderung im Gepäck. Grad stark abgenommen zu haben etwa oder ausschließlich schwarz zu tragen. Während ich sie wie Freundinnen an die Hand nehme, schauen meine Stylisten daher nicht nur auf den Look, sondern die Persönlichkeit, mit der sie sich im Vorfeld intensiv auseinandergesetzt haben. Es geht also in erster Linie um den Menschen und erst in zweiter um seinen Style.

Als Schauspielerin, Moderatorin, Entertainerin sind Sie es beruflich gewöhnt, dass andere Ihren Look gestalten. Würden Sie das auch privat zulassen?

Im Prinzip schon, denn es geht dabei um Expertise. Wenn jemand fachlich dazu in der Lage ist, meinen Look mitzugestalten, das also professionell oder aus Überzeugung machen, nehme ich es doch dankbar an.

Andererseits ist doch gerade der eigene Stil in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft so sehr Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, dass man ihn sich umso lieber selbst gestaltet.

Vielleicht. Aber gerade, weil uns diese Selbstoptimierungsgesellschaft so viel abverlangt, ist es doch völlig legitim, damit überfordert zu sein und wie unsere Kandidatinnen Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Ansonsten hätten sie sich ja nicht auf diese Sendung beworben. Wobei wir bei unserer Auswahl auch darauf geachtet haben, alle Altersgruppen, Konfektionsgrößen, Herkunftsgeschichten dabei zu haben.

Andererseits werden hier wieder mal Frauen meist von Männern gestaltet. Sagt Ihnen der Begriff „Male Gaze“ etwas?

Noch nicht.

Die weibliche Darstellung in Kunst, Kultur, Medien aus männlicher, meist heteronormativer Perspektive. Hier jedenfalls stylen gleich zu Beginn zwei Männer eine Frau um…

Da empfehle ich, dass wir uns mal komplett vom Gedanken verabschieden, ob es nun Männer oder Frauen sind, die Männer oder Frauen stylen. Das sind in erster Linie Menschen, die sich mit Liebe und Leidenschaft für ihren Job engagieren. Ich habe mir in 25 Jahren Berufserfahrung noch nie darüber Gedanken gemacht, wer mich anzieht – zumal es überwiegend Frauen waren.

Aber nur, weil es für Sie persönlich keine Rolle spielt, könnte es ja gesellschaftlich eine spielen…

Aber das ständig zu thematisieren, vertieft doch seinerseits eine Spaltung, die es eigentlich beseitigen will. Dürfen Männer jetzt keine Frauen mehr anziehen? Das ist doch lächerlich.

Das dürfen sie natürlich auch weiterhin, aber ein paar mehr sichtbare Frauen in der Branche wären vielleicht nicht nur in der männerdominierten Haute Couture gut.

Absolut, doch ich sehe die Entwicklung da sehr zuversichtlich.

Okay. Wir reden hier ja auch vom Nachmittagsprogramm, in dem große gesellschaftspolitische Fragen eher selten diskutiert werden.

Absolut. Wir brauchen auch leichte Unterhaltung, die uns emotional berührt und einfach Spaß macht.

Ein Feld, auf dem Sie sich seit Ihrem Karrierebeginn bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten 2001 bereits bewegen. Sind Sie zufrieden damit, eher in Vorabendformaten als Problemfilmen ab acht vorzukommen?

Total. Als Schauspielerin liebe ich einfach Komödien, obwohl ich auch Drama und Krimi gedreht habe. Doch die leichte Unterhaltung und Komödie liegt mir einfach und ist ein angenehmes Pendent zu meiner zweiten Existenz. Ich verbringe mittlerweile mindestens die Hälfte des Lebens mit gesellschaftskritischen Themen, engagiere mich sozial, habe verschiedene Dokus moderiert, eine Coaching-Ausbildung absolviert, zwei Bestseller geschrieben und das dritte Buch erscheint diesen Monat.

Und vieles davon hat mit ihrer Familiengeschichte als Enkelin jüdischer Holocaust-Opfer zu tun.

