Sky: The Narrow Road to the Deep North
Posted: July 10, 2025 Filed under: 3 mittwochsporträt Leave a commentVom Erniedrigen und Ertragen
The Narrow Road to the Deep North erzählt fünf fesselnde Episoden lang von alliierten Soldaten, die in japanischer Kriegsgefangenschaft versklavt, geschlagen, gedemütigt und getötet werden. Ein furioses, philosophisches, ungeheuer eindringliches Seriendrama – trotz und wegen der drastischen Gewalt.
Von Jan Freitag
Wie unverblümt der Krieg künstlerisch dargestellt werden sollte, um weder in Voyeurismus noch Eskapismus zu verfallen, hat die Malerei von Otto Dix über de Goya bis Käthe Kollwitz mitunter eindeutig beantwortet. Das Fernsehen ist dagegen trotz aller Gewaltaffinität noch unschlüssig. Selbst Steven Spielbergs Invasionsgemetzel Saving Private Ryan hat die blutige Landung in der Normandie vor 27 Jahren nach einer knappen Stunde ja angewidert abgebrochen und als Melodram fortgesetzt.
Der australische Regisseur Justin Kurzel macht es da gewissermaßen umgekehrt. Nach Drehbüchern seines Landsmanns Shaun Grant startet er die Adaption von Richard Flanagans Tatsachenroman The Narrow Road to the Deep North in Friedenszeiten, also nicht gerade melodramatisch, aber noch relativ verblümt. Nach einer knappen Stunde allerdings geht sie derart nahtlos zum Wesenskern menschlicher Barbarei über, dass es beim Zuschauen wehtut. Nahezu pausenlos. Fünf Dreiviertelstunden lang. Und das, obwohl von der ersten bis zur 225 Minute kaum ein hörbarer Schuss fällt.
Es geht um den australischen Sanitätsoffizier Dorrigo Evans (Jacob Elordi), der sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ausgerechnet in die junge Frau seines Onkels (Simon Baker) verliebt und kurz darauf an die südostasiatische Front berufen wird. Während der Fünfteiler also vergleichsweise glimpflich, teilweise gar romantisch beginnt, gerät Dorrigos Einheit kurz darauf in Gefangenschaft des Hitler-Verbündeten Japan und wird dort gemeinsam mit Abertausenden alliierter Soldaten zum Bau der Thailand-Burma-Eisenbahn abkommandiert.
Als „Death Railway“ berüchtigt, wird im Lauf dieser eindrucksvollen Serie mit jeder Szene klarer, warum sie auch „Todesstrecke“ heißt. Weil der japanische Ehrenkodex Kriegsgefangenen nicht nur die Freiheit, sondern Achtung, Rang und Würde vorenthält, gelten Dorrigos Männer als wertlos – und werden für den Bau der Zugverbindung durch den Dschungel unbarmherzig verheizt. Während Die Brücke am Kwai, 1958 erste von mittlerweile fünf Fiktionalisierungen dieses Menschheitsverbrechens, noch eine Heldenreise aus dem Herz der Finsternis ins Licht war, gibt es hier keine Heroen. Nur Opfer.
Entsprechend dichotomisch erzählt Curio Pictures in Kooperation mit Amazon MGM und Sony Pictures Television dieses bestialische Stück Geschichte. Unterm zerkratzten Cello von Komponist Jed Kurzel, hält Kameramann Sam Chiplin unerbittlich drauf, wenn die Aufseher ihre Arbeitssklaven weit über den Rand der Belastbarkeit hinaus schinden. Minutenlang wohnen wir einer Beinamputation ohne Narkose bei. Es gibt Enthauptungen in Nahaufnahme. Szene für Szene skelettierter, erdulden die Häftlinge Demütigungen jenseits des Zumutbaren. Es wäre kaum zu ertragen, würden Kurzel und Grant die Grausamkeit nicht in ein Vorher und Nachher einbetten.
Sie erzählen die Story nämlich aus Sicht des greisen Dorrigo – intensiv verkörpert von Ciaran Hinds, den Fans als Widerstandskämpfer Mance Rayder aus „Game of Thrones“ kennen. Ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende hat der renommierte Chirurg ein Buch über sein Martyrium geschrieben, wofür er widerwillig Werbung machen soll. In einer zweiten Perspektive bereitet sich sein junges Ich auf den Einsatz in Südostasien vor. Und die dreifachen Zeitsprünge sorgen dafür, tief ins Seelenleben vom Krieg und seiner Akteure – Täter wie Opfer, Beteiligte oder Außenstehende – zu blicken.
Es sind Individuen, die zugleich inner- und außerhalb ihrer Systeme agieren. Soldaten wie Rabbit (William Lodder) zum Beispiel, der selbst ab tiefsten Abgrund seinen Optimismus bewahrt und doch hineinstürzt. Heimgebliebene wie Dorrigos Geliebte Amy (Odessa Young), die in Rückblicken emanzipierter wirkt als ihre Zeit. Offiziere wie Colonel Kota (Taki Abe), der sich zwischen Empathie und Pflichterfüllung stets für letzteres entscheidet und darüber philosophische Debatten mit dem ranghöchsten Offizier führt.
Dieses hierarchische Rededuell weit unter Augenhöhe zeigt, was The Narrow Road to the Deep North kennzeichnet: der völlig unsentimentale, am Ende aber auch deshalb leidenschaftliche Umgang mit allem, was sich rings um den Krieg und seine Konsequenzen abspielt. Genau deshalb geht die Serie über Schlachtengemälde wie The Pacific hinaus, womit Tom Hanks und Steven Spielberg die Mechanik des Krieges am selben Schauplatz erkundet haben. Hier geht es um die Machtmechanismen dahinter und was sie mit Überlebenden anstellen. Oft ein Leben lang anstellen.
Was ihm aus seiner Leidenszeit beim Bau der Bahnlinie am meisten in Erinnerung geblieben sei, will eine Reporterin 1989 vom alten Dorrigo wissen. „Die seltsame, schreckliche Unvergänglichkeit des Menschen“, antwortet er nüchtern. Das bringt sein Leben ebenso auf den Punkt wie die Serie. Schon merkwürdig, was unsere Spezies ihresgleichen zuzufügen fähig ist. Und fast noch merkwürdiger, wie wir es mitunter ertragen. Beides hochkonzentriert in der besten Kriegserzählung seit langem.
The Narrow Road to the Deep North, 5 x 45 Minuten, bei Sky und Wow