Auch. Ich sehe mich da zwar weder als echte Aktivistin noch Stimme der jüdischen Community an; das möchte ich schon deshalb nicht sein, weil jeder einen eigenen Blick auf die Dinge hat. Was mir aber wichtig ist, sind offene Türen und offene Herzen. Dafür betreibe ich Aufklärung über jüdische Traditionen und jüdisches Leben. Um Vorurteile abzubauen, versuche ich, die Reichweite von Social Media sinnvoll zu nutzen.

Sie sind allerdings eher kulturell als religiös praktizierende Jüdin, oder?

Nennen wir es traditionell praktizierend. Ich bin nicht streng religiös aufgewachsen, wir feiern freitags zuhause aber Shabat und auch sonst alle jüdischen Festtage. Meine Kinder hatten grad ihre Bar Mizwa, ich wurde jüdisch getraut. All so was ist mir wichtig. 

Und womöglich noch wichtiger seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 und der antisemitischen Welle, die seither über der Welt bricht?

Weil ich mir jetzt – schon aus Selbstschutz – nicht andauernd alles Leid der Welt vor Augen halte, hatte das auf meinen realen Alltag wenig spürbaren Einfluss. Obwohl es natürlich allgegenwärtig ist. Ich möchte meine Energie und Kraft auf die Dinge verwenden, auf die ich echten Einfluss habe. Meiner Meinung nach ist der Großteil der Menschen eigentlich gut. Dass die Minderheit einfach nur wahnsinnig laut ist, soll nicht mein Leben bestimmen. Ich verändere, was in meiner Macht steht, und akzeptiere, was nicht in meiner Macht steht.

Würden Sie diese Macht, besser: den Einfluss denn gern mal dazu nutzen, ihre Haltung in einer Fiktion über die Shoah zum Ausdruck zu bringen?

Total gerne. Solche Filme, generell historisch zu drehen – das reizt mich sehr und fehlt auch noch auf meiner Liste. Wenn es auf mich zukommt, würde ich diese Erfahrung auch emotional gerne mal machen.

Dann hoffen wir mal, dass ein paar Produzenten dieses Interview lesen.

Bitte!

That’s My Style, 6×45 Minuten, ab 15. Juni, 14.55 Uhr, im ZDF, ab 13. Juni, Mediathek


AppleTV+: Smoke & Feuerteufel

Katharsis im Funkenflug

In der großartigen Serie Smoke (Foto: AppleTV+) jagt die Polizei einer amerikanischen Stadt einen, womöglich gar mehrere Serienbrandstifter. Klingt nach der üblichen Feuerwehr-Stuntshow im RTL-Stil, ist aber verblüffend eigensinnig und vor allem grandios fotografiert.

Von Jan Freitag

Seit der Homo Erectus vor mindestens einer Million Jahre das Feuer zu nutzen begann, ist die Sorge des Menschen vorm Übergreifen der Flammen über alle Epochen hinweg ungebrochen. Wer ihn davor schützt, genießt daher bis heute höchstes Ansehen. Höher sogar als ähnlich angesehene Hebammen, Verfassungsrichter, Pflegekräfte. Das gilt also auch für Umberland im Nordwesten der USA. Unweit von Kanada, wo gerade mal wieder die größten Waldbrände der Geschichte wüten, sollte man sich daher nicht mit Fire Fighters anlegen, wie Feuerwehrleute im Land apodiktischer Heldenverehrung heißen.

Dass Michell Calderon (Jurnee Smollett) es dennoch tut, hat daher zwei gute Gründe: die Tatort-Expertin der Polizei von Columbia ist ebenso furcht- wie vorurteilsfrei. Und es gibt Hinweise darauf, dass eine Reihe verheerender Brandstiftungen im Distrikt des zuständigen Sonderermittlers Dave Gudson (Taron Egerton) aufs Konto von einem seiner Ex-Kollegen der örtlichen Feuerwehr gehen. Nur: davon will sie natürlich nichts hören. Von einer Frau zumal, die obendrein schwarz ist.

„Beweise sind relativ“, wirft ihr einer der 3468 Fire Fighters im Verhör entsprechend zornig an den Kopf. „Nein, Beweise sind Beweise“, schießt Michell ungerührt zurück, worauf der Befragte fragt: „Sind Ihre Beweise denn auch Beweise oder eine Agenda?“ Uniformierte, da unterscheidet sich die US-Feuerwehr kaum vom bayerischen Schützenverein, machen bei Angriffen von außen schnell dicht. Die Omertà, sie lautet: Corpsgeist. Im fiktiven Umberland vermischt er sich mit Rassismus und Misogynie zu einem Giftcocktail, den Apple TV+ gute acht Stunden ins Publikum tröpfelt. Klingt lang, lohnt sich!

Denn Smoke, wie die Verfilmung des erfolgreichen Podcast „Firebug“ über den real existierenden Feuerteufel John Leonard Orr heißt, lässt nicht nur wegen der Gefahrenlage niemanden kalt; auch die wachsende Zahl an Tatverdächtigen dehnt den Spannungsbogen. Mitte der ersten Folge etwa präsentiert uns Dennis Lehane, als Autor der horizontalen HBO-Revolution The Wire ein bisschen legendär, den desperaten Koch einer Fastfoodkette als potenziellen Brandstifter. Und im Laufe der Zeit gesellen sich dazu noch weitere. Ermittler inklusive.

Weil er das Wissen über ihre Tatbeteiligung selten künstlich verknappt, erspart uns der Showrunner jedoch die üblichen Abläufe kokelnder Who-Dunnit-Krimis. So sticht sein Neunteiler ein Stück weit heraus aus dem Einerlei der gefühlt 3468 Film- und Fernsehfiktionen mit (auch äußerlich siedend heißen) Feuerwehrleuten vom RTL-Getöse 112 – Sie retten dein Leben bis Chicago Fire oder Station 19. Zumal Kari Skogland und Joe Chapelle der Serie auch ästhetisch ein paar Alleinstellungsmerkmale hinzufügen.

Zum trübschönen Titelsong des Radiohead Thom Yorke, vollführen die beiden Regisseure eine Art visueller Meditation übers Feuer an sich. Ob Grill, Großbrand, Kippe oder Kamin: In Zeitlupen, die mal wie Kerzenlicht flackern, mal wie Präriebrände rasen, aber nie einfach nur brennen, gehen sie der exothermen Sauerstoffreaktion geradezu philosophisch auf den Grund. Schließlich sei „nicht nur ein Element“, wie der Sprecher anfangs heiser aus dem Off flüstert. „Feuer ist ein Organismus.“

Wenn der Brandstifter am Rande eines hektischen Feuerwehreinsatzes andächtig still im Funkenflug seiner Rache steht, inszenieren ihn die Filmemacher folglich wie den strafenden Gott unserer Sünden. Mitunter hart an der Grenze zum Pathos, erschafft Dennis Lehane so ein kathartisches Meisterwerk menschlicher Urängste. Wie die zwei Cops währenddessen mit den Geistern ihrer Vergangenheit ringen, mag da ebenso zum Standardrepertoire handelsüblicher Krimis zählen wie ihre Attraktivität.

Dass sich die schöne Michell bei jeder Gelegenheit auszieht, um sich im sexy Tanktop am anders gepolten Partner zu reiben, ändert aber wenig daran, was Smoke bis tief ins Tarantino-hafte Serienfinale vom Mainstream unterscheidet. „Falls dein Schwanz länger ist als meiner, könnte ich ihn abreißen“, droht die ranghöhere Polizistin gleich beim ersten Kompetenzgerangel. „Er ist nicht allzu groß“, räumt ihr Kollege für Alphatiere ungewöhnlich da ein. „Eher Durchschnitt.“ Ganz im Gegensatz zu dieser ungewöhnlichen Feuerwehrserie.

Smoke, 9×50 Minuten, seit 27. Juni bei Apple TV+